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Handbuch
der
Physiologischen Optik
von
H von Helmholtz.
Dritte Auflage
ergänzt und herausgegeben in Gemeinschaft mit
Prof. Dr. A. Gullstrand und Prof. Dr. J. von Kries
Upsala Freiburg
von
Professor Dr. W. Nagel
Rostock
Erster Band
Mit 146 Abbildungen im Text
Einleitung herausgegeben von Prof. Dr. W, Nagel
Die Dioptrik des Auges herausgegeben von Prof. Dr. A. Gullstrand
13:15,
Hamburg und Leipzig
Verlag von Leopold Voss
1909.
357546 L|4
Druck von Metzger & Wittig in Leipzig
Vorwort zur ersten Auflage.
Die erste Abteilung des vorliegenden Handbuches ist schon im Jahre 1856
erschienen, die zweite 1860, die dritte teils Anfang, teils Ende 1866. Die lange
Verzögerung der Herausgabe des letzten Teils war teils durch äußere Gründe,
zweimaligen Wechsel des Wohnortes und Wirkungskreises, sich zwischendrängende
andere wissenschaftliche Arbeiten, teils durch innere Gründe veranlaßt. Die
Lehre von den Gesichtswahrnehmungen ist gerade im Laufe der letzten Jahre
sehr vielfältig bearbeitet worden, und hat eben angefangen ihren reichen Inhalt
und das tiefgreifende Interesse, was sie besitzt, zu entfalten. Es könnte billiger-
weise auch jetzt noch einem Zweifel unterliegen, ob es schon möglich ist, mit
einiger Aussicht auf Erfolg einen, wenn auch nur vorläufigen, Abschluß eines
so jungen und gleichsam noch gürenden Zweiges der Wissenschaft geben zu
wollen, wie es doch der allgemeine Plan dieses Buches und der Enzyklopädie,
zu der es gehört, erfordert. Andererseits ist bei der eigentümlichen Natur dieses
Gebiets ein schneller Fortschritt zu einer endgültigen Beantwortung der noch
offenen Fragen nicht gerade zu erwarten. Teils ist dasselbe eng verflochten
mit den schwierigsten psychologischen Problemen, teils ist die Zahl der Be-
obachter gering, die es fördern können, da immer eine lange Übung in der
Beobachtung subjektiver Erscheinungen und in Beherrschung der Augen-
bewegungen vorhergehen muß, ehe man auch nur sieht, was die Vorgänger
schon gesehen haben, und mancher, ‚der diese Übungen nicht vorsichtig genug
anstellt, schon dann genötigt ist, eine sorgfältige Schonung seiner Augen ein-
treten zu lassen. Dazu kommt, daß gerade hier, wo psychische Prozesse ein-
greifen, auch der Spielraum der individuellen Abweichungen viel größer zu sein
scheint, als in anderen Gebieten der Physiologie.
Dennoch mußte am Ende der Versuch gemacht werden, Ordnung und Zu-
sammenhang in dieses Gebiet hineinzubringen und es von den auffälligen Wider-
sprüchen zu befreien, die sich bis jetzt durch dasselbe hinzogen. Ich habe dies
getan in der Überzeugung, daß Ordnung und Zusammenhang, selbst wenn sie
auf ein unhaltbares Prinzip gegründet sein sollten, besser sind als Widersprüche
und Zusammenhanglosigkeit. Ich habe deshalb das Prinzip der empiristischen
Theorie, wie ich es im 26. und 33. Paragraphen auseinandergesetzt habe, und
von dem ich mich immer mehr überzeugt habe, je länger ich arbeitete, daß es
das einzige ist, welches ohne Widersprüche durch das Labyrinth der gegenwärtig
bekannten Tatsachen hindurchführt, zum Leitfaden genommen. Es sind mir
auf diesem Wege schon andere Forscher vorangegangen, deren Arbeiten, viel-
leicht wegen einer der materialistischen Neigung der Zeit entsprechenden Vor-
liebe zu unmittelbar mechanischen Erklärungen, im ganzen nicht den Beifall
at
iv Vorwort zur ersten Auflage.
gefunden haben, den sie wohl verdient hätten. Der Grund davon kann darin
gelegen haben, daß diese meine Vorgänger immer nur einzelne Kapitel der
Lehre von den Gesichtswahrnehmungen bearbeitet haben, und hier eigentlich
nur der Zusammenhang des Ganzen der Ansicht, in welcher er gewonnen wird,
überzeugende Kraft verschafen kann. Ich habe mich deshalb bemüht, diesen
Zusammenhang vollständig zu entwickeln.
Den Übelständen, welche durch die Verzögerung der Herausgabe des
Ganzen für die ersten beiden Abteilungen entstanden sind, habe ich dadurch
abzuhelfen gesucht, daß ich in einem Nachtrage die neuere Literatur zusammen-
gestellt und kurz wenigstens die wichtigsten der seit Herausgabe jener Ab-
teilungen neu gefundenen Tatsachen besprochen habe, Glücklicherweise befindet
sich unter diesen keine, welche eine wesentliche Veränderung der aufgestellten
Schlüsse und Ansichten bedingt hätte,
Was die literarischen Übersichten betrifft, die nach dem Plane der Enzy-
klopädie verlangt wurden, so habe ich sie so gut gegeben, als ich bei den mir
zu Gebot stehenden Hilfsmitteln konnte. Die neuere Literatur wird ziemlich
vollständig sein; die ältere habe ich vielfach aus sekundären Quellen zusammen-
tragen müssen und kann für ihre Genauigkeit keine Garantie übernehmen.
Die Ausarbeitung einer wirklich zuverlässigen Geschichte der physiologischen
Optik würde eine Arbeit sein, die die Zeit und Kraft eines Forschers für lange
Jahre in Anspruch nähme, und das entsprechende Interesse würde sie doch
erst haben, wenn der Zustand der Wissenschaft selbst ein reiferer wäre, als er
jetzt ist.
Mein Hauptstreben bei der Ausarbeitung des vorliegenden Buches ist es
gewesen, mich durch eigenen Augenschein und eigene Erfahrung von der Richtig-
keit aller nur einigermaßen wichtigen Tatsachen zu überzeugen. Die Methoden
der Beobachtung habe ich stets in derjenigen Ausführungsweise beschrieben,
welche mir die zuverlüssigste zu sein schien, und wo dieselben von der Methode
des Entdeckers abweichen, bitte ich darin nicht eine unmotivierte Sucht nach
Neuerungen zu sehen.
Mögen sachverständige Richter die Schwierigkeit und Weitläufigkeit der
Aufgabe, die zu lösen war, berücksichtigen, wo sie das ihnen hier übergebene
Buch zu tadeln finden sollten.
Heidelberg, im Dezember 1866.
H, Helmholtz.
Vorwort zur dritten Auflage.
Die erste Auflage des Handbuchs der physiologischen Optik von HERMANN
von Hermnontz, die im Jahre 1866 erschien, ist seit langem vergriffen und
auch die zweite Auflage vom ‚Jahre 1885 ist bereits aus dem Buchhandel
verschwunden. Die Nachfrage nach dem Werk hat nicht aufgehört und wird
noch lange nicht aufhören, denn es gibt keine Neuschöpfung, die uns das
Hermnonwtzsche Werk ersetzen könnte. Die umfassende Fülle des Inhalts zu-
sammen mit der in ihrer klaren Einfachheit so glänzenden Darstellung stempeln
die „Physiologische Optik“ zu einem wahrhaft klassischen Werk, das seinen :
Wert auch dann behält, wenn neue Forschungen in dem einen oder dem andren
Punkte zu Anschauungen führen, die von den Hermmoutzschen abweichen.
Ein solches Werk der wissenschaftlichen Welt und dem Buchhandel zu
erhalten, ist nicht nur durch Pietät und historisches Interesse, sondern auch
durch praktische Bedürfnisse im höchsten Maße geboten. So habe ich die
Mitteilung der Verlagsbuchhandlung, daß sie eine Neuausgabe wünsche und die
Aufforderung, eine solche zu übernehmen, mit Freude begrüßt, wenn auch
freilich die großen Schwierigkeiten dieses Unternehmens von vornherein keinen
Augenblick übersehen werden konnten.
Mit der Herstellung eines bloßen unveränderten Abdruckes des HELM-
nourzschen Textes (sei es der ersten, sei es der zweiten Auflage) konnten wir
uns nicht befreunden. Selbstverständlich wäre ein noch für lange Zeiten wert-
volles und nützliches Buch auch auf diese Weise entstanden. Allein bei der
Fülle und Bedeutung des neuen Forschungsmaterials versteht es sich, daß
der Hinweis auf dieses überall schmerzlich vermißt worden wäre, und daß der
Wert des ganzen Werkes wesentlich gesteigert werden konnte, wenn den Fort-
schritten der Wissenschaft in geeigneter Weise Rechnung getragen wurde.
Erschien eine solche Neubearbeitung an Stelle eines bloßen Neudrucks
ausführbar, so konnte m, E. auch nur sie als das weit befriedigendere in
Frage kommen. Allerdings mußte ich mir sogleich sagen, daß die sachgemäße
Bearbeitung des ganzen Werkes vermutlich die Kräfte eines einzelnen, jeden-
falls aber die meinigen, überschreiten werde. Diese Schwierigkeit durfte ich
als in erwünschter Weise erledigt betrachten, nachdem Herr Professor Gunt-
STRAND die Bearbeitung der Dioptrik des Auges, Herr Professor v. Kres die-
jenige der Gesichtswahrnehmungen übernommen hatte, so daß ich mich, ab-
gesehen von wesentlich technischen Aufgaben, auf die Bearbeitung des zweiten
Abschnitts, die Gesichtsempfindungen, beschränken konnte.
Die Hauptschwierigkeit lag, wie selbstverständlich, in der Wahl des
Bearbeitungsmodus, und es war von vornherein klar, daß wir nicht hoffen
vi Vorwort zur dritten Auflage.
konnten, allen Wünschen gerecht zu werden. Die Beratungen der Herausgeber
untereinander, sowie mit dem Herrn Verleger und Frau ELLEN von SIEMENS
geb. v. Hrımnornsz, als Vertreterin der Rechtsnachfolger des Autors, haben
jedoch auch in dieser Frage bald zu einer Klärung und zu einem bestimmten
Ergebnis geführt. Wir waren übereinstimmend der Überzeugung, daß eine
völlige Neubearbeitung, die unter freier Benutzung des Heınnorrzschen Textes
ein ganz neues Werk herzustellen hätte, nicht in Frage kommen konnte.
Allerdings wäre so und .nur so ein einheitliches, formell abgerundetes und
somit in jeder Weise leicht benutzbares Werk zu schaffen gewesen. Es wäre
dabei aber das, was Hermnourz geschrieben hat, mit der Darstellung des
Bearbeiters vollkommen zusammengearbeitet und verschmolzen, daher auch
völlig unerkennbar und untrennbar geworden. Ob später einmal eine Be-
arbeitung dieser Art angezeigt erscheinen wird, darüber mögen zukünftige
Zeiten entscheiden. Gegenwärtig — darin stimmten wir überein — ist der
Zeitpunkt dafür noch nicht gekommen; noch ist die Bedeutung dessen, was
Hrtanotarz schrieb, zu groß, als daß es zulässig erscheinen könnte, seine
Darstellung in der eines Bearbeiters aufgehen und verschwinden zu lassen;
noch ist es geboten, gerade die Art, wie HeLrmmowrz die Tatsachen und die
Probleme der physiologischen Optik ansah, der allgemeinen Kenntnisnahme
zugänglich zu halten.
Aus diesen Überlegungen ergab sich also die Notwendigkeit, den HELM-
noutzschen Text unverändert zum Abdruck zu bringen und die Bearbeitung
auf die Form von Hinzufügungen zu beschränken, unter Aufopferung voller
Einheitlichkeit des Werkes. Dieser unvermeidliche Übelstand wird sich natur-
gemäß um so weniger störend bemerkbar machen, je mehr sich die neu hinzu-
zufügenden Abschnitte im Einklang mit den von Hrummontz geiußerten An-
schauungen und Überlegungen befinden, je mehr sie sich also als ein Weiter-
bauen auf der Basis der Hrtamotrzschen Anschauungen darstellen. In den
einzelnen Abschnitten liegen hier die Umstände verschieden. In den theoretisch
am meisten umstrittenen Gebieten der Physiologie der Gesichtsempfindungen
wie der Gesichtswahrnehmungen lagen nach der Überzeugung der Herausgeber
die Verhältnisse insofern günstig, als selbst da, wo eine beträchtliche Weiter-
entwicklung der wissenschaftlichen Forschung gegen die Entstehungszeit der
ersten Auflage der „physiologischen Optik“ zu verzeichnen ist, diese Entwicklung
keinerlei gegensätzliches Verhältnis zu den Lehren von Hrtanotaz in sich
schließt. Gerade darin, daß wir in diesen Fragen von denselben grundsütz-
lichen Anschauungen ausgehen zu müssen glauben, die HrLmuonız sich gebildet
hatte, liegt das wesentlich bestimmende Moment für unsern Entschluß, dıe Be-
arbeitung zu übernehmen. Wie die Dinge hier für die einzelnen Abschnitte
sich gestalten, darauf wird sogleich noch zurückzukommen sein.
Nachdem durch diese Erwägungen die Entscheidung für einen Neu-
druck des Hermnowtzschen Textes mit Zusätzen gegeben war, erhob sich die
Frage, ob der Text der ersten oder der zweiten Auflage zu wählen sei. All-
gemeiner Übung nach hätte das letztere als selbstverständlich erscheinen können.
Denn mit welchem Rechte konnte der Herausgeber sich anmaßen, irgendwelche
vom Autor selbst vorgenommenen Änderungen, Ergänzungen usw. wieder zu
beseitigen? Wenn wir uns trotz dieser naheliegenden Erwägung entschlossen
haben, den Text der ersten Auflage wieder abzudrucken, so haben uns dabei
besondere Gründe geleitet. Erstlich war die ganze unvergüngliche Bedeutung,
Vorwort zur dritten Auflage. VII
die HreLmnortz für die Physiologie des Sehorgans besitzt, die Heranziehung
und Ausbildung feinster physikalischer Methoden, die sorgfältigste Beobachtung
der Empfindungen und aller sich an sie knüpfenden psychischen Erscheinungen,
die mathematische Durcharbeitung und die philosophisch kritische Erörterung
doch im wesentlichen an die erste Auflage geknüpft, Sie ist das klassische
Buch, von dem wir eine neue Ära der Sinnesphysiologie datieren dürfen.
Es kommt indessen noch ein anderer Grund hinzu, der uns bestimmte,
den Text der ersten Auflage zu bevorzugen. Besondere Umstände haben
es mit sich gebracht, daß die Änderungen und Zusätze der zweiten Auf-
lage gegenwärtig in erheblich höherem Maße als der Inhalt der ersten
überholt zu nennen sind. Dies liegt nicht etwa daran, daß HELMHOLTZ, als
er mit der zweiten Auflage beschäftigt war, durch seine mannigfaltigen
anderen Arbeiten abgezogen, für die physiologische Optik nicht mehr das
volle Maß von Arbeitskraft, Interesse, oder gar Verständnis gehabt hätte. Im
Gegenteil waren gerade damals auf seine Veranlassung und unter seiner
Mitwirkung die wichtigen Untersuchungen A. Könıss begonnen worden, denen
er das lebhafteste Interesse entgegenbrachte. Allein gerade diese Untersuchungen
hatten von einem neu eröffneten Gebiete doch nur einen Teil kennen gelehrt;
spätere Weiterführung und Vervollständigung hat ihre Ergebnisse z. T. in einem
anderen Lichte erscheinen lassen und eine abweichende Deutung wahrscheinlich
gemacht. So war denn, wie wir jetzt wohl sagen dürfen, wegen der Unfertig-
keit dieser Untersuchungen gerade der Anfang der 90er Jahre für eine neue
Auflage ein besonders ungünstiger Zeitpunkt; und so kommt es andererseits,
daß eine gegenwärtige Bearbeitung im allgemeinen leichter und besser an die
in der ersten Auflage gelegten Fundamente, als an die in der zweiten ver-
suchten Weiterführungen anknüpfen kann. Allerdings gilt das Gesagte nur von
einem Teil der physiologischen’Optik; aber es gilt gerade von dem, in welchem
überhaupt die zweite Auflage die beträchtlichsten Änderungen gegenüber der
ersten aufweist.
So haben wir uns denn für einen genauen Wiederabdruck der ersten
Auflage entschieden (unter Einfügung der von HrıLmuonız selbst dieser Auflage
beigegebenen Nachträge), Bezüglich der von den einzelnen Bearbeitern zu
liefernden Zusätze erschien es uns richtig, je nach ihrer besonderen Art eine
weitgehende Freiheit in formaler Beziehung zu gewähren. Ganz kurze Er-
gänzungen oder Berichtigungen sind als Fußnoten angefügt, etwas umfang-
reichere als Anhänge an die einzelnen Paragraphen. In allen drei Haupt-
abschnitten des Werkes ergab sich jedoch auch die Notwendigkeit, einzelne
Gegenstände in ausführlicherer Weise völlig frei zu bearbeiten und die so ent-
standenen Kapitel teils zwischen die Paragraphen des Hrtatnotorz schen Textes
einzuschieben, teils an dem Schlusse der Hauptabschnitte anzuhängen. In
diesen Zusatzkapiteln haben wir einige von Hrtanotorz nur kurz oder gar nicht
behandelte Gebiete der physiologischen Optik besprochen, die durch neuere
Forschungen erst erschlossen worden sind, in anderen Kapiteln kommen
neuere theoretische Erwägungen zur Darstellung.
Von einer Neubearbeitung der anatomischen Einleitung glaubte ich ab-
sehen zu sollen; zur Orientierung für den nichtspezialistisch gebildeten Leser
genügt die Hrrmuorrzsche Darstellung in ihrer musterhaft klaren Knappheit,
und eine ausführlichere, mehr in die Einzelheiten gehende Bearbeitung würde
aus dem Rahmen des Werkes herausfallen.
IL Vorwort zur dritten Auflage,
Von den drei Hauptabschnitten bot der erste, die Dioptrik des
Auges, insofern besondere Umstände, als die während der letzten Jahre
gewonnene Kenntnis der tatsächlichen Abbildungsverhältnisse in optischen
Systemen so erhebliche Abweichungen gegenüber der bisher üblichen Dar-
stellungsweise der Dioptrik mit sich gebracht hat, daß mit kleinen Zusätzen
und Änderungen zu dem Hermnorrzschen Text nicht wohl ein befriedigendes
Resultat zu erzielen war, vielmehr eine neue Darstellung großer Gebiete der
Dioptrik von den nunmehr gewonnenen Gesichtspunkten aus wünschenswert
erschien.
Wenn es sich auch nicht leugnen ließ, daß eine vollständig neue Dar-
stellung des ganzen Gebietes der Dioptrik des Auges aus dieser Ursache er-
wünscht gewesen wäre, so zeigte es sich auf der anderen Seite bald, daß eine
solche Darstellung eine unverhältnismäßige Anschwellung des betreffenden Teiles
hätte verursacht und demnach aufzugeben war. Der Bearbeiter dieses Haupt-
abschnittes ließ sich deshalb angelegen sein, hauptsächlich eine das Wesentliche
unserer Kenntnisse enthaltende Darstellung derjenigen Gebiete zu bringen, auf
welchen wichtige Fortschritte gemacht worden sind, und diese Darstellung dem
in der mathematischen Analyse nicht Bewanderten möglichst zugänglich zu
machen. An dem hierbei zum ersten Mal als ein Ganzes in Umrissen hervor-
tretenden Lehrgebäude durften die unbekannt gebliebenen Gesetze der optischen
Abbildung in Medien mit variablem Brechungsindex nicht fehlen, umsoweniger,
als dieselben teils zur Berechnung eines den nunmehr bekannten Tatsachen
entsprechenden schematischen Auges unumgänglich sind, teils aber auch Licht
werfen auf die Versuche, die Hermuortzsche Theorie der Akkommodation
durch eine andere zu ersetzen, und als ohnehin diese Versuche ebensowie die
von anderen Autoren gebrachten neuen Stützen der Hermnourzschen Theorie
zu würdigen waren. S
In dem Gebiete der Gesichtsempfindungen galt es vor allen Dingen,
Stellung zu der Frage zu nehmen, ob die Vorstellungen, die sich HrıLmnoutz
über den Aufbau und die Funktionsweise unseres farbenempfindenden Apparates
gebildet hatte, auch für die in den letzten vier Jahrzehnten gemachten neuen
Beobachtungen noch eine hinreichende Erklärung zu bieten vermöchten und,
wenn nicht, ob sie etwa ganz zu verlassen seien oder endlich, ob uns die
Einführung neuer ergünzender Hypothesen nennenswerten Gewinn bringe.
Der Herausgeber steht in dieser Frage auf dem Standpunkte, daß keinerlei
Anlaß vorliegt, in der Farbentheorie die Grundanschauungen, die Heumnuontz
vertrat, preiszugeben; wohl reicht die Lehre von der Gliederung des farben-
empfindenden Apparates nach drei Komponenten nicht mehr aus, um alle
bekannten Tatsachen des Farbensehens in befriedigender Weise zu erklären,
In der Lehre von der Duplizität der Netzhautfunktion ist uns indessen der
Weg gegeben, die Erscheinungen verständlich zu machen, bei deren Betrach-
tung die Theorie der Netzhautfunktion in der ursprünglichen HeıLmnoutzschen
Fassung versagte. Da die Duplizitätstheorie in ihrer Begründung wesentlich
an die Verschiedenheiten des Sehens bei starkem und bei schwachem Licht
und die sogenannte Adaptation des Auges anknüpft, mußte zunächst diesem
Gegenstande ein besonderes Kapitel gewidmet werden, in dem die Abhängig-
keit des Lichtsinnes und des Farbensinnes vom Adaptationszustand des Auges
behandelt wurde. In einem zweiten Kapitel waren die Fortschritte zu würdigen,
welche die Methodik der messenden Untersuchungen über die Farbenempfind-
Vorwort zur dritten Auflage. IX
lichkeit des Auges in den letzten Jahrzehnten gemacht hat (Spektrophotometrie,
heterochrome Helligkeitsvergleichung, Peripheriewerte, Flimmerwerte u. a. m.).
Das dritte Hauptkapitel behandelt die Farbensinnsstörungen in ihrer Be-
deutung für die Farbentheorie.
Was die Gesichtswahrnehmungen anlangt, so wird ihre Auffassung und
Darstellung wohl noch für lange Zeit von Überzeugungen abhängen, die durch
ein subjektives der Diskussion schwer zugängliches Ermessen bestimmt werden,
da es sich hier um eine Reihe von Punkten handelt, die weder dem Experiment
noch der direkten Beobachtung zugänglich, sondern durch Erwägungen philo-
sophischer und psychologischer Natur bestimmt werden. Auch die Grundlage,
auf die HELMHOLTZ seine Lehre von den Gesichtswahrnehmungen aufbaute, den
„Empirismus“ in seinem Sinne wird, wie uns scheint, selbst derjenige, der ihm
nur in beschränktem Maße zustimmt, ja selbst derjenige, der ihm ganz ab-
lehnend gegenübersteht, als eine Auffassung bezeichnen müssen, die auch gegen-
wärtig noch möglich, ja im Grunde ebenso berechtigt, durch die nämlichen Tat-
sachen gestützt, mit den gleichen Schwierigkeiten und Bedenken behaftet ist,
wie sie es vor 40 Jahren war. Und wie es Hermmowrzs Absicht war, im
Jahre 1894 für die zweite Auflage diesen Abschnitt ohne erhebliche Änderungen
wieder abzudrucken, so darf man wohl mit Sicherheit sagen, daß auch die
seitdem bekannt gewordenen Tatsachen, wenn sie damals schon zu seiner
Kenntnis gekommen waren, an diesen seinen prinzipiellen Überzeugungen gewiß
nichts geändert haben würden. Unter diesen Umständen hätte es gerade hier
wohl zulässig erscheinen können, die Bearbeitung auf eine Anzahl rein tatsäch-
licher Hinzufügungen zu beschränken, in die Erörterung theoretischer und
prinzipieller Frage aber gar nicht einzutreten.
Indessen schon der Wunsch, für eine Reihe von Punkten den gegen-
wärtigen Stand der Frage darzulegen, dazu noch manche andere, an Ort und
Stelle zu erwähnende Gründe ließen eine solche Beschränkung doch als un-
angängig erscheinen und ergaben für den Herausgeber schließlich die Not-
wendigkeit, eine allgemeine und selbständige Bearbeitung der fundamentalen,
an die Schlagworte des Empirismus und Nativismus geknüpften Probleme zu
geben. Außer diesen ist dem dritten Abschnitte noch ein Kapitel hinzugefügt
worden, das sich mit den binokularen optischen Instrumenten beschäftigt, ein
Gegenstand, der ja ganz im Rahmen des Werkes liegt, in erheblichem Umfange
auch schon in der ursprünglichen HerLmnowrzschen Darstellung berücksichtigt
ist, für den aber die umfangreiche und praktisch so bedeutsame neuere Entwick-
lung der Konstruktionen eine ausführlichere Darstellung wünschenswert machte.
Was nun das Äußere betrifft, in dem sich die neue Auflage präsentiert,
so hat es der Herr Verleger sich angelegen sein lassen, dem Werk eine gute
Ausstattung zu geben. Es ist ein größeres Format und ein für den Leser
angenehmerer Letternsatz gewählt worden. Da auch das Papier stärker als das
der früheren Auflagen ist und der Text durch die Zusätze ganz erheblich über
den Umfang nicht nur der ersten, sondern auch der zweiten Auflage hinaus
vermehrt wurde, erwies es sich als notwendig, eine Teilung des Werkes in
drei Bünde vorzunehmen, um nicht einen allzu voluminösen Band zu bekommen.
Die Teilung in die drei Hauptabschnitte gab dafür die willkommene Grundlage.
Die in der ersten Auflage auf Tafeln enthaltenen Abbildungen haben wir, wie
es Hermuortz schon in der zweiten Auflage tat, soweit wie möglich in Text-
figuren umgewandelt.
X Vorwort zur dritten Auflage.
Das Literaturverzeichnis, das Arrnur König für die zweite Auflage ge-
liefert hat, haben wir in die neue Auflage nicht übernommen; es hätte jeden-
falls bis auf die neueste Zeit fortgesetzt werden müssen, hätte dann aber einen
Band für sich gefüllt und der große Aufwand von Zeit und Mühe hätte kaum
im richtigen Verhältnis zum Wert der Arbeit gestanden, da wir jetzt über gute
periodische Literaturberichte verfügen, besonders über den von A. Könıs be-
gründeten und speziell der Sinnesphysiologie gewidmeten in der Zeitschrift für
Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane.
Die Literaturverzeichnisse der ersten Auflage (nebst den in den Nachträgen
enthaltenen) haben wir beibehalten, da sie viele Zitate aus alter Zeit enthalten,
deren Auffindung sonst auf Schwierigkeiten stößt; in den neuen Zusätzen haben
wir die Zitate unter den Text gesetzt.
Um das Zitieren und die Vergleichung mit den beiden früheren Auflagen
zu erleichtern, sind über der einzelnen Seite die entsprechenden Seitenzahlen
der ersten Auflage angegeben, wie es auch in der zweiten Auflage geschah.
In den Zusatzabschnitten, die von den Bearbeitern GULLSTRAND, v. Krızs und
Nasen herrühren, ist dies dadurch zum Ausdruck gebracht, daß an Stelle der
Seitenzahlen aus der ersten Auflage ein G., K. oder N. angebracht ist. In
gleicher Weise sind die von Bearbeitern herrührenden Anmerkungen unter dem
Text gekennzeichnet.
Ein Bild von H. v. Hrtanotorz wird dem nächsterscheinenden Bande bei-
gegeben werden.
Rostock, im September 1909.
W. Nagel,
A-
I-
8.
Inhaltsverzeichnis.
Anatomische Beschreibung des Auges.
Formen des Sehorgans im allgemeinen
Sehnenhaut und Hornhaut `,
Messungen der Dimensionen des Augapfels und der Hornhautkrümmung.
Beschreibung des Ophthalmometers 6—12.
Die Uvea. ER E e 0 e, EE ET pa
Die Iris der Linse anliegend. Methode, ihre Entfernung von der Hornhaut
zu messen 15—20. Nachtrag von Heısuortz (aus d, 1. Aufl.) 20—21.
Die Netzhaut ; RE E EE
Ihre Struktur, Messungen ihrer Elemente 22—25. Nachtrag von Hrtanourz
(aus d. 1. Aufl.) 25—28
Die Kristallinse
Wäßrige Feuchtigkeit und Glaskörper . . » x 2: 2 vn 20.
Befestigung der Linse 81—32.
D
Umgebung des Auges . ;
Augenmuskeln 33: Augenlider, Kee 34.
Physiologische Optik.
Einteilung des Gegenstandes . . . . . r A EA T
Allgemeine physikalische Eigenschaften des Lichts 35.
Seite
22
80
85
Kä
IR
=
§ 10.
812.
§ 18.
§ 15.
Inhaltsverzeichnis.
Erster Abschnitt.
Die Dioptrik des Auges.
Gesetze der Brechung in Systemen kugeliger Flächen e
Brechungsgesetz 43—44. Brechung an kugeligen Flächen 44—46. Eigen-
schaften der Kardinalpunkte 47—49. Mathematische Theorie der Brechung an
einer Kugelfliäche 49—57. Die Theoreme von Gauss für die Brechung in
zentrierten Systemen von Kugelflächen 58—68. Anwendung auf Linsen 69—72,
Brechung der Strahlen im Auge . e GE, EE E
Das Netzhautbildchen 73—74. Das Gesichtsfeld 74—75. Die Kardinal-
punkte des Auges 75. Schematisches und reduziertes Auge 76—77, Brechung
in der Hornhaut 78—80; in der Kristallinse 80—84. Methoden zur Messung
der Brechungsverhältnisse 84—88; zur Bestimmung der optischen Konstanten
der isolierten Kristallinse 88—90; zur Bestimmung ihrer Lage im lebenden
Auge 91—92; Disküssion der Genauigkeit in der Bestimmung der Kardinal-
punkte 93—96. Geschichte 96—100. Nachtrag von Hermnowrz (aus d. 1. Aufl.)
100—101.
Zerstreuungsbilder auf der Netzhaut . Le ES EN AE
Begriff der Akkommodation 101—104; Souemwers Versuch 104—107. Ver-
schiedenheit der Sehweiten 108. Berechnung der Größe der Zerstreuungskreise
und Visieren 109—111. Optometer 111—114. Refraktion, Ametropien, Akkom-
modationsbreite (Nachtrag von Hermnorrz aus d. 1. Aufl.) 114—120.
Mechanismus der Akkommodation e E ORT ARE TEA
Die Veränderungen der Iris 120—121; der Linsenreflexe 121—123; Mecha-
nismus derselben 124—127; schematisches Auge fernschend und nahsehend
127—128; Messungen der Änderungen 129—131; Ansatz der Iris und des Ciliar-
muskels 182—183; verschiedene Theorien der Akkommodation 183—141. Nach-
trag von Hegrmuowrz (aus d. 1. Aufl.) 143—146.
Von der Farbenzerstreuung im Auge 7 RE AE
Sehweiten in verschiedenen Farben 146-148; farbige Rinder der Zer-
streuungskreise 148—151; die Dispersion im reduzierten Auge berechnet 151—152;
Berechnung der Helligkeit der Zerstreuungskreise, welche fehlerhafte Akkom-
modation und Farbenzerstreuung geben 158—158. Zusatz von A. GULLSTRAND
(chromatische Vergrößerungsdifferenx) 158-160.
Monochromatische Abweichungen (Astigmatismus) . Be
Strahlenförmige Zerstreuungskreise 161—164; Verschiedenheit der Sehweite
für verschiedene Meridiane '164—166; Theorie für ellipsoidische Form der
Hornhaut 165—167; Diffraktion des Lichts im Auge 167—168; Messungen an
individuellen Augen und Geschichte 168—171. Nachtrag von Hermnorrtz
(aus d. 1. Aufl.) 172—174.
Die entoptischen Erscheinungen . ae I he rb `
Beobachtungsweise 175—177; feste Objekte 177—179; fliegende Mücken
179—182; Netzhautgefäße 182—187; Theorie der entoptischen Parallaxe 187— 188;
Bestimmung der lichtempfindlichen Schicht mittels der Gefüßfigur und Ge-
schichte 188—190. Nachtrag von Hermuorrz (aus d. 1. Aufl.) 191—192. Zusatz
von A. GuULLSTRAND (farbige Ringe um Lichtquellen) 192—194.
Seite
43
713
101
120
146
160
175
Inhaltsverzeichnis.
§$ 16. Das Augenleuchten und der Augenspiegel ; s
Bedingungen des Augenleuchtens 194—197; EREN Theorie des
Augenspiegels 197—214; Formen der Augenspiegel 214—219; Beobachtungen
mit denselben 219—221. Geschichte 221—228. Nachtrag von Hermnorrz (aus
d. 1. Aufl.) 223—225. Zusatz von A. Gurısrrann (Photographie des Augen-
hintergrundes) 225.
Zusätze von A. Gullstrand.
J. Die optische Abbildung
Die Entwicklung der Lehre von der optischen Abbildung 226—229; die all-
gemeine Konstitution eines Strahlenbündels 230—231; Grundgesetse der all-
gemeinen optischen Abbildung 232—235; die optische Abbildung in Umdrehungs-
systemen 235; reduzierte Konrergenx und Brechkraft 239; Zusammensetzung von
zwei und drei Systemen 244—246; Anwendung der Abbildungsgesetxe 248—250;
die Abbildungsgesetxe zweiter und höherer Ordnung, Aberration 250—258.
II, Brechung der Strahlen im Auge, Abbildungsgesetze erster Ordnung
1. Die Hornhaut.
Die vordere Hornhautfläche. Ophthalmometrie 259—270; optische Achse und
Visierlinie 270—272; die optische Zone der Hornhaut, physiologischer Astig-
matismus 272—276; Berechnung der Hornhautform aus den Ophthalmometer-
messungen 276—279. Der Brechungsindev und die Dicke der Hornhaut
279—282; Radius der hinteren Hornhautfläche 282—284; Konstanten des
Hornhautsystems 285.
2. Die Linse eh ét rue ae Le ee er RN E
Ort der Linsenflächen 286—288; Krümmung derselben 288—290; die
Linsensubstanx als heterogenes Medium 290—292; allgemeine Form der
Indizialgleichung der Linse 292—294; Brechungsindices, Brechkraft 294—297 ;
Konstanten der Indixialgleichung und des Linsensysiems 298—299.
3. Das brechende System des Auges
Schematisches Auge in Akkommodationsruhe 300—302; vereinfachtes
schematisches Auge 303; Dexentration des Auges 303—305. Peripherische
Abbildung 305—306.
III. Die Refraktion . E a a än aller EN A
Begriff der Refraktion 306—308; Emmetropie und Ametropien 308; Haupt-
punkt- und Fokalpunkı-Winkel 309; Vergrößerung durch optische Instrumente
309—313; die verschiedenen Maße der Sehschärfe 313; Grüße der Zerstreuungs-
kreise 317; Einfluß der Diffraktion am Pupillenrande 319—320; die physio-
logische Refraktion 320; Akkommodationsbreite 322; Anomalien der Refraktion
323—826.
XIT
Seite
194
226
259
259
286
299
306
XIV Inhaltsverzeichnis.
Seite
IV. Der Mechanismus der Akkommodation . . 2 2 2 2 nun... 8827
Äußere Veränderungen der Linse bei der Akkommodation 327—328; Indixial-
gleichung der akkommodierenden Linse 329—330; intrakapsulärer Akkommo-
dationsmechanismus 331—333; schematisches akkommodierendes Auge 334—335;
extrakapsulärer Akkommodationsmechanismus, Pupillenverengerung 386—339;
akkommodative Dexentration der Linse 339—341; Dynamik der Ciliarmuskel-
kontraktion 342— 347. Wesen des Akkommodationsmechanismus 347—349; mani-
feste und latente Oiliarmuskelkontraktion 349; Tschernings Theorie 350—353.
V. Die monochromatischen Aberrationen des Auges .. .. . . . . 858
Asymmetrie des Auges 354—357; die Aberration des Auges und die exakte
Konstitution des gebrochenen Strahlenbündels 357—374; Auflösungsrermögen des
Auges 374—376.
Verzeichnis einiger Abkürzungen,
welche in den Zitaten des Hermuontzschen Textes gebraucht sind.
Der Band des betreffenden Workos ist jedesmal mit römischer Ziffer, die Seite mit arabischer bezeichnet; wo
eine Zeitschrift mehrere Serien von Bänden umfaßt, Ist die arabische Nummer der Serie, eingeklammert (. . +»),
w
EE
der römischen Zahl des Bandes vorausgesetzt worden,
Bericht über die zur Bekanntmachung geeigneten Verhandlungen der Königl. Preuß.
Akademie der Wissenschaften zu Berlin. — Berl. Monatsber.
Abhandlungen der mathemathisch- physikalischen Klasse der Königl, Bayr. Akademie
der Wissenschaften, — Abh, d. Münch. Ak.
Abhandlungen der Königl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. — Abh. d.
Kön. Ges, zu Göttingen.
Göttingische gelehrte Anzeigen unter Aufsicht der Königl. Gesellschaft der Wissen-
schaften. — Götting. gel. Anz.
Abhandlungen der Leipziger Akademie. — Abh. d. Süchs. Ges. d. Wiss.
Berichte der Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig. — Leipz. Ber.
Annalen der Physik und Chemie, herausgegeben von G. Pocaexporrr. — Pogg. Ann.
Journal für reine und angewandte Mathematik, herausgegeben von A. L, OrerLe., —
Dn J.
Notizen aus dem Gebiete der Natur- und Heilkunde, herausgegeben von Frorızr und
Sounzipen. — Fror. Not.
Polytechnisches Journal, herausgegeben von J. OG. Dixarer und E. M. Doum, —
Dingler's pol. J.
Archives des sciences physiques et naturelles par vr LA Rive, Marıanao et Pıorer. —
Arch. d se, ph. et nat, oder Arch. de Gextvr.
Philosophical transactions of the Royal Society of London. — Phil. Trans.
Transactions of the Royal Society of Edinburgh. — Edinb. Trans.
Proceedings of the .... meeting of the British Association. — Rep. of Brit. Assoc.
The London, Edinburgh and Dublin philosophical Magaxine and Journal of seience,
conducted by Brewster, Tayıon, Puris, Kane. — Phil. Mag.
The Edinburgh new philosophical Journal, cond. by R. Jaseson. — Eding. J.
The American Journal of science and arts, cond. by Sıuuman, B. Sınuıman and Dana. —
Sillim. J.
Mémoires présentés à D Académie Royale de Bruxelles. — Mém. de Brux.
Bulletin de l'Académie Royale des sciences et belles lettres de Bruxelles. — Bull. de
Brux,
Comptes rendus hebdomadaires des séances de l'Académie des Sciences de Paris. — O. R.
L'Institut, journal universel des sciences et des sociétés savantes en France et à l'étranger.
— Inst.
Mémoires de l'Académie des Sciences à Paris. — Mém. de Paris.
Mémoires des savants étrangers, présentés à l'Académie des Seiences à Paris. — Mém.
d. Sav. étr.
Annales de chimie el de physique par. MM. Gav-Lussac, Araco, GnevrevL, Domas,
Perouze, Boussinaaunt et Reanauın. — Ann. de ch. et de ph.
XVI
86.
8T.
Verzeichnis einiger Abkürzungen.
Bullelin de la societé d'encouragement pour l'industrie nationale. — Bull, de la Soe,
dene,
Bulletin de la classe physico-mathömatique de l'Académie impériale des Sciences de St.
Petersbourg. — Bull. de St. Pet.
Mémoires préséntes à l'Académie imperinle de St. Pelersbourg. — Mém. de Petersb.
Archiv für Ophthalmologie, herausgegeben von F. Arrr, F. C. Doxvers und A. v. Graere.
— Arch. f. Ophthalm.
Sitzungsberichte der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften. Mathematisch-naturwissen-
schaftliche Klasse. — Wien. Ber.
Cosmos, revue encyclopédique hebdomadaire des progrès des Sciences, redigde par Moıano.
Paris, — Cosmos.
Archiv für die holländischen Beiträge zur Natur- und Heilkunde, herausgegeben von
F. C. Doxpens und W. Berw. — Arch. für d. holl. Beitr.
Nederlandsch Archief voor Gences- en Natuurkunde, uitgegeven door F, C. Doxpers
en W. Koster. — Nederl. Arch,
.... Jaarlijksch Verslag betrekkelijk de verpleging en het onderwijs in het Neder-
landsch Gasthuis voor Ooglijders. — Jaarl. Versl, in het Nederl. Gasth.
Hexıe und Preureer Zeitschrift für rationelle Medizin. — Hexue u. Preurrer Zeitschr,
oder Zeitschr. f. rat. Med.
Archiv für Anatomie, Physiologie und wissenschaftliche Medizin, herausgegeben früher
von J. Mëtten, jetzt von ©. B. Reıcnerr und E. pu Bois-Reyuoso. — J. MÜLLERS
Archiv oder Reıcnerr und np Bois Archiv,
Jahresbericht des physikalischen Vereins zu Frankfurt a. M. — Jahresber. d. Frankf.
Ver.
Alhenaeum, journal of litterature, science and the fine arts. — Athen.
Anatomische Beschreibung des Auges.
$ 1. Formen des Sehorgans im allgemeinen.
Die Augen der Tiere unterscheiden:
Entweder nur Hell und Dunkel. Dies ist wahrscheinlich bei den sogenannten
Augenpunkten der niedersten Tierformen (Ringelwürmer, Eingeweidewürmer,
Seesterne, Seeigel, Quallen, Infusionstierchen) der Fall. Ein lichtempfindender
Nerv, dessen peripherisches Ende dem Lichte zugänglich unter durchsichtigen
Decken liegt, genügt zu diesem Zwecke. Das peripherische Ende des Nerven
scheint meistens von verschiedenfarbigem Pigment umgeben zu sein, und ver-
rät sich dadurch dem Beobachter. Doch wissen wir durchaus noch nicht, ob
alle pigmentierten sogenannten Augenpunkte der niederen Tierformen wirk-
lich zur Lichtempfindung dienen. Andererseits müssen wir aus der Empfind-
lichkeit, welche niedere Tiere ohne Augenpunkte für das Licht zeigen,
schließen, daß auch lichtempfindende Nerven in durchsichtigen Tieren ohne
Pigment vorkommen, die nur der Beobachter in keiner Weise als solche
erkennen kann.
Oder die Augen unterscheiden nicht bloß Hell und Dunkel, sondern auch Ge-
stalten. Um das zu können, muß Licht, welches von gesonderten leuchtenden
Punkten ausgeht, gesondert, d. h. mittels verschiedener Nervenfasern wahr-
genommen werden. Es darf dann nicht mehr jede einzelne Nervenfaser von
allen Seiten des Raums her Licht empfangen, sondern nur von einem be-
schränkten Teile des Raums. ‚Jeder einzelnen Nervenfaser entspricht dann
ein gewisses Gesichtsfeld, und es wird in der Wahrnehmung unterschieden
werden können, in welchen dieser elementaren Gesichtsfelder leuchtende Körper
liegen, in welchen nicht. Je kleiner jedes einzelne Gesichtsfeld ist und je
größer ihre Gesamtzahl, desto kleinere Teile der uns umgebenden Körper
können unterschieden werden, bis bei der höchsten Vollendung des Gesichts-
organs die einzelnen elementaren Gesichtsfelder gegen das Gesamtgesichts-
feld verschwindend klein werden. Für ein solches Organ können wir die
Bedingung des deutlichen Sehens so aussprechen: Licht, welches von einem
leuchtenden Punkte der Außenwelt kommt, darf nur auf einen Punkt der
lichtempfindenden Nervenmasse (Netzhaut) fallen.
V. Heımuortz, Physiologische Optik. 8. Aufl. I 1
2 Anatomische Beschreibung des Auges. [2. 3.
Die Scheidung des Lichts, welches von verschiedenen Seiten des Raums
kommt, geschieht
entweder durch trichterförmig gestellte, undurchsichtige Scheidewände (zu-
sammengesetzte Augen der Wirbellosen),
oder durch Brechung des Lichts an gekrümmten brechenden Flächen (einfache
Augen der Wirbellosen und Augen der Wirbeltiere).
Die Trennung der Augen, welche nur Licht und Dunkel, und derer, welche
auch Gestalten wahrnehmen, ist keine scharfe, Schon bei den niedersten Tier-
formen bewirken die Pigmentscheiden der lichtempfindenden Nervenfasern, daß
Licht nur von der freien Seite auf das Ende der Faser fallen kann, und mit Hilfe
von Bewegungen seines Körpers wird ein Tier mit solchen Augenpunkten schon
ermitteln können, von welcher Seite das meiste Licht kommt, ebenso wie der
Mensch durch sein Hautgefühl die Richtung einstrahlender Wärme wahrnimmt,
oder ein Kranker mit vollständig getrübter Kristallinse den Ort der Fenster eines
Zimmers ermittelt. In dieser Beziehung haben die Pigmentscheiden der Augen-
punkte offenbar einen sehr wesentlichen Nutzen. Wo, wie bei den Blutegeln
und Planarien, vor der Nervensubstanz noch ein durchsichtiger kugeliger oder
kegelförmiger Körper liegt, können schon verschiedene Teile der Netzhaut von
dem aus verschiedenen Richtungen einfallenden Lichte verschieden stark getroffen
werden. Von diesen findet ein allmählicher Fortschritt der Ausbildung statt durch
die einfachen Augen der ÜUrustaceen, Arachniden und Insekten, welche meist
hinter der Hornhaut noch eine Linse und einen Glaskörper unterscheiden lassen,
zu denen der Mollusken und namentlich der Kephalopoden, welche letzteren
denen der Wirbeltiere schon sehr ähnlich sehen. Da die mikroskopischen
Elemente der tierischen Gewebe, namentlich auch die des Nervensystems, in
allen Klassen ziemlich gleiche Größe besitzen, und die Genauigkeit des Sehens
wesentlich zusammenhängt mit der Menge einzelner empfindender Elemente, die
Zahl dieser aber nahehin proportional sein muß der hinteren Oberfläche des
Glaskörpers der einfachen Augen, so ist im allgemeinen wohl anzunehmen, daß
die Genauigkeit des Sehens dieser Augen ihren linearen Dimensionen direkt
proportional ist.
Zusammengesetzte Augen kommen ber Urustaceen vor, wo sie sich oft noch
wie ein Aggregat kegelförmig verlängerter einfacher Augen verhalten. Am meisten
entwickelt sind sie bei den Insekten. Ihre äußere Oberfläche ist kugelförmig,
und nimmt oft mehr als die Hälfte, selbst zwei Drittel einer Kugelfläche ein.
Im Zentrum der Kugel liegt eine kolbige Anschwellung des Sehnerven, von
welcher aus radial nach allen Seiten Fasern gegen die kegelfürmigen und ebenfalls
radial gestellten Glaskörper hin auslaufen. Die Basis dieser Glaskörper ist gegen
die Hornhaut gewendet, welche in der Regel jedem Kegel entsprechend äußerlich
eine ziemlich ebene sechs- oder viereckige Facette darbietet, nach innen aber
oft linsenförmige Vorsprünge macht. Die einzelnen durchsichtigen Kegel sind
durch trichterförmige Pigmentscheiden, in denen sie stecken, voneinander ge-
trennt. Ich gebe hier die Abbildung (Fig. 1) einer Anzahl solcher Kegel aus
dem Auge eines Nachtschmetterlings nach Jon. MürLter!, Es sind mit a die
Facetten der Hornhaut bezeichnet, mit b die durchsichtigen Kegel, mit e die
Sehnervenfasern, mit d das Pigment zwischen ihnen.
` Zur vergleichenden Physiologie des Gesichtssinnes. Leipzig 1826. 5.849. Taf. VII, Fig.5.
al $1. Formen des Sehorgans im allgemeinen.
3
Wenn zu jedem Kegel sich nur eine Nervenfaser begibt, würde das Ge-
sichtsfeld nur in so viel Teile zerfallen, als Kegel da sind. Doch hat Gorrsoms t+
neuerdings nachgewiesen, daB an den inneren Enden der Kegel ein optisches
Bild der vor dem Auge liegenden Gegen-
stünde entworfen wird, so daß auch in jedem
Kegel noch eine Sonderung einzelner Eindrücke
stattfinden könnte, wenn mehrere empfindende
Nervenelemente da wären. Sollte in jedem
Kegel nur ein solches vorhanden sein, so würde
die Brechung des Lichts doch dadurch noch nütz-
lich sein, daß das der Achse des Kegels parallel
einfallende Licht auf das Ende der Nervenfaser
RN
Fig. 1.
konzentriert und das von anderen benachbarten Punkten des Gesichtsfeldes
kommende besser davon abgehalten wird, als es die Scheidewände allein tun würden.
Vom Auge des Menschen habe ich in Fig. 2 einen horizontalen Querdurch-
schnitt abgebildet in fünfmaliger Vergrößerung; das Auge der Wirbeltiere ist
Fig. 2.
dem menschlichen im wesentlichen ähnlich gebaut. Diese Augen schließen
folgende durchsichtige Teile ein:
1l. die wässrige Feuchtigkeit in der vorderen Augenkammer B.
2. die Kristallinse A.
3. den Glaskörper ©.
—-
TJ. Mürsers Archiv für Anat. u. Physiol. 1852. 8. 488.
A | Anatomische Beschreibung des Auges. [3. +.
Umschlossen sind diese Teile von drei ineinander liegenden Systemen von
Häuten.
1. System der Netzhaut i und Zonula Zinnii e, schließt zunächst den
Glaskörper ein und heftet sich vorn an die Linse A.
2. System der Uvea, besteht aus der durch einen stärkeren schwarzen
Strich angedeuteten Aderhaut (Chorioidea) g, dem Ciliarkörper A und der
Regenbogenhaut (is b. Es umschließt das vorige System mit der Linse
und hat nur an der vorderen Seite vor der Linse eine Öffnung, die Pupille.
3. Die feste Kapsel des Augapfels, welche in ihrem größeren hinteren
Teile aus der undurchsichtigen weißen Sehnenhaut (Selerotica) und in dem
kleineren vorderen aus der durchsichtigen knorpeligen Hornhaut (Cornea) ge-
bildet wird. Am lebenden Auge sieht man zwischen den Augenlidern den vorderen
Teil der Sehnenhaut (das Weiße) und hinter der durchsichtigen und hervor-
springenden Hornhaut die braun- oder blaugefärbte ringförmige Iris, in deren
Mitte die Pupille.
Eine Linie, welche durch den Mittelpunkt der Hornhaut und durch den
Mittelpunkt des ganzen Auges geht, nennt man die Achse des Auges, weil
das Auge wenigstens annähernd einem Rotationskörper mit dieser Achse ent-
spricht. Eine darauf senkrechte Ebene, welche durch die größte Weite des
Augapfels geht, nennt man dagegen Äquatorialebene.
Ich werde im folgenden eine Beschreibung der einzelnen Teile des Auges
geben, dabei aber natürlich nur so weit in Einzelheiten gehen, als es für das
Verständnis der Funktionen des Auges notwendig ist.
Für die vergleichende Anatomie und Physiologie des Sehorgans sind die Hauptwerke:
J. Mürrer, Zur Physiologie des Gesichtssinnes. Leipzig 1826. 8. 8315.
R. Waoxer, Lehrbuch der vergleichenden Anatomie, 1885.
J. Mürver, Handbuch der Physiologie des Menschen. Coblenz 1840. Bd. II, S. 305.
R. Waoxer, Lehrbuch der speziellen Physiologie. 1843. S. 388.
v. Sıssoro und Brasse, Lehrbuch der vergleichenden Anatomie. Berlin 1848.
Benomanx und Levoxart, Anatomisch-physiologische Übersicht des Tierreichs. Stuttgart 1852,
Als allgemeine Lehrbücher für den Bau des menschlichen Auges:
Tu. Sönmering, Abbildungen des menschlichen Auges. Frankfurt a. M. 1801. — Latei-
nisch ebenda,
C. F. Tu. Krause, Handbuch der menschlichen Anatomie. Hannover 1842, Bd. I, T. II.
8. 511—551. — Die ältere Literatur der Anatomie des Auges ebenda. S. 783—145.
E. Brücke, Anatomische Beschreibung des menschlichen Augapfels. Berlin 1847.
W. Bowmax, Lectures on the parts concerned in the operations on the eye and on the structure
of the retina and the vilreous humour. London 1849,
A. Kären, Mikroskopische Anatomie oder Gewebelehre des Menschen. Leipzig 1854.
Ba II, S. 605. — Neuere Literatur ebenda. S. 734— 736,
Dusanvın, Remarques sur certaines dispositions de l'appareil de la vision chex les insectes.
GR XLII, 941. Inst. 1856, 194.
$ 2. Sehnenhaut und Hornhaut.
Die Sehnenhaut des Auges (oxAnoor, tunica albuginea, sclerotica, dura,
harte Haut) umschließt den größeren Teil des Augapfels, bedingt seine Ge-
stalt und schützt ihn vor äußeren Einwirkungen. Ihre äußere Form weicht
merklich von der einer Kugel ab; ihre hintere Seite ist nämlich abgeplattet, und
im Äquator wird sie oben und unten, rechts und links durch den Druck der
geraden Augenmuskeln etwas eingedrückt, während sie sich zwischen diesen
4.5.) S 3. Sehnenhaut und Hornhaut. 5
Stellen stärker hervorwölbt. Der größte Durchmesser liegt bei den meisten In-
dividuen von der Nasenseite und oben nach der Schläfenseite und unten. Vom
nimmt die Sehnenhaut die stärker gewölbte Hornhaut in sich auf, hinten und
etwas nach der Nase herüber ist sie durchbohrt, um den Sehnerven (Nervus
opticus) Fig. 2 d eintreten zu lassen, und geht hier in dessen sehnigen Über-
zug über. Die Sehnenhaut ist hinten und vorn dicker als in dem Äquator des
Auges, wie dies die Figur zeigt. Die vordere Verdickung wird dadurch bedingt,
daß die Sehnen der Augenmuskeln sich an die Sehnenhaut anlegen und mit ihr
verschmelzen. Bei m ist der Ansatzpunkt des inneren, bei n der des äußeren
geraden Augenmuskels,.
Das Gewebe der Sehnenhaut ist Sehnengewebe; es ist weiß, wenig durch-
scheinend, biegsam, fast unausdehnbar. Seiner chemischen Beschaffenheit nach
gehört es zu den leimgebenden Stoffen. Mikroskopisch besteht es aus einem
äußerst dichten und straffen Geflechte von Bindegewebsfasern, welche meist der
Oberfläche parallel verlaufen, und daher eine unvollkommene Spaltbarkeit der
Haut in Lamellen zulassen. Dazwischen liegt, wie in anderen Sehnen, ein Netz-
werk äußerst feiner elastischer Fasern, welche an den Stellen, wo sich ursprüng-
lich ihre Bildungszellen befanden, Verdickungen mit Kernrudimenten zeigen.
Die Hornhaut ist vorn in die Sehnenhaut eingesetzt, und hat im allgemeinen
die Form eines starkgekrümmten Uhrglases. Ihre vordere Fläche schließt sich
ziemlich nahe einem Abschnitte eines Rotationsellipsoides an, welches um seine
längere Achse gedreht ist. Das Ende dieser Achse liegt in dem Mittelpunkte
der Hornhaut. Die Form der hinteren Fläche ist nicht sicher bekannt. Bei Er-
wachsenen ist die Hornhaut in der Mitte etwas dünner als am Rande.
Die Hornhaut besteht aus folgenden Schichten von außen nach innen:
1. Ein Epithelium, aus geschichteten platten Zellen von Hornsubstanz ge-
bildet (Pflasterepithelium), in der Figur angedeutet durch die gebrochene Linie ff.
Es setzt sich auf die Bindehaut der Augenlider fort. Die vordere Fläche dieses
Epitheliums wird durch die fortdauernd zufließende Tränenfeuchtigkeit feucht
und glatt erhalten.
2. Die faserige Schicht der Hornhaut (Substantia propria corneae) ist
die mächtigste von allen, in der Figur weiß gelassen. Sie gehört nach ihrer
chemischen Zusammensetzung den Knorpeln an, indem sie beim Kochen Chondrin
gibt. Sie besteht aus einem ähnlichen Gewebe von Fasern wie die Sehnenhaut,
nur sind die Fasern zu platten Bündeln vereinigt, deren Fläche der Oberfläche
der Hornhaut parallel läuft, daher auch die Hornhaut sich unvollkommen in
Schichten trennen läßt. Beim Erwachsenen enthält die Hornhaut keine blut-
führenden Gefäße, wohl aber zwischen den Faserbündeln ein System verästelter
kernhaltiger Zellen, wie sie als unentwickeltes elastisches Gewebe in manchen
bindegewebigen Organen sich finden, und vielleicht unterhalten diese den zur
Ernährung der Hornhaut nötigen Austausch von Flüssigkeiten durch die Substanz.
hin. Die Substanz der Hornhaut erscheint bei der gewöhnlichen Beleuchtung
vollkommen durchsichtig. Konzentriert man aber viel Licht durch eine Sammel-
linse auf einen Punkt der Hornhaut, so erscheint sie trüb, indem nun das von
den Grenzflächen ihrer mikroskopischen Elemente zurückgeworfene Licht reich-
lich genug wird, um wahrgenommen zu werden.
3. Die Descemersche Haut (Wasserhaut, glasartige Lamelle der
Hornhaut, auch Membrana Demoursii) ist eine strukturlose, durchsichtige,
brüchige Membran von 0,007 mm bis 0,015 mm Dicke. Wenn man sie von der
6 Anatomische Beschreibung des Auges. [5. 6.
Hornhaut trennt, rollt sie sich auf. Sie schließt sich durch ihre Resistenz gegen
kochendes Wasser, Säuren und Alkalien dem elastischen Gewebe an. Auf ihrer
der wässrigen Feuchtigkeit zugewendeten Fläche trägt sie eine Schicht großer
polygonaler Epithelialzellen, welche durch die punktierte Linie auf der inneren
Seite der Hornhaut angedeutet ist.
Die Grenzfläche zwischen Hornhaut und Sehnenhaut ist nicht senkrecht
gegen die Oberfläche des Augapfels, sondern außen ‚greift
die Sehnenhaut, innen die Hornhaut weiter über. Auf
der inneren Fläche ist die Grenze der Hornhaut ein
ziemlich regelmäßiger Kreis, von außen erscheint die
Hornhaut dagegen queroval, weil oben und unten die
Sehnenhaut etwas mehr übergreift, als an den Seiten.
Die Fasern der Hornhaut gehen an dieser Grenze un-
mittelbar in die der Sehnenhaut über.
Eigentümlich verhält sich dagegen die Desckmersche
Haut an der Grenze der Hornhaut. In Fig. 3 ist ein
Querschnitt dieser Gegend dargestellt. Darin ist S die
Sehnenhaut, © die Hornhaut, e ihr äußeres Epithelium,
welches auf die Bindehaut D übergeht, d die Desoermersche
Haut. Von f ab entspringt zwischen dieser und der
Substanz der Hornhaut ein Netzwerk elastischer Fasern,
während die Descemersche Haut selbst mit einem zu-
geschärften Rande zu enden scheint. Indem sich die
Schicht elastischer Fasern von der Sehnenhaut trennt,
Fig.8. . und weiter hinten sich an eine Lamelle a derselben
ansetzt, entsteht hier an der Grenze zwischen Sehnen-
haut und Hornhaut ein ringförmiger Kanal, der Scuuemmsche Kanal. Nach
außen ist derselbe von der Sehnenhaut begrenzt, seine innere Wand besteht
dagegen vorn aus elastischem Gewebe, hinten aus Sehnengewebe. An dieser
inneren Wand sind die muskulösen Teile der Uvea befestigt. Der genannte
Kanal scheint Blut zu führen,
Die Messungen der Dimensionen des Auges sind für die physiologische Optik
von der größten Wichtigkeit, aber meist mit vielen Schwierigkeiten verbunden, weil
die Gestalt des ganzen Augapfels und seiner einzelnen Teile einmal bei verschiedenen
Augen außerordentlich verschieden ist, und zweitens nach dem Tode den mannig-
fachsten Veränderungen unterliegt. Die individuellen Verschiedenheiten sind so groß,
daß man Mittelwerte aus Beobachtungen verschiedener Augen nur mit großer Vor-
sicht anwenden darf. Wo es auf genaue und sichere Resultate ankommt, müssen
alle wichtigeren Größen durchaus an demselben Auge gemessen sein,
Was zunächst die äußere Form des Augapfels anlangt, so hängt dieselbe vom
Druck der Flüssigkeiten ab, die er einschließt. Unmittelbar nach dem Tode entleert
sich ein großer Teil seiner Blutgefüße, wobei sich der Druck natürlich verringert;
dann vermindert sich allmählich die innere Flüssigkeitsmenge auf endosmotischem
Wege noch mehr, so daß der Augapfel schlaf! wird, und die Häüute, namentlich die
Hornhaut, sich falten. Messungen über die Form des Augapfels müssen daher ent-
weder an sehr frischen Augen angestellt werden, oder man muß, wie Brücke, den
Druck künstlich wiederherstellen, indem man durch den Sehnerven eine Kanüle ein-
stößt und diese mit einer senkrechten, eine Wassersäule von etwa 0,4 m enthalten-
! E, Brücke, Anat. Beschreibung des menschl. Augapfels. Berlin 1847. 8. 4.
6.7.) 52. Sehnenhaut und Hornhaut. 7
den Röhre in Verbindung bringt. Diese Methode genügt, um die verschiedenen Durch-
messer des Augapfels zu messen. Aber für eines der wichtigsten optischen Elemente
des Auges, die Hornhautkrümmung, genügt es nicht, den Druck nur annähernd her-
zustellen. Der Krümmungsradius des Scheitels der Hornhaut wird, wie ich durch
eine unten beschriebene Messungsmethode gefunden habe, desto größer, je größer der
Druck. Der Grund hiervon ist wohl darin zu suchen, daß eine membranöse Hülle,
welche Flüssigkeit umschließt, sich desto mehr der Form einer Kugel nähern muß,
je größer der Druck der Flüssigkeit ist, weil die Kugel unter den Körpern mit gleich
großer Oberfläche das größte Volumen hat. Wenn dies beim Auge eintritt, wird
namentlich die einspringende Rinne zwischen Hornhaut und Sehnenhaut herausgedrängt
werden müssen, und dadurch die Hornhaut weniger gewölbt werden.
Unter diesen Umständen ist es offenbar ein wesentliches Bedürfnis, daß so viel
als möglich alle wichtigeren Größenverhältnisse des Augapfels an lebenden Augen be-
stimmt werden.
Die ülteren Messungen des Auges sind meist nur mit dem Zirkel ausgeführt.
0. Krauss, welcher ein sehr ausgedehntes System von Messungen ausgeführt hat, hat
die äußeren Dimensionen des Auges mit dem Zirkel abgemessen, dann hat er die
Augen, nachdem er sich die Schnittlinie vorher bezeichnet hatte, halbiert, und zwar
Hornhaut, Iris und Linse durch einen Schnitt des Rasiermessers, die Sehnenhaut mit
der Schere, die Hälften dann in ein Schälchen voll Eiweißlösung gelegt, so daß die
Schnittflüche sich dicht unter der Oberfläche der Flüssigkeit befand. So maß er die
Dimensionen des Querschnitts teils mit dem Zirkel, teils mit einem gegitterten Glas-
mikrometer im Okulare eines schwach vergrößernden Mikroskops, teils mit einem
quadratischen Drahtnetze, welches auf die Oberfläche der Flüssigkeit gelegt wurde.
Er hatte vielfach Gelegenheit, sehr frische Augen anzuwenden; bei diesen können die
äußeren Messungen der Sclerotica als hinreichend zuverlässig angesehen werden, die
Wölbung der Hornhaut, deren Größe vom Drucke der Flüssigkeiten abhängt, ist aber
wohl an den durchschnittenen Augen beträchtlich verändert gewesen.
Ich gebe hier Krauses Tafel für die Form von 8 Augüpfeln. Es ist Nr. I von
einem 30jührigen ertrunkenen Manne, Nr. II das rechte Auge eines 60 jährigen Mannes,
durch einen Schnitt in den Hals getötet, Nr. III und IV das linke und rechte Auge
eines 40 jährigen Mannes, erhängt, Nr. V und VI das linke und rechte Auge eines
29jährigen, Nr. VII und VIII dieselben eines 21jährigen Mannes, die beiden letzten
mit dem Schwerte hingerichtet. Die Maße sind in Pariser Linien* angegeben.
| Ir "oa | Durchmesser
Nr, trans- | senkrechter | diagonaler :
f re / | oBer | kleiner
äußere innere äußerer | innerer | äußerer | innerer
L | 109 9,85 109.1’ T 709 11,25 | 10,8
D | 11,05 10,0 | | 10,8 94 | 111 | 108 11,05
m. | 10,7 9,8 10,7 | 105 ss Lu | 108 10,6
IV. | 10,5 9,5 | 10,6 | 10,8 95 | 109 | 101 | 107
V. | 108 9,55 10,9 | 1055 | 96 11,8 | 10,85 11
VL | 108 9,55 120% tere EE 11,8 102 | 111
VII. | 10,65 9,4 10,75 108 | 9,45 105 | 96 | 10%
VII. | 1065 | 9,45 10,75 108 | 915 | 108 | 925. | 107
Brücke hat Messungen an Augen angestellt, welche durch einen Wasserdruck
von 4 Dezimeter gespannt waren, und gibt an, daß die Achse des Augapfels zwischen
23 und 26 mm betrage, der größte horizontale Durchmesser zwischen 22,8 und 26 mm,
der größte vertikale zwischen 21.5 und 25 mm.
—
* 1 Pariser Linie = 2,2558 mm. N.
8 Anatomische Beschreibung des Auges. [7. 8.
C. Krause vergleicht die innere Wölbung der Sclerotica mit der Fläche eines
Rotationsellipsoides; die Achsen, welche er berechnet hat, und seine Angaben über die
Dicke der Hornhaut und Sclerotica an verschiedenen Stellen führe ich hier noch an.
Dicke der Sehnenhaut Halbe Achsen den | Dicke
in der am El ipsoi es der der
Br. Augen- | Ä ` vorderen inneren Wölbung Hornhaut
achse erg | Bande große | kleine | Mitte | Rand `
LI 055 | 0,45 | 0,85 5,12 | 445 | O4 | 05
Hl 05 | 085 505 | 415 085 | 05
DL 1 op | 04 0,85 512 | 4,28 oA
VLI 05 JI 04 0,8 5,07 4,41 04 | 0,45
y. | 065 0,4 0,3 5,14 4,58 0,5 0,55
VI. | 0,65 0,5 0,3 505 | 4,48 0,48 0,55
| I. | 0,55 0,5 04 | 505 | 441 0,58 0,68
VII. 0,6 0,5 0,4 | 498 | 419 0,5 0,62
Die Messungen von 0. Krause über die Form der Hornhaut übergehe ich hier, weil
deren Methode für ein so wichtiges Element nicht zuverlässig genug erscheint. Ich be-
merke nur, daß er die vordere Wölbung der Hornhaut für eine Kugelfläche, die hintere
für den Scheitel eines Rotationsparaboloides erklärt. Betreffs der Dicke fand ich an einigen
Hornhäuten, die ich untersuchte, daß die Dicke in den mittleren zwei Vierteln des Quer-
schnitts fast konstant war, und erst gegen den Rand hin schnell zunahm, so daß in
der Mitte die Krümmungskreise der beiden Flächen nahe konzentrisch zu sein scheinen.
KonurauscH hat an lebenden Augen den Krümmungsradius der Hornhaut dadurch
zu messen gesucht, daß er die Größe der Spiegelbilder auf der Hornhaut bestimmte.
Der, dessen Auge untersucht werden sollte, saß auf einem sehr massiven Stuhle mit
hoher Lehne. Sein Kopf wurde durch eine besondere Vorrichtung gehalten, wodurch
es ihm leicht wurde, vollkommen ruhig zu sitzen. Er fixiert einen kleinen weißen
Punkt, der auf dem Mittelpunkte des Objektivs eines auf 2 bis 3 Fuß Entfernung zu
gebrauchenden Krruerschen Fernrohrs angebracht ist. Das Fernrohr ist auf das Auge
gerichtet, und zwar so, daß der besagte weiße Punkt in derselben Horizontalebene mit
dem Mittelpunkte der Hornhaut liegt. In dem Brennpunkte des Okulars sind zwei Spinn-
füden parallel gespannt, welche, ohne ihren Parallelismus zu verlieren, durch Schrauben-
bewegung einander genühert werden können. Auf jeder Seite, wieder in derselben Hori-
zontalebene, steht ein Licht, dessen Schein durch eine runde Öffnung in einem kleinen
Schirme auf das Auge füllt und von diesem reflektiert wird, so daß im Fernrohre zwei
kleine Bilder der leuchtenden Punkte erscheinen. Nachdem die Spinnfäden auf diese
genau gerichtet sind, wird an die Stelle des Auges ein wohlgeteilter Maßstab gebracht,
und auf diesem die Entfernung der spiegelnden Stellen der Hornhaut abgelesen. Aus
dieser Entfernung, aus dem Abstande des Auges von den Öffnungen in den Lichtschirmen
und dem Mittelpunkte des Objektivs, und endlich aus der Entfernung der letztgenannten
Punkte voneinander wurde der Radius der Hornhaut annäüherungsweise berechnet.
Kontrausch fand aus Messungen an 12 Augen im Mittel 3,495 Par. Lin. (7,87 mm),
als kleinsten Wert 3,35, als größten 3,62, und berechnet den wahrscheinlichen Fehler
der einzelnen Bestimmungen auf 0,02.
Sexrr hat nach einer ähnlichen, aber nicht genauer beschriebenen Methode nicht
bloß die Krümmungshalbmesser, sondern auch die Elliptizität der Hornhaut bestimmt
und gibt folgende Resultate an:
| Große Achse | Kleine An e
im Scheitel | Exzentrizität | i
Rechtes Auge. Vertikal | 7,796 | 0,1758 | 9,452 8,583 | 3,60
Rechtes Auge. Horizontal 7,794 | 0,2581 10,435 9,019 | 2,99
Linkes Auge. Vertikal | 7,146 0,4492 11,243 8,844 | 1,6°
8.9.) § 2. Sehnenhaut und Hornhaut. 9
Den Winkel & nennt Sexrr den Winkel zwischen dem Scheitel der Ellipse und
dem Endpunkte der Augenachse. Jener liegt von diesem in den vertikalen Durch-
schnitten nach unten, in dem horizontalen nach außen. Wahrscheinlich versteht Sexrr
hier unter Augenachse dasselbe, was wir später als Gesichtslinie definieren werden.
Die größte Schwierigkeit bei diesen Messungen ist die, das Auge und den Kopf
des Untersuchten gehörig zu befestigen. Bei einer jeden Messungsmethode der Bilder,
wobei man erst abzulesen hat, mit welchem Teilstriche der gewählten Skale der eine
Rand des Hornhautbildes, und dann, mit welchem der andere zusammentrifit, wird
jede kleinste Verschiebung des Kopfes zwischen den beiden Ablesungen zur Größe des
Bildes addiert oder davon subtrahiert werden. Ich habe deshalb ein Meßinstrument
konstruiert, welches diese und andere Messungen am Auge genau auszuführen erlaubt,
ungestört durch die kleinen Schwankungen’ des Kopfes, und es eben deshalb Oph-
thalmometer genannt, obgleich es auch zu einer großen Menge anderer Messungen,
namentlich zu Messungen optischer Bilder mit Vorteil anzuwenden ist. Wenn wir
durch eine planparallele Glasplatte, die wir schräg gegen die Gesichtslinie halten, nach
einem Gegenstande blicken, sehen wir diesen in seiner natürlichen Größe, aber um
ein wenig seitlich verschoben, und diese Verschiebung ist desto größer, je kleiner der
Winkel zwischen den Lichtstrahlen und den Flächen der Platte wird. Das Ophthalmo-
meter ist im wesentlichen ein Fernrohr, zum Sehen auf kurze Distanzen eingerichtet,
vor dessen Objektivglase nebeneinander zwei Glasplatten stehen, so daß die eine Hälfte
des Objektivglases
durch die eine, die an-
dere durch die andere
Platte sieht. Stehen
beide Platten in einer
gegen die Achse des
Fernrohrs senkrechten
Ebene, so erscheint nur
ein Bild des betrach-
teten Objekts, dreht
man aber beide Platten
ein wenig und zwar
nach entgegengesetzten
Seiten, so teilt sich
das einfache Bild in
zwei Doppelbilder,
deren Entfernung desto
größer wird, je größer
der Drehungswinkel
der Glasplatten. Diese
EntfernungderDoppel-
bilder aber kann aus
den Winkeln, welche
die Platten mit der
Achse des Fernrohrs
machen, berechnet Fig. 4.
werden. Stellt man
die beiden Doppelbilder einer zu messenden Linie so aufeinander ein, daß sie sich
gerade mit ihren Enden berühren, so ist die Länge der Linie gleich der Entfernung
ihrer beiden Doppelbilder voneinander und wie diese zu berechnen.
„„ Pas Instrument selbst ist in Fig. 4 in einer vertikalen Ansicht gezeichnet, in
Fig. 5 in einem horizontalen Durchschnitte, in halber natürlicher Größe, Der vier-
eckige Kasten B, B, B, B,, welcher die ablenkenden Glasplatten enthält, ist am vorderen
10 Anatomische Beschreibung des Auges. In,
Ende des Fernrohrs A befestigt. In Fig. 4 ist die vordere Wand des Kastens weg-
genommen, und außerdem sind alle Teile der unteren Hälfte in der Mittelebene durch-
schnitten gedacht. Die Grundlage des Kastens bildet ein starker viereckiger Rahmen,
den man in Fig. 4 rings um den Kasten laufen sieht; an diesen sind dünne Messing-
platten als Wände befestigt, wie namentlich in Fig. 5 sichtbar ist. In der Mitte der
horizontalen Teile des Rahmens sind konische Durchbohrungen vorhanden, in denen die
Drehungsachsen O C der beiden Gläser laufen,
Jede der Achsen trügt außerhalb des Kastens
eine Scheibe d, deren zylindrischer Umfang
in Winkelgrade geteilt ist; bei o ist ein
Nonius angebracht, mittels dessen Zehnteile
eines Grades abgelesen werden können. Inner-
halb des Kastens trügt jede Achse zunächst
ein Zahnrad ee und einen Metallrahmen g,
in welchem die Glasplatte f befestigt ist. Der
Rahmen jeder Platte hat aber nur drei Seiten,
die der anderen Glasplatte zugekehrte Seite
Fig. 5. desselben fehlt. Die beiden Glasplatten bildeten
ursprünglich eine planparallele Platte. Für
diese wurde ein vollständiger Metallrahmen gemacht und zwischen den Flächen der beiden
Zahnräder befestigt, dann die Achsen abgedreht und endlich der Rahmen in der Mitte
durchschnitten. Ebenso wurde das Glas durchschnitten, jede Hälfte in der entsprechenden
Hälfte des Rahmens befestigt. So wurde eine genau übereinstimmende Stellung der
Platten auf den beiden Achsen erreicht. Bewegt werden die Zahnräder durch die
Triebe o und c,, die an den Achsen bc, und b,c, befestigt sind. Jede dieser
Achsen trägt außerdem in ihrer Mitte einen Trieb k. "echt man den Knopf bei b,.
so wird mittels des Triebes das untere Zahnrad mit der unteren Glasplatte be-
wegt. Außerdem greift der Trieb A, in den Trieb A,, und dreht die zweite Achse b, c,
um ebensoviel in der entgegengesetzten Richtung. Infolge davon wirkt auch der Trieb 6,
auf das obere Zahnrad, und dreht dieses mit der oberen Glasplatte um einen nahe
ebenso großen Winkel wie die untere Platte. Gemessen wird die Drehung jeder Platte
mittels der außerhalb des Kastens auf die Drehungsachse aufgesetzten geteilten Scheiben.
Es ist notwendig, zwei Platten anzubringen, welche um nahe gleiche Winkel ge-
dreht werden, weil die Bilder der durch die Platten gesehenen Objekte nicht bloß
seitlich verschoben, sondern auch ein wenig genühert werden, und wenn die Näherung
für die beiden Bilder desselben Gegenstandes ungleich groß ist, man das Fernrohr
nicht gleichzeitig auf beide genau einstellen kann.
In das vordere Ende des Fernrohrs sind zwei Objektivlinsen einzusetzen, E und /,
Die achromatische Doppellinse Æ allein wird gebraucht, wenn man entferntere Objekte
zu betrachten hat. Ihre bikonvexe Orownglaslinse wird wie gewöhnlich dem Objekte
zugekehrt. Will man dagegen sehr nahe Objekte betrachten, so gibt eine einzelne Linse
kein gutes Bild mehr, weil diese Linsen darauf berechnet sind, parallel einfallende Strahlen
in einen Punkt zu vereinigen. Deshalb setze ich dann eine zweite achromatische Doppel-
linse } ein, deren Crownglas der anderen zugekehrt wird. Steht dann das Objekt im
vorderen Brennpunkte dieser zweiten Linse, so macht sie die Strahlen parallel, die erste
Linse vereinigt die parallelen Strahlen in ihrem hinteren Brennpunkte. Dadurch erhält
man schärfere Bilder. Die Brennweite von % ist bei meinem Instrumente 6 Zoll, die
von 216 Zoll. Das Fernrohr ruht auf einer Säule n, in der ein Zylinder gedreht, sowie
auch auf- und abbewegt werden kann. Auf diesem ist mittels des Charniergelenks t
das Fernrohr befestigt. So kann man der Fernrohrachse beliebige Stellungen geben.
Außerdem ist auch der Kasten mit den Gläsern drehbar um das vordere Ende des Fernrohrs.
Zunächst will ich nachweisen, wie die Verschiebung der Bilder aus dem Drehungs-
winkel der Glasplatten zu finden ist.
10.) $2. Sehnenhaut und Hornhaut. 11
Es sei in Fig. 6 A, A, 4, A, eine der Glasplatten, a, c, der einfallende, c, c, der
gebrochene, c, a, der hindurchgegangene Strahl; b das erste, b,c,d, das zweite
Einfallslot. Der Einfallswinkel b, o a,, welcher dem Winkel b, c, a, gleich ist, werde
mit e, der Brechungswinkel d, o c,, welcher gleich ist mit c, c, d), mit # bezeichnet
und die Dicke der Platte mit A. Wird der Strahl a, o, rückwärts verlängert, so scheint
der leuchtende Punkt a, für ein unterhalb der Platte befindliches Auge in dieser Ver-
längerung von a,c, zu liegen. Fällt man von a, ein Lot a, f, dessen Länge wir x
nennen wollen, auf die genannte Verlängerung, so ist dies z die scheinbare seitliche
Verschiebung des leuchtenden Punktes. Es ist
æ = c 0 Sin L C 6f
h
Ae cos f
Laaf = Gei: Ld oa
=«—ß
zn DETZA
cos f
Der Winkel « wird durch das Instrument gemessen; die Dicke der Glasplatte A muß
bekannt sein, ebenso ihr Brechungsverhältnis n gegen Luft. Dann ist
sing = n- sin ĝ.
Aus dieser Gleichung ist # zu finden, und dann sind alle Stücke zur Berechnung
von æ bekannt. Benutzt man zwei drehbare Platten, wie in dem Instrumente, welches
ich beschrieben habe, geschieht, so ist die Entfernung Æ zweier beobachteten Punkte,
deren Bilder man aufeinander gestellt hat, doppelt so groß als x, also
sin (@ — f)
cos 2
Die Werte von n und A kann man, wenn andere Bestimmungen derselben fehlen,
durch Messungen, die mit dem Instrumente selbst gemacht werden, finden, indem man
mißt, um welchen Winkel man die Platten drehen
muß, um jeden Teilstrich eines genauen Maßstabes
auf den nächsten oder den je zweiten, je dritten usw.
einzustellen. Man bekommt dadurch eine Reihe zu-
sammengehöriger Werte von æ und «, aus denen
man durch ein passendes Eliminationsverfahren A und
n bestimmen kann, Will man viele Beobachtungen
machen, so ist es ratsam, sich eine Tafel von Æ* für
die ganzen Grade von 0° bis 60° zu berechnen.
Dieselbe Stellung der Doppelbilder, welche bei
einer Drehung um « Grade stattfindet, tritt auch ein
bei einer Drehung um —«, um 180—« und um
@—180 Grade. Um Fehler der Teilung und des
Parallelismus der Glasplatten zu eliminieren, ist es
ratsam, bei diesen vier Stellungen jede Messung zu
wiederholen und aus den vier gefundenen Zahlen
das Mittel zu nehmen. Fig. 6.
Einer der wichtigsten Vorteile des Ophthal-
mometers ist, daß die lineare Größe der scheinbaren Entfernung seiner Doppelbilder
unabhängig ist von dem Abstande des Objekts. Man braucht also den letzteren
nicht zu kennen, um die Messungen auszuführen.
E es 2h
* In der ersten Auflage steht statt Æ hier », ein offenbarer Schreib- oder Druckfehler. N.
12 Anatomische Beschreibung des Auges. [10. 11.
Wenn man das beschriebene Instrument zur Messung eines Hornhautbildes an-
wendet, wird man von kleinen Schwankungen des Kopfes des Beobachteten durchaus
nicht gehindert, da beide Doppelbilder immer in derselben Weise sich mitbewegen,
und ihre Stellung zueinander nicht geändert wird. Ist gleichzeitig das Objekt des
Hornhautbildes weit genug entfernt, daß die kleinen Schwankungen des Kopfes gegen
seine Entfernung verschwinden, so wird auch die Größe des Bildes nicht merklich
durch die Schwankungen verändert, und es genügt daher zur Befestigung des Kopfes,
daß man das Kinn leicht aufstützen läßt.
Als Objekt für das Hornhautbild wählt man entweder ein helles Fenster. Wenn
man die parallelen Grenzen zweier Doppelbilder einer solchen hellen Fläche im Oph-
thalmometer aufeinander einstellt, ist das Auge des Beobachters sehr empfindlich für
jedes Übereinandergreifen oder Auseinanderweichen der beiden Bilder, was sich so-
gleich durch eine weiße oder schwarze Linie zwischen den beiden gleichmäßig er-
hellten Feldern zu erkennen gibt. Oder man benutzt als Objekt einen fern genug
vom Auge aufgestellten Maßstab, und bezeichnet einen seiner Teilpunkte durch eine
kleine Lichtflamme, einen andern am besten durch zwei eben solche Flammen, die
nebeneinander stehen. Bei der Messung stellt man das eine Bild der einen Flamme
gerade mitten zwischen die der beiden anderen. Es ist diese Art der Einstellung sehr
genau auszuführen, wie schon Besser bei der Messung der Sternparallaxen mit dem
Heliometer bemerkt hat.
Die Berechnung des Krümmungsradius der Hornhaut ist sehr einfach, wenn das
gemessene Spiegelbild verhältnismäßig klein gegen den Radius ist. Es verhält sich
dann die Größe des Objekts zur Entfernung des Objekts vom Ange wie die Größe
des Bildchens zum halben Krümmungsradius, und der letztere ist aus dieser Pro-
portion zu berechnen. Auch die Elliptizität der Hornhaut kann auf diese Weise be-
stimmt werden, wenn man das Auge durch passende Verlegung seines Fixationspunktes
sich nacheinander um verschiedene bekannte Winkel nach den Seiten oder nach oben
und unten wenden läßt, und für jede solche Stellung die Größe des Spiegelbildchens
mißt. Dann findet man durch Rechnung zunüchst die verschiedene Größe der Krüm-
mungsradien an den verschiedenen spiegelnden Stellen der Hornhaut und aus diesen
wieder die Elemente des Ellipsoides, dem sich die Hornhaut nähert.
Ich gebe hier die Elemente des horizontalen Durchschnitts der Hornhaut für drei
weibliche Individuen zwischen 25 und 30 Jahren, an deren Augen ich ein System
von Messungen durchgeführt habe.
Bezeichnung des Auges 0. H. B. P: | J. H.
Krümmungsradius im Scheitel . . . . . . . . . . .| 7988 | 7646 | 8,104
Quadrat der Exzentrizitit . . . . Ge, am 6 P OAB T Te OSS 0,8087
E has min ee EE NEE LTA 10,100 | 11,711
LEBTEN re EE KAN 9,777 8,788 9,772
Winkel zwischen der großen Achse und der Gesichtslinie . 4° 19° | 6°43 1° 85’
Horizontaler Durchmesser des Umfangs b E e 11,64 | 11,64 12,092
Abstand des Scheitels von der Basis . . 2 2 2 . . .| 2560 | 2,581 2,511
Der Mittelpunkt der üußeren Fläche der Hornhaut füllt in allen drei Angen fast
genau mit dem Scheitel der Ellipse zusammen. Die Gesichtslinie liegt auf der Nasen-
seite des vorderen Endes der großen Achse des Hornhautellipsoides.
Messungen des Augapfels sind zu finden bei
1723—80. Der in Mém. de l'Acad. des sciences de Paris. 1723. p. 54. — 1725. p. 18. —
1726. p. 875. — 1728. p. 408. — 1780. p. 4.
1788. Juris, Essay upon distinct and indistinct vision. p. 141 in Ssurn's complete System
of Optics.
1739. Hersuama, Course of Lectures on Natural Philosophy. London 1739.
KEGZUkKKI
vq
11. 12.) 33. Die Uvea. 18
1740. Waixrtrixonam, Experimental Inquiry on some parts of the animal structure,
London 1740,
1801. Tu. Youxs, Philos. Transact. 1801. p. 28.
1818. D. W. Sorusering, De oculorum hominis animaliumque sectione horizontali.
Göttingen 1818. p. 79*,
1819. Brewsrer in Edinburgh Philosoph. Journal, 1819. Nr. I. p. 47.
1828. G. R. Taevıranus, Beiträge zur Anat. und Physiol. der Sinneswerkzeuge.
Bremen 1828. Heft I. S. 20%. — Hier sind auch die Resultate der älteren Beob-
achter zusammengestellt.
1882. CO. Krause, Bemerkungen über den Bau und die Dinensönen des menschlichen
Auges, in Meoxers Archiv für Anatomie und Physiol. Bd. VI. S. 86* [Beschrei-
bung der Methode und Messungen an zwei Augen]. Auszug davon in Poaaex-
borres Ann. XXXI, 5. 98",
1836. C. Krause in Pocoexporres Ann. XXXIX. S.529* [Messungen an 8 mensch-
lichen Augen].
1839. Konsrauscn über die Messung des Radius der Vorderfliche der Hornhaut am
lebenden menschlichen Auge, in Oxexs Isis. Jahrg. 1840. S. 886*,
1846, Breser in R, Waasers Handwörterbuch der Physiol. Bd. III. Abt. 1. Art.:
Sehen. 8. 271”,
1847. E. Brücke, Beschreibung des mensch), Augapfels, 8.4 u. 45*,
1854. H. Herwnowrz, in Graeres Archiv für Ophthalmologie. II. S. 8.
1855. Sarrey, Gazette médicale. Nr. 26, 27.
1857. Ant, Archiv f. Ophthalmologie. II, 2. S. 87.
1858. Nunxerey, On the organs of vision. London. p. 129.
1859. J. H. Ksarr, Die Krümmung der Hornhaut des menschlichen Auges. Habili-
tationsschrift. Heidelberg 1859. Auch: Arch. f. Ophthalm. VI, 2. S. 1—52.
1860. Meyensteis, Beschreibung eines Ophthalmometers nach Heısuortz. Poasennorrrs
Ann. CXI. S. 415—425, und Hexe u. Preurers Zeitschr. XI. S. 185—192.
1861. v. Jäger, Über die Einstellung des dioptrischen Apparates im menschlichen Auge.
Wien.
1864. R.SonersKe, Über das Verhältnis des intraocularen Druckes zur Hornhautkrümmung.
Arch, f. Ophthalm, X, 2. S. 1—46.
$ 3. Die Uvea.
Das System der Uvea trägt seinen Namen von dem Vergleiche mit einer
dunklen Weinbeere, die man von ihrem Stiele getrennt hat. Die Stielöffnung
entspricht der Pupille. Sämtliche Teile dieses Systems zeichnen sich dadurch
aus, daß sie auf ihrer inneren Fläche mit einer Lage von Pigmentzellen bedeckt
sind, teilweise auch solche in ihrer Substanz verteilt zeigen, denen sie ihre
dunkle Farbe verdanken. Die Uvea ist an zwei Stellen fest mit der Sehnen-
haut verbunden, nämlich hinten an der Eintrittsstelle des Sehnerven Fig. 2
(S. 3) d und vorn an der inneren Wand des Scuuemmschen Kanals a. Den
Teil abba, welcher nach vorn und innen von dieser letzteren Befestigung und
zunächst hinter der Hornhaut liegt, nennt man Iris (Blendung); den hinteren
Teil, welcher die innere Fläche der Sehnenhaut bekleidet, Aderhaut (Chorioidea).
Im hinteren Teile des Augapfels bildet die Aderhaut eine dünne dunkle
Membran, größtenteils aus Blutgefüßen zusammengesetzt, die durch ein eigen-
tümliches Gewebe verbunden sind. Dieses Gewebe, welches KÖLLIKER als
unentwickeltes elastisches Gewebe bezeichnet, besteht aus ineinander gefloch-
tenen strahligen, zum Teil mit Pigment gefüllten Zellen, deren Ausläufer äußerst
fein verästelt sind. Dies eigentümliche Stroma verbindet zunächst die Arterien
und Venen der Aderhaut, die Schicht der Kapillargefüße (membrana chorio-ca-
püllaris) liegt ihm nach innen lockerer auf, und diese wird nach innen, gegen
14 Anatomische Beschreibung des Auges. fe. 18.
die Retina hin endlich von den Pigmentzellen bedeckt. Letztere bilden auf den
hinteren Teilen der Aderhaut eine einfache, auf dem Ciliarteile dagegen eine
mehrfache Lage. Ihr Kern ist meist durch seine Durchsichtigkeit zwischen dem
schwarzen Pigment erkennbar. In Fig.7 stellt a diese Zellen von der Fläche,
a b von der Seite nach Köruıker dar, e Pigmentkörner,
kleine plattgedrückte, länglich runde Körnchen von
4 0,0016 mm Länge, welche durch Chlor und kaustisches
MEA Kali zerstört werden.
Ya Vorn legt sich an die äußere Fläche der Aderhaut
MÉI ein Muskel, der Ciliarmuskel (Tensor Chorioideae,
Fig. 7. Musculus Brückıanus), von ihrer inneren Fläche da-
gegen erheben sich faltenförmige, durch ein Konvolut von
Gefüßstämmen ausgefüllte Hervorragungen, die Ciliarfortsätze (Processus ciliares).
In Fig.2 S.3 ist angenommen, daß der dargestellte Durchschnitt auf der linken
Seite durch einen Üiliarfortsatz c hindurchgeht, auf der rechten Seite dagegen
zwischen zwei solchen Fortsätzen, daher hier allein der Ciliarmuskel % in dem
Schnitte sichtbar ist. Die Fasern des Ciliarmuskels entspringen von der inneren
Wand des Schtemmschen Kanals, da, wo sich deren elastischer und sehniger
Teil miteinander verbinden, bei a Fig. 2 und Fig. 3, laufen dann an der äußeren
Seite der Aderhaut nach hinten, und heften sich an diese Membran. Die Fasern
dieses Muskels gehören zu den sogenannten organischen, wie wir sie in den
meisten nicht willkürlich bewegten Muskeln antreffen; sie sind mit längsovalen
Kernen versehen und nicht quergestreift. Brücke, der den Muskel entdeckte,
nimmt an, daß er die Aderhaut (und die mit dieser bei g engverbundene Netz-
haut und Glashaut) um den Glaskörper anspanne, Doxpers dagegen, daß die
Aderhaut sein fester Ansatzpunkt sei, und er im Gegenteil den elastischen Teil
der inneren Wand des Scuuemmschen Kanals verlängere und so den Ansatz
der Iris nach hinten rücke. Vielleicht verbinden sich beide Wirkungen mit-
einander t.
Die Ciliarfortsätze sind häutige Falten der Aderhaut, welche in Rich-
tung der Meridianlinien des Auges verlaufen, 70 bis 72 an der Zahl. Sie er-
heben sich in der Gegend des vorderen Endes der Netzhaut (Fig. 2 9), verlaufen
allmählich ansteigend nach vorn, wo sie in der Gegend des äußeren Linsen-
randes ihre größte Höhe erreichen, und senken sich dann schnell, indem die
vorderen Ausläufer der meisten noch auf die Hinterseite der Iris übergehen.
Ihre hervorstehenden scharfen Ränder sind oft von Pigment entblößt, und
zeichnen sich als weiße Linien ab, wenn man die Ciliargegend durch den Glas-
körper von hinten betrachtet. Die Ciliarfortsätze enthalten eine große Menge
von Gefüßstämmen, durch ein ähnliches Stroma verbunden, wie es in der Ader-
haut vorkommt.
Die Iris, der vorderste Teil der Uvea, bildet für das Auge eine beweg-
liche Blendung. Sie entspringt mit dem Ciliarmuskel gemeinschaftlich an der
inneren Wand des Schuemmschen Kanals, und zwar an der Grenze des hinteren
sehnigen Teils dieser Wand, ist aber (Fig.3 5) durch ein Netzwerk elastischer
Fasern, welche frei durch die wässrige Feuchtigkeit verlaufen, mit dem elastischen
Teile dieser inneren Wand verbunden. Man nennt diese elastischen Fasern
das Ligamentum Iridis pectinatum. Von da verläuft die Iris, sich an die vordere
1 S, unten $ 12.
13. 14.] 38. Die Uvea. 15
Fläche der Linse legend, nach innen bis zu ihrem inneren oder Pupillarrande,
und ist dabei leicht nach vorn gewölbt. Sie enthält organische Muskelfasern,
welche zu zwei Muskeln zusammengefaßt werden können.
1. Der Ringmuskel der Pupille (Musculus Contractor sive Sphincter Pu-
pillae) umgibt in Form eines Ringes von 1 mm Breite den Pupillarrand; er
liegt vor der Pigmentschicht und hinter der Hauptmasse der zum Pupillarrande
verlaufenden Gefüße und Nerven. Seine Fasern verlaufen in konzentrischen
Ringen, und verengern deshalb bei ihrer Zusammenziehung die Pupille.
2. Der Erweiterer der Pupille (Musculus Dilatator Pupillae). Seine Fasern
entspringen von der inneren Wand des Scuuemmschen Kanals und wohl auch
von den Fasern des Ligamentum pectinatum und verlaufen an der hinteren Seite
der Iris netzförmig miteinander verbunden nach innen, wo sie sich in den
Ringmuskel verlieren.
Das Stroma der Iris ist Bindegewebe; hinten ist sie von der Pigmentzellen-
schicht, vorn von einem Epithelium bedeckt. Auch ihr Stroma enthält oft Pig-
mentzellen; dann ist ihre Farbe braun, sonst erscheint sie als ein trübes Medium
vor dem dunklen Pigmente blau.
Das Verhalten der Gefäße der Uvea bietet vieles Eigentümliche. Ich
habe schon angeführt, daß die Gefüße den größten Teil der Masse dieses
Systems ausmachen. Ihre zuführenden Arterien (Arteriae ciliares posticae breves
für die Aderhaut und Ciliarfortsätze, posticae longae und anticae für die Iris)
treten durch die Sclerotica ein, und kommunizieren mit den Venen nicht bloß,
wie es in anderen Teilen des Körpers der Fall ist, durch ein feines Kapillar-
gefüßnetz, sondern auch durch ziemlich weite Verbindungsröhren, welche auf
der Aderhaut in zierlich geordneten Bögen wedelförmig aus den Arterien ent-
stehen und sich wieder zu Venen (Venae vorticosae) sammeln. Die Arteriae
ciliares posticae breves, etwa 20 Astchen, durchbohren die Sclerotica an ihrem
hinteren Teile, laufen, sich fortdauernd gabelförmig spaltend, nach vorn, und
geben ihr Blut teils durch das Kapillargefüßnetz, welches, so weit die Netz-
haut reicht, an der inneren Seite der Aderhaut unter den Pigmentzellen liegt,
teils durch die weiten Verbindungsäste der Vortices an die Venen ab, welche
teils (Vasa vorticosa) am Äquator des Augapfels, teils (Venae ciliares posticae) am
hinteren Teile durch die Sclerotica austreten. Ein großer Teil der Äste dieser
Arterien läuft aber nach vorn in die Ciliarfortsätze und bildet in diesen ein
Gefüßknäuel, dessen rückkehrende Äste in die vorderen Bögen der Vortices
übergehen. Das Gefüßnetz der Iris hängt teils mit dem der Ciliarfortsätze
zusammen, zum größten Teil empfängt es aber sein Blut aus besonderen
Stämmen, die teils hinten durch die Sclerotica treten (Art. ciliares posticae longae)
und zwischen Aderhaut und Sehnenhaut nach vorn bis zum Ciliarmuskel ver-
laufen, teils auch vorn eintreten (Art. ciliares anticae). Sie bilden in der Iris
zwei anastomosierende Gefäßkränze, den einen (Circulus arteriosus Iridis major)
am peripherischen Rande, den anderen (Cire. arter. minor) nahe dem Pupillarrande.
An der Stelle des letzteren ist die Iris am. dicksten, und bildet auf ihrer
vorderen Fläche einen Vorsprung.
Am unverletzten Auge sieht man die Iris durch die Hornhaut. Durch die Wir-
kung der Strahlenbrechung erscheint sie der Hornhayt näher, also mehr nach vorn
gewölbt, als sie es in Wirklichkeit ist. Wenn man dagegen das Auge einer Leiche
unter Wasser bringt, dessen Brechungsvermögen dem der wässrigen Feuchtigkeit ziemlich
gleich ist, so füllt die Strahlenbrechung an der Hornhaut fast ganz weg, und man
16 Anatomische Beschreibung des Auges. UD
sieht die Iris in ihrer natürlichen Lage, wo sie schwach oder nur wenig gewölbt er-
schein. Um am lebenden Auge eine richtige Anschauung von der Iris zu erhalten,
hat J. Czermax? ein Instrument angegeben unter dem Namen Orthoskop, welches
im wesentlichen eine kleine Wanne mit Glaswänden ist, die an das Gesicht so an+
gesetzt wird, daß das Auge die Hinterwand derselben bildet, und dann voll Wasser
gegossen wird. Das in Fig. 8 abgebildete Instrument hat eine untere Wand fcb und
eine innere (der Nase zugekehrte) gab aus Metallblech gebildet. Beide sind am freien
r Rande passend ausgeschnitten, um sie an das Gesicht ansetzen zu
Zë, können. Die vordere Wand abod und die äußere cdef sind
< aus ebenen Glasplatten gebildet. Um den Rand des Instruments
wasserdicht an das Gesicht ansetzen zu können, empfiehlt Ozermax
4 geknetete Brotkrume an das Gesicht anzulegen und den Rand
x des Instruments hineinzudrücken. Das Auge wird nun zunächst
Fig. 8. geschlossen, Wasser von 23 bis 26° R. in das Kästchen gegossen,
und dann das Auge geöffnet. Die Hornhaut tritt von der Seite
gesehen als eine durchsichtige gewölbte Blase hervor, die Iris tritt als ein fast ebener
Vorhang von ihr zurück.
Es könnten bei dieser Methode Zweifel übrig bleiben, ob das Bild der Iris durch
die Brechung zwischen Hornhaut und Wasser einerseits, Hornhaut und wässriger
Feuchtigkeit andererseits nicht noch ein wenig verändert sei, und da die Frage nach
der Form und Lage der Iris für die Lehre von der Akkommodation des Auges von
großer Wichtigkeit ist, so will ich hier noch andere Untersuchungsmethoden beschreiben.
Eine leicht auszuführende Art, um an lebenden Augen das Relief der Iris kennen zu
lernen, ist die folgende. Man stelle seitlich und etwas nach vorn von dem beobach-
teten Auge ein Licht auf, und konzentriere durch eine Sammellinse von etwa 2 Zoll
Brennweite und möglichst großer Öffnung dessen Strahlen auf einen Punkt der Horn-
haut, so daß auf dieser ein Bild des Lichts entworfen wird. Die Hornhaut sieht an
der stark beleuchteten Stelle trübe aus. Der Brennpunkt auf der Hornhaut bildet
nun gleichsam eine neue Lichtquelle, deren Strahlen, ohne weiter gebrochen zu werden,
geradlinig auf die Iris fallen, und, wenn sie schief auffallen, Schlagschatten verschie-
dener Länge auf ihr entwerfen, aus denen man leicht beurteilen kann, wieviel ihre
einzelnen Teile hervorspringen oder zurückweichen. Bei der angegebenen Untersuchungs-
methode findet man die Iris kurzsichtiger Augen oft so platt, daß gar kein Schlag-
schatten auf ihr entsteht. Bei normalen Augen dagegen sieht man nahe um die
Pupille herum den dem Oirculus arteriosus minor entsprechenden Wulst, der deutliche
Schlagschatten wirft. Wenn der lichtgebende Brennpunkt etwa 1 mm vom Rande
der Hornhaut absteht, verlängert sich dieser Schlagschatten meist bis zum peripheri-
schen Rande der Iris,
Um sich an lebenden Augen von dem sehr wichtigen Umstande zu überzeugen,
daß die Iris der Linse dicht anliegt, kann man dasselbe Verfahren gebrauchen, mit
dem Unterschiede, daß man den Brennpunkt der Sammellinse ein wenig von der Seite
her auf die vordere Linsenflüche fallen läßt. Bei so starker Beleuchtung erscheint
dann die Substanz der Linse weißlich trübe, und man sieht, daß von der Iris kein
Schlagschatten geworfen wird. Noch besser geschieht dies mittels der Reflexe, welche
die vordere Fläche der Linse von einfallendem Lichte gibt. Wenn in Fig. 9 0, C,
ein konvexer Kugelspiegel ist, DE ein davorstehender dunkler Schirm mit einer
Öffnung FG, das Auge des Beobachters sich in A befindet und ein Licht in B, und
der am Rande der Öffnung bei F vorbeigehende Lichtstrahl BF in H nach HA zurück-
geworfen wird, so wird das Auge von den zwischen H und O, gelegenen Punkten
der Spiegelflüche kein zurückgeworfenes Licht erhalten können, diese werden vielmehr
die dunkle Hinterseite des Schirms spiegeln müssen. So wird in der Richtung AJ
1 J. Czenuax, Prager Vierteljahrsschrift für prakt. Heilkunde. Bd. XXXII. S. 154. 1851.
ei
$8. Die Uvea. 17
Licht gespiegelt werden, welches von dem Punkte Æ des Schirms ausgegangen ist.
Zwischen F und H wird also das Auge einen dunklen Teil der Spiegeloberfläche so
oft erblicken müssen, als nicht der Rand des Schirms der spiegelnden Fläche ganz
dicht anliegt. Man kann sich von der Richtigkeit des Gesagten an jeder spiegelnden
konvexen Fläche, z. B. eines gewölbten metallenen Knopfes, überzeugen, für welche
man sich ein passendes dunkles Diaphragma mit runder Öffnung gemacht hat, Nur
wenn der Rand der Öffnung dicht an der Fläche liegt, reichen die Spiegelbilder,
welche sie von äußeren Gegen- A
stiinden entwirft, bis an den Rand
des Diaphragma. Ist dagegen
zwischen letzterem und der spiegeln-
den Fläche ein kleiner Zwischen-
raum, so sieht man an dem dem
Auge gegenüberliegenden Rande
der Öffnung eine dunkle Linie
sich zwischen die Spiegelbilder und
den Rand der Öffnung einschieben.
Die Flüchen der Linsen reflek- D — Ai
tieren ebenfalls Licht, aber sehr
wenig. Man sieht diese Reflexe!,
wenn sich das Auge in einem Fig. 9.
dunklen Zimmer befindet, in wel-
chem nur ein Licht enthalten ist. Man stellt das Licht vor dem Auge, etwas seitlich
von der nach vorn verlängerten Augenachse, auf, Der Beobachter sieht von der anderen
Seite her in das Auge, so daß seine Gesichtslinie etwa denselben Winkel mit der
Augenachse macht, wie das einfallende Licht. Neben dem bekannten hellen Reflexe
der Hornhaut sieht er dann zwei andere sehr viel schwächere. Der größere von beiden
bildet ein aufrechtes, ziemlich verwaschenes Bild der Flamme und rührt von der
vorderen Linsenfliche her, der kleinere bildet ein schärferes umgekehrtes Bildchen
und wird von der hinteren Linsenfliche entworfen. Von den Augenürzten werden
diese Reflexe die Sansoxnschen Bildchen genannt. Wenn man die Stellung des Lichts
oder des eigenen Auges veründert, während man sie beobachtet, verändert sich auch
die Stellung der Bildchen, und so gelingt es leicht, das erstgenannte derselben, das
der vorderen Linsenfläche, bis an jede beliebige Stelle des Randes der Pupille zu
führen. Man sieht es dann stets, auch an dem dem Beobachter gegenüberliegenden
Rande der Pupille, bis dicht an die Iris rücken, ohne zwischenliegende schwarze Linie,
Wenigstens ist dies unter normalen Umständen ohne künstliche Erweiterung der Pupille,
soviel ich gefunden habe, stets der Fall, und daraus folgt mit Bestimmtheit, daß der
Pupillenrand der Iris der Linse anliege.
Die Entfernung der Pupillenfläche von dem Scheitel der Hornhaut ist von 0. Krause
an durchschnittenen Augen gemessen worden. Indessen ist die Verbindung der Linse
mit der Selerotica durch die Ciliarfortsätze keine so straffe, daß nicht nach der Durch-
schneidung beträchtliche Verschiebungen eintreten sollten.
Davon, daß die Pupillarfläche hinter einer durch den äußeren Rand der Horn-
haut gelegten Ebene liegt, kann man sich am lebenden Auge überzeugen, wenn man
es so von der Seite ansieht, daß die Pupille hinter dem Rande der Sclerotica zu ver-
schwinden beginnt. Man sieht alsdann, wie in Fig. 10, perspektivisch vor der Pupille
einen helleren Streifen, ein verzogenes Bild der Iris, und vor diesem am Rande der
Hornhaut einen dunkleren Streifen, den jenseitigen über die Hornhaut greifenden Rand
Ki
1 Entdeckt von Purkınse. S. dessen Abhandlung: De examine physiologico organi visus
et syst. cutanei. Vratisl. 1828. Zur Diagnose von Krankheiten benutzt von Saxsox (Leçons sur
les maladies des yeux. Paris. 1837). Ihr Ursprung ist genauer bestimmt durch H. Mever
(Hexzes und Prevurens Zeitschrift f. rationelle Medizin. 1846. Bd. V.).
v. Heısnorrz, Physiologische Optik. 8. Aufl. I. 2
18 Anatomische Beschreibung des Auges. [16. 17.
der Sehnenhaut. Bewegt der Beobachter sein Auge noch weiter zurück, so ver-
schwindet ihm die Pupille und Iris ganz, und hinter dem noch sichtbaren Teile der
Hornhaut erscheint nur noch der jenseitige Scleroticalrand. Da die Lichtstrahlen,
welche einmal durch die Hornhaut in die wässrige Feuchtigkeit eingetreten sind, gerad-
linig durch diese fortgehen, so folgt daraus, daß die Iris weiter zurückliegt als eine
die äußeren Ränder der Hornhaut verbindende Linie.
Kennt man den Krümmungsradius im Scheitel der Hornhaut, so kann man die
Distanz der Të vom Scheitel der Hornhaut am lebenden Auge ziemlich
n genau bestimmen, indem
man die scheinbare Lage
der Iris im Verhältnis zur
scheinbaren Lage eines
von der Hornhaut ge-
spiegelten Lichtpunktes
bestimmt. Das Spiegel-
bild eines entfernten Licht-
z punktes liegt ein wenig
Fig. 10. ig. 11. hinter der Fläche der
Pupille, wovon man sich
leicht überzeugen kann, wenn man von verschiedenen Seiten das Auge ansieht, und
die perspektivische Lage des Lichtpunktes zu den Rändern der Pupille sich merkt.
Ist ab (Fig. 11) die Pupille, e der scheinbare Ort des gespiegelten Lichtpunktes,
sind de und fe zwei verschiedene Richtungen, aus denen der Beobachter nach dem
Punkte © hinblickt, so wird dieser Punkt von d aus gesehen hinter dem Punkte g
der Pupillarebene, also scheinbar näher an a, von f aus hinter dem Punkte 4 scheinbar
näher an b liegen; wie es auch in Wirklichkeit der Fall ist. Man würde nun die
Lage des Punktes o am einfachsten genau bestimmen können, wenn man seine schein-
bare perspektivische Entfernung von den beiden Rändern der Pupille mißt, was mit
dem ÖOphthalmometer ausführbar wäre. Aber hierbei sind die fast fortdauernden
Schwankungen der Weite der Pupille hinderlich.
Ich fand es deshalb vorteilhafter, etwas anders zu verfahren. Es seien an dem
betreffenden Auge die elliptischen Achsen der Hornhaut gemessen worden, und die
Lage der Gesichtslinie zu ihnen bekannt. Steht dann vor dem Auge ein Licht, dessen
Stellung in bezug auf die Gesichtslinie ebenfalls bekannt ist, so läßt sich aus den
bekannten Gesetzen der kugeligen spiegelnden Flächen leicht der scheinbare Ort des
von der Hornhaut entworfenen Spiegelbildes berechnen. Wir nehmen also im folgen-
den die Lage dieses Spiegelbildes immer als bekannt an, Sucht
man nun eine solche Stellung des Lichts, des Fixationspunktes
und des Ophthalmometers, daß man von den durch letzteres
erblickten Doppelbildern des Lichtpunktes auf der Hornhaut
gleichzeitig das eine mit dem einen Rande der Pupille, das
andere mit dem anderen zum Decken bringen kann, so folgt
daraus, daß von dem Orte des Ophthalmometers aus gesehen
der gespiegelte Lichtpunkt perspektivisch hinter dem Mittel-
punkte der Pupille liegt. Es seien in Fig. 12 die beiden
Linien ed und ed parallel der Fernrohrachse des Ophthal-
mometers, ab und ef die beiden Doppelbilder des hori-
Fig. 12. zontalen Durchschnitts der Pupille. Wir nehmen an, daß
der Mittelpunkt der Pupille, das Licht, die Achse’ des Fern-
rohrs, die Gesichtslinie des beobachteten Auges alle in derselben Horizontalebene
liegen. Nach der oben in $ 2 gegebenen Theorie dieses Instruments müssen alle
Verbindungslinien entsprechender Punkte der beiden Doppelbilder gleich lang und
senkrecht gegen die Achse des Fernrohrs, die beiden Doppelbilder selbst aber
17. 18. 83. Die Uvea. at 19
kongruent sein. Danach ist also a« gleich und parallel 59, und ab gleich und
parallel e p. Es seien nun d und d die entsprechenden Doppelbilder des Lichtpunktes,
und es sei eine solche Stellung des Auges gefunden, bei der d von oe gedeckt wird
und ð von b, d.h. wo die der Fernrohrachse parallele Linie de durch e und da
durch b geht. Aus der Theorie der Parallellinien ergibt sich nun:
dð:bh EA
dö:a@a=cb:ae.
Da nun aber die Entfernungen entsprechender Punkte der Doppelbilder gleich sind, ist
dö=aua=bP.
folglich auch
«y=yß und
cb ss Or,
Die Punkte e und y, hinter welchen die Lichtpunkte d und d perspektivisch er-
scheinen, sind also die Mittelpunkte der Pupillen.
Es ist nun leicht, durch passende Abmessungen zu ermitteln, welchen Winkel
die Linie ed oder die Achse des Fernrohrs mit der Gesichtslinie des beobachteten
Auges macht. Dann ist die Lage der Linie ed im Horizontalschnitt des Auges ge-
geben durch einen Punkt und den Winkel, den sie mit einer anderen Linie von be-
kannter Richtung, der Gesichtslinie, bildet. In dieser Linie ed liegt auch der Mittel-
punkt der Pupille.
Nun braucht man nur noch eine zweite Beobachtung derselben Art zu machen,
wobei man von einer anderen Richtung her in das beobachtete Auge sieht. Man be-
kommt dann eine zweite gerade
Linie von bekannter Lage, in
welcher der Mittelpunkt der
Pupille liegt. Dieser muß also
dort liegen, wo die beiden be-
treffenden Linien sich schneiden,
und seine Entfernung von der
Hornhaut kann dann durch Kon-
struktion oder Rechnung leicht
gefunden werden.
Die Beobachtungsmethode
war nun folgende: A (Fig. 13)
ist das Auge, an welchem die
Messung vorgenommen werden
soll; es sieht durch die Öffnung
eines Schirms, um seine Lage
annähernd festzustellen. In Fig. 18.
einiger Entfernung von ihm be-
findet sich eine horizontale Skale CD. Denkt man sich vom Auge A ein Lot auf
die Skale gefüllt, so befindet sich an dessen Fußpunkte B ein Schirm mit einer kleinen
Öffnung, hinter der eine Lampenflamme steht, deren Licht durch die Öffnung auf das
Auge fällt, und von der Hornhaut gespiegelt wird. Bei E befindet sich ein ver-
schiebbares Zeichen, welches als Gesichtspunkt dient. Bei G, und G, sind die Stel-
lungen angedeutet, die man dem Ophthalmometer nacheinander gibt, beide gleichweit
von DR entfernt, Für die drei Füße des Fernrohrs macht man Marken auf dem Tische,
da die Stellung des Fernrohrs während des Versuchs gewechselt wird. Das Auge A
ird nun angewiesen, fortdauernd nach dem Zeichen F hinzusehen und allen Be-
wegungen desselben zu folgen. Der Beobachter, welcher zuerst von G, aus beobachten
möge, dreht die Glasplatten des Ophthalmometers so weit, bis von den Doppelbildern
Ch
20 Anatomische Beschreibung des Auges. [18. 19.
des hellen Pünktchens auf der Hornhaut das eine mit dem einen Pupillarrande zu-
sammentrifft, Trifft dann das andere nicht gleichzeitig auf den anderen Rand, so ver-
schiebt er das Zeichen F' so lange an der Skale, bis dies der Fall ist, und merkt den
Teilstrich der Skale, wo F steht. Dasselbe Verfahren wird wiederholt bei der zweiten
Stellung des Ophthalmometers in G,.
Die Länge AB ist in Skalenteilen zu messen; daraus ist der Winkel FAB
zu finden,
FB e
AB = tang 4 FAB.
Ist AH die große Achse des Hornhautellipsoides und der Winkel FAH schon be-
kannt, so ergibt sich daraus BAH, welchen Winkel man braucht, um die Lage des
Spiegelbildes der Hornhaut zu bestimmen. Ebenso bestimmt man den Winkel G, AH,
welcher die Richtung bestimmt, in welcher der Beobachter in das Auge gesehen hat.
Der Mittelpunkt der scheinbaren Pupille (d. h. wie diese durch die Hornhaut erscheint)
liegt dann also in einer mit G) A parallelen Linie, welche durch den scheinbaren Ort
des Hornhautbildchens gelegt ist.
Wie aus der scheinbaren Lage des Mittelpunktes der Pupille seine wirkliche Lage
berechnet werden kann, wird sich in $ 9 und 10 ergeben,
Die Resultate für die drei Augen, für deren Hornhäute ich die Abmessungen
mit dem Ophthalmometer bestimmt habe, waren folgende:
[ompr An
Abstand dg RTE N vom Scheitel Se: RER | ‚scheinbar Lag 8,043 | 8,161
R Mittelpunk der Pa il A u wirklich 4.024 8,597 8,739
bstand des Mittelpunktes der Pupille von der Horn- i
hautachse nach der Nasenseite . p scheinbar | 0,037 | 0,889 | 0,855
wirklich | 0,082 | 0,888 | 0,304
Daß die Iris der Linse anliege und nach vorn gewölbt sei, ist von den Anatomen `
vielfach bestritten worden. Die älteren Anatomen nahmen es an, bis namentlich Prrır,
auf Grund seiner Untersuchungen an gefrorenen Augen, das Gegenteil behauptete und
zwischen Iris und Linse die sogenannte hintere Augenkammer annahm. In ge-
frorenen Augen findet man bald dünne Eisblätter zwischen Iris und Linse, bald nicht.
Der Meinung von Prrır folgten fast alle späteren Anatomen, bis in der neuesten
Zeit StELLwAG von Carrow und Oramer sich wieder für die enge Anlagerung der
Iris an die Linse erklärten. Ich selbst fand es möglich, in der oben beschriebenen
Weise direkte Beobachtungen dafür zu liefern, welche mir keinen Zweifel übrig zu
lassen scheinen. Neuerdings verteidigt dagegen Bupez wieder die Ansicht von Dr,
1728. Perır in Mém. de D Acad. Roy. des sciences. 17128. p. 206 u. 289,
1850. SrerLwaa vox Carıox in Zeitschrift d. Wiener Ärzte. 1850. Heft 3, S. 125
1852. Cramer in Tijdschrift der Nederl. Maatschappij tot bevord. der Geneeskunst.
1852. Jan.
1853. Derselbe. Het Accommodatievermogen der Oogen. Haarlem. bl. 61*.
1855. J. Bupor über die Bewegung der Iris. Braunschweig. 5. 5—10 (gibt auch die
ältere Literatur der Streitfrage).
Hermuorrz in Grarres Archiv für Ophthalmologie. Bd. I. Abt. 2, S. 30,
Nachtrag (aus der ersten Auflage S. 820f. 1867.)
Darüber, daß der mittlere Teil der Iris im normalen Auge der Linse an-
liegt, scheint allgemeines Einverständnis zu herrschen. Nur darüber sind die
` Heusmortz in Graeres Archiv für Ophthalmologie. Bd. 1. Abt. 2, S. 81.
19. § 8. Die Uvea. 21
Ansichten noch verschieden, wieviel freien Raum man sich zwischen dem
peripherischen Teil der Iris und den vorderen Rändern der Ciliarfortsätze und
der Zonulafalten zu denken habe, ob auch hier der Zwischenraum nur spalt-
förmig sei, wie CRAMER, van REEKEN, Roucer und Henke annehmen, oder ob
dort der Meinung von Ant gemäß ein offener ringförmiger Raum, einer hintern
Augenkammer entsprechend, existiere. Da im toten Auge die Ciliarfortsätze
blutleer und zusammengefallen sind, und man nicht genau weiß, wie weit sie
durch Blut aufgeschwellt werden, so ist darüber schwer zu entscheiden,
In den Figuren 2 u. 3, S. 3 u. 6 habe ich die Ciliarfortsätze wohl zu weit
mit der Iris in Verbindung gebracht; ich habe den Zusammenhang dieser
Teile nach Durchschnitten getrockneter Präparate, wie Fig. 3 eines ist, ge-
zeichnet, in denen aber durch das Trocknen der einspringende Winkel der
Pigmentschicht zwischen Ciliarfortsätzen und Iris herausgezerrt und verflacht
worden zu sein scheint. An frischen Präparaten sind die Ciliarfortsätze an
ihrem vorderen Ende allerdings durch einen viel tieferen Einschnitt von der
Iris getrennt, als die angegebenen Figuren es darstellen.
1855. vaw Reeken. Ontleedkundig onderzoek van den toestel voor accommodatie van het
Oog. ` Onderzoekingen gedaan in het Physiol, Laborat. der Utrechtsche Hooge-
school. Jaar VII, 248—586.
— Rovser in Qaz. méd. 1855. Nr. 50.
1860, W. Hexke. Der Mechanismus der Akkommodation für Nähe und Ferne. Archiv
für Ophthalm. VI, 2. 8. 583—72.
1868. O. Beoxer. Lage und Funktion der Ciliarfortsätze im lebenden Menschenauge.
Wien. Mediz. Jahrbücher. S. 159.
In betreff des Ciliarmuskels ist die Entdeckung von H. Men und Rouser
zu erwähnen, daß die inneren gegen die Ciliarfortsätze hingekehrten Teile
dieses Muskels zwischen die oben beschriebenen meridional gerichteten Fasern
eine große Menge ringförmig, dem Äquator der Linse parallel verlaufende Bündel
eingewebt enthalten. Diese äquatorial verlaufenden Fasern gehen übrigens
vielfültig in meridional gerichtete über. Über die Wirkung dieser Fasern unten
mehr in den Nachträgen zu $ 18. i
1856. C. Rovaer., Recherches anatomiques et physiologiques sur les appareils érectiles.
Appareil de l'adaptation de l'oeil. O. R. XLII, 981—941, Institut. 1956. p. 198
bis 194. Cosmos. VIII, 559—560.
— H. Mister. Réclamation de priorité ©. R. XLII, 1218—1219.
— 0, Rovaer. Réponse à une réclamation de priorité addressée par M. Mëtten, 0. R.
XLII, 1255—1256. Institut. 1856. p. 245. Cosmos. IX, 9.
1857. H. Mun, Über einen ringförmigen Muskel am Ciliarkörper. Archiv für Oph-
thalmol. IH, 1.
— Anur. Zur Anatomie des Auges. Ebenda. III, 2.
1858. H. Mürter. Einige Bemerkungen über die Binnenmuskeln des Auges. Ebenda,
IV, 2. p. 211—285.
Was den Dilatator der Pupille betrifft, so ist dessen Existenz und Lage
auch immer noch eine sehr bestrittene Frage. Die Gefäßstämme der Iris sind
ziemlich stark mit Muskelfasern belegt; außer diesen Fasern beschreiben ver-
schiedene Anatomen verschiedene Fasersysteme, die sie als Dilatator pupillae
betrachten, die dagegen von anderen 'wieder geleugnet werden.
J. Hesue. Handbuch der systematischen Anatomie des Menschen. II, 685. Braun-
schweig 1866.
22 Anatomische Beschreibung des Auges. [19. 20,
§ 4. Die Netzhaut.
Die Netzhaut (Retina) ist eine flächenförmige Ausbreitung von Nerven-
masse, im Hintergrunde des Auges zwischen Aderhaut und Glaskörper gelegen.
Sie ist frisch ziemlich durchsichtig, an toten Augen weißlich trübe. Im Hinter-
grunde des Auges ist sie am dicksten (0,22 mm); man bemerkt hier etwas nach
= sg der Nasenseite zu die weiße Eintrittsstelle des Sehnerven
(d in Fig. 2, S. 3) und etwas nach der Schläfenseite
hinüber (bei p) einen gelben Fleck (Macula lutea Retinae),
die Stelle des deutlichsten Sehens. Nach vorn zu wird
die Netzhaut dünner (am vorderen Rande 0,09 mm) und
endet da, wo die Ciliarfortsätze beginnen, mit einem ge-
zackten Rande (Ora serrata Retinae), wenigstens hören hier
ihre nervösen Elemente auf. Sie ist an dieser Stelle eng
verbunden mit der Aderhaut und Glashaut (der Hülle des
Glaskörpers), und die membranösen Gebilde, welche hier
ihre anatomische Fortsetzung bilden (Pars ciliaris Retinae
und Zonula Zinnüi), haben eine ganz andere Struktur und
physiologische Bedeutung.
Die Netzhaut besteht teils aus den gewöhnlichen mikro-
skopischen Bestandteilen des Nervensystems, Nervenfasern,
Ganglienkörpern, Kernen, teils aus eigentümlichen, den
Stäbchen (Bacilli) und Zapfen (Coni). Fig. 14 stellt einen
Durchschnitt der Schichten der Retina vom Äquator des
Auges nach Max Schuntze dar, in den Dimensionen ge-
ändert von Schwaupe.! Die Schichten sind folgende in
der Reihenfolge von außen nach innen:
1. Stäbehenschicht (Fig. 14, 1), gebildet aus den
Stäbchen und Zapfen. Die ersteren sind Zylinder, 0,063
© bis 0,081 mm lang und 0,0018 mm dick, von einer stark
s lichtbrechenden Substanz gebildet. Sie stehen palisaden-
förmig neben einander gedrängt, sind am äußeren Ende
quer abgestutzt, am inneren laufen sie in einen feinen
Faden aus, der in die nächste Schicht eintritt. Zwischen ihnen stehen die
Zapfen; diese sind dicker (0,0045 bis 0,0065 mm) und kürzer als die Stäbchen,
aus ähnlicher Substanz gebildet; ihr äußeres
Ende läuft in ein gewöhnliches Stäbchen aus
(Zapfenstäbchen), am inneren Ende hängen
sie mit einem birnförmigen, kernhaltigen Körper
Fig. 15. zusammen, der durch eine leichte Einschnürung
von ihnen getrennt ist, und schon in der folgen-
den Schicht liegt(Zapfenkorn nach korn, Kern der Zapfen nach Vintscusau).
Die Zapfen stehen zwischen den Stäbchen zerstreut, an der Peripherie
der Netzhaut sparsamer, nach dem gelben Fleck zu dichter. In diesem
Flecke fehlen die Stäbchen ganz. In Fig. 15 zeigt A eine Flächenansicht der
1a kk
to
=
D
SS
E
1 In der ersten Auflage war hier auf eine Figur nach Körrıker, auf besonderer Tafel,
verwiesen. Diese wurde in der zweiten Auflage schon von Heınuorrz selbst durch die
obenstehende halbschematische Figur nach M. Sconurtze ersetzt. N.
20. 21.] SA. Die Netzhaut. 28
Stäbchenschicht vom Äquator des Auges, B vom Rande des gelben Flecks,
C vom gelben Flecke. Die kleineren Kreise entsprechen den Stäbchen, die
größeren den Zapfen, in ihnen sieht man den Querschnitt des Zapfenstäbchens.
Wahrscheinlich ist diese Schicht diejenige, welche den Eindruck des Lichts
wahrnimmt.
Die darauf folgenden Schichten der Netzhaut:
2. die äußere Körnerschicht (Fig. 14, 2). (Von der Stäbchen- und
Zapfenschicht durch die Membrana limitans externa, 1a, getrennt. N.)
3. die Zwischenkörnerschicht (Fig. 14, 3),
4. die innere Körnerschicht (Fig. 14, 4),
5. die feingranulierte Schicht (Fig. 14, 5),
bestehen aus den feinen Fasern, welche von den Stäbchen und Zapfen aus-
gehen (radiäre Fasern, Mürtersche Fasern), eingebettet in eine feinkörnige
Substanz und mannigfach verästelt. Zwischen ihnen liegen die Körner 0,004
bis 0,009 mm im Durchmesser, mit den Mürverschen Fasern verbunden.
6. Die Nervenzellenschicht (Fig. 14, 6), bestehend aus großen, mit
vielen Ausläufern versehenen Nervenzellen oder
Ganglienkörpern, von denen in Fig. 16 eine aus
dem Auge des Elefanten nach Corrı abgebildet
ist. Jede enthält einen Kern (Fig. 16, a). Die
Ausläufer gehen zum Teil über in Sehnerven-
fasern, zum Teil scheinen sie auch mit MÜLLER-
schen Fasern in Verbindung zu stehen. Diese
Schicht ist im gelben Flecke am dicksten, sie
enthält hier 8 bis 10 Zellen hintereinander;
nach der Peripherie der Netzhaut hin wird sie
dünner, und die Zellen bilden hier keine zu-
sammenhängende Lage mehr.
7. Die Ausbreitung des Sehnerven.
Die Sehnervenfasern verbreiten sich von der
Eintrittsstelle des Nerven aus radial über die
ganze Netzhaut, mit Ausnahme des gelben Flecks,
den sie umgehen. In der Umgebung des Nerven-
stamms ist diese Faserschicht natürlich am Fig. 16.
stärksten (0,2 mm), nach den Grenzen der
Netzhaut hin wird sie dünner (am Rande 0,004 mm). Die Fasern gehören
zu den sehr feinen Nervenfasern, welche nach dem Tode gewöhnlich perlschnur-
artig auftreiben. Ihre Dicke ist sehr verschieden (0,0005 bis 0,0045 mm); über
ihre Endigungen weiß man noch nichts Bestimmtes. Einige verbinden sich mit
den Ausläufern der Nervenzellen, wahrscheinlich ist das mit allen der Fall.
Zwischen den Nervenfasern dieser Schicht laufen auch noch die inneren
Enden der Müuterschen Fasern hindurch, welche sich hier baumförmig ver-
ästeln. Ihre letzten Enden heften sich an eine glashelle Membran, welche die
Netzhaut von innen abschließt, die Membrana limitans interna,
Der gelbe Fleck, für das Sehen der wichtigste Teil der ganzen Netz-
haut, unterscheidet sich von den übrigen Teilen durch seine gelbe Farbe, welche
von einem alle Teile mit Ausnahme der Stäbchenschicht durchdringenden Pig-
mente herrührt. Ihm fehlt die Nervenfaserschicht, und in der Stäbchenschicht
24 Anatomische Beschreibung des Auges. [21 22.
finden sich nur Zapfen. In seiner Mitte befindet sich eine sehr durchsichtige
vertiefte Stelle, die Netzhautgrube (Fovea centralis), welche leicht einreißt und
daher zuweilen für eine Öffnung gehalten wurde. Die Nervenzellenschicht
ist am Umfang des gelben Flecks stärker als in sämtlichen übrigen Teilen der
Netzhaut, in der Fovea centralis wird sie aber wieder dünner und enthält nur
wenige Lagen von Zellen übereinander; die granulöse Schicht fehlt vielleicht
in der Mitte ganz. Die innere Körnerschicht und Zwischenkörnerschicht nehmen
gegen den gelben Fleck hin bedeutend zu, während die äußere Körnerschicht
dünner wird. In der Netzhautgrube verdünnt sich nach H. Aren auch
die innere Körnerschicht. Nach Remax und Köruıker fehlen in der Fovea
centralis alle Schichten außer den Nervenzellen und Zapfen. Zwischen letzteren
und der Aderhaut soll nach Remax hier eine intensiv gelbe glashelle Sub-
stanz liegen.
Die Verhältnisse des gelben Flecks sind trotz ihrer Wichtigkeit doch noch
in vieler Beziehung nur unsicher bekannt, weil er bisher nur im menschlichen
Auge gefunden worden ist, und die zarten Teile bald nach dem Tode zerreißen,
so daß alle feineren Untersuchungen dieser Stelle an den Augen von Hin-
gerichteten angestellt werden mußten, wozu natürlich nur selten Gelegenheit ist.
Auch bei der Untersuchung mit dem Augenspiegel markiert sich die Netz-
hautgrube durch einen besonderen Licht-
reflex (s. $ 16). Sie enthält den Punkt
des direkten Sehens, d. h. auf ihr wird
der Punkt des Gesichtsfeldes abgebildet,
auf welchen wir den Blick richten.
Die Gefäße der Netzhaut treten in
der Mitte des Sehnerven in das Auge
(Arteria und Vena centralis Retinae) und
verästeln sich von da aus baumförmig
nach allen Richtungen. Anfangs liegen
sie nahe unter der Membrana limitans, in
der Schicht der Sehnervenfasern, später
dringen sie auch in die der Nervenzellen
und in die feingranulierte Schicht ein, und
verästeln sich in diesen beiden Schichten
Fig. 17. in ein weitmaschiges Kapillargefüßnetz.
Die Lage und Form dieses Gefüßbaums
ist für gewisse optische Erscheinungen wichtig!; ich gebe deshalb in Fig. 17
eine Abbildung desselben, welche von Doxpers nach einem Injektionspräparate
gefertigt worden ist. Die Arterien sind hell, die Venen dunkel. In den gelben
Fleck treten keine stärkeren Gefüße, in die Netzhautgrube auch keine Kapillar-
gefüße ein. Die letztere ist von einem Kranz von Endschlingen kapillarer
Gefüße umgeben.
An dem vorderen Rande (Ora serrata) geht die Netzhaut in eine Lage
von Zellen über (Pars ciliaris Retinae), welche zugleich mit der sich eben-
falls fortsetzenden Membrana limitans (int.) die Ciliarfortsätze und die hintere
Fläche der Iris, wo sie in Pigmentzellen überzugehen scheinen, überziehen, und
diesen Teilen fest anhaften.
1 S, unten $ 15.
22. 23.] SA. Die Netzhaut. 25
Da die Größenverhältnisse der Netzhaut und ihrer Elemente für sehr viele optische
Erscheinungen von großer Wichtigkeit sind, gebe ich hier eine Zusammenstellung
darauf bezüglicher Messungen verschiedener Beobachter, auf Millimeter reduziert. Ich
bezeichne die Messungen von 0. Krause mit Kr., von E. H. Weser mit W., von
Brücke mit D. von Köruıker mit Ko., von VsgrscnoAr mit V.
Durchmesser der Eintrittsstelle des Sehnerven Kr, 2,7 und 2,14. W.2,09 und 1,71.
Durchmesser des Gefüßstrangs darin W. 0,704 und 0,68.
Entfernung der Mitte des Sehnerven von der Mitte des gelben Flecks W. 8,8.
Kr. 3,28 und 3,6. Vom inneren Ende des gelben Flecks Ko, 2,25 bis 2,7.
Horizontaler Durchmesser des gelben Flecks Kr. 2,25. W. 0,76. Ko. 3,24.
Vertikaler desgl. Ko. 0.81.
Durchmesser der Netzhautgrube Ko. 0,18 bis 0,225.
Entfernung der Ora serrata vom Rande der Iris an der Nasenseite B. 6, an der
Schläfenseite 7.
Dicke der Netzhaut am Umfang des Sehnerven Ko. 0,22.
Desgl. an der hinteren Seite des Augapfels Kr. 0,164. Ko. 0,135.
Desgl. am Äquator Kr. 0,084.
Desgl. am vorderen Rande Ko. 0,09.
Dicke der Schichten im gelben Flecke. Ko.: Nervenzellen 0,101 bis 0,117; fein-
körnige Schicht 0,045; innere Körnerschicht 0,058; Zwischenkörnerschicht 0,086;
äußere Körnerschicht 0,058; Zapfen 0,067.
Durchmesser der Nervenzellen B. 0,01 bis 0,02. Ko. 0,009 bis 0,086, in der Regel
zwischen 0,013 und 0,022.
Durchmesser der Körner B. 0,006 bis 0,008. Ko. 0,004 bis 0,009. Der Zapfen-
kern V. 0,0068.
Durchmesser der Stäbchen B. und Ko. 0,0018. V. 0,0010.
Länge der Stäbchen B. 0,027 bis 0,080. Ko. 0,063 bis 0,081.
Durchmesser der Zapfen Ko. 0,0045 bis 0,0067. V. 0,0034 bis 0,0068. Im
gelben Flecke Ko. 0,0045 bis 0,0054.
Länge der Zapfen V. 0,015 bis 0,020.
Die neueren Hauptwerke über Struktur der Netzhaut sind:
1845. F. Pacısı in Nuovi Annali delle scienze nat. di Bologna. 1845.
1851. H. Mürrer in Sıesoro und Köruikers Zeitschrift für wiss. Zoologie. 1851. 8.234. —
Verhand, der Würzburger med. Ges. 1852. 8.216. Ibid. III. 336 und IV. 96.
1850. Cort: in J. Mëttes Archiv. 274. — Zeitschr. für wissensch. Zoologie, V. —
J. Hexte in Zeitschr, für ration. Medizin. N. F. II. 304 u. 309.
1852, A. Körsmer Verhandl. der Würzburger med. Ges. III. 8. 316*,
1858. A. Köruıker u. H. Mürrer CG R. de l'Acad. d Se. 1853. Septb. 23. — *Von den-
selben die Retinatafel in Eoker Icones physiologicae*,
R. Bra in CG R. de l'Acad. d Se. 1853. Okt. 31. und Allgem. med. Zentralz.
1854. Nr. 1*. Prager Vierteljahrsschr. XLIII. S. 108.
*M. pı Vıxrscnoau in Sitzber. d. Wiener Akad, XI. 943*,
1854, *A, Körner Mikroskopische Anatomie. Leipzig 1854. II. 648—703*,
Einige Messungen sind entnommen aus:
C. Krause, Handbuch der menschlichen Anatomie. Hannover 1842. I, 2. S. 585”,
E. Brücxe, Anat. Beschr. d. mensch), Augapfels. Berlin 1847. S. 23.
E. H. Weser in Sitzber. d. Sächs. Ges. d. Wiss. 1852. S. 149—152.
Nachtrag (aus der ersten Auflage S. 822ff. 1867).
Die feinere Anatomie der Netzhaut hat die Anatomen noch viel beschäftigt
und ist beträchtlich verfeinert worden. J. HENLE unterscheidet in der neuesten
Zusammenfassung der von ihm selbst und anderen Beobachtern erhaltenen
Resultate folgende Schichten:
26 Anatomische Beschreibung des Auges. [23.
Stäbchenschicht
Äußere Limitans
Körnerschicht.
Äußere Faserschicht.
Außere granulierte Schicht
1.
Musivische Schicht 2.
3.
4.
5.
| 6. Außere gangliöse Schicht
E
Is
9.
10.
Äußere Faserschicht
Innere granulierte Schicht
Innere gangliöse Schicht
Nervenfaserschicht
Limitans hyaloidea.
| Graue Substanz
Nervöse Schicht
Weiße Substanz
Grenzmembran .
Davon vertritt 1 die Stäbchenschicht, 8 die äußere Körnerschicht, 4 und 5
die Zwischenkörnerschicht, 6 die innere Körnerschicht, 7 die feingranulierte
Schicht, 8 Nervenzellenschicht, 9 die Ausbreitung des Sehnerven der oben
S. 23 gegebenen Aufzählung.
Die Stäbchen der hintersten Netzhautschicht sind selbst aus je zwei stäbchen-
förmigen Gliedern zusammengesetzt, von denen das innere aus einer schwächer
lichtbrechenden Substanz besteht und dicker ist (0,0018 bis 0,0022 mm Durch-
messer) als das äußere stärker lichtbrechende (0,0013 bis 0,0018 Durchmesser).
Die inneren Abteilungen der Stäbchen liegen in gleichem Niveau mit den
dickeren flaschenförmigen Innengliedern der Zapfen, deren äußere Abteilungen,
die oben schon erwähnten Zapfenstäbchen, mit den äußeren Abteilungen der
Stäbchen in einer Reihe liegen, aber kürzer sind als diese und deshalb nicht
so weit gegen die Aderhaut reichen. Der Durchmesser des dickeren inneren
Teils der Zapfen steigt bis 0,004 und 0,006 mm; nur in der Netzhautgrube,
wo zwischen den Zapfen keine Stäbchen mehr stehen, sind die Zapfen dünner
(inneres Ende 0,002 bis 0,0025 mm nach M. Schutze, in einem kleinen Be-
zirk 0,0015 bis 0,002 nach H. Mürrer, zwischen 0,0081 und 0,0036 nach-
Wecker, Die Zapfen des gelben Flecks zeichnen sich außerdem nach
M. Schutze durch eine fast doppelt so große Länge vor denen der übrigen
Netzhaut aus.
Die Körnerschicht (äußere Körnerschicht) enthält nach HENLE in
vielen Schichten übereinander ellipsoidische Körner, die im frischen Zustande
eine eigentümliche, sehr zierliche Querstreifung zeigen. Jedes Korn zeigt in
der Regel drei hellere Bänder, die durch dunklere getrennt und der optische
Ausdruck von Schichten zweier abwechselnder Substanzen sind, die der Fläche
der Netzhaut parallel das Korn durchziehen. An gut erhärteten Präparaten
sieht man diese Körner in regelmäßigen Reihen, die senkrecht zur Netzhaut-
fläche sind, übereinander geschichtet. Sie verhalten sich auch gegen Reagenzien
wesentlich anders als die Nervenzellen, so daß sie von diesen durchaus zu
unterscheiden sind. Ihre längere Achse, welche senkrecht zur Fläche der Netz-
haut steht, mißt 0,006 bis 0,007 mm, die kleinere Achse mitunter nicht viel
mehr als die Hälfte.
In die Körnerschicht ragen auch hinein die oben schon erwähnten Zapfen-
körner, welche einen Kern enthalten und sich nach innen hin in eine
zylindrische glatte glänzende Faser von 0,0015 mm Durchmesser fortsetzen,
welche durch die Dicke der Körnerschicht zu verfolgen ist, und dann bald
mit, bald ohne eine zellenähnliche Anschwellung an die äußere granulierte
Schicht tritt.
23.) SA. Die Netzhaut. 97
Hier scheint sich dieselbe nach M. Schuttze in eine große Zahl feinster
Fasern aufzulösen, die in die äußere granulierte Schicht eintreten und dann
nicht weiter zu verfolgen sind. Von den Stäbchen gehen ebenfalls feine Nerven-
fasern ab, mit denen die Körner der äußeren Körnerschicht zusammenhängen
und welche den Zapfenfasern entsprechen, nur viel feiner sind als diese, Auch
diese haben eine Anschwellung, wo sie an die äußere granulierte Schicht stoßen,
und lassen sich in diese hinein nicht verfolgen.
Eine besondere Faserschicht (äußere Faserschicht Hexze) ist in
der Regel nur in und um den gelben Fleck und an der Ora serrata der Netz-
haut, also längs ihres äußeren Randes zu erkennen. Die Fasern des gelben
Flecks laufen radial, von dem Zentrum der Netzhautgrube als Mittelpunkt aus
divergierend, nach allen Seiten, und laufen hauptsächlich der Fläche der Netz-
haut parallel, indem sie teils bündelweise aus der Körnerschicht aufsteigen und
an die horizontal streichenden Faserzüge sich anschließen, teils von diesen sich
loslösend in die äußere granulierte und Nervenzellenschicht sich einsenken.
Diese Fasern stellen wahrscheinlich die Verbindung zwischen den Zapfen der
Netzhautgrube und den in ihrer Umgebung massenhaft angehüuften Nerven-
zellen her; freilich macht es die große Menge der genannten Fasern nach
Hestes Meinung zweifelhaft, ob alle einem solchen Zwecke dienen. Welche
Rolle diese Fasern wahrscheinlich bei der Erzeugung von Harınsers Büscheln
im polarisierten Lichte spielen, ist im $ 25 auseinandergesetzt.
An den übrigen vorderen Schichten der Netzhaut sind wesentlich neue
Verhältnisse nicht aufgefunden worden. Ein großer Teil der radiären, MÜLLER-
schen Fasern, namentlich die, welche mit der Membrana limitans hyaloidea ver-
schmelzen, sind jedenfalls Bindegewebfasern, Über den Verlauf der eigentlichen
Nervenfasern, die nach Max ScHuLtze an ihrem perlschnurähnlichen Ansehen
erkannt werden können, ist mit Ausnahme ihres Verlaufs in der vordersten
Schicht der Netzhaut, der Ausbreitung des Sehnerven, noch nichts Vollstün-
diges bekannt.
Im Grunde der Netzhautgrube verschmelzen die beiden Nervenzellenschichten
miteinander und mit der Körnerschicht, hinter diesen liegen die Zapfen, alle
andern Schichten fehlen.
1856. H. Mpten, Anatomische Beiträge zur Ophthalmologie, Archiv für Ophthalmologie.
1881 061 RUN L Se
— Derselbe. Anatomisch-physiologische Untersuchungen über die Retina bei Menschen
und Wirbeltieren. SıesoLo und Köruikens Zeitschrift für wissensch. Zoologie. VIII, 1.
0. R. XLIII. Okt. 20.
1857. CO Beromawx. Anatomisches und Physiologisches über die Netzhaut des Auges.
Zeitschr. für rationelle Medizin. (3) II. 88,
1858, Nunxereyr. On the structure of the retina., Quarterly Journal of microscop. science.
1858. Juli. 217.
1859. Been, Über den Bau der Stäbchen und äußeren Endigungen der Radialfasern
‘an der Netzhaut des Frosches. Archiv für Ophthalm. V, 2. 8.101.
— M. Scuurrze. De retinae structura penitiori. Bonn.
1859. E. v. Waur, De retinae textura in monstro anencephalo. Dissert. Dorpat.
1860. W. Maxz. Über den Bau der Retina des Frosches. Zeitschr. für ration. Medizin.
(8) X, 301.
== Ger ës Baumg, Eine Notiz zur Anatomie und Bedeutung der Stäbchenschichte der Netz-
haut, Wiener Sitzungsber. XLII, 15—18.
— W. Krause. Über den Bau der Retinastäbchen beim Menschen. Göttinger Nach-
richten. 1861. Nr. 2. Zeitschr. für ration. Medizin. (8) XI, 175.
28 Anatomische Beschreibung des Auges. [23.
1861. M. Scuurrze. Sitzungsber. der niederrheinischen Ges. 1861. 8. 97. Archiv für
Anatomie und Physiol. 1861. 8.785. Archiv für mikrosk. Anatomie. II, 115—286.
— Rrrr im Archiv für Ophthalm. VII, 1.
1862. H. Mun, Bemerkungen über die Zapfen am gelben Fleck des Menschen. Würz-
burger naturwiss. Zeitschr. II, 218. s
— Derselbe. Über das Auge des Chamäleon. Ebenda. II, 10.
1863. Scuress. Beitrag zur Anatomie der Retinastübchen. Zeitschr. für ration. Medizin.
(8) XVII, 129:
— H. Wieren, Untersuchung der Retinazapfen bei einem Hingerichteten. Ebenda.
XX, 178,
— W. Krause. Ebenda. XX, 7.
1865. Bressio, De Retinae textura. Dissert. Dorpat.
1866. J. Hrsg, Handbuch der systematischen Anatomie des Menschen. II, 636—670.
§ 5. Die Kristallinse.
Die Kristallinse ist ein durchsichtiger, farbloser, bikonvexer Körper,
dessen vordere Fläche weniger gewölbt ist als die hintere. Sie wird umschlossen
von einer strukturlosen glashellen Membran (Linsenkapsel), welche in allen
Eigenschaften der Descoemerschen Membran entspricht; auch trägt sie, wie diese,
vorn, wo sie von der wäßrigen Feuchtigkeit bespült wird, nach Brücke ein
Epithelium, welches Hrsg und korn dagegen leugnen. Ihre hintere
Hälfte ist mit der Glashaut verwachsen. Die Substanz der Linse ist in den
äußeren Schichten von gallertartiger Konsistenz, in der Mitte oder dem Kerne
der Linse dagegen konsistenter. Das Ganze bildet in frischem Zustande einen
elastischen Körper, der jeder äußeren Gewalt zwar leicht nachgibt, aber auch
schnell und vollkommen seine frühere Form wieder annimmt.
Die Substanz der Linse ist doppeltbrechend. Wenn man sie zwischen zwei
Fig. 19.
gekreuzten Nıcorschen Prismen betrachtet, sieht man das schwarze Kreuz mit
farbigen Ringen, welches senkrecht zur optischen Achse geschnittene einachsige
Kristalle zeigen.
Die Masse der Linse besteht aus einem eigentümlichen Proteinkörper, dem
Globulin oder Kristallin. Ihre mikroskopischen Elementarteile sind Fasern
von sechsseitigem (Querschnitt, 0,0056 bis 0,0112 mm breit, 0,002 bis 0,0038 mm
dick, im Kerne fester und schmaler als in den äußeren Schichten. Ihre breitere
Fläche liegt der Oberfläche der Linse parallel, daher die Linse auch leicht in
28. 24.] §5. Die Kristallinse, 29
dieser Richtung in zwiebelartig übereinanderliegende Schichten spaltet. Fig. 18
zeigt die Querschnitte der Fasern in ihrer Zusammenlagerung, Fig. 19 zeigt
die Richtung der Schichten in einem Durchschnitte der Linse. Die Fasern
haben im allgemeinen in jeder einzelnen Schicht die Richtung von der Achse
der Linse nach ihrer Peripherie hin. Nur in den der Achse näheren Teilen
bilden sie, indem sie umbiegen, eigentümliche sternförmige Figuren, wie eine
solche aus den äußeren Linsenschichten in Fig. 20 abgebildet ist. In den
Kernschichten hat der Stern nur drei Strahlen, welche miteinander Winkel von
120° machen. Die Sterne der hinteren und vorderen Fläche sind um 60° gegen-
einander gedreht. In den äußeren Schichten spalten sich dagegen die drei
Hauptstrahlen der Sterne vielfach in Nebenstrahlen, so daß viel verwickeltere
und unregelmäßigere Figuren entstehen.
Dicht unter der Kapsel liegt statt der Fasern eine Zellenschicht, welche
nach dem Tode zerfließt und dann den Liquor Moryagnii bildet. Ähnliche
Zellen verbinden nach Brücke auch die Faserenden in den Strahlen der Sterne
wenigstens in den äußeren Schichten, während Bowman und Köruıker hier
eine strukturlose Substanz annehmen. Letzterer erklärt auch die zellenähnlichen
Gebilde an der hinteren Linsenfläche für geschwollene und sich gegenseitig ab-
plattende Enden der Linsenfasern, welche sich hier an die Kapsel hefteten. In
jeder Hälfte der Linse existieren also drei durch die Achse gehende Ebenen,
die den Hauptstrahlen der Sterne entsprechen (central planes, Bowman), in denen
die Struktur der Linse abweichend ist; in den oberflächlichen Schichten teilen
sich diese Flächen noch weiter. Es hängen damit wahrscheinlich gewisse Un-
regelmäßigkeiten in der Brechung der Lichtstrahlen zusammen.
Über den Faserverlauf in der Linse sind wir noch keineswegs im klaren.
Tuomas! hat eigentümliche Figuren beschrieben, welche die Faserenden auf
Durchschnittsflächen getrockneter Linsen bilden, und welche meist aus zwei
Systemen konzentrischer Kreise bestehen. Diese lassen sich aus dem, was bisher
über den Faserverlauf der Linse bekannt ist, noch nicht erklären.
Krause erkürt infolge seiner Messungen an der Linse ihre Vorderfläche für ein
Stück eines abgeplatteten Rotationsellipsoides, die hintere für ein Rotationsparaboloid.
Er gibt folgende Werte der einzelnen Konstanten für die acht in § 2 erwähnten
Augen in Pariser Linien:
Achse 8 Vorderfläche. | Hinterfläche d =
der dor der Halbe Achse Entfer- | Entfer- | Durch-
ve zen vorderen ` hinteren | der Ellipse ko ie | Bus ba Lé messer
nse | Hälfte | Hälfte | große | kleine | Hornhaut | Netzhaut |
F Eae 088 1,15 | 2,05 | 0,95] 12 Kal 8% 1 Age,
ER ug 0,78 1,1 2 0,91 |. 1,85 | 499 | 68 4
UL | 24 0,98 ae Ia Inu) 1 || o HI
D. 22 0,95 125 | 2305| Wë) 185 | Al 80 | A
v.l 1,85 | 06 1,2 2,08 | 0,88 | 1,25 | 4,88) 64 | 4
VI. | 285 0,8 1,55 | 1,08 | 098 | 12 | 458 | 60 | 41
(CL. 0,78 1,02 | Am 095| 1 | 409 | oe | 4
VII. | 1,85 | 0,85 1 | 2 0,94 | 1 | 3,79 6,55 | 4
Ich habe Krauses Angaben über die Entfernung der Linsenflächen von der Horn-
haut und Netzhaut hier mit angegeben, habe aber schon früher bemerkt, daß ich ihre
1 Tuomas, Prager mediz, Vierteljahrsschr. 1854. Bd. I. Außerord. Beilage S. 1.
30 Anatomische Beschreibung des Auges. E?
Richtigkeit für sehr zweifelhaft halte. Auch in Beziehung auf die Dicke der Linse
stimmen meine an lebenden Augen angestellten Messungen nicht mit denen an toten
Linsen. Da die Dicke der Linse übrigens beim Sehen in der Nähe und Ferne sich
verändert, werde ich meine darauf bezüglichen Untersuchungen erst bei der Lehre
von der Akkommodation $ 12 auseinandersetzen.
Über den Bau der Linse:
1845. A. Hansover in J. Mürsers Archiv. 1845. S. 478”,
1846. Harrına in vax pe Hoevex en pe Vriese Tijdschrift XII. S. 1.
1847. *E. Brücke, Beschr. d. menschl. Augapfels, Berlin. S. 27—30*.
1849. W. Bowmax, Lectures on the parts concerned in ihe oper. on the ege. London.
1851. H. Meyer in J. Mürrers Archiv 1851. 202*,
1852. Gros in ©. R. de l'Acad. d Seiences. 1852. Avril.
1852. D. Brewster. On the development and extinction of regular doubly refracting
structures in the cristalline lenses of animals after death. Phil. Mag. (4) III,
192—198.
1854. "A. Körter, Mikroskopische Anatomie. Leipzig. Il. 702—713*,
Tuomas in Prager med. Vierteljahrsschrift. 1854. Bd. 1. Außerord. Beil. 5. 1*.
1859. G. Varentin. Neue Untersuchungen über die Polarisationserscheinungen der Kristall-
linsen des Menschen und der Tiere. Archiv für Ophthalm. IV, I, 227—268.
— D. Brewster, On certain abnormal sructures in the crystalline lenses of animals
and in the human crystalline. Rep. of Brit, Assoc. 1858. 2, p. 7.
1863. F. J. v. Becker. Über den Bau der Linse bei dem Menschen und den Wirbel-
tieren. Archiv für Ophthalm. IX (2), 1—42.
$ 6. Wässrige Feuchtigkeit und Glaskörper.
Die wässrige Feuchtigkeit (Humora queus) füllt den Raum zwischen der
Hornhaut, Iris und Linse aus. Den Raum, welcher zwischen der hinteren
Fläche der Hornhaut, der vorderen Fläche der Iris und der Pupillarebene liegt,
nennt man die vordere Augenkammer. Den Raum dagegen, den man zwischen
der Pupillarebene, der hinteren Fläche der Iris und der vorderen Fläche der
Linse vorhanden glaubte, nannte man hintere Augenkammer; indessen ist
dies in der Tat im normalen Zustande nur eine kapillare Spalte, indem die
hintere Fläche der Iris der vorderen der Linse dicht anliegt. Nur bei starker
künstlicher Erweiterung der Pupille durch Belladonna scheint sich die Iris von
der Linse zu entfernen.
Die wässrige Feuchtigkeit füllt also die vordere Augenkammer. Sie ist klar,
farblos und besteht aus Wasser, welches etwa 2 Proz. fester Stoffe, nämlich
Kochsalz und Extraktivstofie, enthält. Sein Brechungsverhältnis ist kaum von
dem des Wassers unterschieden.
Der Raum des Augapfels, welcher zwischen der Linse und der Netzhaut
liegt, ist vom Glaskörper (Corpus vitreum, Humor vitreus) ausgefüllt, welcher
von der Glashaut (Membrana hyaloidea) umschlossen wird. Der Glaskörper
bildet eine gallertartige Masse von wenig Zusammenhang. Wenn man ihn zer-
schneidet, tropft eine dünne, nicht Faden ziehende Flüssigkeit aus. Diese
reagiert alkalisch, und enthält 1,69 bis 1,98 Proz. feste Teile, von denen die
Hälfte aus unorganischen Stoffen (Kochsalz, wenig kohlensaures Natron, Spuren
von Kalk, Schwefelsäure und Phosphorsäure) besteht. Der organische Teil des
Inhalts scheint hauptsächlich Schleimstoff zu sein, und enthält Spuren einer
Proteinverbindung. Auch das Brechungsverhältnis des Glaskörpers unterscheidet
sich kaum von dem des Wassers, ist aber etwas höher als das der wässrigen
Feuchtigkeit.
25. 26.] Sp, Wässrige Feuchtigkeit und Glaskörper. 31
Bei Embryonen hat der Glaskörper einen zelligen Bau, später aber findet
man von den Zellen nur einzelne Reste, Membranen, Körnerchen, körnige Massen,
welche sich darin, wenn auch nicht ganz frei, bewegen. Seine Konsistenz ver-
dankt der Glaskörper wahrscheinlich einer geringen Menge einer stark auf-
gequollenen organischen Substanz (Schleimstoff oder Faserstoff). Geringe Mengen
Faserstofl, welche sich aus hydropischen Flüssigkeiten abscheiden, geben oft
ähnliche leicht bewegliche Gallerten, aus denen die Flüssigkeit ausläuft, wenn
man den Zusammenhang des Gerinnsels mechanisch zerstört. Läßt man den
Glaskörper in Reagenzien, welche den Schleimstoff niederschlagen, z. B. in
Lösungen von essigsaurem Bleioxyd oder Chromsäure erhärten, so findet man
auf Durchschnitten zuweilen regelmäßige Streifungen, von denen es aber noch
höchst zweifelhaft ist, ob sie Membranen entsprechen, welche sich durch den
Glaskörper hinziehen.
HaAnnovEr nimmt auf Grund dieser Streifungen an, daß im menschlichen
Glaskörper ebene Membranen vorkommen, und sich alle in einer Linie schneiden,
die von der Eintrittsstelle des Sehnerven nach der hinteren Fläche der Linse
hinübergeht, und daß die Membranen sich von dieser Linie nach dem äußeren
Umfang des Glaskörpers hinüberziehen und dort ansetzen, so daß der Bau des
Glaskörpers ähnlich dem einer Apfelsine sein würde.
Bei den entoptischen Erscheinungen werde ich die Schlüsse besprechen,
welche man daraus auf die Struktur des Glaskörpers machen kann.
Die Glashaut ist eine sehr feine, glashelle, strukturlose Membran, welche
im hinteren Teile des Auges der Membrana limitans interna der Netzhaut anliegt,
und ihr im Leben überall!, nach dem Tode nur an der Eintrittsstelle des Seh-
nerven und an der Ora serrata fest anhafte. Von der Ora serrata setzt sie
sich, dünner geworden, fort bis zur hinteren Fläche der Linsenkapsel, mit der
sie verschmilzt (Fig. 2, S. 3%), während sich zwischen sie und den Ciliarteil der
Netzhaut noch eine andere Membran einschiebt, die Zonula Zinnüi (Ligamentum
suspensorium lentis), welche von manchen Anatomen als ein vorderes Blatt der
Glashaut bezeichnet wird.
Die Zonula ist wie eine Halskrause gefaltet, so daß sie der Oberfläche der
Ciliarfortsätze folgt. Der vordere oder äußere Rand
ihrer Falten liegt fest mit der Membrana limitans
verbunden in der Tiefe zwischen den Falten der
Ciliarfortsätze, der hintere oder innere Rand ihrer
Falten, welcher den Gipfeln der Ciliarfortsätze
entspricht, nähert sich der Glashaut. In Fig. 2
ist die Zonula durch die Linie e bezeichnet. > N
Rechts füllt sie zwischen zwei Ciliarfortsätze, links ai
zieht sie über den Gipfel eines solchen Fortsatzes
hin. In dieser Weise gelangt sie zum Rande der d
Linse, und setzt sich in einer gewellten Linie an Fig. 21.
deren Kapsel fest. In Fig. 21 ist ein Quadrant
der Linse, projiziert auf eine durch die Achse ab der Linse gelegte Ebene,
dargestellt. Die Ansatzlinie der Glashaut ist mit ed bezeichnet. Davor sieht
man die gezackte Ansatzlinie der Zonula.
! Vıntsonoau in Sitzber, d. Wiener Akad. XI. 943 u. Burow in J. Mürters Archiv. 1840.
32 Anatomische Beschreibung des Auges. [2e. 27.
Der spaltenförmige Raum zwischen der Zonula und Glashaut wird Canalis
Perrrr genannt. Wenn man ihn aufbläst, nachdem man die Zonula von vorn
frei gelegt hat, treten die eingestülpten Falten der Zonula gewölbt heraus, und
das Ganze bekommt das Ansehen einer ionischen Eierleiste; daher nannte ihn
sein Entdecker Prrrr auch Canal godronne. Bei stürkerem Blasen zerreißen
die hervorgestülpten Teile der Membran, und es bleiben nur die vorderen
Faltenränder wegen ihrer größeren Festigkeit als Stränge stehen, welche die
Linse an den Glaskörper anheften. Diese vorderen Faltenränder sind übrigens
fest verbunden mit dem Üiliarteile der Netzhaut, der in der Tiefe zwischen den
Ciliarfortsätzen hinzieht, und letzterer haftet wieder der Pigmentschicht fest an.
Hier finden sich auch Faserzüge vor, welche nach Brücke aus den Fasern
herstammen, zwischen welche die Nervenzellen der Netzhaut eingebettet sind.
Diese drängen sich in der Ora serrata an den Stellen zusammen, die den
Zwischenräumen je zweier Ciliarfortsätze entsprechen, und ziehen im Grunde
dieser Zwischenräume nach vorn. Die Zonula selbst erklärt Brücke für eine
strukturlose Membran, während HENLE und Köruıker sie selbst für faserig
erklären. Gegen Reagenzien sind die Zonula und ihre Fasern so resistent wie
elastisches Gewebe.
Die Zonula sichert die Stellung der Linse, indem sie diese an den Ciliar-
körper heftet, und kann auch, wenn sie gespannt ist, auf den Aquatorialrand
der Linse einen Zug ausüben, welcher die Äquatorialdurchmesser der Linse ver-
längert, ihre Dicke in der Achse verringert, und ihre Flächen abplattet.
Über den Bau des Glaskörpers:
Parpenueım, Spezielle Gewebelehre des Auges. 1842. S. 181.
E. Brücke in J. Mürrers Archiv. 1848. S. 345 und 1845. S. 180.
Hanxover ebendas. 1845. S. 467 und in: Das Auge. Leipzig 1852.
Bowmax in Dublin Quarterly Journal of Med. Science. 1848. Aug.; auch in Lectures on
the Parts cone. in the oper. on the eye. London 1849, p. 94.
*E. Brücke, Beschr. d. menschl. Augapfels. Berlin 1847.
Vırcnow in Verhandl. d. Würzburger phys. med. Ges. II. 1851. 317 und in Archiv für
pathol. Anat. IV. 468 u. V. 278.
*Körrıxker, Mikrosk. Anatomie II. 718.
Doxpers en Jansen in Nederlandsch Lancet 1846. II. 454.
*A. Doxcan, De corporis vitrei structura. Dissert. Utrecht 1854. Abgedr. in Onder-
zoekingen ged. in het physiol. Laborat. der Utrechtsche Hoogeschool. Jaar VI. 5. 172.
§ 7. Umgebung des Auges.
Der Augapfel liegt, in lockeres Fettzellgewebe eingebettet, in der knöchernen
Augenhöhle (Orbita). Diese hat eine nahehin kegelförmige Gestalt. Die Grund-
fläche des Kegels ist die vordere Öffnung der Orbita in der Gesichtsfläche, die
Spitze des Kegels liegt nach hinten und etwas nach einwärts. In Fig. 22 ist
die Lage der Augen in den beiden Augenhöhlen dargestellt. Aus der hinteren
Seite des Augapfels rechts sieht man den Sehnerven a hervortreten, welcher
durch ein in der Spitze der Augenhöhle gelegenes Loch o (Foramen opticum)
in die Schädelhöhle eintritt, um sich hier bei m im Chiasma nervorum opticorum
mit dem der anderen Seite zu vereinigen und zu kreuzen. Die Fortsetzungen
der Sehnerven vom Chiasma bis zum Gehirn nennt man die Tractus optici.
Die Fasern eines jeden Tractus opticus gehen teils in den Sehnerven derselben,
teils in den der entgegengesetzten Seite über, ein kleiner Teil auch durch den
27. 28. 29.] Augenmuskeln. 33
Tractus opticus der anderen Seite nach dem Gehirne zurück. Auch haben
einige Beobachter Fasern gefunden, welche von dem einen Sehnerven durch das
Chiasma in den anderen übergehen.
In der Augenhöhle liegen ferner sechs zur Bewegung des Augapfels be-
stimmte Muskeln, nämlich
L der innere gerade i und
2. der äußere gerade a. Beide entspringen am Umfange des Foramen
opticum in der Spitze der Augenhöhle, und setzen sich an die innere. und äußere
Seite des Augapfels. Sie drehen ihn um seine vertikale Achse.
3. Der obere gerade in Fig. 22 rechts weggenommen, um den Sehnerven
zu zeigen, links mit s bezeichnet, und
4. der untere gerade, welcher ebenso auf der unteren Seite der Orbita
A A
|
Fig. 22.
liegt, wie der obere hier auf der oberen sichtbar ist. Sie entspringen ebenfalls
vom Umfange des Zoramen opticum und heften sich an die obere und untere
Seite des Augapfels. Sie drehen ihn um eine horizontale Achse, welche von der
Nasenseite und etwas nach vorn herübergeht nach der Schläfenseite und etwas
nach hinten, und in Fig. 22 mit DD bezeichnet ist. Diese Achse bildet einen
Winkel von etwa 70° mit der Achse des Auges A.
5. Der obere schiefe Muskel ż entspringt vom Rande des Foramen opticum,
läuft an der inneren oberen’ Seite der Augenhöhle nach vorn, seine Sehne geht
durch eine kleine Schleife u (trochlea), die am oberen vorderen Rande der
Augenhöhle befestigt ist, biegt hier um und heftet sich an die obere Seite des
Augapfels, bei ©. Der Muskel übt einen Zug in Richtung seiner Sehne aus.
6. Der untere schiefe Muskel, in der Figur nicht sichtbar, entspringt
vom inneren vorderen Umfange der Augenhöhle, läuft unter dem Augapfel nach
der Schläfenseite herüber und befestigt sich am äußeren hinteren Umfange des
Augapfels bei v Fig. 22. Die Drehungsachse BB für die schiefen Augenmuskeln
v. Hersuortz, Physiologische Optik. 8. Aufl. I. 8
84 Anatomische Beschreibung des Auges. [29.
läuft ebenfalls horizontal von außen und vorn nach innen und hinten, und macht
mit der Drehungsachse des oberen und unteren geraden Muskels einen Winkel
von etwa 75°, mit der Achse des Auges einen von 35°,
Durch verschiedenartig kombinierte Wirkung dieser sechs Muskeln kann die
Augenachse nach jeder beliebigen Richtung gewendet, und auch der Augapfel um
die Augenachse gedreht werden. Wenn wir hier für je zwei Muskeln eines Paares
eine gemeinschaftliche Drehungsachse angenommen haben, so scheint diese An-
nahme wenigstens vorläufig als erste Annäherung erlaubt zu sein, und vereinfacht
die Übersicht der Bewegungen, welche die Augenmuskeln auszuführen haben,
ungemein.
Nach vorn ist der Augapfel geschützt durch zwei Deckplatten, die Augen-
lider (Palpebrae). Jedes von ihnen schließt ein Knorpelplättchen ein, welches
auf der äußeren Seite von der äußeren Haut überzogen ist, auf der inneren
von einer Schleimhaut, die von dort auf den Augapfel übergeht, Bindehaut
des Auges (Conjunctiva), Sie ist an die weiße Sehnenhaut des Augapfels
locker angeheftet, nur am Rande der Hornhaut verschmilzt sie fest mit ihr. Die
Oberfläche der Bindehaut und die vordere Fläche der Hornhaut werden von drei
verschiedenen Sekreten fortdauernd befeuchtet. Diese sind 1) das Sekret der
Meısomschen Drüsen, welche an der inneren Fläche der Augenlider unter der
Bindehaut liegen. Ihre Ausführungsgänge öfinen sich längs der hinteren Kante
der Augenlidränder. Dieses fettige Sekret haftet meistens wohl nur an den
Rändern der Lider, und verhindert das Überfließen der wäßrigen Tränen; es
kann sich aber auch in öligen Tropfen über die Hornhaut verbreiten, namentlich
bei starken Bewegungen der Lider. 2) Der Schleim der Schleimdrüschen der
Bindehaut, welche am zahlreichsten am Rande der Falten zwischen den Lidern
und dem Augapfel sich vorfinden. 3) Die Tränenflüssigkeit, abgesondert von
den Tränendrüsen, von denen je zwei auf jeder Seite im oberen äußeren Teile
der Augenhöhle liegen. Sie ergießen ihr wäßriges Sekret, welches nur etwa
1 Proz. feste Substanzen enthält, durch 7 bis 10 feine Ausführungsgänge ober-
halb des äußeren Augenwinkels zwischen das obere Lid und den Augapfel. Von
hier verbreitet es sich über die ganze Fläche der Conjunctiva und wird am
inneren Augenwinkel durch zwei feine Öffnungen, die Tränenpunkte, auf-
genommen, die Mündungen der beiden Tränenkanälchen, welche es in einen
weiteren Kanal, Ductus nasolaerymalis, und endlich in die Nase führen.
Die Bindehaut des Auges ist außerordentlich empfindlich. Jede leiseste
Berührung eines fremden Körpers erregt Schmerz und eine unwillkürliche Be-
wegung der Augenlider, das Blinzeln. Dadurch und durch die fortdauernd
über die Bindehaut hinsickernde Tränenfeuchtigkeit wird die vordere Fläche
der Hornhaut stets rein und glänzend erhalten, was ein notwendiges Erfordernis
für ein deutliches Sehen ist. Größere in der Luft schwebende Staubteilchen,
Insekten usw. werden außerdem durch die Wimpern abgefangen.
30. $8. Einteilung des Gegenstandes. 35
Physiologische Optik.
$ 8. Einteilung des Gegenstandes.
Die physiologische Optik ist die Lehre von den Wahrnehmungen durch
den Gesichtssinn. Wir sehen die Objekte der Außenwelt durch Vermittelung
des Lichts, welches von ihnen her in unser Auge fällt. Dies Licht trifft die
Netzhaut, einen empfindungsfähigen Teil unseres Nervensystems, und regt in
ihr Empfindungen an. Die Empfindungen, durch den Sehnerven dem Gehirne
zugeleitet, werden die Veranlassung, daß unser Bewußtsein die Vorstellung von
gewissen im Raume verteilten Gegenständen faßt.
Demgemäß zerfällt die Lehre von den Gesichtswahrnehmungen in drei Ab-
schnitte:
l. Die Lehre von den Wegen des Lichts im Auge. Da wir darin haupt-
sächlich mit Brechungen der Lichtstrahlen und nur ausnahmsweise mit
spiegelnder oder diffuser Reflexion zu tun haben, können wir diesen Teil
auch die Dioptrik des Auges nennen.
. Die Lehre von den Empfindungen des Sehnervenapparats, in
welcher die Empfindungen behandelt werden, ohne Bezug zu nehmen auf
die Möglichkeit, äußere Objekte durch sie zu erkennen.
3. Die Lehre von dem Verständnisse der Gesichtsempfindungen,
welche von den Vorstellungen handelt, die wir auf Grund der Gesichts-
empflindungen über die Objekte der Außenwelt uns bilden.
Lë
Die physiologische Optik unterscheidet sich also von der physikali-
schen Optik dadurch, daß erstere die Eigenschaften und Gesetze des Lichts
nur insofern behandelt, als sie zu den Gesichtswahrnehmungen in Beziehung
stehen, während die physikalische Optik die Eigenschaften und Gesetze des
Lichts untersucht, welche ihm unabhängig vom menschlichen Auge zukommen.
Wenn die letztere auf das Auge Rücksicht nimmt, so benutzt sie es nur als
experimentelles Hilfsmittel, als das bequemste Reagens, um das Dasein und die
Verbreitung des Lichts zu erkennen und Licht verschiedener Art zu unter-
scheiden.
Für diejenigen meiner Leser, welchen die Resultate der physikalischen Optik
nicht vollständig geläufig sind, schalte ich hier einen kurzen Abriß der wesent-
lichen Eigentümlichkeiten des Lichts ein, welche für die physiologische Optik
von Wichtigkeit sind, und gebe die Definitionen der physikalischen Begriffe,
mit denen wir in der Folge zu tun haben werden.
Das Licht wird von der Mehrzahl der Physiker als eine eigentümliche
Bewegungsform eines hypothetischen Mediums, des Lichtäthers, angesehen, und
wir. wollen uns dieser Ansicht, der Undulationstheorie, die sehr vollständig
von allen Erscheinungen Rechenschaft gibt, anschließen.
Die Art der Bewegung der Atherteilchen längs eines Lichtstrahls, welche
die Undulationstheorie ihren Folgerungen zugrunde legt, versinnlicht man sich
am leichtesten, wenn man einen nassen Faden oder eine feine Kette AB
8’
36 Physiologische Optik. Ia,
Fig. 23, indem man sie am oberen Ende bei A mit der Hand faßt, senkrecht
herabhängen läßt, und nun die Hand seitlich hin und her bewegt. Der Faden
biegt sich dann zu einer Wellenlinie, wie sie durch die gestrichelte Linie der
Figur angedeutet ist, welche Wellenlinie fortdauernd vom oberen zum unteren
Ende herabläuft. Bei den Wellen, die sich längs des Fadens von oben nach
unten fortpflanzen, bleibt jedes einzelne Teilchen des Fadens immer in gleicher
A Höhe über dem Boden, wobei es entweder in geraden Linien von
rechts nach links, oder von vorn nach hinten hin und her schwanken,
RA
oder in horizontalen, kreisförmigen oder elliptischen Bahnen um
e
" seine mittlere Gleichgewichtslage sich bewegen kann, je nachdem
sich die Hand, welche den Faden hält, von rechts nach links, oder
von vorn nach hinten, oder in geschlossenen krummen Linien bewegt.
Ganz ähnlich der Bewegung der einzelnen Teile des Fadens
würde die Bewegung einer Reihe von Ätherteilchen sein, längs
welcher sich ein Lichtstrahl fortpflanzt. Jedes einzelne Teilchen des
Äthers bleibt fortdauernd in der Nähe seiner ursprünglichen Ruhe-
lage, und bewegt sich in geraden oder gekrümmten Bahnen um diese.
Was sich als Licht fortbewegt, sind nicht die Ätherteilchen selbst,
Jr sondern nur die Wellenform, in welche sie sich während ihrer
d Bewegung ordnen, mit ihren verschiedenen Abwechslungen (Phasen)
‘ von Ausweichung und Geschwindigkeit.
i4 Die Bahnen der Ätherteilchen bei der Lichtbewegung liegen
/ in Ebenen, welche senkrecht gegen die Fortpflanzungsrichtung der
Wellen sind, ganz wie bei unserem Faden, wo die Wellen in vertikaler
Richtung nach dem Boden hin laufen, und jeder einzelne Teil des
schwingenden Fadens stets in gleicher Höhe über dem Boden eine
B horizontale Bahn beschreibt. Dadurch unterscheiden sich die Licht-
Fig. 23. Wellen von den Wellen elastischer Flüssigkeiten, z. B. von der Schall-
bewegung der Luft, bei welcher die Teilchen parallel der Fort-
pflanzungsrichtung oszillieren. `
Wenn die Bahn der schwingenden Ätherteilchen in einem Lichtwellenzuge
geradlinig ist, nennt man das Licht geradlinig polarisiert, wenn die Bahn
kreisförmig oder elliptisch ist, nennt man das Licht dagegen kreisförmig oder
elliptisch polarisiert, wobei die Drehung rechts oder links herum geschehen
kann. Zwei geradlinig polarisierte Strahlen, deren Schwingungsrichtungen auf-
einander senkrecht stehen, nennt man senkrecht gegeneinander polarisiert.
Das natürliche Licht, wie es von leuchtenden Körpern ausgeht, verhält sich
meist wie eine gleichmäßige Mischung von allen Arten verschieden polarisierten
Lichts; man nennt solches unpolarisiert. Erst durch die Brechung und
Spiegelung des Lichts erhält man Licht, in welchem eine Art der Polarisation
überwiegt, oder allein vorkommt.
Wenn jedes Ätherteilchen bei der Lichtbewegung immer genau in derselben
Zeit denselben Weg mit derselben Geschwindigkeit wiederholt durchläuft, nennt
man das Licht einfach, einfarbig oder homogen, und die Zeit, in der es
seinen Weg einmal zurücklegt, heißt die Schwingungsdauer. Die auffallendste
Eigentümlichkeit, durch welche sich Licht verschiedener Schwingungsdauer von-
einander unterscheidet, ist die Farbe. Das natürliche Licht der leuchtenden
Körper ist meistens nicht einfaches Licht von konstanter Schwingungsdauer,
sondern enthält Wellenzüge von einer unendlichen Menge kontinuierlich in-
Sn
an
wi
s2.] Die Eigenschaften des Lichts. 87
einander übergehender Werte der Schwingungsdauer. Man nennt solches Licht
gemischtes oder zusammengesetztes Licht. Das weiße Licht der Sonne
ist gemischtes Licht, Einfaches Licht kann man am besten durch Brechung
in durchsichtigen Prismen aus dem gemischten ausscheiden, indem nach der
Brechung die Wellenzüge verschiedener Schwingungsdauer in verschiedenen
Richtungen sich fortpflanzen. Wir können also die Bewegung in einem Strahle
natürlichen Lichts vergleichen mit der Bewegung, welche unser Faden an-
nehmen würde, wenn die Hand, welche ihn hält, unregelmäßige Bewegungen
sowohl der Dauer als der Richtung nach ausführt, bei denen sie sich aber nie
weit von ihrer mittleren Lage entfernt.
Die Fortptlanzungsgeschwindigkeit der Lichtwellen ist außerordentlich groß.
Für den Weltenraum ist sie durch astronomische Beobachtungen bestimmt
worden, und beträgt hier 310177,5 Kilometer (41179 preußische Meilen) in der
Sekunde. In durchsichtigen Körpern ist sie geringer, und in diesen meistens, »
nicht ganz gleich für Licht verschiedener Schwingungsdauer.
In kristallisierten Körpern, oder solchen, deren molekulärer Bau nach ver-
schiedenen Richtungen hin verschieden ist (doppeltbrechenden Körpern), ist
die Fortpflanzungsgeschwindigkeit auch für verschiedene Richtungen der Fort-
pflanzung und der Polarisation verschieden.
Wenn längs der Linie AB Fig. 23 ein einfacher, geradlinig polarisierter
Lichtstrahl sich fortpflanzt, so ordnen sich die Ätherteilchen, welche anfangs in
der geraden Linie AB lagen, in eine Wellenlinie a, ba b, ap, welche sich mit
gleichförmiger Geschwindigkeit fortschiebt, und wechselnde Ausbiegungen nach
rechts und nach links von gleicher Länge zeigt. Die Länge von zwei solchen
Ausbiegungen, o, e. oder überhaupt die Entfernung je zweier entsprechender
Punkte auf zwei nächst aufeinander folgenden, nach gleicher Richtung hin ge-
bogenen Teilen der Wellenlinie nennt man die Wellenlänge. Während nun
der Gipfel des Wellenbergs von a, bis a, sich fortschiebt, muß bei A ein neuer
Gipfel der Linie angekommen sein, und das Ätherteilchen bei A muß eine
ganze Schwingungsdauer vollendet haben. Während der Zeit einer Schwingungs-
dauer pflanzt sich also das Licht um eine Wellenlänge fort, d. h. die Wellen-
länge ist gleich der Schwingungsdauer, multipliziert mit der Fortpflanzungs-
geschwindigkeit. Daraus folgt, daß bei Licht von gleicher Schwingungsdauer
in durchsichtigen Mitteln verschiedener Art die Wellenlänge der Fortpflanzungs-
geschwindigkeit proportional sein muß, und daß die Wellenlängen in dichteren
durchsichtigen Medien im allgemeinen kleiner sind als im leeren Raume.
Die Wellenlängen kann man mit Hilfe der Phänomene der Interferenz
inessen und daraus die Schwingungsdauer des betreffenden Lichts berechnen.
Die Phänomene der Interferenz beruhen darauf, daß zwei Lichtstrahlen sich
gegenseitig verstärken, wenn sie gleichgerichtete Ätherbewegungen, sich aber
aufheben, wenn sie entgegengesetzt gerichtete hervorbringen. Zwei Teile eines
Lichtstrahls, welche nach verschiedenen Wegen sich wieder vereinigen, verstärken
sich also, wenn ihre Wege gar nicht, oder um ein, zwei, mehrere ganze Wellen-
längen unterschieden sind, und sie heben sich auf, wenn die Wege um eine
ungerade Zahl halber Wellenlängen unterschieden sind. Aus solchen Phänomenen
der Interferenz hat man nun gefunden, daß die Lichtwellenlängen im leeren
Raume 14 bis 25 Millionteile eines Pariser Zolls (0,00039 bis 0,00069 Mm.)
betragen, und daraus für die Zahl der Schwingungen in der Sekunde 451 bis
789 Billionen gefunden.
38 Physiologische Optik. [32. 33.
Die Erschütterungen, welche ein leuchtender Punkt in einem einfach
brechenden Mittel dem umgebenden Äther mitteilt, pflanzen sich von ihm aus
gleichmäßig und mit gleicher Geschwindigkeit nach allen Richtungen fort. Da-
durch entsteht eine kugelförmige Ausbreitung der Welle, wobei die Exkursionen
der schwingenden Ätherteilchen in dem Verhältnisse abnehmen, wie der Radius
der Welle wächst. Die Intensität des Lichts aber, welche dem Quadrate der
Exkursionen proportional zu setzen ist, verhält sich demnach in verschiedenen
Entfernungen umgekehrt wie das Quadrat der Entfernung vom leuchtenden
Punkte. Bei einer solchen räumlichen Ausbreitung der Lichtbewegung nennt
man eine Fläche, in der Ätherteilchen liegen, die alle in derselben Phase
der Schwingung begriffen sind, eine Wellenfläche.
Ich habe noch den Begriff des Lichtstrahls zu erörtern. Seine mathe-
matische Definition ist die, daß er eine auf den Wellenflächen senkrechte Linie
sei; haben wir es also mit kugelig sich verbreitenden Wellen zu tun, so ist er
ein Radius der konzentrischen Kugelflächen und behält seine Richtung so lange
bei, als die Lichtbewegung in demselben durchsichtigen Medium ungestört fort-
schreitet. Wenn wir nun die Bewegung der lüngs eines Strahls gelegenen
Ätherteilchen betrachten, so ist dieselbe streng genommen allerdings nicht un-
abhängig von der Bewegung der Teilchen in benachbarten Strahlen. Indessen
haben Störungen in diesen benachbarten Bewegungen durch dunkle Körper usw.
unter den gewöhnlich stattfindenden Bedingungen, mit denen wir es auch nament-
lich im Auge allein zu tun haben, keinen beträchtlichen Einfluß auf die Be-
wegungen der Teile des ersten Strahls. Wir können also in solchen Fällen
die Bewegung der Ätherteilchen innerhalb eines Strahls annähernd als ein ab-
geschlossenes mechanisches Ganze ansehen, welches unabhängig von den Be-
wegungen der benachbarten Strahlen vonstatten geht. Dadurch wird die theo-
retische Untersuchung der Lichtbewegungen außerordentlich vereinfacht und
erleichtert. So sind wir denn auch im täglichen Leben gewöhnt vorauszusetzen,
daß jeder Lichtstrahl geradlinig fortschreite, ungehindert durch das, was seitlich
von ihm geschieht, und in der Tat sind die Abweichungen von dieser Regel
in den gewöhnlich vorkommenden Fällen ganz unmerklich., Diese Auflösung
der kugelförmigen Ausbreitung der Lichtwellen in linear sich fortpflanzende
Strahlen ist aber namentlich dann nicht mehr erlaubt, wenn das Licht durch
so kleine Öffnungen hindurchgeht, daß die Wellenlängen des Lichts nicht mehr
verschwindend klein gegen deren Dimensionen sind. Dann breiten sich sehr
merkliche Quantitäten des Lichts seitlich aus. Überhaupt sind Ablenkungen
kleiner Teile des Lichts von dem geraden Wege (Diffraktion) überall da zu
bemerken, wo Licht an dem Rande undurchsichtiger Körper vorbeigeht. In
solchen Füllen muß man auf die Bewegung der ganzen Lichtwellen zurückgehen,
um die Phänomene zu erklären, Für die Physik des Auges können wir dagegen
die Bewegung des Lichts unbedenklich als geradlinig betrachten, solange es
in einem homogenen Medium sich fortpflanzt.
Licht und Schall unterscheiden sich in dieser Beziehung sehr auffallend,
wenn auch eigentlich nur relativ, voneinander. Die Dimensionen der uns um-
gebenden Körper sind meist so groß, daß die Lichtwellenlängen dagegen als
verschwindend klein zu betrachten sind; deshalb bewegt sich die bei weitem
größte Menge des Lichts nur geradlinig fort, und es erfordert die Herstellung
besonderer Apparate, um die seitliche Ausbreitung kleinerer Teile desselben
wahrzunehmen. Die Schallwellen sind dagegen mehrere Zoll oder Fuß lang,
33. 34.] Die Eigenschaften des Lichts. 39
und zeigen deshalb, wenn sie zwischen festen Körpern hindurchgehen, meist
eine sehr bedeutende Seitenausbreitung. Wir wissen deshalb aus den alltäg-
lichen Wahrnehmungen, daß wir nur in gerader Linie sehen, aber um Ecken
herum hören können. Eben deshalb dürfen wir aber auch die Schallbewegung
nicht in Schallstrahlen auflösen wollen, wir würden uns dadurch zu weit von
den wirklichen Verhältnissen entfernen, und dasselbe ist der Grund, daß die
Theorie des Schalls bis jetzt noch so wenig ausgebildet werden konnte, im Ver-
gleiche zu der des Lichts. Demselben Umstande verdankt unser Auge die Mög-
lichkeit, aus der Richtung der einfallenden Lichtstrahlen sehr genau auf den
Ort des leuchtenden Körpers schließen zu können, was beim Schall nur höchst
unvollkommen möglich ist. Andererseits wird auch das Auge durch jeden in
den Weg tretenden dunklen Körper verhindert zu sehen, was hinter ihm vor-
geht, während das Ohr sehr wohl Töne vernehmen kann, die hinter ihm erregt
werden. So hängen mit der seitlichen Ausbreitung der Wellenzüge eigentüm-
liche Vorteile und Nachteile beider Sinne zusammen.
Wenn Licht auf die Grenzfläche zweier verschiedenartiger durchsichtiger
Mittel füllt, wird in der Regel ein Teil zurückgeworfen (reflektiert) und bleibt
in dem Mittel, in welchem er war, ein anderer Teil geht in das andere Medium
über, wird dabei aber in der Regel von seiner bisherigen Richtung abgelenkt,
d. h. gebrochen (refrangiert). Ist die Trennungstläche glatt (poliert), sind
beide Mittel einfach brechend, so wird ein auffallender Lichtstrahl nur nach
einer Richtung hin zurückgeworfen (spiegelnde Reflexion), und nur nach
einer Richtung hin gebrochen. Ist die Trennungsfläche rauh, so wird das Licht,
auch wenn es nur aus einer Richtung herkommt, nach vielen oder allen Rich-
tungen hin zurückgeworfen und gebrochen, es wird zerstreut (diffuse
Reflexion und Refraktion).
Während das Licht in einem körperlichen Mittel sich fortbewegt, kann es
entweder ungeschwächt bleiben, so weit es auch gehen mag; dann nennen wir
das Mittel durchsichtig. Absolut durchsichtige Mittel gibt es vielleicht nicht
außer dem leeren Raume. Oder es kann das Licht allmählich geschwächt
werden, und zwar auf zweierlei Weise. Entweder nämlich wird es von kleinen
fremden Körpern, Sprüngen, Stellen mit geändertem Gefüge usw. diffus zurück-
geworfen und gebrochen (falsche innere Dispersion), dabei erscheint das
Mittel trübe und in seinem Inneren selbst erleuchtet. Oder das Licht ver-
schwindet, ohne von seinem Wege abgelenkt zu werden (Absorption). Da
die Absorption meistenteils die Strahlen von verschiedener Schwingungsdauer
verschieden schnell verschwinden macht, so wird weißes Licht, wenn es durch
absorbierende Mittel geht, meistens farbig, und das Mittel selbst erscheint ge-
färbt. Farblose durchsichtige Mittel sind solche, welche alle leuchtenden Strahlen
ungeschwächt durchgehen lassen. Dieselben können dabei aber nicht leuchtende
Strahlen absorbieren, z. B. Wärmestrahlen oder die brechbarsten Strahlen des
Sonnenlichts, sich gegen solche also noch wie gefärbte Mittel gegen die leuch-
tenden Strahlen verhalten.
Bei der Absorption der Lichtstrahlen entstehen oft chemische Wirkungen;
zuweilen wieder Licht, und wahrscheinlich immer Wärme. Wenn wieder Licht
entsteht, so sendet jeder Teil des beleuchteten Mittels Licht nach allen Seiten
aus, welches sich aber in der Farbe und Zusammensetzung von dem absorbierten
Lichte unterscheidet, die Substanz wird selbstleuchtend.. Man nennt dieses
Selbstleuchten Phosphoreszenz, wenn es länger dauert als die Bestrahlung,
40 Physiologische Optik. Ia, ss.
Fluoreszenz oder wahre innere Dispersion, wenn es nur so lange dauert
als die Bestrahlung. Bei der Fluoreszenz ist das von der Substanz entwickelte
Licht in der Regel von größerer Schwingungsdauer als das einstrahlende, seine
Farbe und Zusammensetzung meist unabhängig von der des letzteren, es findet also
eine Veränderung der Schwingungsdauer (Brechbarkeit) statt, und es wird da-
durch möglich, das dem Auge nicht sichtbare oder kaum sichtbare Licht, dessen
Schwingungsdauer kleiner ist als die des gewöhnlich sichtbaren, dem Auge
sichtbar zu machen, indem man es auf eine fluoreszierende Substanz (saures
schwefelsaures Chinin, Uranglas, Aufguß von Roßkastanienrinde, Bernstein usw.)
fallen läßt.
Ich lasse hier eine Aufzählung von Werken folgen, welche die physiologische Optik
im allgemeinen betreffen:
1600. Fuanrıcıus AB AQUAPENDENTE, de visione. Ven. Fol.
1604, J. Keren, Paralipomena ad Vitellionem. Frankf. Cap. 5.
1618. Fraxcıscı Aquızoxu, opticorum libri sex. Antwerpiae.
1619. Scneiser, Oculus sive fundamentum opticum, in quo radius visualis eruitur, sive
visionis in oculo sedes cernitur et anguli visorii ingenium reperitur, Oenip.
17388. R. Sum, a complete system of opties with J. Jurıss, essay upon distinct and in-
distinct vision. Cambridge 1738. — Deutsch v. Käsrxer. Altenb, 1755.
1740. Le Oar, Traité des sens. Rouen.
1746. P. Camper, dissert. de visu. Lugd. Batav.
1759. Dorrenretn, Treatise on the eyes, the manner and phaenomena of vision. Edinb.
1766. Harzer, Elementa physiologiae hum. Lausanne 1757. Bern 1766.
1819. J. Purkınse, Beiträge zur Kenntnis des Sehens in subjektiver Hinsicht. Prag.
1825. J. Purkınse, Beobachtungen und Versuche zur Physiologie der Sinne. Bd. I.
Neue Beiträge zur Kenntnis des Sehens. Berlin.
Lenor, Nourelle theorie de la vision. Paris.
1826. J. Mürzer, Zur vergleichenden Physiologie des Gesichtssinnes. Leipzig.
1828. Muxcke, Artikel: Gesicht und Sehen in Geuvers physikalischem Wörterbuche.
Leipzig.
1880. A. Hueck, Das Sehen seinem äußeren Prozesse nach. Dorpat u. Göttingen.
1831. D. Brewsten, A treatise on opties.
1884. C. M. N. Barrets, Beiträge zur Physiologie des Gesichtssinnes. Berlin.
1886. A. W. Vorcxsann, Neue Beiträge zur Physiologie des Gesichtssinns.
1837. J. Mëttes Lehrbuch der Physiologie des Menschen. Coblenz. Bd. II. $. 276—393.
1839. F. W. G. Bunter, Handbuch der Optik. Bd. II. S. 211 - 281.
1842. Burow, Beiträge zur Physiologie und Physik des menschlichen Auges. Berlin.
1844. Moser über das Auge in Doves Repertorium der Physik. Berlin. Bd. V.
1845. Tu. Ruere, Lehrbuch der Ophthalmologie.
1846. Voroxsann, Artikel: Sehen in R. Waoxers Handwörterbuch d. Physiologie.
Braunschweig.
1852. C. Long, Lehrbuch der Physiologie des Menschen. Heidelberg. Bd. I. SR 192
bis 268,
1847-53. Brücke, Berichte über physiologische Optik in Fortschritte der Physik. Bd. Ibis V.
Erster Abschnitt.
Die Dioptrik des Auges.
§ 9. Gesetze der Brechung in Systemen kugeliger Flächen. 7
Der Gang der Lichtstrahlen im menschlichen Auge wird hauptsächlich durch
Brechung verändert. Es ist aber nicht bloß eine einzelne brechende Fläche
vorhanden, sondern eine Reihe von solchen. Ich werde also die allgemeinen
Gesetze der Lichtbrechung in einfach brechenden Mitteln und namentlich auch
der Brechung in einer Reihe von gekrümmten Flächen, welche die Grundlage
des vorliegenden Abschnitts bilden, vorausschicken.
An einer einzelnen brechenden Fläche ist die Lage des zurückgeworfenen
und gebrochenen Strahls in folgender Weise bestimmt. In Fig. 24 sei ab die
Grenzfläche beider Medien, welche man die
brechende Fläche nennt; fe sei einer der
darauf fallenden Lichtstrahlen, de die im
Punkte c auf ab senkrecht stehende Linie,
welche man das Einfallslot nennt, ch der
zurückgeworfene und cg der gebrochene Strahl.
Die Ebene, welche durch das Einfallslot und
den einfallenden Strahl zu legen ist, nennt
man Einfallsebene, den Winkel zwischen
dem einfallenden Strahle und dem Einfalls-
lote den Einfallswinkel (in der Figur ist
es der Winkel def; mit e bezeichnet), den
Winkel zwischen dem Einfallslote und dem Fig. 24.
zurückgeworfenen Strahle den Reflexions-
winkel in der Figur hed) und denjenigen zwischen dem Einfallslote und dem ge-
brochenen Strahle (gce oder £) den Brechungswinkel. Bei einfach brechenden
Medien ist dann die Lage des zurückgeworfenen und gebrochenen Strahls dadurch
gegeben, daß erstens beide ebenfalls in der Einfallsebene liegen, und daß zweitens
der Reflexionswinkel gleich dem Einfallswinkel ist, der Brechungswinkel aber
von dem Einfallswinkel in der Weise abhängt, daß ihre Sinus sich verhalten
wie die Fortpflanzungsgeschwindigkeiten des Lichts in den betreffenden beiden
Medien. Das Verhältnis der Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Lichts im
Vakuum zu der in einem gegebenen Mittel nennt man das Brechungs-
verhältnis oder Brechungsvermögen dieses Mittels. Ist also e die Fort-
Pflanzungsgeschwindigkeit im Vakuum, o in dem ersten, «, in dem zweiten
Mittel, n, das Brechungsverhältnis des ersten, n, das des zweiten Mittels, so ist
—_
1 Vgl. Kap. 1 der nach dem ersten Abschnitte folgenden Zusätze! G.
44 Die Dioptrik des Auges. [36. 37.
KE
sinu sinf
sinu _ sinf
Dy Co
n sing = n, sin f.
oder
In der letzteren Form pflegt man gewöhnlich das Brechungsgesetz auszusprechen.
Für das Vakuum ist das Brechungsverhältnis nach der gegebenen Definition
= 1, für die Luft bei gewöhnlichem Drucke so wenig davon unterschieden
(nämlich 1,00029 bei 0° und 0,76 mm Druck), daß man in den meisten Fällen
den Unterschied vernachlässigen kann. Die Fortpflanzungsgeschwindigkeiten der
verschiedenen einfachen farbigen Strahlen sind im Vakuum nicht vonein-
ander verschieden, wohl aber in den durchsichtigen tropfbaren und festen
Körpern. In diesen pflanzen sich in der Regel die Strahlen von kleinerer
Schwingungsdauer (die blauen und violetten) langsamer fort als die von längerer
Schwingungsdauer (gelbe und rote), es sind also auch die Brechungsverhältnisse
für die ersteren größer als für die zweiten, und man bezeichnet deshalb auch
jene (die violetten) als die brechbareren Strahlen, letztere (die roten) als die
weniger brechbaren. Wegen dieser Verschiedenheit der Brechbarkeit schlagen
denn auch die verschiedenen farbigen Teile des weißen Lichts nach einer
Brechung in tropfbaren oder festen Körpern im allgemeinen verschiedene Wege
ein, und es gibt dies ein Mittel ab, sie zu trennen. In der Fig. 24 ist voraus-
gesetzt, daß oberhalb der brechenden Fläche sich ein dünneres, unterhalb der-
selben ein dichteres Medium befinde. Kommt das Licht aus dem ersteren von f
her, so wird der gebrochene Strahl cg dem Einfallslote ce genähert werden.
Für die violetten Strahlen ist die Ablenkung stärker als für die roten. Wenn
also die violetten etwa den Weg cg einschlagen, geht das rote Licht des Strahls fc
in der Richtung og, fort, und trennt sich somit von den brechbareren Farben.
Im Auge haben wir es mit der Brechung des Lichts an kugeligen oder
nahehin kugeligen Flächen zu tun. Die Gesetze der Brechung vereinfachen sich
für eine jede solche Fläche außerordentlich, wenn das Licht nur unter sehr
kleinen Einfallswinkeln, d. h. nahe senkrecht auf sie fällt. Sie vereinfachen sich
auch für ein System solcher Flächen, wenn die Mittelpunkte der Kugelflächen
alle in einer geraden Linie, der Achse des Systems, liegen. Systeme von
kugeligen Flächen, in denen diese letzte Bedingung erfüllt ist, nennt man
zentriert. Licht, welches ursprünglich von einem Punkte ausgegangen ist, oder
allgemeiner, Licht, dessen Strahlen hinreichend verlängert alle durch einen Punkt
gehen, d. h. homozentrisches Licht, wird, nachdem es durch ein solches
System gegangen ist, und alle brechenden Flächen nur unter kleinen Einfalls-
winkeln getroffen hat, entweder sich in einen Punkt wieder vereinigen, oder so
fortgehen, als käme es alles von einem leuchtenden Punkte her, also wieder
homozentrisch sein. Den Konvergenzpunkt der Lichtstrahlen nennt man in
beiden Füllen das optische Bild des ursprünglich leuchtenden Punktes, oder
da Lichtstrahlen, welche von dem Orte des Bildes ausgehen würden, an der
Stelle des ursprünglich leuchtenden Punktes wieder vereinigt werden würden,
nennt man den Ort des leuchtenden Punktes und den seines Bildes auch kon-
37. 38.) Brechung an kugeligen Flächen. 45
jugierte Vereinigungspunkte der Strahlen. Man nennt ferner das optische
Bild reell, wenn die Lichtstrahlen, welche von dem leuchtenden Punkte aus-
gegangen sind, in ihm wirklich zur Vereinigung kommen. Dies kann nur ge-
schehen, wenn das Bild hinter den brechenden Flächen liegt. Man nennt es
virtuell, wenn der Vereinigungspunkt der Lichtstrahlen in ihren rückwärts ge-
zogenen Verlängerungen vor der letzten brechenden Fläche liegt. Im letzteren
Falle schneiden sich also nicht die Lichtstrahlen selbst, sondern nur ihre Ver-
längerungen.
Konvexe Glaslinsen (Brenngläser oder Sammellinsen) geben von entfernten
Gegenständen reelle Bilder, wie Fig. 25 zeigt; cd ist die Linse, a der leuch-
tende Punkt, die einfallenden
Lichtstrahlen ac und ad werden
in die Richtungen cf und de ge-
brochen, vereinigen sich wirklich
in dem Punkte b, dem Punkte Fig. as
des reellen Bildes, und gehen Dof
nach der Schneidung wieder 0.
divergierend auseinander, gerade
als wäre b ein ursprünglich leuch-
tender Punkt.
Konkave Glaslinsen (Zer-
streuungsgläser) geben virtuelle Fig. 26.
Bilder wie in Fig. 26, wo die Be-
zeichnungen dieselben sind wie in Fig. 25. Hier schneiden sich die Licht-
strahlen nicht wirklich, wohl aber ihre Verlängerungen in b, und gehen
hinter der Linse weiter, als kämen sie von b, so daß ein hinter der Linse
zwischen f und e stehendes Auge glauben würde, den leuchtenden Punkt in b
zu sehen.
Wenn mehrere leuchtende Punkte in einer gegen die Achse des brechenden
Systems senkrechten Fläche liegen, und der Achse nahe genug sind, daß ihre
Strahlen auf sämtliche brechende Kugelflächen unter sehr kleinen Einfalls-
winkeln treffen, so liegen ihre reellen oder virtuellen Bilder auch alle in einer
auf die optische Achse senkrechten Ebene, und ihre Verteilung in dieser Ebene
Ist geometrisch ähnlich der Verteilung der leuchtenden Punkte, und gehören
die leuchtenden Punkte einem Objekte an, so ist das optische Bild dieses Ob-
Jekts ihm selbst ähnlich.
Ein Beispiel reeller Bilder von Objekten, welches zugleich den Verhältnissen
des Auges höchst ähnlich ist, gibt unter den phy- A
sikalischen Instrumenten die Camera obscura. Ein innen
geschwärzter Kasten A enthält in seiner vorderen Wand
eine verschiebbare Röhre, in welche eine oder mehrere j Ma
Glaslinsen ? eingesetzt sind. Die Rückseite des | D
Kastens g besteht aus einer matten Glastafel. Wenn Al
man die Gläser ! gegen entfernte erleuchtete Objekte
wendet, und die matte Tafel g beschattet, so sieht man
auf ihr ein umgekehrtes, natürlich gefärbtes Bild der Objekte entworfen,
welches auch bei einer richtigen Stellung der Linsen ! sehr scharf gezeich-
net erscheint, Die Linsen müssen zu dem Ende so gewählt und gestellt
sein, daß die Strahlen, welche von einem jeden einzelnen Punkte des ab-
HOH UEH HIE
Fig. 27.
46 Die Dioptrik des Auges. Tas, an,
gebildeten Gegenstandes ausgegangen sind, sich in einem Punkte der matt-
geschliffenen Glasfläche wieder vereinigen. Dann empfängt dieser Punkt
der Glastläche alles Licht, welches von dem entsprechenden Punkte des
abgebildeten Gegenstandes her in das Instrument gefallen ist, und wird von
ihm in derselben Farbe und entsprechender Helligkeit erleuchtet, wie sie
dem Punkte des Objekts zukommen. Dagegen fällt auf diese Stelle der Glas-
tafel kein Licht, welches von irgend einem anderen Punkte des Gegenstandes
ausgegangen wäre, weil solches Licht eben in anderen Punkten der Tafel sich
vereinigt.
Bei diesen Beobachtungen bemerkt man zunächst, daß die Bilder ungleich
von dem Instrumente entfernter Gegenstände nicht gleichzeitig deutlich auf der
matten Tafel entworfen werden, daß man vielmehr die Röhre mit den Linsen
etwas herausziehen muß, um nähere Gegenstände abzubilden, für entferntere
dagegen mehr hineinschieben. Der Grund davon ist der, daß die Bilder un-
gleich entfernter Punkte auch selbst verschiedene Entfernung von den Linsen
haben, also nicht gleichzeitig genau in der Ebene der matten Glastafel liegen
können.
Man bemerkt ferner, wenn die Linsen einen großen Durchmesser im Ver-
hältnis zur Länge des Kastens haben, daß die Ränder heller Flächen in dem
Bilde farbige, meist blaue oder gelbrote Süume zeigen. Wegen der verschie-
denen Brechbarkeit des verschiedenfarbigen Lichts liegen die Vereinigungspunkte
verschiedenfarbiger Strahlen nicht genau in derselben Entfernung hinter der
Linse, und die Bilder für die verschiedenen Farben decken sich nicht genau.
Man nennt dies die chromatische Abweichung. Sie kann fast vollständig
aufgehoben werden durch eine passende Verbindung von Linsen, die aus ver-
schiedenem Stoffe bestehen. Dergleichen optische Instrumente, in welchen so
die chromatische Abweichung beseitigt ist, nennt man achromatisch.
Aber auch bei der Beleuchtung mit einfarbigem Lichte zeigen die Bilder
der Camera obscura und anderer optischer Instrumente mit brechenden Kugel-
flächen bei großen Öffnungen der Linsen eine gewisse Ungenauigkeit der Um-
risse, welche daher entsteht, daß die durch eine kugelige Fläche gebrochenen
Strahlen des abgebildeten Punktes zwar nahehin, aber doch nicht absolut genau
in einen Punkt wieder vereinigt werden. Nur bei verschwindend kleinen Ein-
fallswinkeln werden sie genau vereinigt. Diese zweite Art der Abweichung
nennt man die sphärische oder die Abweichung wegen der Kugelgestalt.
Instrumente, in denen sie durch passende Zusammenstellung der brechenden
Flächen möglichst verringert ist, nennt man aplanatisch. Vollständige
Aplanasie ist durch Kugelflächen im allgemeinen nicht zu erreichen, sondern
dazu würde man andere gekrümmte Flächen und zwar Rotationsflächen des
zweiten oder vierten Grades anwenden müssen, welche aber an optischen In-
strumenten bisher noch nicht ausgeführt werden können.
Die Lage und Größe der optischen Bilder, welche zentrierte Systeme von
kugeligen brechenden Flächen entwerfen, sowie auch der Gang eines jeden
durch sie hindurchgegangenen Lichtstrahls, der sämtliche brechende Flächen
unter sehr kleinen Einfallswinkeln passiert hat, ist nach verhältnismäßig ein-
fachen Regeln zu bestimmen, wenn man gewisse Punkte, die optischen Kar-
dinalpunkte des Systems kennt. Es gibt drei Paare von solchen Punkten,
nämlich die beiden Brennpunkte, die beiden Hauptpunkte und die beiden
Knotenpunkte.
80. 40. ] Definitionen der Kardinalpunkte, 47
Man nenne die Seite des Systems, von der das Licht herkommt, die erste,
die, nach der es hingeht, die zweite Seite, das Brechungsverhältnis des ersten
Mittels sei n,, das des letzten n,.
Der erste Brennpunkt ist dadurch bestimmt, daß jeder Strahl, der vor
der Brechung durch ihn geht, nach der Brechung parallel mit der Achse wird.
Der zweite Brennpunkt ist dadurch bestimmt, daß durch ihn jeder Strahl
geht, der vor der Brechung parallel der Achse ist.
Der zweite Hauptpunkt ist das Bild des ersten, d. h. Strahlen, welche
im ersten Mittel durch den ersten Hauptpunkt gehen, gehen nach der letzten
Brechung durch den zweiten. Ebenen, senkrecht zur Achse durch die Haupt-
punkte gelegt, heißen Hauptebenen. Die zweite Hauptebene ist das optische
Bild der ersten, und zwar sind es die einzigen zusammengehörigen Bilder, welche
gleich groß und gleich gerichtet sind. Durch diese Bedingung ist die Lage der
Hauptpunkte bestimmt.
Der zweite Knotenpunkt ist das Bild des ersten. Ein Strahl, der im
ersten Medium nach dem ersten Knotenpunkte gerichtet ist, geht nach der
Brechung durch den zweiten Knotenpunkt, und die Richtungen des Strahls vor
und nach der Brechung sind einander parallel.
Die Entfernung des ersten Hauptpunkts vom ersten Brennpunkte ist die
erste Hauptbrennweite. Sie wird positiv gerechnet, wenn der erste Haupt-
punkt im Sinne der
Fortbewegung des
Lichts hinter dem
ersten Brennpunkte
liegt. Ist also in
Fig. 28 AB die
Achse, und A die
Richtung, wo das Fig. 28.
Licht herkommt, P
der erste, f, der zweite Brennpunkt, A. der erste, h, der zweite Hauptpunkt,
k, der erste, k, der zweite Knotenpunkt, so ist f h, die positive erste Haupt-
brennweite. Dagegen f,h,, als die Entfernung des zweiten Brennpunkts vom
zweiten Hauptpunkte, ist die zweite Hauptbrennweite, positiv gerechnet, wenn,
wie in der Figur, der Brennpunkt hinter dem Hauptpunkte liegt.
Die Entfernung des ersten Knotenpunkts vom ersten Brennpunkte ist gleich
der zweiten Hauptbrennweite, die des zweiten Knotenpunkts vom zweiten Brenn-
punkte gleich der ersten Hauptbrennweite. Also:
hEm Inh
geet Es re 209
Daraus folgt, daß der Abstand der gleichnamigen Haupt- und Knotenpunkte von-
einander gleich dem Unterschiede der beiden Brennweiten sei:
kh NR a ett E a a est,
und daß außerdem der Abstand der beiden Hauptpunkte voneinander gleich
sei dem Abstande der beiden Knotenpunkte voneinander:
Rhy Käke urn. a aa
48 Die Dioptrik des Auges. lan, 41
Endlich verhalten sich die beiden Hauptbrennweiten zueinander wie die
Brechungsverhältnisse des ersten und letzten Mittels:
LA GA
D D
D
Ist also das letzte Mittel dem ersten gleichartig und n, = mn. wie es bei den
meisten optischen Instrumenten, nicht aber beim Auge der Fall ist, so sind die
beiden Hauptbrennweiten gleich, und es fallen die gleichnamigen Hauptpunkte
und Knotenpunkte zusammen, nach Gleichung £).
Die ersten Brenn-, Haupt- und Knotenpunkte beziehen sich nach den ge-
gebenen Definitionen stets auf den Gang der Strahlen im ersten Medium, die
zweiten auf den Gang im letzten Medium.
Legt man senkrecht zur Achse Ebenen durch die beiden Brennpunkte, so
heißen diese Brennebenen. Lichtstrahlen, welche von einem Punkte der
ersten Brennebene ausgegangen sind, sind nach der Brechung untereinander
parallel, und da nach der Definition der Knotenpunkte der vom leuchtenden
Punkte nach dem ersten Knotenpunkte gerichtete Strahl nach der Brechung
seiner ursprünglichen Richtung parallel sein soll, so müssen alle Strahlen, die
von einem leuchtenden Punkte in der ersten Brennebene ausgegangen sind,
jenem Strahle nach der Brechung parallel sein.
Strahlen, welche im ersten Mittel untereinander parallel sind, vereinigen
sich in einem Punkte der zweiten Brennebene, und da derjenige von den
parallelen Strahlen, welcher durch den ersten Knotenpunkt geht, nach der
Brechung vom zweiten Knotenpunkte aus seiner früheren Richtung parallel
weiter geht, so muß der Vereinigungspunkt der parallelen Strahlen da liegen,
wo dieser letztere Strahl die zweite Brennebene schneidet.
Diese Regeln genügen, um in jedem Falle, wenn der Weg eines Strahls im
ersten Medium gegeben ist, seinen Weg nach der letzten Brechung zu finden,
und wenn ein leuchtender Punkt im ersten Medium gegeben ist, den Ort seines
Bildes nach der letzten Brechung zu finden.
Fig. 29.
Es sei ab der Weg eines Strahls im ersten Medium; man soll seinen
Weg im letzten Medium finden.
Es sei a der Punkt, wo er die erste Brennebene schneidet, b der Punkt,
wo er die erste Hauptebene schneidet, wobei im allgemeinen die beiden
Punkte a und b nicht in einer Ebene mit der Achse des Systems AB liegen
werden. Das Bild des Punktes b liegt in der zweiten Hauptebene, da die eine
Hauptebene das Bild der anderen ist; und da ferner in diesem Falle das eine
Bild dem anderen gleich und gleich gerichtet sein soll, so liegt das Bild des
Punktes b der ersten Hauptebene in c, dem Fußpunkte des von b auf die zweite
41. 42.] Nutzen der Kardinalpunkte. 49
Hauptebene gefällten Lotes be. Jeder Lichtstrahl, der von b ausgeht, oder
durch b hindurchgeht, muß also nach der Brechung durch c gehen, als dem
Bilde von b So auch die Fortsetzung des Strahls ab.
Zweitens geht der Strahl ab durch den Punkt a der ersten Brennebene.
Jeder Strahl, welcher von einem Punkte der ersten Brennebene ausgeht, ist
nach den oben hingestellten Regeln nach der Brechung parallel dem Strahle,
welcher von jenem Punkte a nach dem ersten Knotenpunkte geht. Also muß
der Strahl ab nach der Brechung durch c gehen und parallel ak, sein. Man
ziehe cd parallel ak, so ist ed der gebrochene Strahl.
Nach dem, was ich vorher über die Eigenschaft der zweiten Brennebene
gesagt habe, können wir auch so verfahren. Man fälle das Lot bc auf die
zweite Hauptebene, ziehe E e parallel ab, welches in e die zweite Brennebene
schneidet, so ist ce der gebrochene Strahl. Daß dieser mit cd zusammenfällt,
läßt sich leicht zeigen.
Es sei a ein leuchtender Punkt; es soll sein Bild gefunden werden.
Man braucht nur zwei Strahlen von a aus nach der ersten Hauptebene zu
ziehen, und deren Weg nach der Brechung zu konstruieren. Wo sie sich
schneiden, liegt das Bild von a. Wenn a außerhalb der Achse liegt, ist es am
bequemsten, den mit der
Achse parallelen Strahl ae
und den nach dem ersten
Knotenpunkte gehenden ak, 4
zu benutzen. Wenn e der
Punkt ist, wo der erstere
Strahl die zweite Haupt-
ebene schneidet, so ziehe Fir. 80
GO D
man cf, und verlängere es
rückwärts oder vorwärts hinreichend, bis es die durch E mit ak, gelegte Parallele
in e schneidet. Der Ort des Bildes ist e.
Daß der Strahl ac nach der Brechung längs ce und ak, längs k,e geht,
ergibt sich leicht aus der vorigen Aufgabe und den obigen Definitionen.
Liegt der Punkt a in der Achse, so geht einer seiner Strahlen in der
Achse selbst ungebrochen fort. Man braucht dann nur irgend einen anderen
Strahl zu konstruieren, der außerhalb der Achse verläuft. Wo letzterer nach
der Brechung die Achse wieder schneidet, ist der Ort des Bildes.
Nachdem ich so die Resultate der mathematischen Untersuchung für die-
jenigen meiner Leser vorausgeschickt habe, denen es nur auf die Kenntnis der
Resultate ankommt, lasse ich die vollständige mathematische Entwickelung der-
selben hier folgen.
Brechung an einer Kugelfläche.
Es sei a der«Mittelpunkt der Kugelfläche cb, und p ein außerhalb der
Kugel liegender leuchtender Punkt. Ein von p ausgehender Lichtstrahl, welcher
in der geraden Linie pa auf den Mittelpunkt der Kugel zugeht, trifft die Kugel-
fläche normal, und geht deshalb ungebrochen weiter in der Verlängerung von
ap nach q hin. Ein anderer Lichtstrahl pc treffe die Kugelfläche in e und
werde hier gebrochen. Unsere nächste Aufgabe ist, seinen Weg nach der
V. Hrtanotzz, Physiologische Optik. 8. Aufl. I. 4
50 Die Dioptrik des Auges. [#2. 43.
Brechung zu bestimmen. Nach dem oben angeführten Brechungsgesetze muß
derselbe zunächst in der Einfallsebene bleiben, d. h. in der durch den ein-
fallenden Strahl und das Einfallslot gelegten Ebene. Da der Radius stets auf
2 demjenigen Teile der Kugeloberfläche,
zu welchem er hingeht, senkrecht
steht, so ist in diesem Falle das Ein-
fallslot cd die Verlängerung des
ai P Radius ac, und die Einfallsebene die
durch pe und ad gelegte. In der-
selben liegt auch die ganze Linie pq,
Fig. 81. da zwei ihrer Punkte p und a darin
liegen. Der gebrochene Strahl muß
also die Linie pa, wenn sie nach beiden Seiten in das Unendliche verlängert
gedacht wird, in irgend einem Punkte g schneiden, dessen Entfernung von
b zunächst bestimmt werden soll. Sollte der Strahl der Linie pa parallel
sein, so können wir den Durchschnittspunkt q als unendlich entfernt betrachten.
Die Lage des Punktes q wird nun durch die Bedingung gegeben, daß
NW
n sin(pod) =n sin(a). sos oos si aso e t)
wo n, das Brechungsverhältnis des Mediums ist, aus welchem das Licht kommt,
n, desjenigen, in welches es eintritt.
Da sich in geradlinigen Dreiecken die Sinus der Winkel wie die gegenüber-
liegenden Seiten verhalten, ist in dem Dreiecke apo
sin(pca) _ ap
sin (cp ae ac
und in dem Dreiecke ago
sin(gca) _ ag
sin(ega) ac
Wenn wir die erste dieser Gleichungen durch die zweite dividieren, und
dabei bemerken, daß der Sinus des Winkels pca gleich dem seines Neben-
winkels pod ist, so erhalten wir
sin(pcd) sin(oga) ap
sin(gea) sin(lopa) ag
Nach Gleichung (1) ist
sin(pod) n,
singe n
und in dem Dreieck peg ist
sin (cq a) „er
sin(pa) cq
Die drei letzten Gleichungen geben daher
„a TD e Te 0
n’cq aq
Für ap = œ wird daraus
ROUTER Od. ira are ar BR
da alsdann bis auf unendlich kleine Größen
43. 44.] Gesetze der Brechung in Systemen kugeliger Flächen. 51
Man kann die Gleichung 2) leicht benutzen, um den Gang der Lichtstrahlen
durch Konstruktion zu finden, wobei man denn, da im allgemeinen der Punkt q
seine Lage ändert, wenn dem Punkte c eine andere Lage gegeben wird, findet,
daß die Lichtstrahlen
sichnicht genau ineinem
Punkte, sondern in einer
krummenLinie(kausti-
schenLinie)schneiden,
von der Art, wie sie in
Fig. 32 für parallel auf-
fallende Strahlen dar-
gestellt ist. B B ist hier
die brechende Kugel-
fläche, C sind die ein-
fallenden Strahlen, GFG
die kaustische Linie, welche durch die Durchschnittspunkte je zweier zunächst
aufeinander folgender gebrochener Strahlen gebildet wird. Die mittelsten Strahlen
vereinigen sich in der Spitze dieser Linie bei F.
Wenn wir uns auf diejenigen Strahlen beschränken, welche nahe senkrecht
auf die brechende Fläche, also sehr nahe der Achse auf sie fallen, so sehen wir
aus der Fig. 31, daß, wenn der Punkt e sehr nahe an 5 rückt, das Verhältnis
CE übergeht in d Die Gleichung 2) wird dann also
BEE SE E Ee
n bq og e
Bezeichnen wir den Radius ab der brechenden Fläche mit r, die Entfernung
bp mit f,
bg mit f,,
ap mit o,
aq mit g,,
so daß also
kreeg ën éen E
Gan ET 9
so wird die Gleichung 2b)
Pl oder
a Tim
N, (9, Sp d = EA .
n (g, +r) 9,
Daraus erhält man durch eine leichte Umformung:
n n D -n
— + — = t oder
J; É, r 8)
E E SET
(Sak? Bar,
aus denen die gesuchte Größe f, oder g, zu bestimmen ist.
Nennen wir die Werte von f, und g,, welche einer unendlichen Entfernung
des leuchtenden Punkts entsprechen, beziehlich #, und @,, so erhalten wir, da
f. =œ und g, = œ
A?
52 Die Dioptrik des Auges. La, 45.
Lë nr |
0. |
Setzen wir /, und g, unendlich groß, und bezeichnen für diesen Fall f,
und g, mit F und @,, so ist
3a)
3b)
und nun können wir den Gleichungen 3) die einfache Form geben
E At
Ges -2 m l
TEE are
G, BR G, 1 |
Pr ER)
Die erste dieser Gleichungen gibt, nach f und nach f, aufgelöst, folgende
Formeln zur Berechnung dieser Größen
3c)
AT, |
f=;
f,- F, 3d)
Gelb
TEE,
Findet man negative Werte dieser Größen, so bedeutet es, daß sie auf
der entgegengesetzten Seite der brechenden Fläche liegen, als in Fig. 31 an-
genommen ist.
Bemerkungen. 1. Wenn das Licht nicht von p im ersten Medium,
sondern von o im zweiten ausgeht, wird für den Strahl cg Fig. 31, der vorher
der gebrochene Strahl, jetzt der einfallende ist, cp der zugehörige gebrochene
sein, welcher vorher der einfallende war. Sind also die nahe senkrecht von p
auf die brechende Fläche fallenden Strahlen in g vereinigt, so werden die von g
nahe senkrecht auffallenden in p vereinigt werden. Daraus ergeben sich nun
sogleich die Formeln für den Fall, daß die Lichtstrahlen auf die konkave Seite
der Kugelfläche fallen. Man braucht nur das erste Medium jetzt das zweite zu
nennen und umgekehrt, und dementsprechend alle Indizes der Buchstaben zu ver-
tauschen. Die Grundgleichungen 3) werden alsdann
LE en, ra
ët EN
[77 £
EN, DN, e E
Ba J, r
Man braucht also für eine konkave brechende Fläche nur den Krümmungs-
radius r negativ zu setzen, so gilt auch für sie die Formel 3), und natürlich
gelten ebenso auch die daraus abgeleiteten 3a), 3b), 3c) und 3d).
2. Wenn g das Bild von p ist, ist auch p das Bild von q. Um diese ge-
meinsame Beziehung auszudrücken, nennt man sie konjugierte Vereinigungs-
45. 46.) Gesetze der Brechung in Systemen kugeliger Flächen. 58
punkte, wobei man es zweifelhaft läßt, von welchem beider Punkte das Licht
ausgeht. Ebenso ist es für die Brechungsgesetze einerlei, ob der Licht aus-
sendende Punkt ein materieller, Licht erzeugender oder auffallendes Licht zer-
streuender Punkt sei, oder nur der Vereinigungspunkt von gebrochenen Strahlen.
Daher kann der leuchtende Punkt auch ein virtueller Vereinigungspunkt solcher
Strahlen sein, und in der Verlängerung der Strahlen hinter der brechenden
Fläche liegen.
8. Ich bemerke noch, daß auch die Gesetze der Reflexion der Strahlen an
gekrümmten Spiegeln aus den gegebenen Formeln 3) hervorgehen, wenn man
n, = — n, setzt. Wir werden dergleichen Formeln für die Spiegelbilder, welche
die brechenden Flächen im Auge geben, zuweilen brauchen. Gewöhnlich zieht
man es jedoch vor, für solche Spiegel die Bezeichnung anders zu wählen.
Setzen wir in der ersten Gleichung 8) statt n, überall — n,, so erhalten wir
1 1 2
due ST ch
Ist r nach unserer bisherigen Bezeichnung positiv, d. h. der Spiegel konvex,
so würde für f = oo der Wert von f, werden gleich 5
Vereinigungspunkt der Strahlen liegt hinter der spiegelnden Fläche, ist nur
virtuell. Wäre der Spiegel konkav, r also negativ, so wird auch f, negativ,
das Bild des leuchtenden Punktes liegt vor dem Spiegel und ist reell. Ge-
wöhnlich zieht man vor, die Entfernungen der reellen Bilder vom Spiegel positiv
zu nennen. Man gibt also dem /, und dem Radius der spiegelnden Fläche r
entgegengesetzte Vorzeichen als bei brechenden Flächen, und schreibt demnach
die Grundgleichung
also positiv, d. h. der
MORE
4. Wenn r unendlich groß, d. h. die brechende Fläche eben wird, so werden
nach 3a) auch die Brennweiten unendlich groß, und die erste der Gleichungen 3)
verwandelt sich in
oder
Kä
be A E Dre E D EEN EA
Dans Bild liegt also auf derselben Seite von der brechenden Fläche, aber
in einer anderen Entfernung.
Abbildung von Objekten durch eine brechende Kugelfläche.
Wenn im folgenden die Rede von Objekten ist, deren Bilder durch ge-
krümmte brechende Flächen entworfen werden, so sind darunter stets ebene
Objekte verstanden, deren Fläche senkrecht steht gegen die Achse des optischen
Systems, und von denen nur solche Lichtstrahlen ausgehen, die erstens nahe
senkrecht auf die brechenden Flächen fallen, und zweitens mit der Achse sehr
kleine Winkel einschließen.
Wenn eine kugelige brechende Fläche von einem leuchtenden Punkte ein
Bild entwirft, so können wir die Verbindungslinie dieses Punktes mit dem
54 Die Dioptrik des Auges. lg, 47.
Mittelpunkte als Achse betrachten. Wenn ein Objekt von der beschriebenen
Art da ist, müssen wir das von dem Mittelpunkte auf die Ebene des Objekts
gefällte Lot als die Achse betrachten.
Es sei in Fig. 38 pr die Achse, sp senkrecht zu pr ein Durchschnitt der
Ebene des Objekts, s ein leuch-
tender, seitlich neben der Achse
liegender Punkt, a der Mittelpunkt
der brechenden Fläche, ż das Bild
von s. Es soll die Lage von ż be-
stimmt werden durch zwei recht-
Fig. 88.
winkelige Koordinaten ra und ri, jenes parallel, dieses senkrecht zur Achse.
Abstrahieren wir zunächst von p, r und den übrigen vorhandenen leuchtenden
Punkten des Objekts sp, so muß das Bild von s, wie aus der bisherigen Unter»
suchung hervorgeht, zunächst in der Verlängerung der Verbindungslinie von s
und a liegen, so daß also sa und at eine gerade Linie bilden.
Bezeichnen wir sa mit y, und at mit y,, so ist nach Gleichung 3c)
G G
— kel, ee ee E
LCE d ;
Bezeichnen wir ferner pa mit g, ar mit æ und den Winkel sap mit e, so ist
9,
Apr
cos &
P
Te z
Die Werte von y, und y, in die Gleichung 4) gesetzt ergeben:
G G 1
P 7
Da nach der vorangeschickten Voraussetzung über die Größe der ab-
zubildenden Objekte der Winkel «œ sehr klein sein soll, so unterscheidet sich
cos« von 1 nur um ein Kleines zweiter Ordnung, und kann daher annähernd
= 1 gesetzt werden. Dann erhalten wir
a
et
Ist g, die Entfernung des Bildes von p von a, so ist
G G
— + — =l,
9; Ba
also
KE Te E KK arme Dh
Der Fußpunkt des Lotes tr ist also das Bild von p.
Die Bilder der Punkte, welche in einer durch p gegen die Achse senkrecht
gelegten Ebene liegen, liegen also auch annähernd in einer gegen die Achse
senkrechten Ebene, welche durch das Bild von p gelegt ist.
Hat man also zuerst das Bild r von p gesucht, und durch r eine gegen
die Achse senkrechte Ebene gelegt, so findet man die Orte der Bilder aller
einzelnen Punkte des leuchtenden Objekts leicht, indem man durch den be-
treffenden Punkt des Objekts und den Mittelpunkt der brechenden Kugelfläche
KOR Gesetze der Brechung an einer kugeligen Fläche, 55
eine gerade Linie legt; wo diese die durch r gelegte Ebene schneidet, ist der
Ort des Bildes.
Aus dieser Konstruktion folgt nach bekannten geometrischen Sätzen, daß
das Bild dem Objekte geometrisch ähnlich ist.
Daraus ergibt sich ferner leicht das Verhältnis der entsprechenden Linear-
dimensionen des Objekts zu denen des Bildes. Nennen wir z.B. sp als eine
solche Dimension des Objekts 9, und tr als die zugehörige des Bildes — ß
(negativ, weil sie an der entgegengesetzten Seite der Achse liegt), so ist:
H
SÉ es A 6
oder in Verbindung mit Zei, 3a), 3b) und Zei
Pat; Lë E gd 6
€ Te G EEE el eae A A
oder
B, = -- F, = a b
Geri SC EC GE
Wenn die brechende Fläche eben ist, werden die Brennweiten unendlich
groß, und die Gleichung 6b) verwandelt sich in
feet, nn ann ea
Das Bild, welches eine ebene brechende Fläche entwirft, ist also so groß
wie sein Objekt.
Verallgemeinerung der bisher gewonnenen Formeln. Wir wollen
zunächst die oben definierten Begriffe der Brennpunkte, Hauptpunkte und
Knotenpunkte auf unseren Fall anwenden.
Die Brennpunkte sind diejenigen Punkte, in denen sich Strahlen vereinigen,
die im ersten oder zweiten Mittel parallel der Achse verlaufen. Die Entfernungen
der beiden Brennpunkte F, und F, von dem Scheitel der brechenden Fläche,
und G, und @, von deren Mittelpunkten sind schon oben in den Gleichungen 3a)
und 3b) gefunden, und dadurch ist die Lage der Brennpunkte bestimmt.
Die Brennebenen sind senkrecht durch die Brennpunkte .gelegte Ebenen.
Da das Bild jedes Brennpunktes in unendlicher Entfernung liegt, so muß das-
selbe auch für solche Punkte der Brennebenen der Fall sein, welche der Achse
nahe genug sind, um regelmäßige Bilder geben zu können. Strahlen, die von
einem Punkte einer Brennebene ausgehen, werden also nach der Brechung
parallel sein.
Die Hauptpunkte und die durch sie senkrecht zur Achse gelegten Haupt-
ebenen sind dadurch charakterisiert, daß Bilder in den Hauptebenen liegend
gleich gerichtet und gleich groß seien. Für die Hauptebenen muß also 2 = /,
sein. Das kann nach den Gleichungen 6b) nur der Fall sein, wenn f = 0 und
f,= 0, was laut der Gleichungen 3d) stets gleichzeitig der Fall sein muß.
Beide Hauptpunkte fallen also in unserem Falle zusammen in den Punkt,
wo die Achse die brechende Fläche schneidet, und dieser Hauptpunkt ist sein
eigenes Bild.
56 Die Dioptrik des Auges. Jus, 49.
Die Knotenpunkte sind dadurch definiert, daß jeder Strahl, der vor der
Brechung durch den ersten geht, nach der Brechung durch den zweiten geht,
und dabei seiner ersten Richtung parallel bleibt. Auch diese beiden fallen in
einen Punkt, nämlich den Mittelpunkt der Kugel zusammen. Denn ein Strahl,
der im ersten Mittel auf den Mittelpunkt der Kugel zugeht, geht ungebrochen
durch die Fläche, geht also auch im zweiten Mittel durch den Mittelpunkt, und
ist seiner früheren Richtung parallel.
Die Konstruktionen der Richtung der Strahlen, welche oben aus den
Definitionen der genannten Ebenen und Punkte hergeleitet sind, lassen sich
also auch auf eine einzelne brechende Fläche anwenden, und die Konstruktionen
vereinfachen sich noch dadurch, daß erstens jeder Punkt in der ersten Haupt-
ebene sein eigenes Bild ist, und man nicht erst den zugehörigen in der zweiten
Hauptebene zu suchen hat, und zweitens dadurch, daß der nach dem ersten
Knotenpunkte gehende Strahl unmittelbar in seiner eigenen Verlängerung weiter
geht, und man nicht erst eine Parallele mit ihm durch den zweiten Knoten-
punkt zu legen hat.
Wir haben unter 3c) zwei Gleichungen ganz ähnlicher Form aufgestellt,
bei denen aber die Ent-
fernungen der Bilder von
o m 7 verschiedenen Punkten aus
BE gemessen waren. Glei-
chungen von derselben
einfachen Form erhalten
wir immer, wenn wir die
Entfernungen der Vereinigungspunkte, welche dem ersten Mittel angehören, von
einem beliebigen Punkte s Fig. 34 der Zentrallinie ap an messen, und von
dem Bilde 1 dieses Punktes aus die Entfernungen der Vereinigungspunkte,
die dem zweiten Mittel angehören.
Ist also £ das Bild von s, o das Bild von p, P, der erste, P, der zweite
Hauptbrennpunkt, und bezeichnen wir
N
Fig. 84.
sa mit f, P a mit F,
ta mit fz, P,a mit F,,
pa mit g,,
qa mit Py,
ps mit h,, gt mit — h,
P,s mit —H, tP, mit — H.
so ist
SES E
A i t
a EAR.
e, pi
7) Y-heh
49. 50.] Gesetze der Brechung an einer kugeligen Fläche. 57
Setzt man aus y und ò die Werte von oe, und p, in ĝ, so erhält man
a ees, + CB =
hth hth
Fi (ha + fa) + Falh +A) = Oa + A) + fa).
Subtrahiert man hiervon die aus « abzuleitende Gleichung
KA+rkh=hb:
1 oder
so erhält man als Rest
F, hy + Fy h, = h, ħa + h fa + hf oder
(F — f) + (7 — fa)ħ = hb,
was vermöge der Gleichungen e und £ sich verwandelt in
H, h, + H,ħ =h h, oder
GE
eg GT Weg Vice ae EEE TER GPS i
h F A, 9
1
Wenn man also als Ausgangspunkte für die Messung der Abstände irgend
ein Paar zusammengehöriger Vereinigungspunkte von Lichtstrahlen benutzt,
kommt man immer wieder zu derselben einfachen Formel zurück. Da in der
brechenden Fläche selbst und in ihrem Mittelpunkte der leuchtende Punkt mit
seinem Gegenstande zusammenfällt, sind diese beiden Punkte ihre eigenen
Bilder, und die Formeln 3c) bilden deshalb nur spezielle Fälle von 7).
Wenn man den Punkt s in den ersten Brennpunkt verlegt, wird die
Gleichung 7) unbrauchbar, weil H, und A, unendlich groß werden. Man findet
aber die entsprechende Gleichung leicht aus der ersten der Gleichungen 3 di
Ef,
Wa
Zieht man von beiden Seiten F ab, so erhält man
FF
-F!ua— ne T
EEE Š
Setzen wir hier f — F =l, und f, — F, = l, wobei L die Entfernung
des leuchtenden Punktes vom ersten Brennpunkte aus nach vorn gerechnet,
l, die Entfernung seines Bildes vom zweiten Brennpunkte aus nach hinten sein
würde, so erhalten wir die einfachste Form, in der sich das Gesetz für die
Lage der Bilder darstellen läßt:
TT a EE
In derselben Bezeichnungsweise wird das Gesetz für die Größe der Bilder,
die Gleichung 6b)
Te)
58 Die Dioptrik des Auges. [50. 51.
Beziehung zwischen der Größe der Bilder und Konvergenz der
Strahlen.
Es sei in Fig. 35 pq die Achse, sp ein Objekt und or sein Bild. Wir
wollen die Winkel e, und «, bestimmen, welche einer der von p ausgehenden
Strahlen pe vor und nach der Brechung mit der Achse macht, und diese
Winkel positiv rechnen, wenn
der Strahl sich in Richtung der
als positiv gerechneten Bilder
von der Achse entfernt. Es ist
also Z cpa = &, Lega= — u,
Es sei ferner, wie bisher,
Fig. 85. sp = ĝis gr = — fa,» ap =f,
aq = fa Da die Einfallswinkel
der Strahlen an der brechenden Fläche immer sehr klein bleiben sollen, muß
ca ein sehr kleiner Bogen sein, den wir annähernd als eine gegen die Achse
senkrechte gerade Linie betrachten können. Wir können also setzen
ac = ftg,
ac=—f,tga,, also
home pl `, e e e a ww A)
Wir haben ferner nach 3d) und 6b)
KEE
f RAR F i
KI FR _Rh-h
A Ah Wi
und BA nach 3a) und 3b). Daraus folgt:
Fo m
Dies in die Gleichung A) gesetzt, gibt
mare ea A A E E E e ee CN
Diese Gleichung spricht ein wichtiges Gesetz aus, welches die Größe der
Bilder mit der Divergenz der Strahlen verknüpft, unabhängig von der Ent-
fernung und der Brennweite der brechenden Fläche.
Brechung in Systemen von Kugelflächen.
Wir wollen jetzt die Gesetze der Brechung in zentrierten optischen
Systemen untersuchen, d. h. solchen, welche eine Reihe von brechenden Kugel-
flächen enthalten, deren Mittelpunkte alle in einer geraden Linie, der optischen
Achse des Systems, liegen.
Vorn nennen wir in bezug auf das System die Seite, von der das Licht
herkommt, hinten die, wo es hingeht. Die brechende Fläche, welche das
Licht zuerst trifft, ist die erste, das Medium, welches vor der ersten brechenden
Fläche gelegen ist, das erste, das zwischen der ersten und zweiten gelegene
61.] Gesetze der Brechung in Systemen kugeliger Flächen. 59
das zweite, das hinter der letzten, das letzte. Wenn wir m brechende
Flächen haben, so haben wir m + 1 brechende Medien. Es sei n, das
Brechungsverhältnis des ersten, n, des zweiten, n,,, des letzten brechenden
Mittels. Wie bisher nehmen wir die Radien der brechenden Flächen positiv,
wenn deren Konvexität nach vorn, negativ, wenn sie nach hinten sieht. Auch
bemerke ich hier gleich ein für allemal, daß, wenn von einem Strahlenzentrum
oder Bilde gesprochen wird, welches in einem gewissen brechenden Mittel liege,
oder diesem angehöre, darunter auch stets der Fall mitverstanden ist, wo das
Bild potentiell ist, und erst durch Verlängerung der Strahlen über die Grenzen
des Mittels hinaus entstehen würde.
Zunächst wissen wir aus der bisherigen Untersuchung, daß homozentrische
Strahlen, welche unter kleinen Einfallswinkeln auf kugelige brechende Flächen
fallen, homozentrisch bleiben. Daraus folgt, daß homozentrische Strahlen,
welche unter kleinen Winkeln gegen die Achse in das optische System eintreten,
nach jeder Brechung homozentrisch bleiben, und ebenso aus der letzten
brechenden Fläche wieder heraustreten. Wenn das einfallende Licht einer
Anzahl von Vereinigungspunkten angehört, welche alle in einer auf der
optischen Achse senkrechten Ebene liegen, so wissen wir ferner, daß nach der
ersten Brechung die Vereinigungspunkte wieder alle in einer auf der optischen
Achse senkrechten Ebene liegen, und ihre Verteilung der früheren geometrisch
ähnlich ist. So wird es daher auch nach jeder folgenden Brechung sein,
und auch das letzte Bild wird dem ursprünglichen geometrisch ähnlich sein,
und wie dieses in einer auf die optische Achse senkrechten Ebene liegen.
Indem man nun das Bild, welches von der ersten brechenden Fläche ent-
worfen ist, als den Gegenstand für die zweite betrachtet, das Bild der zweiten
als den Gegenstand der dritten usw., kann man ohne besondere Schwierigkeit
schließlich Größe und Lage des letzten Bildes berechnen. Allerdings werden
aber die Formeln schon bei einer mäßigen Zahl brechender Flächen bald sehr
weitläufig.
Hier kommt es uns nur darauf an, einige allgemeine Gesetze zu beweisen,
welche für jede beliebige Zahl brechender Flächen gültig sind, was uns für das
Auge desto wichtiger ist, da dieses in den verschiedenen Schichten der Kristall-
linse unendlich viele brechende Flächen enthält, die Rechnung auf dem an-
gedeuteten Wege also doch nicht zu Ende zu führen sein würde.
1. Zuerst will ich zeigen, daß das in Gleichung 7) für eine Fläche aus-
gesprochene Gesetz auch für beliebig viele gilt.
Fig. 36.
Es sei in Fig. 36 die mit 1 bezeichnete brechende Fläche die erste, die
mit (m — 1) bezeichnete die vorletzte, die mit m bezeichnete die letzte Fläche
des Systems. Wenn s der Vereinigungspunkt der eintretenden Strahlen ist, sei
u der der austretenden, wenn p der der eintretenden ist, sei r der der aus-
tretenden. Wir bezeichnen ps mit A, ur mit A, ,, so will ich beweisen, daß
60 Die Dioptrik des Auges. [sı. 52.
En ge
h hapı
wo H, der Abstand des ersten Hauptbrennpunktes von s, H, der des zweiten
von u ist.
Um das Gesetz allgemein zu beweisen, werde ich zeigen, daß, wenn es für
ein System von (m — 1) Flächen richtig ist, es auch für m Flächen gilt. Da
es nun für eine Fläche bewiesen ist, folgt dann, daß es auch für zwei, und
wenn für zwei, auch für drei usw. in infinitum richtig sei.
Das System der (m — 1) ersten Flächen entwerfe von dem Punkte s das
Bild /, und von dem Punkte p das Bild o, und tg werde bezeichnet mit A.
Die Entfernungen der Hauptbrennpunkte des Systems der (m — 1) Flächen von
den Punkten s und ż seien beziehlich Z, und L, die Entfernungen der Haupt-
brennpunkte der letzten mten Fläche von den Punkten ż und u seien beziehlich
M, und M, wobei alle diese Entfernungen immer von den Punkten s, t und u
aus in der Richtung positiv gerechnet werden, in welcher das brechende
Medium, dem die betreffenden Strahlenbündel angehören, von den betreffenden
brechenden Flächen oder Systemen lieg. Nun haben wir nach der Voraus-
setzung
BER. TR
ge
und für die Brechung in der letzten Flüche
M, M,
oe Vd Ae
m m+l
Wenn wir die erste dieser Gleichungen mit Z,, die zweite mit M, dividieren
und beide addieren, erhalten wir
ae dre Maga A,
—.— ki = — + oder
LM ba Lu A
ML 1 MI, FT: e
M + L h M, +L, An
Setzen wir %, = oo, wobei h,,, = H, werden muß, so ergibt diese Gleichung
„ ML
a M+L,’
und setzen wir A... = 00, wobei A = H werden muß, so ergibt sich
ML
ı M+L'
also schließlich
H, H,
ck ER ie | = 1 . . H D e . . . . D 8)
A hati ;
wie zu beweisen war.
Diese Gleichung liefert für jeden reellen Wert zwischen + oo und — œ
von A, einen und nur einen von %,,,, und ebenso für jeden der letzteren
Größe einen und nur einen von %4. Der erste wie der letzte Vereinigungspunkt
können also an jeder Stelle der Achse liegen, und sobald der eine gegeben ist,
ist auch die Lage des anderen eindeutig bestimmt.
62. 53.] Gesetze der Brechung in Systemen kugeliger Flächen. 61
2. Jedes optische System hat zwei und nur zwei zusammengehörige Ver-
einigungspunkte der Lichtstrahlen, in denen die Größe eines auf die Achse
senkrechten ebenen Bildes der des zugehörigen Gegenstandes gleich wird. Wir
nennen die Ebene eines solchen Gegenstandes die erste und die des zugehörigen
Bildes die zweite Hauptebene des Systems, und die beiden Punkte, wo sie
die optische Achse schneiden, beziehlich den ersten und zweiten Hauptpunkt.
Die zu den Hauptpunkten gehörigen Hauptbrennweiten sind den zugehörigen
Brechungsverhältnissen des ersten und letzten Mittels proportional.
Es sei sp der abgebildete Gegenstand, p ein Punkt desselben in der Achse,
s ein anderer seitlich davon. Wenn wir den Gegenstand längs der Achse ver-
schieben, so daß er immer sich selbst parallel bleibt, so wird sich der Punkt s
in der mit der Achse parallelen Linie st bewegen. Der Lichtstrahl st wird
Fig. 87.
also stets dem Punkte s angehören, welches auch die Entfernung pg sein möge.
Die der Achse parallelen Lichtstrahlen werden nun durch das brechende System
so gebrochen, daß sie schließlich durch den zweiten Hauptbrennpunkt P, gehen.
Es sei rw der Gang des Lichtstrahls st nach der letzten Brechung. Da st
stets dem leuchtenden Punkte s angehört, muß rw stets dem Bilde dieses
Punktes angehören, d. h. das Bild von s muß in rw liegen. Es sei fg das
Bild von sp, welches nach dem Vorausgeschickten senkrecht gegen die Achse uv
sein muß. Wenn p sich längs der Achse verschiebt, wird sich auch f längs uv,
und g längs rw verschieben, und es ist ersichtlich, daß die Größe des Bildes fg
sich hierbei proportional dem Abstande P, / ändern muß, wie dasselbe für eine
einfache brechende Fläche oben in den Gleichungen 6a) und 6b) ausgesprochen
ist. Da ferner aus Gleichung 8) zu ersehen ist, daß die Entfernung P. f jeden
beliebigen Wert zwischen + oo und — oo annehmen kann, so wird such die
Größe des Bildes, wenn wir die eines umgekehrten Bildes negativ bezeichnen,
jeden zwischen diesen Grenzen liegenden Wert annehmen können, und einen
jeden nur einmal annehmen können. Es wird also auch seinem Gegenstande sp
an einer und nur an einer Stelle gleich werden müssen; es sei o, hh in diesem
Falle der Gegenstand und ob, das ihm gleiche Bild, so bezeichnen diese beiden
Linien die Lage der sogenannten Hauptebenen des Systems.
Bezeichnen wir nun
sp = o b, = fys
fg = — Pu
b, P, = Fp bP = fis
à b, P, = Fy, baf = fa
so ist
D a oder
fa Pf
Ê Fy
62 Die Dioptrik des Auges. [53. 54.
und da nach Gleichung 8)
n F
A I ER ER
Pe
so erhält man entsprechend der für eine brechende Fläche geltenden Glei-
chung 6b)
| Ber 1 en R
Pa R-t 3 F, 1 i }
Nennen wir die Entfernung der zusammengehörigen Bilder von den Brenn-
punkten } und }, so daß also
E (De
= h — LA
so erhalten wir aus der Gleichung 8a) in derselben Weise die einfachste Form
für das Gesetz der Lage der Bilder eines zusammengesetzten Systems, wie wir
für die einer einzelnen Fläche aus Gleichung 3d) die 7b) erhalten haben, nämlich
LLs PE TT D SIR):
CH
Ki F, 8d).
Um endlich das Verhältnis R Be ve und F, zu finden, wenden wir
das in der Gleichung 7d) ausgesprochene Gesetz auf den Strahl an, welcher
vor der Brechung durch s und b,, nach der Brechung also durch b, und g geht.
Nennen wir die Größe eines in der ersten Hauptebene enthaltenen Bildes y,,
die Reihe der Bilder, welche bei den einzelnen Brechungen in dem Systeme ge-
bildet werden, y,, y,, usw. und y,,, das in der zweiten Hauptebene nach der
letzten Brechung entworfene, Nach der Definition der Hauptebenen ist y, = y, +r
Nennen wir ferner e den Winkel zwischen dem Strahl sb, und der Achse im
ersten Mittel, e, e usw. in den folgenden Mitteln, e... im letzten Mittel,
so daß
Lebp= —a,
GT GO ent EE
Nach der Gleichung 7d) ist
n, ré tga, m; Br tg æ,
n, rei tg Kä Les m. In tg Q,»
usw., woraus folgt
N7 EA NE Aa E ap ene e e D
oder da y, = Taux 50 ist
MRE aN R Oga e o al a e e Bä
Ferner ist mit Berücksichtigung der oben aufgestellten Bezeichnungen
sp=f, =— hftg,
folglich fI =— ba = h Blang
n, Êi SÉ Daun.
f f
64. 56.] Gesetze der Brechung in Systemen kugeliger Flächen. 63
Setzt man in diese Gleichung aus 8a) den Wert von f, so erhält man
n, ĝi AN ESTE
2
e bd
und nach 8b) ist
RT 7
hh Wi
Beide Gleichungen durch einander dividiert geben
BER ad Rh
Be DS: we, A
was zu beweisen war.
3. In jedem optischen Systeme gibt es ein und nur ein Paar von Knoten-
punkten, welche die Eigenschaft haben, daß alle Lichtstrahlen, deren Richtung
im ersten Mittel durch den ersten Knotenpunkt geht, nach der letzten Brechung
eine ihrer früheren parallele Richtung haben, und durch den zweiten Knoten-
punkt gehen. Die durch die Knotenpunkte senkrecht gegen die optische Achse
gelegten Ebenen heißen die Knotenebenen. Da die im ersten Knotenpunkte
sich schneidenden Lichtstrahlen sich also nach der letzten Brechung im zweiten
schneiden, so ist der zweite offenbar das Bild des ersten. Die zu ihnen ge-
hörigen Brennweiten verhalten sich umgekehrt wie die Brechungsverhältnisse
des ersten und letzten Mediums.
Wir gehen von der in der vorigen Nummer gefundenen Gleichung 9) aus:
nYWEuNn tar har enee ee e H
Wenn wir diese auf die Knotenpunkte beziehen, soll e =«,,, werden. Dies
wird der Fall sein, wenn
NY, Narr ar‘
Die Lineardimensionen zweier zusammengehöriger in den Knotenebenen
liegender Bilder verhalten sich also umgekehrt wie die zugehörigen Brechungs-
verhältnisse des ersten und letzten Mittels.
Da die Bilder desselben Gegenstandes y, sich verhalten wie ihre Abstände
vom zweiten Hauptbrennpunkte, so läßt sich dieser Abstand aus der Größe des
Bildes bestimmen. Fällt das Bild des Gegenstandes y, in die zweite Haupt-
ebene, so ist seine Größe auch gleich y, sein Abstand vom Brennpunkte F,;
fällt es in die zweite Knotenebene, so ist seine Größe, wie eben bewiesen,
ES < Y,
Ba A1
Sein Abstand vom Brennpunkte sei @,, so ist
Sg St also 9c)
E a a a a TAO:
Der Abstand zwischen der zweiten Haupt- und Knotenebene ist danach
a = F, — G,
— KR,
64 Die Dioptrik des Auges. Ian, 56.
Die erste Knotenebene soll das Bild der zweiten sein. Nennen wir ihren Ab-
stand von der ersten Hauptebene a,, so daß
e a=G-H,
so ergibt die Gleichung 8a)
BES N daher
Ai
a= =h-A
ren a Der e, ADD)
le a aa ri
G, N,
Methoden, die Brenn-, Haupt- und Knotenpunkte eines aus zwei
anderen zusammengesetzten zentrierten Systems brechender Kugel-
flächen zu finden.
Es seien gegeben zwei zentrierte optische Systeme A und B, welche die-
selbe Achse haben. Es seien p, und p,, Fig. 38, die beiden Brennpunkte,
a, und a, die beiden Hauptpunkte des Systems A, =, und =, die Brennpunkte,
Fig. 88.
e und «, die Hauptpunkte von B. Der Abstand des ersten Hauptpunktes «,
des zweiten vom zweiten a, des ersten Systems sei d, und dies werde positiv
gerechnet, wenn, wie in Fig. 38, «, hinter a, liegt. Die Hauptbrennweiten des
ersten Systems a p, und a,p, bezeichnen wir mit f, und f, die des zweiten
a,n, und ez mit p, und e,
Der erste Brennpunkt des kombinierten Systems ist offenbar das Bild,
welches das System A vom ersten Brennpunkte x, des Systems B entwirft. Ist £
dieser Punkt, so ist klar, wie auch durch den in der Figur von 2, ausgehenden
Strahl angedeutet ist, daß Strahlen, welche von i, ausgehen, nach der Brechung
im ersten Systeme A in =, sich vereinigen und nach der Brechung im zweiten
parallel der Achse werden müssen, so daß also ż¢ der Definition des vorderen
Brennpunkts entspricht. Die Entfernung a,r, ist gleich d — o: daraus ergibt
sich für a t, der Wert
PL, „ra rs EE
at, nr A
Ebenso ist der zweite Brennpunkt des kombinierten Systems das Bild,
welches das zweite System B von dem zweiten Brennpunkte p, des ersten
Systems entwirft. Es sei 1 der Ort dieses Bildes, so ist
(d — f) P
Bee e EC Kl elek
Kä Di d— p,— f, ).
Die beiden Hauptpunkte des kombinierten Systems sollen jeder des
anderen Bild sein, und zwar bezieht sich der erste auf den Gang der Licht-
50. 57.] Gesetze der Brechung in Systemen kugeliger Flächen. 65
strahlen im ersten Medium, der zweite auf den im letzten. Die beiden Haupt-
punkte müssen daher ein beiden gemeinsames Bild in dem mittleren Medium
haben, was zwischen den beiden optischen Systemen vorhanden ist. Es sei
dieses Bild s in Fig. 38, r, und r, dagegen die Hauptpunkte des kombinierten
Systems. Wenn s das Bild von r, und r, das Bild von s ist, ist auch r, das
Bild von r, und der ersten Bedingung für die beiden Hauptpunkte geschieht
dadurch Genüge. Die zweite Bedingung für diese Punkte ist die, daß zusammen-
gehörige Bilder in den Hauptebenen gleich groß und gleich gerichtet seien. Es
sei nun g die Größe eines Objekts in s, 3 sein Bild entworfen vom System A
in r, 3, sein Bild entworfen vom System B in e, und æ gleich der Länge a, s,
y gleich se, so ist nach 8b)
Soll 2, = ß, sein, so muß
in E ER EAN EK E
Í
oder Z- .
a, EE?
Um also den Punkt im mittleren Medium zu finden, dessen Bilder
die beiden Hauptpunkte sind, teile man die Entfernung zwischen dem
zweiten Hauptpunkte des ersten und ersten Hauptpunkte des zweiten
Systems in zwei Teile, welche sich verhalten wie die zu diesen Haupt-
punkten gehörigen Hauptbrennweiten der beiden Systeme.
Da æ -+ y = d ist nach 11c)
Aus dem Werte von æ findet man die Entfernung a,r, = h, des ersten Haupt-
punktes des kombinierten Systems vor dem ersten Hauptpunkte des Systems A.
zl
et
dr
hb e — Han De E E Dën Kee, TE
LE )
Ebenso die Entfernung @,r, = h, des zweiten Hauptpunktes des kombinierten
Systems hinter dem zweiten Hauptpunkte des Systems B,
V. Hetanotrz, Physiologische Optik. 8. Aufl. I. 5
66 Die Dioptrik des Auges. [57. 58.
K m A
y sl P,
dig
= La WN A
ez 27 `
Daraus ergeben sich die Werte F und F, der Hauptbrennweiten des kom-
binierten Systems:
BEIN deen, a u
Keeler
GES Ze
p+f,—d
Hat man die Haupt- und Brennpunkte gefunden, so findet man die Knoten-
punkte sehr leicht, da der Abstand des ersten Knotenpunktes vom ersten Brenn-
punkte gleich ist der zweiten Hauptbrennweite, der Abstand des zweiten Knoten-
punktes vom zweiten Brennpunkte der ersten Hauptbrennweite.
Will man nur die Knotenpunkte, nicht die Hauptpunkte suchen, so kann
man ein ähnliches Verfahren einschlagen wie für die Hauptpunkte, wobei man
die Bedingung benutzt, daß die linearen Dimensionen zusammengehöriger Bilder
in den Knotenebenen sich umgekehrt wie die Brechungsverhältnisse der be-
treffenden Media verhalten.
Es seien in Fig. 38 jetzt a, und a, «, und e nicht mehr die Hauptpunkte
sondern die Knotenpunkte der beiden Systeme A und B, r, und r, die Knoten-
punkte des kombinierten Systems, ihr gemeinsames Bild im mittleren Medium
der Punkt s, so daß nun
a, p, =f, «a, n, =P,
a, P, s r, Kä T, aai P,
as=ı as=y.
Es ist
Ist nun e die lineare Größe eines Objekts im Punkte s des mittleren
Mediums, 8 die seines vom System A in r, entworfenen Bildes, 9, die seines
vom System B in r, entworfenen Bildes, so ist nach den bekannten Eigen-
schaften der Knotenpunkte
Bu ` aa
o x 2—f
EN ee w
e y Vë
Da nun in den Knotenebenen, wenn n, das Brechungsverhältnis des ersten,
n, des letzten, » des mittleren Mittels ist, sein muß
58. 59. ] Gesetze der Brechung in Systemen kugeliger Flächen. 67
nß,=n,ß,, so folgt, daß
nf, np
Nun ist aber
Diese selbe Gleichung hatten wir aber auch gefunden in 11c), als wir an-
genommen hatten, daß die Punkte a, o, e, «œ, r, und r, Hauptpunkte seien.
Zur Auffindung der Knotenpunkte des kombinierten Systems verführt man also
ganz wie zur Auffindung seiner Hauptpunkte, nur daß man dabei von den
Knotenpunkten der einzelnen Systeme, nicht von den Hauptpunkten ausgeht.
Wir wollen hier noch die Formeln für den einfachsten Fall hinschreiben,
wo jedes der beiden verbundenen Systeme nur aus einer einzelnen Kugelfläche
besteht. Es sei r, der Radius der ersten, r, der der zweiten Fläche, d ihr Ab-
stand voneinander, n) das Brechungsverhältnis des ersten, n, des zweiten, n, des
dritten Mittels. Dann ist nach 3a) und 3b)
Le r,
= Sr E p = A
H. — N We?
= E N Y = ee
n—n Ng — N,
Setzen wir der Kürze wegen
n, (ng — N) r) + M, (n, — N) r, Dia — n) (n, — n) d = N,
so sind die Hauptbrennweiten:
pa Shan
12).
ECH
2
D
Die Entfernungen der Hauptpunkte A, und A, von den Flächen
_ (n, —n,)dr,
h N
RR 12a).
E na(n; —n,)dr, |
8 N
Die Entfernung der Hauptpunkte voneinander H
BER RU = Bl Ba E
5*
68 _ Die Dioptrik des Auges. [se. on,
Für d = na ES 0
F = Wl D Ta A
IT n- Na) r, + (Na — M) ra
F, BEE.
Setzen wir hierin r, = 7, so erhalten wir
E
d SCH
En EE
ı non
Die Brennpunkte und Hauptpunkte sind dann also genau dieselben, als wäre
nur eine brechende Fläche vorhanden; das Resultat ist unabhängig von n,.
Daraus folgt:
In einem Systeme von brechenden Kugelflächen können wir uns
an jeder brechenden Fläche eine unendlich dünne, durch konzen-
trische Kugelflächen begrenzte Schicht von beliebigem Brechungs-
verhältnisse eingeschoben denken, ohne die Brechung der Strahlen
dadurch zu ändern.
Es wird uns dieser Satz später zur Vereinfachung mancher Betrachtungen
dienen.
Endlich will ich noch die Formeln für Linsen mit zwei kugeligen Be-
grenzungsflichen hersetzen, bei denen das erste und letzte Mittel einander
gleich sind, also n, = n,.
F = F= ee bar ZP
IT m - m) iri Fa — r) + m — m)d] }
Die Entfernungen der Hauptpunkte, welche in diesem Falle mit den Knoten-
punkten zusammenfallen, von den Linsenflächen sind
n dr
x m (r — r) + (n, — n)d |
EESAN en |
ny (ra — 71) + (g — m) d
Die Entfernung der Hauptpunkte voneinander
Bund. -AMG E DAC AE E DN
ng (ra — 73) + ("h — mā `
18a).
Die beiden ersten sind positiv gerechnet, wenn sie außerhalb der Linse liegen,
Den Punkt in der Linse, dessen Bilder die beiden Knotenpunkte sind,
nennt man in diesem Falle das optische Zentrum der Linse. Es liegt in
der optischen Achse, und seine Entfernungen von den beiden Flächen verhalten
sich zueinander wie die Radien dieser Flächen.
Da die Resultate der Brechung in einem optischen Systeme, was Größe
und Lage der Bilder betrifft, nur von der Lage der Brennpunkte und Haupt-
punkte (oder Knotenpunkte) abhängen, so kann man ohne Änderung der Lage
und Größe der Bilder zwei optische Systeme füreinander substituieren, deren
on, e, Gesetze der Brechung in Linsen. 69
Brennpunkte und Hauptpunkte dieselbe Lage haben. Da das Verhältnis des
Brechungsvermögens des ersten und letzten Mittels nicht geändert werden kann,
ohne das Verhältnis der Hauptbrennweiten zueinander zu ändern, wollen wir
voraussetzen, daß das erste und letzte Mittel bei einer solchen Substitution un-
geändert bleibe. Dann braucht nur die eine Hauptbrennweite und der Abstand
der Hauptpunkte voneinander in dem einen System gleich den entsprechenden
Größen des andern gemacht zu werden, um die beiden Systeme füreinander
substituieren zu können. In einem Systeme von nur zwei brechenden Flächen
würde man zur Erfüllung dieser Bedingungen über 4 Größen, r,, r,, n, und d,
bestimmen können. Es kann daher für jedes zentrierte System brechen-
der Kugelflächen ein System von nur zwei solchen Flächen gesetzt
werden, welches ebenso große und ebenso gelegene Bilder entwirft
wie jenes, und im allgemeinen kann man dabei sogar noch immer zwei andere
Bedingungen für das System von zwei Flächen aufstellen, z.B. daß es aus
einem bestimmten Stoffe zu bilden sei usw., und diese gleichzeitig erfüllen.
Für den Fall, wo das erste und letzte Mittel identisch sind, beide ein
kleineres Brechungsvermögen haben als das mittlere Mittel, und der Abstand
der brechenden Flächen kleiner ist als die Krümmungsradien, also für die so-
genannten Linsen, will ich hier noch die einzelnen Fälle durchgehen, weil wir
auf dergleichen Linsen oft zurückkommen werden.
Man unterscheidet nach der Gestalt 1. bikonvexe Linsen, bei denen
beide Flächen konvex, also r, positiv, r, negativ ist; die Brennweite ist immer
positiv nach Gleichung 18). Die Abstände der
Hauptpunkte von den Flächen sind negativ,
d. h. diese Punkte liegen innerhalb der Linse,
und der Abstand der Hauptpunkte voneinander
ist positiv, d.h. der erste liegt vor dem zweiten.
In Fig. 39 ist die Lage der Brennpunkte p, p,
und Hauptpunkte A, und A, einer bikonvexen
Linse dargestellt. Die erste und zweite Fläche der Linse sind mit 7 und 2
bezeichnet. Ein Grenzfall der bikonvexen Linsen sind die plankonvexen, bei
denen einer der Radien unendlich groß wird, und ein Hauptpunkt in die ge-
krümmte Fläche der Linse fällt.
2. Bikonkave Linsen mit zwei konkaven Flächen; r, ist negativ, r,
positiv. Die Brennweiten sind negativ, die Abstände der Hauptpunkte von den
Flächen beide negativ, d. h. die Hauptpunkte
liegen innerhalb der Linse. Ihr Abstand
ist positiv, d. h. der erste liegt vor dem e
zweiten. Fig. 40 stellt die Lage der Haupt- ` "7
punkte %, und A,, sowie der Brennpunkte p,
und p, einer bikonkaven Linse dar. Einen Fig. 40.
Grenzfall bilden die plankonkaven Linsen,
bei denen einer der Radien unendlich wird und einer der Hauptpunkte in die
gekrümmte Fläche fällt.
3. Konkavkonvexe Linsen, beide Radien entweder positiv oder negativ
Wir wollen das erstere annehmen; der zweite Fall ergibt sich aus diesem so-
gleich, wenn wir nachher die erste Seite der Linse zur zweiten machen. Die
Brennweite wird positiv, wenn
na (r, +td—r)>nd;
Fig. 89.
7%
RR A
70 Die Dioptrik des Auges. [sı. 62.
sie wird unendlich, wenn beide Seiten der Gleichung gleich sind; sie wird
negativ, wenn der Ausdruck links kleiner als der rechts ist. Der Ausdruck
e, +d—r, ist der Abstand des Krümmungsmittelpunkts der zweiten Fläche
von dem der ersten nach hinten gerechnet. Liegt der zweite Mittelpunkt hinter
dem ersten, so wird die Linse von ihrer Mitte nach dem Rande zu dünner;
liegt jener vor dem ersten, so wird sie dicker. Man kann also sagen: Wird
eine konkavkonvexe Linse nach dem Rande zu dicker, so ist ihre Brennweite
negativ, und soll ihre Brennweite positiv sein, so muß sie nach dem Rande hin
dünner werden. Aber man darf beide Sätze nicht umkehren, wie es oft geschieht.
Der erste Hauptpunkt liegt vor der konvexen Fläche (d. h. an ihrer
konvexen Seite), wenn die Brennweite positiv ist, entfernt sich sehr weit, bis
in das Unendliche, wenn die Brennweite selbst sehr groß und unendlich wird.
Wird die Brennweite negativ, so liegt der erste Hauptpunkt hinter der konvexen
Fläche der Linse, d. h. auf ihrer konkaven Seite, ebenfalls unendlich weit ent-
fernt, wenn die Brennweite unendlich sein sollte.
Der zweite Hauptpunkt liegt vor der konkaven Fläche der Linse, d. h. auf
ihrer konvexen Seite, wenn die Brennweite der Linse positiv, er liegt hinter
dieser Fläche, wenn die Brennweite negativ ist, und rückt ebenfalls in das Un-
endliche hinaus, wenn die Brennweite unendlich groß wird. Bei einer positiven
Brennweite liegt der zweite Hauptpunkt
S a ` immer hinter dem ersten, d. h. der Linse
e fi 22 5; näher. Bei einer negativen liegt er hinter
dem ersten, d.h. der Linse ferner, wenn
Fig. 41. die Linse nach ihrem Rande zu dicker
wird; er liegt dagegen vor dem ersten,
wenn die Linse bei negativer Brennweite von der Mitte nach dem Rande
dünner wird; er fällt mit ihm zusammen, wenn die beiden Linsenflächen
konzentrischen Kugeln angehören, und zwar liegen beide Hauptpunkte dann in
S dem gemeinschaftlichen Zen-
Ar a, 7, trum der Kugeln. Ke, A1 stellt
eine konkavkonvexe Linse von
positiver Brennweitedar, Fig.42
eine solche von negativer Brenn-
weite, die nach dem Rande zu
dicker wird, Fig. 43 eine solche
von negativer Brennweite,
welche nach dem Rande zu
Fig. 48. dünner wird. Der Krümmungs-
mittelpunkt der ersten Fläche
ist mit c}, der der zweiten mit c, bezeichnet. Ich bemerke noch, daß die
Brennpunkte nie in die Linse und stets auf entgegengesetzte Seiten derselben
fallen.* Was die Lage der Bilder betrifft, so verwandelt sich die Gleichung 8a)
und $b), wenn die beiden Brennweiten gleich werden, in folgende:
Lé
1 1 1
A cp OR TEE e ET SE
Ff,
h= ea E GRS RA . 14a)
* Diese Bemerkung bezieht sich nur auf den letzterwähnten Linsentypus. G.
62. 63.] Gesetze der Brechung in Linsen. 71
und
JEE Bela ol 05, 8 Bei
Bei Linsen mit positiver Brennweite (Sammellinsen, Kollektiv-
linsen) liegen nach diesen Formeln die Bilder unendlich weit entfernter reeller
Objekte, für welche also /, = ©, im zweiten Brennpunkte hinter der Linse und
sind im Verhältnis zum Objekte unendlich klein und umgekehrt. Wenn das
Objekt sich der Linse nähert, entfernen sich die Bilder von ihr, bleiben reell
umgekehrt und nehmen an Größe zu, bis /, = F geworden, das Objekt also in
den vorderen Brennpunkt gerückt ist, wo die Entfernung und Größe des Bildes
unendlich werden. Man ersieht dies leicht aus, Gleichung 14), die man so
schreiben kann:
a ; i 2 1 "e s
Wenn f, abnimmt von oo bis F, nimmt — zu von 0 bis P und r nimmt ab
1 2
von a bis 0, d. h. /, nimmt zu von F bis oo. Die Größe des Bildes
F
fba = — Ê; DES
ist immer negativ, solange f >#. Wenn f) von co abnimmt bis F, nimmt
der Nenner des Bruchs ab von oo bis 0, und 9, geht über von 0 bis — o.
Ebenso findet man nun weiter, daß, wenn das Objekt vom ersten Brenn-
punkte zum ersten Hauptpunkte fortrückt, f, von — oo bis O geht, d. h. das
Bild, welches nun meist virtuell ist und auf derselben Seite der Linse mit dem
Objekte liegt, aus unendlicher Entfernung bis zum zweiten Hauptpunkte heran-
rückt und dabei eine positive Größe hat, d. h. aufrecht steht und von + o0
bis zu einer dem Objekte gleichen Größe abnimmt.
Endlich kann f, auch negativ werden, wobei meist das Objekt virtuell wird;
dann ist f, stets positiv und kleiner als f}, das Bild aufrecht und kleiner als
das Objekt. Während /, von 0 bis — oo, geht /, von 0 bis F, p, von ĝ, bis 0,
Man kann also sagen: Sammellinsen machen parallel eintretende Strahlen
konvergent und vereinigen sie in der Brennebene; sie machen konvergente
Strahlen noch konvergenter und divergente Strahlen weniger divergent oder
auch konvergent, ersteres, wenn sie von einem Punkte jenseits des Brennpunktes
divergieren, letzteres, wenn von einem solchen diesseits des Brennpunktes.
Linsen von negativer Brennweite nennen wir dispansive oder Zer-
streuungslinsen, weil parallel eintretende Strahlen durch sie divergent gemacht,
zerstreut werden, divergente noch mehr divergent, konvergente weniger konvergent
oder divergent werden.
Setzen wir den absoluten Wert der negativen Brennweite der Linse gleich P,
so daß P= — F, so wird
72 Die Dioptrik des Auges. Jon, 64.
Daraus folgt, daß für jeden positiven Wert von f, jetzt f, negativ ist, und daß,
während /, von œœ bis 0 abnimmt, f, von — P bis O sich verändert, 9, von 0
bis ø, Dispansive Linsen entwerfen also von reellen Objekten, die vor dem
ersten Hauptpunkte liegen, virtuelle Bilder, welche vor dem zweiten Hauptpunkte
liegen, kleiner, näher und aufrecht sind.
Für negative Werte von /,, welche absolut kleiner als P sind, wird f,
positiv, und während f, von 0 bis — P geht, steigt /, von 0 bis + oo, ß, von
2. bis oo. Konvergent einfallende Strahlen werden also weniger konvergent,
wenn sie nach einem vor dem hinteren Brennpunkte gelegenen Punkte kon-
vergieren.
Für negative Werte von f, welche absolut größer sind als P, werden f,
und 9, negativ, es entstehen also umgekehrte virtuelle Bilder vor dem Glase.
Während f, sich ändert von — P bis — oo, ändert sich f, von — œ bis — P,
und ĝ, von — œ bis 0. Konvergente Strahlen werden von dispansiven Linsen
also divergent gemacht, wenn sie nach einem jenseits des hinteren Brennpunktes
gelegenen Punkte konvergieren.
Die Entfernung e zweier zusammengehöriger Bilder voneinander ist f, +a + fz,
wenn a der Abstand der Hauptpunkte voneinander ist, und diese Entfernung
positiv gerechnet wird, falls das zweite Bild hinter dem ersten liegt. Setzen
wir statt /, seinen Wert, so erhalten wir als Ausdruck für die Entfernung:
Oh T
AE S
Differentiieren wir diese Gleichung nach /,, so erhalten wir
Hiernach wird de=0, d. h. e ein Maximum oder Minimum, wenn entweder
fi = oder fi =2F, und zwar wird es sowohl für positive wie negative Brenn-
weiten ein Minimum für / = 2 F, und ein Maximum für fı = 0, wie man leicht
aus dem Ausdruck für e erkennt.
Werke, in welchen die Brechung der Lichtstrahlen in zentrierten Systemen kugeliger
Flächen behandelt wird, sind folgende:
1788. Cores in Sam, A complete system of opties. Cambridge. Vol. II. p. 76.
1757 u. 61. Eurer in Histoire de l'Acad. roy. de Berlin pour 1757. p. 283. — Ibid. pour
1761. p. 201.
1765. Eurer, Précis d'une théorie générale de la dioptrique in Hist. de l'acad. roy. des
sc. de Paris, 1765. p. 555.
1778 u. 1808. Laaraxor in Nouv. Mém. de l'acad. roy. de Berlin pour 1778. p. 162. — Ibid.
1803. p 1.
1822. Pıora in Effemeridi astron. di Milano per 1822.
1830. Möpıvs in Orerres Journal für Mathematik. Bd. V. 8. 118,
1841. "Besser in Astronom. Nachrichten. Bd. XVII. S. 97.
*Gauss, Dioptrische Untersuchungen. Göttingen. — Abdruck aus Abhandl, d.
Kön. Ges. d. Wiss. zu Göttingen. T. 1. von den Jahren 1888—43.
1844. Excoxe, De formulis dioptrieis. Ein Programm. Berlin.
Moser, Über das Auge, in Doves Repert. d. Physik. Bd. V. S. 289.
1851. Lisrixa, Art. Dioptrik des Auges, in R. Wassers Handwörterbuch d. Physio-
logie. Bd. IV. S. 451.
04. 05.) Brechung der Strahlen im Auge. 73
$ 10. Brechung der Strahlen im Auge.’
Das Auge verhält sich gegen das einfallende Licht im wesentlichen wie
eine Camera obscura. Das von einem leuchtenden Punkte ausgegangene Licht
muß, wenn dieser Punkt deutlich gesehen werden soll, durch die brechenden
Mittel des Auges so gebrochen werden, daß alles auch wieder auf einem Punkte
der Netzhaut vereinigt wird. Auf der Fläche dieser Haut wird daher ein reelles
optisches Bild der äußeren gesehenen Gegenstände entworfen. Dasselbe ist um-
gekehrt und verkleinert. Man kann es an frisch ausgeschnittenen Augen sichtbar
machen, wenn man vorsichtig den hinteren mittleren Teil der Sclerotica und
Chorioidea entfernt, die Netzhaut aber stehen läßt, und nun die Hornhaut eines
so präparierten Auges gegen helle Gegenstände kehrt. Das Bild erscheint
alsdann klein, hell, scharf und, wie angegeben, umgekehrt auf der stehen-
gebliebenen Netzhaut, Noch besser ist das Bildchen nach der Methode von
GerLInG! zu sehen, wenn man die Elemente der Netzhaut mit einem Pinsel
entfernt, und dann ein Täfelchen von Glas oder Glimmer in die Öffnung ein-
schiebt. Ohne viele Mühe kann man die Netzhautbildchen auch in den Augen
weißer Kaninchen sehen, denen das Pigment der Aderhaut fehlt. Bei diesen
braucht man nicht einmal die harte Haut zu entfernen, sondern sieht das Bild
durch sie hindurchscheinen, allerdings nicht so scharf wie bei freigelegter Netz-
haut, aber doch deutlich genug, um seine Stellung, Größe usw. zu erkennen,
Auch ist es bei lebenden Menschen, namentlich bei blonden Personen mit hell-
blauen Augen, welche wenig Pigment in der Aderhaut zu haben pflegen, zu-
weilen möglich, das Bild durch die harte Haut hindurch zu sehen. Man läßt
einen solchen in einem verdunkelten Zimmer das Auge so drehen, daß die
Hornhaut im äußeren Augenwinkel steht, und in dem größeren mittleren und
inneren Teile der Augenlidspalte daher die innere Seite der weißen Sehnenhaut
erscheint. Hält man dann noch weiter seitlich, als die seitlich gekehrte Seh-
achse steht, eine Kerzenflamme, so erscheint deren Bild auf der inneren Seite
der Netzhaut, und schimmert oft so deutlich durch die weiße Sehnenhaut hin-
durch, daß man die umgekehrte Stellung des Bildes, die Spitze der Flamme
und den Ort des Dochtes erkennen kann,
Die genaueste Untersuchung der Netzhautbildchen im lebenden Auge des
Menschen ist mittels des in $ 16 zu beschreibenden Augenspiegels möglich.
Mit diesem Instrumente kann man von vorn in das Auge hineinblicken, und
die Netzhaut selbst mit ihren Gefäßen, sowie die auf ihr entworfenen optischen
Bilder deutlich sehen. Man überzeugt sich leicht davon, daß von hinreichend
hellen Objekten, welche das beobachtete Auge deutlich sieht, sehr scharfe und
genau begrenzte optische Bilder auf der Fläche der Netzhaut entworfen werden.
Bei der Beschreibung der Netzhaut habe ich schon erwähnt, daß im
Hintergrunde des Auges sich eine eigentümlich gebaute Stelle der Netzhaut
finde, der gelbe Fleck. In seiner Mitte, der sogenannten Netzhautgrube, ver-
schwinden die Gefäße ganz, welche sich in den übrigen Teilen der Netzhaut
verästeln, hier finden sich nur nervöse Elemente vor, und zwar von den
* Vgl. Kap. 2 der nach dem ersten Abschnitt folgenden Zusätze! G.
1 Dooorspnonrr, Ann. XLVI. 249.
? Vorkmanx, Artikel: Sehen in Waoxers Handwörterbuch d. Physiologie. S. 286—289.
74 Die Dioptrik des Auges. Ia, 66.
Schichten der Netzhaut, wie es scheint, nur Nervenzellen und Zapfen. Diese
Stelle ist in physiologischer Hinsicht von der größten Wichtigkeit als die Stelle
des direkten Sehens. Derjenige Punkt des Gesichtsfeldes, welchen wir direkt
betrachten, oder mit dem Blicke fixieren, wird jedesmal an dem Orte der Netz-
hautgrube abgebildet. Mittels des Augenspiegels kann dieser Satz, von dessen
Richtigkeit man sich schon längst wegen der besonderen Struktur des gelben
Flecks überzeugt hielt, auch durch direkte Beobachtungen erwiesen werden.
Den Ort des gelben Flecks erkennt man mit dem Augenspiegel, wenn die ganze
Netzhaut erleuchtet ist, an dem Mangel der Gefüße. In der Mitte der gefüßlosen
Stelle, entsprechend dem Orte der Netzhautgrube, findet sich eine eigentümlich
helle Stelle, welche Coccrus! zuerst beschrieben hat, und deren Helligkeit er
einem Reflexe der Netzhautgrube zuschreibt. Donners? hat ferner gezeigt, daß
dieser helle Reflex stets an derjenigen Stelle des optischen Bildes erscheint,
welche das beobachtete Auge im Gesichtsfelde fixiert, und ich habe mich von
der Richtigkeit dieser Angabe überzeugt. Man kann nach der Stellung des so-
genannten Reflexes der Netzhautgrube dem beobachteten Individuum genau be-
zeichnen, welchen Punkt es fixiert, und wenn man ihm Anweisung gibt, bald
diesen, bald jenen Punkt des Gegenstandes zu fixieren, sieht man den Reflex
immer auf den entsprechenden Punkt des Bildes sich einstellen. Die Ausführung
dieser Versuche wird in § 16 beschrieben werden.
Nur in der Gegend der Augenachse pflegt das optische Bild auf der Netz-
haut seine volle Schärfe zu haben, von ihr entfernter ist es weniger gut begrenzt.
Wir sehen deshalb im Gesichtsfelde in der Regel nur den einen Punkt deutlich,
welchen wir fixieren, alle übrigen undeutlich. Diese Undeutlichkeit im indirekten
Sehen scheint übrigens auch durch eine geringere Empfindlichkeit der Netzhaut
bedingt zu sein; sie ist schon in geringer Entfernung von dem fixierten Punkte
viel bedeutender als die objektive Undeutlichkeit der Netzhautbilder. Das Auge
stellt ein optisches Werkzeug von sehr großem Gesichtsfelde dar, aber nur an
einer kleinen, sehr engbegrenzten Stelle dieses Gesichtsfeldes sind die Bilder
deutlich. Das ganze Feld entspricht einer Zeichnung, in der nur der wichtigste
Teil des Ganzen sorgfältig ausgeführt, die Umgebungen aber nur skizziert, und
zwar desto roher skizziert sind, je weiter sie von dem Hauptgegenstande ab-
stehen. Durch die Beweglichkeit des Auges wird es aber möglich, nacheinander
jeden einzelnen Punkt des Gesichtsfeldes genau zu betrachten. Da wir zu einer
Zeit doch nur einem Gegenstande unsere Aufmerksamkeit zuwenden können, ist
der eine deutlich gesehene Punkt ausreichend, sie vollständig zu beschäftigen,
so oft wir sie auf Einzelheiten lenken wollen, und wiederum ist das große Ge-
sichtsfeld trotz seiner Undeutlichkeit geeignet, die Hauptzüge der ganzen Um-
gebung mit einem schnellen Blicke aufzufassen, und neu auftauchende Er-
scheinungen an den Seiten des Gesichtsfeldes sogleich zu bemerken.
Das Gesichtsfeld eines einzelnen Auges wird bestimmt durch die Weite der
Pupille und ihre Lage zum Rande der Hornhaut. Ich finde, daß ich in einem
dunklen Zimmer, wenn ich mein Auge in einem Spiegel besehe, und seitlich ein
Licht aufstelle, die Anwesenheit des Lichts solange noch wahrnehme, als
Strahlen von dem Lichte auf den gegenüberliegenden Rand der Pupille und in
' Über die Anwendung des Augenspiegels. Leipzig 1853. 8. 64.
2 Onderzoekingen gedaan in het Physiolog. Laborat. d. Utrechtsche Hoogeschool.
Jaar VI. S. 138.
og. 67.] Kardinalpunkte des Auges. 75
diese selbst fallen. Alles Licht also, was durch die Hornhaut in die Pupille
fällt, wird noch empfindliche Teile der Netzhaut treffen. Die Pupille liegt zwar
etwas weiter zurück als der äußere Hornhautrand, aber wegen der Brechung
in der Hornhaut können selbst noch Strahlen in sie einfallen, welche senkrecht
gegen die Augenachse verlaufend auf den Rand der Hornhaut fallen, so daß
das Gesichtsfeld eines einzelnen Auges etwa einer halben Kugel entspricht, |
eine Größe, welche keinem künstlichen optischen Instrumente zukommt. Indivi-
duelle Verschiedenheiten müssen darin vorkommen, abhängig von der Weite und
Lage der Pupille. Da beim Sehen für die Nähe die Pupille sich der Hornhaut
nähert, wird das Gesichtsfeld dabei etwas größer, wie ich an meinen Augen
wenigstens leicht erkennen kann, wenn ich am äußersten Rande des Gesichts-
feldes ein recht helles Licht anbringe.
Ein Teil des Gesichtsfeldes jedes einzelnen Auges nach innen, oben und
unten wird durch Teile des Antlitzes, Nase, Augenbrauenrand, Wangen, ein-
genommen, nur nach außen hin ist es ganz frei. Beide Augen zusammen über-
schauen aber, wenn ihre Achsen parallel in die Ferne gerichtet sind, einen
horizontalen Bogen von 180 oder mehr Graden. Vergrößert wird das über-
schaubare Feld noch durch die Bewegungen der Augen, auf welche wir später
zurückkommen.
Die Lichtstrahlen, welche von einem entfernteren leuchtenden Punkte auf
das Auge fallen, werden zuerst. von der Hornhaut gebrochen, und zwar so, daß
sie ungestört weitergehend sich etwa 10 mm hinter der Netzhaut in einem
Punkte vereinigen würden. Indem sie somit konvergierend durch die vordere
Augenkammer gehen, treffen sie auf die Kristallinse, werden von dieser noch
konvergenter gemacht, und können infolgedessen nun schon auf der Netzhaut
zur Vereinigung gelangen.
Die- stärksten Brechungen der Lichtstrahlen geschehen an der Hornhaut,
demnächst an der vorderen und hinteren Fläche der Kristallinse. Aber auch
im Innern der Kristallinse finden an den Grenzen ihrer einzelnen Schichtflächen
Brechungen statt, da diese Schichten von verschiedener Dichtigkeit sind. Wir
können diese verschiedenen brechenden Flächen annähernd gleichsetzen einem
System von Rotationsflächen, deren Achsen alle in eine gerade Linie zusammen-
fallen. Wenn auch kleine Abweichungen in der Lage der Achsen der einzelnen
Flächen bei den meisten menschlichen Augen vorzukommen scheinen, so sind
diese doch so gering, daß wir sie in bezug auf die Lage und Größe der
optischen Bilder vernachlässigen und das Auge als ein zentriertes optisches
System betrachten können.
Die Achse dieses Systems, deren vorderes Ende etwa mit dem Mittelpunkte
der Hornhaut zusammenfällt, während das hintere zwischen dem gelben Flecke
und der Eintrittsstelle des Sehnerven hindurchgeht, nennen wir die Augenachse,
Die Lage der Brennpunkte, Hauptpunkte und Knotenpunkte des
Auges unterliegt wohl ziemlich bedeutenden individuellen Verschiedenheiten, da
überhaupt die meisten Abmessungen des Auges und seiner einzelnen brechenden
Flächen bei verschiedenen Menschen so voneinander abweichen, wie man es
bei einem Organe, dessen Wirkungen eine so große Genauigkeit der Konstruktion
zu verlangen scheinen, kaum erwarten sollte. Außerdem werden wir weiter
unten sehen, daß auch in jedem einzelnen Auge diese Punkte ihre Lage ändern,
wenn das Auge nacheinander Gegenstände in verschiedener Entfernung be-
trachtet. - Man kann über die Lage der genannten Punkte im normalen, fern-
76 Die Dioptrik des Auges. [67. 68.
sehenden Auge nur etwa so viel sicher aussagen: Der erste Hauptpunkt ist
dem zweiten Hauptpunkte sehr nahe, ebenso der erste dem zweiten
Knotenpunkte. Die beiden Hauptpunkte des Auges liegen etwa in der
Mitte der vorderen Angenkammer, die beiden Knotenpunkte sehr nahe der
hinteren Fläche der Linse, der zweite Brennpunkt auf der Netzhaut.
Da es bei sehr vielen Gelegenheiten notwendig ist, wenigstens angenäherte
Werte für die einzelnen optischen Konstanten des Auges zu kennen, so will
ich hier die Werte anführen, welche Lusrtso für ein schematisches mittleres
Auge gewonnen hat, indem er, den bis dahin angeführten Messungen sich mög-
lichst anschließend, einfache abgerundete Zahlen für die hier in Betracht
kommenden Größen wählte.
ListiseG nimmt an
1. das Brechungsvermögen der Luft eich . . . 2... .=1
2. das Brechungsvermögen der wässrigen Feuchtigkeit
3. Brechungsvermögen der Kristallinse ei
4. Brechungsvermögen des Glaskörpers . =
5. Krümmungshalbmesser der Hornhaut . . . ss Tee Kann
6. Krümmungshalbmesser der vorderen Linsenfläche dée veel las
7. Krümmungshalbmesser der hinteren Linsenläcke . . . . RÄ:
8. Entfernung der vorderen Hornhaut- und vorderen Linsenfäche Ali
9, ink. der TANO lé Aua te ig, bf Hee Tech
Er berechnet aus diesen Annahmen:
1. Der erste Brennpunkt liegt 12,8326 mm vor der Hornhaut, der zweite
Brennpunkt 14,6470 mm hinter der Hinterfläche der Linse,
2. Der erste Hauptpunkt liegt 2,1746mm, der zweite 2,5724 mm hinter
der Vorderfläche der Hornhaut, ihr gegenseitiger Abstand beträgt 0,3978 mm.
3. Der erste Knotenpunkt liegt 0,7580 mm, der zweite 0,3602 mm vor der
Hinterfläche der Linse.
4. Die erste Hauptbrennweite des Auges beträgt hiernach 15,0072 mm,
die zweite 20,0746 mm.
Die Lage der Hauptpunkte A und bh. Knotenpunkte E und k, , Brennpunkte
F und A nach Listise ist in Fig. 44 angegeben. Unter den von Listıns der
Berechnung zugrunde gelegten Werten könnten allein die des Brechungs-
vermögens und der Krümmungsradien der Linse zweifelhaft erscheinen. Doch
stimmt die daraus berechnete Brennweite der Linse so gut mit direkten
Messungen, die ich selbst ausgeführt habe, daß die optische Wirkung der Linse
in Listınss schematischem Auge jedenfalls nicht wesentlich von der des natür-
lichen Auges abweicht. Die Werte, welche für die Brechung in der Hornhaut
wichtig sind, sind durch Messungen hinreichend begründet. Wir brauchen also
nicht zu zweifeln, daß Lisrınas Schema mit dem natürlichen Verhältnisse wirk-
lich so gut übereinstimmt, als es bei der großen Breite der individuellen Unter-
schiede möglich ist.
Vermittelst der angegebenen Kardinalpunkte des Auges läßt sich der Weg
eines gegebenen einfallenden Strahls nach der letzten Brechung vermöge der
KN Schematisches und reduziertes Auge. 177
in $ 9 vorgeschriebenen Konstruktion finden; ebenso der Ort des Bildes eines
beliebigen, in der Nähe der Augenachse liegenden leuchtenden Punktes. Da
übrigens sowohl die beiden Hauptpunkte des Auges, als auch die beiden Knoten-
punkte einander sehr nahe liegen, so kann man ohne erhebliche Beeinträchti-
gung der Genauigkeit des Resultats die beiden Hauptpunkte in einen Punkt
zusammenziehen und ebenso die beiden Knotenpunkte. Man erhält dadurch ein
noch mehr vereinfachtes Schema des Auges, welches Listing das reduzierte
Auge nennt. Er legt den einfachen Hauptpunkt eines solchen Auges 2,3448 mm
hinter die Vorderfläche der Hornhaut, den Knotenpunkt x Fig. 44 0,4764 mm
vor die hintere Fläche der Linse, die Brennpunkte bleiben unverändert. Die
Wirkung des reduzierten Auges würde durch eine brechende Kugelfläche hervor-
gebracht werden können, deren Mittelpunkt der Knotenpunkt wäre, und deren
Scheitel im Hauptpunkt läge, während sich vor ihr Luft, hinter ihr wässrige
Fig. 44.
Feuchtigkeit oder Glaskörper befünde. Der Krümmungshalbmesser einer solchen
Fläche würde 5,1248 mm betragen. Bei vielen theoretischen Betrachtungen, wo
es nur auf die Größe und Lage der Bilder ankommt, kann man sich durch An-
wendung dieses reduzierten Schemas des Auges die Untersuchung sehr erleichtern.
In Fig. 44 ist die brechende Kugelfläche des reduzierten Auges durch den ge-
strichelten Bogen 21, ihr Mittelpunkt bei x angegeben.
In dem sehr häufig vorkommenden Falle, wo man weiß, daß genaue optische
Bilder auf der Netzhaut entworfen werden, und es nur darauf ankommt, den
Ort des Bildes für einen bestimmten Punkt des Gegenstandes zu finden, genügt
die Kenntnis der Knotenpunkte. Erlaubt man sich dabei die Vereinfachung,
nur einen Knotenpunkt anzunehmen, so findet man den Ort des Bildes, wenn
man von dem leuchtenden Punkte eine gerade Linie nach dem Knotenpunkte
zieht, und diese bis zur Netzhaut verlängert; wo sie die Netzhaut trifit, ist der
Ort des Bildes. Eine solche gerade Linie nennt man Richtungslinie des
Sehens. Der einfach gedachte Knotenpunkt ist also der Kreuzungspunkt
der Richtungslinien. Das vor der Hornhaut und das hinter der Linse liegende
78 Die Dioptrik des Auges. Jon, 70.
Stück einer solchen Linie würde zugleich dem Wege eines gewissen Strahls
angehören, den man Richtungsstrahl nennen kann. Nur zwischen der vorderen
Hornhaut- und hinteren Linsenfläche fällt der Richtungsstrahl nicht notwendig
mit der Richtungslinie zusammen.
Will man die genauere Konstruktion machen, wobei man beide Knoten-
punkte als getrennt betrachtet, so hat man zwei Richtungslinien zu unter-
scheiden. Die erste geht vom leuchtenden Punkte zum ersten Knotenpunkte,
und die zweite ist parallel mit der ersten durch den zweiten Knotenpunkt zu
legen. Wo letztere die Netzhaut schneidet, ist der Ort des Bildes. Das außer-
halb des Auges liegende Stück der ersten Richtungslinie und das im Glas-
körper liegende Stück der zweiten gehören wieder dem Wege eines Lichtstrahls
an, des Richtungsstrahls.
Ich nenne den Richtungsstrahl, welcher die Stelle des direkten Sehens
trifft, die Gesichtslinie. Der vordere gerade Teil der Gesichtslinie geht also
von dem fixierten Punkte des Gesichtsfeldes in der Richtung des ersten Knoten-
punktes, der hintere gerade Teil von dem zweiten Knotenpunkte her nach der
Netzhautgrube. Da man früher den gelben Fleck meist in dem hinteren Ende
der optischen Achse des Auges gelegen glaubte, hielt man die Gesichtslinie
auch für identisch mit der Augenachse, und nannte diese Linie auch wohl
Sehachse, oder Gesichtsachse. Nach meinen Untersuchungen sind aber
beide merklich voneinander unterschieden. Vor dem Auge liegt die Gesichts-
linie nach innen und meist etwas nach oben von der Augenachse, die Netzhaut-
grube also nach außen und meist etwas nach unten von der Achse. Ich habe
in Fig. 44 die Lage der Gesichtslinie G, @, im horizontalen Durchschnitte des
Auges angegeben, sowie ich sie in einem gut gebildeten Auge im Verhältnis
zur Augenachse F F, liegen fand. Die obere Seite der Figur ist die Schläfen-
seite, die untere die Nasenseite.
Um die Brechung der Lichtstrahlen in den einzelnen Mitteln des Auges
zu berechnen, teilen wir uns das optische System des Auges in zwei Teile, deren
ersten die Hornhaut, deren zweiten die Kristallinse ausmacht, so daß das erste
Mittel des ersten Systems Luft, das Mittel zwischen beiden Systemen, oder das .
letzte des ersten, das erste des zweiten Systems wässrige Feuchtigkeit, das letzte
Mittel des zweiten Systems Glaskörper ist.
Wir beginnen mit der Hornhaut. Die Untersuchung der Brechung in
dieser wird wesentlich vereinfacht durch den Umstand, daß die Hornhaut sehr
dünn ist, fast gleichgekrümmte Flächen hat, und ihr Brechungsvermögen nur
wenig das der wässrigen Feuchtigkeit übertrifft. Ich habe $ 9 bei den Glei-
chungen 12), 12a), 12b) nachgewiesen, daß man an jeder brechenden Fläche
eine unendlich dünne Schicht von beliebigem Brechungsvermögen und gleich-
gekrümmten Flächen einschieben könne, ohne die Brechung zu verändern. Man
denke sich somit vor der Hornhaut eine unendlich dünne Schicht wässriger
Feuchtigkeit ausgebreitet, wie sich denn sogar in Wahrheit dort eine ähnliche
Schicht befindet, nämlich die Schicht der die Hornhaut netzenden Tränen.
Dann können wir nachher die Hornhaut selbst als eine uhrglasföürmige Linse
betrachten, welche auf beiden Seiten von dem gleichen Medium, wässriger Feuchtig-
keit, umgeben ist. Eine solche Linse hat eine sehr große oder unendliche
Brennweite, d. h. sie verändert den Gang der Lichtstrahlen nicht merklich.
Daraus folgt, daß die Brechung der Lichtstrahlen in der Hornhaut fast dieselbe
sein wird, als wenn die wässrige Flüssigkeit bis an die vordere Fläche der Horn-
z0, 71.) Brechung in der Hornhaut. 79
haut reichte. Diese Annahme ist daher bis jetzt auch fast immer bei der Be-
rechnung des Ganges der Lichtstrahlen in der Hornhaut gemacht worden, und
sie ist um so notwendiger zu machen, da wir bisher zwar gute Messungen der
äußeren Hornhautkrümmung, aber keine genügend zuverlässigen für die innere
besitzen.
Sollte die bezeichnete Annahme streng gerechtfertigt sein, so müßte nach
$ 9 Gleichung 13) sein
nn, r) + (n n)d=0,
wo n, das Brechungsvermögen der wässrigen Feuchtigkeit, n, das der Hornhaut,
d die Dicke, r, den Krümmungshalbmesser der vorderen, r, der hinteren Fläche
der Hornhaut bezeichnet. Diese Gleichung kann nun in der Tat auf die Horn-
haut nicht wohl passen. Wenn wir sie schreiben:
fr, kd -r= = d,
Da
so ist (r, + d) der Abstand des Krümmungsmittelpunktes der hinteren Fläche
vom Scheitel der vorderen, und die Gleichung würde aussagen, daß der
Krümmungsmittelpunkt der hinteren Fläche hinter dem der vorderen liege.
Dann müßte die Hornhaut von der Mitte nach dem Rande zu an Dicke ab-
nehmen, während in der Regel das Umgekehrte der Fall ist. Die Hornhaut
wird also den Folgerungen gemäß, welche am Ende des § 9 für konkavkonvexe
Linsen aus der Gleichung 13) gezogen sind, in der Regel als Linse in wäss-
riger Feuchtigkeit aufgehängt eine negative, aber sehr große Brennweite haben.
Nehmen wir ,=8mm, r,=7mnm, d=1Imm und nach W. Krause
n, = 1,5507, n, = 1,3420, so wird nach $ 9 Gleichung 13) die Brennweite der
in wässriger Feuchtigkeit befindlichen Hornhaut gleich — 8,7 Meter, eine Größe,
welche wir im Verhältnisse zu den Dimensionen des Auges als unendlich groß
betrachten können.
Dasselbe wurde bestätigt durch Versuche mit dem Ophthalmometer, mittels
welches Instrumentes ich die Größe eines Objekts maß, welches sich hinter
einem Glasgefüße mit parallelen Wänden befand. Brachte ich in das Wasser
eine frische Hornhaut einer menschlichen Leiche, so daß ich das Objekt nur
durch die Hornhaut erblickte, so war durch das Ophthalmometer keine Ver-
kleinerung des Bildes zu entdecken. Diese war also so gering, daß die leichte
Trübung des Bildes durch die eingeführte Hornhaut hinreichte, sie unwahr-
nehmbar zu machen.
Um berechnen oder schätzen zu können, um wieviel sich die wirkliche
Brechung am Auge von derjenigen unterschiede, welche eintreten würde, wenn
das Brechungsvermögen der Hornhaut wirklich dem der wässrigen Feuchtigkeit
gleich wäre, wollen wir die optischen Konstanten der Hornhaut nach der Formel
$ 9 Nr. 12) bestimmen, und dabei setzen n, = 1,n,=-n,y=-n+An,n=r,
r,=r— Ar, wobei wir die Größen An, Ar und die Dicke der Hornhaut d
als sehr klein gegen n und r ansehen können. Wenn wir diese Bezeichnungen
in $9 Gleichungen 12) einsetzen, und die höheren Dimensionen der kleinen
Größen vernachlässigen, erhalten wir die Brennweiten.
L oP
nn: Bal
(n— (d nt
EE EE
80 Die Dioptrik des Auges. [rı. 72.
Der Unterschied der Brennweiten von dem Werte — ‚ den wir durch die
Annahme A n = 0 erhalten, ist eine kleine Größe zweiter Dimension; ebenso die
Entfernung æ des ersten Hauptpunktes, von der vorderen Hornhautfläche nach
vorn gerechnet,
zu — D e . D e . . D D . la).
Die Entfernung der beiden Hauptpunkte voneinander a wird sogar eine kleine
Größe dritter Dimension:
2
E WEEN EE
Für die Berechnung der Bilder wird es daher genügen, nur eine Brechung
an der vorderen Fläche der Hornhaut in Betracht zu ziehen, und dabei das
Brechungsvermögen der Hornhaut gleich dem der wässrigen Feuchtigkeit
zu setzen.
Der zweite Teil des optischen Systems des Auges besteht aus der Kristall-
linse. Vor dieser befindet sich die wässrige, hinter ihr die Glasfeuchtigkeit. Da
das Brechungsvermögen dieser beiden Stofle nur äußerst geringe Unterschiede
zeigt, so wollen wir diesen Unterschied vernachlässigen. In optischen Systemen,
deren erstes und letztes Mittel identisch ist, fallen die Hauptpunkte mit den
Knotenpunkten zusammen. Wir können also für die Kristallinse im Auge, wie
bei den gewöhnlichen Glaslinsen unserer optischen Instrumente, beide Arten
von Punkten identifizieren. Die Kristallinse unterscheidet sich aber dadurch
wesentlich von unseren Glaslinsen, daß die Dichtigkeit ihrer Substanz nicht
konstant ist, sondern von außen nach innen zunimmt. Da wir das Gesetz dieser
Zunahme nicht genau kennen, sind wir auch außer Stande, den Gang der Licht-
strahlen durch die Linse vollständig zu berechnen, und den Ort ihrer Brenn-
punkte und Hauptpunkte genau zu bestimmen. Wir müssen uns begnügen,
Grenzen für die Lage dieser Punkte zu finden. In dieser Beziehung lassen
sich folgende Sätze aufstellen.
1. Die Brennweiten der Kristallinse sind kleiner, als sie sein
würden, wenn ihre ganze Masse das Brechungsvermögen ihres
Kerns hätte,
Um diesen wichtigen Satz zu beweisen, denken wir uns die Kristallinse
nach ihrer natürlichen Schichtung zerlegt in den Kern, der eine fast kugelige
bikonvexe Linse von positiver Brennweite darstellt, und in die einzelnen ihn
umschließenden Schichten, deren zunächst der Augenachse gelegene Teile
konkavkonvexen Linsen entsprechen. Und zwar sind dies Linsen, die nach dem
Rande zu dicker oder wenigstens nicht dünner werden, bei denen also
r, =r, +d (s. Ende von $ 9), wenn wir mit r, den Radius der konvexen, mit
r, den der konkaven Fläche, und mit d die Dicke der Linse bezeichnen. Nach
S 0 Gleichung 18) ist unter diesen Umständen die Brennweite negativ. Die
Lage der Hauptpunkte A, und A, und Brennpunkte p, und p, solcher Linsen
ist dargestellt in $ 9 Fig. 42.
Es seien in Fig. 45 a, und a, die Scheitelpunkte, c, und e die Mittel-
punkte der beiden Grenzflächen, A und A, die Hauptpunkte einer solchen
Linse. Von einem Objekte b, vor der ersten (konvexen) Fläche befindlich, ent-
wirft die Linse ein verkleinertes aufrechtes virtuelles Bild, wie in $ 9 gezeigt
72. 78.] Brechung der Strahlen in der Kristallinse. 81
ist, und, können wir hier hinzusetzen, dies Bild 2 liegt nicht nur vor dem
zweiten Hauptpunkte, sondern auch stets vor der zweiten Linsenfläche. Denn
wenn das Objekt b von A, weiter entfernt ist als der Scheitel der ersten
brechenden Fläche a, so muß sein Bild weiter
von h, entfernt sein als e, das Bild von o,
Das Bild von a, wird aber nur durch eine
Brechung an der Hinterfläche der Linse ent-
worfen, und da die Brennweite dieser Fläche
negativ ist, wird das Bild e von a, ihr näher
und vor der Fläche liegen. Daher muß f, welches
noch vor e liegt, jedenfalls vor der Hinterfläche
der Linse liegen. Fig. 45.
Es läßt sich ferner zeigen, daß das Bild og
eines vor a, liegenden Objekts b der hinteren Fläche der Linse desto näher
rückt, je größer das Brechungsvermögen der Linse. Zunächst ergibt sich leicht,
daß das Bild « von a, der hinteren Fläche der Linse desto näher rückt, je
stärker das Brechungsvermögen. Wenn « das Bild von a, ist, und wir die Ent-
fernung «a, mit q bezeichnen, so haben wir nach den Gleichungen $ 9 Nr. 3
oder
n ra
Ir, + (m _n)d
Da der Nenner des Wertes von q größer wird, wenn n, größer wird, so wird
q kleiner.
Wenn nun gezeigt werden kann, daß, wenn n, größer wird, auch das Bild
von 5 näher an « rückt, so folgt dann, daß unter dieser Bedingung das Bild
von b sich auch der zweiten Fläche der Linse nähert.
Um dies zu zeigen, bezeichnen wir die Entfernung des Objekts b vom
ersten Hauptpunkte, also die Linie AA, mit f, die des Punktes a, von dem-
selben Hauptpunkte, also die Linie oa Ah, welche in den Gleichungen (13a) des
§ 9 der Länge — h, entspricht, mit p, die Brennweite der Linse mit F, so ist
die Entfernung des Bildes 8 vom zweiten Hauptpunkte, oder die Länge
Eh 237
und die Entfernung des Bildes œ des Punktes a, von demselben Hauptpunkte
ah, = ër? e
Die zweite Gleichung von der ersten subtrahiert, gibt die gesuchte Entfernung
der beiden Bilder voneinander:
B o ms (f, Se p) y
LR — OUR — 8
V. Hetanotrz, Physiologische Optik. 8. Aufl. I, 6
82 Die Dioptrik des Auges. [73. 74.
Wenn wir n, verändern, bleibt in diesem Ausdrucke f —p unverändert.
Setzen wir
und hierin für F und p= — h, aus den Gleichungen 13) und 13a) § 9 ihre
Werte, so erhalten wir
0-14 (1 A7
Naj r,
Setzen wir ferner den absoluten Wert des in unserem Falle negativen F gleich P,
also nach § 9 13)
i hr EA
P=- F= ,
(1 AN [n In, — ra — d) +n d)
2
so wird ee
Goes
Torte]
SE
Wenn wir nun n, größer machen, wird Ọ größer, P kleiner, wie sich aus der
Form, in der wir ihre Werte geschrieben haben, leicht ergibt, und f — p bleibt
ungeändert. Wenn C größer wird, wird Ze kleiner, und wenn P kleiner wird,
wird Ze ebenfalls kleiner. Folglich wird Ze kleiner, und endlich auch Aa,
kleiner, wenn n, größer wird.
Wir haben bisher die Eigenschaft einer einzelnen solchen Linse untersucht,
wie sie durch Zerlegung des Kristallkörpers nach seinen Schichten entstehen
würden. Denken wir uns nun alle die konkavkonvexen Linsen, welche auf einer
Seite des Kerns im Kristallkörper liegen, in wässrige Feuchtigkeit getaucht,
und wieder in ihre natürliche Lage gebracht, oder denken wir uns, mit anderen
Worten, zwischen jede zwei Lagen ungleicher Dichtigkeit im Kristallkörper eine
unendlich dünne Schicht wässriger Feuchtigkeit eingeschaltet, und den Teil
derselben isoliert, welcher auf einer Seite des Kerns liegt, so erhalten wir ein
optisches System, welches wir eine zusammengesetzte konvexkonkave Linse
nennen können. -
Es sei dies System in Fig. 46 dargestellt; ab sei die Achse, g der Scheitel
der äußersten konvexen, 4 der konkaven
Fläche des Systems. Vor der konvexen Seite
des Systems liege ein leuchtender Punkt a.
e Nach dem, was wir in bezug auf eine einzelne
solche Linse bewiesen haben, folgt, daß die
erste Linse ein Bild von a entwirft, welches
vor ihrer zweiten Fläche, also auch vor der
Fig. 46. ersten Fläche der zweiten Linse liegt. Daraus
folgt weiter, daß auch diese Linse und so
jede folgende ein Bild von a entwirft, welches vor ihrer zweiten Fläche liegt.
Das ganze System wird also ein Bild von a entwerfen, welches vor seiner
brechenden Fläche liegt, etwa in «.
Ferner ergibt sich leicht, daß, wenn a näher nach g rückt, auch e sich
dem Punkte A nähern muß. Denn einfache Linsen mit negativer Brennweite
74. 75.] Hauptpunkte der Kristallinse. 83
entwerfen von näheren reellen Objekten, welche vor ihnen liegen, auch nähere
Bilder. Nähert sich also o der ersten Linse, so entwirft diese auch ein näheres
Bild, welches wieder Objekt der zweiten Linse wird, und so fort.
Endlich ergibt sich, daß, wenn wir das Brechungsvermögen einer der
Schichten erhöhen, das Bild æ näher an A fallen wird. Bis zu der veränderten
Schicht hin bleibt der Gang der Lichtstrahlen und die Lage der Bilder un-
verändert, die Schicht mit erhöhtem Brechungsvermögen entwirft aber jetzt ein
näheres Bild von a, welches ein näheres Objekt für die folgenden Schichten
wird, und dem ein näher an A gelegenes letztes Bild œ entsprechen muß. `
Wenn also das Bild œ dieselbe Lage behalten soll, während wir das
Brechungsvermögen einer der Schichten erhöhen, müssen wir die Entfernung ag
entsprechend vergrößern.
Die ganze Kristallinse können wir nun zusammengesetzt denken aus zwei
solchen Systemen konkavkonvexer Linsen B und Ọ und ihrem bikonvexen
Kerne A, wie in Fig. 47. Wenn die
Kristallinse als Ganzes von einem vor
ihr gelegenen Punkte a ein reelles
umgekehrtes Bild in 5 entwirft, so
wird das Schichtensystem B ein Bild «
vor der vorderen Fläche des Kerns
entwerfen müssen, und dem Bilde b
wird ebenso ein Bild £ hinter der
hinteren Fläche des Kerns entsprechen Fig. 47.
müssen, welches die Strahlen nach
der Brechung im Kerne und vor der Brechung im Systeme C bilden. Der Kern
muß also nach Art von bikonvexen Linsen ein umgekehrtes Bildchen von e
in ø entwerfen. Er tut dies, wenn e vor seinem vorderen Brennpunkte liegt.
Rückt a in unendliche Entfernung, so wird 5 im hinteren Brennpunkte der
ganzen Kristallinse liegen müssen.
Erhöhen wir nun das Brechungsvermögen einer der Schichten in B, so
wird e näher an die Vorderfläche von A rücken, folglich das Bild ø, welches
A von e, und das Bild b, welches O von 2 entwirft, sich nach hinten entfernen.
Erhöhen wir ebenso das Brechungsvermögen einer der Schichten von C, so wird
dem Bilde 9. welches seinen Platz behält, ein entfernteres Bild b entsprechen.
Erhöhen wir also das Brechungsvermögen einzelner Schichten
der Systeme B und CG so entfernt sich der hintere Brennpunkt der
Kristallinse von ihrer hinteren Fläche.
Wir können das Brechungsvermögen sämtlicher Schichten der Krystallinse
bis zu dem des Kerns wachsen lassen, ohne daß der Brennpunkt in unendliche
Entfernung hinausrückt, da ja schließlich, wenn die Beschaffenheit aller Schichten
der des Kerns gleich geworden ist, die Kristallinse eine einfache homogene
bikonvexe Linse darstellt, deren Brennweite positiv und endlich sein muß,
Was für den hinteren Brennpunkt der Linse gilt, gilt natürlich auch für
den vorderen, und somit ist bewiesen, daß die Brennpunkte der Kristallinse
ihr näher liegen, als sie es tun würden, wenn alle ihre Schichten die Dichtig-
keit und das Brechungsvermögen des Kerns hätten.
2. Die Entfernung der Hauptpunkte voneinander ist in der
Kristallinse kleiner als in einer Linse, welche dieselbe Form und
das Brechungsvermögen des Kerns hätte.
6*r
84 Die Dioptrik des Auges. [75. 76.
Die Hauptpunkte sind die von der Linse selbst entworfenen Bilder eines
in ihr liegenden Punktes, nämlich ihres sogenannten optischen Mittelpunktes.
Wo dieser auch liegen mag, so läßt sich in ganz ähnlicher Weise, wie es eben
zur Bestimmung der Brennpunkte geschehen ist, nachweisen, daß die Bilder
des optischen Mittelpunktes desto näher den Oberflächen der Linse rücken
werden, je mehr das Brechungsvermögen der einzelnen Schichten der Kristall-
linse steigt, daß dabei also auch die Entfernung der beiden Bilder voneinander
algebraisch größer wird. Wenn nun sämtliche Schichten der Linse schließlich
das Brechungsvermögen des Kerns erreicht haben, wird im allgemeinen der
optische Mittelpunkt der Kristallinse nicht mehr mit dem optischen Mittelpunkte
dieser neuen gleichartigen Linse zusammenfallen. Da aber bei einer Linse mit
positiven Brennweiten die Entfernung der Hauptpunkte ein Maximum ist
unter den Entfernungen zusammengehöriger Bilder, so ist die Entfernung der
Hauptpunkte dieser neuen gleichartigen Linse jedenfalls größer als die Ent-
fernung der von ihr entworfenen Bilder des optischen Mittelpunktes der un-
veränderten Kristallinse, folglich auch größer als die Entfernung der Haupt-
punkte der unveränderten Kristallinse voneinander.
Es läßt sich ferner nachweisen, daß die Entfernung der Hauptpunkte der
Kristallinse einen positiven Wert hat, d. h. daß der zweite Hauptpunkt hinter
dem ersten liegt, wenn wir annehmen, wie dies aus der Form der Linsen-
schichten hervorzugehen scheint, daß die Krümmungsradien der in der Achse
gelegenen Teile der Schichtflächen größer sind als die Entfernungen dieser
Flächen vom Kerne der Linse. Brechende Kugelflächen entwerfen von Punkten,
welche zwischen ihnen und ihrem Mittelpunkte liegen, Bilder, die der brechenden
Fläche näher sind als das Objekt. Folglich wird das Bild des Mittelpunktes
des Linsenkerns, welches die vordere Linsenhälfte entwirft, vor seinem Objekte,
das, welches die hintere Linsenfläche entwirft, hinter seinem Objekte liegen.
Die beiden zusammengehörigen Bilder des Mittelpunktes des Linsenkerns haben
also eine positive Entfernung. Da der Abstand der Hauptpunkte algebraisch
größer ist als der aller anderen zusammengehörigen Bilder, so ist dieser Ab-
stand jedenfalls positiv.
Die Hauptpunkte einer Linse, welche die Gestalt der menschlichen Kristall-
linse und das Brechungsvermögen ihres Kerns hätte, würden nur etwa !/, mm
voneinander entfernt sein; dadurch ist die Entfernung der Hauptpunkte der
Kristallinse voneinander also in sehr enge Grenzen eingeschlossen.
Die Brechungsverhältnisse der durchsichtigen Mittel des menschlichen Auges sind
früher von Onossar! und Brewster” bestimmt worden; neuerdings ist eine große
Zahl solcher Messungen von W. Krause? ausgeführt worden, während die erstgenannten
Beobachter, wie es scheint, nur wenige Augen untersucht haben. Brewster brachte
die zu untersuchende Substanz zwischen die krumme Fläche einer Konvexlinse, welche
als Objektiv eines Mikroskops diente, und ein gegen die Achse des Mikroskops senk-
recht gestelltes Planglas. Dadurch wird die Brennweite des Mikroskops verändert.
Brewster maß den Objektabstand des Mikroskops vor und nach der Einbringung der
brechenden Substanz und nach der Einbringung von reinem Wasser, dessen Brechungs-
1 Bulletin des se, par la Société philom. de Paris. A. 1818. Juin, p. 294.
? Edinburgh Philos. Journal. 1819. Nr. 1. p. 47.
3 Die Brechungsindices der durchsichtigen Medien des menschl. Auges von Dr. W. Krause.
Hannover 1855.
78. 77.] Messungen der Brechungsverhältnisse. 85
koeffizient bekannt war. amours und BECQUEREL? schlugen vor, die Größe der Bilder
des Mikroskops zu messen, und dieser Methode ist auch W. Krause gefolgt. Ich lasse
hier die Beschreibung des Verfahrens folgen, welches der letztere angewendet hat,
Ein gewöhnliches KeLLNerRsches Mikroskop, dessen unterer Teil in Fig. 48 ab-
gebildet ist, wurde für die Messungen auf folgende Art eingerichtet. An die Stelle
des Objektivs wurde eine bikonvexe Linse von Crownglas von etwa
30 mm Brennweite gebracht, indem die Fassung b in das Rohr des
Mikroskops a eingeschraubt wurde. Die Linse befand sich in einer
konkaven, geschwärzten Vertiefung, und wurde darin durch die
Hülse d, die in der Mitte mit einer Öffnung von 2,6 mm Durch-
messer versehen war, festgeschraubt. Die Linse lag luftdicht auf dem a ai
Rande dieser Öffnung an. Unter ihr wurde eine plane Glasplatte e, CG d
ebenfalls von Orownglas, angebracht, vermittelst eines Ringes f, dessen N m
Innenraum konisch ausgeschliffen war und auf die Hülse d, die eben- y
falls konisch zugeschliffen war, paßte, jedoch nicht so genau, daß
nicht Luft langsam dazwischen hindurchdringen konnte, Fig. 48.
Das zu prüfende Augenmedium wurde in den Ring f auf die
Mitte der ebenen Platte gebracht, und dann der Ring so fest auf die Hülse d auf-
gedrückt, daß die letztere auf den vorspringenden Rand g aufstieß, um dadurch das
Planglas sicher vertikal gegen die Achse des Mikroskops zu stellen. Nach jeder
Messung konnte die Objektivlinse herausgenommen und gereinigt werden.
Im Okulare des Mikroskops war ein Glasmikrometer, geteilt in Lan Wiener Linien,
befestigt; auf den Objekttisch wurde ein ebensolches, geteilt in Ji Linien, gelegt,
und das Mikroskop so gestellt, daß beide Teilungen gleichzeitig deutlich gesehen
wurden, und bestimmt, wieviel Teilstrischen des oberen Mikrometers einer des unteren
entsprach. Ebensolche Messungen wurden angestellt, wenn bloß Luft zwischen der
Objektivlinse und der ebenen Platte, und wenn destilliertes Wasser dazwischen war.
Zur Berechnung der Resultate können wir die Gleichungen $ 9 Nr. 12) benutzen;
zwar beziehen sich diese nur auf zwei brechende Flächen, und in dem Öbjektivsystem
von Krauses Apparat haben wir vier, nämlich die erste und zweite Fläche des
Planglases, die erste und zweite Fläche der bikonvexen Linse. Wenn wir uns aber
das System in zwei zerlegen, von denen das erste die beiden ebenen Flächen um-
faßt, das- zweite die beiden Flächen der Linse, so sind die Brennweiten des ersten
Systems unendlich. Bezeichnen wir die erste (untere) Brennweite des Planglases ent-
sprechend der Bezeichnung in $ 9 Gleichung (11a) bis (f) mit f, die zweite des Plan-
glases mit f,, die erste (untere) der Linse mit p, die zweite mit p,, den Abstand
des zweiten Hauptpunkts des Planglases vom ersten der Linse mit d, so gibt die
letzte der Gleichungen (11f), wenn wir f, unendlich groß setzen, für die zweite (obere)
Brennweite des ganzen Systems:
F, = Q,
Die erste Brennweite des ganzen Systems ist dieser gleich, da das erste und letzte
Mittel (Luft) identisch sind.
Für die Entfernung des zweiten Hauptpunktes des ganzen Systems vom zweiten
Hauptpunkte der Linse gibt die Gleichung (11e) den Wert 0, wenn wir f, = œ
setzen. Der zweite Hauptpunkt und zweite Brennpunkt sind also in diesem Falle
dieselben, als wenn das zwischen der ebenen Platte und der Linse eingeschlossene
Mittel nach vorn unbegrenzt wären.
Wir nennen also, entsprechend der Bezeichnung des $ 9 Gleichung 12), das
Brechungsverhältnis der zu prüfenden Substanz n,, das der Glaslinse n,; das der Luft ny
können wir = 1 setzen; dann entspricht der Wert von F, der genannten Gg eg
der Brennweite F unseres Objektivsystems:
! L'Institut. Scienc. math., phys. et natur. 1840. p. 399.
86 . Die Dioptrik des Auges. [77. 78.
ek KE e, Ki A
n,i-n)r + [n r, — (1 — n,)d] (n, — m)
Nennen wir F, die Brennweite des Objektivsystems für den Fall, daß destilliertes
Wasser zwischen die Platte und Linse eingebracht ist, n, das Brechungsvermögen des
destillierten Wassers, und ® die Brennweite für den Fall, wo sich Luft zwischen der
Platte und Linse befindet, so erhalten wir noch zwei ähnliche Gleichungen, welche
wir mit der vorigen in folgender Form schreiben können:
FA—-nnn=nFB
Bieten DB Ae eier en we e Bb
®A—nnnr=®B |
wenn wir der Abkürzung wegen setzen:
A =n [1 — n) +r, — (1 — Meld
B= n, r, — (1 — n,)d.
F=
Wenn wir die zweite der Gleichungen 2) von der ersten, und die dritte von der
zweiten abziehen, erhalten wir:
(F — F,) A = (n, F — m F,)B
(F, — 0) A = (m F, — O) B.
Diese beiden Gleichungen durcheinander dividiert geben:
Daraus folgt endlich:
n = 1 +m — 1) 2a).
Wir können also das Brechungsverhältnis der zu prüfenden Substanz n, be-
rechnen, wenn wir das Brechungsverhältnis des destillierten Wassers n, kennen und
die drei Brennweiten des Objektivsystems F, F, und ®. Diese Brennweiten lassen
sich aber aus der Messung der Bilder berechnen. Ist b die Größe eines Teilstrichs
des unteren Mikrometers, und 9 die absolute Größe seines in der Okularblendung
des Mikroskops entworfenen Bildes, ohne Rücksicht auf seine umgekehrte Stellung,
F die Brennweite des Objektivsystems und f, die Entfernung des Bildes # vom
zweiten Hauptpunkte des Objektivsystems, so ist nach $ 9 Gleichung 8b):
Re leen e 2b)
Wenn man b und f gemessen hat, würde man also f, noch kennen müssen, um
F zu finden, Vorausgesetzt aber, daß /, in allen Fällen dasselbe bleibt, was in
Krauses Apparat mit großer Annäherung der Fall ist, würde sich dessen Wert aus
der Gleichung für n, fortheben, braucht also dann nicht gekannt zu sein. Lassen
wir den drei Brennweiten F, F, und ® entsprechen die drei Werte 3. fọ und b,
so wird der Wert von n
m A
m =1 ele le "ue er Wf AT Sie
U + (1 ) p Bo ).
78.] Messungen der Brechungsverhältnisse. 87
Zur Berechnung von n, braucht man also unter diesen Umständen nicht einmal
die Größe des Objekts 5 zu kennen, welches man unter das Mikroskop gelegt hat,
sondern es genügt, irgend ein beliebiges Objekt zu nehmen, wenn es nur immer das-
selbe bleibt.
Der Wert von f, ist in diesen Messungen konstant, wenn sich die Stellung des
Mikrometers im Okulare, und die des zweiten Hauptpunktes des Objektivsystems
nicht ändert. Die letztere ist bei Einschaltung verschiedener Flüssigkeiten zwischen
der ebenen Platte und Linse nur dann streng konstant, wenn die obere Fläche der
Linse eben ist. In $ 9 Gleichung 12a) ist h, die Entfernung des zweiten Haupt-
punktes von der hinteren Fläche der Linse. Wenn r, nicht unendlich ist, ist diese
Entfernung von n, dem Brechungsvermögen der eingeschalteten Substanz, abhängig.
Wenn man r, unendlich groß setzt, nachdem man Zähler und Nenner des Ausdrucks
für h, dadurch dividiert hat, wird
also unabhängig von n,. Es möchte daher besser sein, bei solchen Messungen statt
der bikonvexen eine plankonvexe Linse zu nehmen, die plane Seite nach oben ge-
wendet. Indessen ist der Fehler, welcher durch Anwendung einer bikonvexen ent-
stehen kann, jedenfalls äußerst unbedeutend, wenn nur die Dicke der Linse gegen die
Länge des Körpers des Mikroskops vernachlässigt werden kann.
Brewster hat bei seinen Messungen den Brechungskoeffizienten des destillierten
Wassers = 1,3358 gesetzt, was nach FraunHorers Messungen etwa der Linie Æ
im Grün, also den Strahlen mittlerer Brechbarkeit entsprechen würde. Krause zieht
auf Listinss Rat vor, als Grundlage den intensivsten Strahl des Spektrums zu nehmen,
welcher nach FrAuxnorer den Brechungsindex 1,33424 hat. Ich gebe in der folgen-
den Tafel die Resultate, welche Cmossar, Brewster und Krause für das mensch-
liche Auge erhalten haben. W. Krause hat 20 Augen von 10 Individuen untersucht
und sehr beträchtliche individuelle Abweichungen gefunden.
Tabelle der Brechungsindizes menschlicher Augen.
| Wässrige
| | Glas Kristallinse
Beobachter | Homhant Feuchtig- e Äuß Mittlere
| keit Schicht | Schicht
Cuossar | 1,88 1,838 | 1,889 | 1,888 | 1,895
Brewster | 1,8866 | 1,8894 | 1,8767 | 1,8786
ny = 1,8858
Max. 1,8569 | 1,8557 | 1,8569 | 1,4748 | 1,4775 | 1,4807
bé Le | i8481 | 18849 1.8861 | 1,8481 | 1,8528 | 1,4252
Ae Mittel | 1,8507 | 1,8420 | 1,8485 | 1,4058 | 1,4294 | 1,4541
Heımuorrz 1,8365 | 1,8882 | 1,4189
N, = 1,8854 |
Die von mir selbst angestellten Messungen sind in folgender Weise ausgeführt:
Es wurden Proben der zu untersuchenden Flüssigkeit zwischen einer ebenen Glas-
platte und der konkaven Fläche einer kleinen plankonkaven Linse eingeschlossen;
Bilder dieses optischen Systems wurden mit dem Ophthalmometer gemessen, daraus
die Brennweiten berechnet. Außerdem konnte der Radius der konkaven Linsenfläche
direkt mit dem Ophthalmometer bestimmt werden, ähnlich wie dies in $ 2 für den
Krümmungsradius der Hornhaut geschehen ist. Unter diesen Umständen war es nicht
nötig, auch mit destilliertem Wasser zwischen den Gläsern zu beobachten, und dessen
88 Die Dioptrik des Auges. [79.
Brechungsverhältnis als bekannt vorauszusetzen. Das Brechungsverhältnis des destil-
lierten Wassers fand sich auf diese Weise 1,3351, was zwischen BrEWSTERS und
Kravses Zahl liegt.
Krause hat noch eine Reihe von Brechungsverhältnissen an Kalbsaugen unter-
sucht, namentlich in der Absicht, um zu ermitteln, ob die Brechungsverhältnisse in
den ersten 24 Stunden nach dem Tode sich merklich verändern, indem er 20 solcher
Augen unmittelbar nach dem Tode untersuchte, 20 andere, nachdem sie 24 Stunden
bei 15° R. aufbewahrt worden waren. Er fand folgende Mittelzahlen:
frische Augen nach 24 Stunden
Al EE Eech PTT, 1,3480
Wässrige Feuchtigkeit. . . . . . 1,3421 1,3415
Glaskörper re Zi Ap er) 1.3528
Äußere Linsenschict . . . . . . 1,3988 1.4018
Mittlere Linsenschicht . . . . . . 1,4194 1,4211
ER kee TR rn IA y 1,4512
Daraus geht hervor, daß sich die Brechungsverhältnisse der Kalbsaugen in den
ersten 24 Stunden nach dem Tode nicht merklich verändern, und es läßt sich dem-
nach dasselbe für die menschlichen annehmen.
Da aus der Gestalt und den Brechungsverhältnissen der einzelnen Schichten der
Kristallinse deren Brennweite nicht unmittelbar zu berechnen ist, so will ich hier die
Resultate von direkten Messungen der optischen Konstanten zweier menschlichen Linsen
anführen, welche ich etwa 12 Stunden nach dem Tode untersuchen konnte.
An der Luft trocknet und faltet sich die Oberfläche einer aus dem Auge ge-
nommenen Linse sehr bald, in Wasser quillt sie auf und wird trübe. Ich habe des-
halb die toten Linsen während ihrer Untersuchung mit Glasfeuchtigkeit umgeben.
Außerdem sind die Linsen außerordentlich nachgiebig gegen jeden Zug und Druck;
so lange sie aber von ihrer elastischen und sie sehr prall umschließenden Kapsel um-
geben sind, sind diese Formveränderungen vorübergehend.
Man muß die Linsen während der Untersuchung also so
lagern, daß sie keinem äußeren Zuge oder Drucke aus-
gesetzt sind. Ich tat das auf folgende Weise. In Fig. 49
ist ein Durchschnitt des kleinen Apparates, den ich dazu
brauchte, in natürlicher Größe dargestellt. In der Mitte
befindet sich ein hohles zylindrisches Stück aus Messing,
welches im Inneren bei bb eine horizontale, auf der oberen
Seite konkave und in der Mitte mit einer runden Öffnung
Fig. 49. versehene Scheidewand hat. Ich benutzte dazu die Fassung
eines der Öbjektivgläser eines älteren Mikroskops. Der
untere Rand dieses Messingstücks wird auf die planparallele Glasplatte cc auf-
gekittet, aber so, daß sich keine Schicht Kitt von merklicher Dicke zwischen die
unterste Rundung des Randes und die Glasplatte einschiebt. Nun füllt man erst
den unteren Hohlraum des Messingzylinders mit Glasfeuchtigkeit, legt dann die
Kristallinse, welche man vorsichtig und ohne Verletzung oder harte Berührung
aus dem Auge genommen hat, mit ihrer platteren Seite auf das Diaphragma bb.
Dann füllt man oben noch etwas Glasfeuchtigkeit nach, bis sie bis zum oberen
Rande des Messinggefüßes steht, und deckt die zweite planparallele Glasplatte dd
darüber, so daß diese auch oben der Glasfeuchtigkeit eine gerade Oberfläche gibt.
Da ich mein Ophthalmometer nicht bequem vertikal stellen konnte, so setzte ich
auf die Glasplatte dd noch ein rechtwinkeliges, gleichschenkeliges Glasprisma f,
welches das von unten her durch die Linse kommende Licht horizontal reflek-
tierte. Das Ganze setzt man dann bequem auf den Körper eines Mikroskops, von
dem man alle Gläser und die enge Blendung am unteren Teile entfernt hat, und
80.] Messungen der optischen Konstanten der Kristallinse. 89
bringt eine Messinglatte mit Gravesanpschen Schneiden, deren Zwischenraum als
optisches Objekt für die Kristallinse gebraucht werden soll, einmal auf den Objekt-
tisch des Mikroskops, und dann wieder dicht unter die Glasplatte ce, zwischen sie
und den oberen Rand des Körpers des Mikroskops. Zur Beleuchtung gebraucht man
den Spiegel des Mikroskops, indem man ihn von unten her Licht durch den zwischen
den Schneiden gelegenen Ausschnitt der Messingplatte werfen läßt. Mittels des Oph-
thalmometers mißt man nun die Größe des Bildes, welches die Kristallinse von dem
Ausschnitte der Messingplatte entwirft.
Zur Rechnung muß man die Entfernung des Ausschnitts zwischen den GRAVE-
sanpschen Schneiden von der unteren Fläche der Platte ce kennen. Diese Größe sei
a wenn der Schirm auf dem Tische des Mikroskops liegt, und d. wenn er dicht
unter der Platte liegt. Je größer man a, und je kleiner man a, machen kann, desto
bessere Resultate gibt der Versuch. Ferner muß man die Dicke der Platte ce kennen,
welche wir e nennen wollen, und wenigstens annähernd ihr Brechungsvermögen n,
endlich die Entfernung b zwischen der oberen Fläche der Platte ce und dem oberen
Rande der Öffnung bb, und das Brechungsverhältnis des Glaskörpers gegen Luft KÉ
Ferner sei b die Entfernung der Gravzsanpschen Schneiden voneinander zu der Zeit,
wo sie auf dem Tische des Mikroskops um a, entfernt von der Platte c lagen, 3
die Breite des von der Kristallinse entworfenen Bildes, ihres Zwischenraums, welche
in diesem Falle eine negative Größe ist wegen der Umkehrung des Bildes, b, und Vë
die entsprechenden Größen bei der anderen Lage des Schirms, f die gesuchte Brenn-
weite der Linse in Glasfeuchtigkeit, und æ der Abstand ihres ersten Knotenpunktes
von der Ebene des oberen Randes der Öffnung bb. So ergibt sich aus dem, was
über die Brechung in ebenen Platten $ 9 Gleichung 3e) und 6c) gefunden ist, daß
die Lichtstrahlen, wenn sie in der Glasfeuchtigkeit vor der Kristallinse angekommen
sind, einem Bilde von der Größe b, oder b, entsprechen, welches in der Entfernung
beziehlich (na, + Zo th At zl oder (na, + e bt al liegt. Die Größe des
SS ab a
Bildes 9, oder ĝ, wird nachher durch die Brechung an den ebenen Flächen der
oberen Glasplatte nicht weiter verändert. Wir haben also die Gleichungen:
D
LUTTE E DR EE
b E Ty
2 Bez? ©
ĝi f
na, + GC +b+r
a o Ee
Ki f
Durch Subtraktion erhält man:
Dh G-A staza,
ı 2
woraus f zu finden ist:
f= n Ê, ß,(a, =)
b, Pr — b, ĝe
und dann erhält man aus einer der beiden früheren Gleichungen auch x. Man ver-
gessa bei der Rechnung nicht, daß f}. wenn a, größer als die Brennweite ist, ein
umgekehrtes Bild, also negativ ist. Die Größe æ ist nicht unmittelbar gleich dem
Abstande des Knotenpunktes von der vorderen Fläche der Linse zu setzen, sondern
bedarf dazu noch einer kleinen Korrektion, weil die gekrümmte Fläche der Linse
sich etwas unter die Ebene der Öffnung, auf deren Rändern sie ruht, herabwölbt.
Wenn man den Durchmesser der Öffnung und den Krümmungsradius der Linse kennt,
ist die Höhe des betreffenden Kugelabschnitts leicht zu berechnen.
90 Die Dioptrik des Auges. [s0. 81.
Den Abstand des zweiten Knotenpunktes von der hinteren Fläche der Linse erhält
man in derselben eg nachdem man die Linse umgekehrt hat.
Die kleine Größe — kann man durch Beobachtungen mit dem Ophthalmometer
bestimmen, indem man "die Glasplatte cc, ähnlich wie sie hier zwischen dem Spalt
und der Kristallinse angebracht ist, zwischen diesen und eine kleine Glaslinse von
bekannter Brennweite und bekannter Lage der Knotenpunkte bringt. In ähnlicher
Weise kann auch die Größe b ermittelt werden. Dieselben Gleichungen, welche wir
für die Ermittelung von æ und f aufgestellt haben, können bei bekanntem æ und f
a 2 c 4
auch dienen, b oder — zu ermitteln.
n
Die Krümmungshalbmesser für die Scheitel der Linse können entweder, wie oben
angegeben ist, durch Spiegelung ermittelt werden, oder auch durch Brechung. Zu
dem Ende läßt man die Linse in ihrem Messinggehäuse liegen, und entfernt nur den
Teil der Glasfeuchtigkeit, welcher ihre obere Fläche bedeckt, und stellt nun entweder
den Ausschnitt zwischen den Gravzsanpschen Schneiden vor dem Prisma f, etwas
seitlich von der Gesichtslinie des Ophthalmometers auf, und mißt die Größe seines
Spiegelbildes, oder man läßt den Messingschirm mit den Schneiden auf dem Objekt-
tische des Mikroskops liegen, und mißt das dioptrische Bild, welches jetzt entworfen
wird. Wie die Messung des Spiegelbildchens zur Rechnung zu benutzen ist, ist schon
oben angegeben. Für die dioptrische Messung mögen b,, f, und f die bisherige Be-
deutung behalten, A, die Größe des Bildes bezeichnen, nachdem man die gläserne
Feuchtigkeit von der oberen Fläche der Linse entfernt hat, und y der Abstand des
oberen Knotenpunktes von der oberen Fläche sein. (Dieser Abstand bezieht sich immer
auf den Fall, wo die Linse in Glasfeuchtigkeit liegt.) Endlich sei R der Krümmungs-
radius im Scheitel der oberen Fläche. Dann kann Æ aus der Gleichung gefunden
werden:
p” KD ée EE
Iw- Dë b e
Ich habe für den eigentümlichen Bau der Linse erwiesen, daß ihre Brennweite
kürzer sei, als wenn sie ganz und gar die Dichtigkeit und das Brechungsvermögen
ihres Kerns hätte, Wollte man also eine homogene Linse von gleicher Gestalt und
Größe und gleicher Brennweite, wie der Kristallkörper ist, herstellen, so würde man
dieser ein noch höheres Brechungsvermögen geben müssen, als selbst sein Kern hat.
Dieses Brechungsvermögen einer imaginären gleichgestalteten und gleichwertigen homo-
genen Linse hat Sexrr das totale Brechungsvermögen genannt. Es ist wohl zu
unterscheiden von dem mittleren Brechungsvermögen, welches dem arithmetischen
Mittel sämtlicher Schichten entspricht. Das totale ist im Gegenteil höher als das
höchste Brechungsvermögen der dichtesten Teile der Linse. Ich gebe hier zunächst
eine Zusammenstellung der von mir für menschliche Linsen gefundenen Werte, die
Lineardimensionen in Millimetern. Brennweite und Hauptpunkte beziehen sich auf
den Fall, wo die Linse von Glasfeuchtigkeit umgeben ist. Die Krümmungshalbmesser
sind durch Spiegelung bestimmt.
1) Brennweite. . , . 45,144 47,485
2) Abstand des ersten Hanptpunktes von der vorderen Fläche . 2,258 2,810
8) Abstand des zweiten ee von der hinteren Fläche 1,546 1,499
4) Dicke der Linse . . EEE E
5) Krümmungshalbmesser im ‚Scheitel Be: Vorder Fläche ZE 8,865
6) Krümmungshalbmesser im Scheitel der hinteren Fläche . . 5,860 5,889
7) Totales Brechungsvermögen . . . a "iser? Lëdbiäter" 154414
81. 82.] Dicke der Kristallinse in lebenden Augen. 91
Ob aber Form und Brennweite toter Linsen denen des lebenden fernsehenden
Auges gleich sind, ist mir durch Messungen, die ich an lebenden Augen ausgeführt
habe, zweifelhaft geworden. Ich habe nämlich die Dicke der Linsen an drei lebenden
Personen zum Teil um mehr als }/, mm kleiner gefunden, als die kleinsten Werte
der Dicke sind, die man an toten Linsen findet! Wie man die Entfernung der
Pupille von der vorderen Hornhaut findet, ist in $ 3 beschrieben. Dicht am Pupillar-
rande der Iris befindet sich auch die vordere Linsenfläche. Um die Dicke der Linse
zu bestimmen, muß man also noch die Entfernung der hinteren Linsenfläche von der
Hornhaut zu ermitteln suchen.
Es sei in Fig. 50 AA die Hornhaut, B die Linse. Es falle in der Richtung Ce
Licht in das Auge, werde gebrochen an der Hornhaut und vorderen Linsenfläche,
dann an der hinteren Linsenfläche in ? reflektiert. Der zurückgeworfene Strahl trete
bei d aus der Hornhaut und gehe fort in der a
Richtung d D, wo er das Auge des Beobachters E p
trifft. Jetzt bringe der Beobachter sein Auge nach
C genau an die Stelle des Lichts und das Licht .
nach D genau an die frühere Stelle seines Auges,
so wird ein Lichtstrahl wieder genau auf dem-
selben Wege, nur in umgekehrter Richtung Ddic O
vom Lichte zum Auge des Beobachters gehen, und
es wird bei dieser zweiten Stellung. wieder genau
dieselbe Stelle der hinteren Linsenfläche das Licht
zurückwerfen, wie bei der ersten. Indem man
den Ort des Lichts und des Auges des Beobachters,
den Ort des beobachteten Auges, sowie den —
Fixationspunkt des letzteren durch passende Ab- CH
messungen bestimmt, erhält man die Winkel, welche
die Linien Cc, Dd und die Gesichtslinie des Fig. 50.
beobachteten Auges Gg miteinander bilden. Um
die Punkte e und d auf der Hornhaut zu finden, bringt man, wenn das Auge des
Beobachters in D steht, ein kleines Licht entfernt vom Auge in Æ so an, daß für den
Beobachter der von der Hornhaut entworfene Reflex dieses Lichts mit dem von der
hinteren Linsenfläche entworfenen Reflexe des Lichts C zusammenfällt. Dies geschieht,
wenn der Strahl Ed nach D zurückgeworfen wird, wenn also die Halbierungslinie
des Winkels Ed D senkrecht auf der Hornhautfläche steht. Es sei ed diese Halbie-
rungslinie. Hat man durch passende Abmessungen den Winkel Ed D oder Ed@ be-
stimmt, so berechnet sich daraus leicht der Winkel, den ed mit @g bildet, und daraus,
wenn man die Form und Krümmung der Hornhaut schon gemessen hat, die Länge
des Hornhautbogens, der zwischen beiden liegt, oder die Lage des Punktes d auf der
Hornhaut. Ebenso wird die Lage des Punktes e bestimmt.
Jetzt kennt man also die Lage der Punkte ce und d, die Richtung der Linien
Cc und Dd; man verlängere beide, bis sie sich in Æ schneiden, so ist % der schein-
bare Ort des spiegelnden Punktes der hinteren Linsenflüche, d. h. der Ort, wie er
durch die Substanz der Linse und Hornhaut hin erscheint.
Zur Ausführung der Messung werden die Lichter C und E, von denen das erstere
möglichst groß und hell, das zweite klein sein muß und durch ein blaues Glas zur
besseren Unterscheidung seines Reflexes gefärbt werden kann, an einem vom beobach-
teten Auge mehrere Fuß entfernten horizontalen Maßstabe angebracht. Der Beobachter
blickt durch ein kleines Fernrohr, dessen Objektivglas sich ebenfalls dicht an dem
Maßstabe befindet, um seinen Ort an diesem bestimmen zu können. Dieses Fernrohr
wird dann mit dem Lichte Ọ vertauscht.?
1 y, Graeres Archiv für Ophthalmologie. Bd. I. Abt. 2. S. 56.
? Das Detail der Ausführung ist beschrieben in Grarres Archiv. I. 2, 8.51.
92 Die Dioptrik des Auges. len, 83.
Es ergab sich dabei für drei Augen übereinstimmend, daß der scheinbare Ort
der hinteren Linsenfläche nahe vor dem Krümmungsmittelpunkte der Hornhaut liegt.
Wieviel dieser Ort durch die Brechung in der Hornhaut verschoben sei, können wir
berechnen. Da kugelige brechende Flächen den scheinbaren Ort solcher Objekte, die
ihrem Mittelpunkte nahe liegen, sehr wenig verändern, so haben individuelle Ab-
weichungen in der brechenden Kraft der wässrigen Feuchtigkeit hier wenig Einfluß
auf das Resultat der Rechnung. Ebenso verhält es sich mit der scheinbaren Lagen-
veränderung des Orts der hinteren Linsenfläche durch die Linse selbst, da diese Fläche
jedenfalls dem hinteren Hauptpunkte der Linse sehr nahe ist. Da meine Messungen
an toten Linsen über die Distanz der Hauptpunkte nichts Sicheres ergeben hatten,
weil sich bei dieser sehr kleinen Größe die Fehler sämtlicher übrigen Messungen zu-
sammenhäufen, so entnahm ich die Korrektion, welche wegen der Brechung in der
Linse nötig ist, von Listısss schematischem Auge. Durch die Brechung in der
Linse erscheint deren hintere Fläche um etwas weniger, als der Abstand der Haupt-
punkte der Linse beträgt, vorgerückt. Da nun, wie ich vorher bewiesen habe, der
Abstand der Hauptpunkte in der natürlichen Linse kleiner ist, als in einer von der-
selben Form und homogener Substanz, deren Brechungsvermögen der des Kerns gleich
ist, so ist die nach Lsrtsos Linse berechnete Korrektion etwas zu groß, und ver-
größert im Resultate der Rechnung die Dicke der Linse um ein wenig.
Ich fand für die drei gemessenen Augen im Mittel zweier gut übereinstimmen-
der Versuchsreihen:
0. H. B. P. J. H.
Krümmungsradius der Hornhaut . . 7,338 7,646 8,154
Scheinbare Entfernung der hinteren Linsenfläche vom
Scheitel der Hornhaut . . < 2 2 2 20202... 6,775 7,008 6,658
Wahre Entfernung . . 7,172 7,282 7,141
Entfernung der Papillarebene vom Scheitel der Ban,
hut `, . ET RAR ER)
Wenn man die Pupillarebene auch als Ort der vorderen Linsenfläche betrachtet,
ergeben sich daraus folgende Werte für die Dicke der Linse im lebenden fernsehen-
den Auge:
3,148 3,635 3,402.
Wenn man dazu auch noch eine Korrektion anbringt, wegen der Hervorwölbung
der vorderen Linsenfläche vor dem Pupillarrande, und dem Pupillarrande selbst keine
merkliche Dicke beilegt, erhält man die Werte
3.414 3,501 3,555.
Es sind zur Berechnung dieser Korrektion Werte für die Pupillarweite und die
Krümmung der vorderen Linsenfläche benutzt, welche an den betreffenden Augen selbst
durch Messung erhalten waren. Auch diese letzten Werte sind noch kleiner als die’
kleinsten Werte der Dicke, welche man bisher an toten Linsen erhalten hat. Diese
schwanken nach dem älteren Krause zwischen 4 mm und 5,4 mm,
Da der jüngere Krause die Brechungsverhältnisse von Kalbslinsen unmittelbar
nach dem Tode und 24 Stunden später merklich gleich gefunden hat, so ist es un-
wahrscheinlich, daß die Linse durch Aufnahme von Wasser sich verdicke. Dann
müßten wir nämlich eine Abnahme des Brechungsvermögens erwarten. Dagegen er-
scheint es möglich, daß dieser Unterschied mit den Veränderungen der Linse beim
Fern- und Nahesehen zusammenhängt, worauf wir unten in $ 12 noch zurückkommen
werden.
Es bleibt noch übrig, auseinander zu setzen, inwieweit sich bis jetzt die optischen
Kardinalpunkte des Auges bestimmen lassen. Ich werde mich dabei an Listes
83. 84. ] Grenzen der Genauigkeit für die Lage der Kardinalpunkte. 983
schematisches Auge anschließen, welches jedenfalls von dem wahren Mittel nicht weit
abweichen kann, wie dies auch durch meine eigenen Messungen zum Teil wieder
bestätigt wird. Wenigstens, wo man bei physiologisch-optischen Berechnungen über-
haupt Mittelwerte gebrauchen muß und darf, und nicht die Werte für das besondere
individuelle Auge ermitteln kann, auf welches sich die Berechnungen beziehen, wird
man in Betracht der sehr großen individuellen Verschiedenheiten ebensogut die Werte
von Lisrtınss schematischem Auge gebrauchen können, als die wirklichen Mittelwerte
der menschlichen Augen, wenn man letztere auch kennte. Ich werde deshalb im
Verlauf des Werkes Lısrinss Konstanten gebrauchen, wo es nötig ist, will aber hier
anführen, in welchem Sinne diese von dem wahren Mittel mir abzuweichen scheinen,
Den Radius der Hornhaut setzt Luss gleich 8 mm; er scheint nach Sexrrs
und meinen Messungen meist etwas kleiner zu sein. Das Brechungsvermögen der
Hornhaut ist nach W. Krause im Durschschnitt etwas höher als der von Lists
nach Brewster angenommene Wert = = 1,3379. Durch beide Umstände werden
die Brennweiten der Hornhaut bei Luss wohl etwas größer als das Mittel. Nennen
wir r den Krümmungsradius der Hornhaut, und n das Brechungsvermögen der wiss-
rigen Feuchtigkeit, so ist die vordere Brennweite der Hornhaut nach $ 9 Gleichung
3a) und 3b):
die hintere Brennweite derselben:
Nach Losrsos Annahmen wird:
9 9
F = 23:75: e = 3175
Nehmen wir nach den Beobachtungen von Sexrr r = 7,8, was auch ungefähr
mit dem Mittel meiner Beobachtungen stimmt, und nach W. Krause n = 1,342,
so wird:
F, = 22,81, F, = 30,61.
Lisrtins gibt der Linse seines schematischen Auges das Brechungsverhältnis 2.
eine Dicke von 4 mm und Krümmungsradien von 10 und 6 mm. Nach den Glei-
chungen $ 9 13), 13a) und 18b) gibt dies für den Fall, wo die Linse in wässriger
Feuchtigkeit liegt, die Brennweite 43,796 mm, den Abstand der Hauptpunkte von-
einander 0,2461 mm, den Abstand des vorderen Hauptpunktes von der vorderen Linsen-
fläche 2,3462, und den des hinteren von der hinteren Fläche 1,4077. Diese An-
nahmen stimmen sehr nahe überein mit den vorher angeführten Werten, welche ich
selbst an zwei Kristallinsen menschlicher Leichen durch direkte Messung gefunden
habe, Weiter sind mir keine direkten Messungen der Brennweite an menschlichen
Augen bekannt geworden. Daß es bisher unmöglich sei, aus der Form und den
Brechungsindices der verschiedenen Linsenschichten die Brennweite zu berechnen, ist
oben auseinandergesetzt, und namentlich geht aus dem über diese Brennweite auf-
gestellten 'Theoreme hervor, daß es unrichtig ist, die Kristallinse durch eine homo-
gene Linse ersetzen zu wollen, welche die Form und das mittlere Brechungsvermögen
derselben habe, wie das von den älteren Optikern meistens geschah, sondern daß im
Gegenteile einer solchen Linse ein höheres Brechungsvermögen als das ihrer dichtesten
Teile beigelegt werden müsse. Für die Linse eines Ochsen fand Sexrr?! für dieses
—
1 VorKmann, Artikel Sehen in R. Wassers Handwörterbuch d. Physiologie. Bd. III. 5. 290.
94 Die Dioptrik des Auges. [s4. 85.
totale Brechungsvermögen 1,539, während Grenzschicht und Kernteil die Werte
1,374 und 1,453 ergaben. Die aus meinen Messungen folgenden Werte des totalen
Brechungsvermögens sind niedriger (1,4519 und 1,4414), und entsprechen etwa nur
dem Mittel der Werte, welche W. Krause für das Brechungsverhältnis des Kerns
gefunden hat (Max. 1,4807, Min. 1,4252; Mittel 1,4541). Liste hat vor meinen
und W. Krauses Untersuchungen damit sehr übereinstimmend H = 1,4545 gewählt.
Sollte sich der Unterschied zwischen toten und lebenden Linsen, den meine
Messungen ergaben, als konstant herausstellen, so würde Lisrıses schematisches Auge
wahrscheinlich nur einem nahesehenden Auge entsprechen, und wir würden der Linse
eines fernsehenden Auges eine größere Brennweite und geringere Dicke beilegen
müssen,
Die Entfernung der vorderen Linsenfläche von der vorderen Hornhautfläche hat
Listing gleich 4 mm gesetzt, was dem von mir untersuchten kurzsichtigen Auge 0. H.
entspricht. Bei kurzsichtigen Augen pflegt überhaupt die vordere Augenkammer
tiefer, die Iris flacher zu sein. Bei den übrigen beiden normalsichtigen Augen war
die Entfernung geringer. Bei allen dreien lag die hintere Linsenfläche vor dem
Krümmungsmittelpunkte der Hornhaut. Ich vermute deshalb, daß bei normalsichtigen
Augen die Linse im allgemeinen etwas näher der Hornhaut liegt, als Losse an-
genommen hat. Jedenfalls würde aber auch der Einfluß dieser Abweichung sehr
gering sein,
Wenn die Brennweiten der Hornhaut, die Lage der Hauptpunkte und die Brenn-
weite der Linse gegeben sind, sind die Kardinalpunkte des ganzen Auges nach $ 9
Gleichung 11a) bis 11f) zu finden. Die Werte, welche Lists aus seinen Angaben
berechnet hat, sind schon oben angegeben.
Von den Kardinalpunkten am wichtigsten für die Bestimmung der Lage der
Bilder auf der Netzhaut sind uns die Knotenpunkte des Auges. Glücklicherweise
kann deren Lage jetzt nicht mehr vielem Zweifel unterworfen sein.
Derjenige Punkt, dessen Bilder die beiden Knotenpunkte sind, liegt nach den
in $ 9 angegebenen Methoden zur Auffindung dieser Punkte zwischen dem Knoten-
punkte der Hornhaut, d. h. ihrem Krümmungsmittelpunkte und dem ersten Haupt-
punkte der Linse, und seine Abstände von diesen beiden Punkten verhalten sich wie
die kleinere Brennweite der Hornhaut zu der der Linse, also nahe wie 1 zu 2. In
Lusrtsos schematischem Auge beträgt der Abstand des vorderen Hauptpunktes der
Linse vom Mittelpunkte der Hornhaut, der bei ihm in die hintere Linsenfläche fällt,
1,627 mm, nach meinen Messungen an lebenden Augen kann die hintere Linsenfläche
bis zu 1 mm vor dem Mittelpunkte der Hornhaut liegen; jene Entfernung würde also
bis etwa 2,6 steigen können. Der Punkt also, dessen Bilder die beiden Knotenpunkte
sind, würde 0,54 bis 0,87 mm vor dem Krümmungsmittelpunkte der Hornhaut liegen,
ein, wie man sieht, sehr enges Intervall für seine Lage. Der erste Knotenpunkt ist
sein durch die Hornhaut entworfenes Bild. Bilder von Objekten, die sehr nahe vor
dem Krümmungsmittel einer kugeligen brechenden Fläche liegen, liegen sehr wenig
vor ihrem Objekte. Nehmen wir Lisrinss Werte für die Brennweiten der Hornhaut
und Linse, so liegt bei seinen Annahmen der vordere Knotenpunkt 0,758 mm vor
dem Mittelpunkte der Hornhaut. Wenn dagegen der Punkt, dessen Bild er ist,
0,87 mm vor dem Mittelpunkte der Hornhaut läge, würde der erste Knotenpunkt
etwa 1,16 mm vor diesem liegen.
Wir werden daher schwerlich fehlen, wenn wir annehmen, daß in normalen Augen
der vordere Knotenpunkt ®/, bis A, mm vor dem Mittelpunkte der Hornhaut liegt.
Zu erwähnen ist hier noch ein Versuch von VoLKmann!, auf experimentellem
Wege am menschlichen Auge die Lage des Knotenpunktes zu finden. Ich habe oben
! R. Waasers Handwörterbuch d. Physiologie. Art. Sehen. $. 286*,
85. 88.) Untersuchung der Zentrierung des Auges. 95
erwähnt, daß, wenn die Strahlen eines Lichts von der äußeren Seite her in das Auge
fallen, das Flammenbildchen namentlich bei blonden Personen im inneren Augenwinkel
sichtbar werden kann. Er maß den Abstand dieses Bildes von der Hornhaut, während
zugleich die Richtung der einfallenden Strahlen und der Gesichtslinie passend be-
stimmt wurde. Er zeichnete dann den horizontalen Querschnitt des menschlichen
Auges, bestimmte in der Zeichnung den Punkt, wo das Netzhautbild durch die Selero-
tica erschienen war, und legte durch diesen Punkt eine Linie, welche die Augenachse
unter demselben Winkel schnitt, welchen die einfallenden Strahlen mit der Gesichts-
linie gebildet hatten. Den Durchschnittspunkt sah er als Knotenpunkt an. Er findet
im Mittel von fünf Personen, daß die Knotenpunkte 3,97” (8,93 mm) hinter der
Hornhaut liegen. Jedenfalls ist dieser Wert etwas zu groß, weil die Knotenpunkte
nach dieser Bestimmung hinter dem Krümmungsmittelpunkte der Hornhaut liegen
würden, während sie notwendig vor ihm liegen müssen. Die Abweichung in Vork-
MAnNs Resultat erklärt sich einmal daraus, daß er den Unterschied zwischen Augen-
achse und Gesichtslinie noch nicht kannte,. und daraus, daß die Lichtstrahlen bei
diesem Versuche die brechenden Flächen des Auges unter sehr großen Einfallswinkeln
treffen, und die auf die Knotenpunkte und Hauptpunkte bezüglichen Sätze streng
genommen nur für nahe senkrechte Inzidenz gelten. Auch Burow? bemerkte deshalb
bei der Wiederholung von VoLkmanns Versuchen über den Knotenpunkt in weißen
Kaninchenaugen, daß bei sehr schiefen Inzidenzen die Netzhautbilder der Augenachse
näher fallen, als sie es sollten, wenn alle Richtungslinien sich in einem Punkte schnitten.
Beide Ursachen müssen dazu beitragen, bei Vorkmanss Versuch den Abstand des
Knotenpunktes von der Hornhaut etwas größer erscheinen zu lassen, als er wirklich ist.
Endlich will ich hier noch beschreiben, wie man die Zentrierung des Auges, die
Lage der Augenachse und der Gesichtslinie untersuchen kann. ` Es" dienen dazu die
Spiegelbilder, welche die Hornhaut und die beiden Linsenflächen von einem vor dem
Auge befindlichen hellen Lichte entwerfen.
Über das Aussehen dieser Spiegelbilder, und die Art, sie am besten zu be-
obachten, s. § 12. Es sei in Fig. 51 ed die Achse eines genau zentrierten Auges,
bei a das Auge des Beobachters, bei b ein Licht,
es sei ac = cb und ab senkrecht auf cd. Unter
diesen Umständen würden, wie leicht ersichtlich
ist, die im der Achse gelegenen Scheitel der drei
reflektierenden Flächen, der Hornhaut, der vorderen
und hinteren Linsenfläche, Licht, welches von A
auf sie füllt, von b nach a reflektieren, da alles
auf beiden Seiten symmetrisch sein soll, und wenn
das Auge und Licht ihren Platz tauschten, würde
dasselbe wieder der Fall sein müssen, und dabei
würden die drei reflektierenden Punkte in der-
selben perspektivischen Stellung zueinander bleiben.
Namentlich würde in beiden Stellungen der Reflex
von der vorderen Linsenfläche etwa in der Mitte
zwischen den beiden anderen erscheinen müssen, da
der scheinbare (durch die Hornhaut gesehene) Ort
der vorderen Linsenfläche etwa in der Mitte zwischen
der Hornhaut und dem scheinbaren Orte der hinteren
Linsenfläche sich befindet.
Die Untersuchung des Auges in dieser Weise ist nun leicht auszuführen. Es
sei ab ein horizontaler Maßstab, an dessen Enden passende Öffnungen für das Auge
und das Licht angebracht sind. Dem untersuchten Auge d werde ein Platz in der
Linie ed angewiesen, welche auf der Mitte von ab senkrecht steht, und man gebe
1 Beiträge zur Physiologie d. mensch), Auges. S. 56—60.
96 Die Dioptrik des Auges. [se. 87.
ihm einen Fixationspunkt an einem beweglichen Körper g, den man so lange verschiebt
nach oben und unten, nach rechts und links, bis der Beobachter den Reflex der
vorderen Linsenfläche zwischen dem der Hornhaut und dem der hinteren Linsentläche
erblickt. Dann vertausche er den Ort des Lichts und seines Auges, und versuche,
ob er bei derselben Stellung des Fixationspunktes auch von der anderen Seite her
die drei Reflexe in der angegebenen Stellung erblicken kann. Ist das beobachtete
Auge richtig zentriert, so muß es offenbar möglich sein, eine Stellung des Fixations-
punktes zu finden, welche die angegebene Forderung erfüllt.
Ich habe noch kein menschliches Auge gefunden, welches dem entsprochen hätte.
Wenn von der einen Seite gesehen die drei Reflexe die richtige Stellung hatten, war
dies nicht mehr der Fall von der anderen Seite her; man mußte dann das Fixations-
zeichen mehr oder weniger verschieben, um die richtige Stellung wieder hervor-
zubringen.
Bei den drei Augen, für welche ich das System von Messungen angestellt habe,
mußte der Fixationspunkt sich immer etwas oberhalb der Ebene abd befinden. Die
Gesichtslinie lag immer auf der Nasenseite der Linie ed. Ihre horizontale Projektion
bildete mit der Linie ed unter den angegebenen Umständen folgende Winkel:
Licht kommt
Auge | von der von der
Nasenseite | Schläfenseite
OR | Bäi | 47
BP. | Se 817’
d, H. | 50 43’ i 7944’
Daraus folgt, daß das menschliche Auge nicht genau zentriert sei. Da jedoch
die Unterschiede der zusammengehörigen Winkel verhältnismäßig klein sind, so erfüllt
die Linie ed für die in den Versuchen gefundenen Stellungen der beobachteten Augen
wenigstens annähernd die Ansprüche, welche man an eine Augenachse zu machen hat,
und man mag als Winkel zwischen der horizontalen Projektion der Gesichtslinie und
der Linie, welche einer Augenachse am besten entspricht, das arithmetische Mittel
aus den angeführten Winkeln nehmen. Diese Linie füllt nach meinen Untersuchungen
auch nahe genug mit der Hornhautachse zusammen, und geht durch den Mittelpunkt
des Hornhautumfangs.
Derjenige, welcher zuerst eine klare Vorstellung von der Brechung der Strahlen
im Auge und von der Entstehung und Lage des Netzhautbildchens gehabt hat, ist
Kerver. Vor ihm hatte allerdings schon Mauroryous die Kristallinse des Auges mit
einer Glaslinse verglichen, und behauptet, daß sie die Strahlen nach der Achse hin
breche, aber er leugnete, daß auf der Netzhaut ein umgekehrtes Bild entworfen werde,
weil wir ja sonst alles verkehrt sehen müßten. Auch Porra, der Erfinder der Camera
obscura, verglich das Auge mit einer solchen, meinte aber, daß die Bilder auf der
Kristallinse entworfen würden. Erst KerLer, der überhaupt die Grundsätze der Theorie
der optischen Instrumente aufgefunden hat, lüßt auf der Netzhaut ein umgekehrtes
optisches Bild entstehen, und stellt als Bedingung des deutlichen Sehens hin, daß die
Strahlen eines leuchtenden Punktes auf einen Punkt der Netzhaut vereinigt werden.
Kerters Theorie wurde noch weiter ausgeführt durch den berühmten Jesuiten
Scheiser!, der den Bau des Auges, die Brechung in den Feuchtigkeiten weiter
untersuchte, Er bewies, daß die optischen Bilder auf der Netzhaut entworfen werden,
1 Oculus. Inspruck 1619.
87. 88. Geschichte der Theorie des Sehens. 97
indem er an Augen von Tieren die Netzhaut hinten frei legte. An einem mensch-
lichen Auge stellte er diesen Versuch 1625 zu Rom an. Die brechende Kraft der
wässrigen Flüssigkeit setzt er der des Wassers gleich, die Linse dem Glase, den Glas-
körper zwischen beide. Huyeexs? endlich verfertigte eine künstliche Nachbildung
des Auges, an der er die wesentlichsten Vorgänge des Sehens, den Nutzen der
Brillen usw. auseinandersetzte.
Die Theorie Kerters behielt von nun an ziemlich allgemeine Anerkennung, wenn
auch noch einzelne Liebhaber paradoxer Theorien sich in Widersprüchen dagegen ge-
fielen. So N. Tu, Müntpacn? und CAmPBELL?, welche die Existenz des Netzhaut-
bildchens leugnen, Lenor*, der im Glaskörper ein räumliches Bild der Gegenstände
entstehen läßt. Daer? läßt das Auge wie einen Spiegel wirken, und hält das durch
Spiegelung auf der Hornhaut entstehende Bildchen für das Objekt des Sehens. J. Reana ®
stimmt ihm bei und läßt es durch die Nerven der Hornhaut empfinden. Mayen’
widerlegt die Ansicht von Prasse, stellt aber eine ebenso wunderliche auf, daß die
Netzhaut als Hohlspiegel wirke. Ebenso läßt Anpnew Horx® das Bild gegen den
Glaskörper reflektieren und von hier aus auf den Sehnerven wirken.
Was die Lage der optischen Kardinalpunkte betrifft, so erhob sich zunächst eine
Schwierigkeit für den hinteren Brennpunkt, weil nach der Rechnung, die auf die ge-
messenen Dimensionen und Brechungsverhältnisse des Auges gestützt war, dieser Punkt
hinter die Netzhaut zu fallen schien. Der Grund davon lag darin, daß man für die
Kristallinse das mittlere Brechungsverhältnis ihrer einzelnen Schichten wählen zu
müssen glaubte. VALLÉE?” glaubte deshalb annehmen zu müssen, daß das Brechungs-
verhältnis des Glaskörpers von vorn nach hinten zunehme. Parrzxuem 1) will wirklich
solche, wenn auch sehr kleine Unterschiede durch den Versuch gefunden haben. Über
die Lage der Knotenpunkte des Auges herrschte vor den theoretischen Arbeiten von
Gauss einige Verwirrung unter Physikern und Physiologen, weil die Theorie der
optischen Instrumente bis dahin sich ausschließlich mit Systemen brechender Flächen
beschäftigt hatte, deren Entfernung voneinander vernachlässigt werden konnte, wie
das z. B. bei den Öbjektivgläsern der Fernrohre der Fall war. Im Auge ist die
Entfernung der brechenden Flächen voneinander im Vergleich zur Brennweite des
ganzen Systems aber ziemlich beträchtlich, und wegen der mangelnden Ausbildung
der Theorie wußte man sich die Fragen, auf die es ankam, nicht scharf zu stellen.
Man suchte lange nach dem Punkte, der im Auge dem optischen Mittelpunkte der
Glaslinsen entspräche und dadurch charakterisiert würde, daß der durch ihn gegangene
Strahl ungebrochen durch die Augenmedien ginge. Wenn wir uns beide Knoten-
punkte in einen zusammenzuziehen erlauben, so würde dieser dem gesuchten Punkte
entsprechen. Man verwechselte namentlich auch diesen Punkt mit demjenigen Punkte,
in welchem sich Linien schneiden, welche durch die im Gesichtsfelde sich deckenden
Punkte verschieden entfernter Gegenstände gelegt sind. Der letztere, den wir Kreu-
zungspunkt der Visierlinien nennen wollen, ist, wie wir im nächsten Paragraphen
zeigen werden, der Mittelpunkt des von der Hornhaut entworfenen Bildes der Pupille,
1 Dioptrica in Opera posthuma. Lugduni 1704. p.112.
2? Inquisitio de visus sensu. Vindob. 1816.
3 Annals of philosophy. X.17. — Deutsches Archiv. IV. 110.
* Nouvelle Théorie de la Vision. Paris 1825.
® Heoxerns Annalen. 1830. 8. 404.
è Annals of philos. XV. 260.
7 Muscke, Art. Gesicht in Genrers Wörterbuch. Das dortige Zitat ist falsch.
® The seat of vision determined. London 1818.
® Moser in Doves Repertorium. V. 387—349". — EN Proc. Edinb. Roy. Soc.
1849. Dezbr. p. 251.
10 Comptes rendus. 1845. XIV. 481.
1 Ibid. XXV. 901.
v. Heinnortz, Physiologische Optik. 8. Aufl. I. 7
98 Die Dioptrik des Auges. les,
und wesentlich vom Knotenpunkte verschieden. Muxoke! identifiziert beide Punkte‘
und verlegt sie in die Mitte der Linse, Barrers? dagegen in das Zentrum’ der Horn-
haut. VorLKkmann® nennt den Punkt, wo sich Linien, die von einzelnen Punkten der
Netzhautbilder nach den entsprechenden Punkten des Objekts gezogen werden, schneiden,
Kreuzungspunkt der Richtungsstrahlen, später, nach Murs Einwendungen,
der Richtungslinien. Er zeigt experimentell an Augen weißer Kaninchen, daß
wirklich alle Richtungslinien in einem Punkte sich schneiden, und bestimmt die Lage
dieses Punktes, welcher zwischen beide Knotenpunkte fallen muß, für das Kaninchen-
auge. Er findet, daß derselbe hinter die Linse fällt. Er versuchte denselben Punkt
nach einer anderen Methode am lebenden menschlichen Auge zu finden. Zwei 6 Zoll
vom Auge entfernte Haarvisiere werden durch zwei dem Auge nähere Diopter be-
trachtet, und letztere so eingestellt, daß die Haare gleichzeitig in der Mitte der
Diopteröffnungen erscheinen. Jedes Haar mit der zugehörigen Diopteröffnung, durch
eine gerade Linie verbunden, gibt eine Visierlinie. VoLkmann würde also den
Kreuzungspunkt der Visierlinien im Auge haben finden können, wenn die von ihm
beobachteten Personen imstande gewesen wären, gleichzeitig und ohne Bewegung des
Auges beide Haare in ihren Dioptern zu sehen. Dies ist aber außerordentlich schwer,
weil man dann nur eines direkt sehen kann, und das andere durch indirektes Sehen
auf den Seitenteilen der Netzhaut erkennen muß. Die Experimentierenden haben
deshalb ohne Zweifel die beiden Diopter nacheinander direkt betrachtet, und ihre
Visierlinien schnitten sich im Drehungspunkte des Auges, den VoLkmanx demzufolge
für identisch mit dem Kreuzungspunkte der Richtungslinien erklärte,
Mt, Kxoonesnaver® und Sram? stritten gegen Vorkmanns Folgerungen.
Ersterer zeigte, daß Richtungslinien und Visierlinien nicht notwendig identisch seien,
und erklärte den Mittelpunkt der Hornhaut für den Kreuzungspunkt der Richtungs-
linien, weil er die Brechung in der Linse glaubte vernachlässigen zu dürfen. Daraus
folgert er denn, daß die Richtungslinien nicht notwendig durch die Mitte eines Zer-
streuungskreises zu gehen brauchen, welcher im Auge von einem nicht deutlich ge-
sehenen Objekte entworfen wird. KnocHExHAvEer suchte Mires Beweis, daß das
Decken der Bilder im Gesichtsfelde unabhängig sei von den Richtungslinien, zu ver-
einfachen, und vermeidet dabei Mires bei dem damaligen Stande der theoretischen
Kenntnisse allerdings bedenkliche und in der Tat nur annähernd richtige Voraus-
setzung, daß der Kreuzungspunkt der Richtungslinien für verschiedene Objektabstände
gleich sei. Auch Burow? widerlegte Vonkmanss Folgerungen, benutzte dessen Me-
thode, um den Drehpunkt des Auges zu bestimmen, und schlug einen neuen Weg
ein, den Kreuzungspunkt der Richtungslinien zu bestimmen, der aber aus einem von
Listine später aufgedeckten Grunde auch nicht zum Ziele führte.
Moser? war der erste, der die theoretischen Arbeiten von Gauss® und Besseı Wi
auf das Auge anwendete, und aus den bis dahin ausgeführten Bestimmungen der Form
der brechenden Flächen und der Brechungsverhältnisse die Lage der beiden Knoten-
punkte, die er übrigens Hauptpunkte nennt, berechnete, Die Werte, welche er für
A ` Genvers physik. Wörterbuch neu bearb. Leipzig 1828. Art. Gesicht. Bd. IV. 2.
a, 1434*,
? Beiträge zur Physiol. d. Gesichtssinns. Berlin 1834. 8. 61.
3 Neue Beiträge zur Physiol. d. Gesichtssinns. Leipzig 1886. Kap. IV. — Poaosx-
porres Ann. XXXVII. 842.
? * Poosexporrrs Ann. XLII. 37—71. 235—268*. Dagegen Vorkwaxyė, ibid. XLV. 207
is 226*,
® Ibid. XLVI. 248—258*,
$ Ibid. LVII. 846—382*,
’ Beiträge zur Physiologie u. Physik d. mensch), Auges. Berlin 1841. 8. 26—983.
® Dove, Repertorium d. Physik. V. 387 u. 373.
" Dioptrische Untersuchungen. Göttingen 1841.
1" Astronomische Nachrichten. XVII. Nr. 415.
88. 80. | Literatur für die Theorie des Sehens. 99
die Entfernung dieser Punkte von der Hornhaut fand, waren 3,19 und 3,276 Par.-Lin.
(7,18 und 7,87 mm). Da er aber als Brechungsverhältnis der Kristallinse Brewsters
Mittelwert 1,3839 angenommen hatte, und die Strahlen ferner Lichtpunkte sich dabei
erst hinter der Netzhaut vereinigten, glaubte er den Radius der Hornhaut verkleinern
zu müssen von 3,39” auf 2,88”, und berechnete danach noch andere Werte für den
Abstand der Knotenpunkte von der Hornhaut, nämlich 2,835” und 2,890” (6,38
und 6,50 mm),
Listings! erörterte die Eigenschaften der Haupt- und Knotenpunkte (welchen
letzteren er den Namen gab) in ihrer Beziehung zum Auge, gab angenäherte Werte
für ihre Lage, und hob namentlich hervor, daß der Brechungskoeffizient der Linse,
wenn man diese sich homogen denke, höher gesetzt werden müsse als der ihres
dichtesten Teils. VoLKkmann® machte dann noch den schon oben erwähnten Versuch,
die Lage der Knotenpunkte im lebenden menschlichen Auge experimentell zu be-
stimmen. Endlich gab Listıne® neben einer vollständigen mathematischen Theorie
eine Berechnung der Zahlenwerte nach den besten bis dahin ausgeführten Messungen.
1575. Fr. Maurorvycı Photismi de lumine et umbra ad Perspectivam et radiorum inci-
dentiam facientes. Venetiis 1575. Messinae 1618. — Eine spätere Gesamtausgabe
seiner optischen Abhandlungen führt den Titel: Fr. Maurorvcr, Abbatis Messa-
nensis, theoremata de lumine et umbra, ad Perspectivam et radiorum incidentiam
facientia; Diaphanorum partes seu libri tres, in quorum primo de perspicuis corpo-
ribus, in secundo de Tride, in tertio de organi visualis structura et conspieillorum
formis agitur: Problemata ad Perspectivam et Iridem pertinentia. His accesserunt
Curistorn. Oravu e. RB. J. notae. Lugduni 1613.
1583. Jo. Barr. Porrae Neap. de refractione Optices parte libri novem. Neapoli 1588.
Liber 11— VIII.
1602. *Jo. Keren ad Vitellionem paralipomena, quibus astronomiae pars optica traditur.
Francofurti 1604. Cap. V.
1611. Kerer, Dioptrice, seu demonstratio eorum, quae visui et visibilibus, propter con-
. spieilla non ita pridem inventa, accidunt, Augustae Vindelicorum 1611.
1619, C. Sengen, Oculus, sive fundamentum opticum. Innspruck 1619. London 1652.
1695. Huvaerxs (t 1695), Opera posthuma. Dioptrica. Lugduni 1704. p. 112,
1759. W. Porrerrieiv, A treatise on the eye. Edinb. 1759. Vol.I. Book 3. Chapt. 2*.
1776. J. Prresteeys Geschichte der Optik; übers. von G. S. Krop, Leipzig 1776
(Ältere Geschichte; Berechnung der Brennweite S. 465)".
Rumsari, Annals of Philos. II. 376.
1818. Axprew Hops, The seat of vision determined. London 1813.
1816. N. Tu. Müntncn, Inquisitio de visus sensu. Vindobonae 1816.
Maaenoie, Précis élémentaire de Physiologie. Paris. Vol. I. p. 59.
1817. COamrsBeLL, Annals of Philos. X. 17.
Deutsches Archiv. IV. 110.
J. Rean, Annals of Philos. XV. 260.
1825. C. J. Lenor, Nouvelle Théorie de Vision. 1825.
1828. GR Trevıranus, Beiträge zur Anatomie und Physiologie der Sinneswerkzeuge.
Bremen 1828. Kap. I*.
Mucke in Genters Physikalischem Wörterbuch; neu bearbeitet. Leipzig 1828.
Art. Gesicht. IV. 2. S. 1364*,
1830, Drang, Heorers Annalen 1830. S. 404.
1834. Bugs, Beiträge zur Physiologie des Gesichtssinns. Berlin 1834. S. 61,
1836. A. W. Vorksann, Untersuchung über den Stand des Netzhautbildchens. Poaoex-
porres Ann. XXXVII. 342%. — Neue Beiträge zur Physiologie des Gesichtssinns.
Leipzig 1836. Kap. IV.
1 Beitrag zur physiologischen Optik. Göttingen 1845.
® R. Waaxers Handwörterbuch d, Physiologie. Art. Sehen, S. 286”,
3 Ebenda Art. Dioptrik des Auges.
q9
1846.
1847.
1849.
1851.
1854.
Die Dioptrik des Auges. [89. 90. 824.
Jon. Mux, Über die Richtungslinien des Sehens. Pocaexporres Ann. XLII. 87
u. 285°,
Vorkmaxs, Possexvonrrs Ann. XLV. 207%. (Erwiderung gegen den Vorigen.)
GeRLING, Über die Beobachtung von Netzhautbildern. Possexnporrrs Ann. XLVI. 248”.
KxocuexuAver, Über die Richtungsstrahlen oder Richtungslinien beim Sehen. Poaaex-
porrrs Ann. XLVI. 248”,
A. Burow, Beiträge zur Physiologie und Physik des menschlichen Auges. Berlin
1841. S. 16—98*,
Varre, Comptes rendus. XIV. 481.
W. Sram, Über Vorxsanss Richtungslinien des Sehens. Dooorsporrrs Ann. LVII.
8346”,
A. W. Vorkmanx, J. Mürsens Archiv f. Anat. u. Physiol. 1848. S. 9 (gegen
Burow).
. *L. Moser, Über das Auge, in Doves Repertorium d. Physik. S. 887—349".
J. B. Lisrıso, Beitrag zur physiologischen Optik. Göttingen 1845 (abgedr. aus. d.
Göttinger Studien). S. 7—21”.,
L. L. Varı£e, Comptes rendus. XX. 1838. — Institut. No. 398. p. 166.
"A. W. Vorkmann, Artikel Sehen in R. Waoxers Handwörterbuch der Physiologie.
III. 1. S. 281—290*.
F. C. Doxpers, Holländische Beiträge zu den anat. u. physiol. Wissensch. I. S. 107
bis 112°.
J. D. Fonnes, Note respecting the dimensions and refracting power of the eye. Pro-
ceedings Edinb. Roy. Soc. Dezbr. 3. 1849. p. 251. — Sırıman Journal. (2) XIII. 418.
*J. B. Listiss, Artikel Dioptrik des Auges in R. Waaxers Handwörterbuch d.
Physiol. IV, 451—504",
H. Heımuorrz, Graeres Archiv für Ophthalmologie. I. 2. S. 1—74*,
Messungen der Brechungsverhältnisse:
1710.
1785.
1801.
1818.
1819.
1840.
1847,
1849,
1850,
1852.
1855.
Hawxsnex, Phil. Transact. 1710. p. 204.
A. Moxno. II. On the structure and physiology of fishes. p. 60.
Tu. Youxs, Phil. Transact. 1801. I. Am,
Cuossar, Bulletin des sc. par la Société philomat. de Paris. A. 1818. Juin. p. 294. —
Ann. de ch. et de ph. VII. p. 217.
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Canours et Beoqueneı, Institut. 1840. p. 399.
S. Parrexueıs, Comptes rendus. XXV. 901. — Arch. d. se. ph. et natur. VII. 78.
Quesser, Revue scient. XXXII. 144.
Berrıs, Comptes rendus. XXVIII. 447. — Institut. 1849. No. 796. p. 105. — Ann,
d. ch. et de ph. XXVI, 288. — Arch. d se. ph. et nat. XII. 45. — Pooszxnorrrs
Ann. LXXVI. 611.
Exorı, Prager Vierteljahrsschrift für prakt. Heilk. 1850, I. 152.
H. Mayer ebenda. 1850. IV. Beilage und 1851. IV. 92,
Rysa, ebenda. 1852. II. 95.
W. Krause, Die Brechungsindizes der durchsichtigen Medien d. menschl. Auges.
Hannover 1855",
Nachtrag.
Donners gibt folgende Übersicht einer großen Anzahl von Messungen der
Hornhautkrümmung in der Gesichtslinie. Die Mittelwerte derselben waren in
Millimetern.
A. Männer.
1. 20 unter PO Jahren . , 2. 2 2... +. 7982
Sen DEE dE gek ee u Seat, BER
DB; L De N EL BIO
BEL DORAD wn en ER TERN
Mittel 7,858
Maximum 8,396
Minimum 7,28
90. 824. 825. Zerstreuungsbilder auf der Netzhaut. 101
B. Weiber.
1. 36 Hunter RO Jahren is a ee ee RA
DI Mentee WE ade neu nee ei (DH
Bi HA ET N a felt RED
4. 2über 60 „ 7,607
Mittel 7,799
Maximum 8,487
Minimum 7,115
C. Nach der Sehweite.
bc 27: Normelsichäge = wt SEE ER“ TBB
2: RD Myopieiho = nu ARE Dr e Eer RETA
3. 26 Hypermetropische . . . . . . . 796
1852—61. L. L. Varıte, Théorie de l'oeil. OR XXXIV, 821—828; 718—720; 120—722;
189—792; 872—876. XXXV, 679—681. LI, 678—680. LII, 702—103; 1020 bis
1021. Mém. des savants étrangers. XII, 204—264. XV, 98—118; 119—140.
1857. W. Zenexner, Über die Brewsrersche Methode zur Bestimmung der Brechungs-
exponenten flüssiger und festweicher Substanzen. Archiv für Ophthalmol. III, 2,
S. 99.
1858. N. Lusmorr, Recherches sur la grandeur apparente des objets. CG R. XLVII,
24—27. Ann. de chimie. (8), LIV, 13—27.
1860. Brerox, Note sur une propriété du cristallin de l'oeil humain. 0. R. L, 498—499.
1864. Gmaun Tevrox, Nouvelle étude de la marche des rayons lumineux dans l'oeil.
Ann. d'oculistique. 1864.
_ F. C. Doxpers, On the anomalies of accommodation and refraction of the eye.
London. p. 88—71.
§ 11. Zerstreuungsbilder auf der Netzhaut.*
Wenn Licht von einem leuchtenden Punkte in das Auge fällt, so bildet
dasjenige, welches durch die kreisförmige Pupille hindurchgegangen ist, hinter
der Pupille einen Strahlenkegel, dessen Basis kreisförmig und nach vorn, dessen
Spitze nach hinten gekehrt ist, und dem Bilde des leuchtenden Punktes ent-
spricht. Jenseits ihres
Vereinigungspunktes
divergieren die Strahlen
wieder. Es sei in
Fig. 52 a der leuchtende
Punkt, b,b, die Pupille,
c der Konvergenzpunkt Fig. 52.
der Strahlen, cd, die
Verlängerung des Strahles b c, ebenso ed, die Verlängerung von b,c. Wenn
der Vereinigungspunkt der Strahlen gerade auf die Fläche der Netzhaut
trifft, so beleuchtet der einzelne leuchtende Punkt a nur einen einzelnen
Punkt oc der Netzhaut, und es wird ein deutliches Bild des leuchtenden
Punktes entworfen. Wenn aber die Netzhaut vor oder hinter dem Vereinigungs-
punkte der Strahlen, etwa in f f, oder in g,g, von dem Strahlenkegel getroffen
würde, so würde nicht bloß ein einzelner Punkt, sondern eine dem kreisförmigen
* Vgl. Kap. 8 der nach dem ersten Abschnitte folgenden Zusätze! G.
102 Die Dioptrik des Auges. Ian,
Durchschnitte des Strahlenkegels entsprechende Kreisfläche der Netzhaut er-
leuchtet werden. Man nennt einen solchen von dem Licht eines leuchtenden
Punktes außerhalb des Auges beleuchteten Kreis der Netzhaut einen Zer-
streuungskreis. Die Kreisform entspricht, wie aus dem Gesagten erhellt, der
kreisförmigen Gestalt der Pupille. Wird deren Form oder die Grundfläche des
einfallenden Lichtkegels geändert, was namentlich auch dadurch geschehen kann,
daß man einen Schirm mit einer beliebig gestalteten kleinen Öffnung von
kleinerem Durchmesser als die Pupille dicht vor die Hornhaut bringt, so er-
halten auch die Zerstreuungsfelder eine entsprechende andere Form, welche, auf
den mittleren Teilen der Netzhaut wenigstens, der Grundfläche des Strahlen-
kegels immer geometrisch ähnlich ist. Sehr kleine Zerstreuungsbilder im Auge,
welche in geringer Entfernung vom Vereinigungspunkte der Strahlen auf der
Netzhaut entworfen werden, zeigen auffallende Abweichungen von diesen Regeln,
wovon wir in $ 14 weiter handeln werden.
Objektiv kann man das Entstehen der Zerstreuungsbilder leicht nachahmen,
indem man eine Sammellinse aufstellt, vor ihr in einiger Entfernung ein kleines
Licht, oder besser einen Schirm mit einer engen Öffnung, durch welche ein
Licht scheint, und das Bild dieses Lichtes hinter der Linse auf einem weißen
Papiere auffüngt, welches man der Linse bald nähert, bald von ihr entfernt.
Dabei sieht man, daß nur in einer gewissen Entfernung von der Linse das
Bild des Lichtpunktes scharf gezeichnet und punktförmig ist, sonst sich zu
lichten Kreisen ausdehnt.
Bringt man vor der Linse als Objekt eine helle Linie an, z. B. einen
schmalen Spalt in einem dunklen Schirme, hinter welchem ein Licht steht, so
e decken sich die Zerstreuungskreise der einzelnen hellen
Punkte dieser Linie, wie in Fig. 53 b angedeutet ist, teil-
weise, und es erscheint statt der scharfen Linie a eine helle
Figur ähnlich der c.
Wird eine scharf begrenzte gleichmäßig helle Fläche
in einem Zerstreuungsbilde abgebildet, so bleibt die Mitte
der Fläche in unveränderter Helligkeit, die Ränder aber
erscheinen verwaschen, so daß an ihnen die Helligkeit der
Mitte der Fläche allmählich in die Helligkeit des umgebenden Grundes übergeht.
Dergleichen Zerstreuungsbilder können nun auch im Auge entworfen
werden. Allerdings können wir nicht die Netzhaut willkürlich hin- und her-
rücken gleich dem Papierschirme bei der beschriebenen objektiven Darstellung
der Zerstreuungsbilder, aber wir können den leuchtenden Punkt dem Auge
nähern und ihn davon entfernen, so daß sein Bild im Glaskörper vor- und
zurückweicht. Wie bei einem jeden optischen Systeme von kugeligen brechenden
Flächen liegen die Bilder verschieden entfernter Gegenstände auch beim Auge
in verschiedenen Entfernungen von den brechenden Flächen. Das Bild eines
unendlich weit entfernten hellen Punktes liegt in der hinteren Brennebene des
Auges, das Bild eines näheren leuchtenden Punktes hinter der Brennebene.
Wenn also eines von diesen Bildern auf die Netzhaut fällt und scharf ge-
zeichnet ist, so bildet das andere notwendig einen Zerstreuungskreis. Daraus folgt:
Wir können verschieden weit vom Auge entfernte Gegenstände
nicht gleichzeitig deutlich sehen.
Um sich davon zu überzeugen, halte man in der Entfernung von etwa
6 Zoll vor dem Auge einen Schleier oder anderes durchsichtiges Gewebe, und
92. 98.] Akkommodation. 108
dahinter in etwa 2 Fuß Entfernung ein Buch, und schließe ein Auge, so wird
man sich leicht überzeugen, daß man es in seiner Gewalt hat, nacheinander
bald die Fäden des Schleiers, bald die Buchstaben des Buches zu betrachten
und deutlich zu sehen, daß aber die Buchstaben undeutlich werden, während
man die Fäden des Schleiers betrachtet, und daß der Schleier nur noch als
eine leichte gleichmäßige Verdunkelung des Gesichtsfeldes erscheint, während
man die Buchstaben fixiert. Wenn man, ohne die Richtung des Auges zu ver-
ändern, bald den näheren, bald den ferneren Gegenstand betrachtet, fühlt man
bei jedem solchen Wechsel, daß das Auge eine gewisse Anstrengung macht, -
um den Wechsel zustande zu bringen.
Denselben Versuch kann man mannigfach variieren. Man wende sich nach
einem Fenster und halte etwa 6 Zoll vor dem Auge senkrecht eine Nadel, so
daß sie einen der horizontalen Stäbe des Fensters kreuzt, so kann man ent-
weder die Nadel fixieren, während dabei der Stab des Fensterkreuzes als ver-
waschener dunkler Streifen erscheint, oder das Fensterkreuz und die Gegenstände
der Landschaft draußen fixieren, während die Nadel nur noch als ein ver-
waschener dunkler Streifen im Gesichtsfelde erscheint. Ebenso, wenn man
durch ein Loch von 1 bis 2 Linien Durchmesser nach fernen Gegenständen
sieht, kann man bald diese, bald die Ränder des Loches scharf sehen, nie aber
beide zugleich. Indessen ist der Versuch in seiner ersten Gestalt am über-
raschendsten, und dabei zugleich jeder Verdacht, daß eine Änderung in der
Richtung der Sehachse von Einfluß sei, am besten beseitigt.
Bei allen diesen Versuchen überzeugt man sich, daß, wenn man auch nicht
gleichzeitig zwei verschieden entfernte Gegenstände deutlich sehen kann, es
doch gelingt, indem man sie nacheinander betrachtet, und daß man willkürlich
bald den einen, bald den anderen deutlich, mit scharf begrenzten Umrissen
erblicken kann.
Die eigentümliche Veränderung, welche im Zustande des Auges vor sich
geht, um bald ferne, bald nahe Gegenstände deutlich zu sehen, nennt man die
Akkommodation oder Adaptation* des Auges für die Entfernung des Objekts.
Für sehr ferne Objekte kann sich die Entfernung des Objekts sehr be-
trächtlich verändern, ohne daß die Entfernung seines optischen Bildes von den
Hauptpunkten des Auges sich merklich ändert. Wenn ein Auge für unendliche
Entfernung akkommodiert ist, so sind die Zerstreuungskreise auch für Objekte
von etwa 12 Meter Entfernung immer noch so klein, daß keine merkliche Un-
deutlichkeit des Bildes entsteht. Ist aber das Auge für einen nahen Gegenstand
akkommodiert, so erscheinen Gegenstände in sehr kleinen Distanzen vor oder
hinter jenem schon undeutlich. Den Teil der Gesichtslinie, in welchem die bei
einem gegebenen Akkommodationszustande- des Auges ohne merkliche Undeut-
lichkeit sichtbaren Objekte liegen, hat J. Ozermax die Akkommodationslinie
genannt. Die Länge dieser Akkommodationslinien ist desto größer, je weiter
ihr Abstand vom Auge ist, und für einen sehr großen Abstand unendlich groß.
Von dem angegebenen Verhalten kann man sich leicht überzeugen, wenn
man vor einem bedruckten Blatte in der Entfernung eines oder einiger Zolle
eine Spitze als Fixationspunkt befestigt. Nähert man sich mit dem Auge der
Spitze, so weit man sie deutlich sehen kann, und akkommodiert das Auge für
die Spitze, so erscheinen die Buchstaben undeutlich; je weiter man sich aber
* Letztere Bezeichnung ist nicht mehr gebräuchlich. G.
104 Die Dioptrik des Auges. |93. 94.
entfernt, immer das Auge für die Spitze akkommodierend, desto deutlicher
werden sie.
Eben weil die Zerstreuungskreise ferner Gegenstände sehr klein sind, wenn
das Auge für andere ferne Gegenstände akkommodiert ist, ist es auch möglich
zu visieren, d. h. zu erkennen, ob verschieden entfernte Punkte an einer
Stelle des Gesichtsfeldes liegen. Streng genommen kann man immer nur einen
der beim Visieren betrachteten Punkte deutlich sehen, die anderen in größeren
und kleineren Zerstreuungskreisen. Eine genaue Deckung zweier Punkte
nehmen wir an, wenn der deutlich gesehene Punkt in der Mitte des Zerstreuungs-
bildes des anderen liegt. Eine Linie, welche durch zwei sich deckende Punkte
gezogen ist, nennen wir Visierlinie Die Visierlinien kreuzen sich in einem
Punkte des Auges, nämlich im Mittelpunkte des von der Hornhaut entworfenen
Bildes der Pupille, dem Kreuzungspunkte der Visierlinien.*
Daß bei der Akkommodation nicht bloß, wie mehrere Physiologen früher
annahmen, die Art, wie das Netzhautbildchen empfunden wird, sich verändere,
sondern daß das optische Bild auf der Netzhaut selbst Veränderungen erleide,
läßt sich am unzweifelhaftesten bei der Untersuchung eines lebenden Auges mit
dem Augenspiegel nachweisen. Durch dieses Instrument, welches in § 16 be-
schrieben werden wird, kann man den Hintergrund des Auges, also die Netzhaut
mit ihren Gefüßen und die auf ihr entworfenen Bilder, deutlich sehen. Läßt
man das beobachtete Auge einen Gegenstand in einer gewissen Entfernung
fixieren, so findet man, daß das Bild eines Lichtes, welches in derselben Ent-
fernung steht, auf der Netzhaut ganz scharf entworfen wird, während man in
dem hellen Grunde des Bildes auch die Gefüße und sonstigen anatomischen
Einzelheiten der Netzhaut deutlich sieht. Wenn man aber das Licht sehr
nähert, wird sein Bild undeutlich, während die Einzelheiten des Gewebes der
Netzhaut deutlich bleiben. Die Versuche, die Veränderungen der Bilder an
toten Augen, denen man den hinteren Teil der Sclerotica und Chorioidea weg-
genommen hatte, zu sehen, oder an Augen weißer Kaninchen, deren Sclerotica
sehr durchscheinend ist, sind meist gescheitert, weil unter diesen Umständen
die Bilder überhaupt nicht mehr genau genug sind, um kleine Veränderungen
an ihnen wahrzunehmen. Auch für das lebende Auge sind nur an verhältnis-
mäßig feinen Gegenständen die Veränderungen des Bildes bei veränderter
Adaptation auffällig. Größere Gegenstände erkennen wir auch bei unpassender
Akkommodation noch ihrer Form nach. In dem Netzhautbilde eines toten
Auges erscheinen aber überhaupt nur noch größere Objekte, die feineren sind
verwischt, wie man sogleich erkennt, wenn man es künstlich vergrößert, so daß
die Bilder dem Beobachter in ähnlicher Größe erscheinen, wie sie dem be-
obachteten Auge, als es lebte, erschienen waren.
Eine noch nähere Erläuterung der Adaptationserscheinungen und der ver-
schiedenen Lage des Vereinigungspunktes der Strahlen zur Netzhaut gibt der
ScHeinersche Versuch. Man steche durch ein Kartenblatt mit einer Nadel
zwei Löcher, deren Entfernung kleiner ist als der Durchmesser der Pupille, und
blicke nun durch die beiden Löcher nach einem feinen Gegenstande hin, der
sich dunkel auf hellem Grunde oder hell auf dunklem Grunde scharf abzeichnet,
* Da das Visieren die zentrale Sehschärfe erfordert, so kann eigentlich nur von einer
einzigen Visierlinie die Rede sein. Dieselbe trifft nach der Brechung im Auge den Mittel-
punkt der Netzhautfovea. G.
94. 96.] Scurisers Versuch. 105
z. B. nach einer Nadel, die man vor den hellen Hintergrund des Fensters hält,
und zwar vertikal, wenn die Löcher des Kartenblatts horizontal nebeneinander
liegen, dagegen horizontal, wenn letztere vertikal übereinander stehen. Fixiert
man nun die Nadel selbst, so sieht man sie einfach, fixiert man dagegen einen
näheren oder ferneren Gegenstand, so erscheint sie doppelt. Schiebt man dann
von der Seite her einen Finger über das Kartenblatt, so daß er eines der
Löcher verdeckt, so findet man in dem Falle, wo das Bild der Nadel einfach
ist, keine andere Veränderung, als daß das Gesichtsfeld dunkler wird. Sieht
man dagegen die Nadel doppelt, so verschwindet beim Verdecken der Öffnung
eines der Doppelbilder, während das andere unverändert stehen bleibt, und
zwar verschwindet, wenn man einen ferneren Gegenstand, als die Nadel ist,
fixiert, das linke Bild der Nadel beim Verdecken des rechten Loches; wenn
man aber das Auge für einen näheren Gegenstand eingerichtet hat, verschwindet
das rechte Bild beim Verdecken des rechten Loches. Hat man sich noch nicht
genügend geübt, das Auge für die Nähe und Ferne zu akkommodieren, ohne
daß man einen entsprechenden Fixationspunkt hat, so stelle man zwei Nadeln
hintereinander vor einem hellen Hintergrunde auf, die eine in 6 Zoll, die
andere in 2 Fuß Entfernung, die eine horizontal, die andere vertikal, und fixiere
die eine, um die Doppelbilder der anderen zu sehen, wobei man natürlich die
Löcher des Kartenblatts stets quer gegen die Richtung der Nadel stellen muß,
welche doppelt erscheinen soll.
Macht man drei Löcher in ein Kartenblatt, welche nahe genug zusammen-
stehen, um gleichzeitig vor die Pupille gebracht zu werden, so erscheinen drei
Bilder der Nadel. Haben die Löcher die Stellung wie in Fig. 54 a, so er-
scheinen bei der Akkommodation für einen A £ e
näheren Gegenstand drei Nadeln in der ° «°
Stellung wie bei b, so daß ihre Köpfe die |
Stellung der Löcher in gleichem Sinne
wiedergeben. Bei der Akkommodation für Fig. 54.
einen ferneren Gegenstand erscheinen die
Nadeln in der Stellung c, so daß ihre Köpfe ein umgekehrtes Bild von der
Stellung der Löcher geben. Ganz dieselben Doppelbilder zeigen sich, wenn
man einen hellen Gegenstand auf dunklem Grunde, eine Öffnung eines dunklen
Schirms, durch welche Licht fällt, oder ein Nadelköpfchen, welches Sonnenlicht
reflektiert, betrachtet.
Die Erklärung dieser Versuche ergibt sich leicht aus entsprechenden Ver-
suchen mit Glaslinsen. Es sei Fig. 55 b eine Sammellinse, vor welcher ein
undurchsichtiger Schirm mit zwei Öffnungen e und f angebracht ist; a sei ein
leuchtender Punkt und c der Vereinigungspunkt für seine Strahlen, nachdem
sie durch die Linse gegangen sind. Es werden demgemäß alle Strahlen der
beiden Strahlenbündel, welche durch die beiden Öffnungen des Schirms e und f
gehen, sich im Punkte — schneiden, und ein weißer Schirm, welcher in c an-
gebracht ist, wird nur eine helle Stelle als Bild des Lichts zeigen. Ein Schirm
aber, der vor dem Vereinigungspunkte in mm, oder hinter ihm in 2! angebracht
ist, wird die den beiden Öffnungen entsprechenden Strahlenbündel gesondert
auffangen und zwei helle Stellen zeigen. Denkt man sich statt der Glaslinse
die brechenden Mittel des Auges, statt des Schirms die Retina gesetzt, so ergibt
sich analog, daß ein Punkt der Retina vom Lichte getroffen wird, wenn ihre
Fläche durch den Vereinigungspunkt der Strahlen geht, zwei Punkte dagegen,
106 Die Dioptrik des Auges. Ian, 96.
wenn sie sich vor oder hinter dem Vereinigungspunkte der Strahlen befindet.
Die Stellung des Schirms in m entspricht dem Falle, wo das Auge für einen
ferneren, die bei /, wo es für einen näheren Gegenstand akkommodiert ist.
Nur ein scheinbarer Widerspruch zeigt sich. Wenn man nämlich in dem Ver-
suche mit der Glaslinse die obere Offnung e des durchbrochenen Schirms
verdeckt, verschwindet bei der Stellung des Schirms in m das gleichseitige
obere Bild, bei dem fernsehenden Auge aber das entgegengesetzte, Bei der
Stellung des Schirms in / verschwindet umgekehrt bei der Glaslinse das ent-
gegengesetzte, in dem nahsehenden Auge dagegen das gleichseitige Bild. Der
Widerspruch erklärt sich dadurch, daß die Bilder auf der ‚Netzhaut stets um-
gekehrt sind, also einem tiefer liegenden lichten Gegenstande ein höher stehendes
Bild auf der Netzhaut entspricht. Wird also die in m stehende Netzhaut bei
Fig. 55.
p und a von Licht getroffen, so schließt der Sehende von dem oberen Punkte p
auf einen im Gesichtsfelde unterhalb des wirklichen leuchtenden Punktes bei P
liegenden Gegenstand, und aus dem unteren Punkte q auf einen oberhalb bei
Q liegenden. Wird die Offnung e verdeckt, so verschwindet demnach der obere
helle Punkt p auf der Netzhaut, und der Experimentierende glaubt deshalb den
Gegenstand P verschwinden zu sehen, welcher der verdeckten Öffnung entgegen-
gesetzt ist. Umgekehrt beim Fixieren eines nahen Gegenstandes, wo die Netz-
haut dem Schirme in ? entspricht.
Bringt man vor der Glaslinse einen Schirm mit drei Öffnungen, wie in
a Fig. 54, an, so entstehen auch drei lichte Punkte auf dem in m oder ? ge-
stellten Schirme, und zwar in m gleich, in ! dagegen entgegengesetzt gerichtet
als auf dem vorderen Schirme; also wieder umgekehrt, als es scheinbar im
Auge der Fall ist, was sich in derselben Weise erklärt, wie eben geschehen ist.
Bringt man vor die Glaslinse einen Schirm mit einer Öffnung, und bewegt
ihn hin und her, so bleibt das Bild des lichten Punktes unbeweglich, wenn
(siehe in Fig. 55) der Vereinigungspunkt e der Lichtstrahlen in den auffangen-
den Schirm füllt. Steht dieser Schirm aber vor ce in m, so bewegt sich das
Bild in demselben Sinne wie die Öffnung vor dem Glase. Steht der auffangende
Schirm in } hinter dem optischen Bilde, so bewegt es sich in entgegengesetzter
Richtung. Entsprechendes findet beim Auge statt. Sieht man durch eine kleine
Öffnung eines Kartenblattes nach einer Nadel, fixiert einen fernen Gegenstand
und bewegt das Kartenblatt, so bewegt sich die Nadel scheinbar in entgegen-
gesetztem Sinne. Fixiert man dagegen einen näheren Punkt, so bewegt sie sich
in gleichem Sinne wie das Kartenblatt. Die Erklärung dieser Versuche ergibt
sich leicht aus dem Vorausgeschickten, wenn man für Fig. 55 annimmt, daß
der Schirm nicht zwei Öffnungen, sondern nur eine hat, die sich bald in e, bald
in f befindet.
96. 97.] Zerstreuungsbilder auf der Netzhaut. 107
Man kann einen Schirm mit enger Öffnung, welche man vor das Auge
bringt, auch benutzen, um Gegenstände deutlich zu sehen, für welche man das
Auge nicht akkommodieren kann. Die Grundfläche des in das Auge eindringen-
den Strahlenkegels wird dadurch kleiner, und in demselben Verhältnisse auch
alle seine Querschnitte, zu denen auch der Zerstreuungskreis auf der Netz-
haut gehört.
Wenn man einen nahe vor dem Auge befindlichen Gegenstand, der deshalb
im Zerstreuungsbilde erscheint, durch eine feine Öffnung betrachtet, erscheint
er aus dem angeführten Grunde deutlich und außerdem vergrößert. Ja, er er-
scheint sogar größer, als wenn man ihn ohne Öffnung bei derselben Entfernung
im Zerstreuungsbilde betrachtet. Seine Vergrößerung wird um so bedeutender,
je mehr man die Öffnung vom Auge entfernt. Diese Erscheinungen erklären
sich auf folgende Weise,
Es seien in Fig. 56 a und
b zwei leuchtende Punkte
des Objekts, S der’Schirm,
Adas Auge. Vom Punkte a
füllt durch die Öffnung des
Schirms nur ‘der Licht-
strahl am, in das Auge,
von b bm, Ist Ze das
dem Objekte ab entspre-
chende Bild, welches die
Augenmedien entwerfen, Fig. 56.
so geht der Strahl am,
nach der Brechung nach œ und schneidet die Netzhaut in f; der Strahl bm,
geht dagegen nach ĝ und trifft die Netzhaut in g. Zieht man von f und g aus
die Linien fọ und gy durch den Knotenpunkt des Auges k, so geben diese
die Richtungen an, in welchen leuchtende Punkte beim gewöhnlichen deut-
lichen Sehen liegen müßten, um sich in / und g abzubilden. In diese Linien
verlegt unser Urteil deshalb auch die Punkte a und b.
Wenn der Schirm sich vom Auge entfernt und dem Objekte nähert, ist
leicht ersichtlich, daß die Punkte m, und m, und ebenso die Linien m, e und
m,ß mit den Punkten f und g sich von der Augenachse entfernen müssen.
Das Netzhautbild wird in diesem Falle also größer.
Nehmen wir den Schirm weg, so entwirft jeder lichte Punkt des Objekts
einen Zerstreuungskreis. Die Mittelpunkte der Zerstreuungsbilder von a und b
sind dann auf der Netzhaut weniger voneinander entfernt als die Punkte f und g,
wo diese Punkte bei vorgehaltenem Schirme sich abbilden. Der Mittelpunkt
der Zerstreuungskreise wird bestimmt durch den Achsenstrahl des Strahlenkegels,
d.h. durch den Strahl, welcher durch den Mittelpunkt der Pupille gegangen
ist. Es sei ? dieser Punkt. Der von a durch ! nach e gehende Strahl trifft
dann die Netzhaut in i, der von 5 durch ! nach 2 gehende in A. Die Punkte A
und i sind also die Mittelpunkte der Zerstreuungsbilder, wenn der Schirm ent-
fernt wird. Sie liegen einander näher als die Punkte f und g.
Sieht man dagegen durch eine enge Öffnung nach entfernten Gegenständen,
während man das Auge für die Nähe akkommodiert, so erscheinen die Gegen-
stände kleiner, und desto kleiner, je weiter man die Öffnung vom Auge
entfernt.
108 Die Dioptrik des Auges. [97. 98.
Die Entfernungen, für welche sich das menschliche Auge akkommodieren
kann, sind bei verschiedenen Individuen sehr verschieden. Man nennt den dem
Auge nächsten Punkt, für den eine vollständige Akkommodation ausgeführt
werden kann, den Nähepunkt, den entferntesten den Fernpunkt der Ak-
kommodation. Bei normalen Augen pflegt der Nähepunkt in 4 bis 5 Zoll Ent-
fernung zu liegen, der Fernpunkt in sehr großer, vielleicht zuweilen unendlicher
Entfernung. Eine unendliche Entfernung des Fernpunktes scheint aber doch,
selbst bei Leuten, die im Freien leben und nur ferne Gegenstände zu betrachten
haben, mindestens eine große Seltenheit zu sein, da ganz allgemein eine strahlige
Figur von den Menschen als Stern bezeichnet zu werden pflegt, und die All-
gemeinheit dieses Sprachgebrauchs darauf hinweist, daß sie die Sterne strahlig
sehen, was wiederum ein Zeichen ist, daß sie nicht für unendliche Ferne adap-
tieren, wie in § 14 auseinandergesetzt werden wird.
Kurzsichtige oder myopische Augen nennt man solche, deren Fern-
punkt in geringer Entfernung, oft nur wenige Zoll vom Auge liegt; der Nähe-
punkt rückt dabei gewöhnlich ebenfalls sehr viel näher. Weitsichtige oder
presbyopische Augen nennt man dagegen solche, deren Nähepunkt weiter
entfernt ist, oft mehrere Fuß vom Auge absteht. Der Fernpunkt dieser Augen
scheint im allgemeinen nicht in demselben Verhältnisse in die Ferne zu rücken,
vielmehr stehen zu bleiben, so daß die Breite ihrer Akkommodation überhaupt
eine geringere wird, und die Fähigkeit einer Veränderung des brechenden
Apparates auch wohl ganz verloren geht. Nur als seltenere krankhatte Ver-
bildung und nach der Entfernung der Kristallinse durch Staroperationen kommen
so weitsichtige Augen vor, welche imstande sind, konvergierend in das Auge
fallende Strahlen auf der Netzhaut zu vereinigen, also z. B. unendlich entfernte
Gegenstände durch schwache Sammellinsen deutlich zu sehen. Kurzsichtigkeit
pflegt die Folge solcher Beschäftigungen zu sein, bei denen nahe Gegenstände
anhaltend und scharf betrachtet werden. Weitsichtigkeit pflegt im höheren
Alter zu entstehen, daher der griechische Name Prespyopie (von moseßus, der
Greis); auch kommt bei Schiffern, Hirten, Jägern und anderen Personen, welche
meist nur auf ferne Gegenstände ihre Aufmerksamkeit zœ richten haben, eine
Unfähigkeit, das Auge für nahe Gegenstände zu akkommedieren, vor, welche
durch Mangel an Übung bedingt zu sein scheint. Das bekannte Mittel, den
Beschwerden dieser Zustände abzuhelfen, ist der Gebrauch von Brillen. Kurz-
sichtige gebrauchen konkave Linsen, welche von fernen Gegenständen nähere
Bilder entwerfen, die bis an den Fernpunkt des betreffenden Auges herangerückt
werden müssen. Weitsichtige gebrauchen konvexe Linsen, welche von nahen
Gegenständen entferntere Bilder entwerfen, für welche ein solches Auge sich
akkommodieren kann.
Wenn man das Auge in Wasser taucht, fällt die Brechung der Licht-
strahlen an der Hornhaut fast ganz fort, und es bleibt nur die in der Kristall-
linse wirksam, welche nicht hinreicht, um deutliche Bilder auf der Netzhaut zu
entwerfen. Das Auge verhält sich dann wie ein überweitsichtiges, und braucht
eine stark konvexe Linse als Brille, um irgend etwas zu erkennen.
Um die Größe der Zerstreuungskreise berechnen zu können, bemerke man
zunächst, daß alle Strahlen, die außerhalb des Auges auf die scheinbare (d, h.
durch die Hornhaut gesehene) Pupille* hinzielen, nach der Brechung in der
* Die nunmehr sogenannte Eintrittspupille, G.
98. 90. Größe der Zerstreuungskreise. 109
Hornhaut die wirkliche Pupille treffen, und daß sie im Glaskörper so verlaufen,
als kämen sie von dem Bilde* der Pupille her, welches die Linse nach hinten
zu entwirft. Es ergibt sich dies sogleich aus dem Begriffe des optischen Bildes.
Ein gewisser Punkt der wirklichen Pupille und der korrespondierende Punkt
ihres Hornhautbildes sind in Rücksicht auf die Brechung an der Hornhaut
korrespondierende Vereinigungspunkte der Lichtstrahlen. Strahlen, die von dem
Punkte der wirklichen Pupille aus nach vorn gehen, scheinen vor dem Auge
von dem Bilde dieses Punktes zu kommen, und umgekehrt, Strahlen, welche in
der Luft nach einem Punkte der scheinbaren Pupille konvergieren, müssen sich
nach der Brechung an der Hornhaut in dem entsprechenden Punkte der wirk-
lichen Pupille vereinigen.
Lustrtso nimmt für sein schematisches Auge an, daß die Iris !/, mm vor
der vorderen Linsenfläche liege, und berechnet, daß alsdann ihr von der Linse
entworfenes Bild um !/,, vergrößert und um 0,055 mm nach hinten gerückt sei.
Verlegt man dagegen die Pupille dicht an die Vorderfläche der Linse, was
naturgemäßer ist, so beträgt die Vergrößerung nur etwa !/,, (genauer °/,,), und
sie wird um 0,113 mm nach hinten gerückt. Behält man die übrigen Data von
Listings schematischem Auge bei, so würde der Abstand des Linsenbildes der
Pupille von der Netzhaut gleich 18,584 mm zu setzen sein. Durch die Horn-
haut würde dieselbe Pupille dagegen um !/, (genauer '®/,,) vergrößert und um
0,578 mm vorgerückt erscheinen.
Die Größe der Zerstreuungskreise auf dem mittleren Teile der Netzhaut
läßt sich auf folgende Weise berechnen. Es sei Fig. 57 g/ die Augenachse,
qg ein vor dem Auge liegendes Objekt, und die Linie qg senkrecht gegen fg.
Es sei ferner p das
Bild von o und f von
g; ed die Netzhaut, y
welche wir als eine
auf die Augenachse
senkrechte Ebene be-
trachten, da nur g
Bilder auf der Mitte Fig. 57.
der Netzhaut in Be-
tracht gezogen werden sollen; ab sei das Linsenbild der Pupille, A B das Horn-
hautbild, beide senkrecht gegen die Augenachse, die von ihren Ebenen in den
Punkten co und © geschnitten wird. Die von dem Rande der Pupille aus-
gehenden Strahlen ap und bp schneiden die Netzhaut in «œ und £, so daß «8
ein Durchmesser des Zerstreuungskreises ist, dessen Größe berechnet werden
soll. Da ab parallel ed ist, ist nach bekannten geometrischen Sätzen:
ap:ap=ab:aß
ap:ap=ef:df, also auch
apm H e da
Fällt die Ebene der Netzhaut mit der hinteren Brennebene des Auges zusammen,
und ist D der vordere Brennpunkt des Auges, so können wir wie in § 9 Glei-
* Die Austrittspupille. G.
110 Die Dioptrik des Auges. len,
chung 8) bezeichnen OD mit H. cd mit H,, Cg mit h,, cf mit h, (statt h
PEN
und haben dann wie dort vi
Heta
A Lë weng, oder
Na WE,
seg Ka, Y x E
1, i , also
nat . D . D . . D . D . . . 1b).
A
Wenn e der Mittelpunkt des Linsenbildes der Pupille ist, also ac = bc, und
der Strahl cp die Netzhaut in y schneidet, so ist y der Mittelpunkt des Zer-
streuungskreises. Denn wegen des Parallelismus von ab und « verhält sich
ac:be=ay:ßy
ac=be, folglich
eiss fi,
Der Strahl also, welcher die Mitte des Zerstreuungskreises trifit, geht im Glas-
körper verlängert durch den Mittelpunkt des Linsenbildes der Pupille. Wir
können hinzusetzen, er geht in der vorderen Kammer in der Tat durch den
Mittelpunkt der wirklichen Pupille und in der Luft verlängert durch den Mittel-
punkt des Hornhautbildes der Pupille.
Daraus folgt, daß, wenn die Mittelpunkte der Zerstreuungskreise für zwei
ungleich vom Auge entfernte Punkte aufeinander fallen, der nach diesem ge-
meinsamen Mittelpunkte von dem Mittelpunkte des Linsenbildes der Pupille
gehende Strahl beiden Strahlensystemen gemeinsam sein muß. Die Fortsetzung
dieses gemeinsamen Strahls vor dem Auge muß also auch beide leuchtende
Punkte treffen, und wird verlängert durch den Mittelpunkt des Hornhautbildes
der Pupille gehen. Dasselbe wird der Fall sein, wenn das eine Zerstreuungs-
bild sich auf einen Punkt reduziert, der im Mittelpunkte des anderen Zer-
streuungskreises liegt.
Beim Visieren decken sich zwei ungleich entfernte Punkte, wenn das Bild
des einen in die Mitte des Zerstreuungsbildes des anderen füllt, oder die Mittel-
punkte beider Zerstreuungsbilder aufeinander fallen, falls beide undeutlich ge-
sehen werden. Die sie verbindende gerade Linie haben wir Visierlinie ge-
nannt. Sie muß nach der eben gemachten Auseinandersetzung mit dem Strahle
zusammenfallen, der nach dem Mittelpunkte des Hornhautbildes der Pupille
geht, und dieser letztere Punkt wird deshalb der Kreuzungspunkt aller Visier-
linien sein.
Der Begriff des Gesichtswinkels hängt hiermit nahe zusammen. Wenn
man sagt, daß Objekte, die unter gleichem Gesichtswinkel erscheinen, gleiche
scheinbare Größe haben, so muß man den Scheitel des Gesichtswinkels in den
Kreuzungspunkt der Visierlinien legen. Gewöhnlich hat man ihn aber in den
Kreuzungspunkt der Richtungslinien (den ersten Knotenpunkt) verlegt, und wenn
es sich um Fülle handelt, wo die beiden gesehenen Punkte nacheinander direkt
gesehen werden, würde man ihn in den Drehpunkt des Augapfels legen müssen.
Für sehr weit entfernte Punkte wird die Größe des Gesichtswinkels dadurch
nicht verändert, für nahe aber allerdings.
100, 101.] Optometer. 111
Ich füge hier noch eine kleine Tafel bei, welche Listıns für sein schema-
tisches Auge unter der Annahme berechnet hat, daß die Netzhaut in der zweiten
Brennebene des Auges liege, und die Pupille 4 mm Durchmesser habe. Es
sind darin angegeben unter A die Entfernungen des leuchtenden Punktes von
dem vorderen Brennpunkte nach vorn, unter /, die des Bildes von der Netz-
haut nach hinten, unter x der Durchmesser des Zerstreuungskreises. Die Rech-
nung ist ausgeführt nach der Gleichung § 9 8c)
hu=ER
und $ 11 1a), Das Produkt F, F, ist für Listınss schematisches Auge gleich
301,26 Quadratmillimeter. (Als runde Zahl genügt 300.)
[A I, z%
Ké D mm | 0 mm
65 Meter 0,005 0,0011
25 0,012 0,0027
12 0,025 0,0056
6 0,050 0,0112
8 0,100 0,0222
1,5 0,200 0,0443
0,75 0,40 0,0825
0,375 0,80 | 0,1616
0,188 | 1,60 0,3122
0,094 | 3,20 | 0,5768
0,088 3,42 0,6484
Man sieht aus dieser Tabelle auch, wie wenig sich die Lage des Bildchens
ändert, wenn die sich ändernde Entfernung des Objekts noch sehr groß ist,
und wie schnell das Bildchen sich von der Netzhaut entfernt, wenn das Objekt
in geringerer Entfernung vom Auge sich mehr und mehr nähert.
Um zu ermitteln, für welche Entfernungen sich ein Auge akkommodieren kann,
sind verschiedene Instrumente, Optometer, vorgeschlagen worden.
Die zuerst sich darbietende Methode, nach welcher wir im täglichen Leben
Kurzsichtigkeit und Weitsichtigkeit zu unterscheiden pflegen, ist die, zu beobachten,
in welcher Entfernung kleinere Gegenstände, z. B. Buchstaben, am besten gesehen
werden, Indessen ist dabei keine große Genauigkeit der Angaben möglich. Einmal
sind gedruckte Buchstaben nie so klein, um nicht auch bei ziemlich beträchtlichen
Abweichungen der Akkommodation noch gelesen werden zu können, So kann ich
eine Druckschrift. wie die vorliegende, in 13 Zoll Entfernung noch lesen, während
mein Auge für seinen Fernpunkt, 3 Fuß Entfernung, akkommodiert ist, Und ebenso `
kann ich sie in 2,7 Zoll Entfernung lesen, obgleich ich das Auge nur auf 3,6 Zoll
akkommodieren kann. Außerdem ist zu bemerken, daß die Gegenstände, wenn man
sie dem Auge nähert, unter einem größeren Gesichtswinkel erscheinen, und deshalb
unter übrigens gleichen Umständen deutlicher erkannt werden als in größerer Ent-
fernung. Sehr kleine, schwer zu erkennende Gegenstände werden deshalb dem Auge
zuweilen näher gebracht, als die Akkommodationsdistanz ist, weil man bei geringer
Ungenauigkeit des Bildes und größerem Sehwinkel zuweilen mehr erkennt, als bei
genauer Akkommodation und geringerem Sehwinkel. Will man also die Akkommoda-
tionsweiten auf diese Art ermitteln, so muß man für verschiedene Abstände verschiedene
Gesichtsobjekte wählen, und alle so fein, daß sie in der betreffenden Entfernung von
einem gut akkommodierten Auge nur eben noch erkannt werden können. :
112 Die Dioptrik des Auges. Inn,
PORTERFIELD! hat zuerst den Scheinerschen Versuch zur Untersuchung der Seh-
weiten empfohlen, und darauf ein Optometer gegründet, welches Tu. Youxe* ver-
besserte. Letzterer empfiehlt einen feinen weißen Faden auf dunklem Grunde aus-
zuspannen, so daß sein eines Ende nahe unter dem Auge sich befindet, und dann
durch einen Schirm mit zwei Löchern nach dem Faden zu sehen. Er erscheint dann
nur an der Stelle, für welche das Auge akkommodiert ist, einfach, an allen übrigen
Stellen doppelt. Die einfach erscheinende Stelle kann leicht bezeichnet werden. Ihre
Entfernung vom Auge entspricht der beim Versuche stattfindenden Sehweite des Auges.
Übrigens kann man auch andere feine Objekte benutzen, welche man in verschiedene
Entfernung vom Auge bringt. Man muß die Objekte für diese Versuche so fein
wählen, daß sie durch die Löcher des Schirms eben noch deutlich gesehen werden
können, z, B. feine Nadeln auf hellem Grunde, oder feine Löcher und Spalten in
dunklen Schirmen. Auch muß man darauf achten, daß man
das Objekt durch beide Löcher gleichzeitig erblickt, sonst
ist man Irrungen leicht ausgesetzt. Das Gesichtsfeld redu-
ziert sich bei diesen Versuchen auf die verhältnismäßig breiten
Zerstreuungsbilder der beiden Löcher des Schirms, welche
zum Teil ineinander greifen müssen, wie Fig. 58 a und b
darstellt. Nur in dem mittleren gemeinsamen Teile c, welcher
zugleich am hellsten ist, können Doppelbilder erscheinen wie
die Nadelspitzen g, nicht aber in den seitlichen Teilen, welche
nur je einem Zerstreuungsbilde angehören. In den letzteren erscheinen die Bilder
stets einfach, wie die Nadel A. Dieser Umstand macht für ungeübte Personen das
Gelingen des Versuchs oft schwierig.
Eine ühnliche Methode, um die Akkommodationsdistanzen, namentlich den Fern-
punkt zu bestimmen, schien mir in der Ausführung noch größere Genauigkeit zu
geben als das Sehen durch zwei Löcher, Man läßt durch eine kleine Öffnung eines
Schirms Licht des Himmels oder einer Kerzenflamme fallen. Solch ein kleiner Licht-
punkt erscheint einem Auge, welches nicht genau für ihn adaptiert ist, als ein fünf-
oder sechsstrahliger Stern (s. unten $ 14), während er bei passender Akkommodation
als ein ziemlich gut begrenzter, wenn auch nicht ganz regelmäßig runder Lichtpunkt
erscheint, Schiebt man nun einen Schirm von der Seite her vor die Pupille, so sieht
man die Lichtfigur, welche der Punkt bildet, in der Regel von einer Seite her sich
verdunkeln, und zwar von derselben Seite, wo der Schirm vorgeschoben wird, wenn
das Objekt weiter entfernt ist, als die Akkommodationsdistanz beträgt; von der ent-
gegengesetzten Seite dagegen. wenn es näher ist Bei richtiger Akkommodation da-
gegen wird das Objekt entweder in allen seinen Teilen gleichzeitig dunkler, oder es
wird in unregelmäßiger Weise verlöscht, so daß es z. B. oben und unten zu
schwinden anfüngt, während man den Schirm von einer Seite her vor die Pupille schiebt.
Ein anderes Mittel, die Sehweite zu bestimmen, welches namentlich für Ungeübte
leichter ausführbar ist als der Scuemersche Versuch, ist von der Farbenzerstreuung
im Auge hergenommen, und wird in $ 13 beschrieben werden.
Rurres Optometer ist bestimmt, sich gegen absichtliche Täuschungen durch den
Untersuchten zu sichern. Es ist ein kastenartiger Schirm, durch welchen eine Röhre
geht. Der zu untersuchende Mensch blickt durch diese Röhre auf ein Buch. von
dem er nur einige Worte sieht, und dessen Entfernung zu beurteilen er kein Mittel
hat (als die Adaption des Auges selbst, Man hält ihm bald kleinere, bald größere
Druckschrift in vers@hiedenen Entfernungen vor; bei beabsichtigter Täuschung wird
er schwer vermeiden, sich in Widersprüche zu verwickeln.
Hassers Optometer ist ein horizontales Brett auf Stativ, an einem Ende mit
einer Maske für den oberen Teil des Gesichts versehen, um die Lage der Augen da-
Fig. 58.
1 On the eye. Vol. I. p. 428. — Edinb. medical Essays. 1V. 185.
® Phil, Transactions. 1801. P. I. p. 34.
102.] Literatur über die Zerstreuungsbilder auf der Netzhaut, 113
durch zu fixieren, Auf dem Brette sind Teilungen angebracht, um die Entfernung
von den Augen zu messen; es sind außerdem die Konvergenzwinkel der Augenachsen
für die verschiedenen Punkte der Mittellinie darauf verzeichnet. Das Instrument ist
dazu bestimmt, die verschiedenen Versuche über Akkommodationsdistanzen, über
Einfachsehen und Doppeltsehen mit beiden Augen bequem ausführen zu lassen,
Künstliche Augen zur Erläuterung von Kerters Theorie des Sehens und der
Wirkung der Brillen sind beschrieben worden von Han), Huysens®, Worr®,
Avans® und Krızs®,
Kerver®, welcher zuerst richtige Begriffe van der Brechung des Lichts im Auge
hatte, sah auch die Notwendigkeit einer Akkommodation des Auges für verschiedene
Entfernungen ein, und erklärte die bei unpassender Akkommodation auftretenden Zer-
streuungskreise. Scuriser? beschrieb die Erscheinungen, welche bei unpassender
Akkommodation eintreten, wenn man durch einen Schirm mit zwei Öffnungen sieht.
Erklärungen dieses Versuchs gaben pe La Hırr®, der aber dabei die Möglichkeit der
Akkommodation für verschiedene Entfernungen leugnete, später J. pe LA Morre?’ und
PorrerrıeLn!®, welcher letztere zugleich die irrigen, von pe LA Hp aus dem Ver-
suche gezogenen Schlüsse berichtigte. Die scheinbaren Bewegungen eines außer der
Sehweite liegenden Gegenstandes, wenn man ihn durch eine enge Öffnung erblickt
und diese selbst bewegt, erwähnt Mar 1) zuerst, und beschrieb später H. Mayer 1°
ausführlicher, mit Beziehung auf die Theorie der Akkommodation.
Eine ausführliche Darstellung des Entstehens der Zerstreuungskreise, ihres Über-
einandergreifens usw. gab Juni !®,
Was den Gebrauch der Brillenglüser betrifft, so kommt bei Puixrus!# eine Stelle
vor, welche darauf hinzudeuten scheint. Er berichtet, daß konkave Smaragde vor-
kämen, welche das Gesicht sammelten (visum colligere), und deshalb nicht geschnitten
werden dürften. Der Kaiser Nero, welcher kurzsichtig war (Puisıus LI. c. 34),
sah durch einen solchen Smaragd den Kämpfen der ‚Gladiatoren zu. Später findet
man wieder Nachrichten aus dem Anfange des 14. Jahrhunderts, wo die Brillen als
eine neue Erfindung betrachtet wurden. Ein Florentiner Edelmann, SALVINUS ARMATUS,
gestorben 1317, wird in seiner Grabschrift als Erfinder der Brillen genannt 18. ALEXANDER
DE Sprxa, ein Mönch aus Pisa, gestorben 1313, soll ein Paar Brillen bei jemandem
gesehen haben, der ein Geheimnis daraus machte, solche nachgemacht und an viele
Leute verteilt haben !®, Maurorvous (1494 bis 1575) versuchte später eine Erklärung
der Wirkung zu geben, die aber entsprechend seiner Theorie vom Sehen unrichtig
1! Elem. Physiolog. V. 469.
? Dioptrica. Lugduni 1704. p. 112.
3 Nützliche Versuche. III. 481.
* Essay on vision. London 1792.
5 Übersetzung des vorigen. Gotha 1794.
$ Paralipomena. p. 200. `
7 Oculus. p.87 u. 41, Ahnliche Versuche p. 32 u. 49.
* Journal des Sgavans. 1685 und in Aoridens de la vue. 1693.
® Versuche und Abhandl. der Gesellschaft in Danzig. Bd. II. S. 290.
10 On the eye, Vol. I. Book 8. Chapt. 3.
1 Poosenporrrs Ann, XLII. 40.
12 Prager Vierteljahrsschrift. 1851. Bd. IV. S. 92.
13 Essay on distinct and indistinct vision. Sans Optics. Cambridge 1738,
“ L, XXXVII. c. 5.
13 Vorkmanss Nachrichten von Italien. Bd., L 8.542. Die Grabschrift in der Kirche
Maria maggiore zu Florenz wurde später weggenommen und hieß:
Qui giace Salvino degli Armati
Inventore degli Occhiali.
Dio gli perdoni le peccata.
Saras Opties. Remarks p. 12.
v. HeLmuoLrz, Physiologische Optik. 3, Aufl. I. 8
114 Die Dioptrik des Auges. [102. 103. 825.
war. Er läßt nämlich die Sehestrahlen, d. h. Strahlen, von denen je einer von je
einem Punkte des Objekts ausgeht. durch die Gläser konvergenter oder divergenter
werden, so wie es in der Tat nur mit den von einem einzigen Punkte ausgegangenen
Lichtstrahlen der Fall ist. Erst Kerner! gab die vollständige und richtige Theorie
von dem Nutzen der Brillen.
Literatur.
1575. Fr. Maurorvous, De lumine et umbra, Lib. III.
1588. J. B. Porra, De refractione. Lib. VIII.
1604. J. Kerzen, Paralipomena ad Vitellionem. p. 200.
1619. Scuemwer, Oculus. p. 82—49.
1685. ne La Hire, Journal des Sçavans. Ann. 1685. — Accidens de la vue 1693. SU.
(Folgerungen aus dem Scueiserschen Versuch.)
1709. ve ra Hırz, Mém. de l'Acad. de Paris. An. 1709. p.95 (Sehen im Wasser).
.... DE LA Morre, Versuche und Abhandlungen der Gesellschaft in Danzig. Bd. II.
S. 290. (Theorie des Scurmserschen Versuchs.)
1788. Junmw, Essay on distinct and indistinct vision in Sun, System of opties, Cam-
bridge 1788.
1759. Poppen, On the eye. P. 889—423", (Theorie des Scnemerschen Versuchs.)
1792. G. Ans, An essay on vision. London. 2d. edition, übersetzt von F. Kries.
Gotha 1794. (Ausführlich über Brillen.)
1800. J. Bıscnorr, Praktische Abhandlung der Dioptrik. Stuttgart. 2. Aufl. (Über Brillen.)
1801. Tu. Youxa, Philos. Transact. P. I. p.34. (Optometer.)
1810. Gissert in seinen Annalen d. Physik. XXXIV. 54 u. XXXVI. 875. (Sehen im
Wasser.)
Worraston, Improved periscopie spectacles. Phil. Mag. XVII. Nıcnorsoxs Journal.
VII. 148. 241.
.... Jones on Worrastons spectacles. Nıcuorsoxs Journal. VII. 1902 u. VIII. 88.
1821. G. Tauser, Anweisung für auswärtige Personen, wie dieselben aus dem optisch-
okulistischen Institute zu Leipzig Augenglüser bekommen können, Leipzig. 3 Aufl.
1824. Muxcke, Über Sehen unter Wasser. Poccexvorres Ann. II. 257. GenLens physik.
Wörterbuch, neu bearb. Leipzig 1828. Art. Gesicht. S. 13888—1386*. Über Brillen,
ebenda 1403—1410*.
1825. Purkınse, Zur Physiologie der Sinne. II. S. 128”,
1880. House, Disquisitio de acie oculi dextri et sinistri in mille ducentis hominibus.
Lipsiae.
1887. J. araa in Dooorspoprrs Ann. XLII S. 51*.
1840. Hexe in J. Mürrers Lehrbuch der Physiologie. Bd. II. S.339—841*.
1845. O. Youxas opfometer. Phil. Mag. XXVI. 486.
1850. J. Czersax, Verhandl. d. Würzburger physik. Gesellschaft. Bd. I. 8. 184.
1851. Peyrar, Nouvel instrument à l'usage de la vue myope. Institut. No. 841. p. 58.
No. 857. p. 180.
H. Mayer, Prager Vierteljahrsschrift für prakt. Heilkunde, XXXII. S. 92",
v. Hasser, ebenda. 8.166. (ÖOptometer.)
1852. Tu. Berg, Der Augenspiegel und das Optometer. Göttingen. S. 28*,
1854. Jo. Czersax, Wiener Sitzungsberichte. Bd. XII. S. 322",
Nachtrag.
Die Lehre von den individuellen Verschiedenheiten des Refraktionszustands
der Augen ist namentlich durch die wichtigen Arbeiten von Doxpers vollständig
aufgehellt worden und hat denn auch schon die fruchtbarste Anwendung in der
Augenheilkunde gefunden, nicht bloß direkt für die Verbesserung mangelhaften
Akkommodationsvermögens durch Brillen, sondern auch indirekt, indem eine
Reihe bisher dunkler Krankheitszustände sich als gg mangelhafter Refraktion
und Akkommodation des Auges ergaben.
1 Paralipomena. p. 200.
825. 826. | Refraktion. 115
Der Fortschritt, den Doxpers gemacht hat, hängt namentlich davon ab,
daß er getrennt hat die Erscheinungen, welche einem abnormen Refraktions-
grade im Ruhezustande des Auges angehören bei der Akkommodation für die
Ferne, von denen, welche sich auf die größere oder geringere Breite der
Akkommodation beziehen und die also in einer Änderung des Refraktions-
zustandes durch Muskeltätigkeit bestehen.
Für die Ansicht, daß der Zustand des Fernsehens der Ruhezustand des
Auges sei, für welche schon die subjektive Empfindung sehr entschieden spricht
und die auch meiner oben gegebenen Darstellung zugrunde liegt, führt Doxpers
noch weiter an, daß durch gewisse narkotische Stoffe (namentlich Atropin,
das Alkaloid der Belladonna) eine Lähmung des Ringmuskels der Pupille und
der Akkommodation hervorgebracht wird, wobei das Auge für seinen Fernpunkt
eingerichtet ist, ohne diesen Refraktionszustand ändern zu können. Sollte ein
muskulöser Apparat da sein, dessen Kontraktion die Akkommodation für die
Ferne verstärken könnte, so müßte man die sehr unwahrscheinliche Annahme
machen, daß dieser durch das Atropin nicht gelähmt, sondern in eine dauernde
krampfhafte Zusammenziehung gebracht würde.
Daneben lehren pathologische Beobachtungen, daß wenn durch Lähmung
des Nervus oculomotorius der Akkommodationsapparat gelähmt wird, das Auge
sich stets auf seinen früheren Fernpunkt dauernd einstellt. Dagegen sind
durchaus keine Fülle von Bewegungslähmungen des Auges beobachtet worden,
wobei der Fernpunkt sich genähert hätte.
Die größte Sehweite entspricht also dem Ruhezustande des Auges. Als
normale Lage des Fernpunktes kann die in unendlicher Ferne betrachtet werden.
Solche Augen nennt Doxpers emmetropisch (von £uusroog, modum tenens
und vu, oculus), um die Vieldeutigkeit des Ausdrucks „normale“ oder „normal-
sichtige“ Augen zu vermeiden. Emmetropische Augen können natürlich noch
an mancherlei anderen Fehlern leiden und brauchen nicht „normal“ zu sein.
Augen, deren Fernpunkt vor ihnen, aber nicht in unendlicher Ferne liegt, nennt
er brachymetropisch oder, mit dem älteren Namen, myopisch; diese Augen
können nur divergierend einfallende Strahlenbündel auf der Netzhaut vereinigen.
Augen, die im Gegenteil nicht nur parallele, sondern auch konvergierend
einfallende Strahlen vereinigen können, heißen hypermetropisch.
Die myopischen Augen können sich ohne Hilfe eines Brillenglases für
weit entfernte Objekte nicht einstellen; es mangelt ihnen also ein wichtiger
Teil der Fühigkeit eines emmetropischen Auges. Die hypermetropischen
dagegen sind genötigt jedesmal, wo sie ein reelles Objekt fixieren wollen,
eine Akkommodationsanstrengung zu machen, wodurch mannigfache und häufig
sehr störende Ermüdungserscheinungen herbeigeführt werden. Beiderlei Arten
der Abweichung sind also für den praktischen Gebrauch des Auges nachteilig
und werden deshalb von Doxpers unter dem Namen der ametropischen
Augen zusammengefaßt.
Der Grund dieser Abweichungen beruht der Regel nach auf der ver-
schiedenen Länge der Augenachsen, die in den hypermetropischen kürzer ist,
als in den emmetropischen. Damit hängt auch die Lage des Drehpunkts dieser
Augen zusammen, der in den myopischen Augen weiter nach hinten, in den
hypermetropischen weiter nach vorn liegt. Die Hornhaut und Linse zeigen in
der Regel keine Krümmungsänderungen, aus denen die Ametropie erklärt
werden könnte.
Eh
116 Die Dioptrik des Auges. lege, ser.
Um den Zustand solcher abweichender Augen vollständig zu bestimmen,
muß ferner die Größe der Veränderung bestimmt werden, welche durch aktive
Muskelanstrengung in ihrem Brechungszustande hervorgebracht werden kann.
Wenn wir ein emmetropisches Auge, welches zwischen unendlicher Ferne und
einer Sehweite von 6 Zoll sich für jedes Objekt einstellen kann, und ein stark
myopisches, welches zwischen 6 und 3 Zoll Entfernung akkommodieren kann,
miteinander vergleichen, so scheint auf den ersten Anblick vielleicht das letztere
eine viel engere Grenze der Akkommodationsfähigkeit zu haben, als das erstere.
Wenn wir aber dicht vor ein solches myopisches Auge eine Konkavlinse von
6 Zoll Brennweite setzen, welche ihm erlaubt unendlich entfernte Gegenstände
deutlich zu sehen, so werden wir finden, daß dasselbe Auge mit Hilfe dieser
Brille nun auch, wie das zuerst genannte emmetropische Auge zwischen un-
endlicher Ferne und 6 Zoll Abstand akkommodieren kann, also eine ebenso
große Breite der Akkommodation hat, wie das erstere. Die genannte Linse mit
6 Zoll negativer Brennweite entwirft nämlich von Objekten, die 6 Zoll hinter
ihr liegen, ein virtuelles Bild in 3 Zoll Entfernung, für welches sich also das
supponierte myopische Auge akkommodieren kann.
Wir können also die Akkommodationsbreite zweier verschieden fernsichtiger
Augen nicht unmittelbar nach dem Abstand ihres Fernpunkts vom Nahpunkte
miteinander vergleichen, sondern wir müssen sie durch eine vorgesetzte Linse erst
auf gleichen Refraktionszustand gebracht denken, um sie vergleichen zu können.
Soll eine solche Linse die Objekte nicht vergrößern oder verkleinern, so
muß ihr zweiter Knotenpunkt mit dem ersten des Auges zusammenfallen (was
sich praktisch, wenn es der Mühe wert erscheinen sollte, bei dicken konvex-
konkaven Linsen erreichen lassen würde; vergleiche Seite 69 und 70). Nennen
wir die Entfernung des Fernpunktes eines gegebenen Auges vom ersten Knoten-
punkte F, die des Nahepunktes N, und A die Entfernung des nächsten Punktes,
für den das mit einer Linse von der negativen Brennweite F versehene Auge
sich noch akkommodieren kann, so ist
eria ake,
AEN F
und die Größe ` wird von Doxpers als Maß der Akkommodationsbreite benutzt.
Die Einheit dieses Akkommodationsmaßes ist also Eins dividiert durch das
Längenmaß, wozu bisher, den Brillennummern entsprechend, entweder Pariser
oder Preußische Zoll gewählt sind. Man könnte sich vielleicht erlauben, eine
solche Einheit ein Zolltel zu nennen, wenn GE oa verschiedener
Längenmaße zu fürchten wären.
So haben also gleiche Akkommodationsbreite von ein Sechstel 1. ein emme-
tropisches Auge, dessen Sehweite von 6 Zoll bis Unendlich geht, 2. ein
myopisches, dessen Sehweite von 3 bis 6 Zoll geht, 3. ein hypermetro-
pisches, dessen Sehweite von + 12 bis — 12 Zoll geht, da
RSR las, 3 KS
serge Lg
Die Größe der Akkommodation si nimmt mit zunehmendem Lebensalter
kontinuierlich ab, und zwar bei ganz oder nahehin emmetropischen Augen an-
nähernd proportional den Jahren, so daß sie im zehnten Jahre im Mittel
827. 828.] Akkommodationsbreite. 117
1. Zolltel beträgt, im 65. Jahre Null wird. Verlust der Akkommodations-
fühigkeit findet also im höheren Lebensalter regelmäßig statt, und auf diesen
Zustand hat Donners den Namen der Presbyopie beschränkt. Dabei ist aber
noch zu bemerken, daß im höheren Alter, etwa vom 50. Jahre ab, auch der
Fernpunkt des Auges etwas hinausrückt, früher emmetropische Augen also
hypermetropisch, schwach myopische emmetropisch werden.
Die allmähliche Verminderung der Akkommodationsbreite hängt wahr-
scheinlich davon ab, daß die Festigkeit der äußeren Schichten der Kristallinse
wächst und die Linse deshalb weniger nachgiebig wird. Vermehrung des
Brechungskoeffizienten ihrer äußeren Schichten muß nach Seite 83 auch eine
Verminderung der Brechung in der Linse zur Folge haben und also den
hintern Brennpunkt des Auges nach hinten rücken lassen.
Zu erwähnen ist noch, daß wir der Regel nach immer Konvergenz- und
Akkommodationsanstrengung gleichzeitig vollführen und daher auch unwillkürlich
eine bestimmte Verbindung zwischen beiden Anstrengungen einhalten. Jemand,
der seine Akkommodation nicht willkürlich beherrschen gelernt hat, akkommodiert
deshalb besser für die Ferne bei parallelen Gesichtslinien und erreicht die stärkste
Anstrengung der Akkommodation besser bei stark konvergenten Gesichtslinien.
Donnees unterscheidet daher 1. die absolute Akkommodationsbreite,
wo der Fernpunkt genommen wird bei parallelen (oder selbst divergenten)
Blicklinien, der Nühepunkt bei möglichst stark konvergenten. Der Nahepunkt
der Akkommodation liegt hierbei ferner als der Konvergenzpunkt. Es ist dies
die größte erreichbare Akkommodationsbreite, sie betrug bei einem emmetro-
pischen Beobachter im Alter von 15 Jahren a” -
2. Die binokulare Akkommodationsbreite. Die Konvergenz wird
hierbei nicht stärker gemacht, als zur Fixierung des Punktes, für den man
akkommodiert, nötig ist. Man erreicht hierbei nicht ganz denselben Grad der
Akkommodation, wie im ersten Falle. Die Breite der binokularen Akkommodation
desselben Beobachters war an"
’
3. Die relative Akkommodationsbreite für einen gegebenen Grad
der Konvergenz. Dieser war für denselben Beobachter bei parallelen Gesichts-
linien nur gleich ii’ erreichte bei einer Konvergenz von 11° ihr Maximum von
ee blieb dann bei steigender Konvergenz ziemlich unverändert, so daß sie
U
bei 23° noch V betrug, und bei der Stellung des binokularen Nahpunkts, bei
38° Konvergenz, e: In der Stellung des absoluten Nahpunkts, bei 73° Kon-
vergenz, war sie Null.
Für ärztliche Zwecke müssen also bestimmte Grade der Konvergenz gewählt
werden, um vergleichbare Grade der Akkommodation zu erhalten, und man
muß mit passend gewählten Linsen, die man vor das Auge setzt, dem Patienten
die Akkommodation bei einem solchen Konvergenzgrade möglich zu machen suchen.
Für die Bestimmung des Fernpunkts empfiehlt sich die parallele Richtung
der Gesichtslinien auf ein entferntes Objekt; die Brennweite der schwächsten
118 Die Dioptrik des Auges. [828. 829.
konkaven Linsen, welche einem myopischen, oder der stärksten konvexen Linsen,
welche einem hypermetropischen Auge noch vollkommen genaues Sehen sehr
entfernter Objekte gestatten, ist unmittelbar gleich der Entfernung des Fern-
punktes vom Auge. Für die Bestimmung des Nahpunktes schreibt DONDERS
vor, ihn durch passende Konvexglüser stets bis auf etwa 8 Zoll heranzubringen,
wenn er weiter abliegen sollte, um einer genügenden Akkommodationsanstrengung
sicher zu sein. Dabei muß dann natürlich der Einfluß der Linse auf die Lage
des gesehenen Bildes in Rechnung gebracht werden.
Als Probeobjekte zur Prüfung der Sehweite ungeübter Beobachter dienen.
Buchstaben und Ziffern verschiedener Größe.!
Im ganzen ist es ratsam bei Augen, deren Sehweite für die gewählte Be-
schäftigung nicht genügt, rechtzeitige Unterstützung durch passende Brillen
anzuwenden. Presbyopische Augen brauchen eine Konvexbrille beim Lesen und
Schreiben, überhaupt bei der Beschäftigung mit nahen Objekten, um die Zer-
streuungskreise zu vermindern. Des Abends und bei schwacher Beleuchtung,
wenn die Pupille weit ist und deshalb die Zerstreuungskreise größer, ist eine
stärkere Brille notwendig als bei Tage und bei stärkerer Beleuchtung. In der
Regel genügt eine Brille, welche den Nahepunkt auf 10 bis 12 Zoll heranbringt;
nur bei sehr alten Leuten, zwischen 70 und 80 Jahren, wo die Gesichtsschärfe
sich beträchtlich vermindert, ist es wünschenswert, die Objekte bis auf 8 oder
7 Zoll heranbringen zu können, um sie unter größerem Gesichtswinkel zu sehen.
Bei myopischen Augen ist namentlich darauf zu sehen, daß bei der Be-
schäftigung mit nahen Gegenständen gebückte Haltung des Kopfes und starke
Konvergenz der Augen vermieden wird, weil die Verdünnung, Ausbauchung und
Zerrung der Membranen im hinteren Teile des Auges durch gesteigerten Blut-
und Muskeldruck schnell wächst und die höheren Grade der Myopie das Seh-
vermögen sehr erheblich beeinträchtigen und geführden. Bei den schwächeren
Graden von Kurzsichtigkeit, wobei der Fernpunkt über 5 Zoll vom Auge liegt,
ist es im allgemeinen zulässig konkave Brillengläser anzuwenden und fortdauernd
zu tragen, welche den Fernpunkt in unendliche Ferne rücken. Das myopische
Auge wird dadurch einem emmetropischen ähnlich gemacht. Dabei ist aber
sehr sorgfältig darauf zu achten, daß Bücher, Papierblätter, auf denen ge-
schrieben wird, und Handarbeiten nicht näher als 12 Zoll den Augen genähert
werden. Bei übrigens guter Beschaffenheit des Auges ist in dieser Entfernung
ohne Schwierigkeit möglich zu lesen und zu schreiben. Zwingen die Umstände
gebieterisch zu feinerer Arbeit, die den Augen nüher gebracht werden muß,
so ist der Gebrauch schwächerer Konkavgläser und vielleicht achromatisierter
prismatischer Gläser, die auf der Nasenseite dicker als auf der Schläfenseite
sind, ratsam, weil dann die sehr genäherten Objekte mit geringerer Konvergenz
und geringerer Anstrengung der Akkommodation gesehen werden können.
Gläser, welche die Myopie vollkommen neutralisieren, können zuweilen bei
solchen Kurzsichtigen, die noch nie Brillen getragen haben, erst nach ‚einiger
Gewöhnung an schwächere Gläser, statt deren man nach und nach schärfere
! Dergleichen sind herausgegeben von Jaraer jun.: Schriftskalen, Wien 1857; und
Bart, Test types for the determination of the acuteness of vision: London, Williams and
Norgate; Paris, Germer Bailliöre; Berlin, Peters; Utrecht, Greven. Die letzteren sind in
regelmäßiger Abstufung der Größe ausgeführt und mit Nummern versehen, welche die Zahl
der Pariser Fuße angeben, um welche entfernt ein normales Auge die Buchstaben noch lesen
kann. Ähnliche auch von Gmaup Tevrox, Paris, Nachet.
829. 830. ] Gläser bei abnormer Refraktion. 119
substituiert, angewendet werden, weil die Verbindung zwischen Akkommodation
und Konvergenz den neuen Umständen allmählich angepaßt werden muß. Bei
geringerer Akkommodationsbreite oder merklich verminderter Gesichtsschärfe
ist es überhaupt ratsamer, für nahe Objekte schwächere Brillen zu tragen, die
für die gewöhnlichen Beschäftigungen genügen, und für ferne Objekte eine
Lorgnette zu Hilfe zu nehmen.
Bei höheren Graden von Myopie ist das Auge überhaupt schon leidend
und gefährdet; es sind dann mancherlei andere Rücksichten noch zu nehmen,
die hier nicht weiter erörtert werden können, und der Rat eines intelligenten
Arztes jedenfalls notwendig. Überhaupt ist die Gleichgültigkeit, womit die
meisten Kurzsichtigen den Zustand ihrer Augen betrachten, die Ursache späterer
Entwicklung gefährlicher Augenkrankheiten und vieler Erblindungen, und es
kann nicht genug vor Nachlässigkeit in dieser Hinsicht gewarnt werden.
Hypermetropische Augen brauchen konvexe Linsen, und zwar wähle man
im Anfang, wo sie ihre fortdauernde Akkommodationsanstrengung noch nicht
ganz zu beseitigen wissen, etwas zu starke Gläser, durch die sie schon ferne
Objekte nicht mehr ganz deutlich sehen können. Je mehr sie sich der
Akkommodationsanstrengung entwöhnen, desto stärkere Gläser werden nötig.
Bei verminderter Akkommodationsbreite brauchen sie stärkere Konvexgläser für
die Nähe, schwächere für die Ferne. Die sehr bedeutenden Beschwerden der
fortdauernden Akkommodationsanstrengung werden durch passende Gläser ganz
beseitigt, und es ist einer der bedeutendsten praktischen Triumphe der neueren
Ophthalmologie, daß die äußerst hartnäckige Asthenopie, die auf Hypermetropie
beruht und die die Verzweiflung der Patienten und Ärzte war, nachdem ihr
Grund erkannt worden ist, durch ein so einfaches Mittel so leicht beseitigt
werden kann.
1855. Sreruwao v. Canıos, Die Akkommodationsfehler des Auges. Wiener Sitzungsber.
XVI, 187.
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Dissertat. Utrecht 1858. Hexe u. Preurer. Zeitschrift für ration, Medicin. (8)
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Nederl. Gasthuis voor Ooglijders. p. 97—160.
§ 12. Mechanismus der Akkommodation.*
Die Veränderungen, welche man bei Akkommodationsänderungen am Auge
eines anderen beobachten kann, sind folgende:
1. Die Pupille verengert sich bei der Akkommodation für die Nähe, er-
weitert sich bei der für die Ferne. Diese Veränderung ist leicht zu beobachten,
und am längsten bekannt. Man bemerkt sie an jedem Auge, welches man ab-
wechselnd einen nahen und einen in derselben Richtung fern liegenden Gegen-
stand betrachten läßt. Man hat nur darauf zu achten, daß die Pupille nicht
durch zu starkes einfallendes Licht dauernd sehr verengt wird.
2. Der Pupillarrand der Iris und die Mitte der vorderen Linsenfläche ver-
schieben sich bei eintretender Akkommodation für die Nähe etwas nach vorn.
Um dies zu beobachten, wähle man einen scharf bestimmten fernen Fixations-
punkt, und stelle als näheren eine Nadelspitze hin. Der Beobachtete bedeckt
das eine Auge, und bringt das andere in eine solche Stellung, daß die Nadel-
spitze ihm den ferneren Fixationspunkt genau deckt. Er muß darauf achten,
daß sein Auge diese Stellung nicht verläßt, und darf es auch nicht auf seitlich
liegende Gegenstände abschweifen
lassen, weil es bei diesem Versuche
wesentlich darauf ankommt, daß
die Richtung des Auges nicht ver-
ändert wird. Der Beobachter stellt
sich so, daß er die Hornhaut des
beobachteten Auges von der Seite
und etwas von hinten sieht, und
daß er die schwarze Pupille dieses
Fig. 59. Auges etwa noch zur Hälfte vor
dem Hornhautrande der Sclerotica
hervorragen sieht, so lange das beobachtete Auge in die Ferne sieht. Nun lasse
er den näheren Gesichtspunkt, die Nadelspitze, fixieren; sogleich wird er be-
merken, daß das schwarze Oval der Pupille und auch wohl ein Teil des ihm
* Vergl. Kap. 4 der nach dem ersten Abschnitte folgenden Zusätze! G.
104. 105.] $ 12. Mechanismus der Akkommodation. 121
zugekehrten Irisrandes vor der Sclerotica sichtbar werden. Fig. 59 a stellt
dar, wie das fernsehende Auge hierbei erscheint, Fig. 59 5 das nahesehende.
Die Veränderung in der Stellung des schwarzen Flecks wird am auffallendsten,
wenn man auf die Breite des hellen Zwischenraums zwischen ihm und einem
am vorderen Rande der Hornhaut erscheinenden dunkleren Streifen — c, achtet.
Dieser Streifen ist das durch die Brechung in der Hornhaut verzerrte Bild des
über die Iris hervorragenden jenseitigen Randes der Sclerotica, der an seiner
inneren Seite gewöhnlich beschattet ist, und daher dunkler als die von vorn
erleuchtete Iris erscheint. Wenn die Akkommodation für die Nähe eintritt,
sieht man den Zwischenraum zwischen diesem Streifen cc, und der dunklen
Pupille schmaler werden. Verschöbe sich der Pupillarrand nicht nach vorn, so
müßte beim Nahesehen dieser Zwischenraum umgekehrt breiter werden, weil
sich die Pupille von allen Seiten gleichmäßig verengert, und ebenso würde er
breiter werden, wenn das Hervortreten der Pupille durch eine zufüllige Wendung
des beobachteten Auges gegen den Beobachter hin entstünde. Indem man also auf
den genannten Streifen achtet, kann man sich vor jeder Täuschung sichern. Daß
die vordere Linsenfläche stets dicht hinter der Pupille bleibt, ist in $ 3 erwiesen.
3. Die vordere Fläche der Kristallinse wird gewölbter beim Nahesehen,
flacher beim Sehen in die Ferne. Man kann sich davon durch das an der
vorderen Fläche der Linse ze
zurückgeworfene Licht kK
überzeugen. Man gebe, Sa
wie beim vorigen Versuche, EN
dem beobachteten Auge f am m A
wieder zwei scharf be- SÉ
stimmte, in einer Linie vor Ze
ihm liegende Gesichts- CO
punkte. Das Zimmer muß Fig. 60.
vollständig verdunkelt sein,
und außer einer großen und hellen Lampenflamme, welche man seitwärts
von der Gesichtslinie in gleicher Höhe mit dem Auge aufstellt, darf sich
kein größerer heller Gegenstand vor dem beobachteten Auge befinden, um
alle störenden Hornhautreflexe zu vermeiden. In Fig. 60 sei A das beobachtete
Auge, O die Flamme im Grundrisse, n der nähere, f der fernere Gesichtspunkt.
Der Beobachter muß nun sein Auge in gleicher Höhe mit dem beobachteten
Auge und der Lampe anbringen, so daß der Winkel BA/ ungefähr gleich
CAf ist, und so lange sein Auge in der Nähe von B hin und her bewegen, bis
er die Reflexe von beiden Linsenflächen sieht. Diese beiden Reflexe Fig. 61 b
und ¢ sind sehr viel lichtschwächer als der Reflex der Hornhaut a. Der von
der vorderen Linsenfläche b bildet ein aufrechtstehendes Bildchen der Flamme,
etwas größer als das von der Hornhaut entworfene, aber meist so verwaschen,
daß man die Gestalt der Flamme nicht genau erkennen kann. Sein scheinbarer
Ort ist weit (8 bis 12 mm) hinter der Pupille. Es verschwindet daher auch
schon bei leichten Bewegungen des beobachtenden Auges oder des Lichts hinter
dem Irisrande Wir wollen es das erste Linsenbild nennen, das von der
hinteren Fläche entworfene dagegen das zweite. Dieses letztere Fig. 61 o ist
umgekehrt und viel kleiner als das Hornhautbild und das erste Linsenbild,
erscheint daher als ein helles, ziemlich gut begrenztes Pünktchen. Sein
scheinbarer Ort ist nahe hinter der Fläche der Pupille, etwa 1 mm von ihr
122 Die Dioptrik des Auges. [105. 108.
entfernt; es verschiebt sich daher verhältnismäßig wenig gegen die Pupille und
das Hornhautbild, wenn der Beobachter die Stellung seines Kopfes ändert.
Wenn das beobachtete Auge sich für die Nähe akkommodiert, wird das
erste Linsenbild beträchtlich kleiner, und nähert sich in der Regel auch der
Mitte der Pupille. Die Verkleinerung des Bildes bemerkt man
am besten, wenn man statt einer Flamme einen Schirm mit zwei
senkrecht übereinander stehenden Öffnungen angewendet hat,
durch deren jede eine Flamme ihr Licht wirft, oder wenn man
etwas unterhalb der einen Flamme einen horizontalen Spiegel
anbringt, in dem sich die Flamme spiegelt. Das Spiegelbild
abe der Flamme vertritt dann die zweite Flamme. Jedes der reflek-
Fig. 61. tierten Bilder besteht dann aus zwei lichten Stellen, und man
sieht leicht und deutlich, wie die der vorderen Linsenfläche
angehörigen sich einander nähern, wenn das Auge in die Nähe, auseinander-
treten, wenn es in die Ferne sieht. In Fig. 62 stellt A die Reflexe beim
Fernsehen, B beim Nahesehen dar; a ist
A A der Reflex an der Hornhaut, 5 an der vor-
deren, ce an der hinteren Linsenfläche. Als
Lichtquelle sind zwei Flammen angenommen,
welche durch rechtwinkelige Ausschnitte eines
Schirms Licht senden.
Da nun ein konvexer Spiegel unter
o A übrigens gleichen Umständen desto kleinere
Fig. 62. Bilder entwirft, je kleiner sein Radius, so
folgt aus dieser Beobachtung, daß die vordere
Fläche der Kristallinse bei der Akkommodation für die Nähe sich stärker
wölbt. Allerdings würde eine sehr geringe Verkleinerung des Spiegelbildchens
auch wegen der Brechung der Strahlen in der Hornhaut entstehen, wenn die
vordere Fläche der Kristallinse sich nur der Hornhaut näherte, ohne ihre
Wölbung zu verändern. Doch ergibt die Rechnung, daß die Verkleinerung
des Bildchens aus dieser Ursache äußerst unbedeutend sein würde im Ver-
gleich zu der wirklich beobachteten.
4. Auch das Spiegelbildchen, welches die hintere Fläche der Kristallinse
entwirft, wird bei der Akkommodation für die Nähe etwas kleiner. Um dies zu
konstatieren, muß man genauere Beobachtungsmethoden anwenden, welche im
Anhange dieses Paragraphen beschrieben werden sollen. Durch ebensolche
Methoden findet man, daß der scheinbare (durch Linse und Hornhaut gesehene)
Ort der hinteren Linsenfläche sich nicht merklich verändert. Da der schein-
bare Ort der hinteren Linsenfläche sich nur sehr wenig von ihrem wirklichen
Orte unterscheidet, und die Veränderungen der Kardinalpunkte des Auges bei
Akkommodationsänderungen, wie unten gezeigt werden wird, derart sind, daß
sie einen sich wenigstens teilweise gegenseitig aufhebenden Einfluß auf diesen
scheinbaren Ort ausüben würden, können wir annehmen, daß der wahre Ort
der hinteren Linsenfläche bei der Akkommodation sich nicht merklich ändert.
Auch auf die Größe des Spiegelbildchens der hinteren Linsenfläche üben die
Veränderungen der Kardinalpunkte einen teilweise entgegengesetzten Erfolg aus.
Doch läßt sich zeigen, daß auch bei den günstigsten Annahmen, welche für die
Veränderungen der optischen Konstanten möglicherweise gemacht werden können,
um die Verkleinerung des Bildchens beim Nahesehen zu erklären, die Verklei-
108. 107.] Formänderung der Linse. 128
nerung nicht ganz so groß ausfallen könnte, als sie wirklich beobachtet wird.
Daraus kann also geschlossen werden, daß jedenfalls auch die hintere Linsen-
fläche beim Nahesehen sich stärker wölbt, aber nur in geringem Grade.
Da somit den Beobachtungen nach die vordere Fläche der Linse vorrückt,
die hintere ihren Ort nicht verläßt, wird die Linse beim Nahesehen in der Mitte
dicker. Da sie andererseits ihr Volumen nicht verändern kann, müssen wir
daraus schließen, daß sich die Durchmesser ihrer Äquatorialebene verkürzen.
In dem Querschnitte des vorderen Teils des menschlichen Auges Fig. 63
habe ich Hornhaut und Linse nach den Maßen eines der von mir untersuchten
lebenden Augen in fünfmaliger Vergrößerung konstruiert, und zwar auf der
mit F bezeichneten Seite in der Akkommodation für die Ferne, auf der mit
N bezeichneten in der für die Nähe. Die Ciliarfortsätze sind in dieser Figur
so gezeichnet, als wenn man sie durch die zwischen sie eingeschobene Falte
der Zonula hindurchsähe, so daß man den Verlauf der Zonula erkennt. Mit
aa ist der vordere Rand ihrer Falten, mit 55 der hintere bezeichnet.
Fig. 68.
Durch die stärkere Wölbung der Oberflächen der Linse wird ihre Brenn-
weite verkürzt, während ihre Hauptpunkte sich gleichzeitig nach vorn verschieben,
teils weil die vordere Fläche der Linse vorrückt, teils weil die vordere Fläche
im Verhältnis zur hinteren sich stärker wölbt. Beide Umstände tragen dazu
bei, die von der Hornhaut konvergent auf die Linse fallenden Strahlen äußerer
leuchtender Punkte eher zur Vereinigung zu bringen, als dies in dem fern-
sehenden Auge geschieht. Die Größe der an der Linse beobachteten Ver-
änderungen scheint auch auszureichen, um die Breite der Akkommodation des
lebenden Auges zu erklären.
Andere Veränderungen an den brechenden Teilen des Auges, welche auf
die Akkommodation bezogen werden könnten, sind bisher am Auge nicht nach-
gewiesen worden. Namentlich bleibt die Krümmung der Hornhaut durchaus
unverändert. Dagegen wäre es möglich, daß zur Unterstützung der Akkommo-
dation für die Nähe eine Verlängerung des Augapfels durch gleichzeitige Span-
nung aller sechs Augenmuskeln entstehen könnte. Doch ist bisher eine solche
weder nachgewiesen, noch scheint sie nötig zu sein, so wie auch meine in $2
berichteten Versuche dagegen sprechen, wonach bei veründertem Drucke im
Auge die Krümmung der Hornhaut sich ändert, da doch bei der Akkommodation
keine Veränderung dieser Krümmung zu beobachten ist. Außerdem ist dagegen
geltend zu machen, daß schon ein geringer dauernder Druck auf das Auge die
Blutmenge in den Gefäßen der Netzhaut verringert und die Netzhaut selbst
unempfindlich gegen das Licht macht.
124 Die Dioptrik des Auges. [107. 108.
Über die Art und Weise, wie die Formveränderung der Linse bewirkt
wird, läßt sich noch nicht mit Sicherheit aburteilen. Ältere Forscher, wie
Tu. Yousg, nahmen an, daß die Linse aus Muskelfasern zusammengesetzt sei,
und nannten sie deshalb Musculus crystallinus. Allein wenn die Fasern der
Linse auch möglicherweise mit Muskelfasern verglichen werden könnten, deren
man gegenwärtig äußerst verschiedenartige Formen kennt, so gehen doch keine
Nerven zu ihr hin, deren Dasein in den durchsichtigen Gebilden, um die es sich
hier handelt, kaum hätte den Beobachtern entgehen können. Außerdem sind
bisher alle Versuche mißglückt, an frischen tierischen Linsen durch inter-
mittierende elektrische Ströme, welche alle bekannten muskulösen Gebilde in
Zusammenziehung versetzen, Formveränderungen hervorzubringen. Dergleichen
Versuche sind unter anderen von ÜrAamer! angestellt worden an Augen von
frisch getöteten Seehunden und Vögeln, welche die Formveränderung der Linse
noch zeigten, so lange die Iris und der Ciliarapparat unverletzt waren, während
die freigelegte Linse sich niemals veränderte. Ich selbst habe mit v. Wırricu
dergleichen Versuche an Linsen frisch getöteter Kaninchen und Frösche vor-
genommen mit demselben negativen Erfolge.
Dagegen hat Oramer! gefunden, daß Akkommodationsveränderungen an
ausgeschnittenen Augen hervorgebracht werden können, wenn man durch den
vorderen Teil des Auges intermittierende elektrische Ströme gehen läßt. Die
Versuche sind folgende: Auf den Objekttisch eines Mikroskops mit ebenem Be-
leuchtungsspiegel wurde ein passender hölzerner Ring, und auf diesen, die Horn-
haut nach unten, das Auge eines kurz zuvor durch Erhängung getöteten,
5 Wochen alten, Seehunds (Phoca littorea) gelegt. Der Augapfel war von Muskeln,
Fett und anderen umgebenden Teilen frei gemacht, und an seiner hinteren
Seite ein Teil der Sclerotica, Chorioidea und Netzhaut sorgfältig, ohne Ver-
letzung des Glaskörpers, abpräpariert. Bei richtiger Stellung des Mikroskops
und seines Spiegels konnte Cramer nun das Bild einer etwa 35 cm entfernten
Kerzenflamme sehr deutlich auf der Hinterfläche des Glaskörpers abgebildet
wahrnehmen mit SOmaliger Vergrößerung. Sobald der Strom eines magnet-
elektrischen Rotationsapparates an zwei Seiten der Hornhaut eingeleitet wurde,
wurde das Bild undeutlicher und breiter.
Alsdann stieß Cramer eine Starnadel an dem Rande der Hornhaut ein,
führte ihre Spitze durch die Pupille hinter die Iris, und durchschnitt beim
Zurückziehen die Iris, so daß diese eine radiale Spalte bekam, die von ihrem
Ansatze bis zur Pupille ging. Danach brachte der elektrische Strom keine
Veränderung des Bildchens mehr hervor.
An Augen von Hunden und Kaninchen gelangen diese Versuche nicht, weil un-
mittelbar nach dem Tode die Pupille sich beträchtlich verengerte, und stärkere elek-
trische Ströme die Linse (wahrscheinlich durch Elektrolyse) undurchsichtig machten.
An Augen von Tauben fand er, daß bei Einwirkung elektrischer Ströme
sich das Bild der vorderen Linsentläche veränderte, nicht aber das Hornhaut-
bildchen. Die Veränderung des ersteren konnte an solchen ausgeschnittenen
Augen noch besser beobachtet werden, nachdem die Hornhaut weggenommen
war. Die stärkere Krümmung der Linse dauerte, so lange die Ströme des In-
duktionsapparates einwirkten, und verschwand nachher wieder. Sie trat nicht
mehr ein, sobald die Iris fortgenommen wurde.
! Het Accommodatievermogen. p. 58 u. 86.
108. 100. ] Mechanismus der Formünderung der Linse. 125
Cramer schließt hieraus, zunächst daß die Form der Linse durch kon-
traktile Teile, welche im Auge selbst liegen, verändert werde, und ferner be-
trachtet er die Iris speziell als dasjenige Organ, welches diese Veränderung
hauptsächlich hervorbringe. Er schreibt der Iris eine beträchtliche Wölbung zu,
indem er ihren Ursprung auf die innere Fläche des Musculus ciliaris, weiter
zurückverlegt, als es bisher die Anatomen getan hatten. Bei der Akkommo-
dation des Auges für die Nähe sollen sich nach seiner Annahme gleichzeitig die
Kreis- und Radialfasern der Iris verkürzen. Erstere gäben dadurch den letzteren
auch an ihrem zentralen Ende einen festen Anheftungspunkt, und die gespannten
radialen Fasern übten nun auf die hinter ihnen liegenden Teile (Rand der
Linse und Glaskörper) einen Druck aus, welcher bewirkte, daß der mittlere Teil
der sehr nachgiebigen elastischen Linse durch die Pupille, wo allein kein Druck
auf die Linse stattfände, herauszuquellen strebte, und so die ‚stärkere Wölbung
bekäme. Durch die Zusammenziehung des Ringmuskels der Pupille, welche
notwendig ist, um den radialen Fasern der Iris am inneren Ende eineu Wider-
halt zu geben, würde sich dann auch die beim Nahesehen eintretende Verenge-
rung der Pupille erklären.
Donners machte darauf aufmerksam, daß das an der inneren Wand des
Canalis Schlemmii gelegene elastische Gewebe, an welches sich die Peripherie
der Iris zunächst anheftet, von Bedeutung für den Akkommodationsvorgang sein
könnte. Da die Iris und der Ciliarmuskel zusammen von dieser Wand des Kanals
entspringen, und die Fasern des Muskels nach rückwärts verlaufen, um sich an
der Aderhaut festzusetzen, so wird durch eine Zusammenziehung des Muskels,
wenn man die Aderhaut als seinen festen Ansatzpunkt betrachtet, das elastische
Gewebe in der Wand des Scuuemmschen Kanals gedehnt, und der Ansatz der
Iris nach hinten gezogen werden können, wodurch sie in eine günstigere Lage
kommt, um auf die hinter ihr liegenden Teile einen Druck ausüben zu können.
In der Tat ist leicht einzusehen, daß die peripherischen Teile der Iris zurück-
weichen müssen, wenn die Mitte der Linse und der Pupillarrand der Iris sich nach
vorn bewegen. Denn das Volumen der wässrigen Feuchtigkeit, welche in der vorderen
Augenkammer eingeschlossen ist, ist unveränderlich; wenn ihr durch das Vordringen
der Linse in der Mitte Raum genommen wird, muß dieser an den Seiten wieder
gewonnen werden, dadurch daß die peripherischen Teile der Iris zurückweichen.
Cramer hat bemerkt, daß man bei Kindern mit bloßem Auge beobachten
könne, wie sich die vordere Kammer beim Nahesehen erweitert. Ich selbst
habe gefunden, daß man dies auch bei Erwachsenen mittels einer besonderen
Art der Beleuchtung des Auges erkennen könne. Wenn man nämlich Licht
ganz von der Seite her auf das Auge fallen läßt, so daß die Iris größtenteils
beschattet ist, so bildet sich bei einer richtigen Stellung des Auges auf der dem
Lichte gegenüberliegenden Seite der Iris ein gekrümmter heller Streifen, eine
kaustische Linie. In Fig. 64 ist in der unteren Hälfte der Gang der ge-
brochenen Strahlen für eine Kugel von dem Brechungsvermögen der wässrigen
Feuchtigkeit dargestellt, auf welche parallele Strahlen fallen. F sei der Brenn-
punkt der Zentralstrahlen. Die Randstrahlen weichen erheblich von dem
Brennpunkte der Zentralstrahlen ab und schneiden sich mit den nächst be-
nachbarten Strahlen in einer kaustischen Fläche, deren Durchschnitt durch die
Kurven G F angegeben ist: Der äußerste Strahl ist CB, er wird gebrochen
nach BH; in dem Halbierungspunkte der Sehne des Kreises, welche der ge-
brochene Strahl bildet, in G, ist das Ende der kaustischen Linie GF. Nun
126 Die Dioptrik des Auges. [109. 110.
denke man sich im Inneren der brechenden Kugel Ebenen gelegt, die ähnlich
der Iris in der wässrigen Feuchtigkeit liegen. Legen wir eine solche Ebene
senkrecht zur Ebene der Zeichnung durch a, P,, so wird ihre ganze Vorder-
fläche vom Lichte getroffen und beleuchtet werden. Legen wir die Ebene durch
q, P,» so liegt ein Teil derselben vor dem äußersten gebrochenen Strahl B G,
dieser wird beleuchtet werden; ein anderer liegt dahinter und bleibt dunkel.
Legen wir die Ebene durch o, P,, so schneidet sie die kaustische Fläche. Es
bleibt wieder ein Teil hell, einer dunkel, aber die Grenze zwischen dem be-
leuchteten und nicht beleuchteten Teile wird jetzt durch eine helle Linie be-
zeichnet, welche der Linie entspricht, in welcher die Ebene g, P, die kaustische
Fläche schneidet. Aus der Figur ist leicht ersichtlich, daß, wenn der Teil der
Fläche g, P,, welcher die kaustische Fläche schneidet, sich rückwärts bewegt,
also von der brechenden
Fläche entfernt, die
helle Linie dem Rande
näher rücken muß.
Dies kann man nun
an der Iris beobachten,
wenn sich das Auge für
die Nähe akkommodiert.
Beleuchtet man das
Auge eines anderen,
Fig. 64. welcher abwechselnd
einen näheren und,
ferneren Fixationspunkt betrachtet, die sich genau decken, so von der Seite,
daß die kaustische Linie, nahe am Üiliarrande der Iris erscheint, so sieht man
sie bei der Akkommodation für die Nähe sich dem Rande nähern, bei der für
die Ferne sich davon entfernen. In Fig. 65 ist diese Beleuchtung der Iris
dargestellt; das Licht füllt von der Seite in der Richtung des Pfeils auf das
Auge: auf der Iris sieht man an der dem Lichte zugekehrten Seite b den
Hornhautreflex des Lichts, auf der anderen nach a
hin die kaustische Linie, deren Licht zum Teil noch
durch den vorspringenden Rand der Sclerotica
hindurchscheint.
Nach Cramers und Doxpers’ Annahme würden
die Iris und der Ciliarmuskel dadurch die Gestalt-
änderung der Linse bewirken, daß sie den Druck
im Glaskörper und auf die Randteile der Linse
erhöhen, wobei nur die Mitte ihrer vorderen Fläche
Fig. 65. hinter der Pupille von dem erhöhten Drucke befreit
bleibt. Auch kann dadurch in der Tat die ver-
mehrte Wölbung der vorderen Linsenfläche, welche ÜRAmEr zunächst beobachtet
hatte, erklärt werden.
Die Gestaltveränderung der Linse dagegen, welche aus meinen Messungen
sich ergibt, möchte sich, ohne eine andere Kraft noch zu Hilfe zu nehmen,
nicht erklären lassen. Durch den hydrostatischen Druck, der auf die hintere
Seite und die Ränder der Linse einwirkt, kann diese nicht wohl in der Mitte
dicker werden. Ein solcher Druck würde streben, die Äquatorialebene der
Linse nach vorn zu wölben, und dabei ihre hintere Seite flacher zu machen.
110. 111.] Mechanismus der Formänderung der Linse. 127
Eine Annahme, welche diese Schwierigkeit zu Sge geeignet erscheint,
ist die, daß die Linse im ruhenden, fernsehenden Zustande des Auges durch
die an ihren Rand befestigte Zonula gedehnt wird. Die Falten der Zonula
laufen von ihrem Ansatz an der Linsenkapsel nach außen und hinten, wobei
sie Scheiden für die Ciliarfortsätze bilden, und verschmelzen endlich am hinteren
Ende dieser Fortsätze und des Ciliarmuskels mit der Glashaut, Netzhaut und
Aderhaut. Wenn der Ciliarmuskel sich zusammenzieht, kann er das hintere
Ende der Zonula nach vorn der Linse nähern und die Spannung der Zonula
vermindern. Durch die gespannte Zonula muß aber die Linse nach ihren
Äquatorialdurchmessern gedehnt, in der Achse verkürzt, ihre Flächen müssen
flacher gemacht werden. Wenn der Zug der Zonula bei der Akkommodation
für die Nähe nachläßt, wird die Äquatorialfläche der Linse kleiner, ihre Mitte
dicker werden, beide Flächen werden sich stärker wölben. Kommt dazu nun
noch der Druck der Iris, so wird diese die Äquatorialebene der Linse nach
vorn wölben, und dadurch wird die Wölbung der vorderen Fläche verstärkt,
die der hinteren vermindert werden, so daß sie der ursprünglichen Wölbung
der fernsehenden Linse wieder nahehin gleich werden kann.
Auf diese Weise scheint sich die Gestaltänderung der Linse erklären zu
lassen. Übrigens ist es an toten Augen leicht, durch Zerren an der Zonula
Gestaltveränderungen der Linse hervorzubringen. Hiermit würde auch der Um-
stand in Verbindung stehen, daß ich an lebenden fernsehenden Augen die
Linsendicke geringer gefunden habe, als sie an toten Linsen je gefunden wird.
Von einer Aufquellung der toten Linsen durch Wasser kann dieser Unterschied
wohl kaum hergeleitet werden, da nach den Beobachtungen von W. Krause
die Brechungsverhältnisse der äußeren, mittleren und innersten Schichten von
Kalbslinsen 24 Stunden nach dem Tode genau dieselben sind, wie unmittelbar
nach dem Tode, während man bei einer Wasseraufnahme eine Verminderung
des Brechungsvermögens erwarten müßte.
Um eine Übersicht über die wahrscheinliche Veränderung der optischen
Konstanten und Kardinalpunkte des Auges zu geben, welche bei der Akkommo-
dation für die Nähe eintritt, und zugleich nachzuweisen, daß die beobachtete
Änderung der Form der Linse genügend ist, die Akkommodation zu erklären,
habe ich für zwei Akkommodationen eines schematischen Auges, welches den
von mir untersuchten nahehin entspricht, die optischen Konstanten berechnet.
Das fernsehende Auge unterscheidet sich von Listings schematischem Auge
nur dadurch, daß die Linsenflächen etwas nach vorn gerückt und die Linse
dünner angenommen ist. Das EE der wässrigen und ar
Feuchtigkeit habe ich, wie LISTING, gleich 1 das der Kristallinse gleich -
Gi 4
genommen. Die Längen sind in Millimetern gemessen. Als Ort eines Punktes
ist seine Entfernung von der vorderen Hornhautfläche angegeben.
Nimmt man an, daß bei der Akkommodation für die Ferne dieses schema-
tische Auge in unendliche Ferne blicken könne, so wird die Netzhaut in der
Achse des Auges 22,231 mm von der vorderen Hornhautfläche entfernt sein, und
bei dem anderen berechneten Akkommodationszustande ein Gegenstand deutlich
gesehen werden, welcher 118,85 mm vor dem vorderen Brennpunkte, oder
130,09 mm vor der Hornhaut liegt. Es würde dies der Akkommodationsbreite
eines normalen Auges gut entsprechen.
128 Die Dioptrik des Auges.
fan. 112.
Akkommodation
für
Ferne Nähe,
Angenommen:
Krümmungsradius der Hornhaut 8,0 8,0
Desgl. der vorderen Linsenflüche 10,0 6,0
Desgl. der hinteren Linsenfläche 6,0 5,5
Ort der vorderen Linsenfläche 8,6 8,2
Ort der hinteren Linsenfläche 1,2 1,2
Berechnet:
Vordere Brennweite der Hornhaut 23,692 23,692
Hintere desgl. j TEIA 81,692 81,692
Brennweite der Linse . 48,707 38,785
Abstand des vorderen Hauptpunktes der Linse s von der ` vorderen
Fläche A 2,1078 1,9745
Abstand des hinteren von der hinteren IF 1,2644 | 1,8100
Abstand der beiden Hauptpunkte der zu voneinander 0,2288 | 0,2155
Hintere re TRA des Auges . . 19,875 | 17,756
Vordere d 14,858 | 18,274
Ort des hnes RA Brennpunktes ` — 12,918 | — 11,241
Ort des ersten Hauptpunktes 1,9408 | 2,08380
Ort des zweiten Hauptpunktes . 2,8563 | 2,4919
Ort des ersten Knotenpunktes . 6,957 6.515
Ort des zweiten Knotenpunktes 1,878 | 6,974
Ort des hinteren Brennpunktes . 22,281 | 20,248
Veränderungen der Hornhautkrümmung wollten einige ältere Beobachter !
bei ungenaueren Untersuchungsmethoden gefunden habe. Neuere genauere
Messungen dieser Krümmung mit Hilfe der reflektierten Bilder haben ergeben,
daß sie ganz unverändert bleibt. Solche sind von Sexrr®, CrAmer® und mir
selbst angestellt worden. Das Ophthalmometer läßt eine sehr genaue Aus-
führung dieser Versuche zu, wobei Änderungen des Radius um '/,,, seiner
Größe wahrzunehmen sein würden, während ein Wechsel der Sehweite zwischen
5 Zoll und unendlicher Entfernung einen Wechsel des Krümmungshalbmessers
von 6,8 bis 8 mm erfordern würde, wenn eine solche Veränderung die Akkommo-
dation bewirken sollte. Ich habe aber durchaus negative Resultate erhalten.
Zu erwähnen ist hier noch ein sehr sinnreicher Versuch von Tr. Young, welcher
dasselbe beweist. Er beschreibt ihn folgendermaßen: „Ich nehme aus einem
kleinen botanischen Mikroskope eine bikonvexe Linse von "in (Zoll) Radius
und Brennweite, befestigt in einer beckenförmigen Fassung von !/, Zoll Tiefe,
und mache ihre Kante mit Wachs wasserdicht. Ich tröpfle ein wenig mäßig
kaltes Wasser hinein, bis es zu drei Vierteln damit angefüllt ist, und bringe
es dann an das Auge, so daß die Hornhaut in das Becken hineinragt und überall
mit dem Wasser in Berührung ist. Mein Auge wird dadurch sogleich weit-
sichtig, und das Brechungsvermögen der Glaslinse, welches durch das Wasser
auf etwa 1,6 (Zoll) Brennweite zurückgeführt ist, ist nicht hinreichend, die
Stelle der Hornhaut zu vertreten, welche durch das Wasser unwirksam geworden
ist; aber die Hinzufügung einer anderen Linse von 5!/, Zoll Brennweite bringt
1 J. P. Long, Diss. de oculo humano. Lugd. Batav. 1742. p. 119. — Howe, Philos.
Transact. 1796. p.1.
? Waaxen, Handwörterbuch der Physiologie. Art. Sehen.
3 Het Accommodatievermogen der Oogen. Harlem 1853. p. 45.
112. 118.] Verschiebung des Pupillarrandes. 129
mein Auge zu seinem natürlichen Zustande zurück, und noch etwas darüber
hinaus. Ich wende dann das Optometer an, und finde dieselbe Ungleichheit in
der horizontalen und vertikalen Brechung wie ohne Wasser, und ich habe in
beiden Richtungen eine Akkommodationsfähigkeit bis zu einer Sehweite von
4 Zoll wie vorher. Im ersten Augenblicke erschien mir die Akkommodation
allerdings etwas geringer und nur imstande, das Auge von dem für parallele
Strahlen geeigneten Zustande zu einer Sehweite von 5 Zoll zu bringen, und dies
ließ mich glauben, daß die Hornhaut eine kleine Wirkung im natürlichen Zu-
stande haben könnte; indem ich aber überlegte, daß die künstliche Hornhaut
ungefähr 11. Zoll vor der Stelle der natürlichen Hornhaut sich befand, be-
rechnete ich die Folgen dieses Unterschiedes und fand ihn genau ausreichend,
um die Veringerung des Spielraums der Sehweite zu erklären.“
Um wieviel sich beim Nahesehen der Pupillarrand der Iris nach vorn verschiebt,
läßt sich wenigstens annähernd bestimmen, nachdem man die Dimensionen und Krüm-
mung der Hornhaut und die Entfernung der Pupillenfläche von der Hornhaut be-
stimmt hat. Es sei © Fig. 66 die Hornhaut, e und d ihr äußerer Rand, ab die
Pupille beim Fernsehen. Hat sich nun der Beobachter
gegen dieses Auge so gestellt, daß ihm die ganze
Pupille gerade verdeckt wird, so muß eb die Gesichts-
linie des Beobachters in der wässrigen Feuchtigkeit
sein. Wird nun beim Nahesehen die ganze Pupille
vor dem Rande der Selerotica eben sichtbar, und kennt
man ihre Breite e f, so muß sie ganz vor der Linie eb Fig. 66.
liegen, und doch an diese anstoßen, so wie in Fig. 60
angegeben ist, und dadurch findet man wenigtens angenähert die Größe ihrer
Verschiebung. Diese betrug unter den von mir untersuchten Augen bei dem Auge
0. H. 0,36 mm, bei dem Auge B. P. 0,44 mm. Tritt die Pupille beim Nahesehen
nicht ganz vor, sondern nur die Hälfte, zwei Drittel usw. derselben, so muß man
die Größe des hervortretenden Teils schützen und danach die Berechnung anstellen.
Der Krümmungsradius der vorderen Fläche der Linse kann mit Hilfe der von
ihr entworfenen Spiegelbilder gemessen werden. Doch sind diese Bilder zu licht-
schwach und verwaschen, als daß man eine genaue Messung ihres Abstands mit dem
Ophthalmometer ausführen könnte. Wenn man dagegen neben dem Linsenspiegelbild
ein Hornhautspiegelbild von veränderlicher Größe erzeugt, so kann man die Größe
beider Bilder leicht mit bloßem Auge vergleichen und sie gleich groß machen, Die
Größe des Hornhautbildes findet man dann leicht durch Messung oder Rechnung. So
ließ ich z. B. zwei vertikal übereinander stehende helle Flammen von der Linse spiegeln,
zwei kleinere schwächere Flammen von der Hornhaut, stellte die letzteren so, daß
ihre Spiegelbilder dicht neben den Linsenspiegelbildern der großen Flammen er-
schienen, und deren gegenseitiger Abstand dem der letzteren gleich wurde, Statt eines
jeden Paars von Flammen kann man auch bequemer eine Flamme und ihr von einem
horizontalen Spiegel entworfenes Spiegelbild gebrauchen.!
So maß ich also die Größe der von der vorderen Linsenflüche beim Nahesehen
und beim Fernsehen entworfenen Bilder. Es fand sich, daß in gut akkommodierenden
Augen das von der vorderen Linsenfliche entworfene Bild beim Nahesehen etwa nur
5/, der Größe hat, welche ihm beim Fernsehen zukommt. Dies Bild wird von einem
aus einer brechenden und einer spiegelnden Fläche zusammengesetzten optischen Systeme
entworfen. Die Brennweite dieses Systems kann man zunächst aus der Größe des
Bildes, Größe und Entfernung des Objekts nach $ 9 Gleichung 8b) berechnen, welche
auch für spiegelnde Systeme gilt, aus der Brennweite dann den Radius der spiegeln-
1 Graeres Archiv f. Ophth. Bd. I. Abt. 2. 8.45.
v. Hetsuortz, Physiologische Optik. 8. Aufl. I. 9
130 Die Dioptrik des Auges. ua, 114.
den Fläche. Es sei f} die erste, f, die zweite Brennweite des brechenden Systems,
welches vor der spiegelnden Fläche liegt, r der Krümmungsradius dieser Fläche, positiv
gerechnet, wenn sie konkav, negativ, wenn sie konvex ist, d der Abstand des Scheitels
der spiegelnden Fläche vom zweiten Hauptpunkte des brechenden Systems, so ist die
Brennweite des zusammengesetzten spiegelnden Systems:
q = ud — D D . D D D . D 1).
fa — d) (fa — d + r)
Nach dieser Formel wird g kleiner, wenn d kleiner wird, d. h. wenn die vordere
Linsenfläche der Hornhaut näher rückt. Wenn g kleiner wird, wird auch das Spiegel-
bild entfernter Gegenstände in demselben Verhältnisse kleiner. Da jedoch die Ver-
änderung von d etwa nur 0,4 mm beträgt, und f, —d etwa 28 mm, fa —d+r
etwa 38 mm, so ist die Veränderung von g höchst gering und beträgt etwa nur !/,,
seiner Größe, während die direkte Beobachtung der Bilder etwa */, gibt. Die Ver-
kleinerung der Bilder kann also nicht durch das Verschieben der vorderen Linsen-
fläche, sondern in der Tat nur durch vermehrte Krümmung dieser Fläche erfüllt
werden.
Durch die Beobachtung an lebenden Augen ergab sich in dieser Weise
| Krümmungshalbmesser Verschiebung der
Auge | der vorderen Linsenfläche | Pupille bei Akkommo-
‚ fernsehend | nahsehend | dation für die Nähe
OR | 11,9 8,6 0,36
B. P: 8,8 5,9 0,44
de Ha 10,4
Um die Krümmungsradien der vorderen Linsenfliche nach der obigen Gleichung
berechnen zu können, muß man den Krümmungsradius der Hornhaut und die Ent-
fernung der vorderen Linsenfläche (Pupille) von der Hornhaut kennen. Beide Größen
waren an den angeführten Augen schon vorher gemessen.
Das Spiegelbild, welches die hintere Linsenfläche von fernen Gegenständen ent-
wirft, verändert seine Größe ebenfalls bei geänderter Akkommodation des Auges, aber
in sehr unbedeutendem Grade. Ich beobachtete diese Veränderung durch das Oph-
thalmometer, indem ich zwei Flammen senkrecht übereinander seitlich
vom Auge hinter den Öffnungen eines Schirms aufstellte und deren
von der hinteren Linsenflüche gespiegelte Bilder beobachtete. Ich
stellte die Doppelbilder der beiden Lichter, so wie Fig. 67 zeigt,
nebeneinander. Hier sind a, und a, die Doppelbilder des unteren,
b, und b, die des oberen Lichts. Die einander genüherten Bilder a,
und A, deckten sich nicht, sondern standen dicht nebeneinander, so
Fig. 67. daß ich sie gesondert er kennen konnte. Bei der Akkommodation für
die Nähe verschob sich b, etwas in der Richtung nach a, und a, in
der Richtung nach b, hin. Ich schätzte die Breite der Verschiebung etwa gleich der
Hälfte der Breite eines jeden lichten Flecks, und da die Entfernung der Mittelpunkte
der Öffnungen, durch welche das Licht fiel, gleich sechsmal der Breite der Öffnungen
war, so war die Verkleinerung des Bildes etwa '/,, seiner Größe,
Endlich suchte ich noch zu ermitteln, ob die hintere Linsenfläche sich bei der
Adaptation für die Nähe in der Richtung von hinten nach vorn verschöbe. Ich ver-
fuhr dabei in derselben Weise, wie ich die scheinbare Entfernung der hinteren Linsen-
fläche von der Hornhaut bestimmt hatte. Bei derselben Anordnung des Apparates
untersuchte ich, ob der Lichtreflex der hinteren Linsenfläche bei veränderter Adap-
tation und unveränderter Richtung der Augenachse seinen Platz änderte, wobei ab-
114, 115.] Veränderung der hinteren Linsenfläche. 131
wechselnd das Fernrohr rechts und das Licht links, dann wieder das Fernrohr links
und das Licht rechts stand. Indessen habe ich keine Ortsveränderung dieses Bildchens
bemerken können. Die scheinbare Entfernung der hinteren Linsenfliche von der
Hornhaut wird also bei den Adaptationsünderungen nicht merklich verändert.
Was dürfen wir nun aus diesen Veränderungen des Spiegelbildchens und des
scheinbaren Ortes der hinteren Linsenfläche auf die wirklichen Veränderungen der-
selben für Schlüsse ziehen? Der scheinbare Ort dieser Fläche wird durch die Brechung
in der Linse überhaupt sehr wenig geändert, da sie dem hinteren Knotenpunkte der
Linse ziemlich nahe liegt, und wir können daraus schließen, daß auch die Unter-
schiede ihrer Verschiebung durch die Brechung bei verschiedenen Akkommodations-
zuständen des Auges jedenfalls so klein sein werden, daß wir sie vernachlässigen
können, So wird z. B. in den beiden schematischen Augen, deren optische Konstanten
wir in diesem Paragraphen als Beispiel berechnet haben, in dem fernsehenden Auge
die hintere Linsenfläche scheinbar um 0,191 mm, in dem nahesehenden um 0,118 mm,
nach vorn verschoben, würde also, während sie in Wirklichkeit an ihrer Stelle bleibt,
sobald das Auge sich für die Nähe akkommodiert, scheinbar um 0,078 mm nach hinten
rücken. Dies ist aber zu wenig, um wahrgenommen zu werden. Übrigens kann diese
Rechnung eben nur dazu dienen, zu zeigen, daß die Verschiebungen und ihre Unter-
schiede überhaupt klein sind, keineswegs um den Sinn dieses Unterschiedes in der
wirklichen Kristallinse zu zeigen, weil hierbei wesentlich die Entfernung der Haupt-
punkte der Linse voneinander in Betracht kommt, welche in der Kristallinse jeden-
falls geringer ist als in den schematischen homogenen Linsen.
Wir können also nur sagen, daß der wahre Ort der hinteren Linsenfläche bei
den Akkommodationsünderungen nicht merklich geändert werde.
Um zu ermitteln, wie das von der hinteren Linsenfläche entworfene Spiegelbild
sich bei Änderungen der Augenmedien verändere, denken wir uns die spiegelnde Fläche
durch eine unendlich dünne Schicht Glaskörper von der letzten brechenden Fläche
des Auges getrennt. Dann können wir für die Kardinalpunkte des brechenden Systems
die Kardinalpunkte des Auges nehmen. Es sei n das Brechungsverhältnis des Glas-
körpers; ferner nennen wir p die Entfernung des hinteren Brennpunktes des Auges
von der hinteren Linsenfläche nach hinten gerechnet, & die des zweiten Knotenpunktes
des Auges von derselben Fläche nach vorn gerechnet. In der Gleichung 1), welche
die Brennweite eines zusammengesetzten brechenden und spiegelnden Systems gibt,
haben wir zu setzen
h=p+:
fi =n(p + 6)
fi -d=p.
Dann wird der Wert der Brennweite des brechenden und spiegelnden Systems:
nr (pte
2 plp+n)
Bei der Akkommodation für die Nähe wird & jedenfalls größer, weil bei der Gestalt-
veränderung der Linse die Knotenpunkte des Auges vorrücken müssen; dadurch würde
auch, wenn sich r und p gar nicht veränderten, der Wert von g und die Größe des
Spiegelbildes zunehmen müssen. Dagegen wird p bei der Akkommodation für die
Nähe kleiner, und dadurch kann der Wert von d auch kleiner werden, unter den
Verhältnissen dieser Größen im Auge. Differentiiert man og nach p, so erhält man
dq nr UE
De Ee tte Ae
dp 2 St
Von den Faktoren dieses Ausdrucks kann nur der letzte, in der eckigen Klammer
eingeschlossene negativ werden, wird es aber wohl im normalen Auge nicht, da &
9*
del a rair A
[pr — (2p + r)a].
132 Die Dioptrik des Auges. [115. 116,
dq
dp
gleich größer und kleiner werden. Es würde also bei der Akkommodation für die
Nühe, wobei p kleiner wird, wenn wir vorläufig von der Veränderung von & absehen
und r konstant setzen, auch q und das Spiegelbild der hinteren Linsenfläche kleiner
werden können, und man könnte vermuten, die beobachtete Verkleinerung dieses
Bildes sei dadurch hervorgebracht. Die Rechnung nach der Gleichung 2) indessen
ergibt das Gegenteil. Nehmen wir aus Lisrınss schematischem Auge die Werte
p = 14,647, & = 0,3601, r = 6, so würde p auf 10,597 verkleinert werden müssen,
um d um Il seines Wertes zu verringern. Der hintere Brennpunkt des Auges
müßte also 4 mm vor die Netzhaut rücken, was jedenfalls schon die mögliche Ver-
ünderung der Lage dieses Punktes überschreitet. Aber da ein Teil der hierdurch
bewirkten Verkleinerung des Bildes durch das Vorrücken der Knotenpunkte, die Ver-
größerung von & wieder aufgehoben werden würde, wie vorher auseinandergesetzt ist,
so können wir nicht zweifeln, daß die Verkleinerung des Bildchens auf der hinteren
Linsenfliche ohne eine, wenn auch geringe Vermehrung der Krümmung dieser Fläche
nicht die beobachtete Größe haben könne.
Berechnet man die Brennweiten g für die beiden schematischen Augen dieses
Paragraphen, so findet man für das fernsehende 5,6051, für das nahesehende 5.3562,
welche Größen nur um Ji. ihres Wertes unterschieden sind, während die dazu ge-
hörigen Krümmungsradien (6 und 5,5 mm) um !/,, differieren. Hier verdeckt also
die Änderung der brechenden Mittel die des Krümmungsradius zum Teil, und lüßt
sie kleiner erscheinen, als sie wirklich ist. Wir schließen daraus, daß die hintere
Fläche der Linse bei der Akkommodation für die Nähe sich stärker wölbt.
Für den Mechanismus der Akkommodation ist es wichtig, den Ursprung der
Iris genau zu kennen. Ich habe den Canalis Sot rau1t mit Umgebung, wie er sich
auf feinen Querschnitten der Augenhäute darstellt, in Fig. 3, S. 6 abgebildet. A ist
der Querschnitt des Kanals, der wohl auch im lebenden fernsehenden Auge eine lüng-
liche Spalte bildet, € die Kornea, S die Sclerotica, D die Bindehaut, B die Aderhaut,
E ein Ciliarfortsatz, J die Iris. Die innere Wand des Kanals ist aus verschiedenen
Geweben zusammengesetzt. Der hinterste Teil dieser Wand bei a besteht ganz deutlich
aus demselben Gewebe eng durchflochtener Sehnenfasern wie die Sclerotica, von der
er ausgeht. Der vordere Teil besteht dagegen aus einem anderen Gewebe, welches
undurchsichtiger ist als das Sehnengewebe, aus stärker sich abzeichnenden, gegen
Essigsäure und Kali sehr resistenten Fasern besteht, und daher wohl für elastisches
Gewebe zu halten ist. Nach vorn schiebt es sich zwischen Membrana Descemer und
die Knorpelsubstanz der Hornhaut ein, nach hinten heftet es sich teils an den hinteren
sehnigen Teil der Wand, teils verbindet es sich mit den Faserzügen des Spannmuskels
der Aderhaut. Das System der Aderhaut hängt nur mit der hinteren Hälfte der
inneren Wand des Scuuemaschen Kanals fest zusammen, wo der sehnige und elastische
Teil sich verbinden. Doch entspringt auch von dem vorderen Teile der Kanalwand
ein lockeres Netzwerk von Fasern, die die Charaktere der elastischen an sich tragen,
welche sich an den Anfang der Iris anheften. Die Fasermassen, welche dem Spann-
muskel und der Iris angehören, sieht man zum Teil von der Wand des Kanals ent-
springen, zum Teil mögen sie aber auch direkt von der Aderhaut auf die Iris über-
gehen. In dem Gewebe der Ciliarfortsütze sieht man eine große Zahl weiter Lumina
durchschnittener Blutgefüße, auf ihrem dem Glaskörper zugekehrten Rande die Lage
des schwarzen Pigments.
Um sich von der Richtigkeit der hier gegebenen Darstellung des Ansatzes der
Iris zu überzeugen, muß man einerseits feine Schnitte von getrockneten Augenhäuten
untersuchen, dabei aber beachten, daß das Trocknen sehr starke Verzerrungen hervor-
bringen kann, und daß die elastischen Fasern vor dem Ansatze der Iris sehr leicht
reißen oder brechen, wenn man die Iris von der Hornhaut abzieht. Andererseits muß
gegen p und r sehr klein ist. Es wird also positiv sein, d. h. q wird mit p zu-
ue. 117.] Mechanismus der Akkommodation. 138
man frische Präparate untersuchen, wobei man am besten eine Borste in den SCHLEMM-
schen Kanal einführt, ebenfalls aber sehr sorgfältig jedes Ziehen an der Iris oder
Chorioidea vermeiden muß, denn dadurch kann man der Muskelmasse, durch welche
diese Teile befestigt sind, jede beliebige Gestalt geben. Hebt man die Iris leise auf,
und legt sie auf die Ciliarfortsätze zurück, so bemerkt man die feinen elastischen
Fäden, welche sich zum vorderen Rande des Kanals hinüberspannen. Zieht man dann
die Borste nach vorn, so erkennt man leicht die elastische Dehnbarkeit des vorderen
Teils der Kanalwand. Schlägt man dagegen Iris und Chorioidea nach vorn über, und
zieht die Borste nach hinten an, so zeigt sich der hintere Teil der Wand als un-
ausdehnsam.
Die beschriebene Art des Ansatzes scheint mir für das Zurückweichen der Seiten-
teile der Iris beim Nahesehen wichtig zu sein. Ist die Iris nämlich erschlafft, so
wird sie durch das Netzwerk der elastischen Fasern bei b bis zum vorderen Rande
des Scuuemmschen Kanals an dessen innerer Wand festgehalten. Spannen sich da-
gegen die zirkulären und radialen Fasern der Iris gleichzeitig, so bietet erst die
Sehnenmasse am hinteren Rande des Kanals ihrem Zuge einen genügend festen Wider-
stand, und man kann daher sagen, die erschlaffte Iris setzt sich an den vorderen, die
gespannte an den hinteren Rand des Scuuemsschen Kanals, welche im Mittel 0,45 mm
auseinander liegen. In Fig. 63 habe ich das verschiedene Verhalten des An-
satzes der Iris beim Fernsehen (Seite F) und Nahesehen (Seite N der Figur) dar-
zustellen gesucht. Der Scuuemmsche Kanal ist auf beiden Seiten mit s bezeichnet.
Ein anderer Teil des Auges, dessen Wirkungen bei der Akkommodation noch in
Betracht kommen könnten, sind die Ciliarfortsätze. L. Fick? hat nachgewiesen, daß
sie unter dem Einflusse des elektrischen Stromes sich zusammenziehen, und ihr Blut
entleeren, welches durch ziemlich weite Gefüßverbindungen leicht in die Vasa vorticosa
der Aderhaut abfließen kann. Er nimmt an, daß durch diesen Übergang des Blutes
in dem Teile des Auges, welcher hinter der durch die Linse und Zonula gebildeten
Scheidewand liegt, der hydrostatische Druck vermehrt, vorn vermindert werde. Da-
durch werde die Mitte der Linse nach vorn gedrängt, ihre vordere Fläche wölbe sich
deshalb mehr. Dagegen behauptet Fuer folgerichtig, daß die hintere Fläche dabei
flacher werde, was meinen Beobachtungen nicht entspricht. Auch J. Ozermax* hat
in einem Versuche, den Mechanismus der Akkommodation zu erklären, neben der von
Cramer angenommenen Spannung der Iris und des Oiliarmuskels eine Anschwellung
der ÖOiliarfortsitze zu Hilfe genommen, wodurch ein Druck auf den Rand der Linse
ausgeübt werden könnte,
Gegen die Ansicht, daß die Augenmuskeln durch ihren Druck auf den Augapfel
dessen Gestalt veränderten, ihn namentlich in Richtung der Augenachse verlängerten,
und dadurch die Netzhaut weiter von der Linse entfernten, eine Ansicht, die vor der
Entdeckung der Formünderung der Linse viel gewichtige Freunde hatte, ist anzuführen,
erstens, daß, wie ich durch Messungen mit dem Ophthalmometer gefunden habe, jede
Steigerung des hydrostatischen Drucks im Auge die Hornhaut flacher macht, was man
an lebenden Augen würde beobachten können, wenn es der Fall wäre, und zweitens,
daß bei einem geringen Drucke mit dem Finger auf den Augapfel durch den Augen-
spiegel beobachtet werden kann, wie die Gefüße der Netzhaut enger werden, nur noch
intermittierende Blutströme bei den Pulswellen hindurchlassen, endlich ganz kolla-
bieren. Sobald die intermittierende Bewegung (sichtbare Pulsation der Schlagadern)
beginnt®, verschwindet die Empfindlichkeit der Netzhaut, wahrscheinlich wegen un-
genügender Blutzufuhr, und das Gesichtsfeld wird vollkommen schwarz,
Endlich sind noch die Versuche von Tu. Youxs anzuführen, welche wohl kaum
einen Zweifel darüber bestehen lassen können, daß auch nicht die geringste Ver-
1 J. Mürsens Archiv. 1858. S. 449.
7 Prager Vierteljahrsschr. XLII. S. 109.
3 Doxpers in Nederl. Lancet, 1854. Novb. S. 275.
134 Die Dioptrik des Auges. [117. 118.
lüngerung der Augenachse beim Nahesehen eintritt. Man kann die Fläche der Binde-
haut des Auges zwischen den Augenlidern mit einem glatten, gut polierten Stücke
Metall ohne erhebliche Beschwerde berühren. Man setze in den inneren Augenwinkel
auf die Bindehaut einen glatten eisernen Ring (eines Schlüssels) auf, den man fest
gegen den inneren Rand der Augenhöhle anstemmt, und wende das Auge nach der
inneren Seite herüber, so daß man durch den Ring und an dem Nasenrücken vorbei
in die Ferne sieht. Dabei kommt der innere Umfang der Hornhaut ganz dicht an
den Schlüssel zu liegen, und es wird somit verhindert, daß der Augapfel bei der
Akkommodation sich nach vorn verschieben könne. Nun dränge man den Ring eines
ganz kleinen Schlüssels am äußeren Augenwinkel zwischen den Augapfel und Knochen
ein. Dabei wird durch den Druck auf den Augapfel die Netzhaut gereizt, und es
erscheint im Gesichtsfelde scheinbar vor dem Nasenrücken ein dunkler, anfangs auch
wohl heller Fleck, ein Druckbild. Dieses reichte bei Youxs bis auf die Stelle des
deutlichsten Sehens, und er konnte erkennen, daß gerade Linien im Bereiche dieses
Druckbildes eine leichte Krümmung erhielten, welche von einer durch den Druck
veranlaßten leichten Einbiegung der Sclerotica herzurühren schien. Da das Druckbild
an der Stelle des deutlichsten Sehens entstand, mußte der kleine Schlüssel die Gegend
des gelben Flecks an der Hinterseite des Augapfels treffen. Unter diesen Umständen
kann eine Verlängerung der Augenachse offenbar nicht eintreten, ohne die Schlüssel
von ihrer Stelle zu drängen. Wäre also die Akkommodation mit einer Verlängerung
der Augenachse verbunden, so müßte sie unter diesen Umständen entweder ganz un-
möglich sein, oder es müßten die Schlüssel verdrängt werden, und es müßte dabei
das Druckbild wegen stürkerer Einbiegung der Hinterwand des Augapfels an Umfang
außerordentlich zunehmen. Nichts von allem diesem ist der Fall. Das Auge kann
vollständig so gut wie sonst akkommodiert werden, und das Druckbild bleibt bei
veränderter Akkommodation ganz dasselbe,
Ta. Young scheint etwas hervorstehende Augen gehabt zu haben, wie auch aus
anderen Versuchen, welche er beschreibt, hervorgeht. In meinem eigenen Auge reicht
nur der eine Rand des Druckbildes bis zur Stelle des deutlichsten Sehens; übrigens
konnte auch ich mich vollständig von der Möglichkeit der Akkommodation und der
Unveränderlichkeit des Druckbildes überzeugen.
Aus diesem Versuche folgt zunächst unmittelbar, daß die Entfernung des inneren
Umfangs der Hornhaut von dem gelben Flecke oder einem Punkte der Hinterwand
etwas nach außen vom gelben Flecke vollständig unveründerlich sei. Es würde aber
die Entfernung der Hornhaut von dem gelben Flecke ohne auffallende Asymmetrie
des Auges sich nicht verändern können, wenn nicht die genannte Entfernung ihres
Randes sich ebenfalls änderte.
Fornes meinte, daß bei der Akkommodation für die Nähe das innere Auge unter
einen stärkeren Druck gesetzt werde, und die Linse, weil sie wegen der verschiedenen
Form und Dichtigkeit ihrer Schichten nach verschiedenen Richtungen hin verschieden
elastisch sei, ihre Form ändere. De Harpar hat dagegen keine Veränderung der
Brennweite des brechenden Apparates des Auges und einzelner Linsen finden können,
welche er im Wasser komprimierte!.!
Über keinen anderen Gegenstand der physiologischen Optik sind so viel wider-
sprechende Ansichten aufgestellt worden, als über die Akkommodation des Auges,
weil erst in der allerneuesten Zeit entscheidende Beobachtungstatsachen gefunden
wurden, und man bis dahin fast nur einem Spiel von Hypothesen überlassen gewesen
war. Um die Übersicht zu erleichtern, werde ich die chronologische Ordnung ver-
lassen, welche überdies in der nachfolgenden Zusammenstellung der Literatur bei-
behalten werden wird, und werde die verschiedenen Ansichten vielmehr nach ihren
wesentlichen Zügen zusammengruppieren.
1 Comptes rendus. XX. p. 61, 458 u. 1561.
118.] Geschichte der Akkommodationslehre. 135
1. Ansichten, welche die Notwendigkeit und das Vorhandensein einer
Änderung des brechenden Apparates ganz leugnen. Mehrere Naturforscher
glaubten, daß das tierische und menschliche Auge die Fähigkeit habe, abweichend
von den künstlich gefertigten Linsen die Bilder verschieden entfernter Gegenstände
an gleichem oder wenigstens unmerkbar verschiedenem Orte zu entwerfen. MAGENDIE !
behauptete, sich davon an den Augen von weißen Kaninchen überzeugt zu haben,
bei denen das Pigment der Aderhaut fehlt, und daher das Bild durch den hinteren
Teil der Sehnenhaut gesehen werden kann. In der Tat kann aber das Bild nicht
scharf genug durch die Sehnenhaut gesehen werden, um die geringen Unterschiede,
welche bei der Akkommodation in Betracht kommen, zu bemerken. Dasselbe wie
MAGEnDıe, behaupteten Hen? Haupar® und Anna? Für die Kristallinse allein
genommen, behaupteten Harpar und ExGeL dasselbe. Wenn man die Kristallinse
aus den Augenflüssigkeiten herausnimmt, und sie von Luft umgeben untersucht, wird
ihre Brennweite außerordentlich kurz, und dann folgt aus den allgemeinen optischen
Gesetzen, daß die Abstände der Bilder für unendlich oder 7 Zoll entfernte Objekte
nicht merklich unterschieden seien. Dadurch erklären sich die von Esser erhaltenen
Resultate®,
Durch genauer angestellte Versuche haben sich dagegen Huzck?’, VOLKMANN®,
Geruing®, Mayer’ und ramer Wl experimentell überzeugt, worüber die Theorie schon
keinen Zweifel lassen konnte, daß auch tierische und menschliche Augen Bilder ver-
schieden entfernter Gegenstände in verschiedenen Entfernungen entwerfen.
Trevıranus!! glaubte auch eine theoretische Erklärung für die vermeintliche
Tatsache geben zu können, daß die Lage der Bilder unabhängig von der Lage des
Gegenstandes sei, indem er ein besonderes Gesetz für die Zunahme der Dichtigkeit in
der Linse zu diesem Ende annahm. Seine mathematische Beweisführung ist durch
Konvrauscn 1? widerlegt worden.
Sturm? glaubte die Abweichungen, welche die brechenden Flächen des Auges
verglichen mit genauen Rotationsflächen zeigen, benutzen zu können, um die Akkom-
modation für verschiedene Abstände zu erklären. Er untersucht zunächst den Gang
homozentrischer Strahlen, wenn sie durch eine krumme Fläche gebrochen sind, welche
nicht eine Rotationsfläche ist, und findet, daß sie dann nicht in einen Brennpunkt
vereinigt werden, sondern daß zwei Brennebenen für die gebrochenen Strahlen existieren.
In der einen dieser Brennebenen findet die Vereinigung der Strahlen nach einer Richtung
statt, in der anderen nach der darauf senkrechten. Wenn der Querschnitt des Strahlen-
bündels in der einen Brennebene eine kurze horizontale gerade Linie bildet, so geht
er durch eine Ellipse mit horizontaler größter Achse in einen Kreis über, wenn man
sich der anderen Brennebene nähert, und dann durch eine Ellipse mit senkrechter
großer Achse in eine senkrechte gerade Linie, wenn man bis zur anderen Brennebene
fortschreitet. Zwischen den beiden Brennebenen hält Sturm den Querschnitt des
1 Précis élémentaire de Physiologie. I. p. 78.
2 Graere und Warraers Journal. 1832. Bd. VII. 8. 347.
3 Comptes rendus. 1842.
* Ann. d. Ch. et de Phys. Sér. 3. Tom. XIL p. 9.
> J. Exorr, Prager Vierteljahrsschr. 1850. Bd. I. S. 167.
% S. ihre Widerlegung durch Maver, ebenda. 1850. Bd. IV. Außerord. Beilage.
7 Diss. de mutationibus oculi internis. Dorpati 1826. p.17. — Die Bewegung der
Kristallinse. Leipzig 1841.
® Neue Beiträge zur Physiol. d. Gesichtssinnes, 1836. 8. 109.
® Poaaexporrrs Ann, XLVI. 243.
W Het Accommodatievermogen. Haarlem 1558. 8.9.
1 Beiträge zur Anat. u. Physiol. der Sinneswerkzeuge. 1828. Heft I.
12 Cher Trevıranus Ansichten vom deutlichen Sehen in der Nähe und Ferne. Rinteln 1836.
1% Comptes rendus. XX. 554, 761 u. 1288. S. die Widerlegungen von Crauay, Bull. de
Bruxelles. XII. 2. 811. Brücke, Berl. Berichte. I. 207.
136 Die Dioptrik des Auges. [118. 119.
Strahlenbündels im Auge für klein genug, um deutliche Bilder zu geben. Wird der
leuchtende Punkt dem Auge genühert, so werden beide Brennebenen sich von der
Linse entfernen, so lange aber die Netzhaut sich zwischen beiden Brennebenen befindet,
würden die Bilder doch hinreichend deutlich bleiben.
Abweichungen der Art, wie sie Srurm annimmt, scheinen in der Tat bei den
meisten menschlichen Augen vorzukommen, und wir werden die davon abhängigen
Erscheinungen in $ 14 beschreiben, ebenda uns aber auch überzeugen, daß das Intervall
der beiden Brennebenen lange nicht so bedeutend ist, wie Sturm voraussetzt, und
daß die erwähnte Abweichung des Auges keineswegs die Deutlichkeit des Sehens ver-
mehrt, im Gegenteil vermindert.
De za Hre?! behauptete, daß es nur einen Abstand des deutlichen Sehens gebe,
und daß in einer gewissen Entfernung vor ihm und hinter ihm die Gegenstände noch
nicht so undeutlich erschienen, um nicht erkannt zu werden; sonst gebe es keine
Akkommodation. Harrer? ist im wesentlichen derselben Meinung, und meint nur,
daß auch die Verengerung der Pupille ein Hilfsmittel sei, um die Zerstreuungskreise
naher Gegenstände kleiner zu machen; ebenso in neuester Zeit Besıo®,
Alle diese Ansichten, welche die Notwendigkeit und das Vorhandensein einer
inneren Veränderung des Auges ganz leugnen, werden am einfachsten widerlegt durch
die Tatsache, daß wir einen in unveränderlicher Entfernung vor dem Auge liegenden
Punkt willkürlich bald deutlich, bald undeutlich sehen können. Sie werden ferner
widerlegt durch den Scuxiwerschen Versuch, da wir einen solchen Punkt durch ein
Kartenblatt mit zwei Öffnungen willkürlich bald einfach, bald doppelt sehen können,
und endlich durch die schon in $ 11 erwähnten Beobachtungen mit dem Augen-
spiegel, wobei die Veründerungen des optischen Bildes auf der Netzhaut auch objektiv
sichtbar gemacht werden.
2. Ansichten, wonach die Verengerung der Pupille zur Akkommo-
dation für die Nähe genügen sollte. Die Tatsache, daß sich die Pupille beim
Nahesehen verengt, war von Scueiser* gefunden worden. Wäre das Auge für die
Ferne akkommodiert, so würden die Zerstreuungskreise, in welchen naheleuchtende
Punkte auf der Netzhaut sich abbilden, durch Verengerung der Pupille allerdings
verkleinert werden können. Indessen überzeugt man sich durch einen einfachen Ver-
such leicht davon, daß die Verengerung der Pupille nicht genügend ist, um das Auge
für die Nähe zu akkommodieren. Man braucht nur durch ein Kartenblatt mit einer
Öffnung zu sehen, die enger als die Pupille ist, und welches gleichsam eine künst-
liche unbewegliche Pupille vertritt, um sich zu überzeugen, daß man auch dann beim
Fernsehen nahe Gegenstände undeutlich sieht, beim Nahesehen ferne. Anhänger einer
solchen Ansicht waren außer HALLER, den ich schon genannt habe, re Boch, HALL’,
Morrox’, Die Beweise gegen diese Meinung brachten vor OrLsers®, Ducts’, HUECK
und Doxpers!‘, Eine eigentümliche Ansicht über den Erfolg der Verengerung der
Pupille, die aber durch den schon genannten Versuch ebenfalls widerlegt wird, stellte
J. Mue?! auf, nahm sie aber selbst später wieder zurück}, Er glaubte, daß beim
Fernsehen die Randstrahlen des Lichtbündels, welche vor der Netzhaut die Augen-
1 Journal des Sçavans. 1685. p. 398.
? Elementa Physiologiae. 1743. Tom. V. p. 516.
3 Giornale Arcad. CV. p. 3.
* Oculus. p. 81.
* Mém. d l'Acad. d. Seiences. 1755. p. 59.
° Meoxers Archiv. Bd. IV. 8.611.
7? American Journal of med. Sciences. 1831. Nov.
* De oculi mutationibus internis. Gotting. 1780. p.13.
® Institut 1834. No. 73.
10 Berg, Leerboek der Ophthalmologie. 1846. bl. 110.
u Maaenpıe, Journal de Physiologie. VI. p. 166.
1! Poasenvorrrs Ann. XLII.
119. 120.) Geschichte der Akkommodationslehre. 137
achse schneiden würden, durch Diffraktion am Rande der Pupille von der Augenachse
abgelenkt würden, und sie deshalb erst später schnitten. Die Diffraktion des Lichts
besteht aber keineswegs in einer solchen einfachen Ablenkung der ganzen Strahlen.
3. Ansichten, welche eine veränderte Krümmung der Hornhaut voraus-
setzen. ` Long) scheint der erste gewesen zu sein, der eine Veränderung der Horn-
hautkrümmung wahrgenommen zu haben meinte. OLBERS? wagt nach seinen eigenen
Beobachtungen nicht bestimmt zu behaupten, daß die Konvexität beim Nahesehen zu-
nehme, Home’, ExGELFIELD und Ramspen dagegen wollten eine Vermehrung der
Krümmung bestimmt wahrgenommen haben. Jemand, der ein gutes Akkommodations-
vermögen besitzt, wurde mit dem Kopf in den Ausschnitt eines festen Brettes be-
festigt, so daß sein Kopf möglichst unbeweglich war, An dem Brette, in einem
kleinen Abstande vom Auge, war eine Platte mit einer kleinen Öffnung befestigt (als
Fixationspunkt), während ebenfalls an dem Brette zur Seite des Auges ein bewegliches
Mikroskop angebracht war, durch welches man die vorderste Krümmung der Horn-
hautflüche wahrnehmen konnte. Das Mikroskop selbst ‚war mit einem Okularmikro-
meter versehen. Beim Nahesehen sollte die Hornhaut stärker gekrümmt werden, so
daß ihre Mitte um seg eines englischen Zolles vorrückte. Messung der Spiegel-
bildchen auf der Hornhaut, welche Home später ausführte, ergab zweifelhaftere Resul-
tate. Wahrscheinlich ist er in beiden Fällen durch sehr kleine, regelmäßig eintretende
Verschiebungen des Kopfes der beobachteten Person von hinten nach vorn getäuscht
worden. Ti. Youxs* fand, indem er die Spiegelbilder der Hornhaut der Messung
unterwarf, keine solche Unterschiede, und widerlegte namentlich die Hypothese der
veränderten Hornhautkrümmung sehr schlagend in der oben beschriebenen Weise da-
durch, daß er die unveränderte Existenz des Akkommodationsvermögens nachwies,
auch wenn das Auge unter Wasser gebracht ist. Hurck® fand bei der Wiederholung
von Homes Versuchen ähnliche Resultate, meint aber ermittelt zu haben, daß die
Atmungsbewegungen regelmäßige Schwankungen des Kopfes hervorbringen, indem wir
beim Nahesehen gewöhnlich einatmen, beim Fernsehen ausatmen. Sobald er den Atem
anhalten ließ, traten gar keine oder nur sehr unregelmäßige Schwankungen der Mitte
der Hornhaut ein. Diese unregelmäßigen Schwankungen schienen durch Kontraktionen
des Schließmuskels der Augenlider hervorgebracht zu sein, da bei jeder Berührung
der Cilien der Augapfel etwas zurückgedrängt wurde. Burow® fand bei einer sorg-
fültigen Wiederholung von Homes Versuchen keine regelmäßigen Schwankungen der
Hornhautfläche. Ebenso Varextın?, Sexrr® stellte Messungen der Spiegelbildchen
mit einem Fernrohr an, wodurch seine Messungen von kleinen Verschiebungen des
Auges unabhängig wurden, und fand, daß der Krümmungshalbmesser der Hornhaut
sich nicht um 0,01 Par.-Linie veränderte, während das Auge bald auf 4, bald auf
222 Zoll akkommodiert wurde. Auch Oramer“ erhielt negative Resultate bei einer
Messung der Spiegelbilder auf der Hornhaut mit Hilfe seines Ophthalmoskops,. Sehr
leicht und genau läßt sich diese Art von Messungen mittels des von mir konstruierten
Ophthalmometers?® ausführen und gab mir ebenfalls stets negative Resultate.
Als Anhänger der Ansicht, wonach die Akkommodation durch Änderung der
Hornhautkrümmung bewirkt werde, sind aus neuerer Zeit noch anzuführen Fries,
1 Arsınus, Dissert. de oculo humano. Lugd. Bat. 1742. p. 119.
® De oculi mutat. int. p. 39.
3 Philosoph. Transact. 1795. p. 13 u. 1796. p. 2.
* Philosoph. Transact. 1801. I. p. 55.
5 Die Bewegung der Kristallinse. 8. 40.
% Beiträge zur Physiologie und Physik des mensch, Auges. Berlin 1842. 8. 115.
? Lehrbuch der Physiologie. 1848. Bd. II. 8. 122.
® Waaxers Handwörterbuch der Physiologie. Art. Sehen. S. 303.
® Het Accommodatievermogen. bl. 45.
10 Graeres Archiv für Ophthalmologie. Bd. I. Abt. II. 3.24.
1 Über den optischen Mittelpunkt im mensch), Auge. Jena 1839. 8.27.
138 Die Dioptrik des Auges. [120. 121.
VALLÉE? und PArrenneım® Der letztere nimmt an, daß die Kontraktion der Iris
beim Nahesehen die Hornhaut konvexer mache.
4. Ansichten, nach welchen die Akkommodation durch Verschiebung
der Linse bewirkt wird. Diese Annahme war die älteste, denn schon KEPLER”,
aus dessen Theorie des Sehens sich zuerst auch die Notwendigkeit der Akkommodation
ergab, stellte sie auf, und sie hat zu jeder Zeit viele Anhänger gehabt, Ihm folgten
Scurinkr#, Puemriusd, Srunm®, Coxranı?, PORTERFIELD®, PLATTNER”, JACOBSON ?°,
Brewster ii, J. MüLLER?*, Moser )®, Burow ?*, Ruere®, Wırvıam Oray WALLACE !,
C. Weser”, Die meisten dieser Männer hielten es für wahrscheinlich, daß der
Ciliarkörper durch willkürlich hervorgebrachte Zusammenziehungen die Linse vor-
‚und rückwärts bewegen könne. Um bei der Berechnung der Größe, um welche die
Linse verschoben werden müßte, um das Auge zu akkommodieren, nicht unmögliche
Größen zu finden, war man gezwungen, der Hornhaut eine größere, der Linse eine
geringere Brennweite beizulegen, als diese Teile wirklich besitzen. Unterstützt wurde
diese Ansicht in neuerer Zeit auch namentlich durch Beobachtungen am lebenden
Auge, welche bewiesen, daß die Pupille sich beim Nahesehen der Hornhaut nähert.
Bei Vögeln hat Bıproo!® schon die stärkere Wölbung der Iris beim Nahesehen be-
merkt, was für den Menschen später Huzox 18, Burow 29 und Rurte bestätigten. 0. WEBER
zeigte auf mechanischem Wege, daß bei Hunden die Vorderfliche der Linse sich nach
vorn bewegt, sobald der vordere Teil des Auges durch elektrische Ströme gereizt
wird. Er machte zu dem Ende an dem Auge eines lebenden, durch Opium betäubten
Hundes in der Mitte der Cornea eine runde Öffnung, führte ein passend befestigtes
Stäbchen ein, bis es die vordere Fläche der Linse berührte. Das andere Ende des
Stäbchens stützte sich gegen den kürzeren Arm eines Fühlhebels, der das Vordrüngen
der vorderen Linsenfläche in vergrößertem Maßstabe anzeigte.
Haxnover®! nahm dagegen die Möglichkeit an, daß die Linse in ihrer Kapsel
sich nach vorn und hinten bewegen könnte, wozu ihr der sogenannte Liquor Morsassır
Platz lassen sollte. Daß eine solche Flüssigkeit in der normalen Linsenkapsel nicht
existiert, ist schon erwähnt worden.
5. Ansichten, welche eine Formveränderung der Linse annehmen,
Diese Annahme, welche sich endlich als die richtige erwiesen hat, wurde ebenfalls
schon sehr früh gemacht uud von vielen verteidigt, ohne daß sie aber das Stattfinden
einer solchen Veränderung durch wirkliche Beobachtungen hätten erweisen können.
1 O. R. de l'Acad. d Sciences. 1847. Okt. p. 501.
7 Spezielle Gewebelehre des Auges. Breslau 1842.
3 Dioptrice, Propos. 64.
* Oculus. Oeniponti 1619. Lib. III. p. 163.
5 Ophthalmographia. Lovanii 1648. B. III.
è Dissertatio visionem ex obscurae camerae tenebris illustrans. Altdorfii 1698. p. 172.
’ Frorwrs Notizen. Bd. 45.
5 On the eye. Edinburgh 1759. Vol. I. p. 450.
° De motu ligamenti ciliaris. Lipsiae 1738. p. 5.
10 Suppl. ad. Ophthalm. Copenh. 1821.
n Edinb. Journal of Seience. I. 77. — Dooogspoprrs Ann. II. 271.
1! Zur vergleichenden Physiologie des Gesichtsinns. Leipzig 1826. 8. 212.
1 Repertor, d. Physik. Berlin 1844. Bd. V. S. 364.
“ Beiträge zur Physiol. u. Physik des menschl. Auges. Berlin 1842,
18 Lehrbuch der Ophthalmologie.,
16 The accommodation of the eye to distances. Newyork 1850.
1? Disquisitiones quae ad facultatem oculum accommodandi spectant. Marburgi 1850. p. 31,
i8 Observ. de oculis et visu variorum/animalium. Lugd. Bat. 1715.
1 Bewegung der Kristallinse. S. 60.
2 Beiträge zur Physiol. usw. S. 186.
21 Bidrag til Øjets Anatomie. Kjöbenhavn 1850. p. 111.
121. 122.) Geschichte der Akkommodationslehre. 139
Der erste war Descartes), es folgten PEMBERTON *, Canrer®, HunteR‘, Tu. Youss’,
PURKINJE’, Graxre’, Tu. Smrru?, Hurok’, SrerLwae von (arıox!, Forees!,
Ältere Anatomen, wie LEEUWENHOEK, PEMBERTON, nannten die Linse deshalb auch
wohl Musculus crystallinus, weil sie voraussetzten, daß ihre Fasern kontraktil
seien. Tu. Youxs stützte diese Ansicht auf Versuche, welche nicht jedem Auge ge-
lingen, für ihn selbst aber vollständig beweisend waren. Wenn man durch ein feines
Gitter von geraden Drähten das Zerstreuungsbild eines Lichtpunktes betrachtet, ist
das Bild von geraden dunklen Linien, Schattenbildern der Drähte, durchzogen. Diese
waren vollständig gerade, wenn Yousss Auge für die Ferne akkommodiert war, an
den Seiten des Zerstreuungskreises dagegen nach außen konvex, wenn er in die Nähe
sah, Die Erscheinung blieb dieselbe, wenn er das Auge unter Wasser brachte, und
so den Einfluß der Hornhaut eliminierte. Die Krümmung der vorher geraden Schatten-
linien konnte nur durch eine veränderte Krümmung der Linsenflächen bedingt sein.
Zur Ausführung des Versuchs gehört eine weite Pupille. WorzAastox konnte die
Erscheinung nicht sehen (auch Referent nicht), wohl aber ein anderer Freund Younss,
Korx. Dementsprechend fand Youns mittels seines Optometers, daß beim Sehen
durch vier nebeneinander liegende Spalten die vier Bilder des Fadens sich in einem
Punkte schnitten, wenn er für die Ferne, aber nicht, wenn er für die Nihe ak-
kommodierte.
Die Veränderung der Linsenreflexe bei Akkommodationsünderungen beobachtete
zuerst Max LANGENBECK?*”, und schloß auch richtig daraus, daß die vordere Linsen-
fläche beim Nahesehen gewölbter wird. Seine Beobachtungsweise ist aber ungünstig,
indem er den Beobachteten direkt in die Flamme blicken ließ, wobei die drei Spiegel-
bildehen dem Beobachter sehr nahe aneinander zu stehen scheinen, und das über-
wiegend helle Hornhautbild die Wahrnehmung der beiden anderen erschwert. Dies
mag der Grund sein, weshalb Laxseskecks Beobachtung die Aufmerksamkeit der
Physiologen nicht erregte. Oramer beobachtete dasselbe, verbesserte aber die Me-
thode der Beobachtung namentlich dadurch, daß er die Lichtstrahlen von der Seite
her in das Auge fallen und den Beobachter von der anderen Seite hineinblicken ließ,
Auch beschrieb er ein Instrument, welches er Ophthalmoskop nannte, um die Be-
obachtungen leichter und sicherer zu machen. Es ist dies im wesentlichen ein Gestell,
an welchem eine Lampe, ein Fadenkreuz als Gesichtszeichen, ein Mikroskop von un-
geführ 10 bis 20 maliger Vergrößerung und ein hohles kegelförmiges Stück mit den
nötigen Ausschnitten, an welches der Beobachtete sein Auge fest anlegt, angebracht
sind, Der Beobachter stellt die Flamme so, daß er durch das Mikroskop in der
Pupille des beobachteten Auges den Reflex der mittleren Linsenfläche zwischen den
beiden anderen Reflexen erscheinen sieht. Indessen ist die wesentlichste Tatsache, die
Verkleinerung des von der vorderen Linsenfläche entworfenen Bildes, auf diese Weise
nicht so bequem zu beobachten, als wenn man das Spiegelbild von zwei leuchtenden
Punkten mit bloßem Auge beobachtet, wie ich es oben beschrieben habe. Die Ver-
schiebung des Reflexes der vorderen Linsenfläche dagegen, welche durch CRAMERS
Ophthalmoskop leicht und sicher zu beobachten ist, ist wegen der von Cramer noch
1 Carresıus, Dioptrice. Lugd. Bat. 1637.
* Dissert. de facultate oculi, qua ad diversas distantias se accommodat. Lugd. Bat. 1719.
13 Dissert. physiol. de quibusdam oculi partibus. Lugd. Bat. 1746. p. 23.
* Philosoph. Transact. 1794. p. 21.
5 Ibid. 1801. P. I. p.53.
% Beobachtungen u. Versuche zur Physiol. d. Sinne, Berlin 1825,
7 Rems Archiv für Physiologie. Bd. IX. S. 231.
® Philosophical Magazine. 1833. T.V.3. No.18. — Scmwwrs Jahrbücher. 1884. Bd. I. 8.6.
® Bewegung der Kristallinse. ‘Leipzig 1841.
10 Zeitschrift der k. k. Gesellschaft der Ärzte zu Wien. 1850. Heft 8 u. 4.
u Comptes rendus. XX. p. 61.
2 Klinische Beiträge. Göttingen 1849.
140 Die Dioptrik des Auges. [122.
nicht gekannten Asymmetrie des Auges für sich allein nicht beweisend, wenn man
sich nicht, was leicht auszuführen ist, durch eine Reihe von Versuchen überzeugt,
daß von jeder Stelle der Pupille aus das genannte Bild sich stets der Mitte der
Pupille nähert,
Ohne von den beiden genannten Forschern zu wissen, und zu einer Zeit, wo
Cramers Entdeckung erst durch kurze Notizen!, die er selbst und Doxpers gegeben
hatte, veröffentlicht war, ehe noch seine von der Holländischen Gesellschaft der Wissen-
schaften gekrönte Abhandlung erschienen war, fand ich selbst dieselbe Tatsache?, und
ermittelte weiter dasjenige, was ich oben über das Verhalten der hinteren Fläche
der Linse bei der Akkommodation angeführt habe®,
Gegen die Abhängigkeit des Akkommodationsvermögens von Verschiebungen und
Formänderungen der Linse wurden vielfach Fülle geltend gemacht, in denen das Auge
sich noch sollte akkommodieren können, nachdem die Linse durch die Staroperation
entfernt war. Indessen ist dabei zu bedenken, daß die Kranken auch bei unpassender
Akkommodation aus Zerstreuungsbildern mancherlei erkennen können. Daß jemand,
der mit der Starbrille Druckschrift liest, mit derselben Brille auch ferne Menschen,
Fensterkreuze und dergleichen erkennen kann, berechtigt noch nicht, ihm Akkommo-
dationsvermögen zuzuschreiben. Ein jeder kann sich leicht überzeugen, daß, wenn
er einen Finger in etwa 1 Fuß Entfernung fixiert, er dabei doch eine Menge Einzel- ,
heiten an weit entfernten Gegenständen wahrnehmen kann. Zum Beweis des Vor-
handenseins von Akkommodation gehört, daß der Kranke mit derselben Brille einen
Gegenstand in bestimmter Entfernung willkürlich deutlich und undeutlich sehen kann,
je nachdem er sein Auge für dieselbe oder eine andere Entfernung einzurichten strebt,
SzoKALsKY will einen solchen Fall wirklich beobachtet haben; aber das betreffende
Auge konnte ohne Starbrille in 17 Zoll Entfernung deutlich sehen, was ohne Ersatz
der Linse nicht möglich ist. Um bei operierten Augen während des Lebens zu er-
kennen, ob die Linse hergestellt sei, schlägt Doxpers vor, die entoptischen Erschei-
nungen zu benutzen.
6. Ansichten, welche eine Formveränderung des Augapfels annehmen.
Wenn die Netzhaut sich von den brechenden Flächen entfernen, der Augapfel sich
also verlängern könnte, würde das Auge sich dadurch für die Nähe akkommodieren,
Die Anhänger dieser Ansicht nahmen meistenteils an, daß die Augenmuskeln, ent-
weder die rechten allein, oder die schiefen allein, oder alle zusammen, oder auch der
Schließmuskel der Augenlider, durch Druck auf den Augapfel dessen Gestalt ver-
ändern könnten. Hierzu gehören Srurm*, re Mosr, Burrox®, Boerruave’, Mour-
NETTI”, OLBERS? Hazserer It, Waurner ll, Moxro'!?, Hınıyr!?, Mecken!, Parror!,
1 Tijdschrift der Maatschappij vor Geneeskunde. 1851. W. 11. bl. 115 und Nederlandsch
Lancet. 2. Serie. W. 1 bl. 529. 1851—52.
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® Graeres Archiv für Ophthalmologie. Bd. I. Abt. IL S. 1—74.
* Dissert, de presbyopia et myopia. Altdorfii 1697.
® Quaestio an obliqui musculi retinam a erystallino removeant. Parisiis 1748.
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10 Betrachtungen über das menschliche Auge.
“ Dissert, de lente crystallina. $1.
12 Altenburger Annalen f. d. J. 1801. Sa,
13 Ophthalmologische Beobachtungen und Untersuchungen. Bremen 1801.
u Green, Vorlesungen über vergl. Anat. Übers. von Meoxer. Leipzig 1809. Bd. II.
8. 869.
Im Entretiens sur la physique. Dorpat 1820, "FHL p. 434.
128.] Literatur der Akkommodation. 141
Porrz!, Schrorver van per Kouk?, Ansotn?, Serret, Boxxer, HENLE®,
Szorausky’, Lisrixe®. Daß die Augenmuskeln nicht nur die Form des Augapfels
ändern können, sondern auch mittelbar die Hornhaut gewölbter machen und die
Linse nach vorn verschieben, nimmt CLAVEL? an. Die Gründe, aus denen eine solche
Gestaltänderung des Augapfels unwahrscheinlich erscheint. habe ich schon oben an-
geführt.
Die angeführten Ansichten sind die wichtigeren, welche über diesen schwierigen
Gegenstand aufgestellt worden sind; daneben wurden von einzelnen noch mancherlei
andere Erklärungsweisen hervorgesucht, welche sich mit Recht geringeren Beifalls zu
erfreuen hatten. Ich erwähne v. Grimm, welcher annahm, das Brechungsvermögen
der Augenmedien könnte sich ändern; WELLER™, welcher die Akkommodation nicht
durch eine Veränderung des Auges, sondern durch einen psychischen Prozeß erklären
wollte usw.
Literatur,
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* Bulletin de therapie. 1835. T. 8. L. 4. P
5 Frorwrs N. Notizen. 1841. 5. 233.
è Caxstarrs Jahresbericht für 1849. Bd. I. 8. TI.
7 Archiv für physiologische Heilkunde. VII. 1849. 7.—8. Heft.
8 Waoxers Handwörterbuch d. Physiologie. IV. 498.
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10 Dissert, de visu. Gottingae 1758. S. auch Orsers, de oculi mutationibus internis. p. 29.
“u Diätetik für gesunde und schwache Augen. Berlin 1821. 8. 225.
142
1794.
1795.
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Arbeit von bewunderungswürdigem Scharfsinn und Erfindungskraft, welche voll-
ständig geeignet war, schon zu ihrer Zeit den Streit über die Akkommodation zu
entscheiden, aber durch ihre Kürze oft schwer verständlich wird, und außerdem
die vollständigste Kenntnis der mathematischen Optik voraussetzt.)
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. *H. Eeısmortz, Über die Accommodation des Auges in v. Graerz, Archiv für
Ophthalmologie. Bd. I. Abt. II. Si
Nachtrag.
Hinsichtlich der Erscheinungen, die mit dem Mechanismus der Akkommo-
dation in Verbindung stehen, ist ein Versuch von Baur hier zu erwähnen,
Derselbe betrachtete im Zustande der Akkommodation ein nahes scharf be-
leuchtetes Rechteck, bis ein kräftiges Nachbild in seinem Auge entwickelt war,
und warf dieses dann mit nachlassender Akkommodation auf eine ferne Fläche,
auf der er die scheinbare Größe des Nachbildes bestimmte. Da nun die Größe
des Bildes auf der Netzhaut proportional ist dem Abstande der Netzhaut vom
144 Die Dioptrik des Auges. [ss1. 832.
hinteren Knotenpunkte des Auges, und die Größe des Netzhautbildes in beiden
Beobachtungen dieselbe war, so läßt sich aus einem solchen Versuche be-
rechnen, in welchem Verhältnis sich der Abstand der Netzhaut vom zweiten
Knotenpunkte ändert. Baur fand aus seinen Versuchen eine Verschiebung des
Knotenpunkts nach vorn um 0,35 mm.; meine auf Seite 128 angestellte Be-
rechnung ergibt 0,4. Fünde eine Verlängerung des Augapfels statt, so müßte
die Veränderung jener Entfernung viel bedeutender sein, und wenn eine solche
Verlängerung der einzige Grund der Akkommodation wäre, bis zu 3 mm be-
tragen, was demnach, wie auch diese Versuche von Baur zeigen, nicht der
Fall sein kann.
Knarp! hat an vier individuellen Augen die Lage des Fernpunkts und
Nahepunkts, die Krümmung und Lage der Hornhaut und der Linsenflächen beim
Sehen für die Ferne, wie bei der Akkommodation für die Nähe bestimmt und
gefunden, daß die aus den Krümmungsänderungen der Kristallinse berechnete
Akkommodation hinreichend gut mit der wirklich stattfindenden Akkommodations-
breite übereinstimmte, so daß die Annahme einer Verlängerung des Auges hier-
durch ausgeschlossen war.
Doxpers? hat sich in zwei für die Untersuchung sehr günstigen Füllen,
wo die Linse durch Staroperation entfernt war, überzeugt, daß in solchen
Augen, welche natürlich nur mit Hilfe einer vorgesetzten Konvexlinse deutlich
sehen können, keine Spur von Akkommodation vorhanden ist, trotzdem bei dem
Bestreben, nahe Objekte zu sehen, Konvergenz und Verengerung der Pupille
eintrat. Wäre eine Verlängerung des Augapfels durch den Druck der Augen-
muskeln möglich, so würde eine solche auch bei Augen ohne Linse eine gewisse
Breite der Akkommodation bewirken können. Es bleibt nach allen diesen Tat-
sachen wohl nicht zweifelhaft, daß eine Verlängerung des Augapfels bei
der Akkommodation für die Nähe nicht stattfindet.
Die Messung der Krümmungen der Kristallinse kann viel schärfer, als
nach den oben beschriebenen Methoden, mit dem Ophthalmometer ausgeführt
werden, wenn man in einer dunkeln Kammer Sonnenlicht anwendet, um die
Linsenreflexe hervorzubringen, wie es B. Rosow getan hat.
Was nun die Muskeln betrifft, welche die Formänderung der Linse hervor-
bringen, so ist zunächst zu bemerken, daß Fälle beobachtet worden sind, in
denen die Iris wirkungslos war und doch vollständig genügende Akkommodation
stattfand. Ich selbst habe einen Astronomen gesehen, bei dem also optische
Versuche leicht anzustellen waren und der die Erscheinungen, auf die es ankam,
wohl kannte, bei welchem eine vollständige Lähmung der Iris eingetreten war
und der doch vollkommen gut akkommodierte. Ferner hat A. v. Graere® bei
einem Arbeiter, dem imfolge einer Verletzung des Auges die Iris vollständig
entfernt worden war, nach der Heilung vollkommen gute Akkommodation ge-
funden.
Es bleibt also nur der Ciliarmuskel, dem wir die Akkommodation zu-
schreiben können. In diesem ist nun zunächst durch van Rerken, bestimmter
durch H. Mverver und Rouser eine Schicht zirkular verlaufender Fasern ent-
deckt worden, welche in dem gegen die Ciliarfortsätze hin gewendeten Winkel
t Archiv für Ophthalmol. IV, 2, p. 1—52.
2 On the anomalies of accommodation and refraction, London. p. 320—321.
° Archiv für Ophthalmologie. VII, 2, p. 150—161.
832. 833. ] Wirkung des Ciliarmuskels. 145
des Muskels liegen, übrigens mit längs verlaufenden Fasern durchflochten sind,
und auch vielfältig sich bogenförmig umbiegen und in Längsfasern übergehen,
so daß aus dieser anatomischen Anordnung der Zirkularfasern zunächst wohl
zu schließen ist, daß die Zirkularfasern des Ciliarmuskels mit den Längsfasern
desselben nur zusammen wirken können. Für die Wirkung auf die Zonula ist
eine solche Anordnung der Muskelfasern offenbar sehr günstig; denn hätten wir
lauter Radialfasern im Muskel, wie er in den älteren Beschreibungen geschildert
wurde, so würde die nach innen sehende Ecke des Muskels eingezogen worden
sein, die Zonula würde eine Ausbiegung, konvex gegen den ScHhLemmschen
Kanal (Fig. 68 s) hin bekommen haben, und dabei viel weniger erschlafft sein
als bei der bestehenden Einrichtung, wo eine solche Ausbiegung vermieden
wird. Die Zirkularfasern des Muskels nämlich müssen die entsprechende Kante
des Muskels gegen die Spitze der Ciliarfortsätze und gegen den Linsenrand hin
hervorziehen und dadurch bewirken, daß auch der mittlere Teil der Zonula in
Richtung ihrer Faltenränder gegen den Linsenrand verschoben wird, ohne dabei
nach außen gegen den Scuuemmschen Kanal hin gezogen zu werden.
Ob, wie H. MUELLER annimmt, die Zirkularfasern des Ciliarmuskels einen
Druck auf die Ciliarfortsätze ausüben und dieser sich fortpflanzt auf den
Linsenrand, ist schwer zu beurteilen, da wir nicht wissen, ob die Ciliarfortsätze
im lebenden Auge prall genug mit Blut gefüllt sind, um einen merklichen Druck
auf die Linse auszuüben, und viele Ophthalmologen es überhaupt als zweifelhaft
betrachten, daß sie die Linse auch nur berühren.
W. Henke hat angenommen, daß nur die Zirkularfasern des Ciliarmuskels
die Akkommodation für die Nühe bewirken, dagegen die Längsfasern durch
ihre Spannung wieder die Akkommodation für die Ferne zurückführen sollen.
Er betrachtet dabei die beiden Ansätze der Längsfasern des Muskels als fest,
glaubt, derselbe würde bogenförmig nach innen gezogen durch die Wirkung der
Ringfasern und strecke sich, wenn die Akkommodation nachläßt, durch aktive
Spannung wieder gerade, indem er die Ringfasern wieder ausdehnt. Ich halte
eine solche Wirkungsweise für sehr unwahrscheinlich, erstens aus allen den
Gründen, welche gegen eine aktive Akkommodation für die Ferne sprechen,
zweitens weil die Faserschichten des Ciliarmuskels zu sehr verflochten sind und
sogar Längsfasern in Ringfasern und Ringfasern in Längsfasern übergehen.
Dabei ist eine isolierte Wirkung der einzelnen Fasern kaum zu begreifen. Das
von Henke dagegen angeführte Beispiel der Iris ist nach den neueren Unter-
suchungen über den Dilatator Iridis von sehr zweifelhaftem Werte. Ferner
scheinen mir sowohl das Ligamentum pectinatum als vorderer Ansatzpunkt, wie
auch die Aderhaut als hinterer Ansatzpunkt des Muskels viel zu nachgiebig zu
sein, um eine erhebliche Wirkung des Muskels in Hexkes Sinne bei so un-
günstiger Zugrichtung zuzulassen. Endlich müßte sich nach Hexkes Vorstellung
bei der Akkommodation für die Nähe die äußere Fläche des Muskels von der
Sklera abheben und bei der für die Ferne wieder anlegen. Es ist aber nicht
abzusehen, wo eine Flüssigkeit herkommen soll, die den leeren Raum dieser
Spalte ausfüllen könnte, und wenn eine solche nicht da wäre, würde der Luft-
druck jede Nachgiebigkeit des Muskels verhindern.
Ich muß gestehen, daß mir noch immer die oben auf Seite 127 gegebene
Ansicht vom Mechanismus der Akkommodation am wahrscheinlichsten erscheint;
Versuche, die ihre Richtigkeit zu erweisen scheinen, sind soeben von 0, VÖLCKERS
und V. Hessen angekündigt worden.
Vv. Hersuorez, Physiologische Optik. 3. Aufl, I. 10
146 Die Dioptrik des Auges. [833. 834. 125.
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$ 13. Von der Farbenzerstreuung im Auge.
Daß die Lichtstrahlen, weiche von einem gesehenen leuchtenden Punkte
ausgegangen sind, durch die brechenden Mittel des Auges wieder in einen Punkt
vereinigt werden, ist nur annähernd richtig. Wir wenden uns jetzt zum Studium
der Abweichungen von dem genannten Gesetze, und wollen zunächst die chro-
matische Abweichung betrachten, welche daher entsteht, daß die Licht-
strahlen von verschiedener Schwingungsdauer auch verschiedene Brechbarkeit
in tropfbaren und festen durchsichtigen Mitteln haben. Da die Größe der
Brennweiten gekrümmter brechender Flächen von dem Brechungsverhältnisse
abhängig ist, so liegen die Vereinigungspunkte von Strahlen verschiedener
Farbe bei Systemen solcher Flächen im allgemeinen an verschiedenen Orten,
und nur durch besondere Kombinationen verschiedenartiger brechender Mittel
läßt es sich erreichen, daß die Brennpunkte verschiedenfarbiger Strahlen in
optischen Apparaten zusammenfallen, so daß diese dadurch achromatisch werden.
125. 126. ] S 18. Von der Farbenzerstreuung im Auge. 147
Das Auge ist nicht achromatisch, obgleich beim gewöhnlichen Sehen die
Farbenzerstreuung sich fast gar nicht merklich macht. Daß der brechende
Apparat des Auges verschiedene Brennweiten für verschiedenfarbige einfache
Strahlen habe, zeigte FRAUNHOFER folgendermaßen. Er beobachtete ein prisma-
tisches Spektrum durch ein achromatisches Fernrohr, in dessen Okulare ein
sehr feines Fadenkreuz angebracht war, und bemerkte, daß er die Okularlinse
dem Fadenkreuze näher schieben mußte, um dies deutlich sehen zu können,
wenn er den violetten Teil des Spektrums im Gesichtsfelde hatte, als wenn er
den roten betrachtete. Indem er mit einem Auge einen äußeren Gegenstand
fixierte, mit dem anderen den Faden im Fernrohre betrachtete, stellte er die
Okularlinse so, daß ihm der Faden ebenso deutlich wie das äußere Objekt
erschien, und maß, um wie viel die Linse verschoben werden mußte, um den
Faden in zwei verschiedenen Farben gleich deutlich zu sehen. Mit Berück-
sichtigung der schon vorher gemessenen chromatischen Abweichung der Okular-
linse selbst konnte er dann berechnen, welches die entsprechenden Sehweiten
des Auges seien. Er fand bei diesen Versuchen, daß ein Auge, welches ein
unendlich entferntes Objekt deutlich sieht, dessen Licht der Linie © des Sonnen-
spektrums, also der Grenze zwischen Rot und Orange entspricht, bei demselben
Akkommodationszustande ein Objekt, dessen Licht der Farbe der Linie @
(Grenze von Indigblau und Violett) entspräche, auf 18 bis 24 Par. Zoll nähern
müßte, um es deutlich zu sehen.
Ich habe an meinen eigenen Augen ähnliche Resultate erhalten. Ich ließ
verschiedenfarbiges, mittels eines Prismas isoliertes Licht durch eine punktförmige
Öffnung eines dunklen Schirms fallen, und suchte dann die größte Entfernung
auf, aus der ich die kleine Öffnung noch punktförmig sehen konnte. Die größte
Sehweite meines Auges für rotes Licht beträgt gegen 8 Fuß, für violettes
1'/, Fuß und für das brechbarste überviolette Licht der Sonne, welches durch
Abblendung des helleren Lichts des Spektrums sichtbar gemacht werden kann,
nur einige Zolle.
Auffallend bemerkt man die Verschiedenheiten der Sehweiten, wenn man
ein regelmäßig rechteckiges, auf einen weißen Schirm projiziertes prismatisches
Spektrum aus einiger Entfernung betrachtet. Während man das rote Ende
noch ziemlich gut in seiner wirklichen Form erkennt, erscheint das violette als
eine Zerstreuungsfigur (die für meine Augen schwalbenschwanzförmig ist).
Das im Vergleiche mit künstlichen optischen Instrumenten ziemlich geringe
Zerstreuungsvermögen des menschlichen Auges erklärt sich daraus, daß die
Dispersion des Wassers und der meisten wässrigen Lösungen überhaupt viel
geringer ist als die des Glases. Da die Brechungsverhältnisse der optischen
Medien des Auges meist nicht beträchtlich von dem des Wassers abweichen,
so scheint es wahrscheinlich zu sein, daß wenigstens die wässrige Feuchtigkeit
und der Glaskörper auch nahezu dasselbe Zerstreuungsvermögen wie das Wasser
haben werden. Ich habe deshalb die Dispersion für Listıss reduziertes Auge
mit einer brechenden Fläche berechnet unter der Annahme, daß Wasser darin
als brechende Substanz gebraucht sei. Für die von Frauxnorer bei seinen
Versuchen gebrauchten Strahlen sind die Brechungsverhältnisse des Wassers
folgende:
für das rote Licht der Linie © 1,831705
für das violette der Linie @ 1,841285.
10*
148 Die Dioptrik des Auges. [126. 127.
Der Radius der einen brechenden Fläche von Listinss reduziertem Auge ist
5,1248 mm. Daraus ergeben sich die Brennweiten im Innern des Auges:
im Rot 20,574 mm.
im Violett 20,140 mm.
Ist das Auge im Rot für unendliche Ferne akkommodiert, steht also die Netz-
haut im Brennpunkte der roten Strahlen, so liegt der Brennpunkt der violetten
0,434 mm vor ihr, woraus folgt, daß in violettem Lichte dieses Auge für eine
Entfernung von 713 mm (26 Zoll) akkommodiert sein würde. FRAUNHOFER fand
für sein eigenes Auge 18 bis 24 Zoll, woraus folgt, daß die Farbenzerstreuung
in einem aus destilliertem Wasser gebildeten Auge selbst noch etwas geringer
sein würde, als sie im menschlichen Auge sich findet. Nimmt man dagegen
an, daß das reduzierte Auge wie meines im Rot für 8 Fuß (2,6 m) akkommo-
diert sei, so würde die Netzhaut noch 0,123 mm hinter dem Brennpunkte der
roten Strahlen liegen müssen, und im Violett das Auge für 2071, Zoll (560 mm)
akkommodiert sein, während meines in der Tat für 18 Zoll akkommodiert war.
Auch Marruressen! berechnet aus seinen Versuchen den Abstand des roten
und violetten Brennpunktes im menschlichen Auge auf 0,58 bis 0,62 mm, während
er in einem Auge aus destilliertem Wasser nur gleich 0,434 mm ist. MATTHIESSEN
hat seine Messungen in der Weise angestellt, daß er den kürzesten Abstand
maß, in welchem eine Glasteilung von rotem oder violettem Lichte beleuchtet
deutlich gesehen werden konnte. Alle diese nach verschiedenen Methoden aus-
geführten Untersuchungen stimmen darin überein, daß das menschliche Auge in
bezug auf Farbenzerstreuung mit einem Auge aus destilliertem Wasser sehr
nahe übereinstimmt, wahrscheinlich aber eine etwas stärkere Dispersion hat.
Wir dürfen daraus wohl vermuten, daß die Kristallinse ein im Verhältnis zu
ihrem Brechungsvermögen etwas stärkeres Zerstreuungsvermögen als reines
Wasser hat.
Ich will hier noch die Beschreibung einiger Versuche anreihen, bei denen
sich die Farbenzerstreuung im Auge merklich macht. Im allgemeinen sind die
hierher gehörigen Erscheinungen viel auffallender, wenn man dabei nicht weißes
Licht, sondern Licht braucht, welches aus nur zwei prismatischen Farben von
möglichst verschiedener Brechbarkeit zusammengesetzt ist. Am leichtesten er-
hält man solches Licht, wenn man Sonnenlicht durch die gewöhnlichen violett-
gefärbten Gläser gehen läßt. Diese Gläser absorbieren die mittleren Strahlen
des Spektrums ziemlich vollständig, und lassen nur die äußersten Farben Rot
und Violett hindurch. Will man mit Lampenlicht experimentieren, welches
wenig blaue und violette Strahlen enthält, so wendet man besser die gewöhn-
lichen blauen (durch Kobalt gefürbten) Gläser an, welche ebenfalls vom Orange,
Gelb und Grün nur wenig, reichlich dagegen das äußerste Rot, das Indigblau
und Violett hindurchlassen.
Man mache eine enge Öffnung in einen dunklen Schirm, befestige hinter
derselben ein gefürbtes Glas von der erwähnten Art, und stelle ein Licht da-
hinter, dessen Strahlen durch das Glas und die Öffnung in das Auge des
Beobachters fallen. Die Öffnung im Schirme können wir unter diesen Um-
ständen als einen leuchtenden Punkt, der rote und violette Strahlen aussendet,
betrachten. Dem Beobachter erscheint dieser Punkt in verschiedener Weise, je
1 Comptes rendus. T. XXIV. p. 875.
128.] Erscheinungen der Farbenzerstreuung. 149
nach der Entfernung, für welche sein Auge akkommodiert ist. Ist es für die
roten Strahlen akkommodiert, so geben die violetten einen Zerstreuungskreis,
und es erscheint ein roter Punkt mit violettem Lichthofe. Oder das Auge ist
für die violetten Strahlen akkommodiert, dann geben die roten einen Zerstreuugs-
kreis, und es erscheint ein violetter Punkt mit rotem Hofe. Auch ist ein
Refraktionszustand des Auges möglich, wobei der Vereinigungspunkt der violetten
Strahlen vor, der der roten hinter der Netzhaut liegt, und beide gleichgroße
Zerstreuungskreise geben. Nur in diesem Falle erscheint der Lichtpunkt ein-
farbig. Bei diesem Refraktionszustande des Auges würden diejenigen einfachen
Strahlen auf der Netzhaut vereinigt werden, deren Brechbarkeit die Mitte zwischen
der der roten und violetten hält, also die grünen.
Deshalb geben diese Gläser ein Mittel von ziemlich großer Empfindlichkeit
ab, um die Entfernungen zu bestimmen, innerhalb welcher das Auge sich für
die mittleren Strahlen des Spektrums akkommodieren kann. Das sind nämlich
die Entfernungen, innerhalb welcher das Auge das gemischte rot-violette Licht
einfarbig sehen kann. Die Farbendifferenz der Ränder wird sehr leicht bemerkt,
auch von einem Ungeübten, viel leichter als die Ungenauigkeit eines weißen
Bildes. Ist das Auge für Licht jeder Brechbarkeit auf größere Entfernungen
als die des leuchtenden Punktes akkommodiert, so geben die roten Strahlen
einen größeren Zerstreuungskreis als die violetten, es erscheint also eine violette
Scheibe mit rotem Saum. Ist das Auge für beide Farben auf kleinere Ent-
fernungen als die des leuchtenden Punktes eingestellt, so erscheint umgekehrt
ein roter Zerstreuungskreis mit blauem Saume.
Ähnliche Erscheinungen wie die der rot-violetten Gläser treten überall ein,
wo ein Gegenstand zweierlei Arten verschiedenfarbigen Lichts von sehr unter-
schiedener Brechbarkeit aussendet. Sehr auffallend zeigen sie sich zum Bei-
spiel auch «bei den Versuchen über Mischung von Spektralfarben, welche ich
später bei der Lehre von der Farbenmischung beschreiben werde,
Bei weißer Beleuchtung tritt natürlich ebenfalls eine Zerlegung des zu-
sammengesetzten einfachen Lichts ein, aber sie ist unter gewöhnlichen Um-
ständen wenig merklich. Die Beobachtung lehrt in dieser Beziehung, daß weiße
Flächen, welche weiter entfernt als der Akkommodationspunkt des Auges liegen,
mit einem schwachen blauen Rande umgeben erscheinen, weiße Flächen, welche
näher als der Akkommodationspunkt liegen, mit einem schwachen rotgelben
Rande, weiße Flächen dagegen, für welche das Auge genau akkommodiert ist,
lassen keine farbigen Ränder sehen, solange die Pupille vollständig frei ist,
zeigen aber solche Ränder, sobald man dicht vor das Auge den Rand eines
undurchsichtigen Blattes schiebt, und dadurch der einen Hälfte der Pupille
das Licht abschneidet. Und zwar erscheint die Grenze zwischen einem weißen
und schwarzen Felde gelb gesäumt, wenn man das Blatt von der Seite her vor
die Pupille schiebt, wo das schwarze Feld liegt, blau gesäumt dagegen, wenn
man es von der Seite des weißen Feldes her vorschiebt.
Die eben beschriebenen Farbenzerstreuungserscheinungen im menschlichen
Auge erklären sich sehr leicht aus dem Umstande, daß der hintere Brennpunkt
der violetten Strahlen vor dem der roten liegt.
Es sei Fig. 68 A der leuchtende Punkt, b, b, die vordere Hauptebene des
Auges, v der Vereinigungspunkt der violetten, r der der roten Strahlen, co die
Ebene, in welcher sich die äußersten roten Strahlen des gebrochenen Strahlen-
kegels b br und die äußersten violetten bh, he schneiden. Der Anblick der
150 Die Dioptrik des Auges. [129, 130.
Figur ergibt sogleich, daß, wenn die Netzhaut vor der Ebene ce sich befindet,
d.h. wenn das Auge für fernere Gegenstände als A akkommodiert ist, sie am
Rande des Strahlenkegels nur von rotem Lichte, in der Achse aber von ge-
mischtem getroffen werde. Steht sie in der Ebene ce, ist das Auge also für
das Licht mittlerer Brechbarkeit von A akkommodiert, so wird sie überall von
gleichmäßig gemischtem Lichte getroffen. Endlich, wenn die Netzhaut sich
hinter der Ebene cc befindet, das Auge also für nähere Gegenstände als 4 ak-
kommodiert ist, so trifft sie am Rande des Strahlenbündels nur violettes, in der
Mitte gemischtes Licht.
Ist das Auge für A akkommodiert, befindet sich die Netzhaut also in der
Ebene ce, und wird der untere Teil der Apertur b, b,, durch welche der Strahlen-
kegel einfällt, bis / hin
verdeckt, so fallen die
violetten Strahlen zwischen
b,v und fv, sowie deren
Verlängerungen zwischen
vw, und vr fort, und die
Fig. 68. roten zwischen b, r und fr.
Es verschwindet dann also
in der Ebene ce oberhalb der Achse das violette, unterhalb der Achse das rote
Licht, und es wird sich auf der Retina stati des Bildes des Punktes A ein
kleiner oben roter, unten violetter Zerstreuungskreis bilden.
Befindet sich in A statt eines einzelnen leuchtenden Punktes eine gleich-
mäßig rotes und violettes Licht aussendende Fläche, deren Bild auf der Retina
entworfen wird, so wird gleichzeitig ein rotes und ein violettes Bild der Fläche
entworfen werden, von denen mindestens eines ein Zerstreuungsbild sein muß.
Zerstreuungsbilder von Flächen haben, wie in $ 11 auseinandergesetzt ist, in
ihrer Mitte, wo die Zerstreuungskreise der Punkte des Randes nicht hinreichen,
dieselbe Helligkeit wie ein scharfgesehenes Bild. Ihre Ränder sind dagegen
verwaschen und fließen so weit über das Bild der Umgebung über, als die Zer-
streuungskreise der Randpunkte reichen. Wenn sich nun ein rotes und ein
violettes Bild einer Fläche decken, so wird sich in der Mitte, soweit beide die
normale Helligkeit haben, die Mischfarbe zeigen, an den Rändern aber diejenige
Farbe allein erscheinen, deren Zerstreuungskreise die größten sind, für welche
also der Rand des Bildes am weitesten über die Umgebung greift.
Wird das Bild der Fläche in der Ebene cc aufgefangen, wo die roten und
violetten Zerstreuungskreise gleich groß sind, so werden die Farben bis zum
Rande gleichmäßig gemischt sein. Zerstreuungsbilder verschieben sich aber
scheinbar, wie wir aus § 11 wissen, wenn man einen Schirm vor die Pupille
schiebt, und zwar nach entgegengesetzten Richtungen, wenn sie, wie in unserem
Falle das rote und violette, das eine durch zu nahe, das andere durch zu weite
Akkommodation entstehen. Daher hört die Kongruenz der farbigen Bilder auf,
und es werden farbige Ränder sichtbar.
Für das rote Licht verhält sich die Fläche wie ein Gegenstand, der dem
Auge zu nahe ist; ein solcher bewegt sich dem die Pupille verdeckenden Schirme
scheinbar entgegen. Für das violette Licht verhält es sich umgekehrt. Ver-
deckt man also z. B. von unten her die Pupille, so verschiebt sich die rote
Fläche scheinbar nach unten, die violette nach oben; unten wird ein roter,
oben ein violetter Rand sichtbar. Betrachtet man eine schmale rot-violette
180. 181. ] Erscheinungen der Farbenzerstrenung. 151
Linie durch einen schmalen Spalt, den man vor der Pupille hin und her bewegt,
so gelingt es auch leicht, das rote von dem violetten Bilde ganz getrennt sicht-
bar zu machen.
Wenn von dem leuchtenden Punkte A, Fig. 68, nicht bloß rotes und violettes
Licht, sondern aus allen Farben zusammengesetztes weißes Licht ausgeht, so
schaltet sich das der übrigen Farben zwischen dem Rot und Violett ein, und
die Wirkungen der Farbenzerstreuung sind weniger auffallend, als wenn zwei
Farben allein da sind. Wo wir in diesem Falle einen violetten Saum um ein
purpurnes Feld hatten, erscheint jetzt das weiße Feld gesäumt mit weißlichem
Blau, Indigblau, Violett, und da die weißlichen Töne des inneren Randes dieses
Saumes sich nicht merklich vom Weiß der Mitte unterscheiden, erscheint der
farbige Saum überhaupt schmäler. Wo bei dem Versuche mit den zwei Farben
ein rother Saum um das purpurne Feld erschien, haben wir jetzt um das weiße
Feld herum zuerst weißliches Gelb, Orange, Rot, und wieder unterscheidet sich
das weißliche Gelb fast gar nicht von dem Weiß des Grundes.
Eine besondere Betrachtung verdient die Dispersion des weißen Lichts
noch für den Fall, wo die Netzhaut sich in der Ebene ce befindet, wo das
Strahlenbündel seinen kleinsten Durchmesser hat. Rot und Violett bilden hier
gleichgroße Zerstreuungskreise. Das mittlere Grün ist ganz in der Achse kon-
zentriert, die übrigen Farben bilden kleinere Zerstreuungskreise. Der Zer-
streuungskreis auf der Retina würde also am Rande gemischt aus Rot und
Violett, d. h. purpurrot, in der Mitte grünlich erscheinen müssen. Indessen ist
davon im Auge nichts zu sehen. Es sind nämlich gerade die lichtstärksten
Farben Gelb und Grün bei dieser Stellung der Retina fast genau in einen
Punkt vereinigt, und der purpurne Rand ist zu schmal und verhältnismäßig zu
lichtschwach, um wahrgenommen zu werden.
Übrigens kann man alle die beschriebenen Erscheinungen ganz ebenso wie
bei dem Auge, nur noch augenfülliger, an einem nicht achromatisierten Fern-
rohr wahrnehmen, wenn man eine stärkere Vergrößerung mit demselben erzeugt,
als mit der Deutlichkeit des Bildes verträglich ist. In einem solchen Fern-
rohre wird das von der Öbjektivlinse entworfene Bild nicht auf einem Schirme
aufgefangen, wie im Auge auf der Netzhaut, sondern durch die vergrößernden
Ökularlinsen vom Beschauer betrachtet. Eine Vergrößerung des vom Objektiv-
glase entworfenen Bildes muß man aber anwenden, weil sonst die Farbensäume
meist zu schmal sind, um deutlich gesehen zu werden. Auch hier sieht man,
wenn das Fernrohr für einen entfernteren Gesichtspunkt eingerichtet ist, weiße
Flächen rot und gelb gesäumt, ist es für einen näheren eingestellt, dagegen
blau gesäumt. Bei der Einstellung, welche die schärfsten Bilder gibt, erscheinen
dagegen sehr schmale purpurne Ränder. Verdeckt man eine Hälfte des Objektivs,
so erscheinen an gegenüberliegenden Rändern der weißen Flächen blaue und
gelbe Ränder usw., ganz wie unter analogen Verhältnissen im Auge.
Um die Größe der durch Dispersion im Auge erzeugten Zerstreungskreise
zu berechnen, können wir Listings reduziertes Auge und darin Wasser als
brechende Flüssigkeit zu Grunde legen, da nach Fraunnorers Messungen
die farbenzerstreuende Kraft eines solchen Auges von der des menschlichen
wenig abweichen würde. Es verhält sich (Fig. 68)
152 Die Dioptrik des Auges. Ia, 132.
yy- fr=b bòr
yy- fv= b b,- dr, Beides addiert gibt
zzfre + fo] = bb ër të
= b b, [fr — fv]
Setzen wir b, b,, entsprechend dem mittleren Durchmesser der Pupille normaler
Augen, gleich 4 mm, und setzen, wie oben gefunden ist,
fr = 20,574 mm
fv = 20,140 mm,
so wird yy = 0,0426 mm.
Nach der in $ 11 gegebenen Tafel für die Größe der Zerstreuungskreise
von Objekten, für welche das Auge nicht akkommodiert ist, würde daher der
Durchmesser yy der durch die Dispersion bedingten Zerstreuungskreise ebenso
groß sein, wie der, den ein leuchtender Punkt in 1,5 m (4°/, Fuß) Entfernung
in einem für unendliche Entfernung akkommodierten Auge gibt. Eine solche
Abweichung der Akkommodation gibt bei der Betrachtung feinerer Gegenstände
schon eine recht merkliche Ungenauigkeit des Bildes, wie man bei Anstellung
eines entsprechenden Versuches leicht erkennt. Um zu erklären, warum die
Dispersion des weißen Lichts im Auge trotz der gleichen Größe der Zer-
streuungskreise keine merkliche Ungenauigkeit des Bildes hervorbringt, muß man
nicht bloß die Größe der Zerstreuungskreise, sondern auch die Verteilung des
Lichts in denselben berücksichtigen.
Wenn ein Lichtkegel von einem einfarbig leuchtenden Punkte in das Auge
füllt, und die Netzhaut sich vor oder hinter dem Vereinigungspunkte der Strahlen
befindet, so wird ein Zerstreuungskreis gebildet, der in allen seinen Teilen
gleiche Helligkeit hat.
Wenn dagegen das Auge von einem Kegel weißen Lichts getroffen wird
und sich im Vereinigungspunkte der grüngelben Strahlen, welche die licht-
stärksten sind, befindet, so werden diese auf einen Punkt der Netzhaut ver-
einigt, während die übrigen Strahlen Zerstreuungskreise bilden, welche um so
größer werden, je mehr ihre Brechbarkeit von der der mittleren Strahlen
abweicht.
Während also der Mittelpunkt des beleuchteten Kreises von Strahlen aller
Art gleichzeitig getroffen wird, und namentlich auch von den lichtstärksten und
am meisten konzentrierten Strahlen, fallen auf die dem Rande näher liegenden
Teile des Kreises nur Strahlen von den äußersten Farben des Spektrums, welche
erstens an und für sich schon lichtschwächer sind als die mittleren, und zweitens
dadurch, daß sie ihr Licht über größere Zerstreuungskreise verteilen, noch mehr
geschwächt sind. Die Rechnung ergibt, daß unter diesen Umständen die Helligkeit
im Mittelpunkte des Zerstreuungskreises unendlich groß sein muß gegen alle
anderen Punkte des Kreises.
Da wir für das Gesetz der Helligkeit der einzelnen Farben des Spektrums
noch keinen mathematischen Ausdruck angeben können, wollen wir die Rech-
nung unter der Annahme durchführen, daß alle Farben des Spektrums gleiche
Helligkeit haben. Dabei werden wir allerdings die Helligkeit der Ründer der
Zerstreuungskreise größer finden, als sie in Wahrheit ist, aber es wird sich auch
132. ] Helligkeit in Zerstreuungskreisen. 158
unter dieser für unseren Zweck ungünstigen Annahme zeigen, warum die durch
Farbenzerstreuung bedingten Zerstreuungskreise eine weit geringere Undeutlich-
keit des Bildes geben, als die durch mangelnde Akkommodation bedingten von
gleicher Größe.
Berechnung der Helligkeit in einem durch Dispersion erzeugten
Zerstreuungskreise eines einzelnen leuchtenden Punktes.
Es sei in Fig. 69 bb die Hauptebene des reduzierten Auges vom Radius R;
in ihr möge, wie das beim Auge nahehin der Fall ist, die Blendung liegen,
welche das Strahlenbündel begrenzt, so daß bb
ein Durchmesser der Blendung ist, deren Halb-
messer wir in der Rechnung mit b bezeichnen
wollen. Die Strahlen, welche in das Auge fallen,
mögen parallel sein. Es sei ferner v der Brenn-
punkt für die äußersten violetten, w der für
die äußersten roten Strahlen. Diese äußersten
Strahlen schneiden sich in g, so daß gg der
Durchmesser des ganzen Zerstreuungskreises und
h sein Mittelpunkt ist. Die Netzhaut muß sich in der Ebene gg befinden, wenn
sie das deutlichste Bild aufnehmen soll. Das Brechungsverhältnis der mittleren
Strahlen, die sich in % vereinigen, nennen wir N, ihre Brennweite ah sei F.
Dann ist nach $ 9 Gleichung 3a)
Fig. 69.
NR
wë Leen) D
la).
Das Brechüngsverhältnis irgend einer anderen Art von Strahlen, welche ihren
Brennpunkt in æ haben, sei n, die zugehörige Brennweite ax gleich f. Dann ist
E el an ee E,
Den Radius des Zerstreuungskreises, den diese Strahlen geben, žy nennen wir o.
Er ist gegeben durch die Gleichung
wenn f< F, also n> N. Setzen wir hierin die Werte von F und f aus la)
und 1b), so erhalten wir
© = PTEE T eh KK d gn Es, Di a 2a),
wenn n < N, und
D n—N
bk nN-1) 2b)
wenn n < N.
154 Die Dioptrik des Auges. Ian,
Die Helligkeit 7 nun, mit welcher die Farbe von dem Brechungsverhältnis a
die Netzhaut beleuchtet, ist
We EEN ir Se Cé
p
wenn wir die Helligkeit mit A bezeichnen, mit welcher das betreffende Licht die
Fläche bb beleuchtet. Setzen wir in 8) statt > seinen Wert aus 2a) oder
2b), so erhalten wir übereinstimmend: j
n?(N — 1)? Ba
Dreier EE APA, )
Die Helligkeit J irgend eines Punktes im Zerstreuungskreise wird nun werden
Ta ZE
wobei wir das Integral über alle diejenigen Werte von n auszudehnen haben,
deren zugehörige Farben auf jenen Punkt fallen.
In dem Ausdrucke für H ist der Faktor A in Wirklichkeit eine Funktion
von n, deren mathematischen Ausdruck wir aber nicht kennen. Der Faktor a?
verändert in der ganzen Ausdehnung des Spektrums seinen Wert sehr wenig.
Wir wollen deshalb setzen
An?(N—1}}= B
und B als konstant ansehen, d. h. annehmen, daß die Helligkeit der Spektral-
farben durch die ganze Ausdehnung des Spektrums nahehin konstant sei, und
nur wenig vom roten zum violetten Ende hin abnehme. Diese Annahme ist für
unseren Zweck jedenfalls ungünstiger als die Wirklichkeit. Dann wird nach 4)
Bdn
A Eaa TEE ARA.
zwischen den gehörigen Grenzen genommen. Es fallen aber auf jeden Punkt
des Zerstreuungskreises erstens Strahlen von dem roten und zweitens Strahlen
von dem violetten Ende des Spektrums. Die Grenzen der Brechbarkeit für die
ersteren seien n, und n, so daß
N> n >n,
die Grenzen für die letzteren seien n, und n, so dab
n>n,>N.
Dann wird die Gleichung 4a)
De Mi
dn dn
tw AR ME AA 1
Pe? 1 e il der: 1
Cas Les zbeg ZS Ce
Ist nun o, die Entfernung des Punktes, dessen Helligkeit wir bestimmen wollen,
vom Mittelpunkte des Zerstreuungskreises, so wird dieser Punkt von allen den-
jenigen Farben getroffen, für welche die Radien der Zerstreuungskreise größer
183. 134.] Undeutlichkeit wegen Farbenzerstreuung. 155
sind als o also zwischen o, und r liegen. Nun ist für die weniger brechbaren
Farben, wenn wir aus Gleichung 2a) den Wert von N — n bestimmen,
a a er >
N-n N RUN a Uer
Für n, ist ọ =r, für n, ist ọ = Qp, also
CEET, |
Nem N D-DNe dé
1 1 1 b
Für die Bestimmung von n, und n, müssen wir den Wert von N—n aus
Gleichung 2b) entnehmen.
1 1 1 b
N-n N N-De
Für n =n, wird ọ =r, und für n =n, wird ọ = Go also
G 1 beet. 1 b
N-n, N NN -Ir | 4a).
DEE | g Eh EN
N-n, N RUN- Dë
Setzen wir die Werte aus 4c) und 4d) in 4b), so erhalten wir endlich
2B b b
er Br Sé
Dieser Wert von J wird in der Mitte des Zerstreuungskreises für o, = 0 un-
endlich groß, am Rande, wo o, =r, gleich 0.
Berechnung der Helligkeit am Rande einer gleichmäßig er-
leuchteten Fläche. Es sei in Fig. 70 AB die Grenzlinie der leuchtenden
Fläche, und angenommen, daß jeder Punkt derselben als Zerstreuungskreis er-
scheine. Es sei ferner p der Punkt, dessen Helligkeit bestimmt werden soll, und
pq =r der Radius der Zerstreuungskreise. Es wird
auf p Licht gelangen aus allen denjenigen Punkten
der Fläche, welche innerhalb des mit dem Radius r ei
um p geschlagenen Kreises liegen. Wenn s einer
dieser Punkte ist, und wir die Länge sp mit o, den gi
Winkel spg mit œ, und die Helligkeit des Zer-
streuungskreises eines einzelnen Punktes in der Ent-
fernung o vom Zentrum mit J bezeichnen, so wird
die Helligkeit H im Punkte p werden:
e
H= | fJodwdo . Fame TA d
dieses Integral ausgedehnt über alle Teile der Fläche, Fig. 70.
welche innerhalb des um p geschlagenen Kreises liegen.
Wenn der Rand der Fläche eine gerade Linie und der Abstand des
Punktes s von diesem Rande gleich x ist, so ist für die am Rande gelegenen
Punkte der Fläche
DES
156 Die Dioptrik des Auges. [134. 135.
und wenn wir den Ausdruck für H zuerst nach o integrieren, und aus der
letzten Gleichung den Wert für die Grenzen von œ entnehmen,
x
H= [2Joarcoos(,)ar Kee Ee ri
z
Wenn die Zerstreuungskreise durch unpassende Akkommodation entstehen,
können wir J als unabhängig von o betrachten und erhalten dann:
H = J| rare cos (Z) to el RE EC NN
welche Gleichung für diesen Fall die Helligkeit in der Nähe des Randes der
Fläche als Funktion des Abstandes vom Rande gibt. Für =r wird H = 0,
für z = —r wird H= dräi und geht hier in die konstante Helligkeit der
Fläche über.
Wenn die Zerstreuungskreise durch Dispersion entstanden sind, können
wir in Gleichung 6a) den Wert von J aus Gleichung 5) setzen, und erhalten
durch Ausführung der Integration:
H EE clos E + ya + zog nat E Job =) . 8
TNN- ‚+
Für z=r wird H = 0, für z = — r wird
2Bbrn
"Sp
und geht hier in die konstante Helligkeit des mittleren Teils der Fläche über.
Um den Gang dieser Funktionen übersichtlicher darzustellen, habe ich in
Fig. 71 die beiden Kurven konstruiert. A entspricht der Gleichung 7), B der
Gleichung 8). In beiden sind die Werte von æ in horizontaler, die Werte der
Helligkeit H in vertikaler Richtung aufgetragen. Die Ordinate ab entspricht
Fig. 71.
der Helligkeit in der Mitte der Fläche, c bezeichnet den Ort des Randes, so
daß die‘Linie ade die Helligkeit eines ganz scharfen Bildes bezeichnen würde,
Die Grenzen des Zerstreuungskreises von c sind b und g. Die Kurve B zeichnet
sich dadurch vor der anderen aus, daß sie in ihrer Mitte bei /, entsprechend
dem wirklichen Orte des Randes, ganz senkrecht abfällt. Es wird hier für
x = 0 nämlich der Differentialquotient
135.180. | Undeutlichkeit wegen Farbenzerstreuung. 157
dH Sp [|2 za r- Va
a NN-1) IR -T + log nat | naht
unendlich groß. Dieser plötzliche Abfall der Helligkeit am Rande der Fläche
macht für das Auge die Lage des Randes erkennbar, wenn auch eine gewisse
Menge Licht sich noch weiter verbreitet, während in der Kurve A die Abnahme
der Helligkeit ziemlich gleichmäßig stattfindet, und der Ort des Randes durch
kein besonderes Kennzeichen ausgezeichnet ist.
Wenn man die nach den Enden des Spektrums abnehmende Helligkeit der
Farben in Rechnung ziehen könnte, so würde die Kurve B etwa die Form der
punktierten Linie bekommen müssen. Die Helligkeit innerhalb der Grenzen
der Fläche würde sich der normalen noch mehr nähern, und außerhalb dieser
Grenzen würde sie noch geringer werden.
Aus diesen Verhältnissen erklärt es sich, warum die Farbenzerstreuung der
Bilder im Auge der Schärfe des Sehens so wenig Eintrag tut. Ich habe mir
Linsen zusammengestellt, welche imstande waren, das Auge achromatisch zu
machen, aber nicht gefunden, daß die Schärfe des Gesichts dadurch merklich
erhöht wurde. Ich fand zu dem Ende eine konkave Flintglaslinse von 15,4mm
Brennweite, von einem Öbjektivglase eines Mikroskops genommen, passend.
Diese setzte ich zusammen mit konvexen Crownglaslinsen, so daß dadurch ein
System von etwa 2!/, Fuß negativer Brennweite entstand, wie es für mein Auge
paßte, um ferne Gegenstände gut zu erkennen. Wenn ich durch dieses System
sah, und die halbe Pupille verdeckte, entstanden keine farbigen Ränder an der
Grenze dunkler und heller Gegenstände mehr. Ebensowenig entstanden der-
gleichen bei unpassender Akkommodation des Auges, so daß das Auge durch
dieses Linsensystem wirklich achromatisch gemacht war. Ich konnte aber
nicht finden, daß die Schärfe des Sehens in irgend merkbarer Weise zu-
genommen hätte.
Newron kannte schon die Farbenzerstreuung im Auge; er erwähnt die Farben-
ränder, welche bei halbverdeckter Pupille erscheinen!. Es ist bekannt, das Nkw'ron,
weil ger irrtümlich voraussetzte, die Disperson aller durchsichtigen Mittel sei ihrer
Brechkraft proportional, zu dem Schlusse kam, daß es keine achromatischen Linsen-
systeme geben könne, Wunderlicherweise fand Eurer” in dieser Beziehung das
Richtigere, indem er jedoch dabei von der anderen falschen tatsächlichen Voraus-
setzung ausging, daß das Auge achromatisch sei, und daraus folgerte, daß Newroxs
Annahme über die Dispersion falsch sein müsse. Ihm widersprach in dieser Beziehung
D'ALEMBERT®, indem er nachwies, daß im Auge die Farbenzerstreuung nicht merklich
zu werden brauche, selbst wenn sie ebenso groß wie in Gläsern sei. Ebenso widersprach
Dottosnt, welcher behauptete, daß trotz der Anwendung verschiedener brechender
Substanzen im Auge es nicht achromatisch sein könne, da alle einzelnen Brechungen
der Lichtstrahlen nach der Achse zu gingen. Wenn wir die bisher stets durch die
Erfahrung bestätigte Tatsache als allgemeingiltig ansehen, daß bei jeder Brechung
des Lichts an der Grenzfliche von beliebigen zwei Substanzen die violetten Strahlen
stärker gebrochen werden als die roten, so ist DouLoxns Beweisführung gültig. Dann
muß nämlich im Auge jedenfalls bei jeder Brechung das violette Licht sich der Achse
1 Opties. Lib. I. P. U. Prop. VIII.
2 Journal Eneyelop, 1765. II. p.146. — Mém. de l'Acad. de Berlin. 1747.
3 Mém. de l'Acad. de Paris. 1767. p. 81.
* Philos. Trans. LXXIX. p.256.
158 Die Dioptrik des Auges. Tue, 137; G.
mehr nähern als das rote. MAsKELYNE? hat auch Messungen der Farbenzerstreuung
gemacht und gefunden, daß das Intervall der Brennpunkte 0,02 Zoll (0,61 mm) be-
trage, was einem Gesichtswinkel von 15 Sek. entspreche, während man in Fernröhren
sie noch bis zu einem Gesichtswinkel von 57 Sek. zulässig finde. Jurın®? hat die
farbigen Ränder unbestimmt gesehener Objekte bemerkt. Wortaston® machte auf
das eigentümliche Aussehen des prismatischen Spektrums aufmerksam, welches von
der Unfähigkeit des Auges, sich für alle Farben gleichzeitig zu akkommodieren, her
rührt. Eine vollständige Theorie der Erscheinungen bei halbverdeckter Pupille gab
Mortweıpe*, eine vollständige Bearbeitung sämtlicher hierher gehörigen Erscheinungen
Tourtuvar. Die ersten genauen Messungen der Farbenzerstreuung des Auges stellte
FrAausnorer® an, mit Berücksichtigung der von Wortaston und ihm entdeckten
festen Linien im Spektrum, spätere MATTHIESSEN ®,
Trotz aller dieser Untersuchungen hielten manche Naturforscher doch bis in die
letzte Zeit die Idee von der absoluten Vollkommenheit des Auges und somit auch
seiner mehr oder weniger vollkommenen Achromasie fest, wie Forses’, Vauute®,
1704. J. Newron, Opties. B. I. P. II. Prop. VI,
1747. L. Eurer, Mém. de Berlin. 1747. p. 285. — 1758. p. 249. — 1754. p. 200.
1767. p'AreusBertT, Mém. de l'Acad. de Paris. 1767. p. 81”.
1789. Maskeıyxe, Phil. Trans. LXXIX. 256*,
1798. Conmranerri, Observationes de coloribus apparentibus. Patavini.
1801. Tu. Youxe, Phil. Trans. 1801. P. I. p. 50*.
1805. Morrweme in Gisserts Annalen. XVII. 328. u. XXX. 220.
1814. *Frauxnorer in GiLsertTs Annalen. LVI. 304. — Scnumwacners astronom. Abhand-
lungen. Altona 1828. Heft II. S. 39.
1826. J. Mürzer, Zur vergl. Physiol. des Gesichtssinns, Leipzig. S. 195. 414*,
1880. "Tourtvar, Über Chromasie des Auges. Meckers Archiv. 1830. 8. 129*,
1837. Mue, Posaexvorrrs Ann. XLII. 64.
1847. A. Marrumssen, Comptes rendus, XXIV. 875; Institut. Nr. 698. p. 162; Poaskx-
porrrs Ann.. LXXI. 578*; Frorwes Notizen. 1i. 841: Archive. d. solenose phys. et
natur. V. 221; Berl. Berichte. 1847. S. 188*,
L. L. Varıte, Comptes rendus. XXIV. 1096; Berl. Ber. 1847. S. 184*,
1849. J. D Fonnes, Proceed. Edinburgh Roy. Soc. Dezb. 3. 1849. p. 251; Sırıımans
Journ. (2) XIII. 413; Berl. Ber. 1850. p. 492”.
1852. L. L. Varıfe, Comptes rendus. XXXIV. 321; Berl. Ber. 1852. S. 308*.
1858. L. L. Varıke, Sur lachromatisme de l'oeil. ©. R. XXXVI. 142—144; 480—482.
1855. Czermax, Zur Chromasie des Auges. Wiener Sitzungsber. XVII 568.
1856. A. Fıck, Einige Versuche über die chromatische Abweichung des menschlichen
Auges. Archiv für Ophthalm. II. 2. 70— 76.
1862. F. P. Leroux, Eixperiences destinées à mettre en évidence le défaut d’achromatisme
de l'oeil. Ann. de chimie. 3. LXVI. 178—182. Cosmos. XX. 638—689.
— Tprouessart, Défaut d’achromatisme de l'oeil, Presse scientifique. p. T2—74.
Zusatz von A. Gullstrand.
Bei der Weiterentwicklung der Lehre von der optischen Abbildung und
von den Aberrationen hat sich die Notwendigkeit herausgestellt, die früher
unter dem Begriffe der chromatischen Aberration zusammengefaßten Er-
1 Philos. Trans. LXXIX. 258.
? Suırus Optics. 96.
3 Philos. Trans. 1801. P. I. p. 50.
* Gnpmrs Annalen. XVII. 328. XXX. 220.
5 Giuserrs Annalen. LVI. 304. — Scuvmuacners astronom. Abhandlungen. Heft II. S. 39.
è Comptes rendus. XXIV. 875.
1 Proe. Roy. Edinb. Soc. Dezb. 3. 1849. p. 251.
® Cumptes rendus. XXIV. 1096. XXXIV. 321.
G.] Chromatische Fokus- und Vergrößerungsdifferenz. 159
scheinungen behufs genauerer Untersuchung zu sondern. Da sämtliche die
optische Abbildung bestimmenden Größen für verschiedene Brechungsindices
verschiedene Werte erhalten können, so kann die Erscheinung der sogenannten
chromatischen Aberration nur durch die chromatischen Differenzen dieser
Größen exakt dargestellt werden. Längs der Achse eines zentrierten optischen
Systems hat man dabei in erster Annäherung mit der chromatischen Fokus-
differenz und mit der chromatischen Vergrößerungsdifferenz zu
rechnen. Jene gibt den Abstand der Fokalpunkte voneinander an, wenn zwei
verschiedene Lichtarten zur Verwendung kommen, diese ist bei unendlichem
Öbjektabstande dem Unterschiede der vorderen Brennweiten proportional. Nur
in dem speziellen Fall, wo der Ort des hinteren Knotenpunktes vom Brechungs-
index unbeeinflußt bleibt, wie im reduzierten Auge, kann die Vergrößerungs-
differenz direkt aus der Fokusdifferenz erhalten werden, was somit für das
menschliche Auge nicht zutrifft. Aus demselben Grunde verschwinden bei der
Achromatisierung unendlich dünner optischer Systeme beide Differenzen gleich-
zeitig, was sonst allgemein nicht der Fall ist.
Die Fokusdifferenz ist oben von Hrtanotaz unter Beachtung der Licht-
verteilung innerhalb der Zerstreuungskreise gewürdigt worden. Was die Ver-
größerungsdifferenz betrifft, so dürfte sie durch eben denselben Mechanismus
wie die Fokusdifferenz unschädlich gemacht werden, solange es sich um sehr
kleine Bilder handelt. Daß ein heller Punkt ohne farbige Säume gesehen wird,
beruht, wie Hru.muourz bewiesen hat, darauf, daß auf gleich große Zerstreuungs-
kreise des langwelligsten und des kurzwelligsten Lichtes eingestellt wird, und
auf der geringen Helligkeit der farbigen Ränder. Zwei helle Punkte neben-
einander können aber nicht gleichzeitig konzentrische Zerstreuungskreise für
kurzwelliges und langwelliges Licht geben, da einer notwendigerweise außerhalb
der Achse -liegen muß. Wegen der chromatischen Vergrößerungsdifferenz ist
für diesen Punkt das Zentrum der durch kurzwelliges Licht erzeugten Zer-
streuungskreise der Achse näher gelegen als das Zentrum der durch lang-
welliges Licht verursachten, woraus wieder folgt, daß die beiden Seiten des
Punktes nicht gleichzeitig in einer und derselben Farbe gesehen werden können.
Da sich die chromatische Differenz der Bildgröße zur Bildgröße bei einer
gewissen Lichtart, wie die vordere Brennweitendifferenz zur entsprechenden
vorderen Brennweite verhält, so kann dieses Verhältnis aus den HeLmuorrzschen
Zahlen für das reduzierte Auge entnommen werden. Es ist rund 3°/,. Wenn
es nun auch im menschlichen Auge etwas größer sein mag, so ist es doch ein-
leuchtend, daß eine ziemliche Bildgröße dazu nötig ist, damit die Differenz
wahrnehmbar sei, und man kann sich anbetrachts der Lichtverteilung in den
chromatischen Zerstreuungskreisen nicht vorstellen, daß die Differenz wahr-
genommen werden könnte, wenn die Bildgröße, wie die Winkelausdehnung der
Stelle des schärfsten Sehens, in Minuten gerechnet wird.
Bei zunehmender Bildgröße wächst auch der chromatische Unterschied der-
selben, nimmt aber gleichzeitig die Fähigkeit, die farbigen Säume zu sehen, ab,
indem dieselben immer weiter von der Stelle schärfsten Sehens entfernt auf die
Netzhaut fallen. Wenn nun diese Abnahme des Distinktionsvermögens pro-
portional zur Breitenzunahme der farbigen Bäume wäre, so würden die Er-
scheinungen der chromatischen Vergrößerungsdifferenz, obwohl physikalisch auf
der Netzhaut vorhanden, physiologisch nicht durch sichtbare farbige Säume
konstatiert werden können. Für große Abstände der Bildpunkte vom Zentrum
160 Die Dioptrik des Auges. [G. 137.
der Fovea wird auch dieser physiologische Mechanismus hinreichend sein, um
die chromatische Vergrößerungsdifferenz zu verdecken. Wenn aber zwei helle
schmale Linien, deren Winkelabstand 8° beträgt, das Objekt ausmachen, und
ein zwischen beiden symmetrisch belegener Punkt fixiert wird, so ist der
scheinbare Winkelabstand der beiden Linien voneinander im violetten Lichte
um mehr als 5 Minuten kleiner als im roten, welcher Unterschied sich mit der
Hälfte auf jede Linie verteilt, so daß an Stelle der hellen Linie ein unreines
Spektrum von ungefähr 2,5 Minuten scheinbarer Breite entsteht. Ohne nun
behaupten zu wollen, daß das Auge die Fähigkeit besitze, in einem 1,5° be-
tragenden Winkelabstand vom fixierten Punkte ein solches Spektrum von einer
hellen Linie zu unterscheiden, worüber exakte Untersuchungen nicht vorliegen
und wohl auch schwer anzustellen sein dürften, will ich hier nur darauf auf-
merksam machen, daß im Auge ein Mechanismus vorhanden ist, welcher bei
solcher Objektgröße der chromatischen Vergrößerungsdifferenz entgegenwirkt.
Wie ich durch entoptische Untersuchungen bewiesen habe,* findet beim
Übergang des Lichtes aus dem Glaskörper in die Netzhaut eine bedeutende
chromatische Dispersion desselben statt. Dies geht daraus hervor, daß der
durch die Lichtbrechung in dem am stärksten gekrümmten zentralen Teile der
Fovea entstehende Schatten — die von mir sogenannte entoptische Fovea —
nur im kurzwelligen, nicht aber im langwelligen Lichte gesehen werden kann,
und beruht ohne Zweifel auf dem Luteingehalt der Gewebslymphe der Netzhaut.
Beim Übergang des Lichts in die Netzhaut werden die paraxialen Bildpunkten
angehörigen Strahlen in der Fovea in der Richtung von der Achse weggebrochen,
und da diese Brechung entweder nur die kurzwelligen Lichtstrahlen oder aber
diese in höherem Grade als die langwelligen beeinflußt, so resultiert eine relative
Vergrößerung der durch jene Strahlen entstehenden Bilder. In welchem Maße
dieses Moment zur Neutralisierung des Effektes der chromatischen Vergrößerungs-
differenz notwendig und hinreichend ist, läßt sich allerdings vor der Hand nicht
beurteilen.
Da die Visierlinie keine Zentrierungsachse des Auges darstellt, so liegt,
wenn Licht verschiedener Wellenlänge ins Auge füllt, das Zentrum der Aus-
trittspupille in verschiedenen Punkten, und es müßte eigentlich mit einer
chromatischen Neigungsdifferenz der Visierlinie im Glaskörper ge-
rechnet werden. Diese wird aber von der durch die monochromatischen Aberra-
tionen bedingten asymmetrischen Form der Zerstreuungskreise verdeckt, welche
sich beim Versuche mit dem Kobaltglas dadurch kundgibt, daß bei der Ein-
stellung für rotes Licht der um eine kleine künstliche Lichtquelle sichtbare
bläuliche Zerstreuungskreis den meisten Augen temporal breiter erscheint
als nasal.
$ 14. Monochromatische Abweichungen. **
Außer der Ungenauigkeit des Bildchens, welche durch die ungleiche
Brechung verschiedenfarbiger Lichtstrahlen bedingt ist, kommt bei den optischen
Instrumenten, welche Glaslinsen mit sphärischen Flächen enthalten, noch eine
zweite Art der Abweichung vor, die Abweichung wegen der Kugelgestalt
* Die Farbe der Macula centralis retinae. Arch. f. Ophth. LXII, 1. St, 1905. Zur
Maculafrage. Ebenda LXVI, 1. S. 141. 1907.
” Vgl. Kap. 5 der nach dem ersten Abschnitte folgenden Zusätze! G.
187. 138.] S 14. Monochromatische Abweichungen. 161
oder sphärische Aberration, welche darin besteht, daß auch Lichtstrahlen
von gleicher Farbe, die von einem Punkte ausgehen, von krummen Flächen im
allgemeinen nicht genau, sondern nur annähernd in einen Punkt wieder ver-
einigt werden. Es gibt allerdings gewisse krumme Flächen, welche die Licht-
strahlen, die von einem bestimmten leuchtenden Punkte ausgehen, ganz genau
in einen Punkt wieder vereinigen (aplanatische Flächen), Es sind dies
Rotationsflächen, deren Erzeugungskurve im allgemeinen durch eine Gleichung
vierten Grades gegeben wird. In gewissen Fällen aber, z. B. wenn der leuchtende
Punkt in unendlicher Entfernung liegt, ist die Erzeugungskurve eine Ellipse.
Auch kann in Systemen von kugeligen brechenden Flächen durch eine passende
Kombination der Krümmungsradien und Abstände der Flächen die Kugel-
abweichung auf ein Minimum gebracht werden. Auch solche Systeme nennt
man aplanatisch. Übrigens ist natürlich der Zerstreuungskreis, den das Bild
eines in der optischen Achse eines solchen Systems liegenden leuchtenden
Punktes bildet, rings um die Achse symmetrisch. Er bildet einen hellen Fleck,
dessen Helligkeit in der Achse am stärksten ist, und von da nach allen Seiten
hin schnell abnimmt.
Die im Auge vorkommenden monochromatischen Abweichungen sind nicht,
wie die sphärische Aberration der Glaslinsen, symmetrisch um eine Achse, sie
sind vielmehr unsymmetrisch und von einer Art, wie sie bei gut gearbeiteten
optischen Instrumenten nicht vorkommen darf. Diese Art der Abweichung, für
welche in bezug auf Kugelflächen der Name sphärische Aberration, in
bezug auf andere krumme Flächen der Name Abweichung wegen der Ge-
stalt der brechenden Fläche gebraucht wird, wollen wir, da auch die letztere
Bezeichnung für das Auge nicht allgemein genug ist, monochromatische
Abweichung nennen, da sie einfaches (monochromatisches) Licht ebensogut
betrifft, wie das zusammengesetzte weiße, und sich dadurch von der im vorigen
Paragraphen behandelten chromatischen Abweichung unterscheidet.
Die Erscheinungen sind folgende: 1. Man wähle zuerst als Objekt einen
sehr kleinen leuchtenden Punkt (ein mit einer Nadel gestochenes Löchelchen in
schwarzem, undurchsichtigem Papier, durch welches
Licht fällt) und bringe ihn in eine etwas größere
Entfernung, als die größte Akkommodationsdistanz
beträgt, so daß auf der Netzhaut ein kleiner Zer-
streuungskreis entsteht. Man sieht alsdann statt
des hellen Punktes nicht, wie es in einem schlecht
eingestellten Fernrohre der Fall ist, eine kreis-
förmige Fläche, sondern eine strahlige Figur von
vier bis acht unregelmäßigen Strahlen, welche in
beiden Augen verschieden zu sein pflegt und auch
für verschiedene Menschen verschieden ist. Ich
habe in Fig. 72 a die aus meinem rechten, in b Fig. 72.
die aus meinem linken Auge abgebildet. Die nach
der Peripherie gekehrten Ränder der hellen Partien eines von weißem Lichte
entworfenen Zerstreuungsbildes dieser Art sind blau gesäumt, die dem Zentrum
zugekehrten rotgelb. Die Figur scheint bei den meisten Menschen in der
Richtung von oben nach unten länger zu sein als von rechts nach links. Ist
das Licht schwach, so kommen nur die hellsten Stellen der Strahlenfigur zur
Wahrnehmung, und man sieht mehrere Bilder des hellen Punktes, von denen
v. Hersuortz, Physiologische Optik. 9. Aufl. 1. 11
162 Die Dioptrik des Auges. Jas, 139.
gewöhnlich eines heller ist als die anderen. Ist das Licht PRS sehr stark,
lüßt man z. B. direktes Sonnenlicht durch eine feine Öffnung fallen, so fließen
die Strahlen des Sterns ineinander, rings umher entsteht außerdem ein aus
unzähligen, äußerst feinen und bunt gefärbten Linien bestehender Strahlenkranz
von viel größerer Ausdehnung, den wir unter dem Namen des Haarstrahlen-
kranzes von dem sternförmigen Zerstreuungsbilde unterscheiden wollen.
Hat man die sternförmige Figur oder bei schwächerem Lichte die mehr-
fachen Bilder des leuchtenden Punktes vor sich, und schiebt ein undurch-
sichtiges Blatt von unten her vor das Auge, so schwindet zuerst der scheinbar
untere Teil des Zerstreuungsbildes, also der obere Teil des entsprechenden
Netzhautbildchens. Schiebt man das Blatt von oben, von rechts oder links vor
das Auge, so schwindet dementsprechend immer der obere, rechte oder linke
Teil des Zerstreuungsbildes.
Anders verhält sich der ausgedehntere Haarstrahlenkranz, den sehr
intensives Licht erregt. Wenn man die Pupille von unten her verdeckt, ver-
schwindet keineswegs der untere Teil dieses Kranzes, sondern nur der untere
Teil des zentralen hellen Sterns.- Die Erscheinung wird aber dadurch gestört
und verändert, daß sehr lebhafte Diffraktionsbilder sich entwickeln, welche von
der verengerten und veränderten Gestalt der Pupille bedingt sind.
Die strahlige Gestalt der Sterne und ferner Laternen gehört mit zu diesen
Erscheinungen.
2) Ist das Auge für eine größere Entfernung als die des leuchtenden
Punktes akkommodiert (zu welchem Zwecke man bei fernen leuchtenden Punkten
eine schwache Konkavlinse vor das Auge bringen kann), so erscheint eine andere
strahlenförmige Figur (Fig. 72 c aus meinem rechten, d aus meinem linken
Auge), deren größere Ausdehnung meist horizontal ist. Verdeckt man die
Pupille von einer Seite her, so schwindet die entgegengesetzte Seite des vom
Beobachter gesehenen Zerstreuungsbildes, d. h. die der verdeckten Hälfte der
Pupille gleichseitigen Teile des Netzhautbildes.. Diese Figur wird also von
Strahlen gebildet, welche die Achse des Auges noch nicht geschnitten haben.
Wenn sich Tränenflüssigkeit über das Auge verbreitet hat. oder durch häufiges
Blinzeln mit den Lidern Fetttröpfchen aus den Meısomschen Drüsen auf die
Hornhaut gekommen sind, ist die Strahlenfigur meist größer, unregelmäßiger.
wird durch Blinzeln bedeutend verändert, und wenn man die Pupille von der
Seite her verdeckt, verschwindet dadurch nicht bloß eine Seite der Strahlenfigur.
3) Bringt man den leuchtenden Punkt in eine solche Entfernung, daß man
das Auge für sie akkommodieren kann, so sieht man bei mäßigem Lichte einen
kleinen rundlichen hellen Fleck ohne Unregelmäßigkeiten. Bei stärkerem Lichte
dagegen bleibt sein Bild bei jeder Weise der Akkommodation strahlig, und man
findet bei allmählichen Akkommodationsänderungen nur, daß die vertikal ver-
längerte Strahlenfigur, welche bei kürzerer Sehweite vorhanden ist, sich ver-
kleinert, rundlicher wird und dann in die horizontal verlängerte Strahlenfigur
übergeht, die einer größeren Sehweite angehört.
4) Wenn man eine feine Lichtlinie betrachtet, kann man sich die Erschei-
nungen, welche entstehen, leicht dadurch im voraus entwickeln, daß man die
strahligen Zerstreuungsbilder für alle einzelnen Punkte der Linie konstruiert
denkt, die sich nun zum Teile decken. Die helleren Teile der Zerstreuungs-
bilder fließen dann zu Lichtlinien zusammen, welche als mehrfache Bilder der
139. 140.] Mehrfache Linienbilder. 168
hellen Linie erscheinen. Die meisten Augen sehen zwei, manche in gewissen
Lagen fünf oder sechs solche Doppelbilder.
Um den Zusammenhang der Doppelbilder von Linien mit den strahligen
Bildern von Punkten gleich durch den Versuch anschaulich zu machen, schneide
man in ein dunkles Papierblatt eine feine gerade Spalte, und
ein wenig von deren Ende entfernt, in Richtung ihrer Ver-
lüngerung, steche man ein rundes Löchelchen ein, wie Fig. "io
Von Ferne sehend, bemerkt man dann, daß die Doppelbilder
der Linie genau denselben Abstand voneinander haben, wie die
hellsten Stellen der strahlenförmigen Zerstreuungsfigur des Punk-
tes, und daß letztere in der Verlängerung der ersteren liegen,
wie in Fig. 735, wo in der Zerstreuungsfigur des hellen Punktes
nur die hellsten Teile des Sterns, Fig. 72a, sichtbar sind.
Hierher gehören die mehrfachen Bilder, welche die meisten Fig. 78.
Augen von den Hörnern der Mondsichel sehen.
An den Grenzen heller Flächen, für welche das Auge nicht ganz voll-
kommen akkommodiert ist, machen sich die Doppelbilder auch mitunter dadurch
bemerklich, daß am Rande der hellen Fläche der Übergang von Helligkeit zu
Dunkel in zwei oder drei Absätzen geschieht.
Weitere hierhergehörige Erscheinungen folgen unten bei der Lehre von
der Irradiation.
5) Das Auge ist im allgemeinen nicht gleichzeitig für horizontale und
vertikale Linien, welche in gleicher Entfernung von ihm sich befinden, akkommo-
diert. Man betrachte aufmerksam eine Anzahl
gerader Linien, die sich in einem Punkte
schneiden, wie Fig. 74, in einer Entfernung,
für welche man gut akkommodieren kann. Man
wird bemerken, daß man sie
nacheinander alle scharf be-
grenzt und dunkel schwarz
sehen kann, während man
aber eine von ihnen scharf
sieht, sind im allgemeinen
die anderen nicht scharf. Ist
man darin geübt, sich der
Akkommodationsänderungen
seines Auges bewußt zu
werden, so bemerkt man, daß das Auge eine größere Sehweite annimmt, um
die seinem horizontalen Durchmesser parallelen Linien deutlich zu sehen, mehr
für die Nähe dagegen akkommodiert, um die senkrechten zu sehen.
Man muß deshalb eine vertikale Linie weiter vom Auge entfernen als eine
horizontale, wenn man sie beide zu gleicher Zeit deutlich sehen will. An. Fıok
sah vertikale Linien in 4,6 m Entferuung deutlich, und zugleich horizontale in
3 m, ich selbst vertikale in 0,65 m, horizontale in 0,54 m Entfernung.
Zeichnet man eine große Zahl feiner konzentrischer Kreislinien in gleichen
Abständen voneinander auf Papier, wie in Fig. 75, und betrachtet sie in
einer Entfernung, für die man gut akkommodieren kann, so erscheinen eigen-
tümliche strahlige Scheine auf der Figur. Bei genauerer Betrachtung erkennt
man, daß in den lichteren Radien die schwarzen und weißen Linien scharf von-
1i*
Fig. 75.
164 Die Dioptrik des Auges. [140. 141.
einander geschieden sind, dazwischen aber liegen hellgraue wolkige Stellen, in
denen die schwarzen Linien mehr verwaschen erscheinen. Läßt man die Ak-
kommodation des Auges oder die Entfernung der Figur vom Auge etwas
wechseln, so werden andere Stellen der Figur klar, und es entsteht dadurch der
Anschein, als ob die klaren Strahlen sich sehr schnell hin und her bewegten.
Richtet man das Auge für eine beträchtlich weitere Entfernung ein, als in der
die Figur liegt, so sieht man 8 bis 10 Sektoren mit deutlichen Linien; wo diese
aneinander stoßen, sind sie nebelig, aber man erkennt, daß die schwarzen
Linien des einen Sektors nicht mit denen des nächsten zusammenpassen. Die
innersten Kreise bekommen dadurch ein seltsam verzerrtes Ansehen.
Daß die beschriebenen Erscheinungen von einer Asymmetrie des Auges
herrühren, ist zunächst klar. Ein optisches Instrument, welches um seine Achse
ringsum symmetrisch gebaut ist, kann für einen in der Achse liegenden Licht-
punkt allerdings Zerstreuungsfiguren entwerfen, die aber selbst symmetrisch
gegen die Achse und kreisförmig gebildet sein müssen.
Was zunächst die strahlige Bildung der kleinen Zerstreuungskreise betrifft,
so müssen wir trennen, was davon dauernd ist und jederzeit bei reiner Horn-
haut wieder erscheint, und andererseits den Teil der Erscheinung, der durch
Tränenfluß und Blinzeln der Augenlider verändert wird. Der letztere Teil
rührt offenbar her von Tropfen wässriger oder fetter Flüssigkeit, oder von Un-
reinigkeiten, die sich auf der Hornhaut angesammelt haben. Man kann diese
Erscheinungen nachahmen, wie A. Fıck gezeigt hat, wenn man mit einer Glas-
linse, auf deren Oberfläche man Wassertropfen ausgebreitet hat, das Bild eines
hellen Punktes entwirft.
Dergleichen vergängliche Erscheinungen kommen in den Strahlenfiguren
meiner eigenen Augen seltener vor, vielmehr sehe ich gewöhnlich immer die-
selben Figuren wieder, welche ich oben in Fig. 72 a bis d abgebildet habe, und
welche durch ihre strahlige Form wohl zunächst an den strahligen Bau! der
Linse erinnern. In der Tat konnte ich mich überzeugen, daß die wesentlichsten
Züge dieser Strahlenfiguren von Unregelmäßigkeiten der Linse herrührten, in-
dem ich die feine Öffnung, durch welche das Licht fiel, sehr nahe an das Auge
brachte; dann sieht man in dem Zerstreuungskreise die sogenannten entoptischen
Erscheinungen, welche im nächsten Paragraphen beschrieben werden sollen,
Dort wird auch gezeigt werden, in welcher Weise man eine sichere Kenntnis
von dem Orte der Objekte im Auge erhalten kann, welche diese Erscheinungen
veranlassen. Es fand sich nun, daß gewisse helle und dunkle Streifen, welche
dem entoptischen Bilde der Linse angehörten, bei allmählich steigender Ent-
fernung der Öffnung vom Auge übergingen in die hellen und dunklen Flecken
und Streifen der in Fig. 72 c und d abgebildeten Sternfiguren. Abbildungen
dieses Übergangs hat schon Tu. Youss? gegeben.
Was die zweite Klasse der oben beschriebenen Erscheinungen betrifft,
welche sich auf die verschiedene Vereinigungsweite der Strahlen nach der
vertikalen und horizontalen Richtung beziehen, so läßt sich deren Grund noch
nicht mit gleicher Bestimmtheit angeben. Im allgemeinen muß eine solche
Art der Abweichung eintreten, so oft Licht an krummen Flächen gebrochen
wird, deren Krümmung nach verschiedenen Richtungen hin verschieden ist, oder
auch an Kugelflächen, so oft es schief auf die Fläche füllt. An beiderlei Ur-
1! K. oben 8. 129,
? Philos. Transact, 1801. I. pl. VI.
141. 142.] Brechung in Ellipsoidenflächen.
LASER an te
sachen kann man im Auge denken. Horizontale und vertikale Meridianschnitte
der brechenden Flächen des Auges haben vielleicht nicht dieselben Krümmungs-
radien; und wir wissen außerdem, daß das menschliche Auge nicht ganz genau
zentriert ist, und daß der Ort des direkten Sehens nicht in der Linie liegt
welche dem Begriffe einer Augenachse am nächsten kommt.
Anzuführen ist, daß Tm. Youns!, in dessen Auge die beiden Vereinigungs-
weiten ziemlich beträchtlich differierten, durch einen Versuch ermittelt hat, daß
seine Hornhaut diese Differenz nicht bewirke. Er brachte nämlich das Auge unter
Wasser, wobei die Brechung in der Hornhaut fast vollständig aufgehoben ward, und
fand, daß die Differenz der Vereinigungsweiten noch in gleichem Maße fortbestand.
Man kann übrigens, wie Tu. Young ebenfalls bemerkt hat, diesen Fehler des
Auges aufheben, wenn man Linsenglüser unter einer gewissen Neigung gegen die
Augenachse vor das Auge bringt. Ich fand, daß der Versuch leicht gelingt, und
daß ich es durch eine passende Haltung eines schwachen Konkavglases dahin
bringen konnte, ein System feiner senkrechter Linien gleichzeitig mit einem
daneben befindlichen von horizontalen Linien gleich deutlich zu sehen.
Schließlich ist noch die unvollkommene Durchsichtigkeit der Augenmedien
als Grund monochromatischer Abweichungen anzuführen. Die Fasern der Horn-
haut und Linse scheinen allerdings durch eine Zwischensubstanz von ziemlich
gleichem Brechungsvermögen verbunden zu sein, so daß bei mäßiger Licht-
stärke diese Teile vollkommen homogen und klar erscheinen. Wenn man aber
starkes Licht durch eine Brennlinse auf sie konzentriert, wird das an den
Grenzen ihrer Elementarbestandteile reflektierte Licht stark genug, um sie weiß-
lich trübe erscheinen zu lassen. Von dem durch sie gehenden Lichte wird also,
wie dieser Versuch zeigt, ein Teil diffus zerstreut, und muß auch andere Teile
der Netzhaut treffen, auf welche das regelmäßig gebrochene Licht nicht fällt.
In der Tat bemerkt man, wenn man ein intensives Licht vor einem ganz
dunklen Grunde betrachtet, den Grund mit einem nebeligen weißen Scheine
übergossen, der in der Nähe des Lichts am hellsten ist. Sowie man das Licht
verdeckt, erscheint der umgebende Grund in seiner natürlichen Schwärze. Ich
glaube diese Erscheinung durch zerstreutes Licht erklären zu müssen ?,
Ich will die Theorie der Brechung an nicht kugeligen Flächen und der
Brechung bei schiefem Einfall an Kugelflächen hier nicht vollständig entwickeln,
weil sie vorläufig für die Untersuchung der Brechung im Auge nur von geringem
Nutzen sein würde, solange wir nicht genauere Bestimmungen für die Form
der brechenden Flächen haben. Es genüge hier, eine derartige Brechung in
zwei einfachen Fällen zu betrachten, aus denen die betreffenden Verhältnisse
anschaulich werden.
Wir betrachten zuerst die Brechung im Scheitel eines ungleichachsigen
Ellipsoides. Es sei in Fig. 76 die Linie gb eine Achse des Ellipsoides, in
deren Verlängerung bei p der leuchtende Punkt liegt. Die Ebene der Zeichnung
sei ein Hauptschnitt des Ellipsoides, so daß auch noch eine zweite Achse des
Ellipsoides gh% in dieser Ebene liegt. Da nun die Normalen solcher Punkte der
ellipsoidischen Fläche, welche in einem Hauptschnitte liegen, auch in demselben
Hauptschnitte liegen, so liegen die Normalen der Kurve beh in diesem Falle
in der Ebene der Zeichnung. Wenn von p aus ein Strahl auf den Punkt o
' Philos. Transact. 1801. P. I. p. 40.
* Heısmorrz in Poaoenvorrrs Ann. LXXXVI. 509.
166 Die Dioptrik des Auges. [142. 143.
fällt, so liegt der gebrochene Strahl in der durch den leuchtenden Punkt und
das Einfallslot gelegten Ebene, d. h. in der Ebene der Zeichnung, und schneidet
also die Achse bg in irgend einem ihrer Punkte o. Dies würde nicht der Fall
sein, wenn die Ebene der Zeichnung nicht eben ein Hauptschnitt wäre.
Ist ad die Normale im Punkte c, so wird die Lage des gebrochenen Strahls
nun weiter durch die Bedingung bestimmt, daß
sin Z ped = nsin ZL geg
sein muß, wenn nm das Brechungsverhältnis bezeichnet. Diese Bedingung ist
also dann ganz dieselbe wie für Rotationsflächen. Die nahe senkrecht bei b
auffallenden Strahlen werden dann also einen gemeinschaftlichen Vereinigungs-
A punkt in der Achse haben, dessen
d Entfernung von dem Krüm-
mungsradius r, der Kurve bch
2 in b abhängt. Ist p unendlich
TE 7 + entfernt, so ist die Vereinigungs-
weite der Strahlen, d. h. die
Brennweite in dem vorliegenden
Fig. 76. Hauptschnitte gleich 1 .
Für die Strahlen von p, welche in dem anderen Hauptschnitte verlaufen,
der durch bq und die dritte Achse gelegt ist, verhält sich wieder alles ebenso,
nur hat der Krümmungsradius im Scheitel der Fläche einen anderen Wert r,,
und die Brennweite der Strahlen in diesem zweiten Hauptschnitte ist gleich u .
Der Strahl pq wird also von den Strahlen, die in der Ebene der Zeichnung
unmittelbar neben ihm liegen, in einem Punkte, etwa q, geschnitten; von den
Strahlen dagegen, die in einer durch ihn senkrecht zur Ebene der -Zeichnung
gelegten Ebene ihm unmittelbar benachbart sind, nicht in demselben Punkte 7,
sondern in einem anderen Punkte, etwa in s.
Läßt man unter diesen Umständen die Strahlen von p durch eine kleine
kreisförmige Öffnung, deren Mittelpunkt sich in der Achse bei 5 befindet, auf
die brechende Fläche fallen, so ist der Querschnitt des Strahlenbündels un-
mittelbar bei b ein Kreis, zwischen b und o eine Ellipse, deren senkrecht zur
Ebene der Zeichnung gestellte Achse größer ist als die in der Ebene liegende.
Die Ellipse wird immer kleiner und zugleich gestreckter, je mehr wir uns dem
Punkte q nähern. In q ist der Querschnitt des Strahlenbündels eine zur Ebene
der Zeichnung senkrechte Linie. Weiterhin wird er wieder eine Ellipse, deren
größere Achse senkrecht zur Ebene der Zeichnung steht, die schnell einem
Kreise ähnlicher wird, ungefähr in der Mitte zwischen q und s wirklich ein
Kreis wird und sich dann in eine Ellipse verwandelt, deren längere Achse in
der Ebene der Zeichnung liegt, die sich gegen s hin immer mehr streckt, in s
selbst sich in eine gerade Linie zusammenzieht und jenseits s allmählich wieder
breiter wird und sich immer mehr der Kreisform nähert.
Ähnlich verhält es sich mit Strahlenbündeln, welche schief auf eine kugelige
Fläche fallen. Nehmen wir an, in Fig. 76 sei beh eine Kugelfläche und pe
ein solcher schief auffallender Strahl. Wir wissen!, daß die Strahlen, welche
1 K. oben S., 51. Fig. 32.
148. 144.] Diffraktion des Lichts iu der Papille. 167
in der Ebene der Zeichnung unmittelbar neben ce auf die Fläche fallen, sich
mit dem Strahle pc nach der Brechung nicht im Brennpunkte und in der
Zentrallinie pq, sondern in einem seitwärts von der Achse liegenden Punkte
der kaustischen Fläche schneiden. Es sei dieser Punkt . Denken wir uns
dagegen die ganze Figur um die Linie ap gedreht, so tritt der Strahl pe all-
mählich an die Stelle anderer Strahlen, welche mit ihm gleich weit von dem
Punkte b entfernt auf die Fläche fallen, und der gebrochene Strahl cg tritt an
die Stelle der dazu gehörigen gebrochenen Strahlen. Diese Strahlen schneiden
sich also alle nur im Punkte g.
Während also die in der Ebene der Zeichnung dem Strahle pc unmittelbar
benachbarten Strahlen ihn in ? schneiden, schneiden ihn diejenigen benachbarten
Strahlen, die vor und hinter der Ebene der Zeichnung in gleicher Entfernung
von b einfallen, in g, und endlich können wir hinzusetzen, daß ihn diejenigen
Strahlen, welche weder in der Ebene der Zeichnung noch in gleicher Entfernung
von b, wie be ist, auffallen, gar nicht schneiden.
Es ist noch zu erörtern, inwiefern die Diffraktion des Lichts in der Pupille
von Einfluß auf die monochromatischen Abweichungen des Lichts sein kann.
Zunächst dürfte wohl die Frage aufgeworfen werden, ob die strahlige Form der
kleinen Zerstreuungsfiguren nicht von den kleinen Einschnitten des Pupillar-
randes veranlaßt sei. In der Tat sieht man eine ausgedehntere strahlige Figur,
wenn man nach einem sehr hellen Lichtpunkte durch eine Öffnung sieht, welche
kleiner als die Pupille ist, und deren Ränder nicht ganz feinpoliert sind; doch
besteht eine solche Strahlenfigur in der Regel aus sehr feinen, mehr haar-
förmigen Strahlen mit lebhaften Farben, ähnlich dem schon oben beschriebenen
Haarstrahlenkranze des Auges, der sehr belle Lichtpunkte umgibt, auch wenn
man sie nicht durch eine künstliche Öffnung betrachtet. Dreht man die Öffnung
dann um ihren Mittelpunkt, so dreht sich der ganze Strahlenkranz mit ihr,
woraus sich eben ergibt, daß dieser Strahlenkranz von den Rändern der
Öffnung herrührt.
Von dem Vorhandensein einer Difiraktion des Lichts, welche durch die
feine Faserung der Kristallinse veranlaßt wäre, konnte ich mich an meinem
eigenen Auge nicht überzeugen. Wenn ich durch eine glatt gebohrte Öffnung
einer Metallscheibe nach einem kleinen lichten Punkte sehe, so dreht sich immer
die ganze Diffraktionsfigur, wenn ich die Scheibe drehe. Gehörten einzelne
Züge der Diffraktionsfigur den Fasern der Hornhaut oder Linse an, so müßten
diese stehen bleiben. Dagegen beschreibt BEER? aus seinem Auge Diffraktions-
erscheinungen, welche er von einer Faserung der Augenmedien herleitet.
Diese Diffraktionsphänomene unterscheiden sich aber von denen der kleinen
Zerstreuungskreise wesentlich durch den Umstand, daß letztere beim Verdecken
der Pupille von einer Seite her auch von einer Seite her verschwinden, während
die andere Seite ungestört bleibt. Wenn ein feines Fäserchen oder ein feiner
Einschnitt dagegen Difiraktionsstrahlen bildet, so erstrecken sich diese niemals
bloß nach einer Richtung, sondern stets auch nach der entgegengesetzten, weil
jede Unterbrechung einer Lichtwelle stets nach entgegengesetzten, meist nach
allen Seiten hin ihren Einfluß ausübt. Die Haarstrahlenfiguren zeigen nun
wirklich diesen Charakter; sobald man die Pupille anfängt zu bedecken, werden
mehr oder weniger alle Teile der Figur gestört und verändert.
! Posarnooners Ann LXXXIV. 518.
168 Die Dioptrik des Auges. [144. 145.
Außer der Difiraktion, welche Unregelmäßigkeiten des Randes der Pupille
bewirken, kommt aber auch noch in Betracht, daß die ganze Pupille als enge
kreisförmige Öffnung Diffraktion hervorrufen kann. Jedesmal, wo Strahlen eines
leuchtenden Punktes durch eine oder mehrere brechende Flächen von begrenzter
Apertur, die übrigens vollkommen achromatisch und aplanatisch sein mögen,
gebrochen werden, entsteht im Vereinigungspunkte der Lichtstrahlen kein punkt-
förmiges Bild, sondern wegen der Diffraktion am Rande der Apertur eine kleine
lichte Figur, die abwechselnd helle und dunkle Stellen zeigt, deren Form und
Lage im allgemeinen von der Größe und Gestalt der Öffnung abhängig sind.
Ist die letztere kreisförmig, wie bei den optischen Instrumenten und im Auge
gewöhnlich der Fall ist, so besteht die Diffraktionsfigur aus einer hellen Kreis-
scheibe, umgeben von mehreren dunklen und hellen Ringen von schnell ab-
nehmender Helligkeit. Ist d der Durchmesser der Apertur des brechenden
Systems, r der Abstand des Bildes von derselben, / die Wellenlänge des Lichts,
so ist der Durchmesser ð der mittleren Kreisscheibe nach der durch die Ver-
suche bestätigten Theorie dieser Erscheinungen
Eé
d
Setzen wir für mittleres Licht ? = sen mm und r für das Auge gleich 20 mm,
so wird, wenn d und d in Millimetern ausgedrückt werden,
1
ò = 0,0244 -7°
Bei der kleinsten Pupillenweite, die wir gleich 2 mm setzen wollen, würde
ò = 0,0122 mm werden. Diese Größe des Zerstreuungskreises entspricht einem
Gesichtswinkel von 2 Min. 6 Sek., und ist gleich der Größe des Zerstreuungs-
kreises, den in einem für unendliche Entfernung adaptierten Auge ein 25 m
entfernter Lichtpunkt entwirft. Da der Gesichtswinkel der kleinsten wahrnehm-
baren Distanzen etwa 1 Min. beträgt, so muß bei engster Pupille die Diffraktion
eben anfangen, die Genauigkeit des Sehens zu beeinträchtigen.
Zu den monochromatischen Abweichungen gehören auch noch die Licht-
streifen, welche nach oben und unten von einem lichten Körper ausgehen, wenn
man die Augenlider halb schließt. Sie rühren von der Brechung des Lichts
in dem konkaven Flüssigkeitsrande her, der sich an den Lidern erhebt. Dieser
Rand wirkt wie ein kleines Prisma oder eine Reihe kleiner Prismen von veränder-
lichem Winkel, und lenkt das ihn treffende Licht stark von seinem Wege ab.
Die Messungen, welche von verschiedenen Physikern über die Ungleichheit der
Brennweite horizontal und vertikal divergierender Strahlen ausgeführt worden sind,
haben ergeben, daß verschiedene Individuen sich in dieser Beziehung sehr verschieden
verhalten. Bei einigen fehlen diese Abweichungen ganz und gar, wie z. B. bei Brücke,
und wo sie vorkommen, zeigen sie sich in entgegengesetztem Sinne.
Tu. Youxs gibt an, daß sein Auge zu einem Focus sammele vertikal divergierende
Strahlen eines 10 engl. Zoll (304 mm) entfernten leuchtenden Punktes, und horizontal
divergierende eines 7 Zoll (213 mm) entfernten. Um die Größe dieses Unterschieds
unabhängige von den Sehweiten seines Auges auszudrücken, berechnet er die Brenn-
weite eines Glases, welches imstande wäre, als Brille gebraucht, die eine Entfernung
auf die andere zu reduzieren, und findet 23 engl. Zoll (700 mm), Um den Fehler
' Fortschritte der Physik im Jahre 1845. Bd. I. S. 211.
146. 146. ] Geschichte der monochromatischen Abweichungen. 169
seines Auges zu korrigieren, würde er ein Brillenglas mit einer konvexen Zylinder-
fläche von horizontaler Achse oder ein solches mit einer konkaven Zylinderfläche
und vertikaler Achse von der angegebenen Größe der Brennweite gebraucht haben.
A. Fick fand, daß er 4,6 m entfernte Vertikallinien und 3 m entfernte Horizontal-
linien gleichzeitig deutlich gesehen habe, Ich selbst sehe gleichzeitig deutlich 0,65 m
entfernte Vertikalien und 0,54 m entfernte Horizontallinien. Der Sinn der Abweichung
ist in diesen beiden Füllen der entgegengesetzte wie bei Tu. Youxs, die Größe eine
viel geringere, Durch die Fokallünge einer zylindrischen Linse ausgedrückt, entspricht
die Abweichung in Fıcks Auge einer Brennweite von 8,6 m und in meinem Auge
3,19 m. Dergleichen Messungen sind leicht auszuführen, indem man etwa 1/, Zoll
über einem horizontalen, hinreichend langen Brettchen eine feine Nähnadel horizontal
befestigt, und indem man sie vom Ende des Brettchens her betrachtet, eine vertikale Nadel
vor ihr oder hinter ihr in solcher Entfernung einsticht, daß beide gleich deutlich erscheinen.
A. Fıox findet, daß ein unbefangen blickendes Auge sich meist für Vertikallinien
akkommodiert. Um annähernd die Entfernung der beiden Brennebenen berechnen
zu können, wollen wir annehmen, daß Listings schematisches Auge für Vertikal-
linien akkommodiert sei. Machen wir die Abweichung der horizontal und vertikal
divergierenden Strahlen darin ebenso groß wie bei den genannten drei Beobachtern,
so würde liegen der Brennpunkt für horizontale Strahlen nach den Angaben von
Ta. YousG . . . . . ._ 0,422 mm vor dem anderen,
s NIE a Tee UU e mm.
H. Heamnota . . v 0,094 Sech IRA dan RAR,
Diese Abweichungen sind, wie man sieht, kleiner als die des roten und violetten
Brennpunktes (0,6 mm). Sie beeinträchtigen die Schärfe des Sehens auch so lange
nicht sehr wesentlich, als es darauf ankommt, Linien voneinander zu unterscheiden,
die irgend einer Hauptrichtung folgen. Nur wo gekreuzte Linien gleichzeitig scharf
gesehen werden sollen, treten sie hindernd auf,
Die mehrfachen Bilder eines Punktes oder einer Linie bei ungenauer Akkommo-
dation haben schon mp Lra Hıre! und Juris? erwähnt, aber ohne die richtige Er-
klärung zu finden. Später beschrieb und bildete Tm. Youxs® die Form der Zer-
streuungsfiguren ab bei verschiedener Entfernung des leuchtenden Punktes und spricht
die Vermutung aus, daß die Strahlen von leichten Ungleichförmigkeiten der vorderen
Linsenfläche herrühren möchten. Später erwähnt sie Hassexrrarz*, welcher den-
selben Grund voraussetzt und sie als Schnittlinien von zwei kaustischen Flächen be-
zeichnet. Purkınage® beschreibt die Erscheinungen der mehrfachen Bilder, ferner die,
welche beim Anschauen feiner paralleler Linien eintreten, und bildet die Sternfigur
ab; er glaubt sie am besten von Hornhautfacetten ableiten zu können. Mehrfache
Bilder einer hellen Linie hat auch Pseuer® gesehen und erkannt, daß sie durch eine
besondere Struktur der brechenden Flächen veranlaßt sein müßten. Ebenso Nient’,
Gutrard!, Fuienxer®, Letzterer hat die hierher gehörigen Erscheinungen ausführ-
lich in ihrem Zusammenhange beschrieben. Trovessarr!? glaubt einen netzförmigen
' Aceidens de la vue. p. 400.
7 Surrus Optics. Essay on distinct and indistinct vision. p. 156.
" Philos. Transactions. 1801. I. p. 48. Pl. VI.
* Ann. de Chimie. 1809. T. LXXIL p. 5.
® Beiträge zur Kenntnis des Sehens. S. 113—119. Nene Beiträge z. Kenntnis d. Sehens.
S. 189—146. 178.
" Ann. d. Chimie et d. Phys. LIV. 879. — Poocexporrres Ann. XXXIV. 557.
’ De dioptrieis oculi coloribus ejusque Polyopia. Dissert. Berolini 1842.
P Institut. 1845. No. 581. p.64.
® Poaoenporers Ann, LXXXV. 821. 460. LXXXVI. 836. Cosmos. I, aan,
w CO R. de l'Acad. d. sciences. XXXV. 134—186, 898. Archive de Genève. XX. 305.
Institut. 1852. p. 304.
170 Die Dioptrik des Auges. [146. 147.
dunklen Schirm hinter den brechenden Flächen des Auges annehmen zu müssen, dessen
mehrfache Öffnungen nach dem Prinzipe des Scheiserschen Versuchs die mehrfachen
Bilder veranlaßten. Die Ansicht über ihre Entstehung von A. Frox? ist oben schon
erwähnt. Erwähnt werden hierher gehörige Erscheinungen noch von Amte? und
Cranmors®, Eine ganz eigentümliche Ansicht über den Ursprung der mehrfachen
Bilder, die Polyopia monophthalmica der Augenürzte, hat SrELLWAG von CARION*
aufgestellt. Er glaubte beobachtet zu haben, daß die verschiedenen Bilder nach ver-
schiedenen Richtungen polarisiertes Licht erhalten. Indessen ist dies nicht richtig;
Herr SreLLwae ist bei seinen Versuchen wahrscheinlich durch eine schlecht geschliffene
Turmalinplatte mit schwach gewölbten Flächen oder Streifen im Innern getäuscht
worden. Eine schwach zylindrische Flüche einer solchen Platte würde, vor das Auge
gehalten, bald in horizontaler, bald in vertikaler Richtung die Strahlen zur Ver-
einigung bringen und dadurch einzelne der Doppelbilder beseitigen können. Um den
Einfluß solcher Mängel der Platte aufzuheben, stelle man sie zwischen das Licht und
einen Schirm mit enger Öffnung, so daß polarisiertes Licht durch die Öffnung fällt,
während der Beobachter diese Öffnung aus hinreichender Entfernung betrachtet, um
sie sternförmig zu sehen. Man lasse nun die polarisierende Platte herumdrehen, so
daß die Polarisationsriehtung des Lichts wechselt. Dann ist nicht der geringste Einfluß
der Polarisationsrichtung auf die Doppelbilder zu erkennen. Übrigens lassen sich die
von SreLLwac angeblich gewonnenen Resultate auch nicht mit den bekannten Gesetzen
der Doppelbrechung vereinigen. Widerlegt worden ist er durch Gr, Die medi-
zinische Literatur über das pathologische Vorkommen auffallenderer Diplopia mon-
ophthalmica findet sich in dem Aufsatze von StELLwAG zusammengestellt.
Über Diffraktionserscheinungen des Auges sind Beobachtungen gemacht von
Bauprımone", WALLMARK’, Beer®, Die Lichtstreifen, welche bei halb vorgeschobenen
Augenlidern durch den konkaven Trünenrand an ihren Rändern entstehen, hat Merer”
(in Leipzig) besprochen.
Die Asymmetrie des Auges in seinen verschiedenen Meridianebenen finde ich zu-
erst von Tu. Youxe?? besprochen, welcher dabei anführt, daß ein Herr Carr ihm
als Tatsache angeführt habe, daß viele Personen ihre Brillenglüser schief gegen das
Auge halten müßten. um gut durch sie zu sehen. Weitere darauf bezügliche Be-
obachtungen finden sich von Aus ll, Fıscher!?, Cuauuıs!®, HEINEKEN 4, Hamınrox®,
Scusvper !®, welcher letztere Zylinderlinsen dagegen verfertigen ließ, endlich A. Frox".
Eine vollständigere Zusammenstellung der Beobachtungen findet sich in FECHNERS
Zentralblatt (Jahrgang 1853. p. 73—85. 96—99. 374—379. 558—561).
1 Hraur u. Preurrenr, Zeitschrift. N. Folge V. S. 277.
2 Ann. d. Chimie et d. Physique. LVI. 108. — Posszxvorrrs Ann. XXXIII. S. 479.
3 Philos. Magazine. (8) XXXVI. 485.
* Wiener Sitzungsberichte. VIII. 82. Denkschriften d. k. k. Akad. V. 2. p. 172.
5 Über Diplopia monophthalmica. Dissert. Zürich 1854.
è ©, R. d. Acad. d. se. XXXIII. 496; Institut. No. 981; Phil. Magaz. (4) II. 575.
? Pocaexporrrs Ann, LXXXII. 129.
8 Pogaexporrrs Ann, LXXXIV. 518.
" Pocoexborrrs Ann. LXXXIX. 429.
10 Phil. Transact. 1801. I. p. 39.
u Edinb. Journal of Se. XIV. p. 822.
12 Berl. Denkschriften 1818 u. 1819. S. 46.
17 Transact. of the Cambridge Phil. Soe. IL: Phil. Magaz. (3) XXX. 866.
“ Phil. Magax. XXXII. 318.
15 Frorwrs Notizen. VII 219.
1% Verhandl. d. schweizer. naturf, Ges. 1848. S. 15; Fnorıers Notizen. X. 346: Arch.
de Genève. X. 302,
De errore quodam optico asymmetria bulbi effeeto. Marburgi 1851; Hexıe u. Preurrer
Zeitschrift. N. Folge. Bd. II. S. 88.
147.] Literatur der monochromatischen Abweichungen. OW 171
Die Frage nach der sphürischen Abweichung des Auges in dem Sinne, wie dieser
Ausdruck für künstliche Instrumente gebraucht wird, verliert neben den beschriebenen
viel gröberen Abweichungen, die im Auge vorkommen, ihre Wichtigkeit. Außer der
im vorigen Paragraphen schon erwähnten Beobachtung von Tu. Youss mit seinem
Optometer, wonach dessen Faden, durch vier Öffnungen gesehen, vierfach erschien und
sich die vier scheinbar vorhandenen Fäden bei der Akkommodation für die Nähe nicht
in einem Punkte kreuzten, hat auch Vorkmann! sich bemüht, durch Versuche über
die Frage zu entscheiden, ob das Auge sphärische Aberration besitze. Er und einige
andere Personen blickten durch einen Schirm mit vier Öffnungen, die in einem Bogen
standen, nach einer Nadel, die in verschiedene Entfernungen vom Auge gebracht
wurde. Wenn das Auge die mittleren Strahlen eher vereinigt als die Randstrahlen,
werden sich bei dem Versuche, indem man die Nadel vom Auge entfernt und dem
Punkte des deutlichen Sehens nähert, die Bilder der Nadel, welche den mittleren
Öffnungen angehören, eher vereinigen als die der seitlichen Öffnungen. Werden die
Randstrahlen eher vereinigt als die Zentralstrahlen, so wird es umgekehrt sein. Vork-
MANN fand bei verschiedenen Individuen in dieser Beziehung ein entgegengesetztes Ver-
halten. Bei regelmäßig gebildeten brechenden Rotationsflichen würden die angegebenen
Versuche von Young und VoLKmanN in der Tat über die Art und Größe der sphüri-
schen Abweichung des Auges Aufschluß geben. Indessen werden in den meisten
Meridianebenen der meisten Augen die Punkte, wo die gebrochenen Strahlen den
Zentralstrahl treffen, gar keine kontinuierliche Reihe bilden, so daß der Begriff der
sphärischen Abweichung hier gar nicht paßt.
1694. pp LA Hire, Accidents de la vue in den Mém. de l'Acad, de Paris. 1694. p. 400.
1788. Juris, Essay on distinct and indistinet vision. p.156 in R. Suras Opties.
1801. Tu. Youxa in Philos. Transactions for 1801. I. p. 48*,
1809. Hassexrrarz, Ann. de Chimie. T. LXXII. p. 5.
1818. Fıscuer, Berliner Denkschriften für 1818 u. 1819. S. 46.
1819. Punkınse, Beiträge zur Kenntnis des Sehens. Prag. S. 118—119*,
1824. P£over, Ann. d. Chimie et d Phys. LIV. 379; Poasexporrrs Ann. XXXIV. 557.
Aınte, Ann. d. Ohim. et d. Phys. LVI. p. 108.
1825. Punkınse, Neue Beiträge zur Kenntnis des Sehens. Berlin. $. 189—146. 173*,
Brewsrer, Edinb. Journal of Seience. XIV. p. 322. (Über Amys Auge).
1842, kung, De dioptrieis oculi coloribus ejusque Polyopia. Dissert. Berolini.*
1845. Gufinann, Institut. No. 581. p. 64.
1846. Vorkmans, Artikel: Sehen, in R. Wassers Handwörterbuch für Physiologie,
1847. Ons in Philos. Magazine. (3) XXX. p.866; Transact. of the Cambridge Phil,
Soe. II.
1848, H. Meyer in Hexıe u. Preurrer, Zeitschr. für rat. Med. V. 368.
Heıseren, Philos. Magazine. (3) XXXII. p. 818.
Hanırrox in Frorwrs Notizen. VII 219.
Scuxyoer, Verhandl. d. schweizer. naturf. Gesellsch. 1848. p. 15.
1849. Warımark, Öfvers. af Akad. förhandlingar. 1849. p. 41; Posazxvorrrs Ann.
LXXXII. 129.
1850. Oransore in Philos. Magax. (8) XXXVI. p. 485.
Bauprımont, Comptes rend. de l'Acad. d se, XXXIII. 496; Institut. No. 981; Philos.
Magax. (4) II. 575.
1851. Beer, Possexporrrs Ann. LXXXIV. S. 518.
A. Per, De errore optico quodam asymmetria bulbi oculi effecto. Marburg. Auszug
in Hexe u. Prevrrer, Zeitschr. für rat. Med. Neue Folge. II. 8.88,
1852. *Fuwpxer, Beobachtungen über Zerstreuungsbilder im Auge, sowie über die Theorie
des Sehens. Posaesvonrrs Ann. LXXXV. 2917. 460%. LXXXVI. 836*; Moıaxo,
Cosmos. I. 838.
1 R. Waaoxers Handwörterbuch für Physiol. Artikel: Sehen.
172 Die Dioptrik des Auges.
U SHE
1852, Trousssarr, Comptes rend. d. l'Acad. d se. XXXV. p. 184—186. 398; Archive de
Genève. XX. 805; Institut, 1852. p. 304.
Brian vox Carios, Wiener Sitzungsber. VIII. 82; Denkschr. d. k. k. Akad, V. 2.
S. 172; Zeitschrift d. Ärzte zu Wien. 1858. Heft 10 u. 11; Fecuxers Zentralblatt.
1854. 281—292.
1858. Mever (in Leipzig), Pocaexporrrs Ann. LXXXIX. 429.
1854. A. Pe in Hexe u. Preurren, Zeitschr. N. Folge. V. 277.
Gur, Über Diplopia monophthalmica. Dissert. Zürich.
Nachtrag.
Die hierher gehörigen Formen der Abweichungen sind seit Veröffentlichung
des obigen Paragraphen im ärztlichen Interesse ausführlicher studiert worden,
namentlich von Doxpers und Kxarr. ` Wnrwrtt, hat für sie den sehr zweck-
mäßigen Namen des Astigmatismus vorgeschlagen (œ privativum und
oriyua von oti£o, pungo, d.h. „ohne Brennpunkt“). Er unterscheidet regulären
und irregulären Astigmatismus; ersterer umfaßt die oben unter Nr. 5,
Seite 163—169, beschriebenen Erscheinungen, welche davon herrühren, daß die
Krümmung der brechenden Flächen des Auges, namentlich der Hornhaut in
verschiedenen Meridianen verschieden ist. Der irreguläre Astigmatismus
dagegen, welcher sich in den Erscheinungen der Polyopia monocularis
äußert, umfaßt diejenigen Erscheinungen, welche davon herrühren, daß auch die
in jeder einzelnen Meridianebene des Auges einfallenden Strahlen nicht genau
in einen Brennpunkt vereinigt werden.
Der irreguläre Astigmatismus rührt in der Regel von der Kristallinse her,
wie schon oben S. 164 gezeigt wurde, abgesehen von solchen Fällen, wo kegel-
förmige Erhebungen, Geschwüre und ähnliche Leiden der Hornhaut krankhafter
Weise entstanden sind. Es zeigt sich dies auch darin, daß bei Augen ohne
Linse die Polyopie ganz wegfällt und solche Augen die Erscheinungen des
regulären Astigmatismus, namentlich die bald linienförmige, bald ovale Form
der Zerstreuungskreise, wie sie auf Seite 166 beschrieben sind, viel regelmäßiger
und deutlicher zeigen als normale Augen.
Donners hat die Erscheinungen, welche jeder einzelne Sektor der Kristall-
linse hervorbringt, dadurch noch genauer untersucht, daß er einen kleinen
Schirm mit sehr kleiner Öffnung vor dem Auge herumführte und so bewegte,
daß das Licht bald durch den einen, bald durch den anderen Sektor der Linse
fiel. Es zeigte sich dabei erstens, daß jeder einzelne Sektor der Linse die
auffallenden Strahlen nahehin in einen Punkt vereinigt, daß aber die Brenn-
punkte der verschiedenen Sektoren nicht zusammenfallen. . Zweitens ist aber
auch die Vereinigung der Strahlen durch jeden einzelnen Sektor nicht ganz
genau, sondern die der Augenachse näheren scheinen einen entfernteren Ver-
einigungspunkt zu haben als die peripherisch einfallenden Strahlen. Daher
drängen sich in dem Zerstreuungskreise jedes Sektors die Strahlen gegen die
Peripherie hin zusammen, ehe der Ort der engsten Vereinigung erreicht ist,
und nachher drängen sie sich an der zentralen Seite des Zerstreuungskreises
zusammen.
Der reguläre Astigmatismus zeigt sich in fast allen menschlichen Augen in
geringem Grade. Seine Größe kann nach demselben Prinzipe, wie die Breite
der Akkommodation gemessen werden. Astigmatische Augen haben, wie oben
angeführt wurde, verschiedene Sehweite für Linien von verschiedener Richtung
im Gesichtsfelde. Wenn die größte dieser Sehweiten P ist und bei demselben
835, 836.) ` Astigmatismus. 178
unveränderten Akkommodationszustande die kleinste für eine andere Linien-
richtung gleich p, so brauchen wir als Maß des Astigmatismus
1 1
maiis HE A
So lange As kleiner ist als Dr , bringt es noch keine erhebliche Störung
des Sehens hervor; wenn es aber größer ist, wird die Gesichtsschärfe merklich
beeinträchtigt, und es kann solchen Augen durch Brillengläser mit zylindrischen
Flächen geholfen werden, deren Brennweite man der Größe As gleich groß
wählt, und deren geradlinige Zylinderkanten man, wenn die zylindrische
Krümmung konvex ist, der Richtung der entferntesten deutlich gesehenen Linien
parallel macht. Ist die zylindrische Krümmung konkav, so stellt man die
Zylinderkanten im Gegenteil senkrecht zu jener Richtung. Die zweite Fläche
der Zylinderlinsen kann man sphärisch schleifen, so daß die gleichzeitig etwa
vorhandene Myopie oder Hypermetropie korrigiert wird.
Ein System zylindrischer Linsen ist auch das beste Mittel schnell heraus-
zufinden, ob und wie großer Astigmatismus vorhanden sei, und welches die
Richtungen des Meridians größter und kleinster Sehweite sind. Astigmatische
Linsen mit veränderlichem Grade von Astigmatismus kann man sich nach
einem Vorschlage von Sroxes zusammensetzen aus zwei gleichen Zylinder-
linsen, die man aufeinander legt. Stellt man sie so, daß ihre Zylinderkanten
sich rechtwinkelig schneiden, so sind sie nicht astigmatisch, sondern wirken
zusammen wie eine sphärische Linse. Dreht man sie unter einem kleineren
oder größeren Winkel, so kann man ihnen beliebig wachsende Größe des
Astigmatismus geben.
Einen zweckmäßigen Apparat zur schnellen Messung des Astigmatismus
hat E. Javar durch Herrn Nacher in Paris konstruieren lassen. Zwei Sterne
von je 24 Linien werden durch Konvexlinsen mit parallelen Gesichtslinien be-
trachtet. Man entfernt die Zeichnungen so weit, bis nur noch eine der Linien
scharf gesehen wird. Dann werden Zylinderlinsen, die in zwei drehbaren kreuz-
förmigen Fassungen sitzen, entweder einzeln oder zu zweien kombiniert vor-
geschoben, bis man eine Stärke gefunden hat, bei der alle Linien des Sterns
gleich deutlich erscheinen. Das Zentrum der beiden drehbaren Kreuze ist
selbst an einem beweglichen Arme befestigt, der um die optische Achse der
Konvexlinse gedreht werden kann, um der Krümmung des zylindrischen Glases
die richtige Richtung geben zu können.
Die von Doxvers und Knapp ausgeführten Messungen der Hornhaut astig-
matischer Augen haben ergeben, daß mit wenigen Ausnahmen die Hornhaut
den regelmäßigen Astigmatismus bedingt, und daß er bei höheren Graden
häufig ein wenig vermindert wird durch einen entgegengesetzten Astigmatismus
der Kristallinse.
Die Richtung der Linien, für welche die Sehweite am größten ist, ist wie
in den oben angegebenen Fällen von A. Fıck und mir selbst in der Regel der
vertikalen Richtung näher als der horizontalen; doch kommt auch, wie bei
Tu. Youss, in nicht allzu seltenen Fällen das Umgekehrte vor.
1852. A. Mëtten, Über das Beschauen der Landschaften mit normaler und abgeänderter
Augenstellung. (Angeblich von Astigmatismus herrührend.) Poasexnporrrs Ann.
LXXXVI. 147—152. Cosmos. I. 886.
Die Dioptrik des Auges. leng. 837.
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148. 149. ] $ 15. Die entoptischen Erscheinungen. 175
$ 15. Die entoptischen Erscheinungen.
Das in das Auge einfallende Licht macht unter gewissen Bedingungen eine
Reihe von Gegenständen sichtbar, welche sich im Auge selbst befinden. Solche
Wahrnehmungen nennt man entoptische. Unter gewöhnlichen Umständen
werfen kleine dunkle Körper, die im Glaskörper oder der Linse und wässrigen
Feuchtigkeit schweben, keinen sichtbaren Schatten, und werden deshalb nicht
bemerkt. Der Grund davon ist, daß durch jeden Teil der Pupille meist gleich-
mäßig Licht eindringt, und somit für die Beleuchtung der hinteren Augen-
kammer die ganze Pupille gleichsam die leuchtende Fläche bildet. Es ist aber
bekannt, daß, wenn Licht von einer sehr breiten Fläche ausgeht, nur breite
Gegenstände, oder solche Gegenstände, welche der den Schatten auffangenden
Fläche sehr nahe sind, einen sichtbaren Schatten werfen.
Nun gibt es im Auge allerdings Gegenstände, nämlich die Gefäße der
Netzhaut, welche sehr nahe vor der lichtempfindenden Fläche des Auges sich
befinden, und daher immer einen Schatten auf die dahinter liegenden Teile der
Netzhaut werfen. Aber eben weil diese Teile der Netzhaut hinter den Gefäßen
immer beschattet sind, und der beschattete Zustand für sie der normale ist,
nehmen sie ihn nur unter besonderen Umständen wahr, welche wir weiter unten
näher besprechen wollen,
. Zunächst wende ich mich zu den in den durchsichtigen Mitteln des Auges
enthaltenen kleinen schattengebenden Körpern. Um sie wahrzunehmen, muß
man Licht von einer sehr kleinen leuchtenden Stelle, welche sich sehr nahe
vor dem Auge befindet, in das Auge fallen lassen. Zu dem Zwecke kann man
entweder das im Focus einer kleinen Sammellinse entworfene Bild einer fernen
Lichttlamme nahe vor das Auge bringen, 4 S
oder ein kleines gut poliertes metallisches S o
Knöpfchen, welches von der Sonne oder Ka
einer Lampe beschienen wird, oder einen
Schirm von dunklem Papier, Elche Licht
durch eine sehr kleine Öffnung einfallen
läßt. Am zweckmäßigsten ist es, eine Sammel-
linse von großer Apertur und kleiner Brenn-
weite a Fig. 77 aufzustellen; vor ihr in Fig. 77.
einiger Entfernung eine Lichtflamme b, von
der die Linse in ihrem Brennpunkte ein verkleinertes Bild entw irft. Dann stellt
man hier einen undurchsichtigen dunklen Schirm — mit kleiner Öffnung so auf,
daß das Bild der Flamme auf diese
Öffnung fällt. Durch die Öffnung
dringt dann ein breiter Kegel diver-
gierender Strahlen. Ein Auge o,
welches der Öffnung sehr genäühert
wird, erblickt durch sie hindurch
die breite, gleichmäßig erleuchtete
Fläche der Linse, auf welcher sich
nun mit großer Deutlichkeit die entoptisch wahrzunehmenden Gegenstände dar-
stellen. Wenn wie in Fig. 78 der leuchtende Punkt a zwischen dem Auge
und seinem vorderen Brennpunkte / liegt, entwerfen die Augenmedien ein ent-
Fig. 78.
176 Die Dioptrik des Auges. [149. 150.
fernteres, vor dem Auge liegendes Bild œ von a, und die Strahlen durchdringen
den Glaskörper in Richtungen, welche von «œ aus divergieren. Unter diesen
Umständen wird von einem im Glaskörper befindlichen dunklen Körper b ein
Schatten # auf der Netzhaut entworfen, welcher größer ist als A.
Wenn wie in Fig. 79 der leuchtende Punkt a im vorderen Brennpunkte
des Auges liegt, werden die von a ausgegangenen Strahlen im Glaskörper
parallel sein, und von einem im Glaskörper befind-
lichen dunklen Körperchen b wird ein Schatten 2
von gleicher Größe entworfen. Liegt endlich der
leuchtende Punkt vom Auge weiter entfernt als der
vordere Brennpunkt des Auges f, wie in Fig. 80,
so fällt das Bild von o hinter das Auge nach «,
und die Strahlen konvergieren im Glaskörper
Fig. 79. nach e hin. Der Schatten 2 von b ist dann
kleiner als A.
Dementsprechend bemerkt man, daß die entoptisch sichtbar gewordenen
Gegenstände sich scheinbar vergrößern, wenn man das Auge dem leuchtenden
Punkte nähert; sich ver-
kleinern, wenn man es
d von ihm entfernt.
a e ee Die bei diesen
ET re ae Versuchen beleuchtete
Stelle der Netzhaut ist
der Zerstreuungskreis
Fig. 80. des leuchtenden Punk-
tes. Auf diesem werden
die Schatten der entoptisch wahrgenommenen Gegenstände entworfen. Diese
Schatten sind zwar scharf genug, daß man die Gestalt der Objekte ziemlich gut
erkennen kann, wenn die Lichtquelle klein genug ist, aber sie bilden doch
niemals ganz vollkommen scharfe Bilder, weil das Licht in Wirklichkeit doch nicht
von einem einzigen Punkte, sondern stets von einer, wenn auch kleinen, leuchtenden
Fläche kommt. Das von den Augenmedien entworfene Bild dieser Fläche ist für
die auf der Netzhaut zu entwerfenden Schatten die Lichtquelle, welche natürlich
stets einige Ausdehnung haben wird. Während punktförmige Lichtquellen
scharf gezeichnete Schatten entwerfen würden, entwerfen ausgedehntere Licht-
quellen Schatten, deren Umrisse allmählich durch Halbschatten in die helle
Fläche übergehen, und die deshalb minder scharf gezeichnet sind. Im all-
gemeinen werden deshalb die entoptischen Wahrnehmungen desto schärfer ge-
zeichnet, je feiner die Öffnung ist, durch welche das Licht dringt, und außerdem
je näher der schattengebende Körper der Netzhaut sich befindet. Aber natürlich
muß man bei engeren Öffnungen auch intensiveres Licht zur Beleuchtung be-
nutzen. Außerdem kommt bei sehr engen Öffnungen noch eine andere Er-
scheinung zum Vorschein, welche die Deutlichkeit der Zeichnung beeinträchtigt,
Es bilden sich nämlich durch die Diffraktion am Rande des schattengebenden
Körpers Diffraktionsfransen, helle und dunkle Linien, welche dem Umrisse des
Schattens folgen. Dergleichen Difiraktionsfransen entstehen überall, wo punkt-
förmige, hinreichend intensive Lichtquellen Schatten werfen. Bei den ge-
wöhnlichen Lichtquellen von größerer. Breite verschwinden diese Fransen im
Halbschatten.
150. 151. ] Entoptische Objekte. 177
Wenn das Auge oder der leuchtende Punkt seine Stellung verändert, so
verschieben sich die Schatten der Körper, welche verschieden weit von der
Netzhaut abstehen, in verschiedener Weise, und nehmen dadurch eine verschiedene
gegenseitige Lage an. Man kann, wie Listing gezeigt hat, diesen Umstand be-
nutzen, um den Ort im Auge ungeführ zu bestimmen, wo sich die schatten-
gebenden Körperchen befinden. Das entoptische Gesichtsfeld ist begrenzt durch
den kreisförmigen Schatten der Iris. Wenn wir nacheinander verschiedene
Punkte des kreisförmigen Feldes fixieren, verschieben sich die Schatten aller
Körper, welche nicht in der Ebene der Pupille liegen, gegen die kreisförmige
Begrenzung des Gesichtsfeldes. Diese Bewegung der Schatten in dem entoptischen
Gesichtsfelde nennt Listings die relative entoptische Parallaxe; er
nennt sie positiv, wenn die Bewegung des betreffenden Schattens die gleiche
Richtung hat mit der Richtung des Visierpunktes, negativ, wenn sie entgegen-
gesetzte Richtung hat. Die relative entoptische Parallaxe ist Null für Objekte,
welche in der Ebene der Pupille liegen, positiv für Objekte hinter der Pupille,
negativ für Objekte vor der Pupille. Für Objekte, welche der Netzhaut sehr
nahe liegen, ist die Verschiebung der Schatten fast ebenso groß wie die des
Visierpunktes, so daß diese den Visierpunkt bei seinen Bewegungen überall hin
begleiten, wenn sie nicht durch wirkliche Bewegungen in der Flüssigkeit des
Glaskörpers aus der Gesichtslinie entfernt werden.
Der Schatten auf der Netzhaut ist ebenso gerichtet wie der schattenwerfende
Körper; da aber, was auf der Netzhaut oben ist, im Gesichtsfelde unten er-
scheint, so erscheinen die entoptisch gesehenen Gegenstände im Gesichtsfelde
stets verkehrt.
Was man entoptisch wahrnehmen kann, ist folgendes:
1. Begrenzt ist das helle Feld durch den Schatten der Iris; es ist deshalb
nahe kreisrund, entsprechend der Form der Pupille. Hat der Pupillarrand der
Iris Einschnitte, Falten oder Vorsprünge, wie dies in vielen Augen der Fall ist,
so sind dergleichen auch in dem entoptischen Bilde zu erkennen. Auch die
Erweiterung und Verengerung der Pupille kann man entoptisch beobachten, am
leichtesten, wenn man das andere Auge abwechselnd mit der Hand verdeckt
und wieder frei läßt. Sobald Licht in dieses Auge fällt, verengern sich die
Pupillen beider Augen, und man erkennt diese Verengerung leicht im ent-
optischen Bilde.
2. Von den Flüssigkeiten herrührend, welche die Hornhaut überziehen
(Tränenfeuchtigkeit, Sekret der Augenliderdrüsen), nimmt man oft im entoptischen
Gesichtsfelde Streifen wahr, wolkig-helle oder lichtere Stellen, tropfenähnliche
Kreise mit heller Mitte, welche durch Blinzen mit den Augenlidern schnell ver-
wischt und verändert werden. Dergleichen sind dargestellt in Fig. 81. Sie
sind meist in schnellem Zerfließen begriffen und haben eine selbständige Be-
wegung von oben nach unten. Die Streifen sind am stärksten ausgeprägt dicht
am Rande der Augenlider, wenn man die Lider vor die Pupille treten läßt,
und sind der Ausdruck der kapillaren konkaven Flüssigkeitsschicht, welche sich
von der Hornhaut auf den Rand der Augenlider herüberzieht. Die Tropfen
entstehen wohl durch kapilläre Anhäufungen der feuchten Schicht um Schleim-
klümpchen, Staubteile u. dgl. Die helle Stelle in der Mitte der Tropfen bildet
oft ein unvollkommenes optisches Bild von der Lichtquelle, ist z. B. dreieckig,
wenn das Licht durch eine dreieckige Öffnung in das Auge fällt. Dies Bild
V. HeLunorrz, Physiologische Optik. 8. Aufl. I. 12
178 Die Dioptrik des Auges. [151. 152.
der Lichtquelle steht scheinbar aufrecht im entoptischen Gesichtsfelde, während
es auf der Netzhaut verkehrt sein muß. Die Ansammlungen von Flüssigkeit
auf der Hornhaut bilden hierbei kleine Konvexlinsen, welche hinter sich ein
umgekehrtes Bild der vor ihnen liegenden Gegenstände entwerfen. Der Be-
wegung dieser Gebilde im
Gesichtsfelde von oben nach
unten entspricht eine wirk-
liche Bewegung nach oben,
welche wohl dadurch bedingt
wird, daß dasobere Augenlid,
während es gehoben wird,
die zähen Schleimteile
nachzieht.
3. Die kraus gewordene
Fig. 81. Fig. 82. Vordertläche der Hornhaut,
nachdem man eine Zeitlang
das geschlossene Auge mit den Fingern gedrückt oder gerieben hat. Man
sieht ziemlich gleichförmig verteilt größere, unbestimmt begrenzte, wellige
oder netzartig geordnete Linien und getigerte Flecken, die sich eine Viertel-
stunde bis zu einigen Stunden halten. Es sind dergleichen dargestellt in
Fig. 82. Zuweilen bleiben auch in dem Netze dieser Linien einzelne unveränderte
glatte Stellen stehen, welche darauf schließen lassen, daß hier die Hornhaut
eine andere Art der Konsistenz habe.
Außerdem finden sich, von der Hornhaut herrührend, zuweilen konstante
dunkle Flecken und Linien vor, welche sich nicht ändern und wohl meist Reste
von Entzündungen und
Verletzungen sind,
4. Von der Linse,
namentlich der vorderen
Kapselwand, und dem
vorderen Teile des
Kristallkörpers rühren
mannigfache Erschei-
nungen her. ListinG
beschreibt folgende vier
Formen:
Fig. 83. Fig. 84. a) Perlflecken,
runde oder rundliche
Scheibcehen, innen hell, mit scharfem, dunklem Rande, Sie sehen bald Luft-
bläschen, bald Öltropfen, bald Kristallchen ähnlich, welche man durch das
Mikroskop sieht (s. Fig. 83); Listise hält sie für Schleimmassen in der MORGAGNI-
schen Feuchtigkeit.
b) Dunkle Flecken; unterscheiden sich von den vorigen durch den
Mangel eines hellen Kerns und auch durch größere Mannigfaltigkeit der Ge-
stalt. Sie scheinen partielle Verdunkelungen der Kapsel oder Linse zu sein
(s. Fig. 84).
c) Helle Streifen, meist einen unregelmäßigen Stern mit wenig Aus-
läufern in der Mitte des Gesichtsfeldes darstellend (Fig. 85). Listing hält sie
für das Bild eines nabelförmigen Gebildes mit naht- oder wulstähnlichen
152, 153.] Entoptische Objekte. 179
Zweigen in der vorderen Kapselmembran, herrührend von der im Fötalzustande
erfolgenden Trennung dieses Kapselteils von der Innenseite der Hornhaut.
d) Dunkle radiale Linien (Fig. 86), welche wohl Andeutungen des strahligen
Baues der Linse sind.
Einzelne von den genannten Formen scheinen fast in jedem Auge sichtbar
zu sein, wenige Augen sind ganz frei davon.
5. Bewegliche Gebilde im Glaskörper, die sogenannten fliegenden
Mücken (Mouches volantes), welche teils als Perlschnüre, teils als vereinzelte
oder zusammengrup-
pierte Kreise mit hellem
Zentrum, teils als un-
regelmäßige Gruppen
sehr feiner Kügelchen,
teils als blasse Streifen,
ähnlich den Falten einer
sehr durchsichtigen
Membran, erscheinen.
Da viele von ihnen sehr
nahe vor der Netzhaut
sich befinden, sieht man Fig. 85.
sie oft ohne weitere
Hilfsmittel, indem man nach einer breiten, gleichmäßig erleuchteten Fläche, z. B.
dem hellen Himmel, blickt. Daß sie sich nicht bloß scheinbar, sondern wirklich
bewegen, bemerkt man leicht, wenn man bei aufrechter Haltung des Kopfes,
z. B. durch eine Feensterscheibe, nach dem Himmel blickt, und einen mit einem
Merkzeichen versehenen Punkt des Glases fixiert. Dann sieht man die ent-
optischen Erscheinungen meistens langsam im Gesichtsfelde herabsinken. Senkt
man den Blick und hebt ihn wieder, so folgen die Mücken dieser Bewegung
des Visierpunktes, schießen aber gewöhnlich etwas über das Ziel hinaus und
sinken dann wieder. Nach einer Bewegung des Auges dagegen, welche von
oben, nach unten gerichtet ist, tritt ein solches Schwanken über das Ziel hinaus
nicht ein, auch nicht bei seitlichen Bewegungen. Beobachtet man dagegen bei
senkrecht nach unten oder oben gerichteter Gesichtslinie, so liegen die Mücken
ziemlich ruhig. Sehr leicht läßt man sich aber bei diesen Beobachtungen
verleiten, den Blick nach einer solchen dem Gesichtspunkt naheliegenden Mücke
richten zu wollen, um sie durch direkte Fixation deutlicher zu sehen. Dann
fliegt die entoptische Erscheinung vor dem Visierpunkte einher, ohne natürlich
je von ihm erreicht werden zu können. Gerade auf diese Eigentümlichkeit der
Erscheinung bezieht sich wohl der Name der Mouches volantes. Man ver-
wechsle diese scheinbare Bewegung nicht mit einer wirklichen, und achte bei den
Beobachtungen der letzteren darauf, einen äußeren Gesichtspunkt ganz fest zu
fixieren.
Um solche bewegliche Objekte mit Ruhe betrachten zu können, wählt man
am besten eine Lage des Kopfes, wo das Auge vertikal nach unten oder nach
oben sieht, weil dann die Bewegungen der schwimmenden Körperchen aufhören.
Übrigens kann man Mücken, welche seitlich im Gesichtsfelde liegen, zwingen,
nach der Stelle des dentlichsten Sehens heranzuschwimmen, wenn man das
Auge erst recht schnell in der Richtung bewegt, nach welcher sie vom Visier-
punkt aus liegen, und dann langsam zurückbewegt.
Fig. 86.
12*
180 Die Dioptrik des Auges. [153. 154.
Donpers und Doxcax? unterscheiden folgende Formen dieser Objekte:
a) Größere isolierte Kreise, bald mit dunkleren, bald mit blasseren
Umrissen, in der Mitte heller, meist noch mit einem schmalen Lichtkreis um-
geben. Sie haben zwischen !/,, und Jan mm Durchmesser, und sind ?/, bis
8 oder 4 mm von der Netzhaut entfernt, kommen aber auch in der Nähe der
Linse vor. Ist das Auge lange ruhig gewesen, so zeigen sich nur wenige; sie
kommen namentlich, und zwar scheinbar von unten her, zum Vorschein durch
eine schnelle Bewegung des Auges von unten nach oben, der plötzlicher Still-
stand folgt, und senken sich dann wieder langsam nach unten. Ihre Bewegung
kann für die dunkelsten in einer Ausdehnung von 1'/, mm direkt beobachtet
werden, und ist wahrscheinlich viel ausgedehnter. Ihre seitlichen Bewegungen
bei seitlichen Bewegungen des Auges findet Doxcan beschränkt. In meinen
eigenen Augen kann ich einen solchen Unterschied nicht wahrnehmen. Wenn
ich den Kopf auf die Seite lege, so finde ich, daß die Mücken jetzt ebenso
schnell und weit scheinbar nach dem Erdboden zu sinken, in Wirklichkeit nach
dem aufwärts gewendeten Augenwinkel emporsteigen, wie bei aufrechter Haltung
des Kopfes. Bei der letzteren Haltung erscheinen die seitlichen Bewegungen
der Mücken allerdings beschränkter als die absteigenden, weil sie seitlich eben
nur die Bewegungen des Visierpunktes mitmachen. Eine Bewegung derselben
parallel der Gesichtslinie gelang nicht zu konstatieren. Viele, obgleich scheinbar
voneinander getrennt, scheinen sich immer in gleichem Abstande zu begleiten,
oder bleiben in derselben Beziehung zu anderen Formen, so daß man berechtigt
ist, auf einen unsichtbaren Zusammenhang zu schließen. Ihnen entsprechend
fand Doxcan bei mikroskopischer Untersuchung des freigelegten und unverletzten
Glaskörpers von seiner Oberfläche aus darin blasse Zellen, welche in der Ver-
wandlung in Schleimstoff begriffen zu sein schienen,
EI
CR H wie in Fig. 87 abgebildet sind.
b) Perlschnüre kommen in den meisten Augen
Fig..87. vor; Doxcan konnte jedoch keine sehen. Ihre Breite
beträgt Hl. bis une mm, ihre Länge 1 bis 4 mm.
ý Die schmalsten liegen gewöhnlich dichter bei, die
g breiteren und dunkleren entfernter von der Netzhaut,
in 1 bis 3 mm Abstand. Ihre Bewegungsart ist
meist dieselbe wie der vorher beschriebenen Kreise,
doch sind sie zuweilen auch befestigt. Einzelne sind
isoliert, andere hängen mit anderen Gebilden zu-
sammen. Sie entsprechen Fasern, die mit Körnern
besetzt sind (Fig. 88), welche durch das Mikroskop
ek a” im Glaskörper gefunden werden.
c) Die zusammenhängenden Gruppen von
ne größeren und kleineren, teils blassen, teils dunklen
Kreisen, welche den mikroskopisch gefundenen
Fig. 88. Körnerhaufen (Fig. 89) entsprechen, sind meist un-
durchscheinender als die übrigen Formen, weil
mehrere Körner in der Richtung der Gesichtsachse hintereinander liegen. Diese
sind es, die am häufigsten beim gewöhnlichen Sehen als Mouches volantes
1 Axpreas Doxcan, Dissert. de corporis vitrei struct. Trajecti ad Rhenum 1854. —
Onderzoekingen gedaan in het physiologisch Laborat. der Utrechtsche Hoogeschool, Jaar VI. 171.
154. 165. ] Entoptische Objekte. 181
wahrgenommen werden Nicht selten scheinen einige von ihnen in der Nähe
der Gesichtslinie einen Gleichgewichtszustand einzunehmen; aber sie kommen
doch auch bei Bewegungen des Auges auf gleiche Weise und in gleicher
Richtung, mit denselben Bewegungen wie die Perlschnüre, in größerer Menge
zum Vorschein, um das
Gesichtsfeld in der Folge
wieder zu verlassen.
d) Die Falten zeigen
sich in Gestalt hellerer
Bänder, von zwei dunkleren,
nicht scharf gezeichneten
Linien begrenzt. Donxcan
unterscheidet davon noch
wieder zwei Formen. Einige Fig. 89. Fig. 90.
zeigen sich nämlich entweder
ähnlich einer stark gefalteten Faser, oder wie verschiedene kleine Bänder, einander
sehr nahe, auf unsichtbare Weise miteinander verbunden, oder als ein unregelmäßig
aufgerolltes, in den verschiedensten Richtungen gefaltetes Häutchen, das seine
Form konstant behält, wie das nach einer mikroskopischen Beobachtung in
Fig. 90 dargestellte. Diese bewegen sich wie die Perlschnüre und liegen nur
2!/, bis 4 mm von der Netzhaut entfernt. Davon unterscheiden sich sehr aus-
gebreitete Häute, die teils dicht hinter der Linse liegen, teils nur 2 bis 4 mm
von der Netzhaut entfernt, während zwischen 4 und 10 mm Entfernung von
der Netzhaut keine getroffen werden. In den ersteren zeigen sich Falten von
nicht weniger als !/,, mm Breite, in den letzteren haben sie selten mehr als
Un mm. ` Sie kommen zum Vorschein, wenn die Gesichtslinie seitwärts bewegt
wird, aber namentlich auch durch eine kräftige, plötzlich abgebrochene Be-
wegung von oben nach unten. Scheinbar steigen hierbei die dicht hinter der
Linse gelegenen Falten nach oben, während umgekehrt die in der Nähe der
Netzhaut gelegenen nach unten sinken, so daß sie sich in der Gesichtslinie an-
einander vorbei schieben. Meist sieht man nun die gefalteten Häute mehr und
mehr undeutlich werden, ohne daß sie doch aus dem Gesichtsfelde sich ent-
fernten, und doch kommen sie durch Wiederholung der Bewegung aufs neue
deutlicher zum Vorschein. Doncan schließt daraus, daß diese Häute nur
scheinbar eine so ausgebreitete Bewegung haben, und daß nicht die Häute
sich fortbewegen, sondern nur Faltungen sich fortpflanzen, welche sich bei der
plötzlich unterbrochenen Bewegung des Auges an der Peripherie formen und
sich bis an das andere Ende der Häute ausstrecken, wobei sie ihre Schärfe ver-
lieren und minder sichtbar werden. Die Ursache der verschiedenen Richtung,
worin die Bewegung dieser Häute und die Fortpflanzung der Falten stattfindet,
ist darin zu suchen, daß die einen vor, die anderen hinter dem Drehpunkte des
Auges liegen. Wenn man die Pupille durch ‘Atropin erweitert, oder den leuch-
tenden Punkt sehr nahe an das Auge bringt, so daß man ziemlich weit zur Seite
der Gesichtslinie sehen kann, so bemerkt man, daß namentlich bei kräftigen,
plötzlich unterbrochenen seitlichen Bewegungen des Auges noch mehr Häute dicht
hinter der Linse zum Vorschein kommen, die selten bis an die Gesichtslinie
reichen, und mit einem unregelmäßigen, zuweilen zerfetzten Rande hier endigen.
Die Bewegungsart der frei beweglichen Objekte des Glaskörpers lüßt wohl
kaum einen Zweifel, daß sie kleine Körper sind, welche in einem vollkommen
182 Die Dioptrik des Auges. | 155. 156.
flüssigen Medium schwimmen und spezifisch leichter sind als die Flüssigkeit.
Da man sie oft durch das ganze entoptische Gesichtsfeld schwimmen sieht, und
sie in meinem Auge wenigstens das Gesichtsfeld ebensogut von oben nach unten
wie von rechts nach links durchschwimmen, dieses aber bei divergierend ein-
fallendem Lichte einen größeren Teil der Netzhaut umfaßt, als die Pupille be-
trägt, so muß das Bassin, in welchem sie sich bewegen, längs der Netzhaut
gemessen, jedenfalls größer sein als die Pupille. Dagegen scheinen die schwim-
menden Körper sich nicht von der Netzhaut entfernen zu können, denn auch
bei aufwärts gerichteter Gesichtslinie, wo die Objekte wegen ihrer spezifischen
Leichtigkeit streben müssen nach der Linsenseite des Glaskörpers hin zu
schwimmen, sieht man dieselben Objekte sich längs der Netzhaut hin bewegen,
aber nicht von ihr fort. Das Hindernis mögen wohl die Membranen sein,
deren Falten man im entoptischen Gesichtsfelde sieht und welche der Netzhaut
parallel zu sein scheinen. Einige solche Körperchen scheinen auch an der
Glashaut befestigt zu sein, wie denn Doxpers mitteilt, daß er in der Gesichts-
linie seines linken Auges eines vorfinde, welches dort seinen Gleichgewichts-
stand habe, und von dort wohl sich senken (scheinbar steigen), aber nicht wirk-
lich steigen könne, so daß es von unten her durch eine fadenähnliche Verbindung
mit der Glashaut festgehalten zu werden scheint.
Übrigens lernt man nach einer Reihe entoptischer Beobachtungen die Ge-
bilde des eigenen Auges einzeln kennen, und bemerkt dann, daß immer dieselbe
Reihe von Formen wiederkehrt, welche sich nach Donners’ Beobachtungen viele
Jahre unverändert erhalten. Aus der mikroskopischen Untersuchung des Glas-
körpers scheint hervorzugehen, daß diese Gebilde Reste des embryonalen Baues
des Glaskörpers sind. Bei Embryonen besteht er aus Zellen, welche nachher
meistens in Schleim zerfließen, während ein Teil von ihren Membranen und
Kernen, oder den Fasern, zu denen sie ausgewachsen sind, bestehen bleibt.
Welches übrigens der Bau des Glaskörpers bei erwachsenen Menschen sei, ist
noch durchaus nicht sicher zu bestimmen.
Wir kommen jetzt zur Wahrnehmung der Netzhautgefüße, für welche aber
etwas andere Verfahrungsweisen notwendig sind, als für die Wahrnehmung der
bisher beschriebenen entoptischen Objekte. Das Gemeinsame dieser Methoden
besteht darin, daß die Lage oder Breite des Schattens, den die Netzhautgefüße
auf die hintere Fläche der Netzhaut werfen, eine ungewöhnliche wird, und daß
außerdem eine stete Bewegung dieses Schattens unterhalten wird. Man kann
die Netzhautgefüße nach folgenden drei Hauptmethoden wahrnehmen:
1. Man konzentriere starkes Licht, am besten Sonnenlicht, durch eine
Sammellinse von kurzer Brennweite auf einen Punkt der äußeren Fläche der
Sclerotica möglichst entfernt von der Hornhaut, so daß ein kleines, aber sehr
lichtstarkes Bildchen der Lichtquelle auf der Sclerotica entworfen wird.* Wenn
dabei das Auge auf ein dunkles Gesichtsfeld blickt, wird dieses ihm jetzt rot-
gelb erleuchtet scheinen und darin ein Netz baumförmig verästelter dunkler
Gefüße erscheinen, entsprechend den in Fig. 91 nach einem Injektionspräparat
abgebildeten Netzhautgefüßen. Wenn der Brennpunkt auf der Sclerotica hin
und her bewegt wird, bewegt sich auch der Gefüßbaum hin und her, und zwar
bewegen sich beide gleichzeitig nach oben, oder beide gleichzeitig nach unten,
* Dieser Versuch wird am besten mit einer der nunmehr in der ophthalmologischen
Praxis angewendeten Durchleuchtungslampen angestellt. G.
150. 157. ] Wahrnehmung der Netzhautgefäße. 183
oder beide nach rechts oder links. Bei solchen Bewegungen ist der Gefüßbaum
deutlicher zu sehen, als wenn man längere Zeit den Brennpunkt der Linse auf
einer Stelle beharren läßt; ja im letzteren Falle verschwindet er zuletzt ganz.
Doch ist bei der jetzt beschriebenen Methode der Beobachtung anhaltende Be-
wegung weniger nötig als bei den anderen Methoden. Je kleiner übrigens der
helle Fleck auf der Sclerotica ist, desto schärfer sind auch die kleineren Zweige
der Gefüßverästelung ausgeprägt, so daß man bei richtiger Ausführung des Ver-
suchs das feinste Kapillargefäßnetz zur
Anschauung bringen kann. In der Mitte
des Gesichtsfeldes, dem Fixationspunkte
entsprechend, findet sich eine gefüßlose
Stelle, gegen welche verschiedene größere
Äste hinlaufen, deren Kapillaıgefüße einen
Ring mit langgezogenen Maschen um
die genannteStelle bilden. Die Stelle
selbst hat in H. MÜLLERS, sowie in meinen
beiden Augen ein eigentümliches Aus-
sehen, wodurch sie sich von dem übrigen
Grunde des Auges unterscheidet. Der
letztere ist gleichmäßig erleuchtet, mit
Ausnahme der dunklen Gefäßfigur, die
Stelle des direkten Sehens hat einen
stärkeren Glanz und sieht dabei wie
chagriniertes Leder aus. Zu bemerken
ist übrigens noch, daß, wenn man während
der Beobachtung dieser Stelle einen äußeren Gegenstand fest fixiert und nun
den Brennpunkt der Linse auf der Sclerotica nach oben bewegt, der Gefüß-
baum, wie vorher erwähnt ist, sich ebenfalls nach oben bewegt, der cha-
grinierte Glanz sich dagegen ein wenig in entgegengesetzter Richtung nach
unten gegen den Fixationspunkt des Auges verschiebt. Messner hat diese
Stelle ebenfalls bei dieser Beobachtungsmethode heller gesehen, schreibt ihr
aber einen dunklen halbmondförmigen Schatten am Rande zu, ähnlich wie er
bei der zweiten Beobachtungsmethode sichtbar wird. Einen solchen sehe ich
nicht, wenn das Licht durch die Sclerotica einfällt.
Bei diesem Versuche dringt das Licht durch die Sehnen- und Aderhaut in
das Auge. Die erstere ist durchscheinend, die letztere im hinteren Teile des
Auges nicht so stark pigmentiert, daß sie alles Licht abhalten könnte. Vorn
auf den Ciliarfortsätzen ist die Pigmentschicht stärker, daher auch bei
unserem Versuche die Erleuchtung der Netzhaut ziemlich schwach ausfällt,
wenn man den Brennpunkt auf den vorderen Teil der Sclerotica nahe der
Hornhaut fallen läßt. Die erleuchtete Stelle der Augenhäute bildet nun die
Lichtquelle für das Innere des Auges; von ihr gehen nach allen Seiten hin
gleichmäßig Strahlen aus, da das Licht in der nur durchscheinenden Sehnen-
haut nicht regelmäßig gebrochen, sondern nach allen möglichen Richtungen
zerstreut wird.
Während gewöhnlich das Licht nur von der Pupille her auf die Netzhaut
fällt, kommt es jetzt von einem weit seitlich gelegenen Punkte und wirft des-
halb die Schatten der in den vorderen Schichten der Netzhaut gelegenen Ge-
fäße auf ganz andere Teile der hinteren Netzhautflüche als sonst.
Fig. 91.
184 Die Dioptrik des Auges.
[157. 159.
Daß der Gefüßbaum sich scheinbar in gleichem Sinne wie der Brennpunkt
der Linse bewegen muß, ist aus Fig. 92 deutlich. Es sei v der Durchschnitt
eines Netzhautgefüßes, k der Knotenpunkt des Auges. Wenn der Brennpunkt
des einfallenden Lichts bei a auf der Sclerotica liegt, fällt der Schatten des
Gefüßes nach e, das Auge projiziert demgemäß einen dunklen Streifen in der
Richtung e A im Gesichtsfelde. Liegt der Brennpunkt in b, so füllt der Schatten
nach A, und es wird der dunkle Streifen in das Gesichtsfeld nach B verlegt.
Während sich also die Lichtquelle von a nach b bewegt,
wird der scheinbare Gefüßstamm im Gesichtsfelde von A
nach B in gleicher Richtung wandern. Die chagrinierte
Fläche um den Visierpunkt herum zeigt die entgegengesetzte
Bewegungsart; sie entsteht also jedenfalls nicht in derselben
Weise, wie die Gefäßschatten entstehen, doch ist bisher der
Bau des gelben Flecks noch zu wenig bekannt, als daß wir
den Grund dieser Erscheinung anzugeben wüßten. Im
Gesichtsfelde greift auf der dem Lichte abgekehrten Seite
A der Gefüßbaum etwas über den Rand der chagrinierten
Stelle, oben und unten scheint er den Rand nur zu berühren,
« dem Lichte zugekehrt ist ein Zwischenraum zwischen beiden,
gleichviel ob das Licht vom inneren oder äußeren Augen-
winkel einfällt. Es ist dies wohl dadurch bedingt, daß die
2 Gefüßverzweigungen mehr nach vorn liegen als die Schicht,
Fig. 92. welche durch Brechung oder Zurückwerfung des Lichts das
chagrinierte Aussehen erzeugt, und daher bei schief ein-
fallendem Lichte der Schatten der Gefüßfigur auf der Hinterfläche der Netz-
haut nicht senkrecht unter den Geräßen liegt. Diejenige Struktur, welche das
chagrinierte Ansehen hervorruft, scheint demnach ziemlich genau dieselbe Aus-
dehnung zu haben, wie die gefäßlose Stelle der Netzhaut.
B A
2. Die zweite Methode zur Beobachtung der Netzhautgefäße ist folgende:
Man blicke auf einen dunklen Hintergrund hin und bewege dabei unterhalb
oder seitlich vom Auge ein brennendes Licht hin und her. Man sieht dann
bald den dunklen Hintergrund von einem matten weißlichen Scheine überzogen,
in welchem sich der dunkle Gefäßbaum abzeichnet. Die Figur bleibt nur so
lange deutlich, als man das Licht bewegt. Wenn man das Licht nur von rechts
nach links bewegt, erscheinen hauptsächlich die von oben nach unten verlaufenden
Gefäße, wenn man es von oben nach unten bewegt, die horizontal verlaufenden.
Bei den Bewegungen des Lichts bewegt sich gleichzeitig der ganze Gefäßbaum,
aber nicht in allen seinen Teilen gleichmäßig. Meısssen vergleicht sehr passend
die Art der Bewegung des Gefüßbaums hierbei mit dem Ansehen eines vom
Wasser entworfenen Spiegelbildes, wenn Wellen darüber fortlaufen. Bei näherer
Untersuchung der Erscheinung zeigt sich, daß, wenn abwechselnd das Licht
gegen die Gesichtslinie hin und von ihr weg bewegt wird, der Gefäßbaum im
Gesichtsfelde sich in gleicher Richtung wie das Licht verschiebt. Wenn aber
das Licht in Richtung eines Kreisbogens bewegt wird, dessen Mittelpunkt in
der Gesichtslinie liegt, verschiebt sich der Gefüßbaum in entgegengesetzter
Richtung. Wird also z.B. das Licht unter dem Auge gehalten und vertikal
nach oben und unten bewegt, so bewegt sich auch der Gefüßbaum im Gesichts-
telde mit dem Lichte zugleich nach oben und nach unten; wird es horizontal
158, 150. ] Wahrnehmung der Netzhautgefüße. 185
unter dem Auge von rechts nach links bewegt, so geht der Gefüßbaum nach
rechts, wenn das Licht nach links, und umgekehrt.
Die inneren Äste des Gefüßbaums erscheinen nicht in so großer Feinheit
‚der Zeichnung wie bei den beiden anderen Methoden.
In der Mitte, dem Visierpunkte entsprechend, beschreiben mehrere Beob-
achter eine helle kreisförmige oder elliptische Scheibe. Fig. 93 ist die Ab-
bildung, welche Burow davon gegeben hat. Sie ist an dem der Flamme zu-
gewendeten Rande durch einen dunklen halbmondförmigen Schatten gesäumt,
in der Mitte am hellsten. H. Mürter sieht diese Scheibe gar nicht, und ich
selbst sehe immer nur den halbmondförmigen Schatten, welcher die dem Lichte
zugekehrte Seite ihrer Peripherie bildet, während
die andere Seite keine entschiedene Begrenzung
darbietet. Auch diese zentrale Scheibe bewegt
sich bei Bewegungen des Lichts. Man überzeugt
sich davon, wenn man, während man die Er-
scheinung wahrnimmt, einen äußeren Punkt fixiert.
Bei mir liegt der Fixationspunkt immer an dem
dem Lichte zugewendeten Teile des Randes der
hellen Scheibe, wenn ich den halbmondförmigen
Schatten meines Auges zur Scheibe ergänzt denke.
Die vollständige Theorie dieser Erscheinungen
ist von H. Mütter gefunden worden, und ist
folgende: Die Lichtquelle für die Beleuchtung
des inneren Auges ist in diesem Falle das Netz-
hautbildchen der Lichtflamme, welches, da das
Licht weit vom Zentrum des Gesichtsfeldes absteht, auf dem Seitenteile
der Netzhaut entworfen wird. Da das Licht sich übrigens dem Auge sehr
nahe befindet, kann sein Netzhautbild ziemlich groß sein und genügend viel
Licht in den Glaskörper hinein zurückwerfen, um eine merkliche Lichtperzeption
in der ganzen Netzhaut anzuregen. Die Art der Beleuchtung ist also ähnlich
derjenigen der ersten Methode, nur dadurch unterschieden, daß die Licht aus-
sendende Stelle der Augenwand ihr Licht nicht von außen durch die Sclerotica,
sondern von vorn durch die Pupille empfängt. Da die Bilder auf den Seiten-
teilen der Netzhaut nicht scharf sind, das Bildchen der Flamme in diesem
Falle, um hinreichend Licht zu geben, auch ziemlich ausgedehnt sein muß, so
erklärt es sich leicht, daß man die Einzelheiten der feineren Gefüßverzweigungen
nicht so gut wahrnimmt wie bei der ersten Methode. Die Art der Bewegung
des Gefüßbaums erklärt sich vollständig aus H. Müruers Theorie. Es sei in
Fig. 94 k der Knotenpunkt des Auges und v ein Netzhautgefüß. Wenn die
Lichtquelle in a sich befindet, fällt ihr Netzhautbild nach b, das von b aus-
gehende Licht wirft den Schatten des Gefüßes v nach c, und wenn wir ck
ziehen und verlängern, ist diese Verlängerung kd die Richtung, in welcher der
Schatten des Gefüßes v im Gesichtsfelde erscheint. Bewegen wir den Licht-
punkt von a nach oe, so rückt b nach ĝ, e nach y, d nach d: es verschiebt sich
also d in gleichem Sinne wie a Wenn hingegen a sich senkrecht gegen die
Ebene der Zeichnung bewegt, ist es umgekehrt. Wenn a vor der genannten
Ebene steht, liegt b dahinter, c wieder davor, d dahinter. Wenn also a sich
nach vorn (vor die Ebene der Zeichnung) bewegt, bewegt sich d nach hinten,
und umgekehrt, ganz wie es den Beobachtungen entspricht.
Fig. 93.
186 Die Dioptrik des Auges. [159. 160.
Die Erscheinung der hellen Scheibe in der Mitte des Gesichtsfeldes mit
dem halbmondförmigen Schatten erklärt H. Mrttrp nicht ohne Wahrschein-
lichkeit für den Schatten der Netzhautgrube. Wenn in Fig. 95 bei o die Netz-
hautgrube sich befindet, und in ihrer Tiefe die Stelle des direkten Sehens, das
Licht bei a steht, sein Netzhautbild bei b, so wird der Schatten des nach b
hingewendeten erhabenen Randes der Netzhautgrube gerade auf den Visierpunkt
fallen, und der ganze Schatten der Netzhautgrube auf der Netzhaut selbst vom
Visierpunkte aus dem Lichte zugewendet, im Gesichtsfelde dem Lichte ab-
gewendet sein, wie dies die Beobachtung lehrt. Wenn
man das Licht a mehr der Gesichtslinie nähert, und
infolge davon b näher nach c rückt, bemerke ich in
meinem Auge einen hellen Streifen an der Außenseite
des halbmondförmigen Schattens, der wohl von Licht
herrührt, welches von hinten, von der Netzhautseite
her, auf die Oberfläche der Netzhautgrube gefallen und
dort reflektiert ist, wie es in Fig. 95 durch den punk-
tierten Strahl «fy angedeutet ist. Bei Personen, deren
Netzhautgrube weniger steil ansteigende Seiten hat,
kann dagegen ein solcher Schatten ganz fehlen.
3. Die dritte Methode zur Beobachtung der Netz-
hautgefäße besteht darin, daß man durch eine enge
Öffnung nach einem breiten lichten Felde, z. B. dem
hellen Himmel, blickt und die Öffnung vor der Pupille
schnell -hin und her bewegt. Die Netzhautgefüße er-
scheinen sehr fein gezeichnet, dunkel auf dem hellen
Grunde, und bewegen sich im Gesichtsfelde gleichsinnig
mit der Öffnung. In der Mitte, entsprechend dem Visier-
Fig. 95. punkte, sieht man die gefäßlose Stelle, die mir ein fein
granuliertes Ansehen zu haben scheint, und in welcher
sich ein runder Schatten bei den Bewegungen der Öffnung herumbewegt. Bei
horizontalen Bewegungen der Öffnung sieht man nur die vertikalen Gefäße, bei
vertikalen Bewegungen die horizontal verlaufenden. Dieselbe Gefüßfigur sieht
man auch, wenn man in ein zusammengesetztes Mikroskop hineinblickt, ohne
ein Objekt unterzulegen, so daß man nur den gleichmäßig hellen Kreis der
Blendung sieht. Wenn man das Auge über dem Mikroskope etwas hin und
her bewegt, erscheinen in der Blendung des Mikroskops die Gefäße der Netz-
haut sehr fein und scharf gezeichnet, und zwar besonders deutlich immer die
Gefäße, welche senkrecht gegen die Richtung der Bewegung verlaufen, während
diejenigen verschwinden, welche der Richtung der Bewegung parallel verlaufen.
Nach den beiden ersten Methoden fiel das Licht aus einer ungewöhnlichen
Richtung her auf die Netzhaut, und es fiel deshalb auch der Schatten der
Netzhautgefüße auf Teile der Netzhaut, welche bei dem gewöhnlichen Sehen von
diesem Schatten nicht getrofien werden, und von denen die Beschattung daher
als ein ungewöhnlicher Zustand leicht empfunden wird. Bei der beschriebenen
dritten Methode dagegen fällt das Licht auf dem gewöhnlichen Wege, nämlich
durch die Pupille, in das Auge. Ist die ganze Pupille frei und das Auge nach
dem hellen Himmel gewendet, so gehen von jedem Punkte der Pupillarebene
nach jeder Richtung in den Hintergrund des Auges hinein Lichtstrahlen aus,
ganz so als wäre die Pupille selbst die leuchtende Fläche. Unter dem Ein-
160. 101. ] Ortsbestimmung der entoptischen Objekte. 187
flusse dieser Beleuchtung müssen die Netzhautgefäße einen breiten verwaschenen
Schatten auf die hinter ihnen liegenden Netzhautpartien werfen, wobei der
Kernschatten etwa nur vier- bis fünfmal so lang sein wird, als der Durchmesser
des Gefäßes. Da nach E. H. Weser der dickste Ast der Vena centralis
0,017 Par. Linien (0,038 mm) im Durchmesser hat, und die Netzhaut nach
kën im Hintergrunde des Auges 0,22 mm dick ist, läßt sich annehmen,
daß der Kernschatten der Gefäße nicht bis zur hinteren Fläche der Netzhaut
reichen wird. Wenn wir aber eine enge Öffnung vor die Pupille bringen, wird
der Schatten der Gefüße notwendig schmaler, schärfer begrenzt, der Kern-
schatten länger, so daß Teile der Netzhaut, die sonst im Halbschatten lagen,
teils in den Kernschatten kommen, teils mit den unbeschatteten Teilen gleich
stark erleuchtet werden.
Daß wir beim gewöhnlichen Sehen die Gefüßschatten nicht wahrnehmen,
erklärt sich wohl daraus, daß die Empfindlichkeit der beschatteten Stellen der
Netzhaut größer, ihre Reizbarkeit weniger erschöpft ist als die der übrigen
Teile der Netzhaut. Sobald wir aber den Ort des Schattens oder seine Aus-
breitung verändern, wird derselbe wahrnehmbar, weil die schwache Beleuchtung
nun auf ermüdete, weniger reizbare Netzhautelemente fällt. Der reizbarere, früher
beschattete Teil der Netzhautelemente dagegen wird nun zum Teil von vollem
Lichte getroffen, und empfindet dies stärker. Daher erklärt sich, daß zuweilen,
namentlich im Anfange der Versuche, der Gefäßbaum für Augenblicke auch
wohl hell auf dunklerem Grunde erscheint, und überhaupt bei manchen Personen
der helle Teil der Erscheinung die Aufmerksamkeit mehr auf sich lenken kann
als der dunkle. Sobald der Schatten der Gefäße indessen bei unseren Ver-
suchen seine neue Stelle dauernd behauptet, werden die neu beschatteten Stellen
allmählich reizbarer, die früher beschatteten scheinen dagegen ihre erhöhte
Reizbarkeit schnell zu verlieren, und die Erscheinung verschwindet wieder. Um
sie dauernd zu sehen, ist es also nötig, den Ort des Schattens stets wechseln
zu lassen, und bei gradlinigen Bewegungen der Lichtquelle
bleiben nur die Gefäße sichtbar, deren Schatten den Platz
wechselt. Auf diese Veränderungen der Reizbarkeit kommen
wir in § 25 unten noch näher zurück.
Um zu entscheiden, ob die entoptisch gesehenen Objekte
vor oder hinter der Pupille oder etwa nahe der Netzhaut liegen,
dazu ist die Beachtung der Parallaxe nach Luss Vorschlag
ausreichend. Es sei a Fig: 96 das von den Augenmedien eni-
worfene Bild des leuchtenden Punktes, ¢ der Punkt des direkten
Sehens auf der Netzhaut, fe die Ebene der Pupille oder vielmehr
deren von der Linse entworfenes Bild, welches indessen nur
wenig von seinem Objekte abweicht. Endlich sei d ein dunkles
Objekt hinter der Pupille. Wenn die Linie ac die Pupille in
g schneidet, so füllt der Schatten des Punktes g auf den Punkt ?
des direkten Sehens e. also g entspricht dem direkt gesehenen Fig. 96.
Punkte des entoptischen Bildes der Pupille. Ziehen wir die
gerade Linie ad, und verlängern sie, bis sie die Netzhaut in b schneidet, so ist b
der Ort des Schattens von d. Nennen wir den Durchschnittspunkt der Linie ad
mit der Pupillarebene A, so, füllt die Projektion des Punktes A der Pupille gleich-
zeitig auf b; d und A decken sich im entoptischen Gesichtsfelde. Wenn in der
Linie ab auch noch vor der Pupille ein Objekt à liegt, so deckt sich dieses ebenfalls
mit k im entoptischen Gesichtsfelde.
188 Die Dioptrik des Auges. [161. 162.
Wenn nun aber das Auge oder der leuchtende Punkt so bewegt wird, daß ein
anderer Punkt der Pupille, etwa f, entoptisch direkt gesehen wird, der leuchtende
Punkt etwa nach œ in die Verlängerung der Linie cf rückt, so verändert sich auch
die Lage des Schattens von d und i gegen den der Pupille. Ziehen wir œd und et.
Ersteres schneide die Ebene der Pupille in m, letzteres verlängert in e, so sind m
und e die Punkte der Pupille, deren entoptische Bilder sich mit denen der Objekte d
und ¿ jetzt decken. Während also der Visierpunkt in dem entoptischen Bilde von
g nach f gerückt ist, hat das Bild des hinter der Pupille gelegenen Objekts d eine
Bewegung in gleichem Sinne von A nach m, das des vor der Pupille gelegenen Ob-
jekts in entgegengesetztem Sinne von A nach e ausgeführt. Nach der Bezeichnungs-
weise von Listins hat also d eine positive Parallaxe, und @ eine negative. Es ist
bei geringer Übung immer leicht zu entscheiden, ob die entoptisch gesehenen Objekte
sich im Verhältnis zu der kreisförmigen Begrenzung des Gesichtsfeldes in gleichem
oder entgegengesetztem Sinne wie der Visierpunkt verschieben, und danach entscheidet
man leicht, ob sie vor oder hinter der Pupille liegen.
Um die Entfernung der im Glaskörper schwebenden Objekte genauer messen zu
können, hat D. Brewster zuerst eine Methode eingeschlagen, bei welcher er zwei
Bündel homozentrischer Strahlen in das Auge dringen ließ, und dadurch zwei Schatten
eines jeden Objekts erzeugte. Aus der Entfernung der Schatten voneinander kann
dann die Entfernung des Objekts von der Netzhaut gefunden werden. Brewster sah
zu dem Ende durch eine vor dem Auge stehende Linse nach zwei nebeneinander
gestellten Flammen hin. Dosvers hat diese Methode geändert, indem er vor das
Auge ein Metallplättchen mit zwei kleinen, 1!/, mm voneinander entfernten Öffnungen
bringt. Durch diese sieht er nach einem weißen, stark erleuchteten Papiere hin, auf
welchefn die entoptischen Erscheinungen projiziert erscheinen. Er mißt nun den Ab-
stand der Mittelpunkte der beiden sich gegenseitig bedeckenden kreisförmigen Bilder
der Pupille, welcher einfach dadurch gefunden wird, daß man den Durchmesser des
unbedeckten Teiles dieser Kreise mißt. Ferner mißt er den Abstand der Doppel-
bilder des betreffenden entoptischen Objekts. Der letztere verhält sich zum Abstande
der beiden Kreise wie der Abstand des Objekts von der Netzhaut, welcher gefunden
werden soll, zum scheinbaren Abstande der Pupille von der Netzhat (18 mm). So
kann der Abstand der Objekte von der Netzhaut leicht berechnet werden,
DoxcAn hat die Methode von Doxvers insofern geändert, daß er seine Messungen
nach dem Prinzipe der mikroskopischen Messung à double vue ausführt. Das eine
Auge blickte durch eine oder zwei feine Öffnungen nach einem kleinen Hohlspiegel,
der das Licht des Himmels refiektierte, das andere auf eine in der Entfernung des
deutlichen Sehens gelegene Tafel, und der Beobachter mißt mit dem Zirkel auf dieser
Tafel die Größe der entoptischen Objekte und den Abstand ihrer Doppelbilder, sowie
den Abstand entsprechender Punkte am Rande der Iris. Um aus der scheinbaren
Größe der entoptischen Objekte ihre wahre Größe zu berechnen, muß man noch den
Abstand der Öffnung, durch welche man sieht, von der Hornhaut kennen. Am besten
ist es, diese Öffnung in den vorderen Brennpunkt des Auges (12 mm vor der Horn-
haut) anzubringen, dann sind die Schatten der entoptischen Objekte so groß wie die
Objekte selbst. Die mit dem Zirkel gemessene scheinbare Größe dieser Objekte im
Gesichtsfelde verhält sich aber zur wahren Größe des Schattens auf der Netzhaut wie
die Entfernung des messenden Zirkels vom Auge zur kleineren Hauptbrennweite des
Auges (15 mm).
Um das Plättchen mit der Öffnung wenigstens nahehin in die vordere Brenn-
ebene des Auges zu bringen, befestigt man es am Ende eines kurzen Röhrchens von
passender Länge,
Die scheinbare Größe der Bewegung des Gefüßbaums im Gesichtsfelde bei der
ersten eben beschriebenen Methode, ihn sichtbar zu machen, hat H. MÖLLER gemessen,
während gleichzeitig die Größe der Verschiebung des leuchtenden Brennpunktes auf
162. 163.]
Geschichte der entoptischen Erscheinungen. 189
der Selerotica mit dem Zirkel gemessen wurde. Es kann daraus, wenigstens an-
nähernd, durch Konstruktion oder Rechnung die Entfernung der Schatten werfenden
Gefüße von der den Schatten wahrnehmenden Schicht der Netzhaut bestimmt werden.
Man zeichne, wie in Fig. 92, den Querschnitt des Auges in natürlicher Größe, Der
Brennpunkt auf der Sclerotica sei zwischen den Punkten a und b hin und her be-
wegt. Es sei œ der Schatten eines in der Nähe des gelben Flecks gelegenen Ge-
füßes v, dessen scheinbare Bewegung man gemessen hat, für die Lage des Licht-
punktes in a, so muß dies Gefüß in der geraden Linie oe liegen. Es sei « die
aus der scheinbaren Verschiebung des Gefüßes im Gesichtsfelde
berechnete wahre Verschiebung auf der Netzhaut, also $ der Ort
des Gefüßschattens für den Fall, wo sich der Brennpunkt in b
befindet. Man ziehe die gerade Linie b. Der Punkt v, wo
b3 und ag sich schneiden, muß dann der Ort des Gefüßes sein,
dessen Entfernung von der Netzhaut durch Messung oder Rech-
nung gefunden werden kann. H. Mürver erhielt auf diese
Weise in mehreren Versuchen für die Entfernung der Gefäße
von der empfindenden Schicht 0,17; 0,19 bis 0,21; 0,22; 0,25
bis 0,29; 0,29 bis 0,32 mm. Bei drei anderen Beobachtern 0,19;
0,26; 0,36 mm. Da nach den anatomischen Messungen des-
selben Beobachters die Entfernung der Gefüße von den Stäbchen
und Zapfen in der Gegend des gelben Flecks zwischen 0,2 und ps
0,8 mm beträgt, so wird es daraus wahrscheinlich, daß die
Zapfen die den Schatten empfindenden Gebilde seien, worauf
auch andere Verhältnisse hindeuten, welche ich in $ 18 aus- =
einandersetzen werde.
Drecomares?, ein Jesuit des 17. Jahrhunderts, stellte zuerst
eine Ansicht über die Entstehung der fliegenden Mücken auf,
und zwar die richtige, daß es Schatten seien von Körperchen, die in der Nähe
der Netzhaut schwimmen. Prroarry®* verlegte sie dagegen auf die Netzhaut selbst,
und MorsAsnı® in alle Augenmedien, obgleich die weiter nach vorn liegenden
ohne die Anwendung schmaler Lichtquellen nicht wohl gesehen sein können.
Ebenso irrt auch ne La Hırz#, wenn er die festen Mücken ausschließlich auf die
Netzhaut verlegt, die beweglichen in die wässrige Feuchtigkeit. Le Car® beschreibt
einen Versuch, der dem Prinzipe nach die Methode der entoptischen Untersuchung
vollständig enthält, indem er das umgekehrte Schattenbild einer dicht vor das Auge
gehaltenen Nadel im Zerstreuungskreise eines kleinen Lichtpunktes wahrgenommen
hat. Auch Axrısus® hat etwa zu derselben Zeit den Schatten der Iris, die Er-
weiterung und Verengerung der Pupille entoptisch wahrgenommen und richtig ver-
standen. Aber erst seit 17607 hat man angefangen, kleine Öffnungen und starke
Linsen anzuwenden, um die fliegenden Mücken deutlicher zu sehen, welches Ver-
fahren übrigens auch dem Decmares nicht ganz unbekannt gewesen war.
Eine strengere Theorie der Erscheinungen, die Methoden, den Ort der Körperchen
im Auge zu beurteilen, wurden erst viel später durch Lusrso P und Brewsrter® fest-
2 4
Fig. 92.
! Cursus Sen mundus mathematicus. Lugduni 1690. T. III. p. 402.
* Pırcamsu Opera. Lugd. Bat. p. 203. 206.
3 Adversaria anatomica VI. Anim. LXXV. p.94. Lugd. Bat. 1722,
* Accidens de la vue. p. 358.
* Traité des sens. Rouen 1740. p. 298.
° Novi Comment. Petropol. Vol. VIL. p. 808.
’ Histoire de P Acad. d. sciences. 17160. p. 57. Paris 1766.
* Beitrag zur physiologischen Optik. Göttingen 1845.
7 Transactions of the Roy. Soc. of Edinb. XV. 877.
190 Die Dioptrik des Auges. [ıes. 164.
gestellt, denen später Doxpens! folgte. Des letzteren Schüler Doxcax®? wies dann
die Übereinstimmung der entoptisch gesehenen Gegenstände mit mikroskopischen Struk-
turen des Glaskörpers nach; dasselbe versuchte James Jaco”, Beschreibungen der
verschiedenen Formen entoptischer Objekte gaben außer den eben Genannten auch
STEIFENSAND*, MAckexzıe®, APPIA’,
Die subjektive Erscheinung der Zentralgefüße hat PurkIxJsæ” zuerst entdeckt
und sie nach den drei oben beschriebenen Methoden sichtbar gemacht. Auch bei Er-
regung des Auges durch Druck und Blutandrang hat er sie wahrgenommen. Guppex®
machte auf die für die Theorie der Erscheinung wichtige Bedeutung der Bewegung
des Schattens aufmerksam. Die Theorie der Erscheinung bei der Anwendung homo-
zentrischen Lichts von der Pupille aus oder eines Brennpunktes auf der Sclerotica
schien keine Schwierigkeit zu haben. Wohl aber machte Meıssyer® auf die ab-
weichenden Verhältnisse aufmerksam, welche bei der Bewegung eines Lichts unterhalb
des Auges eintreten, und leitete daraus Bedenken gegen die bisherige Erklärungs-
weise überhaupt ab. Diese wurden von H. Mürver!” beseitigt, welcher die oben
hingestellte Theorie dieser Art des Versuchs fand,
Schon PurkınaE erwähnt, daß in der Mitte des Gesichtsfeldes ein heller Fleck
erschiene, der einer Grube ähnlich sehe; Burow?! beschrieb die entoptische Er-
scheinung des gelben Flecks genauer, deutete sie aber als die Erscheinung einer
Hervorragung, nicht eines Grübchens, vermöge der unrichtigen älteren Theorie des
Versuchs, die durch H. Müruer verbessert wurde.
1690. Decnares, Cursus seu mundus mathematicus. Lugduni. T. III. p. 402.
1694. pe LA Hime, Accidens de la vue in Mém. de l'Acad. d. sc. p. 358.
Pircas Opera. Lugd. Bat. p. 203. 206.
1722. Morcaoxı Adversaria anatomica VI. Anim. LXXV. p.94. Lugd. Bat.
1740. Le Car, Traité des sens. Rouen. p. 298.
Aerrmus, Novi Comment. Petrop. VII. p. 808.
1760. Histoire de l'Acad. d. se. pour l'an 1760. p. 57.
1819. Punkıxır, Beiträge zur Kenntnis des Sehens. S. 89".
1825. Derselbe. Neue Beiträge. 8.115. 117”,
1842. Srerrensaxp in Poasexoporrrs Ann, LV. p. 184*; v. Awmoxs Monatsschrift für
Medizin. I. 208,
1845. *Listiso, Beitrag zur physiologischen Optik. Göttingen.*
Brewster in Transactions of the Roy. Soe, of Edinb. XV. 877.
Macxexzıe, Edinb. Medical and Surgical Journal. July 1845.
1846. Doxpens in Nederlandsch Lancet. 1846—47. 2. Serie. D. II. bl. 845. 432, 587.
1848. Brewsrer in Phil. Magax. XXXII. 1; Arch. d. se. phys. et natur. de Genève. VIII. 299.
1849. Gunpex in J. Mürters Archiv. 1849. 8. 522*,
1858. Arr, De l'oeil vu par lui mème. Genève.
1 Nederl. Lancet. 1846—47. 2. Serie. D. II. bl. 845. 482. 587.
? De corporis vitrei structura. Diss. Utrecht 1854; Onderzoekingen ged. in het Physiol.
Laborat, d. Utrechtsche Hoogeschool. Jaar VI. p. 171.
® Proceed. Roy. Soc. 18. Jan. 1855.
* Poaarsoorrrs Ann. LV. p. 184; v. Awwoxs Monatsschrift f. Med. I. 208.
® Edinburgh Medical and Surgical Journal. July 1845.
è De l'oeil vu par lui mème. Genève 1858.
7 Beiträge zur Kenntnis des Sehens. 1819. 5. sn. Neue Beiträge. 1825. S. 115. 117.
5 J. Mürzers Archiv für Anat. u. Physiol. 1849. S. 522.
" Beiträge zur Physiologie des Sehorgans. 1854.
10 Verhandl. der med.-physik. Ges. zu Würzburg. IV. 100. V. Lief. 8.
u J, Muppe Archiv. 1854. 8. 166.
164. 837. 838.] Entoptische Wahrnehmung der Blutbewegung. 191
1854. "A. Doxcan, De corporis vitrei structura, Dissert. Trajecti ad Rhenum; Onder-
zoekingen ged. in het Physiol. Laborat. d. Utrechtsche Hoogeschool. Jaar VI. p. 171.
Burow in J. Mtrvers Archiv. 1854. 8. 166.
1855, James Jaco in Proceedings of the Roy. Soe. 18. Jan. 1855.
Nachtrag.
Vrerorpr hat auf hellen Flächen bei intermittierender Beleuchtung — er
bewegte vor den Augen die Hand mit gespreizten Fingern hin und her —
eine strömende Bewegung gesehen, die er für die Blutbewegung in den Netz-
hautgefüßen erklärte; Meısswer und ich selbst haben diese Bewegung nur in
Form uferloser Strömchen gesehen, denen ich Vrerorprs Deutung nicht zu
geben wagte. Doch folgt daraus nicht, daß Vrerorpr die Erscheinung nicht
deutlicher und bestimmter gesehen haben kann, und daß es nicht wirklich bei
ihm ein Ausdruck des Blutlaufs war.
Außerdem hatten PurkınysEe und J. MÜLLER, wenn sie nach einer aus-
gedehnten hellen Fläche blickten, helle Punkte im Gesichtsfelde erscheinen
und eine Strecke fortlaufen sehen, so daß dieselben nach unregelmäßigen
Pausen immer wieder an denselben Stellen auftauchen und immer wieder den-
selben Weg mit derselben ziemlich großen Geschwindigkeit zurücklegen. Diese
Erscheinung sieht man nun nach einer Bemerkung von O. N. Roop sehr viel
besser, wenn man durch ein dunkles blaues Glas nach dem Himmel sieht.
Ich fixiere dabei einen Punkt der Fensterscheibe, um die bewegten Körperchen
immer wieder an derselben Stelle zu sehen und die Lage ihrer Bahnen mit
der auf dieselbe Fensterscheibe projizierten Gefüäßfigur zu vergleichen.
Nachdem ich diese Beobachtungen wiederholt habe, glaube ich nun eben-
falls nicht mehr zweifeln zu können, daß sie von der Blutbewegung herrühren,
und zwar so, daß ein einzelnes größeres Körperchen sich in einem der engeren
Gefüße klemmt. Dann pflegt vor einem solchen das Gefäß relativ leer zu
werden, hinter ihm dagegen stauen sich die Blutkörperchen in größerer Menge
an. Sobald das Hemmnis sich löst, strömt der ganze Haufen schnell davon.
Es sind dies Vorgänge, die man bei Beobachtung des Kapillarkreislaufes mit
dem Mikroskope oft sieht. Bei dem genannten Versuche geht im Sehfelde
voran ein hellerer länglicher Streifen, entsprechend der leeren Stelle des Ge-
füßes vor dem Hemmnis; diesem folgt ein dunklerer Schatten, der, wie ich
glaube, den zusammengedrängten Blutkörperchen entspricht.
In meinem rechten Auge sehe ich diese Erscheinung in zwei parallelen
Gefäßchen links neben dem Fixationspunkt sehr deutlich und oft sich wieder-
holen, zuweilen in beiden gleichzeitig; die Bewegung ist scheinbar nach oben
gerichtet und das bewegte Gebilde verschwindet, indem es sich mit beträchtlich
gesteigerter Geschwindigkeit durch eine Sförmige Krümmung hindurchwindet.
Nun finde ich im entoptischen Bilde des Gefüßbaums sowohl die beiden
parallelen Gefüße an der angegebenen Stelle, als auch die Sförmige Krümmung
ihrer Vereinigungsstelle, welche in ein größeres Venenstämmchen hinüberführt,
so daß beide Beobachtungsmethoden sich vollständig entsprechen. Übrigens
sind die genannten Gefäße nicht die einzigen, in denen eine solche Bewegung
sichtbar wird, sondern es gibt noch viele andere Stellen in dem Sehfelde des-
selben Auges, die aber weiter vom Fixationspunkte abliegen und nicht so
charakteristische Formen haben.
192 Die Dioptrik des Auges. Jans, G.
Danach würde die genannte Erscheinung also als der optische Ausdruck
kleiner Hemmungen des Blutlaufs zu betrachten sein, die nur in gewissen
Engpässen des Gefäßbaums und nur beim Vorübergang etwas größerer
Körperchen aufzutreten pflegen.
1858. Trovessanı, Suite des recherches concernant la vision. O. R. XXXVI, 144—146.
1856. Visrorpr, Wahrnehmung des Blutlaufs in den Netzhautgefüßen. Archiv für physiol.
Heilkunde. 1856. Heft II.
— Meıssxer im Jahresbericht für 1856. Heste und Prevrer Zeitschr. (8) I, 565—566.
1857. J. Jaco, Ocular spectres, structures and functions as mutual exponents. Proc. Roy.
Soc. VIII, 603—610. Phil. Mag. (4) XV, 545—550.
1860. O. N. Roop, On a probable means of rendering visible the circulation in the eye.
Silliman J. (2) XXX, 264—265; 885—886.
1861. L. Reunes, On normal quasi-vision of the moving blood-corpuseles within the retina
of the human eye. Silliman J. (2) XXXI, 825—888; 417.
Zusatz von A. Gullsirand.
Zwei in das Gebiet der Dioptrik fallende entoptische Erscheinungen seien
hier kurz erwähnt, welche das gemeinsam haben, daß sie nach der ersten Ent-
deckung unbeachtet geblieben sind, um dann wieder die Aufmerksamkeit auf
sich zu lenken.
Nähert man im dunklen Zimmer bei ruhiger Stellung des Auges eine
Kerzenflamme der Gesichtslinie von der Temporalseite her, so sieht man
manchmal einen schwachen Lichtfleck sich in entgegengesetzter Richtung be-
wegen. TscHERNING, welcher diese zuerst von Becker* erklärte Erscheinung
wieder beschrieben hat, empfiehlt die Kerzenflamme unterhalb der Gesichtslinie
vorbeizuführen.”* Der Lichtfleck erscheint verschiedenen Personen in ver-
schiedener Schärfe. Mir selbst gelingt es nur bei einzelnen Gelegenheiten,
denselben zu sehen, während er meistens von der Gefäßfigur verdeckt wird,
ohne daß ich die Bedingungen eruieren könnte, welche das Hervortreten des-
selben begünstigen. Andere sehen ihn so deutlich, daß sie darin ein um-
gekehrtes Bild der Flamme erkennen. Es handelt sich eben um den in der
konstruktiven Optik sogenannten „Lichtfleck“, welcher von der Reflexion des
Lichtes an den brechenden Flächen herrührt. Bei der doppelten Reflexion
kann nur die vordere Hornhautfläche in Betracht kommen, da nur hier ein
hinreichender Unterschied der Brechungsindizes vorhanden ist. Die Rechnung
lehrt nun, daß das Licht, welches zuerst in der hinteren Linsenfläche nach vorn,
-dann in der vorderen Hornhautfläche wieder nach hinten reflektiert wird, ein
unweit der Netzhaut belegenes aufrechtes Bild der Flamme erzeugt, welches
somit umgekehrt gesehen wird und sich scheinbar in entgegengesetzter Richtung
gegen die Flamme bewegen muß. Das in der vorderen Linsenfläche nach vorn
und dann in der vorderen Hornhautfläche nach hinten reflektierte Licht erzeugt
ein in der Gegend der hinteren Linsenfläche belegenes Bild, welches nur einen
sehr großen Zerstreuungskreis auf die Netzhaut verursachen kann, der von dem
in den Augenmedien diffus reflektierten Lichte nicht unterschieden wird.
Die meisten Personen sehen im dunklen Zimmer bei dilatierter Pupille
farbige Ringe um kleine Lichtquellen, welche besonders deutlich gegen dunklen
Hintergrund auftreten, und deren Winkeldurchmesser 6 bis 7° beträgt. Die
* O. Becker, Über Wahrnehmung eines Reflexbildes im eigenen Auge. Wiener Med.
Wochenschrift 1860, S. 670 und 684.
** Tsconerxing, Optique physiologique. Paris 1898. p. 48.
G] Das Sehen farbiger Ringe um Lichtquellen. 193
Ringe enthalten die Farben des Spektrums, wobei rot nach außen liegt, und
der angegebene Durchmesser dem Gelb entspricht. Bei künstlichen Lichtquellen,
welche wenig kurzwelliges Licht enthalten, sieht man das Spektrum gewöhnlich
nur bis blaugrün recht deutlich. Hält man vor das Auge ein kleines Loch, so
verschwindet der Ring vollständig, sobald dieses auf der Pupille zentriert ist.
Verschiebt man es aber in radiärer Richtung, so treten in dem Augenblicke,
wo es den Rand der dilatierten Pupille erreicht, zwei kleine Spektra auf, deren
Verbindungslinie durch die Flamme geht, und senkrecht auf der Verschiebungs-
richtung steht. Auf diese Weise kann man nach Belieben zwei diametral
einander gegenüberliegende Teile des Ringes hervortreten lassen. Die An-
ordnung der Farben charakterisiert den Ring als ein Interferenzspektrum, und
der Versuch mit dem Loch beweist, daß es sich um ein radiäres, nur in der
Nähe des Pupillenrandes wirkendes Gitter handelt, wie es nur im Linsenkortex
vorhanden ist. Wegen des strahlenförmigen Aufbaues der Linse haben aber
die Linsenfasern keinen exakt radiären Verlauf, können deshalb auch keinen
exakt ringförmigen Typus bedingen. Man kann in Übereinstimmung hiermit
konstatieren, daß der Ring wie aus mehreren kleinen, einander nicht vollkommen
ähnlichen Bruchstücken zusammengesetzt erscheint. Um die Entstehung des
Ringes an einem radiären Gitter zu beweisen, kann man auch ein undurch-
sichtiges Papier mit gerader Kante vorschieben. Geschieht dies beispielsweise
von der Temporalseite her mit vertikal gestellter Kante, bis nur ein kleines
Segment der Pupille am nasalen Rande frei bleibt, so sieht man den oberen
und unteren Teil des Ringes, während die beiden Seitenteile verschwunden sind,
Von dem in der Linse enthaltenen Gitter ist dann nur ein Teil unbedeckt,
welcher horizontale Fasern enthält, nebst solchen, deren Verlaufsrichtung wenig
von der horizontalen abweicht, weshalb nur diejenigen Teile des Ringes sichtbar
sein können, in welchen die Tangente zu der Verlaufsrichtung unbedeckter
Fasern parallel ist.
Manche Menschen haben bei der Erschlaffung der Akkommodation oder
in Aufregungszuständen hinreichend große Pupillen, um den Ring unmittelbar
zu sehen. Anderen gelingt nur der Versuch mit dem Loche ohne künstliche
Erweiterung der Pupille, wenn das andere Auge zugedeckt ist; bei anderen
ist wiederum ohne Mydriaticum überhaupt nichts vom Farbenring zu sehen.
Die Erscheinung wurde sowohl von Dospers* wie von Brer** beschrieben und
richtig gedeutet, um dann von Druausr** und SaLomoxsonnt wieder näher
untersucht zu werden. Letzterer, bei welchem sich eine Zusammenstellung derr
Literatur findet, deutet irrtümlicherweise die bei Glaukom auftretenden farbigen
Ringe auf dieselbe Weise. Diese verschwinden aber beim Vorschieben einer
Karte allmählich und überall gleichzeitig, wodurch ihr Entstehen durch Diffrak-
tion an kleinen rundlichen oder polygonalen G®bilden bewiesen wird, wie sie
durch die Hornhauttrübung geschaffen werden. Auch ist ihr Durchmesser
* Nach der Angabe von J. H. A. Harrsans, Beiträge zur Kenntnis des Glaukoms.
Arch. f. Ophth. VII. 2. S. 124. 1862.
* Beer, Über den Hof um Kerzenflammen. Possexporrrs Ann. Bd. 84. S. 518. 1851;
Bd. 88. 8. 595. 1858.
** A, Druauıt, Sur la Production des anneaux colorés autour des flammes. Arch.
d'opht. 18. p. 312. 1898.
+ H. Sarosonsons, Über Lichtbeugung an Hornhaut und Linse. Arch, f. Physiologie.
Jahrg. 1898. S. 187.
v. Heısnortz, Physiologische Optik. 3. Aufl, I. 13
194 Die Dioptrik des Auges. IG. 164. 165.
größer, Dagegen kommt es vor, daß in Fällen, wo das Glaukom die nötige
Pupillenerweiterung ohne gleichzeitige Hornhauttrübung verursacht, die physio-
logischen in der Linse entstehenden Farbenringe sichtbar werden und mit echt
glaukomatösen verwechselt werden können.
Auf dieselbe Weise und mit demselben Verhalten gegenüber einem vor-
geschobenen Blatt können unter physiologischen Verhältnissen farbige Ringe
sichtbar werden, welche von unregelmäßiger Eintrocknung der Hornhautober-
fläche oder Sekretauflagerung auf derselben herrühren. Viele Menschen sehen
habituell einen solchen Ring das um eine helle Lichtquelle sichtbare diffuse
Licht nach außen abgrenzen, wobei der größere in der Linse entstehende Ring
durch einen dunklen Zwischenraum vom ersteren getrennt ist. G.
§ 16. Das Augenleuchten und der Augenspiegel.
Von dem Lichte, welches auf die Netzhaut gefallen ist, wird ein Teil
absorbiert, namentlich durch das schwarze Pigment der Aderhaut, ein anderer
Teil wird diffus reflektiert, und kehrt durch die Pupille nach außen zurück.
Unter gewöhnlichen Verhältnissen nehmen wir nichts von dem Lichte wahr,
welches aus der Pupille eines anderen Auges zurückkehrt, diese erscheint uns
vielmehr ganz dunkelschwarz. Der Grund hiervon ist hauptsächlich in den
eigentümlichen Brechungsverhältnissen des Auges zu suchen, zum Teil auch
darin, daß von den meisten Stellen des Augenhintergrundes wegen des schwarzen
Pigments verhältnismäßig wenig Licht zurückgeworfen wird.
Bei allen Systemen brechender Flächen, welche ein genaues Bild eines
leuchtenden Punktes entwerfen, können die Lichtstrahlen genau auf denselben
Wegen, auf denen sie von dem leuchtenden Punkte zu dessen Bilde gegangen
sind, auch rückwärts von dem Bilde zu dem leuchtenden Punkte zurückgehen.
Oder wenn man den leuchtenden Punkt an den Ort des Bildes bringt, wird nun
das Bild an dem früheren Orte des leuchtenden Punktes entworfen.
Daraus ` folgt: Wenn das menschliche Auge genau für einen leuchtenden
Körper akkommodiert ist, und von diesem ein genaues Bild auf seiner Netzhaut
entwirft, und wir betrachten nun die erleuchtete Stelle der Netzhaut als ein
zweites leuchtendes Objekt, so wird deren von den Augenmedien entworfenes
Bild genau mit dem ursprünglich leuchtenden Körper zusammenfallen, d. h. alles
Licht, welches von der Netzhaut aus dem Auge zurückkehrt, wird außerhalb
des Auges direkt zu dem leuchtenden Körper zurückgehen, und nicht neben ihm
vorbei. Das Auge des Beobachters würde sich, um etwas von diesem Lichte
aufzufangen, zwischen den leuchtenden Körper und das beleuchtete Auge ein-
schieben müssen, was ohne weitere Hilfsmittel natürlich nicht angeht, ohne dem
beleuchteten Auge das Licht abzuschneiden.
Ebensowenig kann der Beobachter Licht aus dem Auge eines anderen
zurückkehren sehen, wenn dies letztere für die Pupille des Beobachters genau
akkommodiert ist. Unter diesen Umständen wird nämlich ein genaues dunkles Bild
der Pupille des Beobachters auf der Netzhaut des beobachteten Auges entworfen
werden, Rückwärts werden die Augenmedien ein Bild dieser dunklen Stelle der
Netzhaut gerade auf die Pupille des Beobachters werfen, und somit wird dieser
gerade nur den Widerschein seiner eigenen schwarzen Pupille in der fremden sehen.
Daher kommt es, daß man unter gewöhnlichen Umständen auch die stärker
Licht reflektierenden Teile im Hintergrunde eines fremden Auges nicht sieht,
165. 100. | S 16. Das Augenleuchten und der Augenspiegel. 195
wie z. B. die weiße Eintrittsstelle des Sehnerven, die Gefäße. Auch bei Albinos,
Personen, denen das Pigment der Chorioidea fehlt, erscheint die Pupille schwarz,
sobald man durch einen dunklen, vor ihr Auge gehaltenen Schirm, der nur eine
Öffnung von der Größe der Pupille zum Durchsehen hat, verhindert, daß Licht
durch ihre Sclerotica in das Innere des Auges dringt.) Letzteres ist es,
welches das gewöhnliche rote Ansehen der albinotischen Pupille bewirkt.
Ebenso erscheint das Objektglas einer Camera obscura von vorn gesehen schwarz,
wenn man von ihr das Bild eines einzelnen Lichts in einem dunklen Zimmer
entwerfen läßt; selbst dann, wenn man als Schirm zum Auffangen des Bildes
ein weißes Blatt Papier angebracht hat.
Ist dagegen das beleuchtete Auge weder für den leuchtenden Gegenstand
noch für die Pupille des Beobachters genau akkommodiert, so ist es möglich,
daß der Beobachter einiges von dem aus der Pupille zurückkehrenden Lichte
wahrnehme, die Pupille erscheint ihm dann leuchtend.
Es ist leicht einzusehen, daß der Beobachter von allen denjenigen Punkten
der Netzhaut des beobachteten Auges Licht empfangen kann, auf welche das
Zerstreaungsbild seiner eigenen Pupille fällt. Supponieren wir einen Augenblick
statt der Pupille des Beobachters eine leuchtende Scheibe, deren Zerstreuungs-
bild in dem beobachteten Auge genau mit dem Zerstreuungsbilde jener Pupille
zusammentreffen würde, so gehen Lichtstrahlen von einem oder mehreren
Punkten dieser leuchtenden Scheibe nach jedem Punkte ihres Zerstreuungs-
bildes hin, es können also auch rückwärts Lichtstrahlen von jedem Punkte der
Netzhaut, der dem Zerstreuungskreise angehört, nach einem oder mehreren
Punkten der leuchtenden Scheibe, d. h. an den Ort der Pupille des Beobachters
gelangen. Der Beobachter wird also das beobachtete Auge leuchten sehen, so
oft in dem beobachteten Auge das Zerstreuungsbild seiner eigenen Pupille teil-
weise zusammenfällt mit dem Zerstreuungsbilde eines leuchtenden Gegen-
standes.
Blickt daher der Beobachter dicht am Rande eines Lichts vorbei, dessen
Strahlen er durch einen dunklen Schirm von seinem eigenen Auge abhält, um
nicht geblendet zu werden, nach s
dem Auge eines anderen, und i | m o
ist dieses Auge für eine nähere
oder viel weitere Entfernung ak- E? ®. RETTET —— Q
kommodiert, so erscheint ihm et
die Pupille rot leuchtend. Diese Fig. 97.
Anordnung des Versuchs ist sche- s
matisch in Fig. 97 dargestellt. B ist das Auge des Beobachters, S der Schirm,
welcher es vor den direkten Lichtstrahlen schützt, A der Grundriß einer Lampen-
flamme, © das beobachtete Auge, B C die Gesichtslinie des Beobachters, Cd die des
beobachteten Auges, welche beliebig gerichtet sein kann. Der Versuch gelingt
auch meist, ohne daß man die Akkommodation des beobachteten Auges be-
rücksichtigt, wenn entweder der Beobachter weit entfernt ist oder wenn der
Beobachtete, wie in Fig. 97, seitwärts sieht, weil dann, das Bild des Lichts
und der Pupille des Beobachters auf den Seitenteilen der Netzhaut entworfen
werden, wo überhaupt die Bilder nicht scharf sind. Am hellsten ist das Leuchten,
Deg
' F. C. Doxpers in Onderzoekingen gedaan in het Physiologisch Laborat, der Utrecht-
sche Hoogeschool. Jaar VI. p. 158. — vax Trior in Nederlandsch Lancet, 3. Ser. D. II. bl. 419.
\ 18*
196 Die Dioptrik des Auges. [1se. 167.
wenn das einfallende Licht auf die Eintrittsstelle des Sehnerven trifit, weil
dessen weiße Substanz das Licht stark reflektiert und wegen ihrer durch-
scheinenden Beschaffenheit keine hinreichend bestimmte Grenzflüche darbietet,
auf der sich das Bild scharf projizieren könnte.
Zu bemerken ist hierbei, daß bei hinreichend starker Beleuchtung auch
Licht genug durch die Aderhaut zur Sclerotica dringt, und hier diffus reflektiert
wieder zurückkehrt, um wahrgenommen zu werden. Dies Licht verhält sich wie
das der Zerstreuungskreise. Daher kann bei starker Beleuchtung auch bei
genauer Akkommodation des beobachteten Auges für die Pupille des Be-
obachters ein schwacher Grad von Leuchten stattfinden, namentlich bei schwach
pigmentierten Augen, der sich in der angegebenen Weise erklärt,
Noch besser kann das Augenleuchten beobachtet werden, wenn man nicht
direkt das Licht der Flamme in das Auge fallen läßt, sondern von einem
e Spiegel reflektiert, und der Beobachter durch diesen
Spiegel hindurchsieht. A in Fig. 98 sei das Licht,
S der Spiegel, welcher aus einer unbelegten Glas-
platte bestehen kann. Diese wirft das auffallende
Licht so zurück, als käme es von einem Spiegel-
bilde « der Flamme. Ç sei das beobachtete Auge,
auf dessen Hintergrunde ein kleines Netzhautbild-
chen des Lichts entworfen wird. Das von der
Netzhaut zurückkehrende Licht geht nun, wenn es
das Auge verlassen hat, zunächst in der Richtung
des Spiegelbildes œ zurück, trifft wieder auf die
Fig. 98. spiegelnde Platte, wo ein Teil nach dem wirklichen
Lichte hin zurückgeworfen wird, während ein anderer
durch die Platte geht und seinen Weg nach dem Orte des Spiegelbildes hin
fortsetzt. Hier kann es nun von dem Auge des Beobachters B aufgefaßt werden.
Dieser sieht bei der beschriebenen Anordnung das beobachtete Auge leuchten.
Statt der unbelegten Glasplatte kann auch ein belegter Glasspiegel oder
Metallspiegel gebraucht werden, mit einer engen Öfinung, durch welche der
Beobachter sieht.
Wenn der Beobachter unter diesen Umständen nun auch den Hintergrund
des beobachteten Auges erleuchtet sieht, so kann er doch in der Regel nichts
im Hintergrunde dieses Auges erkennen, weil er sein Auge für das Bild, welches
die Augenmedien vom Hintergrunde des Auges entwerfen, nicht akkommodieren
kann. Zu dem Ende müssen noch passende Glaslinsen hinzugenommen werden.
Die Zusammenstellung eines Beleuchtungsapparates mit solchen Glaslinsen gibt
ein Instrument, Augenspiegel, mittels dessen man die Bilder auf der Netz-
haut und die Teile der Netzhaut eines fremden Auges deutlich sehen und unter-
suchen kann.
Brücke hat auf einen eigentümlichen Nutzen aufmerksam gemacht, den
die Schicht der stabförmigen Körperchen bei der Zurückwerfung des Lichts an
der Netzhaut haben muß. Diese Körperchen sind kleine Zylinder, 0,030 mm
lang, 0,0018 mm dick, von einer stark lichtbrechenden Substanz gebildet, welche
palissadenartig dicht nebeneinander gedrängt die der Aderhaut zugekehrte letzte
Schicht der Netzhaut bilden. Die Achse derer, welche im Hintergrunde des
Auges die Netzhaut bedecken, ist gegen die Pupille hin gerichtet, und alles
einfallende Licht tritt deshalb in diese Körperchen nahehin ihrer Achse parallel
167. 168.] Theorie des Augenleuchtens. 197
ein. Da nun Licht, welches innerhalb eines dichteren Mittels fortschreitend
unter einem sehr großen Einfallswinkel auf die Grenze eines weniger licht-
brechenden Mediums trifft, total reflektiert wird, so können wir schließen, daß
das Licht, welches in ein stabförmiges Körperchen einmal eingetreten ist, dieses
meist nicht wieder verläßt, sondern, wenn es irgendwo auf die zylindrische Be-
grenzungsfläche des Körperchens treffen sollte, hier größtenteils nach innen re-
flektiert wird. Wenn wir die Brechkraft der stabförmigen Körperchen beispiels-
weise gleich der des Öls (1,47), die ihrer Zwischensubstanz gleich der des
Wassers setzen (1,33), so werden Strahlen, die unter einem Winkel kleiner als
25° gegen ihre Fläche fallen, total reflektiert, während die von der Pupille etwa
nur unter einem Winkel von 8° auffallen. Ist das Licht endlich an dem
äußeren Ende des Körperchens angekommen, und wird hier ein Teil von der
Aderhaut diffus zurückgeworfen, so wird dieser wieder hauptsächlich durch das-
selbe Körperchen zurückkehren müssen. Was von dem Lichte dann unter einem
größeren Winkel gegen die Achse des Körperchens verläuft, wird allerdings das
Körperchen auch verlassen können, aber nur nach oft wiederholten Reflexionen
an den Grenzen der nächsten Körperchen bis in den Glaskörper dringen
können. Solches Licht dagegen, welches nahe parallel der Achse der Körperchen
zurückgeht, wird nur eine oder wenige totale Reflexionen erleiden, daher wenig
geschwächt sein, wenn es das Körperchen verläßt, dann aber auch die Richtung
nach der Pupille haben und durch diese austreten. Diese Funktion der
Körperchen scheint namentlich bei denjenigen Tieren, welche statt der Schicht
schwarzer Pigmentzellen auf der Aderhaut eine stark reflektierende Fläche
(Tapetum) haben, von Wichtigkeit zu sein. Einmal wird dadurch bewirkt, daß
das Licht die empfindenden Netzhautelemente, welche es beim Einfallen ge-
troffen hatte, bei seiner Rückkehr noch einmal trifft und erregt. Zweitens kann
es rückkehrend nur dieselben oder höchstens teilweise die nächsten Netzhaut-
elemente treffen, und sich nur zu einem kleinen Teile im Auge diffus zerstreuen,
was die Genauigkeit des Sehens erheblich beeinträchtigen würde. Daß solches
diffus zerstreutes Licht bei hinreichend hellen Netzhautbildern im Gesichtsfelde
merkbar werden kann, zeigt die im vorigen Paragraphen beschriebene Be-
obachtungsweise der Aderfigur mittels eines unter dem Auge hin und her be-
wegten Lichts.
Ich lasse nun hier eine Reihe allgemeiner Sätze zur Begründung der
mathematischen Theorie des Augenleuchtens und der Augenspiegel folgen, durch
deren Aufstellung die Betrachtung der einzelnen Fälle später außerordentlich
vereinfacht wird.
Satz I.
Wenn zwei Lichtstrahlen in entgegengesetzter Richtung durch be-
liebig viele einfach brechende Mittel gehen, und in einem dieser
Medien in eine gerade Linie zusammenfallen, so fallen sie in allen
zusammen.
Es sei AB Fig. 99 der Teil der beiden Strahlen, von dem wir wissen, daß
er beiden gemeinschaftlich angehöre. Der erste Strahl sei von Æ längs der
Linie EB gekommen, in B gebrochen und nach A gegangen. Der zweite Strahl
kommt von A längs der Linie A D nach B, wird hier gebrochen, und gehe nach
E. Zunächst ist zu beweisen, daß E B mit EB zusammenfällt. D HO sei das
Einfallslot, m das Brechungsverhältnis des Mittels, in welchem E und Æ, der
198 _ Die Dioptrik des Auges. [hes. 169.
Winkel EBD = « und der Winkel E BD = e liegen; n dagegen das Brechungs-
verhältnis des Mittels, in welchem A und der Winkel ABC = 3 liegt. Für
den ersten Strahl muß nach dem Brechungsgesetz AB in der durch DB und
EB gelegten Ebene liegen, und ferner sein
m sine = n sin}.
Ebenso muß für den zweiten Strahl E B in der durch DB und AB gelegten
Ebene liegen, also in derselben, in welcher auch EB liegt, und es muß sein
m sine, = n sin ĝ.
Daraus folgt
sin = sin œ, oder
Q = æ,
” da beide Winkel nur im ersten Quadranten liegen können,
Daraus folgt, daf E, B mit EB zusammenfällt.
Somit kongruieren die beiden Strahlen auch in dem
Mittel, in welchem E liegt, soweit dieses reicht.
Bei der nächsten brechenden Fläche läßt sich ihre
Kongruenz dann wieder für das dritte Medium folgern usw.
Fig. 99. Zusätze. 1. Auch sieht man leicht ein, daß bei Reflexionen
an spiegelnden Flächen die Kongruenz nicht gestört wird.
2. Für das Auge folgt, daß ein Strahl, der auf seinem Wege von der Netzhaut
zur Linse mit einem anderen zusammenfällt, der von einem leuchtenden Punkte in
das Auge und auf die Netzhaut füllt, auch außerhalb des Auges mit diesem kongruiert.
3. Stellt man den Satz so allgemein hin, wie es hier geschehen ist, so muß
man daran denken, daß bei gewissen Polarisationsrichtungen und Einfallswinkeln die
Strahlen bei einer Brechung oder Reflexion ganz verlöschen könnten. Bei unseren
Anwendungen auf die Beleuchtung des Auges treten solche Umstände nicht ein. Das
Licht füllt auf die brechenden Flächen des Auges fast senkrecht ein, wobei seine etwa
vorhandene Polarisation so gut wie keinen Einfluß auf die Stärke des gebrochenen
und reflektierten Anteils hat. Übrigens können wir die Schwächung der Strahlen
durch Reflexion und Absorption an und in den Augenmedien vernachlässigen. Nur
wenn man schräg gestellte Glasplatten als Reflektor benutzt, muß man an die
Schwächung des Lichts durch Reflexion denken.
Für die Intensität des hin und zurück gehenden Lichtstrahls läßt sich übrigens
ebenfalls eine ganz entsprechende Regel von sehr ausgedehnter Gültigkeit aufstellen,
die ausgesprochen zu haben hier genügen mag, da wir bei gegenwärtiger Anwendung
das Prinzip in seiner allgemeineren Form nicht brauchen. Den Beweis kann sich
übrigens jeder, der die Gesetze der Optik kennt, leicht selbst führen. Man kann
diese allgemeinere Regel folgendermaßen aussprechen.
Ein Lichtstrahl gelange von dem Punkte A nach beliehig vielen Brechungen,
Reflexionen usw. nach dem Punkte B. In A lege man durch seine Richtung
zwei beliebige, aufeinander senkrechte Ebenen a, und a,, nach welchen seine
Schwingungen zerlegt gedacht werden. Zwei eben solche Ebenen b und b,
werden durch den Strahl in B gelegt. Alsdann läßt sich folgendes beweisen:
Wenn die Quantität J nach der Ebene a, polarisierten Lichts von A in der
Richtung des besprochenen Strahls ausgeht, und davon die Quantität A nach
der Ebene b, polarisierten Lichts in B ankommt, so wird rückwärts, wenn die
Quantität J nach 2, polarisierten Lichts von B ausgeht, dieselbe Quantität A
nach a, polarisierten Lichts in A ankommen.
189. 170.] Theorie des Augenleuchtens. 199
Soviel ich sehe, kann hierbei das Licht auf seinem Wege der einfachen und
doppelten Brechung, Reflexion, Absorption, gewöhnlichen Dispersion und Diffraktion
unterworfen sein, ohne daß das Gesetz seine Anwendbarkeit verliert, nur darf keine
Änderung seiner Brechbarkeit stattfinden, und es darf nicht durch Körper gehen, in
denen der Magnetismus nach Farapars Entdeckung auf die Lage der Polarisations-
ebene einwirkt.
Satz II.
Wenn die Pupille des beobachteten Auges leuchtend erscheinen soll,
so muß sich auf seiner Netzhaut das Bild der Lichtquelle ganz
oder teilweise mit dem Bilde der Pupille des Beobachters decken.
Wenn von irgend einer Stelle der Netzhaut des beobachteten Auges Licht
in das Auge des Beobachters dringen soll, so muß diese Stelle erstens von der
Lichtquelle erleuchtet sein, also dem Bilde der Lichtquelle angehören. Zweitens,
wenn wir die Fiktion machen, daß Licht von der Pupille des Beobachters aus-
geht, so müßte nach dem vorigen Satze ebensogut Licht von der Pupille des
Beobachters zur betreffenden Stelle der Netzhaut des beobachteten Auges wie
umgekehrt gehen können. Die Netzhautstelle muß also gleichzeitig dem Netz-
hautbilde der Pupille des Beobachters angehören, mag dieses Bild nun scharf
oder ein Zerstreuungsbild sein.
Zusätze. 1. Dieser Satz gilt nicht nur für den Fall, wo die Strahlen auf
geradem Wege von der Lichtquelle zum beobachteten Auge und von diesem zum
Auge des Beobachters gehen, sondern auch wenn beliebig viele Linsen und Spiegel
dazwischen geschoben sind. Dadurch erhält man ein bequemes Mittel, sich experi-
mentell die Wirkung jedes Augenspiegels am eigenen Auge deutlich zu machen. Man
stelle das zur Erleuchtung dienende Licht auf und bringe das Instrument vor sein
Auge in dieselbe Lage, wie es sonst vor dem Auge des Beobachteten steht; der Teil
des Gesichtsfeldes, welcher alsdann hell erscheint, entspricht dem Teile der Netzhaut,
welcher beleuchtet ist. Man kann erkennen, ob das helle Feld groß oder klein, ob
es gleichmäßig erleuchtet ist, oder ob sich dunkle Stellen darin befinden, und wie
dunkel diese sind. Alsdann nehme man die Flamme von der Stelle weg, wo sie zur
Erleuchtung des Auges dient, und bringe sie hinter das Instrument, da wo sieh sonst
das Auge des Beobachters befindet, so daß das Licht durch die Öffnung scheint,
welche dem Beobachter zum Durchsehen dient. Was jetzt im Gesichtsfelde erleuchtet
ist, ist der Kreis, den der Beobachter von der Netzhaut übersehen kann.
Ich empfehle diesen Weg, um bei den verschiedenen Kombinationen ebener und
gekrümmter Spiegel, konvexer und konkaver Linsen in den Augenspiegeln sich die
Wirkungen klar zu machen, ohne daß man sich auf verwickelte geometrische Kon-
struktionen einzulassen braucht, die den Ungeübten leicht mehr verwirren als aufklären.
2. Was die Wirkung ` der in diesem Paragraphen beschriebenen Beleuchtungs-
weisen betrifft, so ordnet sich deren Wirkung leicht unter die hier aufgestellte Regel.
Man erinnere sich daran, daß, wie die tägliche Erfahrung lehrt und eine einfache
Konstruktion des Ganges der Lichtstrahlen bestätigt, das Zerstreuungsbild eines fernen
Gegenstandes nicht das scharfe Bild eines deutlich gesehenen nüheren Gegenstandes
bedecken kann, wohl aber das Zerstreuungsbild eines näheren Gegenstandes das scharfe
Bild eines ferneren. Bei dem Versuche mit dem durchbohrten Spiegel bedeckt das
Zerstreuungsbild der Öffnung, durch welche der Beobachter blickt und welche sich
möglichst nahe vor dem beobachteten Auge befinden muß, das entferntere, vielleicht
deutlich gesehene Bild der Lichtflamme. Wenn man keinen Spiegel anwendet, sondern
der Beobachter dicht an der Flamme vorbei nach dem beobachteten Auge sieht, er-
scheinen diesem Auge die Flamme und das Auge des Beobachters nahe nebeneinander,
und sobald das beobachtete Auge nicht scharf für sie akkommodiert ist, fließen ihre
200 Die Dioptrik des Auges. |170. 171.
Zerstreuungskreise ineinander. Bei der Beleuchtung mit einer unbelegten Glasplatte
können beide Bilder scharf sein, sowohl das des Lichts, wie das der Pupille des Be-
obachters. Ersteres wird von der Platte gespiegelt, letzteres durch die Platte ge-
sehen, so daß beide aufeinanderfallen. Der Beobachtete kann deshalb selbst am
leichtesten die Glasplatte so stellen, daß dem Beobachter sein Auge leuchtend er-
scheint. Er muß nur darauf achten, daß ihm das Auge des Beobachters von dem
Spiegelbilde der Flamme gedeckt erscheine.
Ein solches Reziprozitätsgesetz, wie wir es eben dafür aufgestellt haben,
daß überhaupt Licht von einem leuchtenden zu einem zu beleuchtenden Punkte
hin und her gehe, läßt sich auch für die Quantität des hin und zurück ge-
langenden Lichts aufstellen. Wir erinnern in dieser Beziehung zunächst an
folgendes,
Allgemeines Gesetz der Beleuchtung.
Wenn sich in einem durchsichtigen Medium zwei verschwindend kleine
Flächenelemente von der Größe a und b in der gegenseitigen Entfernung r be-
finden, ihre Normalen mit der sie verbindenden geraden Linie beziehlich die
Winkel e und 3 bilden, und a mit der Helligkeit H Licht aussendet, so ist
die Lichtmenge L, welche von a auf b fällt
H-ab cos« ous? 1)
zaa At EE e At
L =
Ebenso groß ist auch die Lichtmenge, welche von b auf a fallen würde, wenn b
mit der Helligkeit H Licht aussendete.
Satz III.
In einem zentrierten Systeme von brechenden Kugelflichen sei n, das Brechungs-
verhältnis des ersten, n, das des letzten brechenden Mittels. In dem ersten
befinde sich senkrecht gegen die Achse des Systems gerichtet und der Achse
nahe ein Flächenelement «, in dem letzten ein eben solches 2. Wenn e
die Helligkeit mi H hat und ? die Helligkeit n,” H, so füllt ebenso-
viel Licht von e auf 3 wie von ĝ auf «.
Um den Beweis nicht komplizierter zu machen, als unsere beabsichtigten
Anwendungen verlangen, vernachlässigen wir dabei die Schwächungen, welche
die Strahlen an den brechenden Flächen durch Reflexion erleiden, und nehmen
an, daß die Einfallswinkel der Strahlen an den brechenden Flächen immer klein
genug sind, um ihre Kosinus gleich 1 setzen zu können, obgleich der Satz sich
auch in allgemeinerer Form beweisen läßt.
1. Wenn ĝ nicht am Orte des Bildes von e liegt.
Es sei AC die optische Achse des brechenden Systems, F sein erster, G
sein zweiter Hauptpunkt, œ das erste Flächenelement, welches wir, da es ver-
Pr schwindend klein sein soll,
$ nur durch einen Punkt in
, der Zeichnung dargestellt
haben, y sein Bild, f f
der Durchschnitt des ein-
fallenden Strahlenbündels
in der ersten Hauptebene, 9,9, derselbe in der zweiten. Die Grundfläche des
Strahlenbündels in der ersten Hauptebene ist kongruent derselben in der
D
Fig. 100.
171. 172.] Theorie des Augenleuchtens. 201
zweiten; ihre gemeinsame Größe sei ®. Das zweite Flächenelement 3 liege in
der Ebene, welche in B senkrecht gegen die optische Achse steht, und b,b, sei
der Durchschnitt des Strahlenbündels in dieser Ebene. Die Fußpunkte der
von e und y auf die optische Achse gefüllten Lote seien A und C.
Die Lichtmenge, welche von e auf die Grundfläche des Strahlenkegels /, /,
fällt, ist nach Gleichung 1) gleich
a" He: D
Harn
wenn n,?H die Helligkeit von e ist. Dieselbe Lichtmenge fällt auch auf die
weiteren Querschnitte des Strahlenkegels in 9,9, und b,b, Die Lichtmenge
nun, welche in der letzteren Ebene auf das Flächenelement 3 fällt, verhält sich
zu der ganzen Lichtmenge, welche die Fläche b,b, trifft, wie die Oberfläche
von 3 zu dem Querschnitt des Strahlenkegels in b, Ae den wir mit Æ bezeichnen
wollen. Es ist also die ganze Lichtmenge X, welche von e auf $ fällt, gleich
ea pi ge re hen LEE ee ON
Nun ist aber ferner
d (gg cr
Ae (b b,)* wt Zei
Dieser Wert, in die Gleichung 2) gesetzt, gibt
00?
r Se 2 $
A mn Haß FOLAF
Da nun nach § 9 Gleichung 8a)
EL ER
iF ZER
wo F, und F, die beiden Brennweiten des Systems sind, so ist
Rue en 2a)
AF.n+BG HR -Ar BO "ro"
Ebenso bekommt man nun für die Lichtmenge Y, welche von 9, wenn es
mit der Helligkeit n,? H leuchtet, auf e füllt, den Ausdruck
2 BR... 11. WENA re
Y=-Haß-TI7.n+BG-n —AF.BGp' }
Da auf beiden Seiten alles symmetrisch ist, braucht man, um dies zu er-
halten, in dem Ausdrucke für X nur zu vertauschen
AF mit BG
F, mit F,
e mit ĝ
n? H mit n, H.
Da nun nach § 9 Gleichung 9c)
F =n F,
so folgt aus 2a) und 2b) e
X= Y
was zu beweisen war.
202 Die Dioptrik des Auges. [172. 173,
Wir nehmen zuerst an, daß 3 in Größe und Lage dem Bilde von « genau
entspreche, dann entspricht auch «œ genau dem Bilde von 3. Alles Licht also,
was von e aus durch die brechenden Flächen dringt, füllt auf 3. umgekehrt,
alles, was von 2 durch die brechenden Flächen dringt, fällt auf «.
Wir behalten die Bezeichnungen der Figur 96 bei, nur daß wir uns das
Element d jetzt in y liegend denken.
Es ist die von e bei der Helligkeit n,? H auf die brechenden Flächen und
also auch auf 2 fallende Lichtmenge X
3a),
und die von 3 bei der Helligkeit n,? H auf die brechenden Flächen und also
auch auf e fallende Menge Y
p
DTM mz. ti nit Bag pr,
Da nun d das Bild von « sein soll, so ist nach $ 9 Gleichung 8b), indem
man berücksichtigt, daß «œ und 2 ähnliche Flächen, also dem Quadrate ihrer
entsprechenden Lineardimensionen proportional sind
EE
Z (GC EN
und da ferner nach $ 9 Gleichung 8a)
, GOGR
GC— F = zen. DH
so folgt
ah? GEI
Ar!” GOY
und da F: F, = n:n, so folgt
j Ee the nr. ORAC
AF- GO
Aus 3a), 3b) und 3c) zusammen folgt endlich
X=Y,
was zu beweisen war.
Sollte eines der beiden Elemente, z. B. «, größer sein als das Bild von 3
so würden die Teile von «, welche nicht zum Bilde von 9 gehören, weder Licht
auf 8 werfen, noch von 2 empfangen können, es würde dadurch also weder X
noch Y geändert werden und unser Satz richtig bleiben.
Zusätze. 1. Die ganze Beweisführung läßt sich ebensogut auf zentrierte
Systeme brechender und spiegelnder Kugelflächen anwenden.
2. Die leuchtende und beleuchtete Fläche brauchen auch nicht verschwindend
klein zu sein, wenn sie nur klein genug sind, daß die Kosinus der Einfallswinkel
der Strahlen an den brechenden Flächen sich nicht merklich von 1 unterscheiden.
Denn da für jedes Paar verschwindend kleiner Flächenelemente der beiden Flächen
der Satz gilt, so gilt er auch für die ganzen Flächen.
Wenn wir den eben bewiesenen Satz auf die Verhältnisse des Augenleuchtens
anwenden und das eine Flüächenelement in die Netzhaut des beobachteten Auges
verlegen, statt des anderen die Pupille des Beobachters setzen, übrigens den
173. 174.] Theorie des Augenleuchtens. 208
Unterschied der Brechung zwischen wässriger und gläserner Feuchtigkeit ver-
nachlässigen und zwischen den beiden Augen ein beliebiges System zentrierter
brechender oder spiegelnder kugeliger Flächen angebracht denken, so können
wir den Satz folgendermaßen aussprechen:
Satz Ila.
Die Menge Licht, welche von einem Flächenelemente der Netzhaut
des beobachteten Auges in das Auge des Beobachters fällt, ist
gleich der Helligkeit, mit der das Netzhautelement von der Licht-
quelle erleuchtet wird, multipliziert mit der Menge Licht, welche
von der Pupille des Beobachters, wenn sie die Helligkeit = 1 hätte,
auf das Netzhautelement fallen würde,
H sei die Helligkeit, mit der das Netzhautelement von der Lichtquelle er-
leuchtet wird, und % die Lichtmenge, welche von der Pupille des Beobachters,
wenn diese mit der Helligkeit 1 leuchtet, auf das Netzhautelement fällt, so
würde nach dem eben bewiesenen Satze k auch gleich der Lichtmenge sein,
welche von dem Netzhautelemente, wenn dieses die Helligkeit 1 hätte, in die
Pupille des Beobachters gelangte. Da dieses nun aber die Helligkeit H hat,
so ist die Lichtmenge, welche von diesem Elemente wirklich in die Pupille des
Beobachters gelangt, Hk, wie es unser Satz ausspricht.
Es ist dieser Satz gleichsam die weitere Ausführung des Satzes II, indem
hier die quantitativen Bestimmungen gegeben werden, welche dort fehlten. Zu-
nächst ist er nur erwiesen für Augenspiegel, an deren brechenden und spiegeln-
den Flächen die Lichtstrahlen nahe senkrecht einfallen und keinen erheblichen
Verlust erleiden. Es ist aber leicht einzusehen, daß er auch für die Beleuch-
tung des Auges mit schief gestellten spiegelnden Glasplatten gilt, da unpolari-
siertes Licht, vom beobachtenden zum beobachteten Auge durch eine solche
Platte gehend, ebenso stark geschwächt wird, als wenn es den umgekehrten
Weg verfolgte.
Satz IV.
Wenn ein Beobachter durch ein zentriertes System brechender und
spiegelnder Kugelflächen ein scharfes Bild eines leuchtenden
Gegenstandes erblickt und wir den Verlust von Licht an den
brechenden und spiegelnden Flächen vernachlässigen können, so
erscheint jede Stelle des Bildes dem Beobachter ebenso hell, wie
ihm die entsprechende Stelle des Gegenstandes ohne optische In-
strumente gesehen erscheinen würde, so oft die ganze Pupille des
Beobachters von den Strahlen getroffen wird, die von einem ein-
zelnen Punkte jener Stelle ausgehen. Ist diese letztere Bedingung
nicht erfüllt, so verhält sich die Helligkeit des optischen Bildes
zur Helligkeit des frei gesehenen Gegenstandes, wie der von Strahlen
eines leuchtenden Punktes getroffene Flächenraum der Pupille
des Beobachters zur ganzen Pupille.
Wenn das Auge direkt oder durch ein zentriertes optisches System ein
deutliches Bild eines Gegenstandes sieht, so können wir das Auge mit dem vor-
gesetzten optischen Systeme zusammen wiederum als ein optisches System be-
trachten, welches ein Bild des Gegenstandes auf der Netzhaut entwirft. Es sei
204 Die Dioptrik des Auges. [174.
a ein Flächenelement des Gegenstandes, b sein Bild auf der Netzhaut. So viel
Licht von a nach b geht, würde auch nach Satz III dieses Paragraphen von b
2
nach a gehen, wenn dem Netzhautelemente b die Helligkeit Ze H erteilt würde.
In diesem Ausdrucke ist H die Helligkeit des Elements a, n, das Brechungs-
verhältnis des Mediums, in dem sich a befindet, n, das des Glaskörpers. Es
läßt sich aber leicht berechnen, wie viel Licht von b nach a unter diesen Um-
ständen gehen würde. Ist o der Querschnitt des von einem Punkte von b nach
einem Punkte von a gehenden Strahlenbündels in der Pupille, so ist die von b
nach a gehende Lichtmenge M gleich der von b nach g gehenden, und diese ist
worin R den Abstand der Pupille von der Netzhaut bedeutet. Streng genommen
würde hier unter a der Querschnitt des Strahlenbündels in dem von der Linse
entworfenen Bilde der Pupille, und unter R die Entfernung dieses Bildes von
der Netzhaut zu verstehen sein. In diesem Ausdrucke für die Lichtmenge,
welche von dem leuchtenden Flächenelemente H in das Auge fällt, sind zwei
Größen, welche von der Beschaffenheit des dem Auge vorgesetzten optischen
Systems abhängen, nämlich q der Querschnitt des Strahlenbündels in der Pupille
und 5 die Größe des Bildes auf der Netzhaut.
Die Helligkeit dieses Bildchens hängt nun aber nicht nur von der einfallen-
den Lichtmenge ab, sondern auch von der Größe der Fläche b, über welche die
Lichtmenge ausgebreitet wird, und ist der letzteren umgekehrt proportional.
Setzen wir als Einheit der Beleuchtungsstärke die Lichtmenge, welche die
Einheit der Fläche trifft, so ist die Beleuchtungsstärke J des Netzhautelements %Ņ
Mn q
rat. er D
in welchem Ausdrucke nur noch o von der Beschaffenheit des optischen Systems
abhängig ist. Sieht das Auge frei den Gegenstand an, so füllt das Strahlen-
bündel die ganze Pupille, deren Querschnitt Q sei, und die Beleuchtungsstärke
wird x
m’ g.l
d CH Es
Größer als Q kann o niemals werden; dieser letztere Ausdruck ist also das
Maximum der Helligkeit; er stellt die natürliche Helligkeit des Bildes dar. Die
Helligkeit ausgedehnter Flächen kann durch optische Instrumente nie größer,
nur kleiner werden, wenn g kleiner als Q, und verhält sich dann zur natürlichen
Helligkeit wie o zu Q.
Zusätze. 1. Nur wenn wir verschwindend kleine leuchtende Punkte durch
optische Instrumente betrachten, deren Bild auch bei den stärksten Vergrößerungen
nur die Ausdehnung der kleinsten Zerstreuungskreise auf der Netzhaut bedeckt, also
immer dieselbe Flächenausdehnung behält, können optische Instrumente die Helligkeit
vergrößern. Dies geschieht z. B. für die Fixsterne, und deshalb können auch Fix-
sterne durch ‚stark vergrößernde Fernröhre mit großen Aperturen bei Tage sichtbar
gemacht werden. Die scheinbare Helligkeit des Fixsterns steigt proportional der
Liehtmenge, welche das Instrument in seinen Fokus vereinigt, während die Helligkeit
des Himmelsgewölbes im Fernrohre nicht vermehrt wird.
174. 175.] Theorie der Augenspiegel. 205
2. Auch wenn Zerstreuungsbilder einer leuchtenden Fläche von gleichmäßiger
Helligkeit im Auge entworfen werden, kann die Helligkeit des Netzhautbildes nur
gleich, nie größer werden als die Helligkeit bei freier Betrachtung der Fläche. Der
Beweis läßt sich ganz so führen wie für scharf gesehene Bilder, da Satz III für
scharfe Bilder und für Zerstreuungsbilder gleichmäßig gilt. Auch hier ist die Hellig-
keit proportional dem Querschnitt des Strahlenbündels in der Pupille, welches von dem
entsprechenden Punkte der Netzhaut bis nach der leuchtenden Fläche gelangen kann.
Ich erlaube mir zu bemerken, daß gegen die hier entwickelten Grundsätze der
Helligkeit dioptrischer und katoptrischer Apparate noch oft gesündigt wird. Man
glaubt noch oft, daß, wenn man Licht durch Sammellinsen oder Hohlspiegel in das
Auge, in Mikroskope usw. fallen läßt, man dadurch nicht bloß die scheinbare Größe
der leuchtenden Fläche, sondern auch ihre scheinbare Helligkeit vermehren könne,
Der Vermehrung des in das Auge fallenden Lichts, welches durch solche Mittel er-
reicht werden kann, entspricht stets eine entsprechende Vergrößerung des Bildes, so
daß das Bild eben nur größer, nicht heller wird. Durch kein optisches Instrument
kann man die Helligkeit einer leuchtenden Fläche von erkennbaren Dimensionen für
das Auge größer machen, als sie dem bloßen Auge erscheint. Ebensowenig kann
eine beleuchtete Fläche jemals eine größere Helligkeit bekommen, als die leuchtende hat.
Satz V.
Allgemeines Verfahren, die Helligkeit zu bestimmen, mit welcher
dem Beobachter durch einen Augenspiegel eine Stelle der Netz-
haut des beobachteten Auges erscheint.
a) Wenn der Verlust, den die einzelnen Strahlen an den brechen-
den und reflektierenden Flächen erleiden, vernachlässigt werden
kann. Es sei æ ein Punkt an der betreffenden Stelle der Netzhaut; wir haben
zu untersuchen, wie das Strahlenbündel verläuft, welches von æ nach der Pupille
desselben Auges geht. Nach Satz I und II muß ein Teil dieses Strahlen-
bündels zum leuchtenden Körper, ein anderer zur Pupille des Beobachters
gehen, Es sei P der Querschnitt der Pupille des beobachteten Auges, p in
dieser Pupille der Querschnitt desjenigen Teils des Strahlenbündels, welches
zum leuchtenden Körper zurückgelangt, H die Helligkeit, welche der betreffenden
Netzhautstelle zukommen würde, wenn das beobachtete Auge, frei nach dem
leuchtenden Körper blickend, auf ihr ein Bild dieses Körpers entwürfe, Wir
können diese die normale Helligkeit nennen. Sie hängt natürlich wesentlich
von der Struktur der Netzhaut selbst ab, ferner von der Helligkeit des leuch-
tenden Körpers und der Weite der Pupille P. Bei Anwendung des Augen-
spiegels muß notwendig die wirkliche Helligkeit der Netzhautstelle kleiner
werden, nämlich
H
pE
Weiter ermittele man den Querschnitt q, den der Teil des von v ausgegangenen
Strahlenbündels, welcher in die Pupille des Beobachters gelangt, in dieser
Pupille hat, deren ganzer Flächeninhalt Q sei, so ergibt sich schließlich für die
Helligkeit der Netzhautstelle, wie sie dem Beobachter erscheint,
q.p
Q- P pH N
b) Wenn die Strahlen durch Spiegelung oder Brechung einen
merklichen Verlust erleiden. Unter den bisher konstruierten Formen der
206 Die Dioptrik des Auges. [175. 178.
Augenspiegel kommt ein solcher nur bei dem von mir angegebenen mit un-
belegten spiegelnden Platten vor. Das vọm Auge zum leuchtenden Körper
gehende Strahlenbündel wird in diesem Falle und allen ähnlichen ebensoviel
verlieren als die vom Lichte wirklich zum Auge gehenden Strahlen. Man
braucht also auch nur den Verlust des ersteren zu berechnen. Es möge von
einem Strahl, der vom Licht zum beobachteten Auge geht und dessen Intensität 1
ist, e im Auge ankommen, und von einem eben solchen Strahle, der vom be-
obachteten Auge ausgeht, 3 in dem des Beobachters ankommen, dann müssen
wir den obigen Ausdruck für die Helligkeit noch mit « und # multiplizieren;
er wird also
sën:
SEN H.
Durch die in den vorstehenden Sätzen vollzogene Umkehr des Problems von
der Erleuchtung des Auges haben wir die Untersuchung der Helligkeit der Bilder
für jeden Fall auf die Bestimmung des Ganges eines einzigen Strahlenbündels reduziert,
während es sonst nötig war, die Helligkeit einer einzelnen Netzhautstelle aus der
Helligkeit aller übereinander gelagerten Zerstreuungskreise, welche den einzelnen
Punkten der Lichtquelle entsprechen, durch Summation zu bestimmen. Auch glaube
ich, daß die Sache dadurch der Anschauung zugänglicher wird. Den Gang der
Strahlen von einem Netzhautpunkte durch die verhältnismäßig einfachen optischen
Systeme der Augenspiegel, von denen eines zur Beleuchtung, eines zur Beobachtung
dient, einzeln genommen kann man sich leicht veranschaulichen, während die ganze
Übersicht des Ganges der Lichtstrahlen von der Lichtquelle bis zum Auge des Be-
obachters meist deshalb schwierig wird, weil auf der Netzhaut eine unendliche Zahl
ineinander greifender Zerstreuungskreise der Punkte der Lichtquelle und der Pupille
des Beobachters entstehen.
Satz VL
Die Mittel, ein deutliches Bild des Augenhintergrundes zu erhalten.
A Fig. 101 sei das beobachtete Auge, a ein Punkt seiner Netzhaut, dessen
Bild von den Augenmedien in b entworfen wird, in der Entfernung, wo das
p, Lë
Fig. 101.
beobachtete Auge deutlich sieht. Die beiden Pfeile, welche bei a und b ge-
zeichnet sind, entsprechen der Größe der zusammengehörigen Bilder. Das Bild
der Netzhautstelle ist vergrößert und umgekehrt. Ein Beobachter, welcher ohne
weitere Hilfsmittel dies Bild der Netzhaut in b sehen wollte, müßte also noch
weiter entfernt vom Auge A, etwa in © sich befinden, so daß die Entfernung Ob
wieder gleich der Sehweite des Beobachters würde. Hierbei würde aber das
von der Pupille des beobachteten Auges begrenzte Gesichtsfeld des Beobachters
so klein sein, daß er doch nichts erkennen könnte.
Es sind bisher zwei Hauptmethoden angewendet worden, um die Lage des
Bildes b dem Beobachter bequemer zu machen. Bei der einen wird ein virtuelles
176. 177.) Theorie der Augenspiegel. 207
aufrechtes Bild der Netzhaut, bei der anderen ein reelles umgekehrtes ent-
worfen.
A. Darstellung der Netzhaut im virtuellen aufrechten Bilde.
Man wendet dazu eine Konkavlinse B in Fig. 102 an, deren Brennweite Bp
kleiner ist als die Entfernung des Punktes b von ihr. Eine solche macht die
von A nach b hin konvergierenden Lichtstrahlen wieder divergent, so daß sie
von einem scheinbar
bei d im Rücken des ^
beobachteten Auges ge-
legenen Punkte zu kom-
men scheinen. Die Pfeile
bezeichnen wieder Lage
undGröße der Netzhaut- Fig. 102.
stelle und ihrer Bilder.
Nennen wir p die negative Brennweite der Konkavlinse, e die Entfernung Bb,
y die Entfernung dB, so ist
y muß gleich der Sehweite des Beobachters sein, wenn er das bei d entworfene
Bild der Netzhaut deutlich sehen soll; e hängt von der Akkommodationsweite Ab
des beobachteten Auges und der Entfernung A und B ab. Hat man den Wert
beider Größen festgestellt, so kann man aus der gegebenen Gleichung den Wert
von p berechnen, welcher gewählt werden muß, um deutliche Bilder zu geben.
Wären beide Augen für unendliche Ferne akkommodiert, also «œ = y = œ,
so würde auch p= cn werden müssen, d. h. es wäre gar keine Linse notwendig.
Auch für die seitlich gelegenen Teile der Netzhaut ist gewöhnlich keine
Linse notwendig, weil diese vor den dorthin fallenden Vereinigungspunkten der
Lichtstrahlen weit entfernter Lichtpunkte zu liegen scheinen, und die Augen-
medien von ihnen daher selbst schon ein dem Beobachter passendes Bild
entwerfen.
Das Netzhautbild in d ist bei dieser Beobachtungsweise aufrecht.
Was die Vergrößerung betrifft, so denke man in b einen leuchtenden
Gegenstand, dessen Bild auf der Netzhaut in a entworfen werden würde. Die
rückkehrenden Strahlen bilden ein Bild des Netzhautbildes, welches nach den
vorher auseinandergesetzten Grundsätzen des Augenleuchtens dem leuchtenden
Gegenstande in b kongruent ist. Nennt man 3 die Größe des leuchtenden
Gegenstandes und des ihm gleichen Bildes in b, ð die des vom Beobachter ge-
sehenen Bildes in d, so ist
n
Ze
Als Maß für die scheinbare Größe des gesehenen Bildes können wir seine
Größe dividiert durch seine Entfernung von dem sehenden Auge gebrauchen.
Befindet sich das Auge des Beobachters dicht hinter dem Konkavglase, so wäre
die scheinbare Größe des Bildes
RR.
Y [74
208 Die Dioptrik des Auges. [177. 178.
Nennen wir die Entfernung AB nun q, so ist die scheinbare Größe des Objekts b
für das Auge a
KH
DEEN
also etwas kleiner als die des Bildes ö für den Beobachter. Ist die Sehweite
des Auges A sehr viel größer als q, so kann man o gegen « vernachlässigen,
und findet auch für das beobachtete Auge die scheinbare Größe des leuchtenden
Gegenstandes gleich £ .
Die Netzhautbilder des beobachteten Auges erscheinen also bei dieser An-
ordnung dem Beobachter unter gleichem oder etwas größerem Gesichtswinkel
als die entsprechenden Gegenstände dem beobachteten Auge.
Daraus ergibt sich nun leicht die Vergrößerung der Netzhautstelle des be-
obachteten Auges. Ist x die Größe des auf der Netzhaut in a entworfenen
Bildes von 3. und y der Abstand der Netzhaut vom hinteren Knotenpunkte des
Auges, so verhält sich
SECH
BP et
f- -i Beides multipliziert gibt:
D
E E
ò yet)
y ist in Listings schematischem Auge gleich 15,0072 mm (oder 6,694 Par. Lin.),
y ist hier nach der bei der Berechnung von Vergrößerungen angenommenen
Norm der Sehweite gleich 8 Zoll zu setzen. Daraus ergibt sich die Vergrößerung
Ya Sé
Fr}
Da q gegen e gewöhnlich sehr klein ist, können wir die Vergrößerung gleich
14'/, mal annehmen:
Das Gesichtsfeld, welches man übersieht, ist bei dieser Methode durch den
undeutlich gesehenen Rand der Pupille des beobachteten Auges nicht scharf
begrenzt. Um eine bestimmte Grenze passend zu wählen, kann man die nach
dem Rande der Pupille des beobachteten Auges gezogenen Visierlinien des
Beobachters nehmen, deren Kreuzungspunkt! im Mittelpunkt der Pupille des
Beobachters liegt. Wenn man diese Visierlinien wie Lichtstrahlen behandelt,
die von dem Mittelpunkte der Pupille des Beobachters ausgehen, findet man,
daß das Gesichtsfeld des Beobachters auf der Netzhaut des beobachteten Auges
dem Zerstreuungsbilde entspricht, in welchem der Mittelpunkt der Pupille des
Beobachters dort erscheint. Liegt dieser Mittelpunkt oder vielmehr sein durch
die Konkavlinse gesehehenes Bild im ersten Brennpunkte des beobachteten
Auges, so ist der Zerstreuungskreis, wie im vorigen Paragraphen bei den ent-
optischen Erscheinungen nachgewiesen ist, ebenso groß wie die Pupille des
beobachteten Auges. Meist wird aber das Auge des Beobachters sich dem be-
obachiteten Auge nicht so. weit nähern können, und dann wird der dem Ge-
ag, § 11 S. 104.
178. 179. ] Theorie der Augenspiegel. 209
sichtsfelde gleiche Zerstreuungskreis kleiner als die Pupille des beobachteten
Auges werden, um so kleiner, je weiter der Beobachter sich entfernt.
B. Darstellung der Netzhaut im reellen umgekehrten Bilde.
Die zweite Methode, das Bild der Netzhaut dem Beobachter bequem sichtbar
zu machen, besteht darin, daß man nahe vor das beobachtete Auge eine Konvex-
linse von kurzer Brennweite, 1 bis
3 Zoll, hält. Es sei wieder in Fig. 103
a ein beleuchteter Punkt der Netz-
haut, b sein Bild außerhalb des be-
obachteten Auges A, B eine Konvex-
linse, auf welche die Strahlen fallen,
ehe sie sich zum Bilde vereinigen. Fig. 108,
Dieseentwirft ein kleineres und näheres
Bild, als b ist, in d, ebenfalls in umgekehrter Stellung, wie das in b Das Auge
des Beobachters befindet sich in C, so weit entfernt, als es zur Akkommodation
dieses Auges für das Bild notwendig ist.
Ist p die positive Brennweite der Linse B, und wird die Entfernung Bb
wieder mit e, Bd mit y bezeichnet, so ist
1 1 1
d [74 P
Da « meist sehr viel größer ist als p, so wird y nahehin gleich p, bleibt
aber stets etwas kleiner.
Die Größe eines Netzhautteiles im Punkte a sei æ, die seines Bildes in A
sei 9, die des letzten Bildes in d sei ð, und die Entfernung der Netzhaut vom
hinteren Knotenpunkte des Auges sei y, die Entfernung des ersten Hauptpunktes
der Linse B vom vorderen Knotenpunkte des Auges A sei q, so ist
Buch Ri
d «+q
fi & : le à
e Beides multipliziert gibt
D
EH Gef Gu UN
d "let pleta
In der Regel stellt man die Linse B so, daß die Pupille von A in ihrem einen
Hauptbrennpunkte liegt, dann wird also p nahehin gleich q, und die Ver-
größerung
BEE.
e 9
Nehmen wir für y den Wert aus Lıstınss schematischem Auge, so ergibt sich,
daß das Bild a
2 mal vergrößert ist, wenn p = 30 mm (18,4%)
H „ DI DI "RI 45 „ (20,1 2
4 o zu ” n RS 60 „ (26,8).
Dies ist die wirkliche Vergrößerung des objektiven Bildes. Die Vergrößerung
für den Beobachter, wenn die Entfernung Cd gleich e gesetzt wird, ist
V. Hetsmuortz, Physiologische Optik. 8. Aufl. 1. 14
210 Die Dioptrik des Auges. [179. 180.
P_ x 8 Zoll.
y CG
Das Gesichtsfeld sieht der Beobachter bei dieser Methode begrenzt durch
die Pupille des beobachteten Auges, so lange die Konvexlinse diesem Auge sehr
nahe steht. Je weiter man die Konvexlinse aber entfernt, desto stärker ver-
größert erscheint die Pupille, bis sie endlich in die Nähe des Brennpunktes der
Glaslinse kommt, dann verschwindet der Pupillarrand ganz aus dem Gesichts-
felde, und die Ausdehnung des letzteren wird nur noch von der Apertur dieser
Linse bestimmt. Um die Größe des Gesichtsfeldes zu bestimmen, können wir
wieder, wie in dem vorigen Falle, die Visierlinien des Beobachters wie Licht-
strahlen behandeln. Zunächst entwirft die Linse B ein Bild vom Kreuzungs-
punkte der Visierlinien in der Nähe ihres Brennpunktes, also nahehin in der
Ebene der Pupille des beobachteten Auges. Von da divergieren die Visier-
linien nach dem Hintergrund des beobachteten Auges hin. Da ihr Vereinigungs-
punkt in der Nähe des vorderen Knotenpunktes des beobachteten Auges liegen
wird, oder vielleicht auch, je nach der Stellung der Linse B, ganz mit diesem
Knotenpunkte zusammenfallen wird, so gehen die Visierlinien des Beobachters
fast ungebrochen in das beobachtete Auge hinein. Ihr Gang ist in Fig. 103
durch die punktierten Linien angedeutet. Ist die Apertur der Linse B gleich u,
der Durchmesser des Gesichtsfeldes auf der Netzhaut gleich v, so ist
v Wi u
SIE.
Da man bei so kleinen Linsen recht gut die Apertur gleich der halben Brenn-
weite machen kann, also u = !/,p, so wird alsdann
v= JPY -= (LR mm.
Man übersieht also in diesem Falle ein größeres Gesichtsfeld, als es ohne künst-
liche Erweiterung der Pupille durch Atropin bei der Beobachtung mit Konkav-
gläsern möglich ist.
VII.
Beleuchtungsapparate der Augenspiegel.
Nach den drei oben angeführten Methoden kann die Beleuchtung direkt
mit einem Lichte geschehen, oder mit einem durchbohrten undurchsichtigen
Spiegel, oder mit unbelegten, also durchsichtigen Glasplatten als Spiegel.
Beleuchtung ohne allen Spiegel läßt sich nur für das umgekehrte Bild der
Netzhaut anwenden, erfordert eine beträchtliche Geschicklichkeit, und wäre
etwa nur da zu empfehlen, wo gerade kein anderes Instrument als eine ein-
fache Konvexlinse von kurzer Brennweite zur Hand ist. Die Ausführung der
Beobachtung ist folgende. Der Beobachter sieht dicht neben einem Lichte
vorbei und, durch einen Schirm gegen dessen direkte Strahlen geschützt, wie
es in Fig. 97 abgebildet ist, nach dem beobachteten Auge hin, und bringt eine
Konvexlinse von 2 bis 4 Zoll Brennweite vor dieses Auge, wie in Fig. 103. Um
die richtige Stellung zu finden, bringt man diese Linse zuerst ganz dicht vor
das beobachtete Auge, und entfernt sie allmählich so weit, bis man die Pupille
so stark vergrößert erblickt, daß ihre Ränder hinter denen der Linse ver-
schwinden. Man erblickt dann ein umgekehrtes reelles Bild der Netzhaut bei d
180, 181.] Theorie der Augenspiegel. 211
Fig. 108. Um die Helligkeit dieses Bildes zu bestimmen, verfolgen wir nach
den Vorschriften von Nr. V dieses Paragraphen das Strahlenbündel, welches
vom Netzlıautpunkte a Fig. 103 ausgeht; es wird von den brechenden Flächen
des Auges nach b hin, darauf von der Linse B nach d hin konvergent gemacht,
divergiert hinter d, und ist bei qq am Auge des Beobachters jedenfalls breit
genug, daß die Pupille des Beobachters ganz hineintauchen und also die Netz-
hautstelle mit ihrer ganzen wirklichen Helligkeit sehen kann. Diese wirkliche
Helligkeit verhält sich zur normalen oder größtmöglichen Helligkeit nach V
wie der Teil des Strahlenkegels qq, der die Flamme trifft, zum ganzen Strahlen-
kegel. Wenn nun die Flamme hinreichend groß und passend gestellt ist, so
brauchen nur sehr wenig Strahlen des Kegels qq bei der Flamme vorbei zu
gehen, um die Pupille des Beobachters auszufüllen. Dann wird die wirkliche
Helligkeit der Netzhautstelle a sehr wenig kleiner sein als die normale Helligkeit,
und die scheinbare Helligkeit für den Beobachter gleich der wirklichen.
e
Fig. 104.
Sehr viel bequemer wird die Beobachtung, wenn der Beobachter einen
durchbohrten undurchsichtigen Spiegel anwendet, um das Auge A zu erleuchten.
Es sei in Fig. 104 wieder A das beobachtete, B das beobachtende Auge, © die
Konvexlinse, und SS ein durchbohrter Spiegel. Von dem Netzhautpunkte a
wird ein Bild bei d entworfen, welches der Beobachter durch die Öffnung des
Spiegels hin betrachtet. Von dem ganzen von a kommenden Strahlenkegel geht
nur der schmale Teil für die Beleuchtung verloren, welcher durch die Öffnung
des Spiegels fällt, der ganze übrige Teil wird reflektiert und kann dem leuch-
tenden Körper zugelenkt werden. Zu dem letzteren Ende ist entweder der
Spiegel SS ein Hohlspiegel (Ruere), oder aber ein Planspiegel (Cocorus) oder
Konvexspiegel (ZEHENDER), neben dem man eine Linse L angebracht hat, welche
die Strahlen auf den leuchtenden Körper vereinigt. Aus dieser Darstellung
folgt schon nach Nr. V, daß die Helligkeit der Erleuchtung nahezu die normale
sein kann.
Das Gesichtsfeld für den Beobachter fanden wir bedingt durch die Größe
der Linse C wenn die Pupille im Brennpunkte dieser Linse steht. Es fragt
sich, ein wie großer Teil der Netzhaut erleuchtet werden kann. Da alles Licht
durch die Linse © in das Auge des Beobachters fällt, kann natürlich das be-
14°
212 Die Dioptrik des Auges. [is1. 182.
leuchtete Feld der Netzhaut nicht größer als das Zerstreuungsbild der Linse C
sein, welches selbe Zerstreuungsbild auch, wie wir in VI gezeigt haben, dem
Gesichtsfelde des Beobachters entspricht. Dies Zerstreuungsbild wird in allen
Teilen sein Maximum der Helligkeit haben, wenn von jedem Teil der Linse ©
Licht auf jeden Teil der Pupille fällt. Diese Bedingung wird erfüllt sein, wenn
die Pupille des beobachteten Auges gleich oder kleiner als das Bild ist, welches
die Linse Ọ in der Nähe der Pupille von dem Spiegel SS (oder der Linse L)
entwirft, und von jedem Punkte dieses Spiegels, mit notwendiger Ausnahme
der mittleren Durchbohrung, Licht auf jeden Teil der Linse © fällt. Das
letztere wird aber wiederum geschehen, wenn die Linse C an dem Orte steht,
wo der Spiegel das Bild der Lampenflamme D entwirft, und die Linse gleich
oder kleiner als dieses Bild ist.
Um ein Beispiel solcher Konstruktion zu geben, wollen wir annehmen, man
verlange von dem Augenspiegel eine viermalige Vergrößerung und gebe dem-
entsprechend der Linse Ọ eine Brennweite von 60 mm und eine Apertur von 30 mm.
Der Spiegel, welcher ein durchbohrter Konkavspiegel sein möge, muß so weit von
dem Orte des Bildes d entfernt sein, daß der Beobachter sein Auge für das Bild
akkommodieren kann, also etwa 150 mm. Dann steht der Spiegel S von der Linse O
210 mm ab. Nach $ 9 Gleichung 14b) wird sein von der Linse entworfenes
Bild = 9/50 = Zi seiner eigenen Größe sein. Da nun sein Bild der Pupille des be-
obachteten Auges gleich sein soll, und diese bei künstlicher Erweiterung bis auf 10 mm
Durchmesser kommen kann, so müssen wir dem Spiegel 25 mm Durchmesser geben.
Die Brennweite, welche wir dem Spiegel geben müssen, bestimmt sich nun durch
die Bedingung, daß er ein Bild der Lampenflamme entwerfen muß, welches die
Linse Ọ deckt. Die Flamme größerer Ansaxpscher Brenner hat etwa 15 mm Durch-
messer, Setzen wir in $ 9 Gleichung 14b) für 9, den Durchmesser der Linse ©
30 mm, für Pa den Durchmesser der Lampenflamme 15 mm, für f, die Entfernung CS
gleich 210 mm, so wird die Brennweite F des Spiegels gefunden gleich 70 mm, und
die Lampenflamme muß 105 mm vom Spiegel entfernt sein.
Wenn man nicht einen Konkavspiegel, sondern einen ebenen Spiegel und eine
konvexe Glaslinse wie in Fig. 104 anwenden will, muß man statt der Entfernung des
Spiegels von der Linse C in der Rechnung die Summe der Entfernungen der beiden
Linsen L und C von der Mitte des Spiegels nehmen.
Wenn der Beobachter den Spiegel und die Linse frei in der Hand hält, wird
es natürlich nicht möglich sein, die Entfernungen dieser Teile, die der Rechnung zu-
grunde gelegt sind, genau einzuhalten, und man wird auch bei ziemlich großen Ab-
weichungen davon noch gute Bilder erhalten; dennoch ist es aber wohl für den Be-
obachter vorteilhaft, die besten Bedingungen für die Haltung seines Instruments zu kennen
Wenn mit einem durchbohrten Spiegel und einem Konkavglase beobachtet
werden soll, sind die Verhältnisse ungünstiger. In Fig. 105 ist wieder A das
beobachtete, B das beobachtende Auge, S der
Spiegel. Soll der Netzhautpunkt a beobachtet
werden, so muß ein Teil des von ihm aus-
gehenden Strahlenkegels in das Auge des Be-
obachters fallen, wir wollen diesen Teil e nennen,
ein anderer Teil (1 — «) von dem Spiegel nach
dem Lichte reflektiert werden. Ist also H die
normale Helligkeit der Netzhautstelle a, so wird
unter diesen Umständen nach Nr. V dieses
Paragraphen H.(1 — ei ihre wirkliche Helligkeit sein. Es sei wie früher J der
Flächeninhalt der scheinbaren Pupille des beobachteten Auges A, R eben-
Fig. 105.
182, 183.] Theorie der Augenspiegel. 213
derselbe von B, g die Entfernung der beiden scheinbaren Pupillen voneinander,
und A die Akkommodationsdistanz des Auges A, so ist der Querschnitt des
Teils des Strahlenbündels, der in das Auge des Beobachters fällt,
We
h?
Dieser Querschnitt wird in der Regel kleiner sein als R. Die scheinbare
Helligkeit für den Beobachter wird dann
GJ,
Die Größe «(1 — «) erreicht ihr Maximum, wenn «= }/,, sie wird alsdann
gleich 11. Die vorteilhafteste Anordnung in bezug auf Helligkeit wird also die
sein, wo die Hälfte des Strahlenkegels in das Auge des Beobachters fällt, die
Hälfte zurückgeworfen wird. Man erreicht dann die Helligkeit
GREEN
DA
Um ein möglichst großes Feld in dem beobachteten Auge zu beleuchten,
wende man eine große und nahestehende Lampenflamme an, oder wenn dies
nicht zureicht, kann man bei L eine Sammellinse anbringen. Entwirft diese
ein Bild der Flamme, welches die Pupille ganz deckt, so wird im Auge A das
ganze Zerstreuungsbild der Linse L beleuchtet.
Für die Beobachtung mit Konvexlinsen würde die Beleuchtung mit un-
belegten Glasplatten nur 1/, der Helligkeit geben, welche man mit durchbohrten
undurchsichtigen Spiegeln erreichen kann. Dagegen kann diese Beleuchtung
bei der Beobachtung mit Konkavlinsen unter Umständen mit Vorteil an-
gewendet werden.
Man stelle sich nämlich in Fig. 105 den Spiegel SS vor als nicht durch-
bohrt und unbelegt, bestehend aus einer oder mehreren übereinander gelegten
Glasplatten. Es werde von jedem Lichtstrahl, der auf den Spiegel füllt, der
Teil « durchgelassen, der Teil (1 — ei zurückgeworfen. Ist H die normale
Helligkeit der Netzhautstelle a, bei direkt einfallendem Lichte, so gibt das von
dem Spiegel reflektierte Licht nur die Helligkeit H (1 — ei, Der Querschnitt
des Strahlenbündels, welches von a ausgeht, ist, da wo es auf B fällt, jetzt
ho)
zl S EM
Da nur der Teil œ des Lichts durch die Platten hindurchgeht, so wird die
scheinbare Helligkeit für den Beobachter:
J- (h — 9)?
Dieser Ausdruck erreicht auch in diesem Falle ein Maximum, wenn « gleich
IL ist, und wird
dE
H- «(l — «)
J. (h — d
d'Lies ez? D
solange zäh A
pe 72 >
214 Die Dioptrik des Auges. [183. 184.
Pupille J des von einer großen Lichtmenge getroffenen Auges A in der Regel
enger sein wird als die Pupille Æ des Beobachters. Nur bei der künstlichen
Erweiterung der Pupille J durch Atropin wird es nicht der Fall sein, und dann
wird die scheinbare Helligkeit einfach gleich 17. H. Im letzteren Falle ist die
Beobachtung mit einem durchbohrten Spiegel vorteilhafter, denn dort gilt der
gegebene Ausdruck für die Helligkeit, solange
J(h — g}
l
R<a:
æ = tf
Wenn man normale Augen ohne Anwendung von Atropin untersucht, so
würde man mittels beider Arten der Beleuchtung dieselbe Helligkeit erhalten
können, wenn die Pupillen unbeweglich wären. Der belegte Spiegel wirft aber
im ganzen mehr Licht in das beobachtete Auge, blendet es stärker, und die
Pupille verengt sich mehr, so daß unter diesen Umständen der unbelegte
Spiegel ein größeres Gesichtsfeld und eine größere Helligkeit geben kann.
Außerdem beleuchtet er die gesehene Netzhautfläche gleichmäßig, während beim
durchbohrten Spiegel das Zerstreuungsbild der Durchbohrung die Beleuchtung
ungleichmäßig macht. Endlich ist der Hornhautreflex bei dem unbelegten
Spiegel weniger störend, weil das vom Spiegel reflektierte Licht mehr oder
weniger polarisiert ist, und von der Hornhaut ohne Änderung seiner Polarisation
zurückgeworfen nur zu einem sehr kleinen Teile durch die Platten zurückgeht.
Damit der unbelegte Spiegel die Hälfte des auffallenden Lichts zurück-
werfe, kann man ihn entweder aus einer Glasplatte bestehen lassen, oder aus
mehreren übereinandergelegten, muß aber den
Einfallswinkel der reflektierten Lichtstrahlen
dann passend wählen. Der passende Einfalls-
winkel für
eine Platte ist 70°
drei Platten „ 60°
vier Platten „ 56°.
Formen der Augenspiegel.
1. Augenspiegel von HeLmHOLTZ, mit
reflektierenden Glasplatten und Konkavlinsen. Es
ist dieser Augenspiegel in Fig. 106 im Quer-
schnitt und natürlicher Größe, in Fig. 107
von vorn gesehen in halber Größe dargestellt,
Fig. 106. mit einer Modifikation der ursprünglichen Form,
welche von dem Mechanikus Rekoss angebracht
ist, nämlich mit zwei beweglichen Scheiben, welche die nötigen Konkavlinsen ent-
halten. Die drei reflektierenden Glasplatten sind mit aa bezeichnet, sie bilden die
nach vorn gekehrte Hypotenusenfläche eines prismatischen Kastens, dessen Grundfläche
ein rechtwinkeliges Dreieck ist, wie man im Querschnitte Fig. 106 sieht. Die übrigen
Flächen dieses hohlen Prismas sind aus Metallplatten gebildet und, um das Licht
möglichst vollständig zu absorbieren, innen mit schwarzem Samt ausgelegt. Die
kleinere Kathetenflüche des Prismas ist an dem Gestell des Augenspiegels so befestigt,
daß sie sich um die optische Achse des Instruments drehen kann, und hat dieser
Achse entsprechend eine Öffnung. Die Glasplatten werden durch einen rechtwinkeligen
184.] Beschreibung von Augenspiegeln.
215
Rahmen an dem prismatischen Kasten zurückgehalten; der Rahmen selbst ist durch
zwei Schrauben ee an die dreiseitigen Grundflüchen des Prismas befestigt. Die Glas-
platten bilden einen Winkel von 56° mit der optischen Achse des Instruments. ý
In das metallene Gestell des Instruments g g ist ferner eine Achse dd eingelassen,
um welche sich zwei Scheiben bb und ce drehen. Jede dieser
Scheiben hat fünf Öffnungen. In je vieren sind Konkavgläser
von 6 bis 13 Zoll Brennweite eingesetzt, die fünfte ist leer.
Diese Öffnungen können nacheinander in die optische Achse des
Instruments gebracht werden, so daß der Beobachter, welcher z
sein Auge an das beckenförmige Okularstück B anlegt, durch sie
und die Glasplatten aa hindurchsieht. In Fig. 106 ist die leere
Öffnung der Scheibe bb und eine mit einer Linse versehene der
Scheibe ce vorgeschoben. So kann der Beobachter eine be-
liebige von den acht Linsen oder zwei von ihnen gleichzeitig
vor sein Auge bringen. Damit die Scheiben ihre Stellung nicht
ohne Willen des Beobachters verändern, sind an ihrem Rande Grüb-
chen angebracht, in welche sich die Enden zweier Federn h einlegen.
Für Beobachtungen mit Konkavglüsern, also bei starker
Vergrößerung, an Personen, deren Pupille nicht künstlich er-
weitert ist, und bei großer Empfindlichkeit des beobachteten
Auges gegen Licht, finde ich unter den beweglichen Spiegeln
diese erste Form des Augenspiegels aus den Gründen, welche
ich oben bei der Theorie der Beleuchtung durch unbelegte
Glasplatten angeführt habe, noch immer am vorteilhaftesten.
Wenn ein gesundes Auge durch diesen Spiegel beobachtet
wird, kann es die Erleuchtung stundenlang, ohne geblendet k
zu werden, ertragen. Ich selbst habe oft 20 Studierenden Fig. 107.
hintereinander meine Netzhaut mit diesem Instrumente ohne
Unbequemlichkeit gezeigt, während die Beleuchtung mit belegten Spiegeln nicht
5 Minuten ohne starke Blendung des Auges ertragen wird. Ich ziehe deshalb diesen
Spiegel zu den meisten physiologischen Versuchen den anderen Formen vor. Für
die augenärztlichen Untersuchungen dagegen wird ein größeres Gesichtsfeld und größere
Helligkeit bei geringerer Vergrößerung meist vorteilhafter sein, und deshalb werden
für dergleichen Beobachtungen meist belegte durchbohrte Spiegel mit Konvexlinsen
angewendet.
Will man den Spiegel gebrauchen, so setzt sich der Beobachter dicht vor den
Beobachteten, und stellt an seiner Seite eine hell brennende Lampe auf. Ein undurch-
sichtiger Schirm wird so aufgestellt, daß er das Gesicht des Beobachteten beschattet.
Der Beobachter bringt zuerst den Spiegl, ohne hindurchzusehen, ungeführ in die
richtige Stellung vor das Gesicht des Beobachteten, und dreht ihn so, daß die Glas-
platten ihren hellen Reflex auf das zu beobachtende Auge werfen. Dann blickt er
hindurch und erblickt nun die Netzhaut rot erleuchtet. Wenn er nicht sogleich sein
Auge für die feineren Teile der Netzhaut akkommodieren kann, dreht er mit dem
Zeigefinger der Hand, welche das Instrument hält, eine der Scheiben, welche die
Linsen enthält, bis er die passende Konkavlinse gefunden hat.
Wenn die Beleuchtung der Netzhaut verschwindet, achte man nur auf den hellen
Reflex der Glasplatten im Gesichte des Beobachteten und führe diesen wieder auf das
Auge zurück.
2. Augenspiegel von Hr, mit durchbohrtem Konkavspiegel, auf Stativ
dargestellt in Fig. 108. Auf einem runden Fuße von Holz ruht eine hohle Säule a,
in deren Achsenkanale sich ein runder Stab b von Holz befindet, der hoch und niedrig
geschoben und durch eine Feder, die sich am unteren Ende desselben befindet, in
jeder beliebigen Höhe festgestellt werden kann. Auf diesem Stabe sitzt ein Halb-
216 Die Dioptrik des Auges. [184. 185.
kreis von Messing e, der sich mit dem Stabe hoch und niedrig, rechts und links
stellen läßt. In diesem Halbkreise ist ein in der Mitte durchbohrter Hohlspiegel d
von etwa 3 Par. Zoll Durchmesser und von einer Brennweite von etwa 10 Par. Zoll
durch Schrauben, die je nach dem Bedürfnisse gelüftet oder stärker angezogen werden
können, so befestigt, daß er um seine Horizontalachse gedreht werden kann. In der
Mitte der Säule a befinden sich zwei hölzerne Ringe e und f, welche sich um die
Säule drehen lassen. Jeder Ring trägt einen horizontal auslaufenden Arm g und k;
der Arm g trägt einen geschwärzten Schirm, der einesteils dazu dient, um das Licht
der Lampe vom Beobachter abzuhalten, anderenteils auch dazu, um, wenn es nötig
ist, das vom Spiegel in das beobachtete Auge fallende Licht abzuschwächen, was man
dadurch bewirkt, daß man einen Teil des Spiegels durch den Schirm beschattet. Der
Arm Ah, welcher in 12 Zolle eingeteilt ist, trägt zwei vertikale Säulen, © und E die
rück- und vorwärts geschoben werden können; in jeder vertikalen Säule steckt ein
am unteren Ende mit einer Feder versehener Stift von Messing ! und m, den man
auf- und abwärts schieben kann, und der durch die Feder in jeder Höhe, die man
ihm gibt, festgehalten wird. Auf diese Stifte steckt man je nach den Umständen
konkave oder konvexe Gläser, welche die aus dem beobachteten Auge zurückkehrenden
Lichtstrahlen zu einem deut-
lichen Bilde für den Beobachter
vereinigen. Aist der Beobach-
tete, B der Beobachter. Die
Zeichnung ergibt leicht das
übrige.
Für die Beobachtungen
mit Konkavlinsen, die in der
augenärztlichen Praxis aller-
dings wohl eine seltenere An-
wendung finden, ist das In-
strument nicht gut geeignet,
weil sich die beiden Augen
nicht hinreichend nähern kön-
nen, und deshalb das Gesichts-
feld sehr klein wird. Für
Beobachtungen mit Konvex-
linsen dagegen,die in klinischen
Lokalen angestellt werden, er-
scheint das Instrument sehr bequem, namentlich wenn man durch einen Assistenten
den Kopf des Beobachteten so dirigieren läßt, daß seine Pupille in den Fokus der
Lichtstrahlen kommt; auch kann durch Anbringung einer zweiten konvexen Okular-
linse (die dann aber wohl besser hinter dem Spiegel anzubringen wäre) eine Art
kleinen Fernrohrs zusammengesetzt und eine stärkere Vergrößerung erreicht werden.
Die Helligkeit des Instruments ist sehr groß. Gelegenheit, die Netzhautbilder zu
beobachten, ist nicht gegeben.
Fig. 108.
3. Erkens Augenspiegel, mit durchbohrtem Planspiegel, auf Stativ, verändert
durch Doxvers und vax Trier. Das ganze Instrument ist im Querschnitte dargestellt
auf Fig. 109 und in einer Seitenansicht Fig. 110. Der Spiegel D, einzeln ab-
gebildet in Fig. 111, ist eine belegte Glasplatte, in deren Mitte der Beleg weggenommen
ist, etwa in der Ausdehnung der Pupille; später hat Doxpers den Spiegel durchbohren
lassen nach dem Vorgange von Coccus, um zu vermeiden, daß das in das Auge des
Beobachters fallende Licht durch Reflexion geschwächt würde. Der Spiegel ist in
einem würfelförmigen Kasten E E drehbar befestigt. Gedreht wird er mittels des
Knopfes F. Das zu beobachtende Auge wird an die Öffnung des Kastens bei N an-
gelegt, das des Beobachters bei O. Hier befindet sich eine solche Scheibe mit ver-
188. 188.] Beschreibung von Augenspiegeln. 217
schiedenen Linsen, wie die von Rexoss bei dem Augenspiegel von HELMHOLTZ an-
gebrachte. Doxpers wählt dazu drei positive mit 20, 8 und 4cm Brennweite, und
drei negative mit 16, 10 und 6 cm.
Mit dem kubischen Kasten hatte Erxexs eine konische Röhre verbunden, an
Fig. 109.
deren Ende, wo jetzt das Mikrometer M sich befindet, eine Lampe angebracht war.
An das Ende der Röhre kann, wenn es nötig scheint, eine positive Linse gebracht
werden, deren Brennpunkt wenig von der Flamme entfernt ist, so daß jemandem,
der in den Spiegel hineinsieht, die ganze Glaslinse leuchtend erscheint, und dadurch
ein größerer Teil der Netzhaut beleuchtet wird. Der ganze Apparat, an dem Stabe A
Fig. 110. Fig. 111.
befestigt, kann an diesem auf und ab bewegt werden. Bei K ist eine kreisförmige
Scheibe befestigt, mit schwarzem Zeug bezogen, um das überflüssige Lampenlicht ab-
zuhalten, und am unteren Teile des Instruments ist ein Stück Wachstafft LL auf-
gehängt an der Stange Z, um das Gesicht des Beobachters von dem des Beobachteten
zu trennen.
Da es aber schwierig war, kranke Personen immer zu richtigen Bewegungen
ihres Auges zu bestimmen, wurde der Apparat von Doxpers und vax Terier noch
beweglicher gemacht. Es wurde die Röhre in einem Ringe C drehbar gemacht; der
Würfel E E kann um die Achse, welche durch die Schrauben b und c bestimmt
218 Die Dioptrik des Auges. [ıse. 187.
wird, gedreht werden. Die Lampe wurde vom Instrumente getrennt. Am Ende
der Röhre @ wurde ein Mikrometer angebracht. Die Spitzen des Mikrometers a
und b werden im beobachteten Auge abgebildet, wenn dieses richtig akkommodiert
ist. Deshalb wurde das Mikrometer verschiebbar gemacht, vermittelst der Röhre @,
welche sich auf der Röhre B verschiebt. V ist die Mikrometerschraube, durch deren
Umdrehung der Abstand der Spitzen geändert und gemessen wird. Ist n der Ab-
stand der Spitzen a und b, æ ihre Entfernung vom vorderen Knotenpunkte des be-
obachteten Auges, und 15 mm der Abstand des hinteren Knotenpunktes von der
Netzhaut, so ist der Abstand der Spitzen im Retinabildchen y
n
= — 5 z
y z x 15mm
Wenn man nun einen Zeichenapparat, wie man ihn bei Mikroskopen gebraucht,
an der Öffnung O anbringt, und sowohl den Abstand der Spitzen als die Gefüße usw.
der Netzhaut nachzeichnet, kann man die wahre Größe der Gefüße und anderer Netz-
hautteilchen bestimmen.
Später hat Doxpers noch für sehr kurzsichtige Augen ein zweites Mikrometer
hinzugefügt, welches in die Röhre B eingeschoben wird. Außerdem hat er für die
Beobachtung von Augen, deren Pupille durch Belladonna erweitert ist, für das Ende
der Röhre 3 eine kegelförmige Erweiterung mit einer Sammellinse von größerer
Apertur, als J hat, hinzugefügt, um ein größeres Feld im Auge zu beleuchten.
Dieser Spiegel ist namentlich für Untersuchung der Netzhaut mit Konkavgläsern
bestimmt. Er lüßt sehr genaue und sichere Untersuchungen und Messungen der
Netzhautbilder und der kleineren Teile des Augenhintergrundes zu, und ist leicht
und bequem zu gebrauchen. Ähnlich konstruiert ist der tragbare Augenspiegel von
SAEMANN. Man denke sich die Röhre des Spiegels von Erkexs bis zu einem bloßen
Ansatzstücke des Würfels verkürzt und das feste Gestell
entfernt, statt der Scheibe, welche die Linsen enthält,
eine Fassung, in welche die Linsen einzeln eingelegt
werden, so hat man SAEMAnNs Augenspiegel.
4. Portativer Augenspiegel von Coccıvs, mit
durchbohrtem, belegtem, ebenem Spiegel und einer Be-
leuchtungslinse. Abgebildet in Fig. 112. Das Instrument
besteht aus einem kleinen viereckigen Planspiegel a von
14 Par. Lin. Seite. Die Öffnung hat 2 Par. Lin. Durch-
messer, und ihr vorderer, dem beobachteten Auge zu-
gekehrter Rand ist etwas abgeschliffen. Der Spiegel ist
in eine dünne Messingplatte gefaßt, welche an ihrem
unteren Ende in einen kleinen Fortsatz übergeht, der
an der Stange b befestigt ist. . Die Beleuchtungslinse
hat 5 Zoll Brennweite; um sie aber auch mit anderen
Fig. 112. vertauschen zu können, ist sie in einen geschlitzten
federnden Ring f eingesetzt, von der Stange g und dem
geschlitzten Querbalken d getragen. Der letztere wird durch festes Anschrauben des
Griffes e festgeklemmt, um die Stellung der Linse gegen den Spiegel zu sichern,
welche man gewählt hat. Auseinander genommen kann das Instrument in ein kleines
Etui gelegt werden.
Coccus bringt, wie Ruere, die Konkavglüser wie die Konvexglüser zwischen Spiegel
und Licht an. Da das erstere wegen der Reflexe unvorteilhaft ist, hat man später
mehrere Hohlglüser in einem Schieberchen oder einzeln in Ringen an der Rückseite
des Spiegels angebracht.
Wegen seiner Beweglichkeit ist dieser Spiegel für ärztliche Zwecke sehr brauch-
bar; man kann sowohl wie bei Ruxres Spiegel mit Konvexlinsen, als auch wie bei
Erkens Spiegel mit Konkavlinsen bequem untersuchen.
187. 188.] Beschreibungen von Augenspiegeln. 219
5. Portativer Spiegel von ZEHENDER, mit durchbohrtem konvexen Metall-
spiegel und Beleuchtungslinse, mit ähnlicher Fassung, wie der von Coccıvs. Im
wesentlichen unterscheidet sich das Instrument von dem letzteren nur dadurch, daß
statt des ebenen Glasspiegels ein konvexer Metallspiegel von 6 Zoll Radius angebracht
ist. Indem man die konvexe Linse dem konvexen Spiegel näher oder ferner stellt,
erhält man ein reflektierendes System von veründerlicher Brennweite, was man den
Umständen anpassen kann. Ein wesentlicher Vorteil scheint mir noch in dem Um-
stande zu liegen, daß der Spiegel von Metall gefertigt ist, und daher der Rand des
Sehlochs dünn, gut geschwärzt und ohne Licht reflektierende Unebenheiten ist. Vorher
habe ich nachgewiesen, daß bei den Beobachtungen mit dem durchbohrten Spiegel
und der Konkavlinse zur Erlangung der größten Helligkeit nur die Hälfte des von
einem Pankte der Netzhaut ausgehenden Strahlenbündels in das Auge des Beobachters
fallen darf, falls nicht die Pupille des beobachteten Auges den mehr als doppelten
Flächeninhalt von der des Beobachters hat. Der Beobachter wird daher in der Regel
sich einen Teil seiner Pupille mit dem Rande der Öffnung des Spiegels verdecken
müssen, und einen Teil dieses Randes gerade vor dem Ange haben. Es ist daher
vorteilhaft, an diesem Rande alles zu vermeiden, was Licht reflektieren könnte, und
das ist bei ZEuenpers Metallspiegeln viel besser erreicht als bei Coccrus’ Glasspiegeln.
6. Prismenspiegel von Meverstem. Statt der metallischen Spiegel dient
hierbei ein rechtwinkeliges Prisma, dessen Hypotenusenfliche das Licht zurückwirft.
Der Beobachter sieht durch eine Durchbohrung des Prismas.
Später hat Meversteın mit dem durchbohrten Prisma eine Beleuchtungslinse
verbunden, und zwischen dem Auge des Beobachters und dem Prisma ein kleines
Fernrohr angebracht, endlich der größeren Wohlfeilheit wegen das Prisma durch
einen durchbohrten Spiegel ersetzt; auch glaube ich, daß die Anwendung des Prismas
eher Nachteile als irgend einen Vorteil mit sich brachte. Das Ganze hat eine Fassung,
mittels deren man es auf den Augenhöhlenrand des Beobachteten aufsetzen kann,
und durch einen Arm mit zwei Gelenken ist auch ein Wachskerzchen mit dem
Apparate verbunden, welches zur Beleuchtung dient.
Da das äußere Licht von dem beobachteten Auge ganz abgeschlossen wird, soll
es auch in einem hellen Zimmer gebraucht werden können. Dadurch, daß man das
Ökularglas des kleinen Fernrohrs heraus- oder hereinschiebt, kann man das optische
System für Augen von jeder Sehweite passend machen.
7. Augenspiegel von Urrıcn. Die wesentlichen Teile von Rveres Augen-
spiegel sind in einer portativen Röhre angebracht, welche seitlich auch ein Licht
zur Beleuchtung trigt.
Von den Beobachtungen, welche mit dem Augenspiegel an normalen Augen an-
zustellen sind, erwähne ich folgendes. Der Grund des Auges erscheint bei starker
Beleuchtung (mit belegten Spiegeln und Konvexlinsen) rot, nur die Eintrittsstelle des
Sehnerven zeichnet sich hellweiß ab. Man sieht auf dem roten Grunde zunächst die
Netzhautgefüße verlaufen, deren Stämme aus der Mitte des weißen Sehnerven hervor-
treten. Die Arterien sind durch ihre lichtere rote Farbe und durch einen stärkeren
Lichtreflex an ihrer Oberfläche zu erkennen. Zwischen den Netzhautgefüßen erscheint
der Grund des Auges je nach der Menge des Pigments bald hellrot, bald braun, und
man erkennt, namentlich an den mehr zur Seite gelegenen Teilen, sehr häufig die
Gefüße der Aderhaut, wie es in Fig. 113 dargestellt ist. Man sieht daselbst in der
Mitte die Eintritsstelle des Sehnerven; aaa sind Äste der Netzhautarterie, bbb der
Netzhautvene, dazwischen sieht man die viel weiteren Gefüße der Aderhaut. Letztere
sind nicht immer gleich deutlich; in den meisten Augen ist die Pigmentschicht über
diesen Gefäßen so dünn, daß sie sich dadurch von den stärker pigmentierten Zwischen-
räumen abheben.
Bei starker Beleuchtung zeigt der Augengrund keine auffallenden Unterschiede
in der Helligkeit. mit Ausnahme der Eintrittsstelle des Sehnerven. Es scheint, daß
220 Die Dioptrik des Auges. | 183. 189.
dabei verhältnismäßig viel Licht durch die Pigmentschicht der Aderhaut dringt, von
der Selerotiea reflektiert wird und wieder zurückkehrt. Daß bei den meisten Augen
a b ziemlich viel Licht durch die Augenhäute
dringen kann, zeigt uns der Versuch ($ 10,
S. 73), bei welchem das Netzhautbildehen im
inneren Augenwinkel sichtbar wird, und ferner
die entoptische Erscheinung der Aderfigur der
Netzhaut mittels Lichts, welches die Sclerotica
durchdringt. Dieser Teil des zurückkehren-
den Lichts, welcher von der Reflexion in der
Aderhaut und Sehnenhaut herrührt, bleibt
nun wohl ziemlich gleich auf allen Stellen
des Augengrundes, auch wenn die Helligkeit
der Netzhaut selbst sehr variiert.
Bei schwacher Beleuchtung (mit reflek-
tierenden Glasplatten) erscheinen dagegen die
Teile des Augengrundes in der Nähe des
Sehnerven besonders hell, und die Hellig-
Fig. 118. keit nimmt von hier aus im allgemeinen
nach den Rändern der Netzhaut hin gleich-
mäßig ab, nur die Stelle des direkten Sehens zeichnet sich besonders durch ge-
ringe Helligkeit und eine mehr gelbliche Farbe vor ihrer Nachbarschaft aus, was bei
der stärkeren Beleuchtung nicht der Fall ist. Der Grund davon ist wohl darin zu
suchen, daß bei schwacher Beleuchtung nicht merklich viel Licht durch die Pigment-
schicht hin und zurück geht, daher der wahrnehmbare Lichtreflex hauptsächlich von
den Teilen der Netzhaut, namentlich ihren Gefäßen herrührt. Diese fehlen an der
Stelle des direkten Sehens.
Die letztere Stelle zeigt bet beiden Beobachtungsweisen ein kleines lichtes Fleckchen
von querovaler Form, welches Coccus, der es zunächst bemerkte, als den Reflex der
Netzhautgrube bezeichnet, während Donners später direkt nachwies, daß dieser kleine
Lichtreflex die Stelle des direkten Sehens einnimmt.
Man muß zu diesem Versuche einen ebenen Spiegel anwenden, hinter welchem
eine Konkavlinse steht (Doxpers-Erkens oder Hermnorrz) Als Gesichtsobjekt be-
nutze man eine Lichtflamme oder das Mikrometer an Doxpers Instrumente. Das
beobachtete Auge sieht das gewählte Objekt im Spiegelbilde; man sorge, daß es sich
gehörig dafür akkommodieren könne, und lasse es einen bestimmten Punkt des Objekts
fixieren. Der Beobachter erblickt dann ein ganz scharf gezeichnetes umgekehrtes
Bild des Objekts auf der Netzhaut des beobachteten Auges und an der direkt fixierten
Stelle den Reflex der Netzhautgrube. Sollte dieser zu schwach sein, um von Anfang
her wahrgenommen zu werden, so geschieht dies leichter, wenn der Beobachter den
Beobachteten bald auf diesen, bald auf jenen Teil des Gesichtsobjekts seinen Blick
zu richten heißt. Der kleine Reflex wandert dann dementsprechend auf dem Netz-
hautbilde umher.
Um die Genauigkeit des Netzhautbildes zu prüfen, ist das von Doxpers an dem
Augenspiegel von Erkexs angebrachte Mikrometer zweckmäßig zu gebrauchen. Für
meinen Spiegel wähle ich zu dem gleichen Zwecke als Gesichtsobjekt einen vor einem
Lichte in horizontaler Richtung ausgespannten Faden. Von vertikalen feinen Linien
gibt mein Instrument nämlich wegen der mehrfachen reflektierenden Flächen mehr-
fache Bilder. Sobald das beobachtete Auge sich scharf für das betreffende Objekt
akkommodiert, erscheint es auch im Netzhautbilde ganz scharf. Sowie sich die Ak-
kommodation ändert, wird es verwaschen. Übrigens braucht man gar nicht so feine
Objekte. um die Veränderung des Bildes bei der Akkommodation zu sehen. Es ge-
nügt, wenn das beobachtete Auge nicht kurzsichtig ist, in der Ferne ein Licht auf-
180. Geschichte des Augenleuchtens und der Augenspiegel. 291
zustellen, dessen Netzhautbild im beobachteten Auge man betrachtet, während dieses
Auge abwechselnd nach einem fernen oder nahen Gesichtspunkte, die in gleicher
Richtung liegen, hinblickt. Bei der Akkommodation für die Ferne erscheint auch
das Bild des fernen Lichts deutlich, bei der Akkommodation für die Nähe wird es
verwaschen. Meistens verschwinden dem Beobachter dabei auch die Netzhautteile des
beobachteten Auges, wenn er mit der Akkommodation seines Auges der neuen Lage
des Bildes nicht folgen kann, und er muß dann ein anderes Konkavglas gebrauchen,
um sich zu überzeugen, daß auf der deutlich gesehenen Netzhaut des beobachteten
Auges ein undeutliches Bild des fernen Lichts entworfen sei. Der Versuch kann
auch so abgeändert werden, daß das beobachtete Auge fortdauernd in die Ferne sieht,
das Licht aber in die Nähe gebracht wird, damit sich der Beobachter überzeuge, daß
von dem nahen Lichte ein undeutliches Bild entworfen werde.
Das Augenleuchten ist seit ältester Zeit bekannt an den Augen von Hunden,
Katzen und anderen Tieren, welche im Hintergrunde ihres Auges ein Tapetum, d.h.
eine pigmentlose, mit stark reflektierenden dünnen Fasern oder Lamellen belegte
Stelle haben. Bei diesen ist der Lichtreflex so stark, daß er unter einigermaßen
günstigen Umständen leicht gesehen wird. Eine sehr ullgemein verbreitete alte
Meinung war es, daß die sogenannten leuchtenden Tieraugen Licht entwickeln sollten,
namentlich wenn die Tiere gereizt würden, daher man denn geneigt war, diese an-
geblich vorhandene Lichtentwicklung dem Einflusse des Nervensystems zuzuschreiben.
Man sieht das Leuchten der Tieraugen in dunklen Räumen am auffallendsten, wenn
Licht von der Rückseite des Beobachters dicht neben seinem Kopfe vorbei in das
Auge des Tieres fällt, und eben deshalb konnte den Beobachtern oft das wirklich
einfallende Licht verborgen bleiben. Ebenso sollten die pigmentlosen Augen weißer
Kaninchen und albinotischer Menschen durch eigene Lichtentwicklung leuchten.
Prevosr! zeigte zuerst, daß das sogenannte Leuchten der Tieraugen niemals in voll-
kommener Dunkelheit und weder willkürlich noch durch Affekte hervorgebracht
wird, sondern stets nur durch Reflexion von einfallendem Lichte entstehen kann.
Grurruvssen® hat unabhängig hiervon dasselbe gefunden; er weist nach, daß das
Tapetum daran schuld sei, verbunden mit einer „außerordentlichen Brechung“ der
Linse. Auch in den Augen toter Tiere sah er das Leuchten. Diese Tatsachen be-
stätigen Runor’, J. MÜLLER*, Esser®, Tıenemann®, Hassenstein’. RUDOLPHI
macht darauf aufmerksam, daß man in einer bestimmten Richtung in das Auge sehen
müsse, um das Leuchten wahrzunehmen, Esser erklärt richtig den Wechsel der Farbe
daraus, daß verschieden gefürbte Teile der Netzhaut durch die Pupille erblickt würden,
HassensteEin endlich findet, daß das Leuchten hervortritt, wenn die Augen in Rich-
tung ihrer Achse komprimiert werden, und vermutete, daß auch beim lebenden Tiere
das Leuchten willkürlich erregt werde, indem durch den Druck der Muskeln die
Augenachse verkürzt werde. Man erkannte also das Leuchten als ein Reflexphünomen
an, ohne sich aber klar zu machen, von welchen Bedingungen das Leuchten oder
Nichtleuchten abhinge.
An menschlichen Augen war das Leuchten früher nur bei seltenen Krankheits-
zustünden beobachtet worden, namentlich bei Geschwülsten im Hintergrunde des
Auges. Auch bei Mangel der Iris hat Drun es gesehen und gefunden, daß die
1 Biblioth. britannique. 1810. T. 45.
? Beiträge zur Physiognosie und Eautognosie. &. 199.
3 Lehrbuch der Physiologie. I. 197.
* Zur vergleichenden Physiologie d. Gesichtssinns,. Leipzig 1826. S. 49. — Handbuch
d. Physiologie, 4. Aufl. I. 89.
° Kısrsers Archiv für die gesamte Naturlehre. Bd. VIII. S. 399.
° Lehrbuch der Physiologie. S. 509.
’ De luce ex quorundam animalium oculis prodeunte atque de tapeto lucido. Jena 1836.
* Heckers Annalen, 1889. I. S. 373.
299 Die Dioptrik des Auges. [189 190.
Augen des Beobachters fast ganz parallel mit den einfallenden Strahlen nach den
Augen der Kranken blicken mußten, welches die Grundbedingung von BrÜCKES
Methode, das Augenleuchten zu beobachten, ist. Das Leuchten ist in solchen Fällen
von Irismangel auffallender, weil die Beleuchtung der Netzhaut viel stärker ist;
außerdem fehlt die Akkommodationsfühigkeit des Auges.
Endlich fanden W. Cumming: und Brücke? unabhängig voneinander das Ver-
fahren, gesunde menschliche Augen leuchtend erscheinen zu machen, indem der Be-
obachter den einfallenden Lichtstrahlen nahe parallel hineinblickt. Letzterer hatte
dieselbe Methode schon vorher auf die mit einem Tapetum versehenen Tieraugen an-
gewendet. Endlich erwähnt Wuanron Joxes®, daß Bassace ungefähr zu derselben
Zeit ihm einen belegten Glasspiegel gezeigt habe, von dessen Belegung eine kleine
Stelle weggenommen war, um Licht in das Auge zu werfen und durch die Öffnung
hineinzusehen. Dies erinnert schon sehr an den Augenspiegel von Öocorus; aber da
BagrAGeE keine Linsen mit seinem Spiegel verbunden zu haben scheint, so hat er
höchstens ausnahmsweise von den Teilen der Netzhaut etwas erkennen können, und
hat deshalb wohl seine Erfindung damals nicht veröffentlicht.
Die andere Seite der Frage warum nämlich die Teile der Netzhaut, auch wenn
sie beleuchtet sind, z. B. in Tieraugen mit Tapetum, in Augen von Albinos, dem
Beobachter nicht erkennbar sind, ist öfter besprochen worden. Ihre Lösung lag mehr
auf der Hand. Schon im Anfange des 18. Jahrhunderts hatte Merx 3 beobachtet,
daß er bei einer Katze, die er unter Wasser getaucht hatte, in den Augen, welche
stark leuchtend erschienen, die Netzhautgefüße erkennen konnte. La Hp? gab von
diesem letzteren Umstande die richtige Erklärung. Daß eine veränderte Brechung
der Strahlen notwendig sei, um das Auge leuchtend erscheinen zu machen, sah er
ein, aber eine nähere Erklärung weiß er nicht zu geben. Ebenso Kussmaur®, Letzterer
zeigt, daß die Netzhaut hell und erkennbar werde, wenn man entweder vorn vom
Auge die Hornhaut und Linse entfernt, oder etwas vom Glaskörper herausnimmt
und dadurch die Augenachse verkürzt,
Ich selbst? bin, soviel ich finde, der erste gewesen, welcher sich den Zusammen-
hang zwischen den Richtungen der einfallenden und ausgehenden Strahlen klar machte,
den wahren Grund für die Schwärze der Pupille und dadurch auch das Prinzip für
die Konstruktion der Augenspiegel fand. Zur Beleuchtung wendete ich ebene un-
belegte Glasplatten an, zur Erkennung der Netzhaut Konkavgliüser. Tu. Rurre war
dagegen der erste, welcher einen durchbohrten Spiegel anwandte, und die Beob-
achtung durch Konvexlinsen. Da das neue Instrument in kurzer Zeit eine außer-
ordentliche Wichtigkeit in der Augenheilkunde erreichte, sind nachher noch eine
große Zahl verschiedener Formen von Augenspiegeln konstruiert worden, von denen
ich oben die wichtigsten aufgeführt habe. Wesentlich neue Prinzipien für die Er-
leuchtung oder Erkennung der Netzhaut sind dabei aber nicht mehr gefunden worden.
Die von mir aufgestellte Theorie des Augenleuchtens und der Augenspiegel hat
keine wesentlichen Veränderungen erfahren. Die Verbesserungen, welche STELLWAG
von CArıon daran anzubringen gesucht hat, kann ich nicht als solche anerkennen.
Dieser übrigens um die Einführung physikalischer Kenntnisse in seine Wissenschaft
eifrig bemühte Augenarzt ist bei den hierher gehörigen Arbeiten durch falsche Grund-
prinzipien über die Stärke der Beleuchtung und Helligkeit durchaus irre ge-
führt worden. Ce
! Medico-chirurgical Transactions. XXIX. p. 284.
2 J. Mürvers Archiv für Anat. u. Physiologie. 1847. S. 225.
3 Archives générales de Médecine. 1854. II.
* Annales de l'Acad. d. se. 1704.
* Ebenda. 1709.
è Die Farbenerscheinungen im Grunde des menschlichen Auges. Heidelberg 1845.
1 H. Hrtamorz, Beschreibung eines Augenspiegels zur Beobachtung der Netzhaut im
lebenden Auge, Berlin 1851. Ferner in Vırrorprs Archiv für physiol. Heilkunde. II. 827.
100. 191. 838. Literatur des Augenleuchtens und der Augenspiegel. 223
1704.
1709,
1810.
1826,
1836.
1889.
1844,
1845,
1846.
1847.
1851.
1852,
1858.
1854.
1855.
Nachtrag.
Méry in Annales de l'Académie des sciences. 1704.
La Hie ebenda. 1709.
Prevost in Bibliothèque britannique. XLV.
Grurmuvisen, Beiträge zur Physiognosie und Eautognosie. &. 199.
Ruovorrur, Physiologie. I. 197.
J. Mëtten, Zur vergleichenden Physiologie des Gesichtssinns. Leipzig. S. 49.
Esser in Kasrsers Archiv für die gesamte Naturlehre. VIII. 899.
Hassenstein, De luce ex quorundam animalium oculis prodeunte atque de tapeto
lucido. Jenae,
Beur in Heoxers Annalen. Bd. I. S. 378.
E. Brücke, Über die physiologische Bedeutung der stabförmigen Körperchen.
J. Mürrers Archiv für Anatomie und Physiologie. 1844. $. 444”.
E. Brücke, Anatomische Untersuchungen über die sogenannten leuchtenden Augen
bei den Wirbeltieren. Ebenda, 1847. S. 387*.
Kussuavut, Die Farbenerscheinungen im Grunde des menschlichen Auges. Heidelberg.
W. Oummixa in Medieo-chirurgieal Transactions. XXIX. 284.
E. Brücke, Über das Leuchten der menschlichen Augen, in J. Mtrvers Archiv.
1847. 8. 225* u. 479”.
H. Hersnorzz, Beschreibung eines Augenspiegels zur Untersuchung der Netzhaut
im lebenden Auge. Berlin.
Tu. Ruere, Der Augenspiegel und das Optometer. Göttingen.
H. Heısuortz, Über eine neue einfachste Form des Augenspiegels, in Vrenonprs
Archiv für physiologische Heilkunde. II. 827.
Fous in Archives générales de Médecine. 1852. Juli.
A. Cocos, Über die Ernährungsweise der Hornhaut. Leipzig.
Frorseuius, Mediz. Zeitung Rußlands. 1852. Nr. 46.
A. Coccıus, Über die Anwendung des Augenspiegels nebst Angabe eines neuen In-
struments. Leipzig*.
A. C. van Trier, Dissertatio de Speculo oculi. Utrecht; Nederlandsch Lancet.
Ser. 3. DL II. 430. Deutsch mit Zusätzen von Sonavexgung, Lahr 1854.
H. A. O. Spass, De speculo oculi. Regiomonti.
R. Uumen, Beschreibung eines neuen Augenspiegels, in Hexe u. Preurrers Zeit-
schrift für rationelle Medizin. Neue Folge. IV. 175*.
Mevensteis, Beschreibung eines neuen Augenspiegels. Ebenda. S. 310.
Fous et Nacuer, Mém. de la Société de Chirurgie. 1853. II.
Spencer Werıs, Medical Times. 1853. Sept.
Doxpers, Verbeteringen van den oogspiegel, in Onderzoekingen gedaan in het
Physiologisch Laboratorium der Utrechtsche Hoogeschool. Jaar VI. bl. 181* u. 158*,
Anaanxostarıs, Essai sur lerploration de la rétine et des milieux de l'oeil sur le
vivant au moyen d'un nourel ophtalmoscope. Paris 1854. (Ein durchbohrter Hohl-
spiegel.) Auch in Annales d'oculistique. Février et Mars 1854.
Srerrwao von Oanıox, Theorie der Augenspiegel. Wien.*
G. A. Leoxuano, De variis oculorum speculis illorumque usu. Leipzig.
Tu. Ruere, Bildliche Darstellung der Krankheiten des menschlichen Auges. Leipzig.
Lieferung 1 u. 2 auch unter dem Titel: Physikalische Untersuchung des Auges
S. 28—87".
W, Zenexper, Über die Beleuchtung des innern Auges mit spezieller Berück-
sichtigung eines nach eigener Angabe konstruierten Augenspiegels, in Grarres
Archiv für Ophthalmologie. I. 1. S. 121*,
Lieneeicn ebenda. I. 2. S. 348. o
SrterLwaa von Carıox, Zeitschrift der Ärzte zu Wien. XI 8. 65*,
Die Form des Augenspiegels, die sich schließlich am allgemeinsten bei den
Augenäürzten eingebürgert hat, ist der oben beschriebenen Form des Coccrus-
schen oder ` Zemenperschen Spiegels am ähnlichsten, nur mit der Änderung,
daß an Stelle des ebenen oder konvexen Spiegels mit einer beleuchtenden
Konvexlinse, wie sie jene Instrumente haben, ein konkaver Spiegel ohne Konvex-
224 Die Dioptrik des Auges. [838. 839.
linse getreten ist, von 5—6 Zoll Brennweite, 1 Zoll Durchmesser. Die Spiegel
werden bald von Metall gemacht, was den Vorteil einer reineren Offnung mit
scharfen, nicht reflektierenden Rändern gibt; oder es sind belegte Glasspiegel,
in der Mitte durchbohrt. Bei diesen letzteren ist die Spiegelfläche besser vor
Verletzung geschützt, und sie sind auch meist heller als gewöhnliche Metall-
spiegel. Ein Nachteil aber ist es, namentlich für die Beleuchtung im aufrechten
Bilde, daß der Rand zwischen der spiegelnden Fläche und der Offnung nicht
so schmal und scharf gemacht werden kann, wie bei den Metallspiegeln.
Die Beobachtung des eigenen Augenhintergrundes nach Coccus ist im
zweiten Abschnitte beschrieben worden; es genügt dazu jeder durchbohrte, am
besten ein konvexer Spiegel. Ein anderes Autophthalmoskop, in welchem das
linke Auge nach der beleuchteten Netzhaut des rechten Auges hinsieht, ist von
F. Heymann beschrieben worden. Durch die Öffnung eines durchbohrten Plan-
spiegels fällt Licht in das rechte Auge; das linke blickt in Richtung der
Öffnung jenes Spiegels, in welcher es ein Spiegelbild des rechten Auges sieht.
Vor das rechte Auge ist, wie in Rurres Spiegel eine Konvexlinse (2’/, Zoll
Brennweite) gesetzt, in deren Brennpunkt die Pupille jenes Auges sich befindet.
Dieselbe entwirft zugleich ein umgekehrtes Bild der Netzhaut in ihrem Brenn-
punkte. Nach diesem Bilde ist ein reflektierendes rechtwinkliges Prisma auf-
gestellt, um die Strahlen gegen den durchbohrten Spiegel hinzulenken. Eine
zweite Konvexlinse, die zwischen Prisma und Spiegel, sowie eine dritte, welche
vor dem linken Auge steht, bilden eine Art gebrochenen kleinen Fernrohrs,
durch welches das beobachtende linke Auge das Netzhautbild sieht, und durch
welches auch gleichzeitig beiden Augen die Akkommodation für das Loch im
Spiegel unmöglich gemacht wird.
Um die beobachtende Netzhautstelle wechseln zu können, schiebt HEYMANN
noch ein prismatisches Brillenglas von verschiedener Stärke, dessen brechende
Kante nach verschiedenen Richtungen hin gewendet werden kann, vor das be-
obachtende Auge.
Der binokulare Augenspiegel von Gıraup TEuLON ist beschrieben im dritten
Abschnitte.
1855. E. Jarser, Beiträge zur Pathologie des Auges mit Abbildungen in Farbendruck.
Wien,
— Derselbe, Ergebnisse der Untersuchung des menschlichen Auges mit dem Augen-
spiegel. Wien. Ber. XV. 819—3844.
1856. Casrteranı, Ophthalmoscope. Cosmos. VII. 612.
— W. Zeuexver, Über die Beleuchtung des inneren Auges durch heterozentrische
Glasspiegel. Archiv für Ophthalm. II. 2. S. 108—180.
1857. J. Porro, La lunette panfocale, employée comme ophthalmoscope. ©. R. XLV. 108 bis
104. Cosmos. XI. 96—97.
— A. Burow, Über Konstruktion heterozentrischer Augenspiegel und deren An-
wendung. Archiv für Ophthalm. III. 2, S. 68—80.
— Bousrttrp, Ein Mikrometer am Augenspiegel. Ebenda. III. 2. S. 121—186.
R. Lieseeicn, De l'examen de l'oeil au moyen de l!’ophthalmoscope, Bruxelles (Extrait
de la traduction du Traité pratique des maladies des yeux par Mackexzıe).
1859. A. Zanper, Der Augenspiegel, seine Formen und sein Gebrauch. Leipzig u.
Heidelberg.
1861. O. Becker, Über Wahrnehmung eines Reflexbildes im eigenen Auge. Wiener
Med. Wochenschrift 1860. S. 670—672; 684—688. (Bildchen der hinteren Linsen-
fliche von der Hornhaut nach hinten reflektiert.)
1868. Burow jun., Notiz betreffend die Beobachtung des eigenen Augenhintergrundes.
Archiv für Ophthalmol. IX. 1. S. 155—160.
830. G.] Photographie des Augenhintergrundes. 295
1863. F. Heymann, Die Autoskopie des Auges. Leipzig.
— R. Lieseeiow, Atlas der Ophthalmoskopie. Berlin. Hirschwald.
1864. C. Scuweısser, Vorlesungen über den Gebrauch des Augenspiegels. Berlin.
[6
— A. Coccus, Beschreibung eines Okulars zum Augenspiegel. Archiv für Ophthalm.
X. 1. S. 128—147.
— R. Scummer, Über das ophthalmoskopische Bild der Macula lutea. Ebenda. X. 1.
S. 148—151.
— Waixmrion, Über die Benutzung des zweckmäßig abgeblendeten zerstreuten Tages-
lichts zur Oto-, Ophthalıno- und Laryngoskopie. Erlanger Medic. Neuigkeiten.
1864. 9. April.
Zusatz von A. Gullstrand.
„Die von mir aufgestellte Theorie des Augenleuchtens und der Augenspiegel
hat keine wesentlichen Veränderungen erfahren.“ Diese Worte HermHontz’
gelten heute noch. Allerdings ist die Konstruktion des Instrumentes wesentlich
verbessert und sein Anwendungsgebiet wesentlich erweitert worden. Der Augen-
arzt, welcher den Augenspiegel täglich nicht nur für die subtilsten Diagnosen
von Krankheiten des Augengrundes, sondern auch zur Untersuchung der
brechenden Medien und, nach verschiedenen Methoden, zur Ermittelung der
Refraktion anwendet, weiß am besten Hrtanotrz unsterbliches Verdienst zu
schätzen.
Auf die betreffenden Methoden oder deren Ergebnisse einzugehen dürfte
hier nicht der Platz sein. Nur soll die Lösung eines Problems kurz erwähnt
werden, welches bei der Entdeckung des Augenspiegels noch nicht aufgestellt
werden konnte. Die Photographie des Augenhintergrundes, welcher bei
der Empfindlichkeit der modernen Trockenplatten kein Hindernis im Wege steht,
liefert nunmehr brauchbare Resultate, die wesentlich den Arbeiten Dimmers*
auf diesem Gebiete zu verdanken sind. Die vornehmlich zu überwindende
Schwierigkeit bestand in der Beseitigung des Hornhautreflexes der Lichtquelle.
Indem ein Teil der Pupille für die den Augengrund beleuchtenden Strahlen,
ein anderer zum Durchgang des von diesem diffus reflektierten Lichtes an-
gewendet wird, kann das vom Beleuchtungsapparat kommende, in der Hornhaut
gespiegelte Licht passend abgeblendet werden. Nach ähnlichen Prinzipien hat
THORNER** einen stationären, reflexlosen, Wourr*** einen portativen elektrischen
Augenspiegel konstruiert und haben beide photographische Aufnahmen des
Augengrundes gemacht.
* Fr. Dimmer, Die Photographie des Augenhintergrundes. Wiesbaden 1907.
** W. Tuorxer, Die Theorie des Augenspiegels und die Photographie des Augenhinter-
grundes. Berlin 1908. t
** H, Worrr, Zur Photographie des menschlichen Augenhintergrundes. Arch. für Augen-
heilk. LIX, S. 115. 1908.
v. Heısuortz, Physiologische Optik. 8. Auf. I. 15
Zusätze von A. Gullstrand.
L Die optische Abbildung.
Als Hrtanotrz seine grundlegenden Arbeiten über die Dioptrik des Auges
veröffentlichte, herrschte allgemein die Vorstellung von einer optischen Ab-
bildung mit solchen Eigenschaften, daß die von einem Punkt ausgegangenen
Lichtstrahlen annäherungsweise in einem Punkt vereinigt würden, und daß auf
diese Weise jedem Punkt eines Objektes ein Punkt des Bildes entspräche, eine
Vorstellung, welche immer noch sehr verbreitet sein dürfte, obwohl sie nicht
mit den nunmehr bekannten tatsächlichen Verhältnissen in Einklang gebracht
werden kann. Es war zwar bekannt, daß nicht einmal die Lichtstrahlen, welche
von einem auf der Achse eines zentrierten optischen Systems belegenen Punkte
ausgehen, vollständig in einem Punkte vereinigt werden, sondern daß eine
Aberration stattfindet, eine Abweichung, welche teils auf der verschiedenen `
Brechbarkeit von Lichtstrahlen verschiedener Wellenlänge beruht, die sogenannte
chromatische Aberration, teils aber auch bei einfarbigem Lichte vorkommt, die
sphärische Aberration, wie sie deshalb genannt wurde, weil sie von der Form
der brechenden Flächen abhängig ist, und weil nur mit sphärischen Flächen
gerechnet wurde. Man wußte auch, daß ein in größerem Abstande von der
Achse des Instrumentes belegener Objektpunkt nicht als Punkt abgebildet wird,
indem das entsprechende gebrochene Strahlenbündel astigmatisch ist, und man
kannte die Formeln zur Berechnung dieses Astigmatismus. Die Konstitution
des bei schiefer Inzidenz gebrochenen Strahlenbündels und die in demselben
vorhandenen Abweichungen von der homozentrischen Strahlenvereinigung blieben
aber ebenso unbekannt wie die allgemeinen Gesetze der optischen Abbildung,
indem nur diejenigen von einem Öbjektpunkte ausgegangenen Strahlen berück-
sichtigt werden konnten, welche in der Meridianebene und in einer auf dieser
senkrecht stehenden Ebene verlaufen, und welche einen verschwindend kleinen
Teil der die Abbildung vermittelnden Lichtstrahlen ausmachen. Da es somit
unmöglich war, die tatsächliche optische Abbildung zu untersuchen, wurde der
Weg befolgt, welcher ohne Kenntnis der allgemeinen Gesetze allein zu einem
System führen konnte, indem Appe ohne Rücksicht auf die tatsächlichen Ver-
hältnisse bei der Brechung des Lichtes die mathematischen Bedingungen für
eine solche Abbildung eines Raumes in einem anderen suchte, daß jedem Punkt
und jeder geraden Linie im einen Raume ein Punkt bzw. eine gerade Linie
im anderen Raume entspräche. Diese Bedingungen fallen mit den schon be-
kannten Gesetzen der optischen Abbildung eines unendlich kleinen, auf der
Achse eines zentrierten Systems belegenen Objektes bei unendlich kleiner
Blendenöfinung zusammen, und die auf endlich ausgedehnte Objekte bei end-
licher Blendengröße angewendete Theorie der kollinearen Abbildung, welche
G.] Die Entwicklung der Lehre von der optischen Abbildung. 2237
heute noch den Darstellungen der Handbücher zugrunde liegt, stellt somit
wesentlich eine willkürliche Erweiterung des Gültigkeitsbereiches dieser Gesetze
dar, indem ein System von Fiktionen an Stelle der tatsächlichen, unbekannt
gebliebenen Gesetze treten mußte. Offenbar ist, daß die Realitäten auch als
Abweichungen von dem durch die kollineare Abbildung repräsentierten Ideale
dargestellt werden können, wenn man sich nur stets bewußt ist, daß das Ideal
nie realisiert werden kann, aber die nicht zu unterschätzende Gefahr, welche
bei der stetigen Anwendung von Fiktionen darin liegt, daß die Grenze zwischen
dem Wahren und dem annähernd Wahren sehr leicht überschritten werden
kann, dürfte den Vorzug einer direkten Untersuchung der Realitäten klar
hervortreten lassen, sobald eine solche Untersuchung durch die Ermittelung der
betreffenden Gesetze ermöglicht worden ist.
Daß die Gesetze der reellen optischen Abbildung durch die Bedürfnisse
der physiologischen Optik ins Leben gerufen werden mußten, beruht wohl zum
Teil darauf, daß die technische Optik durch die zwar sehr zeitraubende aber
relativ leicht auszuführende trigonometrische Rechnung den Realitäten näher
treten und ihre jetzige, wesentlich durch die Arbeiten Asses und seiner Schüler
ermöglichte Blütezeit erreichen konnte, während es mit den zur Verfügung
stehenden wissenschaftlichen Mitteln tatsächlich unmöglich war, eine eingehende
Kenntnis von den komplizierteren Verhältnissen bei der Abbildung im Auge
zu gewinnen.
Die erforderliche Umgestaltung der Lehre von der optischen Abbildung
konnte nicht an die Untersuchungen der letzten Zeit anknüpfen, da dieselben
hauptsächlich mit zwei Dimensionen gearbeitet hatten, während das allgemeine
Abbildungsproblem dreidimensional ist. Seit den allgemeingültigen Unter-
suchungen von Sturm! und Hanmınron? begnügte man sich, die Konstitution
des Strahlenbündels durch Größen erster und zweiter Ordnung zu bestimmen,
und man vergaß außerdem immer mehr die Bedingungen, unter welchen die
bei der Anwendung dieser Größen gefundenen Gesetze gültig sind. Srurm hatte
gefunden, daß sämtliche Strahlen eines Strahlenbündels annäherungsweise durch
zwei gegeneinander senkrechte Brennlinien gehen, wenn nämlich die Blenden-
öffnung unendlich klein im Verhältnis zum Abstande der Brennlinien und zur
Brennstrecke ist. Man vergaß aber, daß bei dem schiefen Lichteinfalle in
optischen Instrumenten letzteres auch nicht annähernd der Fall ist, und daß
im Auge die Brennstrecke in der Regel kleiner ist als der Durchmesser der
Pupille, so daß tatsächlich die Vorstellung dieser Brennlinien grundfalsch ist.
Es mußte daher zunächst durch eine vollständige Untersuchung des allgemeinen
Strahlenbündels und eingehende Diskussion der Spezialfälle unter Berücksich-
tigung von Größen der dritten® und vierten* Ordnung, wo man sich mit solchen
erster und zweiter Ordnung begnügt hatte, diese Vorstellung durch die Kenntnis
! Cu, Sruns, Mémoire sur Toptique. Journ. de Math. pures et appliquées. 1838. —
Mémoire sur la théorie de la vision. Oomptes rendus de P Acad. des sc. t. XX. 1845.
2 W, R. Hamrox, Theory of systems of rays. Transactions of the Royal Ir. Acad.,
vol. XV. 1828. Supplements ebenda vol. XVI. Tl. 1. 1880; vol. XVI. Tl. 2. 1881; vol,
XVII. 1887.
’ A. Gusssrrann, Beitrag zur Theorie des Astigmatismus. Skand. Arch. f. Physiol.
Bad. II. 1890. S. 269.
* Derselbe, Allgemeine Theorie der monochromatischen Aberrationen und ihre nächsten
Ergebnisse für die Ophtbalmologie. Nova Acta Reg. Soc. Se. Ups. Ser. III. 1890.
15*
228 Die Dioptrik des Auges. [G.
der exakten geometrischen Größen ersetzt werden, welche die Gestalt der
kaustischen Flächen sowie die Lage, Größe und Form der dünnsten Quer-
schnitte des Strahlenbündels bestimmen. Mit Rücksicht auf den eigentümlichen,
komplizierten Bau des im Auge gebrochenen Strahlenbündels war hierbei auch
eine detaillierte Untersuchung der sogenannten Kreispunkte der Flächen! und
der entsprechenden Normalenbündel erforderlich. Die mit den so gewonnenen
Mitteln ausgeführte Untersuchung der Strahlenbrechung im Auge ergab aber
eine so hochgradige Aberration und in Übereinstimmung damit so große Zer-
streuungskreise auch bei möglichst scharfer Einstellung, daß die den dünnsten
Querschnitten der Strahlenbündel zugeschriebene Rolle bei der Abbildung un-
möglich der Realität entsprechen kann. Man überzeugt sich übrigens sehr
leicht hiervon, wenn man mit einer Bikonvexlinse von sehr großer Öffnung das
Bild des glühenden Fadens einer elektrischen Lampe auf eine weiße Fläche
wirft. Das schärfste Bild der Fadenschlinge erhält man bei einer solchen Ein-
stellung, daß es von einem Schleier umgeben erscheint, während es wesentlich
schlechter ist, wenn der Abstand der Linse ein solcher ist, daß der Schleier
verschwindet, wobei die Abbildung unter Verwendung des dünnsten Querschnittes
des Strahlenbündels zustande kommt. Hierdurch wird bewiesen, daß die Licht-
verteilung innerhalb des zur Abbildung verwendeten Strahlenbündelquerschnittes
von wesentlicher, die Größe desselben von untergeordneter Bedeutung ist.
Es war um so notwendiger, die durch Entwicklung in Serien gewonnenen
approximativen Maße der Größe der dünnsten Querschnitte durch die die
Gestalt der kaustischen Fläche bestimmenden, exakten geometrischen Größen
zu ersetzen, als der Querschnitt dieser Fläche die Lichtverteilung innerhalb
des Strahlenbündelquerschnittes beherrscht. Hiermit mußte notwendigerweise
eine Umgestaltung des Begriffes der Blendenfunktion verknüpft werden, da die
Blende nur mit Hinsicht auf die Strahlenbegrenzung behandelt worden war
und deshalb als unendlich klein angenommen werden mußte, eine Fiktion,
welcher keine Realität entspricht, indem bei unendlich kleiner Blendenöffnung
die Diffraktionsphänomene die Erscheinungen der Abbildung vollkommen über-
decken, und welche am allerwenigsten auf das Auge angewendet werden darf,
wo sie durch die Größe der Blendenöfinung vollkommen illusorisch gemacht
wird. Da somit das Problem eine beliebig große Blendenöffnung voraussetzen
muß, so ist es nur die optische Projektion durch den Mittelpunkt derselben,
welche die exakten Mittel zur Untersuchung der Blendenwirkung abgeben kann.
Diese waren die Leitmotive bei der Durchführung der Untersuchung über die
optische Abbildung? unter Ermittelung der Fundamentalgleichung, aus welcher
die allgemeinen Gesetze derselben hervorgehen. Da das Auge in der Linse
ein heterogenes Medium besitzt, mußten endlich auch die Gesetze der Abbildung
in solchen Medien erforscht werden, bevor die optische Abbildung im Auge
einer eingehenden Untersuchung zugänglich gemacht werden konnte.
Hier werde ich nun versuchen, das für das Verständnis der Abbildung
im Auge Notwendige aus der Lehre von der optischen Abbildung herauszulesen,
wobei aber, damit die Darstellung den Lesern dieses Buches verständlich sei,
1 A. Gurssrrann, Zur Kenntnis der Kreispunkte, Acta Mathematica. 29. 1904.
® Derselbe, Die reelle optische Abbildung. Kungl. Sv. Vet. Akad. Handl. Bd. XLI.
Nr. 8, 1906.
7 Derselbe, Die optische Abbildung in heterogenen Medien und die Dioptrik der
Kristallinse des Menschen. Ebenda, Bd. XLIII. Nr. 2. 1908,
G] Grundbegriffe der Lehre von der optischen Abbildung. 229
auf die Angabe der Beweise vollständig verzichtet werden soll. Man findet
dieselben in den zitierten Schriften und, was die einfacheren Fragen betrifft,
teilweise auch in anderen Schriften!, wo ich mich bemüht habe, die Dar-
stellung dem in der Differentialgeometrie nicht Bewanderten möglichst zugäng-
lich zu machen.
Allgemeine Gesetze, Zwei Erfahrungstatsachen sind zur mathematischen
Entwicklung der Gesetze der optischen Abbildung notwendig und hinreichend,
nämlich die geradlinige Fortbewegung des Lichtes in homogenen Medien und
das allgemeine Brechungsgesetz. Letzteres hat, wie durch eine mathematische
Umformung bewiesen wird, den Inhalt, daß durch einen jeden Punkt auf einem
beliebigen Strahle eines ursprünglich homozentrischen Strahlenbündels eine
Fläche gelegt werden kann, auf welcher sämtliche Strahlen senkrecht stehen,
und daß die optische Länge eines Strahles zwischen zwei solchen Flächen im
ganzen Strahlenbündel konstant ist. Die optische Länge ist, wenn die in ver-
schiedenen Medien gelegenen Teile des Strahles mit dem betreffenden Brechungs-
index multipliziert werden, gleich der Summe der Produkte. In dieser Form
ist das allgemeine Brechungsgesetz auch für heterogene Medien gültig, wo ge-
krümmte Linien, sogenannte Trajektorien, an Stelle der Strahlen treten, und die
optische Länge durch ein definites Integral erhalten wird. Die Flächen, welche
im einen wie im anderen Falle in jedem Punkt senkrecht auf die Richtung der
Lichtbewegung stehen, führen gewöhnlich den Namen Wellenfläche, und ihre
Normalen fallen in homogenen Medien mit den Lichtstrahlen zusammen, be-
rühren aber in heterogenen Medien mit kontinuierlich variablem Brechungs-
index die Trajektorien. Die Untersuchung der Strahlenvereinigung ist deshalb
allgemein gleichbedeutend mit der Untersuchung der Konstitution eines Normalen-
bündels, welche sich wiederum aus der Form der betreffenden Fläche ergibt.
Es lassen sich aber die Flächen nur in wenigen einfacheren und für die prak-
tischen Bedürfnisse belanglosen Fällen durch algebraisch anwendbare Gleichungen
darstellen, und man ist daher darauf angewiesen, die Fläche in der nächsten
Umgebung eines ausgewählten Punktes, das Strahlenbündel in der nächsten
Umgebung eines ausgewählten Strahles zu untersuchen. Das von einem Objekt-
punkte ausgegangene Strahlenbündel enthält einen Strahl, welcher im Blenden-
raume durch das Blendenzentrum geht, und welcher Hauptstrahl genannt
wird. Sämtliche Hauptstrahblen bilden somit zusammen ein im Blendenraume
homozentrisches Strahlenbündel, welches sich genau so verhält, wie wenn das
Blendenzentrum Licht ausstrahlte. Auf dieselbe Weise wie ein Strahlenbündel
nur in der nächsten Umgebung eines ausgewählten Strahles, kann die Ab-
bildung eines Objektes nur in der nächsten Umgebung eines ausgewählten
Öbjektpunktes untersucht werden. Der diesem ausgewählten Objektpunkte zu-
gehörige Hauptstrahl wird der zentrale Strahl oder der Leitstrahl genannt,
Die Gesetze der optischen Abbildung ergeben sich nun durch Untersuchung
des zentralen Objektstrahlenbündels und des Hauptstrahlenbündels in der
1 Die Konstitution des im Auge gebrochenen Strahlenbündels. Arch. f. Ophth. LII, 2.
1901. S. 105. — Über Astigmatismus, Koma und Abberration. Ann. d. Physik, 4. Folge. 18.
1905. 8. 941. — Tatsachen und Fiktionen in der Lehre von der optischen Abbildung. Arch.
f. Optik. I. 1907. S. 2.
230 Die Dioptrik des Auges. IG.
nächsten Umgebung des Leitstrahles sowie durch Untersuchung der demselben
am nächsten verlaufenden Objektstrahlenbündel in der nächsten Umgebung der
betreffenden Hauptstrahlen und werden die Gesetze erster oder höherer
Ordnung genannt, je nachdem sie durch ein- oder mehrmalige Ableitung aus
dem allgemeinen Brechungsgesetze erhalten werden. Wegen der Kompliziertheit
des Problems sind im allgemeinen Falle nur die Gesetze erster Ordnung anwend-
bar, so daß die betreffenden Formeln, wenn es sich um ausgedehnte Objekte
handelt, längs so vielen, willkürlich gewählten Leitstrahlen angewendet werden
müssen, wie es die zu erzielende Kenntnis der betreffenden Abbildung erfordert.
Die Gesetze erster Ordnung der Strahlenvereinigung ergeben sich aus der
allgemeinen Konstitution des Strahlenbündels unter Anwendung der
Sturmschen Formeln, durch welche die betreffenden, die Wellenfläche des ge-
brochenen Strahlenbündels bestimmenden Größen erhalten werden, wenn das
einfallende Strahlenbündel und die brechende Fläche bekannt sind. Die Eigen-
schaft des Strahlenbündels als Normalenbündel bedingt allgemein, daß ein be-
liebiger Strahl desselben entweder nur in einem oder aber in zwei getrennten
Punkten von nächstliegenden Strahlen geschnitten wird. Letzteres stellt den
allgemeinen, ersteres einen singulären Fall dar. Längs einem willkürlich ge-
wählten Strahle ist deshalb das Strahlenbündel allgemein astigmatisch mit
zwei Fokalpunkten, während es, wenn auf einem Strahle die beiden Fokal-
punkte zusammenfallen, längs diesem Strahle anastigmatisch ist. Wird im
allgemeinen Strahlenbündel einer der Fokalpunkte als der erste gewählt, so
wird die Ebene, in welcher die dem ausgewählten Strahle nächstliegenden
Strahlen verlaufen, welche ihn in diesem Fokalpunkte schneiden, der erste
Hauptschnitt des Strahlenbündels längs diesem Strahle genannt, und die
Linie, welche im ersten Fokalpunkt senkrecht auf diesem Hauptschnitt steht,
heißt die erste Fokallinie. Auf dieselbe Weise wird der ausgewählte Strahl
im zweiten Fokalpunkte von nächstliegenden Strahlen geschnitten, welche in
dem auf dem ersten Hauptschnitte senkrecht stehenden zweiten Hauptschnitte
des Strahlenbündels längs dem fraglichen Strahle verlaufen, und steht die
zweite Fokallinie im zweiten Fokalpunkt senkrecht auf dem zweiten Haupt-
schnitte. Ein Strahl, längs welchem das Strahlenbündel astigmatisch ist, wird
demnach nur von denjenigen nächstliegenden Strahlen geschnitten, welche in
den beiden Hauptschnitten enthalten sind, während wenn der Astigmatismus
längs dem fraglichen Strahle behoben ist, so daß die beiden Fokalpunkte in
einen zusammenfallen, derselbe in diesem Punkt bis auf unendlich kleine
Größen höherer Ordnung als der ersten von sämtlichen nächstliegenden Strahlen
geschnitten wird.
Es ändern sich nun allgemein von Strahl zu Strahl sowohl die Fokalpunkte
wie die Hauptschnitte, wobei sämtliche ersten Fokalpunkte auf einer Fläche,
der ersten kaustischen Fläche liegen, und die zweite kaustische Fläche auf
dieselbe Weise aus sämtlichen zweiten Fokalpunkten des Strahlenbündels besteht.
Diese Flächen führen auch den Namen der ersten bzw. zweiten Schale der
kaustischen Fläche. Aus diesem Baue des Strahlenbündels geht es hervor, daß
eine Zusammenbrechung sämtlicher Strahlen in einen Punkt einen singulären
Fall darstellt, sowie daß die Strahlenvereinigung allgemein nur nächst-
liegende Strahlen betrifft und nur auf den kaustischen Flächen
vorkommt. Zieht man auf einer, ein Strahlenbündel schneidenden Fläche
eine Linie, so bilden sämtliche Strahlen, welche diese Linie schneiden, eine
G.] Die allgemeine Konstitution eines Strahlenbündels. KEN
Strahlenfläche. Auf dieselbe Weise wie ein Strahlenbündel wird eine
Strahlenfläche längs einem ausgewählten Strahle untersucht. Es ergibt sich,
daß die diesen Strahl enthaltende Tangentialebene der Strahlenfläche, wenn
man von unendlich großem negativen zu unendlich großem positiven Abstande
längs demselben fortschreitet, entweder eine kontinuierliche, 180° betragende,
Drehung erfährt, oder aber unverändert dieselbe bleibt. Im ersteren Falle ist
die Strahlenfläche windschief längs dem fraglichen Strahle, und fällt die
Tangentialebene in den beiden auf demselben belegenen Fokalpunkten mit den
ungleichnamigen Hauptschnitten zusammen, so daß allgemein die beiden, einem
beliebigen Strahle zugehörigen Fokallinien jede, denselben Strahl enthaltende
windschiefe Strahlentläche berühren. In dem Falle, wo die Tangentialebene
einer Strahlenfläche längs einem Strahle unverändert bleibt, füllt diese Ebene
mit einem Hauptschnitte des Strahlenbündels längs demselben Strahle zusammen,
und wird dieser im betreffenden Fokalpunkte bis auf unendlich kleine Größen
höherer Ordnung als der ersten von den nächstliegenden Strahlen der Strahlen-
fläche geschnitten. Da die Strahlenfläche somit auf dem betreffenden Strahle
einen Fokalpunkt besitzt, stellt sie längs demselben eine fokale Strahlen-
fläche dar. Im Fokalpunkte ist die Tangentialebene unbestimmt, und wird
daher die Strahlenfläche von jeder den betreffenden Strahl enthaltenden Ebene
berührt, so daß auch die längs einem bestimmten Strahle fokalen Strahlen-
flächen allgemein von den beiden diesem Strahle. zugehörigen Fokallinien be-
rührt werden. Ist das Strahlenbündel längs einem Strahle anastigmatisch, so
ist jede diesen Strahl enthaltende Strahlenfläche längs demselben fokal, und
treten an Stelle der Fokallinien zwei beliebige durch den Fokalpunkt senkrecht
auf denselben und aufeinander gezogene Linien. Es geht hieraus hervor, daß
die allgemeine Konstitution des reellen Strahlenbündels dadurch definiert ist,
daß jede, einen beliebigen Strahl enthaltende Strahlenfläche von den
beiden demselben zugehörigen aufeinander und auf demselben senk-
recht stehenden Fokallinien berührt wird. Da die Schnittlinie einer
Strahlenfläche mit der in einem Fokalpunkte senkrecht zum betreffenden Strahl
gelegten Ebene, der bezüglichen Fokalebene, eine beliebige Krümmung haben
kann, so leuchtet es ohne weiteres ein, daß die Fokallinie erst dann zu einer
Brennlinie werden kann, wenn dieselbe durch Verengerung der Blende derart
verkürzt wird, daß man sie nicht mehr von einem Stücke einer beliebig ge-
krümmten Linie unterscheiden kann. Die allgemeine Konstitution des Strahlen-
bündels kann auch dadurch definiert werden, daß die beiden einem beliebigen
Strahle zugehörigen Fokallinien von sämtlichen nächstliegenden Strahlen bis
auf unendlich kleine Größen höherer Ordnung als der ersten geschnitten werden,
wobei man aber die exakte Definition eines nächstliegenden Strahles vor Augen
haben muß. Wenn man sich auf einer Strahlenfläche dem ausgewählten Strahle
nähert, indem man zunächst in einem in endlichem Abstande belegenen Punkte
den bezüglichen Strahl zieht, dann dieselbe Prozedur in immer kürzerem Ab-
stande wiederholt, so zieht man den nächstliegenden Strahl eben in dem Augen-
blicke, wo der Abstand gleich Null wird. Man mißversteht jedoch diese Definition
vollkommen, wenn man aus derselben den Schluß zieht, daß sämtliche Strahlen
eines endlich dünnen Strahlenbündels annäherungsweise durch zwei Srurmsche
Brennlinien gehen.
Da im Fokalpunkte eines lüngs einem bestimmten Strahle anastigmatischen
Strahlenbündels dieser Strahl von sämtlichen nächstliegenden Strahlen bis auf
232 Die Dioptrik des Auges. [G.
unendlich kleine Größen höherer Ordnung als der ersten geschnitten wird, so
besteht hier eine vollständige Strahlenvereinigung erster Ordnung,
und ist der Fokalpunkt die optische Abbildung des Punktes, von welchem das
Licht ausgegangen ist. Die optische Abbildung kommt somit bei endlicher
Blende nicht etwa dadurch zustande, daß sämtliche vom Objektpunkte aus-
gegangenen Strahlen annähernd durch den Bildpunkt gehen, sondern nur dadurch,
daß nächstliegende Strahlen sich im Bildpunkt schneiden, wodurch die Licht-
konzentration in diesem Punkte unendlich groß wird im Verhältnis zu einem in
endlichem Abstande von demselben belegenen Punkte. Ersterer Abbildungs-
modus ist zwar für ein unendlich dünnes Strahlenbündel mathematisch richtig,
aber da die optische Abbildung durch solche Strahlenbündel wegen der Beugung
des Lichtes physikalisch unmöglich ist, stellt er nur das seit alters her ge-
träumte Ideal dar, während letzterer. den tatsächlichen Vorgang exakt angibt.
Daß die Realität hierbei dem Ideale wenig nachsteht, beruht darauf, daß
sowohl im Auge wie auf der photographischen Platte Helligkeitsunterschiede
von größerer Bedeutung sind als die absoluten Helligkeiten.
Das Kriterium der wirklichen optischen Abbildung ist eben die voll-
ständige Strahlenvereinigung erster Ordnung. Der mathematischen Unter-
suchung ist, wie aus dem Obenstehenden erhellt, diese Strahlenvereinigung nur
längs bestimmten Strahlen zugänglich. Als solche werden die oben definierten
Hauptstrahlen gewählt. Denkt man sich in jedem Punkte einer Objektfläche
den Hauptstrahl gezogen und durch trigonometrische Rechnung durch das
optische System verfolgt, und stellt man irgendwo im Wege des Lichtes eine
Schirmfläche auf, so wird auf derselben eine punktuelle Korrespondenz
mit der Objektfläche durch die optische Projektion vermittelt, indem ein
beliebiger Punkt die optische Projektion des auf demselben Hauptstrahle
liegenden Objektpunktes darstellt, und das Projektionszentrum vom Blenden-
zentrum repräsentiert wird. Die optische Projektion ist somit eine mathematische
Konzeption, kann aber beim Vorhandensein einer sehr hellen Objektfläche durch
ein beliebiges optisches System physikalisch illustriert werden, wenn der Schirm
so aufgestellt wird, daß die Objektfläche nicht scharf abgebildet erscheint, indem
jedem hellen Objektpunkte ein heller Lichtfleck auf dem Schirme entspricht,
und bei zunehmender Verengerung der Blende ein immer weniger ver-
schwommenes Bild sichtbar wird. Ein spezieller Fall der allgemeinen optischen
Projektion wird durch die Lochkamera versinnlicht. Allgemein ist somit jeder
Schnittpunkt eines Hauptstrahles mit einer beliebig angebrachten Schirmflüche
die optische Projektion des entsprechenden Objektpunktes und jede Schnittlinie
einer Hauptstrahlenfläche die optische Projektion der entsprechenden Objektlinie,
wobei das Verhältnis der Linienelemente der Projektion und der Objektlinie,
wenn beide auf dem betreffenden Hauptstrahl senkrecht stehen, den linearen
Projektionskoeffizienten darstellt. Auf dieselbe Weise kann eine optische
Projektion durch das von einem ÖObjektpunkte ausgegangene Strahlenbündel
vermittelt werden, welche man dadurch physikalisch nachahmt, daß man
irgendwo in einem optischen Systeme mit großer (nung in den Weg des von
einem leuchtenden Punkte ausgegangenen Lichtes einen Draht hält, und den
dadurch entstehenden Schatten auf einem in einem beliebigen Medium auf-
gestellten Schirme beobachtet. Hält man dabei den Draht in das Medium, in
dem sich der Lichtpunkt befindet, und dreht man ihn um den Hauptstrahl, bis
der Schatten auf dem Schirme den einen Hauptschnitt des Strahlenbündels
G] Grundgesetze der allgemeinen optischen Abbildung. 233
längs dem Hauptstrahle berührt, so ist die durch den Draht versinnlichte
Strahlenfläche sowohl im Objektraume wie im Schirmraume längs dem Haupt-
strahl fokal, da im ÖObjektraume jede Strahlenfläche einen Fokalpunkt im
leuchtenden Punkte hat. In diesem speziellen Falle kann der lineare Projektions-
koeffizient durch den angulären Projektionskoeffizienten ersetzt werden,
welcher das Verhältnis der unendlich kleinen Winkel angibt, unter welchen
die Linienelemente der Projektion und der von dem Drahte versinnlichten
Linie vom Fokalpunkte der betreffenden Strahlenfläche aus gesehen werden.
Da die anastigmatische Strahlenvereinigung allgemein nur längs singulären
Hauptstrahlen vorkommt, so ist eine punktuelle optische Abbildung von solcher
Beschaffenheit, daß die einzelnen Punkte einer Objektfläche unter vollständiger
Strahlenvereinigung erster Ordnung in Punkte abgebildet werden, bei fixem
Blendenzentrum eine mathematische Unmöglichkeit, und kann es sich, wenn
eine allgemeine optische Abbildung wirklich existiert, nur um eine Abbildung
einzelner Linien handeln. Das Kriterium der optischen Abbildung von
Linien ist, daß die optische Projektion der Objektlinie von sämt-
lichen, von den verschiedenen Punkten dieser Linie ausgegangenen,
den betreffenden Hauptstrahlen nächstliegenden Strahlen bis auf
unendlich kleine Größen höherer Ordnung als der ersten geschnitten
wird. Da bei dieser Abbildung keine andere punktuelle Korrespondenz vor-
handen ist als die durch die optische Projektion vermittelte, sondern die von
einem Punkte der Objektlinie ausgegangenen Strahlen die Bildlinie in ver-
schiedenen Punkten treffen, so leuchtet es ein, daß das Verhältnis der Linien-
elemente der Bildlinien und abbildbaren Linien nur durch die optische Pro-
jektion bestimmt wird, während der der optischen Abbildung entsprechende
Vergrößerungskoeffizient das Verhältnis der Linienelemente der die Bild-
linien und die abbildbaren Linien senkrecht schneidenden Linien, der ortho-
gonalen Trajektorien derselben, angibt, und zwar unter der Annahme, daß
Objekt- und Bildfläche auf dem Hauptstrahl senkrecht stehen. Der Ver-
größerungskoeffizient würde also mit dem linearen Projektionskoeffizienten der
orthogonalen Trajektorien zusammenfallen, wenn diese allgemein ineinander
projiziert werden könnten.
Durch meine Fundamentalgleichung der optischen Abbildung wird die
Existenz einer allgemeinen Abbildung von Linien bewiesen und ergeben sich
die Gesetze derselben. Ich habe diese Grundgesetze der allgemeinen
optischen Abbildung, welche für ein beliebiges optisches System mit isotropen
Medien, in welchen der Brechungsindex konstant oder kontinuierlich variabel
ist, unbeschränkte Gültigkeit besitzen, sobald streifende Inzidenz der Haupt-
strahlen sowie Spitzen und Kanten an den Inzidenzpunkten ausgeschlossen sind,
auf folgende Weise formuliert.
Auf einer beliebigen Objektfläche gehen durch jeden Punkt, in welchem dieselbe
unter endlichem Winkel vom Hauptstrahle geschnitten wird, zwei, einen endlichen
Winkel miteinander bildende Linien, welche unter vollständiger Strahlenvereinigung
erster Ordnung, jedes System auf einer anderen Bildfläche, im Bildraume abgebildet
werden
Die Tangenten der abbildbaren Linien liegen überall in den Normalebenen der-
jenigen Strahlenflächen, welche im Bildraume die Hauptschnitte des gebrochenen Strahlen-
bündels berühren. Die Tangenten der Bildlinien liegen in den auf diesen Haupt-
schnitten senkrecht stehenden Hauptschnitten derselben Strahlenbündel.
234 Die Dioptrik des Auges. [G.
Eine andere Abbildung unter vollständiger Strahlenvereinigung erster Ordnung
gibt es nicht. Nur die singulären Punkte der Systeme abbildbarer Linien werden
in Punkten abgebildet. Diese Systeme haben nur dort singuläre Punkte, wo das
Strahlenbündel nach der Brechung im Bildraume längs dem Hauptstrahl anastigmatisch
ist, und die heiden Bildflächen einen Berührungspunkt haben.
Die Vergrößerung kann nur durch das Verhältnis der Abstände der Bildlinien
und der entsprechenden abbildbaren Linien ausgedrückt werden. In den singulären
Punkten kunn jedoch das erste Glied der Vergrößerung durch das Verhältnis der
Linienelemente einer Bildlinie und einer abbildbaren Linie ausgedrückt werden, und
die Vergrößerung einer aus singulären Punkten bestehenden Linie kann durch das
Längenverhältnis der Bild- und Objektlinie dargestellt werden.
Das Produkt des relativen Brechungsindex des optischen Systems mit dem be-
xüglichen angulären Projektionskoeffixienten und dem Vergrößerungskoeffixienten ist
stets gleich der Einheit.
In jedem Punkte sind die Vergrößerungskoeffizienten und die Richtungen der
Tangenten der abbildbaren Linien von der Lage der Blende auf dem Hauptstrahl
unabhängig.
Abbildungen können im allgemeinen Falle nicht zusammengesetzt werden. Wenn
ein anderes Medium als Bildraum gewählt wird, so ändern sich dabei die abbildbaren
Linien. Dasselbe ist der Fall, wenn der Abstand des Objektpunktes vom optischen
System verändert wird.
Die Abbildungen sind bedingungslos umkehrbar. Bei der Umkehrung des Strahlen-
ganges stellen die früheren Bildlinien das eine System der auf der betreffenden Fläche
verlaufenden abbildbaren Linien dar, und die Tangenten der entsprechenden früheren
abbildharen Linien liegen in den bexüglichen Hauptschnitten der gebrochenen Strahlen-
bündel.
Die so charakterisierte optische Abbildung ist eine mathematische Kon-
zeption, welche an ein fixes Blendenzentrum und an monochromatisches Licht
gebunden ist. Bei der Anwendung der Abbildungsgesetze auf physikalische
Verhältnisse hat man deshalb zunächst darauf Rücksicht zu nehmen, daß als
Blendenzentrum streng genommen jeder beliebige in der Blendenebene belegene
Punkt willkürlich gewählt werden kann, worauf betrefis der praktisch wichtigen
Fälle weiter unten eingegangen werden soll. Bei zusammengesetztem Lichte
hat man dann auch noch die chromatischen Differenzen in Rechnung zu
ziehen. Diese betreffen nicht nur die den Verlauf des Leitstrahles bestimmenden
durch trigonometrische Rechnung gewonnenen Größen, sondern auch die Lage
der Bildlinien, die Orientierung derselben und der abbildbaren Linien, sowie
endlich die Vergrößerungskoeffizienten, indem sämtliche Größen je nach Bedarf
für verschiedene Lichtarten berechnet werden. Hierzu dienen teils die Srurmschen
Formeln, welche ich für die unberücksichtigt gebliebenen singulären Fälle
komplettiert habe, teils andere von mir deduzierte Formeln.
Wenn längs einem Leitstrahle die Einfallsebene überall eine Hauptnormal-
ebene der breehenden Fläche darstellt, und jede folgende Einfallsebene entweder
mit der vorhergehenden Brechungsebene zusammenfällt oder senkrecht auf
derselben steht, können die Abbildungen zusammengesetzt werden, indem überall
die Tangenten der abbildbaren Linien und der Bildlinien in der Brechungsebene
bzw. in der auf derselben senkrechten, den Leitstrahl enthaltenden Ebene liegen.
Einen praktisch wichtigen speziellen Fall hiervon stellen die einfach asym-
metrischen Systeme dar, welche durch das Vorhandensein einer Symmetrie-
ebene charakterisiert sind. Während im allgemeinen Fall, wo keine solche
G.] Die optische Abbildung in Umdrehungssystemen. 235
Ebene sich vorfindet, und das optische System deshalb doppelt asymmetrisch
genannt wird, nur die Abbildungsgesetze erster Ordnung amwendbar sind, habe
ich für die erstgenannten Systeme die vollständigen Gesetze zweiter Ordnung
ermittelt. Stellt wiederum der Leitstrahl die Schnittlinie von zwei Symmetrie-
ebenen des optischen Systems dar, so wird dasselbe ein symmetrisches
System genannt, und kennt man auf dieselbe Weise längs dem Leitstrahl die
Gesetze dritter Ordnung, welche früher für den speziellen Fall eines aus
sphärischen Flächen bestehenden zentrierten Systems von Seyner deduziert
worden waren. Die Gesetze erster Ordnung werden überdies sowohl im einfach
asymmetrischen wie noch mehr im symmetrischen System wesentlich einfacher.
Besteht wiederum das optische System aus Umdrehungsflächen mit gemeinsamer
Achse, auf welcher das Blendenzentrum belegen ist, und gilt dasselbe von der
Objektfläche, oder stellt diese eine achsensenkrechte Ebene dar, so liegt ein
Umdrehungssystem vor. Solche Systeme, von welchen die aus zentrierten
sphärischen Flächen bestehenden einen speziellen Fall darstellen, haben erstens
eine vor allen anderen hervorragende praktische Bedeutung und bieten zweitens
beträchtliche Vereinfachungen der Abbildungsgesetze dar. Da nämlich überall
die Ebene, welche den Hauptstrahl und die Umdrehungsachse enthält, eine
Symmetrieebene darstellt, so muß die eine der abbildbaren Linien und der
Bildlinien überall in dieser Ebene liegen, die andere überall auf derselben
senkrecht stehen. Es folgt hieraus einerseits, daß abbildbare Linien und Bild-
linien überall Parallelkreise und Meridiane darstellen, indem auch die Bild-
flächen Umdrehungsflächen sein müssen, anderseits aber auch, daß die Ab-
bildungen längs jedem Hauptstrahle zusammensetzbar sind.
Die praktische Tragweite dieser Einteilung der Systeme wird beim Ver-
gleich der Abbildung mittels einer gewöhnlichen und einer bizylindrischen Lupe
leicht verstanden. In der letzteren gelten längs der Achse die Gesetze der
symmetrischen, längs einem in einer der beiden Symmetrieebenen belegenen
Leitstrahle die Gesetze der einfach asymmetrischen Systeme, aber längs jedem
anderen Leitstrahle nur die allgemeinen bei doppelter Asymmetrie gültigen
Gesetze. In einer gewöhnlichen Lupe gelten aber, wenn die Pupille des Be-
obachters auf der Achse liegt, längs der Achse die besonderen für Umdrehungs-
systeme gültigen Gesetze und längs jedem anderen Hauptstrahle die Gesetze
einfach asymmetrischer Systeme mit besonderen, auf den Eigenschaften der
Umdrehungsflächen beruhenden Vereinfachungen.
Die optische Abbildung in Umdrehungssystemen. Die einfacheren
für diese Systeme gültigen Gesetze können mit elementaren Mitteln dargestellt
werden und reichen auch zum Verständnis der Abbildung im Auge aus. In
dem von einem Objektpunkte ausgegangenen Strahlenbündel ist die durch den
Hauptstrahl und die Umdrehungsachse gelegte Meridionalebene der erste,
die senkrecht auf derselben durch den Hauptstrahl gelegte Äquatorealebene
der zweite Hauptschnitt. Da die Strahlenflächen, welche im Objektraume diese
Ebenen berühren, in jedem Medium dasselbe Verhalten zeigen und somit
überall fokal sind, so genügt die Untersuchung dieser Strahlenflächen, um die
gebrochenen Strahlenbündel kennen zu lernen. Daß auch die vollständigen
Abbildungsvorgänge bei alleiniger Rücksichtnahme auf diese beiden Strahlen-
236 Die Dioptrik des Auges. IG,
flächen ermittelt werden, geht erst aus den oben mitgeteilten Gesetzen der
allgemeinen optischen Abbildung hervor, denn ohne dieselben kennt man tat-
sächlich nur die Einwirkung der in diesen beiden Strahlenflächen verlaufenden
Strahlen, welche einen verschwindend kleinen Teil der bei der Abbildung
wirksamen Strahlenmenge ausmachen.
Es sei in der Fig. 114 AC die Verlängerung des im Inzidenzpunkte A ein-
fallenden Hauptstrahles, DC die Verlängerung eines anderen, demselben Strahlen-
bündel angehörigen, in der Meridionalebene verlaufenden Strahles, A O und BO
die Normalen der brechenden Fläche. Der
€ Einfallswinkel CAO sei mit i, der Ein-
P fallswinkel CBO mit i+ œ bezeichnet.
o Es ist dann
AAOB+i=AACB+i+o
Fig. 114. und somit
oss AA AO A AC,
Wird nun 3 immer näher dem Punkte A gebracht, bis BC einen dem
Hauptstrahle nächstliegenden Strahl darstellt, so stellt A O den in A gemessenen
ersten Fokalabstand r des einfallenden Strahlenbündels, A O den ersten Haupt-
krümmungsradius o der brechenden Fläche dar, und es wird A 40B = =
sowie AACB= AEs,
Es resultiert somit, wenn AB unendlich klein ist:
1 cosi
AB o
und auf dieselbe Weise, wenn € oi € die analoge Bedeutung für das gebrochene
Strahlenbündel haben
EX 1 cost
AB EE T
Nun ist aber allgemein
sin (è + œ) = sin i cos œw + sin w cosi,
welche Gleichung, da œ gleichzeitig mit AB unendlich kleine Werte und
schließlich den Wert Null erhält, und da hierbei cos» = 1 sowie sinw = œ
wird, nach Multiplikation mit dem Brechungsindex n des ersten Mediums und
Division mit AB die Form
nsin (i + œ) — nsin į tele ae E ei Ss
AB AP ` 0, T
annimmt. Auf dieselbe Weise erhält man, wenn n’ der Brechungsindex des
zweiten Mediums ist,
a sin + o) — n sini Ju cosi
RE N e a ENE
Da die linken Membra dieser beiden Gleichungen einander gleich sind, so
ergibt sich
n’ cos?! ncosti n’cos! — n cosi A
en eg ng as Rid E ET N-
r D
g
G.] Ermittelung der Fokalpunkte. 237
Wenn es sich um eine Spiegelung handelt, so gilt identisch dieselbe Be-
weisführung, wenn a = — n gesetzt wird, indem dabei die linken Membra der
beiden letzten Gleichungen fortwährend identisch sind. In beiden Fällen sind
in der Formel A, die Größen ze o stets in einer und derselben Richtung vom
Inzidenzpunkte aus positiv zu rechnen.
Wiederum sei in der Fig. 115 B der auf der Verlängerung des Hauptstrahles
belegene zweite Fokalpunkt des einfallenden Strahlenbündels, O der auf der
im Inzidenzpunkte A errichteten Normale belegene zweite Krümmungsmittelpunkt
der brechenden Fläche, und es werde die ganze Figur um die Linie OB als
Achse gedreht. Beim Beginn dieser Drehung kommt man vom Punkte A zu-
nächst auf den in der Äquatorealebene nächstliegenden Punkt der brechenden
Fläche. Die in diesem Punkte er-
richtete Flächennormale ist dann
der Normale AO nächstliegend und
schneidet folglich dieselbe im
Punkte O. Auf dieselbe Weise ist
der in diesem Punkte einfallende
Strahl dem Hauptstrahle A B nächst-
liegend und schneidet denselben im Fig. 115.
Punkte B. Da nun aber der dem
gebrochenen Hauptstrahle in der Äquatorealebene nächstliegende Strahl in der-
selben Ebene liegen muß wie der einfallende Strahl und die Normale, so muß
er die Linie OB schneiden, wonach der zweite Fokalpunkt auf dem gebrochenen
Hauptstrahle im Schnittpunkte B’ desselben mit der Linie OB liegt.
Werden nun die im Inzidenzpunkte gemessenen zweiten Fokalabstände
bzw. der zweite Krümmungsradius der brechenden Fläche mit — o o. bezeichnet
und die Linie BC senkrecht auf der Flüächennormale gezogen, so ist
DO esini
OO" gcos urn = tg ABOC
und folglich
he Aa
9,tg ABOC o H
mithin, da auf dieselbe Weise die analoge Gleichung für das gebrochene
Strahlenbündel erhalten wird, und da die linken Membra beider Gleichungen
einander gleich sind,
no h n' cosit — n cosi
d e AEN cm CB d
S S P,
Von einer Spiegelung, wie von der Richtung, in welcher die Größen xg’o,
positiv zu rechnen sind, gilt das oben von der Formel A, Gesagte. Beide
Formeln gelten, wie aus der Deduktion hervorgeht, nicht nur in Umdrehungs-
systemen, sondern überall, wo ein Hauptschnitt des einfallenden Strahlenbündels
und eine Hauptnormalebene der brechenden bzw. spiegelnden Fläche mit der
Einfallsebene zusammenfällt. Dieselben lehren zunächst, daß das gebrochene
Strahlenbündel allgemein astigmatisch ist, so daß in Umdrehungssystemen —
singuläre Fälle ausgenommen — die Bildflächen einander nur im Schnittpunkte
mit der Umdrehungsachse berühren und folglich nur der axiale Objektpunkt
als Punkt abgebildet wird.
238 Die Dioptrik des Auges. [G.
Für diesen Punkt ist cos? = cos? = 1 und o = 0... wonach die Formeln A
in die erste der im Hermnontzschen Text S. 51 deduzierten Formeln 8) über-
gehen. In dieser ist nämlich, älterem Gebrauche gemäß, der Fokalabstand des
einfallenden Strahlenbündels in umgekehrter Richtung wie der Fokalabstand des
gebrochenen Strahlenbündels und der Krümmungsradius der brechenden Fläche
positiv gerechnet.
In bezug auf jeden anderen Objektpunkt hat man aber mit zwei ver-
schiedenen Abbildungen zu rechnen. Hierbei sei die Abbildung der Parallel-
kreise, welche durch die ersten Fokalpunkte der gebrochenen Strahlenbündel
bestimmt wird, als die erste Abbildung bezeichnet.
Die den beiden Abbildungen entsprechenden Vergrößerungskoeffizienten
werden, indem pa pa die im Inzidenzpunkte gemessenen ersten bzw. zweiten
£ Fokalabstände des einfallenden und ge-
brochenen Hauptstrahlenbündels bezeichnen,
La auf folgende Weise ermittelt.
In der Fig. 116 sei A CD der verlängerte
€ Hauptstrahl des einfallenden Strahlenbündels,
© der erste Fokalpunkt des Hauptstrahlen-
A bündels und D der erste Fokalpunkt des dem
betreffenden Objektpunkteangehörigen Strahlen-
A bündels. Es sei die Linie DE senkrecht auf
den Hauptstrahl gezogen und es stelle BE
Fig. 116. den durch den Punkt Æ gehenden Haupt-
strahl dar. F ist der Schnittpunkt desselben
mit der im Punkte A senkrecht auf ACD stehenden Linie. Allgemein ist nun
AR AC p
DE OD ep
Wird nun der Punkt Æ infinite dem Fokalpunkte D genähert, bis der Haupt-
strahl BE ein dem Hauptstrahle AD nächstliegender wird, so kommt B auf
der Tangente der brechenden Fläche zu liegen, so daß der Winkel BAF
gleich dem Inzidenzwinkel wird. Es ist dann, wenn DE mit 3 bezeichnet wird,
und wenn mit ncos®i E En z) multipliziert wird ,
AB:ncosti E E sl Sch:
PR
Da auf ganz identische Weise die analoge Gleichung zwischen den das ge-
brochene Objektpunkt- und Hauptstrahlenbündel bestimmenden Größen erhalten
wird, und durch die Anwendung der Gleichung A, auf beide Strahlenbündel
die Identität der linken Membra beider Gleichungen bewiesen wird, so resultiert,
wenn K, den ersten Vergrößerungskoeffizienten darstellt,
KÉ n cosit
1 wemir `
n cosi fp
T
`
B.-
Auf dieselbe Weise erhält man für den zweiten Vergrößerungs-
koeffizienten
G] Reduzierte Konvergenz und Brechkraft. 239
D
d ng
Ke B
He
indem, wenn die Fig. 116 den Äquatorialschnitt darstellte, der Hauptstrahl des
einfallenden Strahlenbündels mit der Normale der Schnittlinie der brechenden
Fläche zusammenfallen müßte, und anstatt der oben ausgeführten Multiplikation
dieselbe mit n + — z) zu bewerkstelligen ist.
s
Im Spezialfalle t = r’ = 0 ist in der Fig. 116 A F = ĝ und somit K, = D.,
Für ç = € = 0 ergibt sich unmittelbar K, = 1.
Da die Formeln A Additionsformeln darstellen, in welchen die mit dem
betreffenden Brechungsindex multiplizierten reziproken Werte der Fokalabstände
eingehen, so empfiehlt es sich, bei der Anwendung derselben direkt mit diesen
Werten zu rechnen. Zu diesem Zwecke wird der mit dem Brechungsindex
dividierte in einem beliebigen Punkte gemessene Fokalabstand der reduzierte
Fokalabstand genannt. Da der Fokalabstand positiv gerechnet wird, wenn
man vom letztgenannten Punkte in der als positiv bezeichneten Richtung zum
Fokalpunkte gelangt, so ist der reziproke Wert desselben — die betreffende
Hauptkrümmung der Wellenfläche — ein Maß der Konvergenz des Strahlen-
bündels in dem fraglichen Punkte und in bezug auf den betreffenden Haupt-
schnitt. Der mit dem Brechungsindex multiplizierte reziproke Wert des Fokal-
abstandes wird daher die reduzierte Konvergenz genannt. Unter Anwendung
dieses Begriffes können die Gleichungen AB für beide Abbildungen auf die Form
“B=A+xD, AER T EE Ae a
gebracht werden. A B stellen hier die reduzierten Konvergenzen des einfallenden
bzw. gebrochenen Strahlenbündels dar, sind somit für die erste bzw. zweite Ab-
bildung gleich = bzw. a SZ x ist der Vergrößerungskoeffizient im In-
RW
zidenzpunkte und hat den Wert ar bzw. 1, während X den ersten bzw.
zweiten Vergrößerungskoeffizienten in den betreffenden Fokalpunkten bedeutet,
und D, die Brechkraft der Fläche im Inzidenzpunkte, für die erste bzw.
zweite Abbildung den Wert
n cos! — n cosi n' cosit — n cosi
— — byw. —
p, COS Ù cosi o
hat.
Es läßt sich nun leicht zeigen, daß die Formeln © auch dann gelten,
wenn die reduzierten Konvergenzen in beliebigen, in bezug auf die
betreffende Abbildung einander konjugierten Punkten gemessen
werden. Wenn der Vergrößerungskoeffizient in diesen Punkten x, ist und die-
selben durch die im Inzidenzpunkte gemessenen reduzierten Konvergenzen A, B,
bestimmt werden, so hat man nebst den Gleichungen © die ähnlichen
ai Bes An Le, xx B,=4
und erhält durch Subtraktion
x? (B, — B) = 4 — 4.
240 Die Dioptrik des Auges. [G.
Da nun weiter, wenn die durch AB bestimmten Strahlenbündel in denselben
Punkten die reduzierten Konvergenzen A, B, haben,
ol: ët Ga
BB RE " Wir GER EN
somit auch
B „_BB_ PaL AA _#KB:xx B,
LAD ep? Ke G 8
ist, so ergibt sich unmittelbar
x KB, = 4.
Anderseits erhält man durch Elimination von A bzw. A:
D D
x»—K=7: E
und durch Subtraktion
s 1 1 D
n-K=-bl5-5)- 5
wonach für X der Wert á eingeführt wird, und
ı #1
xB =4 tb
resultiert.
Bei der Zusammensetzung der durch zwei brechende Flächen zustande
kommenden Abbildung des einen der beiden abbildbaren Liniensysteme seien
zunächst die bezüglichen, einem im ersten Medium belegenen Objektpunkte im
zweiten und dritten entsprechenden Fokalpunkte ermittelt, und es seien x, x,
die Vergrößerungskoeffizienten bei der Abbildung der bezüglichen Objektlinien
im zweiten Medium bzw. bei der Abbildung dieser Bildlinien im dritten,
während D, D, die Brechkräfte der Flächen in bezug auf die betreffende Ab-
bildung darstellen. Sind dann AB die im ausgewählten Objektpunkte bzw. im
letzteren Fokalpunkte gemessenen reduzierten Konvergenzen eines beliebigen
Strahlenbündels, so erhält man für die reduzierte Konvergenz desselben Strahlen-
bündels in dem im zweiten Medium belegenen konjugierten Punkte die beiden Werte
A D
wi bag WK" A H B —
„ar x, CA B — x, D},
aus welchen die allgemeine Gleichung der Schnittweiten
x“"B=A+xD
wieder erhalten wird, indem
EZ Zä D=? 4% D,
`
ist. Die im zweiten Medium gemessene reduzierte Konvergenz kann wiederum
durch die beiden Größen
d A
Ha K, B= x, K,
ausgedrückt werden, wenn X, K, die den beiden Flächen entsprechenden Ver-
größerungskoeffizienten in den Fokalpunkten der Strahlenbündel sind. Es
resultiert
xKB= A
wo K= K, & ist.
G.] Die allgemeinen Abbildungsgleichungen. 241
Diese Prozedur kann nun beliebig oft wiederholt werden. Stellt hierbei
allgemein in den konjugierten Punkten, in welchen die reduzierten Konvergenzen
gemessen werden, k, den Vergrößerungskoeffizienten bei der Abbildung durch
die n ersten Flächen dar, und ist D, die Brechkraft des aus den n ersten
Flächen zusammengesetzten optischen Sy stems so ist allgemein
= X, Xa a E = ÄIS
und der oben gefundene Wert kann geschrieben werden
k? D,
k D-k e =
wonach für n Flächen durch Summation
E Di A D: kenn, k? D
kn Dy E wh TETEN Dr
erhalten wird.
Der Gültigkeitsbereich der allgemeinen, in Umdrehungssystemen
längs einem beliebigen Hauptstrahle gültigen Abbildungsgleichungen
“"B=A+xD, xKB= A
erstreckt sich also auf beliebige Medien, indem x den Vergrößerungskoeffizienten
in zwei beliebigen in bezug auf die betreffende Abbildung einander konjugierten
Punkten, AB die in diesen Punkten gemessenen reduzierten Konvergenzen eines
beliebigen Strahlenbündels, X den Vergrößerungskoeffizienten in den durch AB
bestimmten Fokalpunkten darstellt, und für ein aus n Einzelsystemen zusammen-
gesetztes System
1 k? D
Ku
D=
ist, wobei die Summe entsprechend jedem der n Einzelsysteme je ein Glied
enthält.
Durch diese Formeln erhält man auch allgemein die anguläre Vergrößerung.
Hierunter versteht man das Verhältnis der Winkel, unter welchen die gegen-
seitigen Abstände zweier Bildlinien und der entsprechenden abbildbaren Linien
in zwei konjugierten Punkten gesehen werden. Der anguläre Vergrößerungs-
köeffizient in den Punkten, in welchen der im Gegensatz zu demselben so-
genannte laterale Vergrößerungskoeffizient x ist, wird demnach, wenn nn’ die
Brechungsindizes, #5’ die Linienelemente der orthogonalen Trajektorien der
ineinander abgebildeten Linien sind, durch das Verhältnis der EM Winkel
Ep und L angegeben, ist somit gleich R, welcher Wert mit Da identisch
ist. Das Produkt des angulären Vergrößerungskoeffizienten mit dem lateralen
und mit dem relativen Brechungsindex ist somit stets gleich der Einheit. In
bereinstimmung mit der Einführung der reduzierten Abstände empfiehlt es
sich nun, dieselben auch in diesem Ausdrucke zu KA: wobei der reduzierte
anguläre Vergrößerungskoeffizient gleich £ =- Si h. gleich dem rezi-
proken Werte des lateralen Ta PAA EE ist.
Setzt man in den allgemeinen Abbildungsgleichungen B = 0 bzw. A = 0,
so erhält man für die reduzierten Abstände des ersten bzw. zweiten Haupt-
v. Hersuorrz, Physiologische Optik. 8. Aufl. I. 16
242 Die Dioptrik des Auges. IG.
brennpunktes — 3 D bzw. 5 und wenn K = 1 gesetzt wird, ergibt sich für die
x
—1
D ’
wonach durch Subtraktion letzterer Werte von den ersteren die reduzierten
Abstände des ersten bzw. zweiten Hauptbrennpunktes vom ersten bzw. zweiten
reduzierten Abstände des ersten bzw. zweiten Hauptpunktes sml bzw. ”
Hauptpunkte, — 5 bzw. > , erhalten werden, und die Brechkraft somit all-
gemein als der reziproke Wert der mit dem betreffenden Brechungs-
index dividierten zweiten Hauptbrennweite definiert ist.
Werden die allgemeinen Abbildungsgleichungen auf die Haupt-
punkte bezogen, so erhalten dieselben die Form
B=A+D, KB= A,
in welcher sie besagen, daß die reduzierte Konvergenz beim Durchgang
durch ein optisches System um den Betrag der Brechkraft desselben
vermehrt wird, und daß der laterale Vergrößerungskoeffizient gleich
dem Verhältnis der reduzierten Hauptpunktabstände der Fokalpunkte
des gebrochenen und einfallenden Strahlenbündels ist, während der
reduzierte anguläre Vergrößerungskoeffizient in den Hauptpunkten gleich der
Einheit ist. Diese Formeln haben eben denselben allgemeinen Gültigkeitsbereich
wie jene und gewähren dabei den Vorzug, das Wesen der optischen Abbildung
klar hervortreten zu lassen, haben aber anderseits den Nachteil, daß ihre An-
wendung auf die durch die Bedingung D= 0 charakterisierten sogenannten
teleskopischen oder besser afokalen Systeme eine umständliche Umformung er-
fordert, während die allgemeinen Abbildungsgleichungen unverändert an-
wendbar sind.
Führt man in die auf die Hauptpunkte bezogenen Abbildungsgleichungen
die Bedingung gleicher (nicht reduzierter) Konvergenz des einfallenden und ge-
brochenen Strahlenbündels ein, so ergibt sich
| NEE TAC
n n non n
und fallen die Fokalpunkte der Strahlenbündel mit den Lastıssschen Knoten-
punkten zusammen, wobei der (nicht reduzierte) anguläre Vergrößerungskoeffizient
in denselben gleich der Einheit ist. Da aber die den Knotenpunkten zu-
geschriebenen Eigenschaften bei endlicher Strahlneigung nur in Systemen, welche
aus einer einzigen sphärischen Fläche bestehen, der Realität entsprechen, was
nur allzu leicht übersehen wird, so bieten die auf dieselben bezogenen Ab-
bildungsgleichungen um so weniger Nutzen, als der Begriff des reduzierten
angulären Vergrößerungskoeffizienten den auf die Hauptpunkte bezogenen
Gleichungen eben die Vorteile zuversichert, welche an den Knotenpunkts-
gleichungen besonders geschätzt werden.
Dagegen bieten in vielen Fällen die Brennpunktsgleichungen wirklichen
Nutzen. Man erhält dieselben sowohl direkt aus den oben ermittelten Aus-
drücken für die Abstände der Brennpunkte von beliebigen konjugierten Punkten,
wie auch auf folgende Weise. Wird aus den allgemeinen Abbildungsgleichungen
einmal B, einmal A eliminiert, so erhalten dieselben die für gewisse Probleme
sehr anwendbare Form
GI Zusammensetzung von Abbildungen. 243
1 1\
Da? GE be By EL.
in welcher sie auch dann anwendbar sind, wenn einer der beiden konjugierten
Punkte, in welchen der Vergrößerungskoeffizient x ist, in unendlicher Ent-
fernung liegt, wobei x = 0 bzw. Lz 0 zu setzen ist. Es ergeben sich auf
diese Weise, wenn ZZ’ die im ersten bzw. zweiten Brennpunkte eines optischen
Systems gemessene reduzierte Konvergenz eines Strahlenbündels bezeichnen, die
beiden Gleichungen
KD=L, KL=-D,
aus welchen
L
f — ` wm H = m 2
LL Dri A K
resultiert, wo K, wie gewöhnlich den Vergrößerungskoeffizienten in den Fokal-
punkten der durch die reduzierten Konvergenzen LI’ bestimmten Strahlen-
bündel bezeichnet.
Wenn man bei der Zusammensetzung zweier Systeme ohne den oben
angegebenen Weg zu befolgen unmittelbar die Brechkraft D des zusammen-
gesetzten Systems und die Lage der Hauptpunkte desselben finden will, so erhält
man auf folgende Weise die hierzu nötigen Formeln. Es sei das erste System
durch die Brechkraft D, und durch zwei beliebige konjugierte Punkte, in
welchen der Vergrößerungskoeffizient x, ist, das zweite durch die Brechkraft D,
und durch zwei beliebige konjugierte Punkte mit dem Vergrößerungs-
koeffizienten x, definiert, und es stelle ö den reduzierten, d. h. mit dem be-
treffenden Brechungsindex dividierten, Abstand des ersten der letztgenannten
Punkte vom zweiten der erstgenannten dar. Für ein beliebiges Strahlenbündel
seien reduzierte Konvergenzen und Vergrößerungskoeffizienten in den beiden
Systemen mit A, B, K, A,B,K, bezeichnet. Laut der oben gegebenen Deduktion
ist dann die Brechkraft des zusammengesetzten Systems gleich 2 LED,
H
Man erhält durch Elimination von A, und B, aus den allgemeinen Abbildungs-
gleichungen
1 1 D,
Dee An
und da
1 1
| Ce i
ist:
D,
K,
welcher Ausdruck die Brechkraft des zusammengesetzten Systems durch die die
beiden Einzelsysteme bestimmenden Größen angibt und für ö= 0 mm: den oben
unter dieser Bedingung hergeleiteten übergeht. Sind HH’ die reduzierten Ab-
stände des ersten bzw. zweiten Hauptpunktes des zusammengesetzten Systems
vom ersten definierten Punkte des ersten Systems bzw. vom zweiten definierten
Punkte des zweiten Systems, so hat man, wenn K, K,=1 gesetzt wird,
1 P 1 d i
H = Ce H= 5 Diese Bedingung
2
D. g
D= + K, D, = 3 +% D, — òD, D,,
2
16*
244 Die Dioptrik des Auges. IG
ES E
3 SCH 4,
ergibt aber, wenn einmal A, durch B,, einmal B, durch A, ersetzt wird:
e 1 ; 1
| B, (3D, +% lecht = -4 (aD, +- a]
und dann nach Einführung von 4A, B, anstatt B, A,:
A TER =D = STEEN
wi n : De
Die allgemeinen Formeln für die Zusammensetzung zweier
Systeme sind somit
%
H z on +x A
an D Ae eh
m=-%[5D,+ |.
Werden beide Systeme auf die Hauptpunkte bezogen, so hat man x, =x, =1
und findet:
D=D+D,-öDD, H A.
ò D, >
pE TE
Ist wiederum das erste bzw. zweite System afokal, so hat man nur D, = ù
bzw. D, = 0 zu setzen. Wenn das andere System auf die Hauptpunkte bezogen
wird, wobei x, = 1 bzw. x, = 1 ist, ergibt sich somit
CIE Fe e zl
Bern Heat CN Dr
bzw. 5
D, a e aa SCAM
D Sc H j D, D H ad Xa d EE Se
Sind beide Systeme afokal, so hat man nur im Ausdrucke für A mittels der
allgemeinen Gleichung der Schnittweiten 3, A, durch A, B, zu ersetzen, um für
das zusammengesetzte System die Gleichung
1 Xita Sei
%,%, B, A, %
zu erhalten, während
Le?
überall den Vergrößerungskoeffizienten angibt. Für eine planparallele Platte
und für ein Prisma, welches unter der Bedingung der minimalen Ablenkung
vom Hauptstrahle passiert wird, ist für beide Abbildungen x, x, = 1, woraus
ai | d
B A a
erhalten wird. Befindet sich nun die Platte bzw. das Prisma in Luft und
stellen i? Einfalls- und Brechungswinkel in der ersten Fläche dar, so erhält `
man für das gebrochene Strahlenbündel
G] Zusammensetzung von drei optischen Systemen. 245
aar
1 1 ð cos’ i SÉ 1 1
— — wW.
B, 4, cos’ i B, A
wonach, wenn die Refraktionsebene als der erste Hauptschnitt bezeichnet wird,
und wenn das einfallende Licht homozentrisch ist, der Abstand des ersten
Fokalpunktes vom zweiten den Wert
oosit — cos?i
K cos?i
hat. Diese Brennstrecke, welche somit von der Lage des Objektpunktes un-
abhängig ist, gibt also den tatsächlich vorhandenen Astigmatismus an. Derselbe
kann ersichtlicherweise nur dann vernachlässigt werden, wenn der Weg des
Lichtes in der Rlatte bzw. im Prisma im Verhältnis zum Abstande des Objekt-
punktes verschwindend klein ist.
In der physiologischen Optik ist es von Vorteil, die Formeln für die Zu-
sammensetzung von drei optischen Systemen fertig zu haben. Man
erhält dieselben auf folgende Weise unter Benutzung der oben angegebenen
allgemeinen Methode. Es seien D,D,D, bzw. ® die Brechkräfte der Teil-
systeme bzw. des Vollsystems, ð, ð, die reduzierten Abstände des ersten Haupt-
punktes des folgenden Systems vom zweiten Hauptpunkte des vorhergehenden.
Zunächst werden die den Hauptpunkten des zweiten Systems im ersten und
letzten Medium konjugierten Punkte aufgesucht. Es ergibt sich
1 1
A + D, = ò, D B, = D, D ZE
Li EINS dä
Gëss ua:
und somit i
sl — ô D, “=l, er Min,
wonach die allgemeine Summenformel der Brechkraft
D = D; (1—8 D) + D, (1 =8 D(L — 3D) + D (1—12 D)
ergibt. Die reduzierten Abstände der Hauptpunkte des Vollsystems von den
beiden im ersten und letzten Medium ermittelten, konjugierten Punkten sind,
wie oben bewiesen wurde, wenn x für x, x, gesetzt wird,
x— | x— 1
e D S bzw. "e ,
woraus für die reduzierten Abstände HH’ der Hauptpunkte des Vollsystems
vom ersten Hauptpunkte des ersten bzw. vom zweiten Hauptpunkte des letzten
Systems die Werte
EP ô, RER)
ie ert De DER
EE ò, ,D,-&D,,
E (Reg E re ug CN
Ist das Vollsystem symmetrisch in bezug auf das mittlere Teilsystem,
indem A. =ð, und D, =D, ist, so erhält man
246 Die Dioptrik des Auges. OO?
®=2D(-&D)+D,(1-0,D)%,
ò,
H = EE EC
Was die Wahl der Vorzeichen betrifft, so wurden die für eine einzelne
Fläche gültigen Abbildungsgleichungen unter der nunmehr allgemein an-
genommenen Bedingung entwickelt, daß die Abstände der Fokalpunkte und des
Krümmungsmittelpunktes der brechenden oder spiegelnden Fläche vom Inzidenz-
punkte in einer und derselben Richtung positiv gerechnet werden, und daß ein
positives Vorzeichen des Vergrößerungskoeffizienten eine gleichsinnige Abbildung
angibt. Da weiter bei einer Spiegelung das Vorzeichen des Brechungsindex
gewechselt werden muß, und in zusammengesetzten Systemen überall eine
gleichsinnige positive Richtung zu wählen ist, so wird dieselbe am besten in
bezug auf die Lichtbewegung im Objektraume definiert. Wählt man hier die
mit derselben gleichsinnige Richtung, so bedeutet immer, da bei jeder Spiegelung
sowohl die positive Richtung im Verhältnis zur Lichtbewegung wie das Vor-
zeichen des Brechungsindex gewechselt wird, ein positives Vorzeichen der
reduzierten Konvergenz, daß die betreffenden Strahlen konvergieren, ein positives
Vorzeichen der Brechkraft, daß das System sammelnd wirkt, und ist immer
der reduzierte Abstand eines Punktes von einem anderen positiv, wenn man,
der Richtung der Lichtbewegung folgend, vom letzteren zum ersteren gelangt.
Es ergeben sich somit folgende allgemeine Regeln. Längs dem Hauptstrahle
ist überall diejenige Richtung positiv, welche mit der Lichtbewegung im Objekt-
raume gleichsinnig ist. Die Brechungsindizes der nach einer ungeraden Anzahl
von Spiegelungen vom Lichte durchlaufenen Medien sind negativ anzusetzen.
Der Abstand eines Punktes von einem anderen ist positiv, wenn man, der
positiven Richtung folgend, vom letzteren zum ersteren gelangt, und ein
Krümmungsradius ist der Abstand des Krümmungsmittelpunktes vom Flächen-
punkte. Endlich ist ein Vergrößerungskoeftizient positiv, wenn man, in der
positiven Richtung längs den betreffenden Hauptstrahlen blickend, die ineinander
abgebildeten Linien auf einer und derselben Seite dieser Strahlen sieht.
Die Einheit, mit welcher die reduzierte Konvergenz und die Brechkraft
gemessen wird, kann beliebig gewählt werden. Da aber in der Ophthalmologie
die Dioptrie sich als Einheit der Brechkraft von Linsen bewährt hat, und die
Brechkraft einer in Luft befindlichen Linse von 1 m Brennweite angibt, so
empfiehlt es sich diese Einheit allgemein zu gebrauchen, wobei dieselbe als
die Einheit des reziproken Wertes einer durch Division mit dem
betreffenden Brechungsindex reduzierten, in Meter gemessenen
Haupt- oder Konjugatbrennweite definiert werden muß.!
Die einfache und übersichtliche Darstellung sämtlicher für die Umdrehungs-
systeme gültiger Abbildungsgesetze in einer Form, welche längs jedem beliebigen
Hauptstrahl anwendbar ist, und durch welche das Koinzidieren desselben mit
der Umdrehungsachse als spezieller Fall dargestellt wird, ist nur durch die
Begriffe der reduzierten Konvergenz und der Brechkraft ermöglicht worden.
Man kann sich aber trotz der verschiedenen Form sehr leicht davon überzeugen,
1 A. Gurssrnanp, Über die Bedeutung der Dioptrie. Arch. f. Ophth. Bd. XLIX, 1.
S. 46. 1899. Zu bemerken ist, daß der in dieser Schrift für afokale Systeme angewendete
Koeffizient $ den reduzierten angulären Vergrößerungskoeffizienten darstellt.
G] Kritik anderer Darstellungen. 247
daß die allgemeinen Abbildungsgleichungen mit den im Hermnourzschen Texte
S. 57—58 angeführten Gleichungen 7) bzw. 7d) identisch sind, während die
Gleichungen 7b) und 7c) in der oben angewendeten Form leicht erkenntlich sind,
Dagegen sucht man in obenstehender Darstellung vergebens nach einer be-
sonderen Würdigung der auf die Knotenpunkte bezogenen Gleichungen. Dies
steht, wie schon oben betont wurde, damit in Zusammenhang, daß die wesentliche
Eigenschaft der Knotenpunkte nur für eine einzige sphärische Fläche bei end-
licher Strahlneigung reell ist. Solange man die Abbildung einer endlichen
Öbjektfläche als approximativ ähnlich derjenigen des zentralen Elementes der-
selben ansah, so konnten im Einklange mit dieser Anschauung die geometrischen
Konstruktionen die Relation der konjugierten Punkte zueinander und zu den
Kardinalpunkten versinnlichen. Sowie aber an dem tatsächlichen streng fest-
gehalten wird, ist eine solche Versinnlichung nicht mehr am Platze, da die bei
der Konstruktion verwendeten Gesetze nur für die Fiktion unendlich kleiner
Strahlneigungen gültig sind, die Konstruktionen deshalb oft falsche Vorstellungen
erwecken. Für die Darstellung der tatsächlichen Vorgänge bieten aber weder
die Knotenpunkte noch die Haupt- oder Brennebenen, welche ebenfalls nur für
die Fiktion unendlich kleiner Strahlneigung ihre charakteristischen Eigenschaften
besitzen, irgend einen Vorteil, weshalb auch diese Begriffe lieber als unnützer
Ballast beiseite gelassen werden. Dasselbe gilt von den genannten geometrischen
Konstruktionen, und die hier oben zur Ermittelung der Abbildungsgleichungen
für eine einzige Fläche angewendeten sollen auch nur dem Zweck dienen, dem
Leser die sonst unumgängliche Differentialrechnung zu ersparen.
In der oben gegebenen Darstellung kommt nirgends eine Fiktion vor,
sondern wird überall mit exakten geometrischen Größen und — betreffend die
Vergrößerung — mit ausdrücklich als Limeswerten bezeichneten Koeffizienten
gearbeitet. Eben hierdurch unterscheidet sich auch der Begriff der reduzierten
Konvergenz von dem nur für die Fiktion unendlich kleiner Strahlneigung
gültigen Begriffe der optischen Divergenz der Strahlen und der optischen
Neigung eines Strahles.!
Den umgekehrten Weg haben bei der Darstellung der Gesetze der optischen
Abbildung Asse und seine Schüler? befolgt, indem die Theorie der kollinearen
Abbildung ohne Rücksicht auf die Verhältnisse bei der Brechung und Spiegelung
des Lichtes aus einfachen geometrischen Voraussetzungen hergeleitet wurde.
Da die kollineare Abbildung jedoch nur unter der Fiktion unendlich dünner
Strahlenbündel und nur für ein unendlich kleines die Achse eines Umdrehungs-
systems schneidendes Objektflächenelement gültig ist, längs anderen Haupt-
strahlen aber die Einführung neuer Fiktionen erfordert, so kann dieselbe, nachdem
die allgemeinen Abbildungsgesetze bekannt geworden sind, nur als ein unrealisier-
bares Ideal hingestellt werden. Daß in vielen modernen optischen Instrumenten
die Realität diesem Ideale sehr nahe kommt, beruht nur auf einer Anhäufung
mathematischer Singularitäten bei der Konstruktion. Man muß sich wohl vor
der Vorstellung in acht nehmen, es wäre eine exakte Nachahmung des Ideales
möglich, und am allerwenigsten dar! man glauben, daß dasselbe die Abbildung
im Auge repräsentiere.
ı H. v. Heısmorrz, Handbuch der physiologischen Optik, 2. Auflage, Hamburg und
Leipzig 1896. S. 66 bzw. T1.
2 S. Czarskı, Grundzüge der Theorie der optischen Instrumente nach Asse. 2. Auf-
lage, Leipzig 1904.
248 Die Dioptrik des Auges. IG.
Bei der Anwendung der Abbildungsgesetze muß man stets vor
Augen haben, daß dieselben nur die Fokalpunkte und die Vergrößerungs-
koeftizienten längs dem betreffenden Hauptstrahle ergeben. Bei der Unter-
suchung des aufeiner Schirmfläche entstandenen Bildes müssen deshalb
die von einer willkürlichen Wahl des Hauptstrahles beeinflußten Erscheinungen
besonders berücksichtigt werden. Um den Charakter des Umdrehungssystemes
zu bewahren, muß dabei die Schirmtläche entweder, wie gewöhnlich der Fall ist,
eine achsensenkrechte Ebene oder aber eine Umdrehungstläche sein, deren Achse
mit der Achse des Instrumentes zusammenfällt, und es können den verschiedenen
Objektpunkten entsprechend nur diejenigen Strahlen als Hauptstrahlen gewählt
werden, welche die Achse schneiden. Wenn nun die Schirmfläche den dem
axialen Objektpunkte entsprechenden Bildpunkt enthält, so berührt sie in dem-
selben die beiden Bildflächen. Einem in endlichem aber kleinem Abstande von
der Achse belegenen Objektpunkte entspricht ein durch das Blendenzentrum
gehender Hauptstrahl, längs welchem das Strahlenbündel astigmatisch ist.
Dasselbe Strahlenbündel ist aber, wenn die Blende eine endliche Größe hat,
und wenn eine gewisse Proportion des Abstandes des Objektpunktes von der
Achse zu der Blendengröße nicht überschritten wird, längs einem anderen, durch
die Blende gehenden Strahle anastigmatisch. Die auf diese Weise entstehenden,
den unweit der Achse belegenen Objektpunkten entsprechenden, anastigmatischen
Bildpunkte liegen auf einer Fläche, welche im Schnittpunkte der Schirmfläche
mit der Achse dieselbe berührt. Da es sich nun praktisch niemals um eine
Abbildung mathematischer Punkte handelt, so folgt hieraus, daß in einem end-
lichen, den axialen Bildpunkt umgebenden Bezirke, dessen Ausdehnung von der
Blendengröße abhängt, das auf der Schirmfläche entstandene Bild praktisch
nicht von einem durch wirkliche Abbildung von Punkten entstandenen unter-
schieden werden kann. Dieser Bezirk ist offenbar um so größer, je weniger
die Krümmungen der Bildflächen voneinander und von der Krümmung der
Schirmfläche abweichen. Bei der Untersuchung des Strahlenbündels, welche:
von einem in der nächsten Umgebung des diesem Bezirke entsprechenden
Teiles der Objektflüche belegenen Punkte ausgegangen ist, findet man, daß
dieses Strahlenbündel nur lähgs einem exzentrisch durch die Blende gehenden,
die Achse schneidenden Strahle einen Fokalpunkt auf der Schirmflüche haben
kann, wonach auf der entsprechenden Zone der Schirmfläche nur das eine System
der auf der Objektflüche verlaufenden abbildbaren Linien abgebildet wird. Stellt
die Schirmfläche eine Ebene dar, so ist es im allgemeinen das System der
Meridianlinien, welches durch positive Systeme in dieser Zone abgebildet wird,
indem die Bildflächen in den gewöhnlichen aus sphärischen Flächen bestehenden
Systemen im allgemeinen die konkaven Seiten gegen das System wenden, und
die erste Bildfläche demselben näher liegt als die zweite. Auf den außerhalb
dieser Zone belegenen Teil der Schirmfläche fällt wiederum längs keinem
Strahle ein Fokalpunkt, wonach das Bild hier nur durch optische Projektion
zustande kommt.
In Übereinstimmung mit dem eben geschilderten Vorgange kann man sich
z. B. unter Anwendung einer sogenannten einfachen photographischen Land-
schaftslinse sehr leicht davon überzeugen, daß auf der für die schärfste Ab-
bildung des axialen Objektpunktes eingestellten Visierscheibe, im zentralen Be-
zirke beliebige Objektlinien und -punkte gleich scharf abgebildet werden,
während in einer umgebenden Zone Linien, welche in Meridianebenen liegen,
GI Mangel an Objektähnlichkeit bei der Abbildung. 249
schärfer als andere abgebildet werden, und in dem außerhalb dieser Zone be-
legenen Gebiete die Schärfe der Abbildung überhaupt nur auf der Stufe der
mit der Lochkamera erhältlichen steht.
Untersucht man auf diese Weise das Bild einer auf der Achse zentrierten
und auf derselben senkrecht stehenden, aus Meridianlinien und Parallelkreisen
bestehenden Figur, so findet man, daß bei kleiner Blende, wenn dieselbe längs
der Achse verschoben wird, die Lage der Parallelkreise auf dem Bilde sich
ändert, so daß allgemein, wenn auf dem Objekte die gegenseitigen Abstände
derselben konstant sind, dies nicht auf dem Bilde der Fall ist. Es beweist
dieser Versuch, daß der Vergrößerungskoeftizient auf der Achse, welcher ja von
der Verschiebung der Blende unabhängig ist, allgemein nicht die Vergrößerung
des Bildes, sondern nur den Limeswert angibt, welchem sich dieselbe immer
mehr nähert, wenn die Größe des Objektes stetig abnimmt, sowie daß das Bild
des aus den Parallelkreisen bestehenden Liniensystems nicht objektähnlich ist,
während dies mit dem Bilde der Meridianlinien wegen der charakteristischen
Eigenschaften der Umdrehungssysteme auch dann der Fall ist, wenn bei ver-
schobener Schirmfläche das ganze Bild nur durch optische Projektion zustande
kommt. Der Mangel an Öbjektähnlichkeit bei der ersten Abbildung nimmt
aber mit abnehmender Objektgröße immer mehr ab, um in dem Augenblicke,
wo das Objekt auf den axialen Punkt reduziert ist, vollständig zu verschwinden.
Je nach der erforderlichen Genauigkeit der Untersuchung hat man wegen
diesem Mangel an Objektähnlichkeit immer eine größere oder geringere Anzahl
von Hauptstrahlen mit trigonometrischer Rechnung zu verfolgen, um die Schnitt-
punkte derselben mit der Schirmfläche zu ermitteln. Die Abbildungsgleichungen
ergeben dann die auf denselben belegenen Fokalpunkte, welche die Schnitt-
punkte mit den Bildflächen darstellen. Den zweiten Vergrößerungskoeffizienten
erhält man hierbei allgemein direkt aus der Lage des zweiten Fokalpunktes,
indem zufolge der ÖObjektähnlichkeit bei der Abbildung der Meridianlinien
derselbe durch das Verhältnis der Achsenabstände des Fokalpunktes und des
Öbjektpunktes ausgedrückt wird; den ersten muß man mit den Abbildungs-
gleichungen ermitteln. Weil aber die Fokalpunkte im allgemeinen Falle nicht
auf der Schirmfläche liegen, so hat man bei der Untersuchung des Bildes mit
den linearen Projektionskoeffizienten zu rechnen. Da in Umdrehungssystemen
nicht nur die abbildbaren Linien und Bildlinien, sondern auch deren ortho-
gonale Trajektorien mit den Meridianlinien und den Parallelkreisen zusammen-
fallen, letztere somit auch ineinander projiziert werden können, so wird der
lineare Projektionskoeffizient, mit welchem man bei der Projektion von
Meridianlinien bzw. Parallelkreisen zu rechnen hat, als der erste bzw. zweite
bezeichnet. Während nun der zweite lineare Projektionskoeffizient in Analogie
mit dem zweiten Vergrößerungskoeffizienten durch das Verhältnis der Achsen-
abstände der Schnittpunkte des betreffenden Hauptstrahles mit der Schirmfläche
und der Öbjektfläche ausgedrückt wird, erhält man auf folgende Weise den
ersten. Wenn der reduzierte Abstand der Schirmfläche von dem ersten Fokal-
punkte, längs dem betreffenden Hauptstrahl gemessen, mit d bezeichnet wird,
und Y die in diesem Punkte gemessene reduzierte Konvergenz des Haupt-
strahlenbündels in der Meridianebene darstellt, so verhält sich der Abstand
eines nächstliegenden Hauptstrahles vom Fokalpunkte zu dem Abstand desselben
Hauptstrahles von dem Schnittpunkte des ersteren mit der Schirmfläche, wie
die Abstände der beiden Punkte von dem Schnittpunkte der beiden Haupt-
250 Die Dioptrik des Auges. IG,
strahlen, d. h. wie 35 A , und ist somit 1 — ðP der lineare Pro-
jektionskoeffizient in den beiden Punkten. Der erste lineare Projektions-
koeffizient C, für den entsprechenden Objektpunkt ist demnach
C, = K, (1 — ð’ ®)
und es gilt für den zweiten die analoge Formel. Die Anwendung dieser Formel
setzt somit voraus, daß das Hauptstrahlenbündel bis in den Bildraum verfolgt
worden ist, wozu die gewöhnlichen Abbildungsgleichungen angewendet werden,
Die aktuelle lineare Vergrößerung bei der Projektion ist von der Neigung der
Objekt- und Schirmfläche gegen den Hauptstrahl abhängig, indem der Limes-
wert derselben, wenn ww’ die Winkel darstellen, welche die Normalen der be-
treffenden Flächen mit dem Hauptstrahl bilden, gleich C, Ew ist. Für die
Projektion von Parallelkreisen ist dieser Limeswert gleich dem zweiten linearen
Projektionskoeffizienten.
Die hier dargestellten Abbildungsgesetze erster Ordnung gelten allgemein
auch in einfach asymmetrischen Systemen, wobei aber beide Vergrößerungs-
und linearen Projektionskoeffizienten, wie in Umdrehungssystemen mit den
ersten der Fall ist, berechnet werden müssen. Die Symmetrieebene, welche
in solchen Systemen keine Meridianebene darstellt wird die Tangentialebene,
die auf derselben senkrecht stehende die Sagittalebene genannt. Die Formeln
für die Abbildung längs der Achse in symmetrischen Systemen ergeben
sich aus den in einfach asymmetrischen Systemen gültigen, indem der Cosinus
des Einfalls- und Brechungswinkels überall gleich 1 gesetzt wird. Man hat
hierbei die den beiden Symmetrieebenen entsprechenden Abbildungen voneinander
zu trennen, indem die eine dieser Ebenen willkürlich als die erste bezeichnet
wird. In Umdrehungssystemen sind die auf dieselbe Weise erhaltenen
Gleichungen der Abbildung auf der Achse von der Orientierung der Symmetrie-
ebene unabhängig.
Die Abbildungsgesetze höherer Ordnung. Die für einfach asym-
metrische Systeme vollständig entwickelten Abbildungsgesetze zweiter Ordnung
ergeben u. a. für Umdrehungssysteme Formeln, welche längs einem beliebigen
Hauptstrahle die Neigung der Bildflächen und den Asymmetrienwert des ersten
Vergrößerungskoeffizienten bekannt machen. Letzterer Wert gibt an, um welchen
Betrag dieser Koeffizient beim Übergang auf einen nächstliegenden Hauptstrahl
verändert wird. Durch andere Formeln erhält man die Asymmetrienwerte
der Strahlenbündel, welche die Güte der Strahlenvereinigung angeben. Das
allgemeine, doppelt asymmetrische Strahlenbündel wird von vier solchen Werten
bestimmt, während das in Umdrehungssystemen vorkommende einfach asymme-
trische Strahlenbündel durch zwei Asymmetrienwerte charakterisiert ist.
Wenn man in der Symmetrieebene eines solchen Strahlenbündels von
Strahl zu Strahl übergeht, so liegen sämtliche ersten Fokalpunkte auf der
Schnittlinie der ersten kaustischen Fläche, welche überall von den Strahlen be-
G.] Abbildungsgesetze zweiter Ordnung. 951
rührt wird. In der Fig. 117, wo F F, die auf dem Strahle OF F, belegenen
Fokalpunkte darstellen, ist diese Linie, welche allgemein die r-Linie genannt
sein mag, mit rF r bezeichnet. Die in der Zeichnungsebene verlaufenden
Strahlen werden also als Tangenten dieser Linie konstruiert, wonach die durch O
gezogene, auf sämtlichen Strahlen senkrecht stehende krumme Linie die Schnitt-
linie der diesem Punkte entsprechenden Wellenfläche darstellt. Wird auf jedem
Strahle der zweite Fokalpunkt markiert, so bilden diese sämtlichen Punkte
eine krumme Linie, die g-Linie, welche in der Figur mit ç Fe bezeichnet ist,
und welche bei endlicher Brennstrecke immer einen endlichen Winkel mit dem
Strahle bildet. Es ist nun der Krümmungsradius A F, der r-Linie der direkte
Asymmetrienwert des Strahlenbündels längs dem Strahle OF E und wird
mit R bezeichnet. Zieht man wiederum in F, die Normale der g-Linie, welche
in B die erste Fokalebene schneidet, so ist der Abstand BF dieses Schnitt-
A
Fig. 117.
punktes vom ersten Fokalpunkt der transversale Asymmetrienwert und
wird mit S bezeichnet. Die Vorzeichen der Asymmetrienwerte werden nach
diesen Definitionen von der Wahl der positiven Richtung bestimmt. Dieselben
haben somit in dem in der Figur versinnlichten Falle beide einen positiven
Wert, wenn die Richtung nach oben als die positive definiert wird. In Um-
drehungssystemen empfiehlt es sich, den Abstand eines Objektpunktes von der
Achse immer als positiv zu rechnen und im ganzen System die mit dieser
Richtung gleichsinnige Richtung einer den Hauptstrahl senkrecht schneidenden
Linie als positiv zu bezeichnen. Das Vorzeichen der Brennstrecke E und des
Winkels d, den die g-Linie mit der zweiten Fokalebene bildet, wird durch die
Gleichungen
E=:-Tr, S = — Etg Ý
bestimmt,
Wenn die Asymmetrienwerte dasselbe Vorzeichen haben, so ist die erste
kaustische Fläche im Fokalpunkte sattelförmig gekrümmt, indem der Krümmungs-
mittelpunkt ihrer Schnittlinie mit der ersten Fokalebene allgemein im Schnitt-
punkte der Linie AF mit der in F, gezogenen Tangente der g-Linie liegt.
Da die Krümmung dieser Schnittlinie somit allgemein gleich — Ze ist, so wird
dieselbe bei zunehmenden Asymmetrienwerten immer schärfer, während der
Krümmungsradius der r-Linie immer größer wird, so daß die Sattelform mehr
in eine Rinnenform übergeht.
252 Die Dioptrik des Auges. IG.
Wird der Winkel u, den ein nächstliegender Strahl mit dem Strahle
OFF, bildet, dann positiv gerechnet, wenn man vom Punkte O, der positiven
Richtung folgend, auf denselben gelangt, so bestehen die Identitäten
dr ds
R=— In’ S=- 35
und es stellen somit die Asymmetrienwerte die Limeswerte der Veränderung
dar, welche die von der Wellenfläche gemessenen Schnittweiten beim Übergang
auf einen nächstliegenden Strahl erfahren.
Durch die Größe der Asymmetrienwerte wird die Güte der Strahlen-
vereinigung in erster Annäherung bestimmt. In Fällen, wo eine genäuere
Kenntnis derselben nötig ist, kann man diese Werte längs mehreren Strahlen
berechnen, indem jedem Strahle entsprechend ein Punkt auf der r- bzw.
g-Linie und im ersteren die beiden Krümmungen der ersten kaustischen Fläche,
im letzteren die Neigung der s-Linie gefunden werden kann. Letztere Linie
stellt überall eine Kante dar, was unmittelbar daraus folgt, daß die Meridional-
ebene eine Symmetrieebene ist. Die Schnittlinie der zweiten kaustischen Fläche
mit dem zweiten Hauptschnitt hat somit im zweiten Fokalpunkte eine Spitze,
in welcher ihre beiden Zweige einander und den Strahl OF F, berühren.
Will man den Strahlengang in Form von Abweichungen oder Aberrationen
der einzelnen Strahlen veranschaulichen, so stellt im astigmatischen Strahlen-
bündel der Abstand des Schnittpunktes eines Strahles mit der dem Hauptstrahle
zugehörigen ersten Fokalebene von der entsprechenden ersten Fokallinie die
erste laterale Abweichung dar, während die zweite laterale Abweichung analog
in bezug auf die zweite Fokallinie definiert wird. Es ist nun die erste bzw.
zweite laterale Abweichung gleich
3 A
e ba 8 bzw. — uvS,
wo v die Neigung des Strahles gegen die Meridionalebene bedeutet. Diese
Formeln sind aber nur für unendlich kleine Neigungen approximativ gültig
und ergeben nur die von der zweiten Potenz der Neigungswinkel abhängigen
Abweichungen. Ich führe sie darum auch nicht deshalb an, damit sie an-
gewendet werden sollen, sondern nur um das Verhältnis der, exakte Größen
darstellenden, Asymmetrienwerte zu dem geläufigen Begriffe der Abweichungen
darzustellen.
Wenn s die Bogenlänge der Schnittlinie der Wellentläche mit der Meridional-
ebene darstellt, und die Bezeichnungen
1 1 dd. dD,
D=—, ee, Lë, D F Läb
eingeführt werden, so ist allgemein
R S
geg A Wetz,
Die Werte UW, welche als die direkte bzw. transversale Krümmungs-
asymmetrie bezeichnet werden, und welche demnach den Limeswert der Ver-
änderung angeben, den die Hauptkrümmungen der Fläche beim Übergang auf
einen nächstliegenden Punkt erfahren, sollen nun nicht für die Wellenflächen,
sondern für die brechenden bzw. spiegelnden Flächen des Systems Anwendung
G.] Abbildungsgesetze dritter Ordnung. 253
finden. Wenn in der Fig. 117 OFF, die Normale einer brechenden Fläche im
Umdrehungssystem darstellen würde, so müßte die g-Linie gerade sein und mit
der Achse zusammenfallen, da in Umdrehungsflächen sämtliche zweiten Krüm-
mungsmittelpunkte auf der Umdrehungsachse liegen. Man erhält somit in Um-
drehungsflächen und im Hauptstrahlenbündel eines Umdrehungssystems, dessen
Wellenfläche eine Umdrehungsfläche darstellt, überall W bzw. S aus den Formeln
W= — SCH? 2 bzw. S= — (q — p)tg#, wo den Neigungswinkel der
Normale bzw. des Hauptstrahles gegen die achsensenkrechte Ebene darstellt.
Ist das Strahlenbündel längs einem Strahle anastigmatisch, so berühren
die beiden kaustischen Flächen einander im Fokalpunkte. Der Krümmungs-
radius der r-Linie ist derselbe wie im anastigmatischen Strahlenbündel, die
Krümmung der g-Linie erhält man aus dem transversalen Asymmetrienwert
durch den Ausdruck
R—2S
Tan
In dem in der Fig. 118 versinnlichten Falle hat somit R — 28 dasselbe Vor-
zeichen wie Æ. Haben die beiden Asymmetrienwerte dasselbe Vorzeichen, so
liegen die beiden Fokalpunkte eines nächst- ab
liegenden Strahles auf einer und derselben Seite A P
der in F errichteten Fokalebene und haben die GE een
beiden kaustischen Flächen eine Schnittlinie mit S S
dieser Fokalebene, welche im Fokalpunkte eine Fig. 118.
beiden Flächen gemeinsame Spitze hat. Die
Tangenten der beiden in der Spitze zusammenstoßenden Zweige der Schnitt-
linien bilden miteinander den Brennflächenwinkel, dessen trigonometrische
Tangente
i 2yRS
R-S
ist. Da in den gewöhnlich vorkommenden Fällen der direkte Asymmetrienwert
größer ist als der transversale, so ist dieser Winkel, dessen Bissektrize in der
Symmetrieebene liegt, ein spitzer, wodurch am Querschnitte des Strahlenbündels
eine charakteristische pfeilspitzenähnliche Figur entsteht.
Wird die Rechnung durch nochmalige Differentiationen um eine Stufe
weiter geführt, so erhält man die Abbildungsgesetze dritter Ordnung, aus
welchen u. a. Formeln hervorgehen, mit denen man im Schnittpunkte der
Achse eines Umdrehungssystems mit den Bildflächen die Krümmungen dieser
und den Distorsionswert des ersten Vergrößerungskoeffizienten, sowie den
Variationskoeffizienten der Asymmetrienwerte erhält. Letzterer ergibt den
Limeswert des Verhältnisses der Asymmetrienwerte längs einem naheliegenden
Hauptstrahle zu dem Achsenabstande des Objektpunktes, wenn dieser der Achse
immer mehr genähert wird, wobei der direkte Asymmetrienwert stets den drei-
fachen Limeswert des transversalen hat. Der Distorsionswert stellt wiederum
die von der zweiten Potenz des Neigungswinkels abhängige Veränderung des
ersten Vergrößerungskoeffizienten beim Übergang auf einen nächstliegenden
Hauptstrahl dar. Außerdem erhält man den Aberrationswert längs
der Achse.
254 Die Dioptrik des Auges. IG.
Die Wellentläche, welche dem axialen Objektpunkte entspricht, ist offenbar
eine Umdrehungsfläche, was auch mit der ersten kaustischen Fläche der Fall
sein muß, während die zweite von einem Teile der Umdrehungsachse dargestellt
wird. Die Schnittlinie der ersten kaustischen Fläche mit einer Meridian-
ebene muß wiederum, da die Achse eine Symmetrielinie darstellt im axialen
Fokalpunkte eine Spitze haben, in welcher sie von der Achse berührt wird,
und in welcher der Krümmungsradius gleich Null sein muß, da in diesem
Punkte die Asymmetrienwerte verschwinden. Wenn in der Fig. 119 OF die
A Umdrehungsachse darstellt, mit wel-
cher die g-Linie zusammenfällt, und
z die Linie A FB die den verschiedenen
ei 7 Punkten der r-Linie entsprechenden
Krümmungsmittelpunkte dieser Linie
T enthält, so ist der Aberrations-
% wert A gleich dem Krümmungsradius
Fig. 119. der Linie AFB, der sogenannten
Evolute der r-Linie, im Punkte F,
und die der dritten Potenz des Neigungswinkels entsprechende laterale
3
Abweichung eines Strahles ist Buy - Zufolge der allgemeinen Definition
der Vorzeichen eines Krümmungsradius ist der Aberrationswert positiv, wenn
die Spitze der r-Linie nach der positiven Richtung schaut, was auch mit dem
geläufigen Begriffe einer positiven „sphärischen Aberration“ übereinstimmt.
Bei sogenannter „korrigierter sphärischer Aberration“ hat die r-Linie drei oder
in besonderen Fällen auch mehr Spitzen, kann aber praktisch nicht auf einen
Punkt reduziert werden, obwohl dies mathematisch nicht unmöglich wäre. Die
Fig. 120 versinnlicht den Verlauf derselben in einem solchen Falle. Man sieht,
daß der Aberrationswert im axialen Fokalpunkte positiv
ist. Geht man auf nächstliegende Strahlen über, so
findet man, wie aus der Krümmung der r-Linie hervor-
geht, einen positiven direkten Asymmetrienwert, und
der transversale Asymmetrienwert hat auch dasselbe
Vorzeichen, da die erste kaustische Fläche eine Um-
drehungsfläche darstellt und somit die Schnittlinie der
selben mit der achsensenkrechten Ebene eine negative
Krümmung hat. Lang: den Strahlen, welche die r-Linie
Fig. 120. in den beiden symmetrisch belegenen Spitzen berühren,
ist der direkte Asymmetrienwert gleich Null. Bei zu-
nehmender Neigung der Strahlen wird dann dieser Wert negativ, während
der transversale Asymmetrienwert zunächst positiv bleibt, um erst längs
demjenigen Strahle gleich Null zu werden, welcher die r-Linie in dem
Schnittpunkte der beiden Zweige miteinander und mit der Achse berührt,
wonach bei zunehmender Strahlneigung beide Werte negativ bleiben. Was
die laterale Abweichung der Strahlen betrifft, so bleibt dieselbe negativ,
solange der Strahl nicht die Neigung der durch den axialen Fokalpunkt
gehenden Tangente der r-Linie erreicht hat, um dann bei größerer Neigung
positiv zu werden. Wenn man somit unter Aberration die Abweichung der
Strahlen versteht, so kann nur von einer für eine bestimmte Strahlneigung
„korrigierten sphärischen Aberration“ die Rede sein. Da nun die Strahlen mit
G.] Sogenannte korrigierte sphärische Aberration. 255
geringerer Strahlneigung sich auf dieselbe Weise verhalten wie bei „positiver
sphärischer Aberration“, so repräsentiert die Fig. 120 in der Sprache der kon-
struktiven Optik den Fall einer für die durch die letzterwähnte Strahlneigung
bestimmte Öffnung „korrigierten sphärischen Aberration mit positiven Zonen“,
Für die in der physiologischen Optik erforderliche Exaktheit sind diese
Begriffe nicht ausreichend. Zieht man die Strahlen, welche in den beiden vom
Fokalpunkte wegschauenden Spitzen der r-Linie diese berühren, so erzeugen
dieselben bei einer Umdrehung um die Achse eine konische Strahlenfläche,
welcher auch im Blendenraume eine ebensolche entspricht. Die Schnittlinie
derselben mit der Blendenebene stellt dann, je nachdem die Wellenfläche des
gebrochenen Strahlenbündels oder dieses selbst ins Auge gefaßt wird, eine
Linie U = 0 bzw. R = 0 dar, indem längs jedem dieselbe schneidenden Strahle
der direkte Asymmetrienwert im Bildraum gleich Null ist. Der Durchmesser
dieser Linie läßt sich, ebenso wie der Durchmesser und die Lage der bei der
Umdrehung durch die beiden Spitzen erzeugten Kante der kaustischen Fläche,
sowohl in einem bekannten Systeme leicht berechnen, wie in einem beliebigen
System, dessen Zusammensetzung unbekannt ist, experimentell ermitteln. Man
hat nämlich hierzu nur nötig die Schnittlinien der kaustischen Fläche auf einer
achsensenkrechten Schirmebene zu beobachten, während diese verschoben wird,
bis keine solche Schnittlinien mehr sichtbar sind. Wenn dann auf dem letzten
Querschnitte der kaustischen Fläche die Schnittlinie nicht mit der Grenzlinie
des Strahlenbündelquerschnittes zusammenfällt, so stellt sie die erwähnte Kante
dar, und wenn die Blende eingeengt wird, bis die Grenzlinie mit der Kante
zusammenfällt, so ist der erhaltene Blendendurchmesser der Durchmesser der
Linie R=0. Die Güte der Strahlenvereinigung ist aber innerhalb dieser
Linie vom Abstande der Kante vom Fokalpunkte abhängig und variiert um-
gekehrt wie dieser. Für die außerhalb derselben die Blendenebene schneiden-
den Strahlen ist wiederum die auf analoge Weise konstruierte Linie W = 0
bzw. S=0 ausschlaggebend. Längs den dieselbe schneidenden Strahlen,
welche im Bildraume die Achse im Schnittpunkte derselben mit den beiden
Zweigen der r-Linie trifft, besteht eine anastigmatische Strahlenbrechung, wo-
nach in diesem Punkte eine vollständige Strahlenvereinigung erster Ordnung
längs einer unendlich großen Anzahl von Strahlen stattfindet. Endlich hat man
in der lateralen Abweichung des Randstrahles ein Maß der von mir so genannten
peripheren Totalaberration. Die Notwendigkeit, diese Begriffe auseinander
zu halten, geht unmittelbar daraus hervor, daß bei dem in der Fig. 120 versinn-
lichten typischen Falle der „korrigierten sphärischen Aberration“ der Aberrations-
wert längs der Achse positiv, längs den der Linie R = 0 entsprechenden Strahlen
aber negativ ist, während die periphere Totalaberration je nach der Blenden-
größe einen positiven oder negativen Wert hat. Ich nenne allgemein die
periphere Totalaberration positiv, wenn die Randstrahlen sich so verhalten wie
bei der gewöhnlichen positiven Aberration, d. h. wenn die laterale Abweichung
negativ ist.
Wenn in einem astigmatischen Strahlenbündel zwei Symmetrieebenen vor-
handen sind, so stellt dasselbe längs dem mit der Schnittlinie dieser Ebenen
zusammenfallenden Strahle ein symmetrisches astigmatisches Strahlen-
bündel dar und wird von vier Aberrationswerten A, G, G, A, bestimmt, von
welchen A, bzw. G, die direkte bzw. transversale Aberration im ersten
Hauptschnitte messen, während A, G, die entsprechende Bedeutung für den
256 Die Dioptrik des Auges. [G.
zweiten haben. Werden die Schnittweiten mit s, s,, die Winkel, welche die
Projektionen eines Strahles auf den beiden Hauptschnitten mit der Symmetrie-
linie bilden, mit w, w, bezeichnet, so ist
d’ s, d’ s
um dwäi "TI Ta’ ECG w,?
und es besteht die allgemeingültige Beziehung
G — D ss fe 8.
Beide kaustischen Flächen haben Kanten, welche den gleichnamigen Haupt-
schnitt senkrecht schneiden. Für die Schnittlinien haben die direkten Aberrations-
werte dieselbe geometrische Bedeutung wie im Umdrehungssystem. Die
Krümmungen der Kanten der ersten bzw. zweiten kaustischen Fläche sind
G, G,
a, bzw. — eo
aus welchen Werten hervorgeht, daß beide nicht auf einmal gerade sein können.
Obwohl nun ein Strahlenbündel, in welchem die beiden kaustischen Flächen
zu wirklichen Brennlinien zusammenschrumpfen, mathematisch möglich ist, so
stellt also ein nach dem Typus des
wi Sturm schen Conoides gebautes Strahlen-
s bündel eine mathematische Unmöglich-
E keit dar. Ist der Grad des Astigmatis-
e mus hinreichend niedrig im Verhältnis
zur Größe der Blende und der Aber-
7 rationswerte, so gibt es zwei Strahlen,
Fig. 121. längs welchen der Astigmatismus be-
hoben ist. Die Fig. 121 zeigt das Ver-
halten der r- und ç-Linie in dem diese Strahlen enthaltenden Hauptschnitt.
In dem anderen Hauptschnitt hat die r-Linie eine Spitze in F, und die
g-Linie geht mit endlicher Krümmung durch F. Wird nun der Astigmatis-
mus längs der Symmetrielinie stetig vermindert, so rücken die beiden an-
astigmatischen Fokalpunkte längs der r-Linie deren Spitze immer näher, und
die Krümmung der g-Linie wird immer schärfer, um in dem Augenblicke, wo
diese beiden Punkte mit den beiden Fokalpunkten in einen zusammenfallen,
unendlich zu werden. In dem so entstandenen anastigmatischen sym-
metrischen Strahlenbündel hat somit auch die g-Linie eine Spitze, und
die Evolute derselben hat im Fokalpunkt den Krümmungsradias
46°
EECH
Von den verschiedenen Kategorien dieser Strahlenbündel ist diejenige,
welche für die physiologische Optik von Bedeutung ist, dadurch charakterisiert,
daß sämtliche Aberrationswerte dasselbe Vorzeichen haben, und die transversale
Aberration in beiden Hauptschnitten numerisch kleiner ist als die direkte, Beide
kaustischen Flächen liegen hierbei auf einer und derselben Seite der Fokalebene.
"Die erste, deren Schnittlinien mit den Hauptschnitten die r-Linien ausmachen,
ist ohne Kanten, und ihre Schnittlinien mit einer zur Fokalebene parallelen
Ebene stellt in endlicher Entfernung vom Fokalpunkte eine geschlossene Linie
dar, deren Krümmung überall einen endlichen Wert hat, während die zweite
A zm
GI Astigmatismus und Diagonalastigmatismus der Aberration. 257
immer zwei, den g-Linien entsprechende durch den Fokalpunkt gehende Kanten
hat, daneben aber auch noch zwei andere Kanten haben kann. Letzteres ist
der Fall, wenn die Differenzen A, — 38G und 4, — 3G dasselbe Vorzeichen
haben. (Die beiden transversalen Aberrationswerte fallen, wie aus der oben
angegebenen Beziehung derselben hervorgeht, im anastigmatischen Strahlenbündel
zusammen.)
Je größer die Differenz A, — A,, der Astigmatismus der Aberration
ist, um so mehr tritt die Erscheinung eines mit der Blendengröße dem Grade
nach wechselnden Astigmatismus zutage, da die Lage des für die Abbildung
günstigsten Strahlenbündelquerschnittes von der Blendengröße und der direkten
Aberration abhängig ist. Je weniger aber der Astigmatismus der Aberration
in den Vordergrund tritt, um so mehr wird die Art der Strahlenvereinigung
durch die Differenz A, + 4, — 6G bestimmt, welche den Diagonalastigma-
tismus der Aberration mißt. Die hierbei auf der zweiten kaustischen Fläche
vorhandenen vier durch die Spitze gehenden Kanten bedingen auf einem zur
Fokalebene parallelen Querschnitt derselben acht Spitzen, welche nach einem
der beiden in der Fig. 122 dargestellten Typen angeordnet sind und besonders
beim letzteren Typus strahlenähnliche Ausbuchtungen am Quer-
schnitt des Strahlenbündels verursachen. Im Falle 4, =4,=3@
hat die Wellenfläche eine vollständige Berührung vierter Ordnung
mit einer Umdrehungsfläche, oder kann auch eine solche dar-
stellen. Im letzteren Falle schrumpft die zweite kaustische
Fläche zur Umdrehungsachse zusammen, im ersteren hat sie
eine von den Aberrationswerten höherer Ordnung abhängige größere
Zahl von Kanten, welche nach demselben Schema angeordnet sind,
und eine größere Zahl strahlenähnliche Ausbuchtungen am Quer-
schnitte des Strahlenbündels verursachen.
Den Aberrationswerten entsprechen auf der Wellentläche
die vier Abflachungswerte ®, 2,2, ®,, von denen DA,
die direkte bzw. transversale Abflachung im ersten bzw. Fig. 122.
zweiten Hauptschnitt messen, während (p, Q, dieselbe Bedeu-
tung für den zweiten Hauptschnitt haben. Es bestehen nun, wenn D, D, die
Hauptkrümmungen sind, die Relationen
D, 2, A
b,
Ké eg D: YAL g= DD” u
4,= Se ie: EE Ur —D,)
und es ist, wenn nunmehr s,s, die Bogenlängen der Schnittlinien der Fläche
mit dem ersten bzw. zweiten Hauptschnitt darstellen,
d’ D, d D, d D, di D,
Ët E le SÉ e welt KA Réi ke:
ds,’
Die Abflachungswerte sollen aber nur dazu angewendet werden, die
brechenden Flächen eines Systems zu charakterisieren, während die Strahlen-
bündel durch die Aberrationswerte bestimmt werden. In einem Umdrehungs-
system muß man somit, jeder Fläche entsprechend, den Abflachungswert ® im
Scheitel kennen, um den Aberrationswert auf der Achse berechnen zu können,
In den Fällen, wo eine kaustische Fläche mehrfache Schnittlinien mit
einer Schirmebene hat, kommt, wie aus den allgemeinen Abbildungsgesetzen
hervorgeht, eine mehrfache Abbildung des entsprechenden Liniensystems zustande.
v. Heısuuorrz, Physiologische Optik. 3. Aufl. 1. 17
258 Die Dioptrik des Auges. [G.
Besonders leicht ist eine doppelte Abbildung von Linien im symmetrischen
astigmatischen Strahlenbündel mit großen Aberrationswerten erhältlich, da die
kaustische Fläche bei gewisser Schirmlage zwei parallele, nicht zu stark ge-
krümmte Schnittlinien mit der Schirmebene hat. Aber schon in Umdrehungs-
systemen, wo die kaustische Fläche des axialen Bündels eine kreisförmige
Schnittlinie mit der achsensenkrechten Schirmebene hat, kann eine doppelte
Abbildung einer kurzen, die Achse schneidenden Linie erhalten werden, indem
die Schnittlinie, welche einem naheliegenden Hauptstrahle entspricht, annähernd
dieselbe Form hat, und bei der Superposition der den verschiedenen Punkten
der Objektlinie entsprechenden Kreise der Eindruck von zwei parallelen Linien
entsteht, deren Zwischenraum jedoch heller als die Umgebung ist. Auf dieselbe
Weise kann durch die im symmetrischen anastigmatischen Strahlenbündel an
der zweiten kaustischen Fläche vorhandenen Kanten eine mehrfache Abbildung
bedingt werden.
Es können also allgemein verschiedenen Schirmlagen verschiedene Ab-
bildungen entsprechen. Welche Schirmlage die beste ist, hängt vom jeweiligen
Charakter des abzubildenden Objektes und den Forderungen an Bildschärfe bzw.
an Schleierfreiheit des Bildes ab. Für den axialen Bildpunkt in Umdrehungs-
systemen hat jedenfalls der aus dem Aberrationswert und der Blendengröße
hergeleitete dünnste Querschnitt des Strahlenbündels nicht die demselben früher
zugeschriebene Bedeutung. Im allgemeinen kann gesagt werden, daß die
Schirmebene, je größer die Forderung an Wiedergabe kleiner Details ist, um
so näher der Spitze der kaustischen Fläche belegen sein muß. Der von den
Zerstreuungskreisen herrührende Schleier, welcher bei der Entfernung der
Schirmlage von der Stelle des dünnsten Querschnittes zunimmt, bestimmt dann
die Grenze der Leistungsfähigkeit des optischen Systems in bezug auf die be-.
treffende Abbildung je nach dem Kontraste dieses Schleiers mit dem Quer-
schnitte der kaustischen Fläche, d. h. je nach der Güte der Strahlenvereinigung.
Bei dieser Beschreibung! der wichtigsten Erscheinungen der mono-
chromatischen Aberrationen unter ausschließlicher Anwendung mathematisch
exakter Größen konnten die Beweise hier keinen Raum finden, sondern ich muß
betrefis derselben auf meine einschlägigen, schon zitierten, Arbeiten verweisen.
Die Brücke zur geläufigen Darstellung der Aberration in Umdrehungssystemen
ist oben angedeutet. Die von den Asymmetriewerten herrührenden Abweichungen
sind in der Literatur der geometrischen Optik unter dem Namen Koma bekannt,
haben aber dort für endliche Hauptstrahlneigung bisher keine korrekte Dar-
stellung gefunden.
1 Eine etwas ausführlichere Beschreibung siehe: Die Konstitution des im Auge ge-
brochenen Strahlenbündels, Arch. f. Ophthalmologie. Bd. LII, 2. 1901. S. 185.
G] ; i 259
II. Breehung der Strahlen im Auge.
Abbildungsgesetze erster Ordnung.
1. Die Hornhaut.
Die vordere Hornhautfläche. Die Zeit, welche seit der Konstruktion des
ersten Ophthalmometers durch HELMHOLTZ verflossen ist, hat große Fort-
schritte und wesentliche Umgestaltungen der Ophthalmometrie der Vorderfläche
der Hornhaut gebracht. Zu einem Segen für die praktische Ophthalmologie und
für die Menschheit ist diese physiologische Untersuchungsmethode geworden.
Jeder beschäftigte Augenarzt wendet sie heutzutage täglich an. Wenn er aber
dabei, an die bequeme Methode denkend, den Erfolg wesentlich den Ver-
besserungen zu schulden glaubt, so irrt er sich. Das Verdienst um die Methode
ist und bleibt HeLrmmortz’ Eigentum, andere — in erster Linie Javar und
Schsötz — haben das Verdienst der allgemeinen Einführung der Methode in
die ophthalmologische Praxis. Daß die hierzu nötigen Veränderungen nicht
ohne Opfer gemacht werden konnten, ist leicht verständlich, und wird dadurch
bezeugt, daß der wissenschaftliche Forscher heute noch für die exakteren Unter-
suchungen auf die Originalkonstruktion von HeLmuortz rekurriert.
Das Prinzip des Ophthalmometers ist wesentlich dasselbe wie in dem unter
dem Namen Heliometer bekannten astronomischen Instrumente und bezweckt die
Messung eines beweglichen Gegenstandes durch die Verlegung der Ablesung
bzw. Kollimation zum Gegenstande selbst. Dies geschieht dadurch, daß zwei
optische Bilder vom Gegenstande in Kontakt gebracht werden, was einen optischen
Verdoppelungs- und einen Kollimationsmechanismus voraussetzt. Beim Ophthalmo-
meter von HELMHOLTZ sind beide in den beweglichen planparallelen Glasplatten
vereinigt. Der Nachteil dieser Konstruktion ist nur nach zwei Richtungen
fühlbar. Die erforderlichen wiederholten Einstellungen und Ablesungen sowie
die Rechnungen bzw. die Interpolationen bei der Anwendung einer Tabelle be-
dingen einen unwillkommen großen Zeitaufwand und die Vorrichtungen, welche
die Untersuchung anderer Normalschnitte als des horizontalen ermöglichen, sind
zu schwerfällig oder unbequem, um dem Instrumente eine allgemeine Verbreitung
schaffen zu können. Die Vorschläge zu Konstruktionsänderungen ließen auch
nicht lange auf sich warten. Coccrus! machte die Rechnungen und wiederholten
Ablesungen dadurch überflüssig, daß er eine unveränderliche Verdoppelung —
und zwar teils mit den Platten, teils auch mit einem doppeltbrechenden Kalk-
spathprisma — benutzte und die Kollimation durch Variation der Objektgröße
erzielte. Bei der Anwendung der Hermuortzschen Platten wird das Objektiv
gewissermaßen in zwei Teile getrennt, und es ist dasselbe folglich auch mit der
Austrittspupille des Fernrohres der Fall, beim doppeltbrechenden Prisma da-
gegen ist die Austrittspupille des Instrumentes ungeteilt, und die beiden Doppel-
bilder können durch jeden Punkt derselben gesehen werden. (Unter Austritts-
pupille wird das vom Okular entworfene Bild der Objektivöffnung verstanden,
welches als eine helle Scheibe sichtbar ist, wenn das Fernrohr gegen den
Himmel gewendet wird und wenn man dabei im Abstande des deutlichen Sehens
vom Okulare in der Richtung der Achse sieht.)
! A. Coccrus, Über den Mechanismus der Akkommodation des menschlichen Auges.
Leipzig 1867. Ophthalmometrie und Spannungsmessung am kranken Auge. Leipzig 1872.
Kë
260 Die Dioptrik des Auges. ` GC
Von diesen zwei Methoden der Verdoppelung — mit geteilter bzw. un-
geteilter Austrittspupille — hat erstere den Nachteil, daß bei nicht vollkommen
scharfer Einstellung eine Scheinverschiebung der Doppelbilder zueinander in
einer zur Trennungslinie senkrechten Richtung stattfindet. Liegt die Trennungs-
linie in der Verdoppelungsebene, wie bei dem Ophthalmometer von HELMHOLTZ,
so wird hierdurch zwar nicht die Genauigkeit des Messungsresultates beein-
trächtigt, es kann aber eine Höhendifferenz, eine Denivellation vorgetäuscht
werden, worauf weiter unten zurückzukommen ist. Anderseits haben die bis-
herigen Konstruktionen mit ungeteilter Austrittspupille den Nachteil der chroma-
tischen Dispersion, welcher bei den planparallelen Platten beseitigt ist.
Zur Messung der Hornhautkrümmung in verschiedenen Normalschnitten
wurde von MinpeLpurG! ein großer Ring angewendet, auf welchem die Lichter
in verschiedenen Meridianen orientiert werden konnten, von Wormow® und
Hermnortz® dagegen ein Spiegelapparat, welcher die Anwendung einer stabilen
Lichtquelle ermöglichte. Bei diesen Vorrichtungen war die Erzielung der
Kollimation durch Änderung der Objektgröße nicht recht ausführbar. Es wurden
aber durch Laxporr* mit einem zuerst als Diplometer beschriebenen Instrumente
die beim Ophthalmometer nötigen wiederholten Ablesungen und die zeitraubenden
Rechnungen derart vermieden, daß er die Platten durch Prismen ersetzte und
die Kollimation durch Verschieben der Prismen längs der Achse des Instrumentes
erreichte.
Bisher waren Flammen als Objekt bei der ophthalmometrischen Unter-
suchung verwendet worden. Sobald aber an deren Stelle das von weißen Flächen
diffus reflektierte Licht trat, konnten die Veränderungen eingeführt werden,
welche den Siegeszug der Ophthalmometrie im Gebiete der klinischen Forschung
ermöglichten. Javar und Schaörz* benutzten als Objekt zwei diffus beleuchtete
weiße Flächenstücke, welche längs einem Bogen verschieblich waren, dessen
Zentrum im untersuchten Auge lag, und welcher um die Achse des Ophthalmo-
meters gedreht werden konnte. Es konnte nunmehr die Untersuchung eines
jeden beliebigen Normalschnittes mit derselben Leichtigkeit ausgeführt werden
wie des horizontalen, es konnte die Kollimation mit Leichtigkeit durch die Ver-
schiebung der weißen Flächen erreicht werden, die Vorteile der konstanten
Verdoppelung ohne Teilung der Austrittspupille wurden durch die Anwendung
eines Worxzastoxschen Prismas voll ausgenützt, und es wurden verschiedene
praktische Konstruktionsdetails ersonnen, welche die leichte Handhabung des
Instrumentes sicherten, d
In der ersten Ausführung hatte das Ophthalmometer von Java und
Scusörz® das in der Fig. 123 dargestellte Aussehen. Bei Æ befindet sich eine
Kerbe, bei @ ein Stift, mit welchen bei der Einstellung des Instrumentes visiert
wird, bei W liegt das MWottAstug sche Prisma zwischen zwei Konvexlinsen ein-
1 Der Sitz des Astigmatismus (nach Minpernune). Eine schriftliche Mitteilung von
F. C. Doxpens an A. v. Gmaere. Arch. f. Opbth, X, 2. 1864. S. 83.
® M. Woow, Ophthalmometrie. Wien 1871.
3 H. v. Herxnorrz, Handbuch der Physiologischen Optik. 2. Aufl. Hamburg und
Leipzig 1896.
* E. Laxport, L’ophthalmomötre, Compte rendu et mémoires du congrès international de
Genève. 1878.
5 Javar und Scmörz, Un ophthalmomötre pratique. Transactions of the international
CC ZEN VIII. Session. London 1881. II. S. 80. Annales d’oeulistique. LXXXVI.
1881. S. 5.
G.] Ophthalmometer von Javar und Schsörz. 261
geschlossen, von welchen die eine das vom Hornhautspiegelbilde kommende
Licht parallel macht, die andere als Objektiv eines astronomischen Fernrohres
dient, MM sind die beiden weißen Flächen, „mires“. Dieselben hatten das in
der Fig. 124 dargestellte Aussehen, wobei der Abstand D die Objektgröße
repräsentierte, so daß die Kollimation an den Linien ab und cd geschah. Die
treppenförmigen Stufen an der einen weißen Fläche waren so berechnet, daß
beim sich gegenseitig Überdecken der Spiegelbilder jeder Stufe eine Dioptrie
Hornhautrefraktion entsprach, wenn von dem Indexunterschiede der Hornhaut
und des Kammerwassers abgesehen wurde. Das Resultat der Messung in einem
Fig. 123.
Hornhautschnitte erhielt man in der Gestalt einer Dioptriezahl D, welche durch
die Gleichung
1000
p
D (n — 1)
bestimmt wird, in welcher o den in Millimetern gemessenen Krümmungsradius
darstellt und n = 1,8875 ist.
Da die Verdoppelung ohne Teilung der Austrittspupille zustande kommt,
somit die bei dieser Teilung möglichen Scheinverschiebungen der Bilder aus-
geschlossen sind, so bedeutet eine Denivellation, daß die Längendimension des
Spiegelbildes nicht wie die des Objekts in der Verdoppelungsebene liegt, daß
somit bei der Spiegelung in der Hornhaut eine Drehung stattgefunden hat.
Gegenstand der Messung ist die Linie, welche den Mittelpunkt der Linie ab
Fig. 124 mit dem der Liniecd verbindet. Wenn die Hornhaut eine auf der Achse
des Instrumentes zentrierte Umdrehungsfläche darstellt, so ist diese Linie eine
Meridianlinie, und dasselbe gilt vom Spiegelbilde derselben, so daß eine Deni-
vellation ausgeschlossen ist. Ist aber die Hornhaut astigmatisch mit zwei
262 Die Dioptrik des Auges. IG.
Symmetrieebenen, so ist die Objektlinie nur dann eine abbildbare Linie, wenn
sie in einem der Hauptschnitte der Hornhaut orientiert ist, wobei diè Bildlinie
auch in demselben Hauptschnitt liegt, und die Denivellation wiederum aus-
geschlossen ist. Wenn aber die Objektlinie zwischen den beiden Hauptschnitten
orientiert ist, so entsteht das Spiegelbild durch optische Projektion. Man ver-
sinnlicht sich am einfachsten den Vorgang, indem man von den beiden End-
punkten der Objektlinie zwei auf den Hauptschnitten der Hornhaut senkrechte
Linien zieht. Diese stellen dann ein Rechteck dar, dessen Diagonale mit der
p Objektlinie zusammenfällt, und
dessen Seiten abbildbare Linien
sind. Die- beiden Dimensionen
dieses Rechtecks im Spiegelbilde
werden von den beiden zur Brech-
kraft der Hauptschnitte der Horn-
haut angenähert umgekehrt pro-
portionalen Vergrößerungskoeffi-
zienten bestimmt, so daß das Spiegel-
bild ein Rechteck darstellt, dessen
Seiten zwar unverändert orientiert sind, aber eine veränderte Proportion
zueinander haben, was damit gleichbedeutend ist, daß die Diagonale nicht in
derselben Ebene liegt wie am Objekte. Die Endpunkte derselben, welche bei
der Messung kollimiert werden sollen, können dann nicht beide auf einmal in
die Verdoppelungsebene gebracht werden, sondern es entsteht eine Denivellation.
Der mathematische Inhalt dieses Beweises ist der, daß bei der optischen Pro-
jektion einer nicht in einem Hauptschnitte liegenden Linie die Neigung gegen
die Hauptschnitte verändert wird, sobald die Projektionskoeffizienten für Linien,
welche in den beiden Hauptschnitten verlaufen, verschiedene Werte haben, und
daß diese Projektionskoeffizienten bei Vernachlässigung des Abstandes der den
beiden Abbildungen entsprechenden Bildlinien voneinander mit den betreffenden
Vergrößerungskoeffizienten zusammenfallen. Streng gültig ist dieser Beweis nur
für eine sehr kleine Objektlinie. Der exakte Beweis kann für die angewendete
Größe nur durch die Gesetze höherer Ordnung der optischen Projektion gegeben
werden. Die Verhältnisse können bei erheblicher Asymmetrie im Baue der
Hornhaut ziemlich komplizierte Probleme darbieten, aber, wenn eine Symmetrie-
ebene vorhanden ist, kann man sicher sein, daß die Denivellation nur in der-
selben und in der senkrechten Ebene verschwindet, sobald die Achse des In-
strumentes in der Symmetrieebene liegt.
Die leichte Aufsuchung der in den regelmäßigeren Fällen durch Ver-
schwinden der Denivellation charakterisierten Hauptschnitte, der bequeme
Kollimationsmechanismus und die unmittelbare Ablesung des Messungsresultates,
das sind die Hauptvorzüge des Ophthalmometers von Javar und Schsörz.
Dieselben haben zusammen mit der handlichen Form des ganzen Instrumentes
die Einführung der ophthalmometrischen Methode in die ophthalmologische
Praxis ermöglicht.
Aber ohne Nachteile sind diese Veränderungen der ursprünglichen Kon-
struktion von Heanotzz nicht. Die Verdoppelung beträgt beinahe 3 mm.
Unter der Voraussetzung, daß die Untersuchung in einer Symmetrieebene statt-
findet, erhält man durch dieselbe ein Maß, welches von dem Winkel abhängig
ist, den zwei in dieser Ebene verlaufende Normalen der Hornhaut miteinander
Fig. 124.
G.] Genauigkeit der ophthalmometrischen Messungen. 263
bilden, die in Punkten errichtet sind, welche ungefähr 3 mm voneinander
entfernt liegen, ein Maß, welches nicht genau mit dem Krümmungsradius zu-
sammenfällt; und auch dieses Maß ist nur bei einer bestimmten Größe voll-
kommen exakt (bei 45 Dioptrien), indem das Instrument für diesen Wert empirisch
kontrolliert wird, die Teilung des Gradbogens aber nach den bei der an-
gewendeten Objektgröße nicht vollkommen zuverläßlichen Abbildungsgesetzen
erster Ordnung berechnet ist. Es entstehen hierdurch Fehler, welche durch
die Konstruktion bedingt sind, und deren Elimination auf große Schwierigkeiten
stößt. Dieselben sind zwar nicht von der Größenordnung, daß sie den Wert
des Instrumentes beim Gebrauch in der ophthalmologischen Praxis beein-
trächtigen, begrenzen aber jedenfalls die Anwendbarkeit der Messungsresultate
für gewisse feinere physiologische Untersuchungen. Dazu kommen noch die bei
der Einstellung und Kollimation möglichen Fehler. Was erstere betrifft, so
wird der Abstand, für welchen die Teilung der Skala berechnet ist, eben nur
durch die scharfe Einstellung auf dem Fadenkreuz gesichert, und die der
Rechnung zugrunde gelegte Verdoppelung ist auch nur bei scharfer Einstellung
mit der reellen übereinstimmend. Die hierdurch bei mangelhafter Schärfe der
Einstellung entstehenden Fehler summieren sich. Ist z. B. das vom Objektive
entworfene Bild zwischen diesem und dem Fadenkreuz belegen, der Abstand
des Instrumentes vom untersuchten Auge somit zu groß, so müßte das Objekt,
wenn die Verdoppelung unverändert bliebe, größer gemacht werden, um eine
unveränderte Größe des Spiegelbildes zu geben. Die Kollimation geschieht in
einem Punkte auf der Achse. Verfolgt man nun den Weg des Lichts rückwärts
von diesem Punkte, so fällt der Hauptstrahl zunächst mit der Achse zu-
sammen, teilt sich aber in dem Schnittpunkte derselben mit der Kittfläche des
WottAstug schen Prismas. Die beiden Hauptstrahlen, welche das Spiegelbild
in den zu kollimierenden Punkten treffen, divergieren also vom scheinbaren Ort
dieses Punktes, und die Verdoppelung wächst mit dem Abstande des Instrumentes
vom untersuchten Auge, so daß das Objekt noch größer gemacht werden muß,
als wenn die Verdoppelung vom Abstande unabhängig wäre. Um diese Fehler
möglichst zu vermeiden, ist eine sehr scharfe Einstellung auf dem Fadenkreuz
erforderlich, und wenn es sich um genauere Untersuchungen handelt, tut man
jedenfalls gut, den Rat von HewLmuorrz! nicht zu vergessen, die Einstellung
durch parallaktische Verschiebungen des eigenen Auges zu kontrollieren —
wozu aber eine hinreichend große Okularöffnung erforderlich ist.
Was die Kollimationsfehler betrifft, so wirkt die chromatische Dispersion
des Prismas unvorteilhaft ein, indem die zu kollimierenden Grenzlinien farbige
Säume aufweisen, deren Aussehen von der Stärke und Zusammensetzung des
angewendeten Lichts beeinflußt wird. Die modernen Instrumente haben durch-
scheinende Platten und elektrisches Glühlicht, bei welchem helle Spiegelbilder
mit nur wenig störenden farbigen Säumen erhalten werden, da nämlich dieses
Licht relativ arm an kurzwelligen Strahlen ist, das Spektrum somit wie ver-
kürzt erscheint. Durch farbige Gläser kann dieser Nachteil noch weiter ver-
ringert werden. Von Einfluß auf die Größe der Kollimationsfehler ist auch die
Form der zu kollimierenden Figuren, welche seit dem ersten Modell vielfache
Modifikationen erfahren hat. Die erste Verbesserung betraf die zur Nivellierung
1 Nach einer Angabe von Javar, Contribution à l’ophthalmomeirie. Annales d’oculistique.
LXXXVII. 1882. S. 218.
264 Die Dioptrik des Auges, [G.
nötige Kollimation, indem die weißen Platten mit einem schwarzen in der Ver-
doppelungsebene liegenden Streifen versehen wurden, welche diesem Zwecke in
vorzüglichster Weise dient, indem bei vollständiger Nivellierung nur ein ununter-
brochener Streifen sichtbar ist und die Fähigkeit des Auges, eine kleine Ver-
schiebung der beiden Teile dieses Streifens zueinander zu entdecken, eine sehr
große ist. Überhaupt ist eine ähnliche Vorrichtung auch für die Kollimation
bei der Messung die beste. Das mit den Stufen beabsichtigte Ziel einer be-
quemen Ablesung des Astigmatismus wird am besten dadurch erreicht, daß die
eine Platte immer bei der Einstellung in dem zuerst untersuchten Hauptschnitte
verschoben wird, wonach bei der Untersuchung des anderen Hauptschnittes die
Kollimation durch Verschieben der anderen Platte erfolgt. Letztere Platte ist
dann immer beim Beginn der Untersuchung auf den Nullpunkt der Skala zu
bringen, welcher der symmetrischen Stellung der Platten bei richtiger Kollimation
und beim Mittelwerte der Hornhautkrümmung entspricht. Nach beendigter
Untersuchung liest man dann an der Stellung der ersten Platte die Krümmung
im zuerst untersuchten Hauptschnitte ab, an der Stellung der zweiten den Grad
und das Vorzeichen des Hornhautastigmatismus. An einer Skala, wo das
Intervall von 1° einer Dioptrie entspricht, kann man z. B. den Nullpunkt am
linken Arme des Bogens in den Abstand 22° von der Achse verlegen und eine
bis zu 10° nach beiden Richtungen sich erstreckende Skala anbringen. An der
Skala des rechten Arms trägt dann der zum Nullpunkt symmetrisch belegene
Punkt die Zahl 44. Bei einer solchen Anordnung der Skala sind die Stufen
an den zu kollimierenden Figuren überflüssig, so daß diese ausschließlich mit
Hinsicht auf die schärfste Kollimation konstruiert werden können.
Es dürfte ersichtlich sein, daß die Untersuchungsfehler, auf welche man mit
den modernen Ophthalmometern gefaßt sein muß — auch bei vollkommenster
Ubung und Geschicklichkeit des Untersuchers — nicht zu gering veranschlagt
werden dürfen. Zwar dürfte der Kollimationsfehler, mit dem man bei den jetzt
gebräuchlichen Instrumenten zu rechnen hat, den Betrag einer 1, Dioptrie nicht
überschreiten, vielmehr sogar bei vorteilhafter Konstruktion der zu kollimierenden
Figuren etwas herabgedrückt werden können, aber die von der Geschicklichkeit
des Untersuchers und der Ruhe des Kranken in hohem Grade abhängigen Ein-
stellungsfehler dürften nur in den glücklichsten Fällen mit Sicherheit unter
demselben Betrage bleiben, so daß man jedenfalls — die allergünstigsten Fälle
ausgenommen — mit einem möglichen Fehler von !/, bis H. Dioptrie zu rechnen
hat. Wenn nun auch diese Fehler für die gewöhnlichen Zwecke der Praxis
von untergeordneter Bedeutung sind, so können dieselben bei feineren Messungen
des Hornhautastigmatismus bzw. bei Messungen des Radius in mehreren Punkten
eines und desselben Hauptschnittes nicht außer Rechnung gelassen werden.
Bei der letztgenannten Untersuchung kommt noch die große Verdoppelung
in Betracht. Will man den Nachteilen derselben entgehen, indem man ein
Prisma mit der halben Verdoppelung wählt, so werden die Kollimationsfehler
verdoppelt.
Außer dem Ophthalmometer von Javar und Schsörz, welches in einem
Modell von 1889! einige Veränderungen erfuhr, seien hier nur einige andere
kurz erwähnt. Der Mechaniker Kacexaar in Utrecht führte an Stelle des
' Surzen, Description de Tophthalmomötre Javar et Scusörz. Modèle 1889 in den Mémoires
d’ophthalmomötrie par E. Javar, Paris 1890.
G] Verschiedene Ophthalmometerkonstruktionen. 265
Woruvastonschen Prismas eine Konstruktion mit einem Biprisma ein. Sein
Ophthalmometer hat somit eine geteilte Austrittspupille, und die Trennungslinie
steht vertikal auf der Verdoppelungsebene. Infolge dessen bestehen keine
Schwierigkeiten der Nivellierung der Spiegelbilder, aber die bei geteilter Aus-
trittspupille möglichen Scheinverschiebungen wirken auf das Messungsresultat
ein, welches bei dieser Konstruktion also mit einer Fehlerquelle mehr belastet
ist. Dagegen sind beim Ophthalmometer von Leroy und Duos! die HELM-
sorrzschen Platten, obwohl mit konstanter Verdoppelung, beibehalten, woraus
eine Verminderung der Einstellungsfehler ceteris paribus resultiert, die oben
erwähnte Schwierigkeit der Nivellierung aber anderseits die praktische An-
wendung erschwert. Die in theoretischer Hinsicht vollkommenste Konstruktion
wird vom SurcLirre-Ophthalmometer? repräsentiert. Hier ist zwar die Aus-
trittspupille geteilt — und sogar in fünf Teile — aber die hierdurch resul-
tierenden Scheinverschiebungen sind in sinnreicher Weise zur Kontrolle der
Schärfe der Einstellung verwendet. Zwei aufeinander senkrechte Normalschnitte
werden zu gleicher Zeit gemessen, indem der Untersucher drei Bilder sieht.
Bei der Untersuchung des vertikalen und horizontalen Normalschnittes liefert
der mittlere Teil der Austrittspupille ein Bild, ein zweites entsteht durch den
oberen und unteren Teil, während auf dieselbe Weise der rechte und linke
Teil das dritte Bild liefert. Die bei mangelhafter Schärfe der Einstellung ein-
tretenden Scheinverschiebungen bedingen bei dieser Konstruktion eine Ver-
doppelung der beiden letzterwähnten Bilder, welche erst bei richtiger Einstellung
ausbleibt. Die Verdoppelung ist in den beiden aufeinander senkrechten Meridian-
ebenen des Instrumentes variabel, das Objekt unveränderlich und von einer für
die genaue Kollimation sehr günstigen Form. Wenn somit Einstellungs- und
Kollimationsfehler auf ein Minimum herabgedrückt zu sein scheinen, so ist doch
der größte Vorzug des Instrumentes darin zu erblicken, daß die richtige
Kollimation mit einem Blicke für beide Hauptschnitte kontrolliert wird. Hier-
durch wird eine viel größere Zuverlässigkeit der Messung des Hornhaut-
astigmatismus erreicht, indem bei der gewöhnlichen Messung die den beiden
successiven Einstellungen entsprechenden Fehler sich summieren können, wo-
durch ein im Verhältnis zum Grade des physiologischen Hornhautastigmatismus
relativ großer Messungsfehler entstehen kann, der hier ausgeschlossen ist. Die
praktische Anwendung dieses Instrumentes an der Upsala-Klinik hat die
Vorzüge desselben bei der Untersuchung des Hornhautastigmatismus vollauf
bestätigt.
Den großen Vorteil der Ermittelung des Astigmatismus durch eine einzige
Messung kann man aber auch mit dem gewöhnlichen Ophthalmometer erreichen,
indem derselbe, wie ich gezeigt habe®, aus der Denivellation in einer einen
Winkel von 45° mit den Hauptschnitten bildenden Ebene bestimmt werden kann.
Zu diesem Zwecke braucht man nur die eine der weißen Platten am gewöhn-
lichen Ophthalmometer in einer zur Verdoppelungsebene senkrechten Richtung
1! ©. J. A. Leroy et R. Dunoıs, Un nouvel ophthalmomötre pratique. Annales d'oculistique.
XCIX. 1888. S. 128.
® J, H. Surcurre, One-position ophthalmometry. The optician and photographie trades
review. XXXIII, 1907. Supplement S. 8.
3 A, Gursstranp, En praktisk metod att bestämma hornhinnans astigmatism genom
den s. k. denivelleringen af de oftalmometriska bilderna. Nordisk Oftalmologisk Tid-
skrift. 1889.
266 Die Dioptrik des Auges. IG,
verschieblich zu machen und eine entsprechende Skala anzubringen. Das einer
Dioptrie entsprechende Intervall der Skala muß halb so groß sein wie das
Intervall einer für die Messung der Radien bestimmten, in der Ebene der
Kollimationsfigur belegenen Skala.
Der durch diese Methoden erreichte Vorteil der gleichzeitigen Messung der
miteinander zu vergleichenden Radien kann, wenn es sich um die Radien in
verschiedenen Punkten eines und desselben Hauptschnittes handelt, nur durch
die Photographie des Hornhautspiegelbildes gewonnen werden. Solche Messungen
sind zwar sehr zeitraubend und erfordern auch besonders dazu konstruierte
Apparate, sind demnach als kurrente Untersuchungen ausgeschlossen, geben
aber anderseits eine Genauigkeit der Resultate, welche bisher auf keine andere
Weise erreicht werden konnte. Ich! verwandte seinerzeit dazu ein Objekt,
welches in einem und demselben Hauptschnitte gleichzeitig den Radius in
sieben Punkten gab. Die entsprechenden Objektteile waren so berechnet, daß
ihre Spiegelbilder in einer sphärischen Fläche eine und dieselbe Größe hatten
(bei einem Radius von 7,8 mm annähernd ?/, mm).
Nach dieser kurzgefaßten Darstellung der Mittel, mit welchen die jetzt in
großer Zahl vorliegenden Untersuchungen der Form der vorderen Hornhaut-
fläche ausgeführt worden sind, gehe ich zur Würdigung der Ergebnisse über.
Wenn Hrtanotzz die Form der nicht astigmatischen Hornhaut annähernd als
eine elliptische ansah, so war dies durch die damaligen Kenntnisse der geo-
metrischen Optik vollkommen gerechtfertigt, da das dioptrische Verhalten eines
Ellipsoides bekannt, die Asymmetrienwerte aber, welche das dioptrische Ver-
halten einer beliebigen Fläche charakterisieren, unbekannt geblieben waren.
Sobald die Asymmetrie der Hornhaut in bezug auf die Gesichtslinie konstatiert
war, gab es also kein besseres Mittel, als durch dieselbe die Konstanten des
betreffenden Ellipsoides zu berechnen. Die Worte von Henmnortz®, daß „bei
der Hornhaut der Ausdruck ihrer Form durch ein Ellipsoid vorläufig eine große
Annäherung gibt“, gelten noch heute, obwohl spätere Untersuchungen dargelegt
haben, daß eine andere Anschauung eine größere Annäherung gibt.
Buix® zeigte zuerst durch eine ganz eigenartige ophthalmometrische Methode,
welche aber ihre größten Vorteile für die Ortsbestimmungen der brechenden
Flächen im Auge hat und deshalb erst später beschrieben werden soll, daß die
Form der Hornhaut beträchtliche Abweichungen von der eines Ellipsoides dar-
bietet. Wie Auserr* dann zeigte, lassen sich diese Abweichungen am ein-
fachsten dadurch ausdrücken, daß in einer zentral gelegenen „optischen Zone“
die Variationen des Krümmungsradius geringer, in dem übrigen Teile der
Hornhaut aber beträchtlicher sind, als es bei der elliptischen Krümmung der
Fall sein mußte. Die Krümmung der optischen Zone, welche ungefähr der
Größe einer mittelweiten Pupille entspricht, ist annähernd sphärisch, oder die
erreichbare Genauigkeit der Ophthalmometermessungen gestatten es wenigstens
* Photographisch-ophthalmometrische und klinische Untersuchungen über die Hornhaut-
refraktion. Kungl. Sv. Vet. Akad. Handl. 1896. Bd. 28.
? Dieses Handbuch. 2. Auflage. S. 17.
® M. Brix, Oftalmometriska studier. Upsala Lükareförenings Förhandlingar. XV. 1880.
S. 349,
* H. Anger, Nähert sich die Hornhautkrümmung am meisten der einer Ellipse?
PriVoers Arch. f. d. ges. Physiologie. XXXV. 1885. Die Genauigkeit der Ophtkalmo-
metermessungen. Ebenda XLIX. 1891.
G.] Die Form der Hornhaut. 967
nicht, die Konstanten eines Ellipsoides zu berechnen, welche die Abweichung
ihrer Form von der sphärischen repräsentieren könnte. Näher lernte man durch
die Untersuchungen von SuLzer! und Erıksen® die Form der Hornhaut kennen,
indem dieselben ein beträchtliches Beweismaterial dafür bieten, daß die periphere
Abflachung der Hornhaut teils öfters asymmetrisch ist, sowohl in horizontaler
wie in vertikaler Richtung, teils auch in der Mehrzahl der Fülle in letzterer
Richtung schneller verläuft als in ersterer, Dagegen beruhen die Schlüsse,
welche Suzzer betrefiend die Variation des Astigmatismus des Auges mit der
Pupillengröße aus dem letzterwähnten Verhalten zieht, auf der falschen Vor-
stellung, daß vom Astigmatismus einer ringförmigen Zone der Hornhaut die
Rede sein könnte, was mathematisch unmöglich ist, und die Schlüsse, welche
Ersen betreffend des Astigmatismus in verschiedenen Punkten der Hornhaut
zieht, sind nichts anderes als mathematische Folgen der Abflachung nach der
Peripherie.
Qualitativ sind diese Untersuchungen von SuLzer und Erıksen beweisend,
indem die oben angeführten Resultate aus einem Vergleiche der Abflachung in
verschiedenen Richtungen hervorgehen. (Juantitativ sind dieselben nicht in
ebenso hohem Grade zuverlässig, weil die Messungen mit dem Ophthalmometer
nur den Winkel zwischen zwei Hornhautnormalen ergeben, deren Abstand von
der Größe der Verdoppelung im Instrumente bestimmt wird, die Messungen aber
in kleineren Winkeldistanzen wiederholt wurden. Im Ophthalmometer von
Jayar und ScuJörz ist der gemessene Winkel bei normaler Hornhautkrümmung
und bei der gewöhnlich an-
gewendeten Verdoppelung größer
als 20°. Wird die Messung bei
von 5° zu 5° veränderter Blick-
stellung wiederholt, so fällt das
Spiegelbild der einen weißen
Platte bei den vier folgenden
Messungen noch innerhalb der
zuerst gemessenen Partie, und
die Annahme, daß diese fünf
Messungen den Krümmungs-
radius in fünf verschiedenen
Punkten gegeben haben, läßt
sich deshalb nicht rechtfertigen.
Diese Anmerkung trifft aller-
dings in geringerem Grade die
Untersuchungen von ERIKSEN, da
bei denselben eine Verdoppelung
von nur 1 mm angewendet wurde. Fig. 125.
Die mathematische Verwertung
der gefundenen Form der Hornhaut zur Untersuchung der Strahlenbrechung in
derselben setzt aber voraus, daß bei jeder folgenden Messung der eine Endpunkt
des Objekts in demselben Hornhautpunkt gespiegelt wird wie bei der vorher-
! La forme de la cornée humaine et son influence sur la vision. Arch. d’Ophth. XI.
1891.18. 419, XII. 1892. S. 82.
7 Hornhindemaalinger. Aarhus 1898,
268 Die Dioptrik des Auges. IG.
gehenden Messung der andere Endpunkt. Die Erfüllung dieser Bedingung unter
Anwendung hinreichend kleiner Flächenelemente zur Messung ist bisher nur mit
meiner photographischen Methode gelungen.
Als Objekt diente die in der Fig. 125 dargestellte Scheibe, welche so kon-
struiert war, daß im Spiegelbilde die Intervalle zwischen zwei Kreisen sich wie
die Radien der entsprechenden Flächenelemente verhalten. Es wurde in fünf
Blickrichtungen photographiert, nämlich beim Blick geradeaus ins Objektiv und
bei solcher Drehung des Blickes in den vier Hauptrichtungen, daß das peri-
pherste bei der zentralen Stellung gemessene Flächenelement genau mit dem
zentralsten bei der peripheren Stellung gemessenen zusammenfiel. Die Messung
der Plotogramme geschah mit Teilmaschine und Mikroskop unter Korrektion
mit den sorgfältig bestimmten periodischen Fehlern der Schraube. Die durch
zahlreiche Untersuchungen kontrollierte Exaktheit der Messungen wurde durch
die an der Figur sichtbare Teilung der Ringe in zwei erreicht, indem die scharfe
Einstellung des Fadenkreuzes auf den im negativen Bilde hellen Zwischenraume
ohne Schwierigkeit erfolgte. Durch die Konstruktion des Instrumentes waren
die Winkel bekannt, welche die Hornhautnormale in den verschiedenen zur
Spiegelung angewendeten Punkten mit der zur Gesichtslinie parallelen Normale
bilden, und durch die Messung ergab sich der entsprechende Radius, indem
derselbe als demjenigen Punkte angehörig angesehen wurde, wo die Normale
gleiche Winkel mit den Normalen in den beiden das gemessene Element be-
grenzenden Punkten bildete. Als Resultat dieser Untersuchungen legte ich die
vollständige Messung und Berechnung einer typisch normalen Hornhaut vor,
von welcher hier einige Daten angegeben sein mögen.
Winkel der Normale ` Vertikal Horizontal
im Zentrum des ge- eg
messenen Elementes | Oben ` ` Unten Innen Außen
838° 55’ 30” KL —— | 885 27,9 82,8
34° 8'50” uo | 366 28,4 38,8
29% Lu 20” 35,2 40,2 3A | 42
24° 24’ 50” 87,7 |: 41,2 40,9 | 48,6
19° 33° 10” Eea 80°. 412 Sa 42,5 43,5
14° 3710” di? | 48 42,8 44,0
9° 41’ 10” 42,8 | 48,8 48,5 | 48,8
4°49" 30” | 43,8 a ET N | aa
o o o” 44,5 | 44,2
Die Krümmungsradien sind hier unter Anwendung des in der Ophthalmo-
metrie gebräuchlichen Index 1,3375 in Dioptrien umgerechnet. Die Figur 126
gibt eine graphische Darstellung des Inhalts dieser Tabelle nach dem von
Erıksen gebrauchten Schema, und illustriert auffallend deutlich die relativ
geringe Variation des Hornhautradius in den zentralen Teilen, die rapide Ab-
tlachung in den peripheren, sowie die Asymmetrie sowohl in vertikaler wie in
horizontaler Richtung und die im Vertikalschnitte näher dem Zentrum be-
ginnende Abtlachung. Die Unebenheiten der Kurven repräsentieren die von der
Methode unabhängigen, unvermeidlichen Beobachtungsfehler, welche davon her-
rühren, daß tatsächlich nicht die vordere Hornhautfläche, sondern die auf der-
selben liegende Flüssigkeitsschicht die erste brechende Fläche im dioptrischen
System des Auges darstellt und die bei der ophthalmometrischen Untersuchung
G.] Photographische Ophthalmometrie der Hornhaut. 269
angewendeten Spiegelbilder liefert. Ein Ausgleich dieser Unebenheiten würde
zwar bei der photographischen Methode ohne Schwierigkeit mit exakten mathe-
matischen Mitteln bewerk-
stelligt werden können, da
immer sieben Maße auf
einmal aufgenommen sind
und zufolge der Konstruk-
tion der Scheibe die be-
züglichen Fehler nur darin
bestehen können, daß von
den Radien zweierangrenzen-
der Elemente der eine um
ebensoviel zu groß wie der
andere zu klein ausgefallen
ist. Es würde sich aber
diese mathematische Arbeit
kaum lohnen, denn obwohl
man durch dieselbe die
Krümmungsasymmetrie der
Hornhaut in dem Inzidenz-
punkte des bei der Ab-
bildung im Auge wirksamen
Hauptstrahles erfahren
könnte, so würde dieser
Wert bei unseren mangeln-
Nasal. Horizontaler Meridian.
den Kenntnissen von der 10 er
Form der Linsenflächen bis bail wéi dza
auf weiteres keine Anwen- men er
dung finden können.
Es darf hier nicht
unerwähnt bleiben, daß
MATTHIESsEn! einen Ver-
such gemacht hat, die Krüm-
mung des oben dargestellten
Horizontalschnittesmiteiner
elliptischen zu vergleichen.
Ich hatte in ‚einer Tabelle
die Koordinaten sämtlicher
bei der Spiegelung ange-
wendeter Hornhautpunkte
zusammengestellt, und aus
diesen Koordinaten berech-
nete MATTHIESSEN die tan-
gierenden Ellipsen. Wäre Unten. Fig. 126.
nun die Krümmung ellip-
tisch, so müßten die so gefundenen Ellipsen angenähert miteinander zu-
sammenfallen. Da aber die große Halbachse dieser Ellipsen zwischen den
1 L,Martuiessen, Über aplanatische Brechung und Spiegelung in Oberflächen zweiter Ord-
nung und die Hornhautrefraktion. Prrtsers Arch. f. d. ges. Physiologie. SOL 1902. S. 295.
270 Die Dioptrik des Auges. IG.
Werten 14,46 und 8,62 variiert, obwohl von der ersten Messung an der
nasalen Seite und von den beiden ersten an der temporalen abgesehen wurde
— somit der zentrale Teil der optischen Zone nicht in Betracht kam —, so
kann ich die Übereinstimmung nicht befriedigend finden, wohl aber dem
Schluß Marruressens beistimmen, daß sich aus den übrigen 15 Koordinaten
eine Grundlage für die Herstellung einer Ellipse im horizontalen Hornhaut-
schnitte ergibt, welche sich den Mittelwerten der Messungen anderer Autoren
recht gut anschließt. Die Schlüsse, welche hieraus gezogen werden können,
sind nur, daß beim Sehen mit mittelgroßer Pupille die Annahme einer sphärischen
Gestalt des angewendeten Hornhautteiles die vorläufig beste Annäherung dar-
stellt, während in den Fällen, wo die exzentrischen Teile der Hornhaut vor-
wiegend wirksam sind — wie bei gewissen Untersuchungen der Konstanten
der Linse —, die Ellipse noch ihren Rangplatz als beste Annäherung beibehält.
Die in der Fig. 126 dargestellten Kurven geben die von SULZER und ERIKSEN
gefundenen qualitativen Verhältnisse in treuester Weise wieder, was auch zu
erwarten war, da dieselben einer typisch normalen Hornhaut entstammen und
die Untersuchungen dieser Autoren eine große Anzahl Augen betreffen. Gemeinsam
ist ferner, daß der Ausgangspunkt derjenigen Blickstellung entspricht, wo der
Untersuchte gerade ins Objektiv des Instrumentes hineinschaut. Der in oben-
stehender Tabelle mit Null bezeichnete Punkt ist somit der Hornhautpunkt, in
welchem die Normale zur Visierlinie parallel ist. Da bei der modernen klinischen
Ophthalmometrie immer von diesem Punkte ausgegangen wird, mag derselbe
der ophthalmometrische Achsenpunkt genannt werden.
Von diesem Punkte ausgehend, kann man am besten die Form der
normalen Hornhaut dadurch charakterisieren, daß eine zentrale optische
Zone besteht, in welcher die Krümmung annähernd sphärisch ist, deren Aus-
dehnung in horizontaler Richtung etwa 4 mm, in vertikaler etwas weniger beträgt
und welche nach außen, gewöhnlich auch etwas nach unten dezentriert ist, und
daß die peripheren Teile eine starke Abflachung zeigen, welche nasalwärts
stärker ausgeprägt ist als temporalwärts, nach oben gewöhnlich mehr hervortritt
als nach unten.
Beim Ausgang vom ophthalmometrischen Achsenpunkte ist auch die Pupille
nach außen und gewöhnlich etwas nach unten dezentriert, und zwar in einem
Grade, welcher annähernd der Dezentration der optischen Zone entspricht, so
daß dieselbe in den typisch regelmäßigst gebauten Augen als annähernd auf die
Pupille zentriert angesehen werden kann. Es empfiehlt sich deshalb, bei der
Beurteilung der Zentrierung der brechenden Flächen des Auges, von der Horn-
hautnormale auszugehen, welche durch das Zentrum der Pupille geht und
dieselbe als optische Achse des Auges zu bezeichnen. Da die brechenden
Flächen nicht genau zentriert sind, so gibt es keine exakte optische Achse des
Auges, sondern es muß eben eine Linie gewählt werden, welche die Forderungen
an eine solche annähernd erfüllt. Die Orientierung dieser Achse ist leicht
zu bestimmen, indem am Öbjektivende des Ophthalmometers oder eines
Fernrohres eine durchbohrte runde weiße Scheibe angebracht wird, dessen
Spiegelbild durch Bewegung des untersuchten Auges konzentrisch zur Pupille
eingestellt wird, wobei die Verschiebung des Fixationszeichens die nötigen
Daten ergibt.
Von größerem Gewicht für die Dioptrik der Hornhaut als dieses Maß ist
aber der Einfallswinkel der Visierlinie und die Orientierung ihrer Ein-
G.] Visierlinie und optische Achse des Auges. 271
fallsebene. Die spezielle Bedeutung der Visierlinie, welche in bezug auf die
Abbildungsgesetze erster Ordnung den Hauptstrahl des beim scharfen Sehen
wirksamen Strahlenbündels darstellt, und welche vom fixierten Gegenstand zum
scheinbaren Mittelpunkt der Pupille geht, liegt teils darin, daß sie für die tat-
sächliche Strahlenvereinigung im Auge die Rolle spielt, welche bei der fiktiven
kollinearen Abbildung der durch den vorderen Knotenpunkt gehenden Gesichts-
linie zugeschrieben wird, teils aber auch darin, daß ihre Orientierung exakt
festgestellt werden kann. Praktisch ist es zwar ziemlich gleichgültig, ob von
der Visierlinie, der Blicklinie oder der Gesichtslinie gesprochen wird, wenn es
sich um die Neigung zur optischen Achse handelt, da die Unterschiede unter
der Grenze der möglichen Fehler fallen. Da aber die Lage der Visierlinie exakt
bestimmt werden kann, die der Gesichtslinie nicht, so empfiehlt es sich über-
haupt nur mit der ersteren zu rechnen, wie zuerst von Bus) hervorgehoben
wurde. Der Einfallswinkel derselben wurde von Leroy? und dann von mur?
gemessen. Die genauesten Resultate erhält man mit dem Hrtanotaz schen
Ophthalmometer, indem die Fixationsmarke in der Verlängerung der Achse des
Instrumentes angebracht und eine kleine Lichtquelle so eingestellt wird, daß ihr
Spiegelbild in der Mitte der Pupille erscheint. Durch Drehen des Platten-
gehäuses am Ophthalmometer, bis die Lichtquelle in der Verdoppelungsebene
liegt und durch Drehen der Platten, bis die Doppelbilder der Lichtquelle jede
mit einem Rande der verdoppelten Pupille zusammenfallen, wird die richtige
Stellung der Lichtquelle kontrolliert. Bei dieser scharfen Untersuchung zeigt
es sich nun manchmal, daß der Einfallswinkel von der Pupillengröße abhängig
ist, weshalb derselbe immer für eine mittlere Pupillengröße von 4 mm bestimmt
werden sollte. Der Abstand der Lichtquelle von der Achse des Ophthalmometers,
dividiert durch den Abstand des Hornhautscheitels von der zur Achse senk-
rechten Ebene, in welcher die Lichtquelle sich befindet, ist gleich der doppelten
Tangente des gesuchten Einfallswinkels. Ohne Ophthalmometer bestimmt man
denselben durch analoge Zentrierung des Spiegelbildes einer runden weißen
Scheibe. Ich habe denselben in normalen Augen zwischen 0 und 6° variierend
gefunden, habe aber auch negative Werte gesehen, wo also die Lichtquelle
nasalwärts von der Achse des Instrumentes verschoben werden mußte. Der
Winkel, den die Einfallsebene mit der Horizontalebene bildet, kann in voll-
kommen normalen Augen bis 30° betragen, dieselbe verläuft gewöhnlich in der
Richtung von oben innen nach unten außen, wenn im vollkommen normalen
Auge eine absehbare Abweichung von der horizontalen vorliegt. Bei sehr
kleinen Werten des Einfallswinkels ist überhaupt jede Orientierung der Ein-
fallsebene möglich. Der Winkel, den die Visierlinie mit der optischen Achse
bildet, ist immer größer als der Einfallswinkel und beträgt in der Regel etwas
mehr als das anderthalbfache desselben. Ist nämlich in der Fig. 127 P der
wahre und P’ der scheinbare Ort des Pupillenzentrums, u der Winkel, den die
Visierlinie mit der optischen Achse bildet, und ¿ der Einfallswinkel, so hat
man, wenn d die scheinbare Tiefe der vorderen Kammer und o den Krümmungs-
radius der optischen Zone der Hornhaut darstellt,
sinu:sini = p:(ọ — d).
12.20,
? De la Keratoscopie ou de la forme de la surface corneenne, deduite des images
apparentes réfléchies par elle. Arch. d’ophth. IV. 1884.
3 A.a. O. Skand. Arch. f. Phys. II. 1890.
279 Die Dioptrik des Auges. [G.
Bei kleinen Winkeln erhält man einen genügend genauen Wert, wenn man
dieselben an Stelle der Sinus setzt, und findet so für eine scheinbare Tiefe der
vorderen Kammer von 3 mm und einen Krümmungsradius von 7,8 mm das Ver-
hältnis 1,625. Zu bemerken ist, daß von den S. 20 angeführten Messungen des
Ortes des Pupillenzentrums in bezug auf die durch die Konstanten der Ellipse
bestimmte Achse der Hornhaut, die erste eine bis auf die Größe der Be-
obachtungsfehler vollständige Übereinstimmung dieser Achse mit der hier an-
genommenen optischen Achse zeigt, während die in den beiden anderen hervor-
tretenden Unterschiede nicht größer sind, als daß dieselben durch die Asymmetrie
des horizontalen Hornhautschnittes und die dadurch bedingte Abweichung von
der elliptischen Form erklärt werden können.
Es dürfte somit berechtigt sein, den Einfallswinkel der Visierlinie und den
Winkel, den dieselbe mit der optischen Achse bildet, welche Winkel mit dem
jetzt allgemein gebräuchlichen Instrumen-
tarium leicht zu messen sind, an Stelle des
von Hermnorrz gebrauchten Winkels «
zwischen der Gesichtslinie und der Achse der
PE Hornhautellipse treten zu lassen. Der von
HeLmnortz! so genannte Winkel 3, welcher
auch in der Literatur sowohl œ wie y ge-
nannt wird, und welcher den Winkel der
$ Blicklinie mit der durch das Zentrum der
Hornhautbasis gehenden Hornhautnormale
darstellt, dürfte jedenfalls ohne Bedeutung
für die Dioptrik des Auges sein.
Was die Krümmung der optischen
Zone der Hornhaut betrifft, so ist zufolge
Fig. 127. dem oben über die Genauigkeit der Messungen
mit den modernen Ophthalmometern Ge-
sagten den älteren Untersuchungen- ein relativ hoher Wert beizulegen. Eine
Zusammenstellung derselben wurde von Doxpers? gegeben. Bei 110 Männern
war der Mittelwert 7,858 mm, während die Maximal- und Minimalwerte
8,396 bzw. 7,28 betrugen. Bei 46 Weibern waren die entsprechenden Werte
7,799, 8,487, 7,115. Im Anschluß an diese Zahlen nahm Heummontz
den schematischen Wert 7,829 an. Der modernen Ophthalmometrie stehen
viel größere Zahlen zur Verfügung. An 1916 Augen fand StEIGEr® einen
Mittelwert von 48,03 Dioptrien für die Hornhautrefraktion, was einem Radius
von 7,3438 mm entspricht. Surzer* gibt den Mittelwert 43,7 Dioptrien
an. Der entsprechende Hornhautradius ist 7,723 mm. Dieser Unterschied ist
nicht größer, als daß derselbe durch die unvermeidlichen persönlichen Ein-
stellungsfehler erklärt werden kann. In Anbetracht dessen, daß die dritte
Dezimale nicht als sicher angesehen werden kann, und da das Material von
Suzzer nicht so groß wie das von StEIGER war, dürfte man der Wahrheit am
nächsten kommen, wenn man den ophthalmometrischen Mittelwert des
` Dieses Handbuch. 2. Auflage. S. 19.
"FCO. Doxpers, On the anomalies of accommodation and refraction, London 1864.
" Aporr Steiger, Beiträge zur Physiologie und Pathologie der Hornhautrefraktion.
Wiesbaden 1895.
"ENO
G.] Physiologische Form der Hornhautvorderfläche, 273
Krümmungsradius der optischen Zone der. Hornhaut auf 7,8 mm ver-
anschlagt und die physiologischen Grenzen im Anschluß an die obenstehenden
Zahlen von Doxpers durch 7 bzw. 8,5 mm repräsentieren läßt — Zahlen,
welche nunmehr allgemein angenommen sein dürften, und welchen jedenfalls
nicht von exakten Untersuchungen widersprochen wird. Was die Grenzen be-
trifft, so kann die untere bei Mikrophthalmus und bei Keratokonus, die obere
bei Abflachung der Hornhaut nach operativen Eingriffen bzw. nach Geschwürs-
bildungen überschritten werden, aber für die physiologischen Verhältnisse sind
sie unter allen Umständen sehr weit gezogen. Aus den Zahlen von STEIGER
geht hervor, daß wenigstens in etwa 80°/, die Variationen zwischen 7,5 und
8,1 mm begrenzt sind, indem die Refraktion 41,25 bis 45 Dioptrien in 88,5°/,
gefunden wurde. Die durch die obenstehenden Doxversschen Zahlen an-
gedeutete Differenz der Hornhautkrümmung beider Geschlechter
wird an dem größeren Materiale von Sreiser bestätigt (Mittelwert für
Knaben 42,89, für Mädchen 43,15 Dioptrien). Nach seinen Untersuchungen soll
eine Abflachung der Hornhaut bei zunehmendem Alter eintreten; es dürfte aber
fraglich sein, ob das Material zur Entscheidung dieser Frage ausreichend ist.
Eine Abhängigkeit des Hornhautradius von der Pupillendistanz geht aber aus
seinen Untersuchungen hervor, wie eine ähnliche Abhängigkeit von Körpergröße
und Kopfumfang durch die Untersuchungen von BOURGEOIS und TSCHERNING!
angedeutet wird, indem ein größeres anthropometrisches Maß einem größeren
Mittelwerte des Hornhautradius entspricht.
Wenn auch sowohl der horizontale wie der vertikale Durchschnitt der
optischen Zone der Hornhaut annähernd eine sphärische Krümmung hat, so
gilt dasselbe nicht für die Zone als Ganzes. Denn der normale Befund ist ein
meßbarer Astigmatismus. Dieser physiologische Hornhautastigmatismus
wurde schon durch die erste, von Norpenson® ausgeführte ophthalmometrische
Massenuntersuchung sichergestellt. Wie aus dem einstimmigen Resultate der
verschiedenen Untersucher hervorgeht, beträgt derselbe im Mittel 0,50—0,75 D.
wobei der am schwächsten gekrümmte Hauptschnitt wenig von der horizontalen
Richtung bzw. von der Längsrichtung der Augenspalte abweicht. Als Beleg
hierfür können die Zahlen von Steiger dienen. An einem Materiale von
3170 Augen fand er einen Mittelwert von 0,78 D. Wurden aber die Augen
mit einem 2,0 D. übersteigenden Astigmatismus, die jedenfalls als pathologisch
anzusehen sind, ausgesondert, so erhielt er für 3073 Augen einen Durchschnitt
von 0,70 D., und zwar bestand in ?/, dieser Augen ein Hornhautastigmatismus
zwischen 0,50 und 1,0, in fast °/, derselben ein Hornhautastigmatismus von
0,25—1,25 D. Die Richtung des Hauptschnittes schwächster Krümmung war
in 89,4°/, der Augen wagrecht.
Eine Veränderung des Hornhautastigmatismus mit dem Alter ist
durch die Untersuchungen von ScHön®, Steiger und Prarz* sicher bewiesen.
1 Recherches sur les relations qui existent entre la courbure de la cornée, la circonférence
de la téte et la taille. Ann. d'oeulistique. XCVI. 1886.
? E, Norvenson, Recherches ophthalmometriques sur Tastigmatisme de la cornée chex les
écoliers de sept à vingt ans, Ebenda. XC. 18>3. ;
3 W.Scuös, Die Akkommodationsüberanstrengung usw. Arch. f. Ophth, XXXIIL
1. 1887.
t G. Praz, Über Astigmatismus perversus — eine erworbene Refraktionsanomalie.
Zeitschr, f. Augenheilkunde. III. 1900.
V. Hetauotrz, Physiologische Optik. 3, Aufl. I 18
274 Die Dioptrik des Auges. [G
Der Astigmatismus wird, je nachdem der Hauptschnitt schwächster Krümmung
einen 30° nicht übersteigenden Winkel mit der Horizontal- bzw. der Vertikal-
ebene bildet oder mit diesen zusammenfällt als direkt bzw. invers bezeichnet
(in der Literatur kommen auch die Bezeichnungen As. rectus, perversus vor)
und die mit dem Alter eintretenden Veränderungen können dadurch definiert
werden, daß der physiologische direkte Astigmatismus abnimmt, die
Prozentzahl der Fälle mit inversem Hornhautastigmatismus zu-
nimmt. In Zusammenhang mit dieser Veränderung steht eine Zunahme der
Zahl der Fälle, in welchen die Hauptschnitte des Astigmatismus von der
Horizontal- und Vertikalebene abweichen, wie auch leicht erklärlich ist, da
statische Einflüsse, welche bei deutlichem Astigmatismus nicht hinreichen, um
eine merkbare Formveränderung der Hornhaut zu bewirken, bei immer mehr
abnehmendem Astigmatismus immer deutlicher hervortreten müssen.
Diejenige geometrische Fläche, welche die Form der optischen Zone der
Hornhaut angibt, wenn die Krümmung derselben sowohl in horizontaler wie in
vertikaler Richtung als sphärisch angesehen wird, ist die torische. Eine solche
Fläche wird von einem Kreissegmente beschrieben, wenn dasselbe um eine in
seiner Ebene gelegene Achse gedreht wird, oder stellt, wie die geometrische
Definition lautet, die einhüllende Fläche einer Kugel dar, deren Zentrum sich
längs eines Kreises bewegt.
Die Form eines senkrecht zur ophthalmometrischen Achse der
Hornhaut gelegten Schnittes der vorderen Fläche ist in unendlich
kleinem Abstande vom ophthalmometrischen Achsenpunkte laut einem allgemein-
gültigen flächengeometrischen Gesetze (dem Theorem von Dur) elliptisch, und
die Achsen der Ellipse verhalten sich wie die Quadratwurzeln der Haupt-
krümmungsradien, so daß bei normalem physiologischem Astigmatismus die
vertikale Achse die kleinere ist. Denkt man sich aber successive solche Schnitte
durch die Hornhaut gelegt, und beurteilt man die Form der Schnittlinien nach
dem Verhältnis des horizontalen zum vertikalen Durchmesser der Schnittlinie,
so ändert sich zufolge der im vertikalen Hauptschnitte der Hornhaut aus-
giebigeren Abflachung die Form der Schnittlinien derart, daß, je tiefer man
kommt, dieses Verhältnis um so geringer wird. In welcher Tiefe dasselbe den
Wert Eins passiert, bleibt vorläufig unbekannt. Daß dies aber vor Erreichung
der Hornhautbasis eintrifft, geht für den oben durch Kurven illustrierten Fall —
den einzigen, der bis jetzt eine solche Untersuchung gestattet — aus den aus-
gerechneten Koordinaten hervor. Es genügt, aus der betreffenden Tabelle drei
Punkte in jeder Richtung hier anzuführen.
Nasal Temporal Oben Unten
x y | g y | x y © y
0,860 3,556 | 0,831 3,488 0,905 3,680 0,856 3,541
1,281 4,218 1,168 4,084 1,298 4,383 1,201 4,157
1,792 5,048 | 1,579 4692 | 1,680 4,948 | 1,686 4,801
In dieser Tabelle ist æ der Abstand des Schnittes vom ophthalmometrischen
Achsenpunkte, y der Abstand des Flächenpunktes von der ophthalmometrischen
Achse. Konstruiert man die 12 Punkte, so findet man, daß bei einem und
demselben z-Wert die y-Werte nach oben größer sind als nasalwärts, nach
unten größer als temporalwärts, daß somit der vertikale Durchmesser des
Schnittes größer ist als der horizontale Dies setzt aber voraus, daß der
G.| Physiologische Form der Hornhautvorderfläche, 275
vordere Bulbusabschnitt eine ähnliche Form hat, und es geht somit aus der in
vertikaler Richtung bedeutenderen Abflachung der normalen Hornhaut hervor,
daß ein durch den vorderen Bulbusabschnitt hinter der Hornhaut senkrecht
zur Visierlinie gelegter Schnitt einen größeren vertikalen als horizontalen Durch-
messer haben muß. Hieraus folgt weiter, daß, wenn die Hornhaut ohne Ein-
wirkung äußerer Kräfte wäre, die natürliche Form derselben durch einen
inversen Astigmatismus repräsentiert sein müßte. Die Art der Abweichung
der tatsächlichen Form der Hornhaut von dieser natürlichen entspricht voll-
kommen den einwirkenden äußeren Kräften, welche durch den Druck der
Augenlider gegeben sind. Da dieser Druck nur in der Richtung nach oben
und nach unten wirksam ist und wegen des Baues der Lidspalte in ersterer
Richtung krüftiger sein muß als in letzterer, so muß derselbe entsprechend
der Berührungsfläche eine Abflachung bewirken, welche nur den vertikalen
Hauptschnitt betrifft und oben ausgeprägter sein muß als unten. Die Zu-
sammenpressung von oben nach unten muß wieder einen direkten Astigmatismus
der optischen Zone zur Folge haben. Daß dieser Mechanismus in qualitativer
Hinsicht genügt, um die Form der Hornhaut zu erklären, ist einleuchtend, da
die Berührungsfläche wenigstens des oberen Lides mit dem Bulbus sich über
die Hornhaut ausdehnt, was gewöhnlich bei der im menschlichen Leben über-
wiegenden Blickrichtung nach unten von der Horizontalebene auch für das
untere Lid, obwohl nicht in demselben Grade, gültig ist.
Für die Ansicht, daß dieser Mechanismus auch quantitativ genügt, sprechen
mehrere Tatsachen. Zunächst entspricht die Abweichung der tatsächlichen
Form der Hornhaut von der natürlichen einer äußerst geringen Deformation,
welche wohl durch das Einwirken der durch den Druck der Augenlider ge-
gebenen Kräfte auf die bei der Entstehung der Form der Hornhaut wirk-
samen Prozesse bedingt werden könnte. Dann ist es aber auch leicht bei
der ophthalmometrischen Untersuchung zu zeigen, daß eine willkürliche Ver-
mehrung dieser Kräfte eine momentan eintretende Deformation verursacht, indem
beim Zusammenkneifen der Lider der Astigmatismus beträchtlich vermehrt
werden kann und eine ausgeprägte vertikale Asymmetrie der Hornhaut mit
stärkerer Abflachung nach oben auftritt. Und in den Fällen, wo die Hornhaut
in abnormem Grade nachgibt, wobei ein Keratokonus entsteht, tritt die Ein-
wirkung dieser äußeren Kräfte in prägnantester Weise dadurch zutage, daß,
wie ich zeigen konnte, ein hochgradiger direkter Astigmatismus am Scheitel der
Hornhaut, sowie eine starke vertikale Asymmetrie mit Dezentration des Scheitels
nach unten und stärkerer Abflachung nach oben zum typischen Bilde gehört
und in der Mehrzahl der Fälle beobachtet wird) Im hohen Alter werden die
Bulbushüllen rigider und der Druck der Augenlider nimmt ab, indem der all-
gemeine Tonus der Gewebe geringer wird und das Fettpolster in der Orbita
schwindet. Es muß deshalb die Abweichung der tatsächlichen Form der Horn-
haut von der natürlichen geringer werden, und in Übereinstimmung hiermit
zeigt STEIGERS Statistik ein beträchtliches Zunehmen der Fälle mit inversem
Hornhautastigmatismus im hohen Alter. Endlich muß bei Drucksteigerung die
Einwirkung des Augenliddruckes gegenüber der des Binnendruckes zurücktreten
die Hornhaut somit ihre natürliche Form annehmen, und es haben auch
! Ett fall af keratoconus med tydlig pulsation af hornhinnan. Nord. Ophth. Tidskr,
IV. 1892. 8.142.
18*
276 Die Dioptrik des Auges. IG.
klinische Untersuchungen von Martın? und Prarz?, sowie experimentelle von
Eıssen® dargetan, daß bei Drucksteigerung im normalen Auge ein inverser
Hornhautastigmatismus auftritt. Es zeigt sich also, daß in den Fällen, wo die
Einwirkung des Augenliddruckes begünstigt wird, eine Vermehrung, in den
Füllen, wo derselbe ausgeschaltet wird, eine Verminderung der Deformation
eintritt, durch welche sich die tatsächliche Form der Hornhaut von der ent-
sprechend der Gestaltung des vorderen Bulbusabschnittes natürlichen unter-
scheidet. Der Schluß scheint mir deshalb gerechtfertigt, daß der Druck der
Augenlider bzw. der Widerstand, den dieselben dem Wachstum des Bulbus
entgegensetzen, die Ursache abgibt für den normalen direkten Astigmatismus
der optischen Zone, sowie für das Überwiegen der peripheren Abflachung im
Vertikalschnitte und für die normale verti-
e 2 kale Asymmetrie dieser Abflachung.
Die Berechnung der Hornhaut-
e form aus den Ophthalmometermes-
A sungen geschieht auf folgende Weise. Es
sei in der Fig. 128 AEF die ophthal-
be F Ce mometrische Achse, DG E der von einem
Objektpunkte kommende Strahl, welcher
nach der Spiegelung in der Hornhaut in
der Richtung GB zum Ophthalmometer
geht, und CGF die Normale der Horn-
Fig. 128. haut im spiegelnden Punkte, welche mit
der ophthalmometrischen Achse den Winkel
OFA = œ bildet. Beim Gebrauche des Ophthalmometers von HeıLmnoutz oder
eines Instrumentes mit ähnlicher Verdoppelungsvorrichtung ist die Linie BG parallel
zur Linie AF. Folglich ist der Einfallswinkel gleich p und der Winkel DEA = Zu,
Bei anderen Instrumenten macht die Linie BG einen kleinen Winkel mit der
ophthalmometrischen Achse, welcher jedoch bei dem Verhältnis des Abstandes
des Ophthalmometers zum Hornhautradius und bei den sonst der Genauigkeit
der Messungen gesetzten Grenzen vernachlässigt werden darf. Dasselbe gilt
von dem Abstande des Punktes E von der Hornhaut. Man erhält also entweder
direkt am Gradbogen den Winkel 2y durch den Winkelabstand des Objekt-
punktes von der Ophthalmometerachse, oder man erhält die Tangente des
Winkels 2, indem man den Abstand des Objektpunktes von der Ophthalmo-
meterachse durch den Abstand der achsensenkrechten Ebene, in welcher er
enthalten ist, von der Hornhaut dividiert. Auf diese Weise ist der einem
beliebigen Objektpunkte entsprechende Winkel x immer mit hinreichender
Genauigkeit bekannt. Es sei nun wiederum in der Fig. 129 A F die ophthalmo-
metrische Achse und es mag das Licht von zwei verschiedenen Objektpunkten
in den beiden Hornhautpunkten D C gespiegelt werden, in welchen die Normalen
gezogen werden. Der Schnittpunkt @ dieser Normalen fällt um so genauer mit
dem Krümmungsmittelpunkte des Elementes BC zusammen, je kleiner dieses
1 G. Manrıs, Études d'ophthalmometrie clinique. Ann. d'oculistique. XOLI. 1885,
8. 228.
? G. Prarz, Ophthalmometrische Untersuchungen über Kornealastigmatismus. Arch. f.
Ophth. XXXI. 1. 1885. S. 201.
3 W. Eıssex, Hornhautkrümmung bei erhöhtem intraokularem Druck. Ebenda, XXXIII.
2. 1888. BL
G.] Berechnung der Hornhautform. 277
ist, und der Abstand BG = OG ist der Krümmungsradius ọ. Durch G wird
eine Linie parallel zur Achse gezogen und auf diese die Lotlinien von den
Punkten B C gefällt. Werden nun die Abstände der Punkte B C von der Achse
mit y, e die Abstände der Linien BD, CE vom Achsenpunkte der Hornhaut
mit z,x, und die Winkel BGD, OGE mit p,p, bezeichnet, so hat man
zunächst
BD = osin p, CE = osin p},
und, da CE — BD = y, — y, ist, so ergibt sich die allgemeine Formel zur
Berechnung des Krümmungsradius
Y — My
0 en `
sin ur, — SiN P,
in welcher y, — y, durch den Betrag der Verdoppelung gegeben ist, o, p, durch
die Lage der Objektpunkte bekannt sind. In dem speziellen Falle, wo dieselben
symmetrisch zur Ophthal-
mometerachse liegen, und Z
somit 9, = — p, ist, kann P
die Formel in der ihr von
Hermnoutz! gegebenen Ge-
stalt
l
KE
2 REN
2 sin G arctg 7
geschrieben werden, wo ĝ
den Betrag der Verdoppelung, Fig. 129.
b den Abstand der im Spiegel-
bilde kollimierten Objektpunkte voneinander und a den Abstand der dieselben
verbindenden Linie von der Hornhaut bedeutet, und welche, je kleiner die
Winkel sind, um so genauer mit der approximativen Formel
ee e bzw. D=kb
zusammenfällt, welche in der letzteren Gestalt, wo E die Ophthalmometer-
konstante darstellt, der modernen Ophthalmometrie zugrunde gelegt wird.
Bei der Ausführung von Messungen in anderen Blickrichtungen hat man
dieselben so zu wählen, daß jedesmal ein in der vorhergehenden Messung zur
Spiegelung angewendeter Hornhautpunkt auch in der folgenden zur Verwendung
kommt, indem es sonst nicht möglich ist, die Messungen zur Berechnung der
Form der Hornhaut zu verwenden. In dieser sekundären Blickstellung ergibt
die Messung dann eine Anzahl Radien und die entsprechenden Winkel p in
bezug auf die sekundäre Achse. Dieselben werden zunächst durch Addition
mit dem Betrage der Drehung der Blicklinie in die in bezug auf die ophthal-
mometrische Achse der Hornhaut gültigen Winkel o umgerechnet, wonach die
y-Werte in bezug auf diese Achse durch die allgemeine Formel erhalten werden.
Die -Werte erhält man unter Beachtung der aus der Fig. 129 hervorgehenden
Beziehungen
GD = o cos f), G E = 9 COS fy, GD -— GE =m, Di,
C
1 Dieses Handbuch, 2. Aufl. 8. 16.
278 Die Dioptrik des Auges. [6.
durch die Formel
T, Du =Q (COS p) — COS p)
und als Resultat der Berechnung hat man somit die Koordinaten der zur
Spiegelung verwendeten Hornhautpunkte, die Neigung der Normalen in diesen
Punkten und die Krümmungsradien der zwischen denselben belegenen Elemente
des gemessenen Normalschnittes, Daten, welche hinreichend — aber auch not-
wendig — sind, um durch trigonometrische Rechnung die Einwirkung der
Hornhaut auf die Aberration zu untersuchen.
Die exakte Berechnung der Form einer Hornhaut ist bisher nur bei der
photographisch - ophthalmometrischen Untersuchung ausgeführt worden. Der-
selben kann aber auch eine mit dem Ophthalmometer von HermHoLTZ ent-
sprechend ausgeführte Messungsserie zugrunde gelegt werden. Auch das
Javausche Ophthalmometer kann nach verschiedenen Methoden dazu angewandt
werden. Eine prinzipiell einwandfreie solche Methode ist von Brunzewskı!
und Basuınt? angegeben worden. Die Berechnung der Messungsresultate ist
aber bei beiden unrichtig, indem ersterer eine nur für Flächen zweiten Grades
gültige Beziehung zwischen Krümmungsradius und Normale anwendet, letzterer
die x-Werte nach einer nur für einen Kreis geltenden Formel berechnet. Will
man die Form der Hornhaut unter Anwendung der für ein Ellipsoid gültigen
Gesetze berechnen, so tut man ohne Zweifel besser, dies konsequent durch-
zuführen und die Konstanten des Ellipsoides nach der von HrLmHontz? an-
gegebenen Methode aus drei Radien zu berechnen.
Die oben angegebene Regel für die Berechnung des Astigmatismus aus
dem Betrage der Denivellation in einer Richtung, welche den Winkel von 45°
mit den Hauptschnitten bildet, ergibt sich auf folgende Weise. Wird nach
Ermittelung eines Hauptschnittes der Hornhaut der Bogen des Ophthalmometers
um einen halben rechten Winkel gedreht und dann die Kollimation hergestellt
und die Denivellation durch Verschieben der einen weißen Figur in der zur
Verdoppelungsebene senkrechten Richtung ausgeglichen, so sind die kollimierten
Punkte die Endpunkte einer Linie, deren im Fokus des Ophthalmometers ge-
legene optische Projektion in der Verdoppelungsebene lieg. Der Abstand
dieses Fokus von den beiden nicht exakt in derselben Ebene liegenden Fokal-
punkten des gespiegelten Strahlenbündels kann bei der erzielbaren Genauigkeit
vernachlässigt werden, und es sind dann die beiden den Hauptschnitten ent-
sprechenden Projektionskoeffizienten, wie aus der Formel S. 250 hervorgeht,
gleich den betreffenden Vergrößerungskoeffizienten, welche sich wiederum um-
gekehrt wie die Brechkraft in den beiden Hauptschnitten verhalten, indem
KD=KD,=L
ist, wo K D Vergrößerungskoeffizienten und Brechkräfte, L die im Fokus des
Hornhautspiegels gemessene Konvergenz des einfallenden Strahlenbündels be-
deutet. Die Tangente des Winkels, den die projizierte Linie mit dem ersten
Hauptschnitt bildet, ist go, wenn œ den Winkel darstellt, den die zu pro-
1
1 K, v. Brupzewskı, Beitrag zur Dioptrik des Auges. Arch. f. Augenheilk. XL. 1900.
S. 296.
® C. Buste, Recherches ophthalmométriques. Arch. d'ophth. XXIV. 1904. S. 565.
* Dieses Handbuch. 2. Aufl. S. 17.
G.] Messung der Dicke der Hornhaut. 279
jizierende Linie mit demselben Hauptschnitt bildet. Da jene Tangente gleich 1
ist, so hat man tgo = A und somit
1
D, — D c
Lee Oé Géi
wo c die zur Aufhebung der Denivellation erforderliche Verschiebung, b die
durch die Kollimation bestimmte Länge der zu projizierenden Linie darstellt.
Zufolge dem Theoreme von Eurer hat man unter Anwendung der Ophthalmo-
meterkonstante z2 +D,)=kb, wodurch sich der mathematische Ausdruck
der oben angegebenen Regel
D,—D, =2keo
ergibt. Diese Formel ist somit approximativ in demselben Grade wie die
allgemein in der modernen Ophthalmometrie angewendetee Die durch die
Approximation bedingten Fehler sind aber bei der Messung des Astigmatismus
ohne Belang und kommen erst bei der Berech-
nung des absoluten Betrages der Hornhaut-
refraktion in Betracht.
Die Hornhautsubstanz. Von der die vordere
Hornhautfläche bedeckenden Flüssigkeitsschicht
abgesehen, welche in der Dioptrik des Auges als
unendlich dünn mit konzentrischen Grenzflächen
betrachtet werden kann und demnach ohne Be-
deutung für den Strahlengang ist, stellt das
Hornhautgewebe das erste brechende Medium
des Auges dar. Der Brechungsindex des-
selben wurde nach Einführung der modernen
refraktometrischen Untersuchung durch ABBE
von AUBERT und Marruiessen! an den Augen
eines 50 jährigen Mannes und eines zwei Tage
alten Kindes zu 1,377 bzw. 1,8721 bestimmt.
Ein von Lousstem® aus den Brechungsindices
der Bestandteile berechneter Wert liegt zwischen
diesen Werten. Die letzte Zusammenstellung
MATTHIEssEns® ergab 1,8763, weshalb, da die
vierte Dezimale jedenfalls unsicher ist, am besten der Wert 1,876 als der
schematische angenommen wird.
Die Dicke der Hornhaut ist mit einwandfreier Methode bisher nur von
Bıix* am lebenden Auge gemessen worden. Sein Ophthalmometer besteht aus
zwei nach dem Schema der Fig. 130 angeordneten Mikroskopen T7, mit den
Objektiven OO. Im letzteren ist das Okular durch ein hell erleuchtetes
Diaphragma b, ersetzt, dessen Bild im Schnittpunkte der Achsen entsteht. Da
das andere Mikroskop, durch welches der Untersucher hinsieht, mittels des
Fig. 180.
1 H. Anger, Grundzüge der physiologischen Optik. Leipzig 1876.
2 Tu, Lonssters, Über den Brechungsindex der menschlichen Hornhaut. Arch, f. d.
ges. Physiologie. LXVI. 1897.
3 L, Marruiessen, Die neueren Fortschritte in unserer Kenntnis von dem optischen
Baue des Auges der Wirbeltiere. Hamburg 1891.
2.20.
280 Die Dioptrik des Auges. [6.
Fadenkreuzes b auf diesen Schnittpunkt eingestellt ist, so wird das Bild des
Diaphragmas nur dann scharf gesehen, wenn der scheinbare Ort entweder des
Hauptpunktes oder des Krümmungsmittelpunktes einer spiegelnden Fläche im
Schnittpunkte der Achsen lieg. Die Mikroskope können nun teils in un-
veränderter Stellung zueinander längs der Linie verschoben werden, welche den
von ihren Achsen gebildeten Winkel halbiert, teils können dieselben bei un-
verändertem Schnittpunkte der Achsen gleichzeitig um den gleichen Betrag
längs der Achsen verschoben werden. Letzterer Mechanismus dient zum Messen
eines Krümmungsradius, ersterer zum Messen des Abstandes zwischen zwei
spiegelnden Flächen. Die Dicke der Hornhaut wird demnach dadurch gemessen,
daß bei zwei successiven Einstellungen das in der vorderen bzw. hinteren Horn-
hautfläche entstandene Spiegelbild scharf eingestellt wird. Die Verschiebung
des Instrumentes ist dann gleich der scheinbaren Dicke, die wirkliche wird
ohne Anwendung approximativ gültiger Formeln durch exakte Berechnung er-
mittelt. An zehn Augen fand Brrx die Dicke zwischen 0,482 und 0,668 mm
variierend. Wenn das Auge, in welchem diese extremen Werte vorkamen, aus-
geschlossen wurde, waren die Grenzen 0,506 und 0,576. Diese Maße ent-
sprachen teils dem durch kleinsten Hornhautradius definierten Scheitel, teils
dem ophthalmometrischen Achsenpunkte, teils Punkten, welche 20° nach innen
und nach außen von den erstgenannten belegen waren.
Daß Buix ohne Schwierigkeit das in der hinteren Hornhautfläche ent-
stehende Spiegelbild beobachten und zur Messung der Hornhautdicke verwerten
konnte, während sich doch Hrtanotzz) vergebens große Mühe damit gegeben
hatte, dasselbe zu entdecken, beruht auf der starken Vergrößerung im Mikro-
skop, ohne welche das Bild von dem lichtstärkeren der vorderen Fläche nicht
getrennt gesehen werden kann. Mit der jetzigen Entwicklung der Beleuchtungs-
technik bietet es gar keine Schwierigkeiten, die Spiegelbilder von der hinteren
Hornhautfläche in solcher Güte zu erhalten, daß die Dicke der Hornhaut nach
derselben Methode wie die der Linse bestimmt werden kann. Um möglichst
scharfe und helle Spiegelbilder zu erhalten, hat man eine Lichtquelle mit mög-
lichst großer spezifischer Helligkeit zu benutzen. Wegen der erforderlichen
Verschieblichkeit derselben kann nur das glühende Stäbchen der Nernstlampe
in Betracht kommen, da Sonnenlicht und elektrisches Bogenlicht ausgeschlossen
sein dürften und alle anderen Lichtquellen eine viel geringere spezifische Hellig-
keit haben. Die Lampe soll in dem einen Ende einer geschlossenen Röhre an-
gebracht werden, deren anderes Ende einen regulierbaren Spalt trägt, und in
deren Mitte ein nach Bedarf dezentrierbares Linsensystem sich befindet, welches
ein scharfes Bild des glühenden Stäbchens auf die Rückseite der Spaltvorrich-
tung wirft. Die scharfe Einstellung wird bei weit geöffnetem Spalte unter dem
Schutze eines dunklen Glases durch parallaktische Verschiebungen des Auges
kontrolliert. Durch Drehen und Verschieben der Lampe sowie durch Dezen-
tration des Linsensystems in einer zur Spaltrichtung senkrechten Richtung kann
man es ohne Schwierigkeit dahin bringen, daß das Bild des glühenden Stäb-
chens genau in der Mitte der Spaltöffnung fokusiert ist. Der Spaltmechanis-
mus muß ein sogenannter bilateraler sein, in welchem sich beide Schneiden
gleichzeitig bewegen, die ganze Röhre wird um die Achse drehbar an einem
Stativ befestigt. Diese Lichtquelle stellt eine leuchtende Linie von variabler
1 Über die Akkommodation des Auges. Arch. f. Ophth. I, 2. 1855. 8.1.
G.] Messung der Dicke der Hornhaut. 281
Intensität dar, welche durch ihre spezifische Helligkeit allen anderen zur Oph-
thalmometrie bequem verwendbaren Lichtquellen weit überlegen ist. Der Kürze
halber nenne ich dieselbe im folgenden die ophthalmometrische Nernstlampe.
Zur Bestimmung der Hornhautdicke nach der S 91 von HErmBOLTZ an-
gegebenen Methode habe ich zwei solche Lampen mit vertikal gestellten Spalten
genau übereinander derart angebracht, daß die durch den Hornhautscheitel ge-
legte Horizontalebene den Mittelpunkt zwischen beiden Spalten traf. Mit einem
guten 20mal vergrößernden Fernrohre sind bei geeigneter Lichtstärke die
Spiegelbilder auch an der dünnsten Stelle auBerordentlich deutlich, sobald der
Einfallswinkel ungefähr 25° beträgt. Als die Lichtquelle, deren in der Horn-
hautvorderfläche entstandenes Spiegelbild mit dem in der hinteren Fläche ent-
stehenden Spiegelbilde der ophthalmometrischen Nernstlampe kollimiert werden
soll, diente ein kleines Glühlämpchen mit geradem, vertikal gerichtetem Faden.
Die Winkel wurden mit einem theodolithähnlichen, oberhalb dem Kopfe des
zu untersuchenden befestigten Instrumente abgelesen, dessen vertikale Achse
unten in eine Spitze auslief. Die genaue Orientierung des, Hornhautscheitels
in der Verlängerung dieser Achse wurde in den beiden Stellungen des um eine
horizontale Achse drehbaren Fernrohres durch Einstellung desselben auf diese
Spitze und auf das Hornhautspiegelbild kontrolliert.
Bei einer vertikalen Winkeldistanz der beiden Spaltmittelpunkte von 12°
ist die Untersuchung leicht auszuführen und das angewendete Hornhautelement
hinreichend klein, um das fiktive Spiegelbild der vertikalen Linie, deren End-
punkte von den Spalten bestimmt sind, als eine Gerade betrachten zu können,
ÖOphthalmometrische Nernstlampen und Fernrohr wurden in einer Winkeldistanz
von je 25° von der Nullstellung des Theodolithfernrohres angebracht, und es
wurde zuerst durch Vorversuche diejenige Blickrichtung ermittelt, bei welcher
der Einfallswinkel, nachdem Lampe und Fernrohr Platz gewechselt hatten,
approximativ unverändert blieb, eine Stellung, bei welcher die optische Achse
des Auges wenig von der Nullstellung des Theodolithfernrohres abweicht. Den
Berechnungen wurden dann die Mittelwerte der an verschiedenen Tagen in
beiden Stellungen wiederholten Messungen zugrunde gelegt. Bei dieser Anord-
nung wird das Spiegelbild der hinteren Fläche im Schnittpunkte derselben mit
der Normale der Vorderfläche gesehen, und die Berechnung gestaltet sich sehr
einfach, Da diese Normale beiden Flächen gemeinsam ist, so stellt sie die
Zentrierungsachse der Hornhaut dar, und da dieselbe mit der Nullstellung des
Theodolithfernrohres zusammenfällt, so ist das Messungsergebnis die Winkel-
distanz œ des Glühlämpchens von derselben, und der Einfallswinkel / ist gleich
525° + mi, Der Strahlengang ist derselbe wie in der Fig. 127, wo man nur
die Pupille durch die hintere Hornhautfläche zu ersetzen hat. Zunächst wird
der Brechungswinkel @’ berechnet, wonach die Gleichungen
25° -i=u— i sin u':sin?d = 0:(0 — d)
den Winkel «^, den der in der vorderen Fläche gebrochene Strahl mit der
Zentrierungsachse bildet und die Dicke d bei bekanntem Radius o der vorderen
Fläche ergeben. In zwei mit möglichster Sorgfalt untersuchten Augen ver-
schiedener Individuen habe ich die Werte 0,46 und 0,51 erhalten, wodurch die
Resultate von Brrx auf das genaueste bestätigt werden. Nachdem Dux das
282 Die Dioptrik des Auges. IG.
Spiegelbild der hinteren Hornhautfläche gesehen hatte, konnte Tscherxmg!
dasselbe mit kleinen Glühlämpchen in Erscheinung bringen. Er versuchte auch
in einem Falle die Dicke der Hornhaut zu messen. Sein Resultat, 1,15 mm
dürfte den Mängeln der weiter unten zu würdigenden Methode und der geringen
spezifischen Helligkeit dieser Lichtquelle zuzuschreiben sein. Nach den
Messungen am lebenden Auge kann man also mit Bus den schematischen
Wert der Dicke der Hornhaut in der optischen Zone auf rund 0,5 mm
veranschlagen.
Die Messungen an toten Augen haben sehr abweichende Resultate ergeben,
indem für den Scheitel die Angaben zwischen 0,4 und 1,0 schwanken, ja sogar
diesen Wert übersteigen. Zum Teil mag dies auf einer postmortalen Quellung
beruhen, zum Teil auch auf der Messungsmethode. Ich habe in einigen Fällen
die gesunde Hornhaut eines frisch enukleierten Auges in toto abgetragen und
die dünnste Stelle mit der gewöhnlichen zu Dickenmessungen verwendeten
Mikrometerschraube gemessen, deren Kontaktflächen auf einen Durchmesser
von !/, mm reduziert waren, und dabei Werte zwischen 0,4 und 0,6 mm erhalten.
Der Radius der hinteren Fläche läßt sich unter Anwendung der oben be-
schriebenen Versuchsanordnung auf dieselbe Weise wie die Radien der Linsen-
flächen messen, wohingegen eine direkte Messung mit dem Ophthalmometer nicht
gelingt. Mit dem mir zur Verfügung stehenden Hermnoutzschen Instrumente
kann ich überhaupt die Spiegelbilder der hinteren Hornhautfläche nicht sehen,
indem dieselben durch die an den Kanten der Platten unregelmäßig gebrochenen
Strahlen verdeckt werden. Die Spalte werden horizontal gestellt, und die
Spiegelbilder von zwei Glühlämpchen mit geradem horizontalen Faden werden
so eingestellt, daß je ein Spiegelbild die Verlängerung eines der in der hinteren
Hornhauttläche entstandenen, von den ophthalmometrischen Nernstlampen her-
rührenden Spiegelbilder bildet. Das vom vertikalen Abstande der beiden Glüh-
lämpchen repräsentierte Objekt gibt dann in der vorderen Hornhautfläche ein
Spiegelbild, welches dem in der hinteren Fläche entstandenen, dem vertikalen
Abstand der beiden Spalte entsprechenden, gleich ist. Das Fixationszeichen
wird wie bei der Messung der Dicke so gestellt, daß die Zentrierungsachse der
Hornhaut mit der Nullstellung des Theodolithfernrohres zusammenfällt, und es
werden Beobachtungsfernrohr und Nernstlampen in gleicher Winkeldistanz auf-
gestellt. Gemessen wird die Größe und Entfernung der beiden Objekte sowie
ihre Winkeldistanz von der Zentrierungsachse, welche für Nernst- bzw. Glüh-
lampen mit bau bzw. b,a,4, bezeichnet werden mögen. Da der Einfallswinkel
bei der Spiegelung in der vorderen Hornhautfläche u bzw. zl + u,) ist, so er-
hält man aus der Messung das Verhältnis e der beiden Spiegelbilder # 2, durch
die Beziehung
bs ab, COS u
RT abcosk(u + u)
welche sich aus der allgemeingültigen Formel X = 5 für die zweite Abbildung
ergibt, wenn die Abstände der Objekte vom Brennpunkte des Hornhautspiegels
gerechnet werden. Die beiden von dem Nernstlampenobjekte entstandenen
! Optique physiologique. Paris 1898.
” Merker im Handb, d. ges. Augenheilk. v. Grarrz u. Simıson. I. Leipzig 1874. S. 44—45.
G] Krümmung der hinteren Hornhautfläche. 283
Spiegelbilder verhalten sich aber umgekehrt wie die Brechkraft der betreffenden
spiegelnden Systeme, indem bei der erreichbaren Genauigkeit der Wert von L
bei beiden Spiegelungen gleichgesetzt werden kann. Die Brechkraft der Horn-
hautvorderfläche in bezug auf die zweite Abbildung bei der Spiegelung ist,
wenn o, den vertikalen Radius derselben darstellt,
während das spiegelnde System, welches das in der hinteren Hornhautfläche
entstandene Spiegelbild liefert, die aus der Formel S. 246 hervorgehende
Brechkraft
2D (1-9,D)+D,(1-0,D,)
hat. Hier ist D, die Brechkraft der vorderen Hornhautfläche in bezug auf die
zweite Abbildung, D, die der hinteren in bezug auf die zweite Abbildung bei
der Spiegelung. Wenn o, den vertikalen Radius der hinteren Hornhautfläche,
n den Brechungsindex der Hornhautsubstanz darstellt, ist somit
n cosi’ — cos i Dash 2n cosu’
0, Géi
zu setzen, indem die Winkel auf dieselbe Weise bezeichnet werden wie oben
bei der Ermittelung der Dicke.
Wenn in der Fig. 127 P den Inzidenzpunkt in der hinteren Hornhautfläche
darstellt, so ist P’ der erste Hauptpunkt des Systems in bezug auf die zweite
Abbildung bei der Spiegelung, und ist ò der reduzierte Abstand des erst-
genannten Punktes vom Inzidenzpunkte in der vorderen Hornhautfläche, während
H den Abstand des ersten Hauptpunktes von demselben darstellt. Aus der
Formel S. 246 ergibt sich
D, =
k d
1- D, =$
und da, wie aus der Fig. 127 ersichtlich,
nò, : H = sin u: sinu’
ist, so hat man
E E
n sın u
und ergibt sich, wenn e das Verhältnis der beiden von den Nernstlampen her-
rührenden Spiegelbilder angibt,
Zen 2sinu een sin u
o nsinu D tg
ges
Die resultierende Formel
EN tg w (n cosi — cosi) nsinu’tgu
sin u ssinutgu ’
Q»
in welcher gleich dem durch die Messung bekannten Wert bo ist, hat mir
in den beiden oben erwähnten Fällen die Werte 1,1822 bzw. 1,1811 geliefert.
Unter der Annahme, daß das Verhältnis der horizontalen Radien der vorderen
und hinteren Fläche dasselbe ist, würden diese Werte beim schematischen
Radius 7,8 mm der Vorderfläche einen Radius der hinteren von 6,6 mm angeben.
284 Die Dioptrik des Auges. IG
Ich habe diese Untersuchungen mit den Spiegelbildern der hinteren Fläche
auch bei Einfallswinkeln bis 40° vorgenommen, wobei die Beobachtung leichter
ist. Durch einige Übung gelingt es aber bei dem angegebenen Winkel u = 25°
hinreichend sicher zu beobachten. Die kleineren Winkel sind deshalb vorzu-
ziehen, weil die Asymmetrienwerte, welche die Unähnlichkeit von Objekt und
Bild bedingen, mit zunehmenden Einfallswinkeln wachsen, so daß die Berech-
tigung der Anwendung der Abbildungsgesetze erster Ordnung Einbuße leidet,
obwohl die Formel für jede beliebige Größe des Einfallswinkels exakt ist. Nach
hinreichender Adaptation in dem nur durch die ophthalmometrischen Nernst-
lampen beleuchteten Zimmer sieht man die Spiegelbilder augenblicklich, sobald
das Fernrohrobjektiv fixiert wird, und man tut gut, jedesmal, wenn dieselben
undeutlich werden, den Blick in diese Stellung zu bringen und dann langsam
zum Fixationszeichen wandern zu lassen. Die Kontrolle der richtigen Stellung
der Glühlämpchen wird am besten nach momentaner Abbrechung des Stromes
im Zündungsaugenblick bewerkstelligt.
Bei der zeitraubenden Arbeit mit der Aufsuchung der Zentrierungsachse,
den Messungen und der Rechnung war es mir nicht möglich mehr als diese
zwei Fälle vollständig zu untersuchen. Die gute Übereinstimmung der Ergeb-
nisse in beiden Fällen sowohl unter sich als, was die Dicke betrifft, mit den
exakten Untersuchungen von Brrx, und was den Radius der hinteren Fläche
betrifft, mit der letzten Angabe, 6,5 mm, von Tscuerxine', dürfte auch für die
Hinlänglichkeit derselben sprechen. Bei dem Widerspruche, welcher zwischen
einer zu kleinen schematischen Hornhautrefraktion und den Ergebnissen ana-
tomischer Untersuchungen über die Länge des Bulbus besteht, und welcher
weiter unten des näheren berücksichtigt werden soll, waren aber weitere Unter-
suchungen wünschenswert und habe ich deshalb noch vier Augen verschiedener
Individuen nach einer approximativen Methode untersucht, indem ich eine den
Winkel von 6° mit der Visierlinie bildende Linie als Zentrierungsachse an-
genommen und in der Rechnung die Winkelwerte eingesetzt habe, welche sich
bei der 0,46 mm dicken Hornhaut herausgestellt hatten. Da eine Diskussion
der Formeln lehrt, daß einem gegebenen Werte von € um so höhere Werte
von a entsprechen, je dicker die Hornhaut ist, so kann der nach dieser appro-
sine Methode erhaltene Wert des hinteren Hornhautradius nicht zu klein
sein. Ich erhielt auf diese Weise für a die Werte 1,1864, 1,1734, 1,1486,
1,1427, welche beim schematischen Radius 7,8mm der Vorderfläche für den
Radius der hinteren Fläche Werte zwischen 6,57 und 6,88 mm geben. Der
ophthalmometrische Mittelwert des hinteren Radius der optischen
Zone der Hornhaut dürfte somit nicht größer als 6,7 mm sein können, welchen
Wert ich auch annehme.
Die ophthalmometrischen Mittelwerte der Krümmungsradien der optischen
Zone können aber nicht ohne weiteres zur Berechnung des Strahlenganges in
bezug auf die Abbildungsgesetze erster Ordnung angewendet werden. Bei
dieser Berechnung handelt es sich um die Krümmungsradien in den Schnitt-
punkten mit der Visierlinie, welche temporalwärts vom ophthalmometrischen
Achsenpunkte liegen. Der Radius der Vorderfläche muß in diesem Punkte
1 Laaranor et Varupe, Encyclopédie française d'ophthalmologie. III. S. 109. Paris 1904.
G] Konstanten des Hornhautsystems. 3 285
etwas kleiner sein als der ophthalmometrische Mittelwert für die ganze Zone —
um so mehr, da dieser Wert durch Messungen bestimmt worden ist, bei welchen
der eine zur Spiegelung angewendete Hornhautpunkt schon an der Grenze der
optischen Zone liegt, und deshalb wahrscheinlich etwas zu groß ausgefallen ist.
Auf der anderen Seite kann das Verhältnis Eu. wegen der im Vertikalschnitte
stärkeren Abflachung der vorderen Fläche hier etwas größer sein als im Hori-
zontalschnitte, und muß außerdem größer ausfallen, wenn die Messung nicht
exakt in der Zentrierungsachse geschah. Es muß deshalb für die Berechnung
des Strahlenganges ein etwas kleinerer Radius der vorderen, ein etwas größerer
Radius der hinteren Fläche angewendet werden als die schematischen Werte
der optischen Zone angeben. Da der Unterschied im Schnittpunkte der Visier-
linie und im Scheitelpunkte der optischen Zone nicht berechnet werden kann,
so bleibt nichts anderes übrig als bei der Berechnung des Strahlenganges die
Krümmungen in diesen beiden Punkten zu identifizieren. Aus den angeführten
Gründen nehme ich für die bei dieser Berechnung anzuwendenden schema-
tischen Werte der Krümmungsradien der Hornhaut im Scheitel-
punkte der optischen Zone 7,7 bzw. 6,8 mm an.
Zur Kenntnis des Hornhautsystems braucht man den Brechungsindex
des Kammerwassers. Der von Hranotz S. 87 angegebene Wert ist
bisher ziemlich allgemein acceptiert, und die zahlreichen refraktometrischen
Untersuchungen, deren Resultate nunmehr vorliegen (zusammengestellt bei
Freyras!), zeigen kaum größere Abweichungen von demselben, als die Werte
betrefis des destillierten Wassers variieren. Obwohl nun die späteren Unter-
suchungen eher niedrigere Werte zu geben scheinen, dürfte doch vorläufig kein
hinreichender Grund vorliegen, um den schematischen Wert von HeLmnouız auf
andere Weise zu ändern, als daß bei der Unzuverlässigkeit der vierten Dezimale,
diese weggelassen wird. Auch der Index des Glaskörpers, welcher neuerdings
um ein paar Einheiten der vierten Dezimale niedriger als der des Kammer-
wassers gefunden wurde, kann immer noch mit hinreichender Genauigkeit als
mit diesem übereinstimmend angesehen werden. Für beide Indizes nehme ich
also den schematischen Wert 1,336 an.
Die Konstanten des Hornhautsystems. Wenn Radien und Dicke, in
Meter gemessen, mit o, 9, d, Brechungsindizes von Hornhaut bzw. Kammerwasser
mit n, n, bezeichnet werden, so ergeben die allgemeingültigen Formeln für die
Zusammensetzung zweier Systeme
\ òD. S ò D
D, =D, +D, -DD m=? B=-
in welchen
jiu n, zalig GR: ny — M T d
0 Oa M
zu setzen ist:
Brechkraft D... » » «0 020.0 000. = 48,058 Dioptrien
Ort des ersten Hauptpunktes 10004, . . . =— 0,0496 mm
Ort des zweiten Hauptpunktes 1000(4+n,H,) =— 0,0506 mm,
1 G. Frevras, Vergleichende Untersuchungen über die Brechungsindizes der Linse und
der flüssigen Augenmedien des Menschen und höherer Tiere in verschiedenen Lebensaltern.
Wiesbaden 1907.
286 Die Dioptrik des Auges. [G.
wobei der Scheitelpunkt der vorderen Hornhautflüche als den Ort Null habend
angesehen wird. Die Brennweiten betragen 23,227 bzw. 31,081 mm.
2. Die Linse.
Den Ort der Linsenflächen bestimmt man heute noch — wenn man
nicht über ein Brixsches Ophthalmometer verfügt — am besten nach den von
HELMHOLTZ angegebenen Methoden. Man kann dabei Lichtquellen und Fixations-
marke an einer geraden Skale verschieblich anbringen (HeLmnuorrz!) oder man
befestigt dieselben an einem Gradbogen (TscuerxınG®) oder aber man wendet
die oben bei der Untersuchung der hinteren Hornhautfläche angegebene Winkel-
ablesung an. Letztere Anordnung hat den Vorzug, daß die ophthalmometrischen
Nernstlampen, deren Anbringung als verschieblich an Skala oder Gradbogen
auf Schwierigkeiten stößt, dabei zur Verwendung kommen können. (TSCHERNING
hat seiner betreffenden Anordnung den Namen „Ophthalmophakometer“ gegeben.)
Zur Messung der Tiefe der vorderen Kammer wurde von Donxvers® ein
sogenanntes Kornealmikroskop angewendet, mit welchem zuerst auf die eventuell
durch Kalomel sichtbar gemachte vordere Hornhautfläche, dann auf den Pupillen- .
rand eingestellt wird, wonach durch die Verschiebung der scheinbare Ort der
Pupille gegeben ist. Zuverlässigere Resultate dürfte die unter HELMHOLTZ’
Leitung ausgearbeitete Methode von Manperstam und Soniri geben,
welche von Reıcn® angewendet wurde. Zwischen Mikroskop und Hornhaut be-
findet sich eine unbelegte spiegelnde Glasplatte, durch welche Licht in der
Richtung der Achse des Mikroskops in das Auge geworfen wird. Das von der
Lichtquelle herrührende Spiegelbild in der vorderen Hornhautfläche wird durch
optische Mittel verschoben, bis es gleichzeitig mit dem Pupillenrande scharf
eingestellt werden kann. Der berechnete Ort des Spiegelbildes ist dann der
scheinbare Ort der Pupille. Bei diesen Methoden wird wie bei der HrLmnontz-
schen der Abstand des Irisrandes von der vorderen Hornhautfläche ge-
messen.
Die oben beschriebene Methode von Brrx, welche sich den letztgenannten
gewissermaßen anschließt, dürfte die bisher sicherste sein, und ergibt den Ab-
stand der vorderen Linsenfläche. Diesen Abstand erhält man auch mit der von
Hermuorrtz benutzten Methode zur Messung des Abstandes der hinteren Linsen-
fläche, welche überhaupt den scheinbaren Ort einer spiegelnden Fläche ergibt.
Es ist aber zu beachten, daß, während diese Methode wegen der geringen Dicke
der Hornhaut bei der Messung dieser Dicke vollkommen exakte Resultate gibt,
dasselbe nicht bei der Bestimmung des Ortes der Linsenflächen der Fall ist,
da der Abstand der Punkte, in welchen das Licht beim Einfallen bzw. beim
Austritte die Hornhaut trifft, zu groß ist, um das zwischenliegende Stück als
sphärisch ansehen zu können. Bei diesen Messungen dürfte es also notwendig
sein, unter Zugrundelegung der in diesen Punkten und im Schnittpunkte der
t Dieses Handbuch. 2. Aufl. S. 103,
2.20.
3 Instrument pour mesurer la profondeur de la chambre antérieure et la courbure de la
cornée. Congrès de Londres. Compte rendu. 1872. S. 209.
* L. Maxoperstam und H. Scuörer, Eine neue Methode zur Bestimmung der optischen
Konstanten des Auges. Arch. f. Ophth. XVIII, 1. 1872. S. 155.
° M. Reıcu, Resultate einiger ophthalmometrischer und mikrooptometrischer Messungen.
Ebenda. XX, 1. 1874. 8. 207.
Gi Ort der Linsenflächen. 287
Hornhaut mit der bei der Messung angewendeten Achse gemessenen Radien
eine Schmiegungsellipse zu berechnen und bei der trigonometrischen Er-
mittelung des Ortes der betrefienden Fläche anzuwenden. Dagegen sind die
Fehler, welche dadurch entstehen, daß von der Brechung in der hinteren Horn-
hautfläche abgesehen wird, von ganz untergeordneter Bedeutung. Nach Tscher-
Sg wird die Achse bei diesen Messungen derart bestimmt, daß die in der
Hornhaut und in der betreffenden Linsenfläche entstandenen Spiegelbilder zweier,
in einer die Fernrohrachse enthaltenden Ebene belegener Lichtquellen scheinbar
in einer geraden Linie liegen sollen. Bei der Berechnung wird die Hornhaut
als sphärisch angesehen, und die von HrLmnouız angegebene Vorsichtsmaßregel,
welche in der Erneuerung der Untersuchung nach Wechsel der Einfallsrichtung
ohne Veränderung der Winkel besteht, scheint nicht beobachtet zu werden.
Von dieser Methode dürfte deshalb gesagt werden müssen, daß sie zwar eine
wesentliche Vereinfachung der Untersuchung darbietet, daß aber die Zuverlässig-
keit der Resultate darunter leidet.
Zur Untersuchung der Tiefe der vorderen Kammer gibt es noch zwei,
hauptsächlich für den klinischen Gebrauch bestimmte Methoden, nämlich die
von Herce! mit einem stereoskopischen Instrumente und wandernder Marke
und die von GrönHoLMm? mit dem Orthoskope von ÜZERMAK, von welchen letztere
nur der Ermittelung approximativer Werte dient.
Die durch die ursprüngliche Hr anotazsche Methode erhaltenen Werte
des Abstandes der Pupillarebene von dem Hornhautscheitel sind
HELMHOLTZ . . . . < 4024 3,597 8,739
Kuppe. 2.7. 0000. 8,092 8,707 78,477 8,579
Anamük und Womow® . 3,998 3,237 2,900 3,633,
während v. Reuss® durchweg kleinere Zahlen gefunden hat, welche offenbar
nicht mit- den obenstehenden zusammen verwertet werden können. Diese geben
den Mittelwert 3,598. Die Methode von MANDELSTAM und ScHöLer hat in
zwei Füllen die Werte 3,921 bzw. 3,651 gegeben, während Reıca für drei
Personen 8,639, 3,708, 3,652 fand, so daß die Methode den Mittelwert 3,714 mm
ergeben hat. Die von Brrx untersuchten emmetropischen Augen zeigten einen
Mittelwert von 3,515, wobei aber zu beachten ist, daß von den fünf Augen nur
eines im Hornhautscheitel gemessen wurde, die übrigen dagegen im Schnittpunkte
der Hornhaut mit der Visierlinie, so daß der wahre Mittelwert etwas größer
sein muß, und sich wahrscheinlich dem mit der Hranottrzschen Methode ge-
fundenen nähert.
1 E, Heroa, Eine neue Methode zur Messung der Tiefe der vorderen Augenkammer.
Arch. f. Augenheilkunde. XLIV. Erg.-Heft. 1901. S. 84.
2 V, Grösnors, Eine einfache Methode die Tiefe der vorderen Augenkammer zu messen.
Skand. Arch. f. Physiologie. XIV. 1908. S. 235.
ss. 18 ff.
t J. H. Kyare, Über die Lage und Krümmung der Oberflächen der menschlichen
Kristallinse und den Einfluß ihrer Veränderungen bei der Akkommodation anf die Dioptrik
des Auges. Arch. f. Ophth, VI, 2. 1860. S. 1.
5 E. Apamüx und M. Worxow, Zur Frage über die Akkommodation der Presbyopen.
Ebenda. XVI, 1. 1870. S. 141.
è A. v. Reuss, Untersuchungen über die optischen Konstanten ametropischer Augen,
Ebenda. XXIII, 4. 1877. 5. 183.
288 Die Dioptrik des Auges. [G.
Die Ergebnisse dieser Untersuchungen leiten zu der Annahme des sche-
matischen Wertes 3,6 mm für den Abstand der vorderen Linsenfläche
von der Hornhautvorderfläche. Derselbe wurde von Hrtanotrz) seinem
schematischen Auge zugrunde gelegt und ist ziemlich allgemein acceptiert worden.
Die von Sraprerpr? und AwErBAacH? mit der approximativen TscHERNINGschen
Methode gefundenen Mittelwerte sind 3,81 (10 Augen) bzw. bei Emmetropie 3,4
(15 Augen), bei Hypermetropie 3,5 (28 Augen), bei Myopie 3,6 (43 Augen).
Die Bestimmung des Ortes der hinteren Linsenfläche ergibt die Dicke
der Linse. Die Resultate der unter Heıunortz’ Leitung ausgeführten Unter-
suchungen sind:
HELMHOLTZÓ . . . . . 3414 3,801 3,555
KRaapp 0, 00 8982078888180 ROHR
Avamük und Womow . 3,202 3,963 8,944 3,567
und ergeben den Mittelwert 3,692 mm. Die Werte von MAnnELSTAMm und
ScHöLer ergeben zusammen mit denen von Reıch den Mittelwert 3,757 mm,
Staprenpr fand im Mittel 3,68, AwerpacHh 8,89, 3,94, 3,85 mm bei bzw.
Emmetropie, Hypermetropie, Myopie.
Heamotarz nahm für sein schematisches Auge den Wert 3,6 mm an. Aus
den obenstehenden Zahlen ergibt sich nun, daß wenn die Untersuchungsmethoden
vollkommen exakt wären, das Erhöhen dieses Wertes um 0,1 bis 0,2 mm be-
rechtigt wäre. Zieht man aber die Fehlerquellen in Betracht, welche von der
asymmetrischen Abflachung der Hornhaut, der unbekannten Form der vorderen
Linsenfläche und dem Anwenden eines Totalindex der Linse herrühren, so
dürfte es keinem Zweifel unterliegen, daß dieser Betrag innerhalb der Grenzen
der Fehlerquellen liegt. Da nun die Linse während des ganzen Lebens wächst,
wobei die an der toten Linse gemessene Dicke nach den bisherigen Unter-
suchungen zu urteilen zunimmt, jedenfalls aber nicht abnimmt, da der Unter-
schied der Dicke der im Auge befindlichen nicht akkommodierenden Linse von
der toten Linse mit dem Alter abnimmt und da endlich der schematische Wert
wegen der große individuelle Unterschiede darbietenden, schon bald nach dem
jugendlichen Alter wahrnehmbaren Veränderungen der Linsensubstanz, einem
jugendlichen Auge entsprechen soll, so muß derselbe etwas niedriger als der
Mittelwert gewählt werden, und ich komme zu dem Schluß, daß in dem vor-
liegenden Untersuchungsmateriale hinreichende Gründe nicht enthalten sind,
um den von Hrtanourz angenommenen schematischen Wert der Dicke
der nicht akkommodierenden Linse, 8,6 mm, zu ändern.
Krümmung der Linsenflächen. Dasselbe gilt auch von den Krümmungs-
radien der beiden Linsenflächen. Die Unterschiede der betreffenden Mittelwerte
von den von HrıLmuorrtz angenommenen schematischen Werten fallen innerhalb
der Grenze der durch die Methoden bedingten Fehlerquellen. Es dürfte deshalb
überflüssig sein, die Zahlen hier anzuführen, es genügt zu erwähnen, daß auch
1 Dieses Handbuch 2. Aufl.
? A. Srapreror, Den menneskelige linses optiske konstanter, Kopenhagen 1898,
* M. Awenrsacn, Zur Dioptrik der Augen bei verschiedenen Refraktionen. (Russisch.)
Inaug.-Diss. Moskau 1900. Ref. im Jahresber. ü. d. Leist. u. Fortschr. i. G. d. Ophthalmologie.
XXXI. §. 652.
$R 91.
G] Krümmung der Linsenflächen. 289
die nach Tsowerninss Methode ausgeführten Untersuchungen ähnliche Resultate
gegeben haben, indem Stapreupr die Mittelwerte 10,9 und 6,0 mm, AWERBACH
10,4 und 6,1 mm angibt. Die schematischen Werte der Krümmungsradien
der Linsenflächen 10 bzw. 6 mm, welche von HErmHOLTZ angewendet wurden,
dürften demnach immer noch die besten sein.
Zur Messung der Krümmung der Linsenflächen wurde bei den älteren Unter-
suchungen teils die ursprüngliche Methode von HeLmnorrz angewendet, teils
wurden auch die unter Anwendung von Sonnenlicht! oder Drummonnpschem
Kalklicht? erhaltenen Spiegelbilder direkt mit dem Ophthalmometer von HELM-
HOLTZ gemessen. Zur letzteren Methode eignen sich vorzüglich die ophthalmo-
metrischen Nernstlampen. Für eine genaue Berechnung des Radius aus dem
Messungsresultate hat man die oben bei der Ermittelung der Krümmung der
hinteren Fläche der Hornhaut angegebene Methode zu befolgen. Einen approxi-
mativen Wert erhält man unter Anwendung der von HeLmnoutz® angegebenen
Formel, welche für unendlich kleine Inzidenzwinkel gültig ist, Die Unter-
suchungen, die ich auf erstgenannte Weise ausgeführt habe, geben ebensowenig
wie die Untersuchungen anderer Anlaß zu einer Änderung der schematischen
Werte der Abstände oder Krümmungen der Linsenflächen.
Eigentümlich sind die im Laboratorium von TscHErNIınG angestellten
Messungen von Sauxte.* In einer ziemlich komplizierten Versuchsanordnung kam
diffuses, durch eine elektrische Bogenlampe erhaltenes Licht zur Verwendung. Da
einfallendes Licht und Ophthalmometerachse auf dieselbe Weise, wie oben bei der
Messung der hinteren Hornhautfläche beschrieben wurde, einen Winkel mit-
einander bildeten, nannte er seine Methode eine „dezentrierte Ophthalmometrie“.
Trotz der schiefen Inzidenz sind aber bei der Rechnung Formeln angewendet
worden, welche nur für senkrechte Inzidenz gelten, so daß die Resultate nicht
verwertbar sind.
Die von SrapreLpT und Awerpach benutzte Tschernınssche Methode
besteht in der Ermittelung der scheinbaren Lage der Krümmungsmittelpunkte
auf eine zur Ermittelung des Ortes der Flächen analoge Weise. Läßt man
nämlich, nachdem eine Zentrierungsachse bestimmt worden ist, das Licht in der
Richtung der Ophthalmometerachse in das Auge fallen, während die Zentrierungs-
achse einen endlichen Winkel mit derselben bildet, so kann man nach Be-
stimmung des Einfallswinkels den Ort des Krümmungsmittelpunktes durch
trigonometrische Rechnung finden. Da aber ziemlich große Winkel nötig sind,
und die Flächen bei der Rechnung als sphärisch angesehen werden, so können
auf diese Weise nur approximative Werte erhalten werden, deren Fehler sich
der Berechnung entziehen. Tscuernıng hat selbst darauf aufmerksam gemacht,
daß die Messungsresultate an Zuverlässigkeit zu wünschen übrig lassen, indem
er die aus der geringen spezifischen Helligkeit der angewendeten Lichtquellen
resultierende Unsicherheit hervorgehoben hat. Es dürften deshalb die Unter-
schiede der Werte von StapreLpr und Awersach von den schematischen
Werten mit Sicherheit innerhalb der Grenzen der möglichen Fehlerquellen
fallen.
! B. Rosow, Zur Ophthalmometrie. A. d. physiol. Labor. des Herrn Prof. Heısuortz,
Arch. f. Ophth. XI, 2. S. 129.
2? v, Reuss, a. a. 0.
3 Dieses Handbuch, 2. Aufl. S. 144.
* 0. H. Sauxte, Linsemaalinger (Linsenmessungen). Odense 1905.
v. HeLsuortz, Physiologische Optik. 8, Aufl. I. 19
290 Die Dioptrik des Auges. [G.
Die Form der Linsenflächen ist von Besıo! im lebenden Auge mit der
Tscherningschen Methode näher untersucht worden. Er fand dabei eine so
auffallende Abflachung nach der Peripherie, daß dieselbe mit Sicherheit weit
außerhalb der Grenze der möglichen Fehler liegt. Dagegen dürften wegen der
approximativen Berechnungsmethode die Ergebnisse in quantitativer Hinsicht
nicht dieselbe Sicherheit beanspruchen können. Er fand die Form der
Schmiegungsfläche zweiten Grades für die vordere Linsenfläche hyperbolisch, für
die hintere parabolisch. Die Abflachung nach der Peripherie wurde durch
Untersuchungen an der toten Linse unter Beobachtung nötiger Vorsichtsmaßregeln
und unter Anwendung exakter Berechnungsmethode von Darts? konstatiert,
während Houru®? betrefis der vorderen Linsenfläche zu entgegengesetztem
Resultate gekommen war.
Bei der Untersuchung der in der vorderen Linsenfläche entstehenden
Spiegelbilder kann man manchmal beobachten, daß bei kleinen Bewegungen des
untersuchten Auges die Spiegelbilder kleine Bewegungen mit auffallend großer
Geschwindigkeit ausführen, wie wenn Dellen oder Furchen vorhanden wären.
Da aber das gespiegelte Licht, wie aus,der diffusen Form der Spiegelbilder
hervorgeht, nicht ausschließlich von der vorderen Linsenfläche herrührt, sondern
zum Teil auch von den derselben am nächsten liegenden Schichten reflektiert
wird, so kann hieraus betreffend die Form der Fläche kein Schluß gezogen
werden.
Die Linsensubstanz stellt, wie die refraktometrischen Untersuchungen
lehren, ein Medium mit variablem Brechungsindex dar. Die physiologischen
Untersuchungen lehren, daß die Variation im kindlichen Alter bis zum Anfang
des jugendlichen eine kontinuierliche ist. Gegen Ende der zweiten Lebens-
dekade, oder meistens etwas später, beginnen aber Lichtreflexe aufzutreten,
welche eine Diskontinuität in der Variation des Brechungsindex beweisen. Es
sind dies die beim Menschen zuerst von Hrss* beschriebenen „Kernbildchen“,
welche sich bei Bewegungen der Lichtquelle so verhalten, als ob sie in einer
kontinuierlichen Fläche entstünden. Demgemäß ist es, um die Dioptrik der
Linse untersuchen zu können, erforderlich, die Gesetze der optischen Abbildung
nicht nur in Medien mit kontinuierlich variablem Brechungsindex, sondern auch
bei solchen Diskontinuitäten der Indexvariation zu kennen, welche als Trennungs-
flächen zwischen zwei verschiedenen Medien mit variablem Brechungsindex be-
handelt werden können. Obwohl zwar unsere Kenntnisse von den Diskontinuitäts-
flächen® nicht ausreichend sind, um die betreffenden Gesetze auf dieselben
anzuwenden, sind diese doch bei der durch die Linsenflächen bewirkten Abbildung
unumgänglich nötig, indem diese Abbildung beim schiefen Durchgange des
Lichts nicht durch die gewöhnlichen Formeln bestimmt wird. Das Problem
1 E, Besıo, La forme du cristallin humain, Journal de physiologie et de pathologie générale.
III. 1901. S. 547, 761, 788.
® Aının Dat ës, Ophthalmometrische Messungen an der toten menschlichen Kristallinse.
Mitt. a. d. Augenklinik d. Carol. Med. Chir, Inst. z. Stockholm. 1905.
3 S. Hoen, Études ophthalmometriques sur Poet! humain après la mort. IX. Congr.
intern. d’ophth. d'Utrecht. Compte rendu. 1899. S. 386.
* C. Hess, Über Linsenbildchen, die durch Spiegelung am Kerne der normalen Linse
entstehen. Arch. f. Augenheilk. LI. 1905. S. 875.
® Der Begriff der Diskontinuität bezieht sich ausschließlich auf die mathematische
Funktion der Indexvariation, nicht aber auf die Ausfüllung des Raumes durch Linsen-
substanz.
G] Abbildung in heterogenen Medien. 291
ist von L. Hermann! und L., Marrmngserg? in Angriff genommen worden, indem
die Differentialgleichungen der Strahlenvereinigung aus den für homogene Medien
geltenden Formeln durch einen Limesübergang gewonnen wurden. Diese
Methode ist aber nur dann zuverlässig, wenn ein solcher Limesübergang nicht
bei der Entwicklung der angewendeten Formeln stattgefunden hat, und in
Übereinstimmung hiermit sind die auf diese Weise erhaltenen Differential-
gleichungen der Strahlenvereinigung in einem Meridianschnitte und der Aberration
falsch, Da die Untersuchungen sich überdies nicht auf die Vergrößerungs-
koeffizienten erstreckten, so war von den nötigen Gesetzen nur die zuerst von
Lipricn ® gegebene Differentialgleichung der Strahlenvereinigung längs der Achse
eines Umdrehungssystems und die von Hermann für konzentrisch geschichtete,
von MArrHıessen für Umdrehungssysteme deduzierte Differentialgleichung der
Strahlenvereinigung im Äquatorealschnitte bekannt, wozu noch kommt, daß ein
von MATTHIESsEN® gefundenes approximatives Gesetz der Indexzunahme in
derselben Weise zur Integration verwendet worden war, als ob es mathe-
matisch exakt wäre, und daß hierdurch wiederum falsche Resultate gewonnen
worden waren.
Bei der Ermittelung der bezüglichen Gesetze® ergibt sich nun, daß die
allgemeine Fundamentalgleichung der optischen Abbildung und die aus der-
selben deduzierten allgemeinen Grundgesetze (S. 233) in beliebigen optischen
Systemen auch dann gültig sind, wenn in denselben Medien mit kontinuierlich
variablem Brechungsindex vorhanden sind. Die betreffenden Differential-
gleichungen nehmen für den Fall einer Symmetrieebene eine einfachere Gestalt
an, welche somit für die Meridianebene eines Umdrehungssystems zur An-
wendung kommen. Durch Integration ergeben sich für diesen Fall die bei
homogenen Medien geltenden Gleichungen
Si BA Le xKB=A,
wo die Brechkraft durch ein der Summenformel entsprechendes definitives
Integral erhalten wird. Außer den vollständigen Gesetzen erster Ordnung hat
die Untersuchung die Formeln zur Berechnung der Aberration ergeben. Was
den in den Linsenflächen stattfindenden Übergang des Lichts zwischen zwei
Medien betrifft, von welchen das eine einen variablen Brechungsindex besitzt,
so hat die Brechkraft nur bei der zweiten, nicht aber bei der ersten Abbildung
denselben Wert wie zwischen zwei homogenen Medien, und die Formel zur
Berechnung der Aberration längs der Achse ist auch eine andere,
Die Untersuchung der Strahlenvereinigung im Auge unter Anwendung eines
leuchtenden Punktes hat ergeben, daß die Wellenfläche des im Auge ge-
brochenen Strahlenbündels zwar keine Umdrehungsfläche ist, aber als eine voll-
ständige Berührung vierter Ordnung mit einer solchen habend behandelt werden
kann. Die um den leuchtenden Punkt sichtbaren Strahlengebilde werden durch
1 L, Herstans, Über Brechung bei schiefer Inzidenz mit besonderer Berücksichtigung
des Auges, Arch. f. d. ges. Physiol. XXVII. 1882, S. 291.
® L, Marrnıessex, Über den schiefen Durchgang unendlich dünner Strahlenbündel durch
die Krystallinse des Auges. Ebenda. XXXII. 1883. 8. 97.
3 In einem Referate in Zeitschr. f. Math. u. Phys. XXIII. 1878. Hist.-Lit. Abt. S. 68.
* Grundriß der Dioptrik geschichteter Linsensysteme. Leipzig 1877.
5 A. Guxsstrann, Die optische Abbildung in heterogenen Medien und die Dioptrik der
Kristallinse des Menschen. K. Sr. Hei, Akad. Handl. XLIII. 1908. Nr. 2.
19*
292 Die Dioptrik des Auges. [G.
eine bestimmte Beschaffenheit der Wellenfläche bedingt, welche durch einen
wellenförmigen Verlauf der Schnittlinie derselben mit einem koaxialen Zylinder
gekennzeichnet ist. Da das Entstehen dieser Form der Wellenfläche beim
Durchgang des Lichts durch die Linse bewiesen ist (S. 164), so müssen mit
mathematischer Notwendigkeit entweder die Linsenflächen oder die Isoindizial-
flächen der Linsensubstanz eine solche Form haben. Letztere Flächen, welche
durch Punkte mit einem und demselben Brechungsindex gelegt werden, bilden
somit ein System, welches eine vollständige Berührung vierter Ordnung mit
einem Umdrehungssystem hat, und es kann nur dieses Umdrehungssystem
Gegenstand der Untersuchung sein.
Wenn die Linse als ein Medium mit kontinuierlich variablem Brechungs-
index behandelt wird, so ist dies nur betrefis der jugendlichen Linse, welche
keine Zeichen einer Diskontinuität darbietet, vollkommen exakt, für die reifere
Linsö dagegen jedenfalls so exakt, wie es die bisher vorliegenden physiologischen
Daten erlauben. Die mathematischen Mittel zur Behandlung der Dioptrik der
Diskontinuitätsflächen sind vorrätig.
Die Linsensubstanz stellt ein optisches System dar, welches bei der Unter-
suchung der Dioptrik der Linse mit den durch die Linsenflüächen repräsen-
tierten auf gewöhnliche Weise zusammengesetzt wird, und welches ich nach
dem Vorschlage Marrutessens als die Kernlinse bezeichne. Diese ist somit
als ein Umdrehungssystem mit kontinuierlich variablem Brechungsindex zu be-
handeln, und es erübrigt nur, das Gesetz der Indexvariation zu ermitteln, um
die vollständige Dioptrik der Linse kennen zu lernen. Da die maximale Index-
differenz ebenso wie Linsendicke und Pupillendurchmesser im Verhältnis zur
Brennweite relativ klein sind, so kann dieses Gesetz in der Form einer Serie
dargestellt werden, wofern nur durch refraktometrische Untersuchungen die
Konvergenz der Serie bewiesen wird. Wenn man den Punkt, wo der Brechungs-
index den maximalen Wert erreicht, als Linsenzentrum bezeichnet und als
Nullpunkt eines Koordinatensystems wählt, dessen z-Achse mit der Umdrehungs-
achse zusammenfällt und in der Richtung nach der Netzhaut zu positiv
gerechnet wird, so ist die allgemeine Form der Indizialgleichung' unter
Mitnahme von Gliedern bis einschließlich der vierten Ordnung, wenn u, den
Brechungsindex im Linsenzentrum, u denjenigen im Punkte zu bezeichnet:
1 1 1 |
M u= gma ny’) ele +3 Nay’) + gg Hab TM e Py")
indem die übrigen Koeffizienten in einem Umdrehungssystem gleich Null sind.
Werden in dieser Serie nur die beiden ersten Glieder mitgenommen, so ist die
Indizialgleichung vom zweiten Grade, und die Indizialkurve, welche entsteht,
wenn längs einem Durchmesser der Linse die Abstände vom Zentrum als
Abszissen, die Brechungsindizes als Ordinaten eingetragen werden, stellt eine
Parabel dar. Marruısssen und seine Nachfolger haben nun durch eine Reihe
von Untersuchungen an menschlichen und tierischen Linsen konstatiert, daß die
Indizialkurve annähernd eine parabolische Form hat, obwohl die Schmiegungs-
kurve zweiten Grades auch eine Ellipse mit großer Exzentrizität sein kann.
Hierdurch ist zur vollen Evidenz bewiesen, daß die Darstellung der Indizial-
gleichung in der Form einer Serie gestattet ist, indem diese Serie stark kon-
vergiert, sowie daß die Indizialgleichung zweiten Grades eine erste Annäherung
darstellt, deren Anwendung innerhalb der Grenzen gestattet ist, wo dieselbe
G.) Ermittelung der Indizialgleichung der Linse. 298
nicht mit mathematischen oder physikalischen Tatsachen in Widerspruch kommt.
Die mathematische Untersuchung lehrt aber, daß solche Widersprüche vorhanden
sind. Marruiessen konnte keine einheitliche Indizialgleichung für die Kernlinse
aufstellen, sondern mußte jeder Hälfte derselben eine besondere Funktion zu-
erteilen, wobei die Isoindizialflächen des einen Systems diejenigen des anderen
einfach schneiden, obwohl in der schematischen, Figur einer Meridianebene'! die
Schnittpunkte willkürlich abgerundet sind. Dies kommt aber einer durch das
Linsenzentrum gehenden Diskontinuitätsfliche gleich, welche den Anlaß zu
einem Reflexe geben müßte, und deren Existenz auf Grund der absoluten Ab-
wesenheit einer entsprechenden anatomischen Anordnung mit Sicherheit in
Abrede gestellt werden kann. An der Hand der Ergebnisse der letzten
refraktometrischen Untersuchungen? wäre es zwar nunmehr möglich, für eine
symmetrische akkommodierende Linse eine einheitliche Indizialgleichung zweiten
Grades, für die asymmetrische eine solche dritten Grades aufzustellen. Da
dies aber eine so hochgradige Verdickung der Linse bei der Akkommodation
bedingen würde, daß sie bestimmt ausgeschlossen werden kann, so zeigt es sich
unumgänglich notwendig, bei der Untersuchung der Dioptrik der Kernlinse
sämtliche Glieder bis einschließlich der vierten Ordnung in der Indizialgleichung
mitzunehmen. Eine andere Indizialgleichung zweiten Grades, welche durch
Reihenentwicklung des reziproken Wertes des Brechungsindex erhalten wird,
rührt von Maxweıu her, stellt aber wesentlich nichts anderes dar, als ein
interessantes geometrisch optisches Problem ohne physiologische Realität. Bei
Nichtberücksichtigung von Gliedern höherer Ordnung als der zweiten fällt sie
mit der Marrurzssenschen zusammen.
Die parabolische Indizialkurve Marruıessens, welche auch in der spätesten
Untersuchung auf diesem Gebiete, der von Moxoven! angewendet wurde, ist
ein typisches Analogon zu den Srurmschen Brennlinien des allgemeinen Strahlen-
bündels, indem beide Approximationen durch Weglassen Glieder höherer Ordnung
als der zweiten entstanden und außerhalb der Grenzen angewendet worden sind,
wo diese Approximation zulässig ist. Der unglückliche Einfluß, den die Brenn-
linien in der geometrischen Optik ausgeübt haben, findet in dem von MATTHIESSEN
gegebenen Gesetze des Totalindex ein vollkommenes Gegenstück. Wie die
mathematische Untersuchung lehrt, verändert sich allgemein der Totalindex bei
jeder Formveränderung der Linse und kann somit gar nicht aus den Werten
des Brechungsindex im Linsenzentrum und in der äußersten Kortikalschicht
berechnet werden. Marruızssens Gesetz, daß der Totalindex den Index des
Linsenzentrums um ebensoviel übersteigt, wie dieser den Index des äußersten
Cortex, wäre zwar richtig, wenn die Indizialflächen mit mathematischer
Genauigkeit einander geometrisch ähnliche Flächen zweiten Grades darstellten,
und wenn keine anderen Formveränderungen der Linse vorkommen könnten, als
daß diese Eigenschaft unverändert beibehalten würde. Daß dieser singuläre
Fall bei der menschlichen Linse ausgeschlossen ist, geht aus dem oben Ge-
sagten hervor.
t a.a. O. Grundriß usw. S. 198.
* Freyras, à. a. 0.
1 Moxover, La théorie des systèmes stratifiés. Sociélé française d’ophthalmologie,
Congrès de 1908. Paris 1908. Die Methode ist eine Variante derjenigen von MATTHIESSEN
und ergibt, wie diese, keine einheitliche Indizialgleichung.
294 Die Dioptrik des Auges. [G.
Die nächste Aufgabe ist somit, die sieben Konstanten der oben angegebenen
Indizialgleichung zu bestimmen. Aus den refraktometrischen Untersuchungen
können mit Hinsicht auf die Grenzen der durch die Methoden erzielbaren
Genauigkeit nicht mehr als drei Gleichungen zu diesem Zwecke erhalten werden,
indem der Index im Linsenzentrum, in den Linsenpolen und am Äquator als
mit hinreichender Genauigkeit bekannt angesehen werden kann. Zwei weitere
Gleichungen ergeben sich aus den Werten der Krümmungsradien der Linsen-
flächen, indem mit größter Wahrscheinlichkeit angenommen werden muß, daß
die anliegenden Isoindizialflächen dieselben Krümmungen haben. Zu noch einer
Gleichung reichen unsere physiologischen Kenntnisse aus, indem die Brechkraft
der Kernlinse aus dem Refraktionsverluste des Auges bei der Linsenentfernung
berechnet werden kann. Da aber noch eine Gleichung übrig bleibt, als welche
das Marruressensche parabolische Gesetz angewendet werden kann, wenn die
Gültigkeit desselben auf die Linsenachse beschränkt wird, und da die Ergebnisse
der Untersuchungen, aus welchen dasselbe erhalten wurde, die Annahme
desselben überall dort berechtigt machen, wo es nicht mit den Tatsachen in
Widerspruch kommt, so habe ich die erforderliche 7. Gleichung dadurch ge-
wonnen, daß ich eine parabolische Indizialkurve längs der Achse angenommen
habe, wobei die Konstante p, gleich Null wird. Dabei habe ich aber durch
eine besondere Untersuchung gezeigt, daß eine Abweichung von diesem Gesetze
längs der Achse, auch in einem Grade, welcher durch unsere sonstigen Kenntnisse
ausgeschlossen ist, keinen wesentlichen Einfluß ausübt. Auf jeden Fall habe
ich den Deduktionen eine solche Form gegeben, daß, wenn künftige Unter-
suchungen einen von Null abweichenden Wert von p, ergeben sollten, die Kon-
stanten der Indizialgleichung unmittelbar durch Einsetzen dieses Wertes erhalten
werden können.
Die Lage des Linsenzentrums kann wegen der langsamen Variation des
Brechungsindex in der Nähe desselben nur approximativ bestimmt werden. Mit
Hinsicht darauf, daß die ausgiebigere Formveränderung der vorderen Fläche
bei der Akkommodation, bei welcher die Linse sich der symmetrischen Form
nähert, eine erheblichere Dickenzunahme des vor als des hinter dem Zentrum
belegenen Teiles der Linse wahrscheinlich macht, und daß nach eingetretener
Sklerosierung des Kernes dieser gewöhnlich etwas näher der vorderen als der
hinteren Fläche gefunden wird, habe ich schätzungsweise dem Abstand des
Linsenzentrums von der vorderen bzw. hinteren Linsenfläche den Wert 1,7 bzw.
1,9 mm gegeben. Eine Vernachlässigung dieses Unterschiedes wäre aber für
die Dioptrik der Linse ohne wesentliche Bedeutung.
Was die Brechungsindizes betrifft, so kann den älteren, vor der Ein-
führung des Refraktometers gemachten Untersuchungen kein Wert beigelegt
werden. Die neueren, mit diesem Instrumente ausgeführten Untersuchungen
haben Zahlen ergeben, welche sich für äußersten Cortex bzw. Linsenzentrum um
1,38 bis 1,89 bzw. um 1,40 bis 1,42 bewegen. Die ohne jedem Zweifel zu-
verläßlichsten Resultate stammen von Freyras!, welcher eine große Zahl von
Messungen unter sorgfältiger Beachtung nötiger Kautelen ausgeführt hat. Ich
lege deshalb seine Zahlen den schematischen Werten zugrunde. Aus seiner
Tab. III ergeben sich für menschliche Augen bei einem Alter bis 80 Jahre als
Mittelwerte des Index der oberflächlichsten Schicht.
12.20.
Gi Ermittelung der Brechkraft der Linse. 295
Vorderer Pol Äquator Hinterer Pol
1,387 1,375 1,385
und die Tab. IX ergibt für dieselbe Kategorie von Augen den Mittelwert des
Index im
Linsenzentrum: 1,406.
Der hierdurch konstatierte Indexunterschied zwischen den Polen einerseits
und dem Äquator auf der andern Seite ist von größter Bedeutung für die
Dioptrik der Linse, und es ist u.a. eben dieser Unterschied, welcher es nun-
mehr ermöglicht, eine Marrutessensche Indizialgleichung zweiten Grades für die
akkommodierende Linse aufzustellen. Der gefundene Unterschied zwischen
den beiden Linsenpolen dürfte nicht dieselbe Bedeutung beanspruchen können,
da erstens ein solcher Unterschied nicht merkbar auf die dioptrischen Gleichungen
einwirkt, zweitens die Differenz sehr klein ist, und drittens die post mortem
eintretende Vertrocknung des Auges einen Flüssigkeitswechsel in demselben
bewirkt, welcher das Resultat in dieser Hinsicht weniger sicher macht. Ich
nehme deshalb für den Index der beiden Linsenpole den Mittelwert 1,386 als
schematischen Wert an. Was den Index am Äquator betrifft, so kann der-
selbe erst dann in die Rechnung eingeführt werden, wenn der Abstand der
betreffenden Schicht vom Linsenzentrum bekannt jet, Da hierüber keine
Messungen angestellt worden zu sein scheinen, verwende ich das Resultat
derart, daß ich den schematischen Index 1,376 dem Punkte s = 0, y = + 4,2
zuerteile, wobei der obenstehende Mittelwert einem etwas peripherer liegenden
schätzungsweise mit dem Äquator zusammenfallenden Punkte angehört.
Die Brechkraft der Kernlinse bzw. der Totalindex der Linse würde
sich aus den so bestimmten schematischen Werten ergeben, wenn das von
MATTHIEsSSEN aufgestellte Gesetz des Totalindex richtig wäre. Da aber dies
nicht der Fall ist, so bleibt nur noch übrig, den betreffenden Wert durch
direkte Untersuchung zu ermitteln. Die Veränderung des Totalindex bei jeder
Formveränderung der Linse macht wiederum die Ermittelung desselben sowohl
an der toten Linse durch direkte Messung nach dem Vorgang von HELMHOLTZ
(S. 88), wie an der lebenden nach dem Vorgang von Berzin!) durch Vergleich
der ruhenden und der akkommodierenden Linse illusorisch. Auf der anderen
Seite dürfte diese Veränderung zusammen mit den Fehlerquellen, welche durch
postmortale Veränderungen der physikalischen Brechungsindizes bedingt werden,
den auffallend großen Unterschied der von Hrtapotaz (S. 90) und SrapreLpr?)
gefundenen Werte 1,4519, 1,4414 bzw. 1,4260 bis 1,4434 erklären, da in der
Art der Befestigung der Linse bei der Untersuchung ein variierender, auf den
Wert des Totalindex einwirkender Faktor gegeben ist. Ob der Totalindex der
akkommodationslosen Linse im lebenden Auge überhaupt an der toten Linse
erhalten werden kann, scheint sogar sehr zweifelhaft, da dabei sämtliche
statischen Verhältnisse, insbesondere auch die Verteilung der Spannung der
Zonula zwischen den einzelnen Gruppen von Zonulafasern exakt nachgeahmt
werden müssen.
Es steht hierdurch fest, daß die Brechkraft der Linse bzw. der Totalindex
derselben nur am lebenden Auge ermittelt werden kann, wozu nur eine Methode
1 E, Berny, Über eine Bestimmung des Totalindex der Linse am lebenden Auge. Arch.
f. Ophth. XLIII. 1897. S. 287.
? a. a, O.
296 Die Dioptrik des Auges. [G.
übrig bleibt, nämlich die Berechnung aus dem Refraktionsverluste des Auges
bei der Linsenextraktion. Diese Frage wurde im Gebiete der Ophthalmologie
aktuell, als in den beiden letzten Jahrzehnten die operative Behandlung der
Myopie durch Entfernen der Linse in Aufschwung kam. Es ergab sich hierbei
durch den Vergleich der Korrektion vor und nach der Operation, daß das sche-
matische Auge von HerLmuortz den tatsächlichen Verhältnissen nicht hinreichend
entspricht, indem der Totalindex der Linse zu groß, die Augenachse zu kurz ist.
Für diese Berechnung des Totalindex kann man nach Bjerke! die Refrak-
tion des Auges vor und nach der Entfernung der Linse im scheinbaren Orte
des optischen Zentrums der Linse bestimmen, wobei der Refraktionsverlust
direkt der Brechkraft der Linse proportional ist, und die Approximation, welche
darin liegt, daß man ein optisches Zentrum an Stelle der Hauptpunkte der
Linse setzt, bei der erzielbaren Genauigkeit der Berechnung ohne Einfluß ist.
Zur Berechnung eignet sich am besten folgende Methode. Die allgemeinen
auf die Hauptpunkte der Hornhaut bezogenen Abbildungsgleichungen
B=A+D A Res A
ergeben, wenn A der reduzierte Abstand des optischen Zentrums der Linse
vom hinteren Hauptpunkt des Hornhautsystems, x den Vergrößerungskoeffizienten
in demselben optischen Zentrum und æ den scheinbaren Ort desselben in bezug
1
auf die vordere Hornhautfläche darstellen, somit ABK durch bzw. eg AF
—
ersetzt werden:
)
x=1-0D, SEET
Unter Beachtung der Tatsache, daß die Abstände des optischen Zentrums
der Linse von den beiden Linsenflächen sich wie die Krümmungsradien ver-
halten, findet man mit den angegebenen schematischen Werten
0,05 + 3,6 + 2,25
1,886
x = 0,80987 x = 5,4 mm.
Wird die Brechkraft von Hornhaut-, Linsen- und Vollsystem mit bzw.
D,D,D, bezeichnet, so ergibt die allgemeine Formel für die Zusammensetzung
zweier Systeme
d =
D, = D, +x D, e
Stellen bei der scharfen Abbildung im Vollauge bzw. im linsenlosen Auge AB
bzw. 4,B, die im scheinbaren bzw. wirklichen Orte des optischen Zentrums
der Linse gemessenen reduzierten Konvergenzen der Strahlenbündel dar, so ist
x“"B=A+xD, x? Bes 4+ xD,
und es resultiert, da die im linken Membrum stehenden Werte in beiden
Gleichungen identisch sind,
Ans A =x’ D,
Der Wert von A, ergibt sich aus der hinreichend bestätigten Erfahrung,
daß die Mehrzahl der Staroperierten eine Brille von 10 bis 11 Dioptrien
1 K. Bænke, Über die Veränderung der Refraktion und Sehschärfe nach Entfernung
der Linse. II. Arch. f. Ophth. LV. 2. 1908. 8. 191.
G] Die Brechkraft der Linse. 297
braucht, um scharf in die Ferne zu sehen. Bei den bisher nicht recht ge-
lungenen Bemühungen, diese Tatsache mit den bekannten Vorschlägen zu einem
schematischen Auge in Einklang zu bringen, hat man einen erhöhten optischen
Efřekt der Korrektionsgläser für die Rechnung gewonnen, indem man einen
großen Abstand des Glases vom Hornhautscheitel angenommen hat. So verlegt
Treutter! den hinteren Pol des Korrektionsglases in den Abstand von 13 mm
vom Hornhautscheitel und berechnet den Abstand des hinteren Hauptpunktes
desselben von der Glasfläche zu 1,5 mm. Unter Zugrundelegung des mittleren
Wertes der Korrektion findet er auf diese Weise den Mittelwert 80,785 mm
für den Abstand des virtuellen Fernpunktes des linsenlosen Auges vom Horn-
hautscheitel, was einem Werte A, = 13,27 D. entsprechen würde.
Hierzu ist nur zu bemerken, daß dieser Wert sicher etwas zu hoch ist, da
bei einer genauen Bestimmung der Refraktion der Abstand des Glases vom Auge
so klein wie möglich gemacht wird, und da wohl nunmehr in den meisten
Kliniken die Staroperierten nicht Wimpern tragen. Wenn ich trotzdem den-
selben Wert annehme, so betrachte ich demnach denselben als einen oberen
Grenzwert.
Zur Berechnung der Brechkraft der Linse ist es nicht, wie angenommen
zu werden pflegt, zulässig, einfach A = 0 zu setzen, denn erstens ist die normale,
durch Untersuchung mit Gläsern ermittelte Refraktion des Auges in dem Alter,
wo die überwiegende Mehrzahl der Stare extrahiert wird, nicht emmetropisch,
und zweitens gibt diese Untersuchung wegen der Aberration nicht den in den
Abbildungsgesetzen erster Ordnung anzuwendenden Wert längs der Achse.
Während die Aberration des Vollauges dazu ausreicht, um einen Unterschied
von wenigstens 1 D. zwischen diesem Werte und dem bei der Untersuchung
der Refraktion mit Gläsern gefundenen zu bedingen, so dürfte ein solcher
Unterschied im staroperierten Auge nicht vorhanden sein. Zwar habe ich
ophthalmometrisch bewiesen, daß derjenige Teil der Hornhaut, welcher gewöhn-
lich vom oberen Lide unbedeckt bleibt und bei mäßiger Pupillengröße in Be-
tracht kommt, eine geringe positive Aberration verursacht, und ich habe dasselbe
durch ophthalmoskopische Untersuchung in einem Falle von Spontanresorption
der Linse konstatiert, aber nach der Staroperation tritt eine ausgeprägte Ab-
flachung des vertikalen Hornhautschnittes ein, welche den Effekt der Aberration
beeinträchtigt, so daß die mit Gläsern gefundene Refraktion des staroperierten
Auges mit größter Wahrscheinlichkeit der Refraktion auf der Achse entspricht.
Während demnach der Wert von A, durch die Aberration unbeeinflußt ist,
so ist der Wert von A gleich der Summe des Mittelwertes der Refraktion im
durchschnittlichen Alter der Staroperierten und des durch die Aberration be-
dingten Unterschiedes der gemessenen Refraktion und der exakten Refraktion
auf der Achse, Wenn ich nun den schematischen Wert A = 0,75 D. annehme,
so dürfte ich somit einen unteren Grenzwert gewählt haben. Der aus oben-
stehender Formel erhaltene Wert der Brechkraft der Linse 19,1 D, dürfte somit
sicher nicht zu klein sein. Da die Brechkraft der beiden Linsenflächen 5 bzw.
8,83.. D. beträgt, so ergibt sich als approximativer schematischer Wert der
Brechkraft der Kernlinse der Betrag von 6 Dioptrien als ein wahrscheinlicher
oberer Grenzwert. Bei der Berechnung eines schematischen Auges mit so
1 Einige Bemerkungen zu den schematischen Augen. Klin. Monatsbl. f. Augenheilk.
XL. 1902. SL
298 Die Dioptrik des Auges. IG.
geringer Brechkraft der Linse zeigt es sich nun, daß nur mit diesem oberen
Grenzwerte eine Übereinstimmung der Achsenlänge mit den Ergebnissen ana-
tomischer Untersuchungen erreicht werden kann, weshalb ich auch denselben
der Berechnung der Indizialgleichung zugrunde lege. Wenn die Koordinaten
der Linsenpole bzw. Brechungsindices und Krümmungsradien in demselben mit
%, Ty Dn Hy O, 0, der Brechungsindex im Linsenzentrum bzw. im Punkte z=0,
y =+ 4,2 mit He its und der approximative Wert der Brechkraft der Kernlinse
mit D bezeichnet werden, so habe ich demnach folgende Werte mit dem Milli-
meter als Längeneinheit in die Rechnung eingeführt:
sc Li x = 1,9 oss 10 o =—6 D = 0,006
uo = 1,406 D = a = 1,386 H, = 1,376.
Dieselben ergeben für p „= 0 folgende Werte der Konstanten der Indizial-
gleichung
m= 0,012537 n = 0,0010475
M = — 0,0023004 N = 0,00011470
?,= 0,0011150 p, = 0,0016012.
Es ist zu beachten, daß diese Konstanten nicht Zahlenwerte sind, sondern
in physikalischer Bedeutung eine Dimension haben, somit nur für die gewählte
Längeneinheit gelten, und daß die Einheit der Brechkraft und der reduzierten
Konvergenz, wenn die Länge in Millimetern gemessen wird, dem Tausend-
fachen der Dioptrie gleichkommt.
Unter Anwendung der Indizialgleichung habe ich die Schnittlinien der
Isoindizialflächen mit einer Meridianebene für den Index 1,386 und 1,404 durch
Berechnung einer hinreichenden Anzahl Koordinaten kon-
struiert. ` Die äußere Linie (Fig. 131) fällt somit nicht mit
der Oberfläche der Linse zusammen, sondern hat nur in den
Polen eine Berührung zweiter Ordnung mit derselben.
Das längs der Achse gültige parabolische Gesetz der Index-
variation wird dadurch illustriert, daß der Indexunterschied
gegenüber dem Linsenzentrum an der äußeren Linie zehn-
mal so groß ist wie an der inneren,
Für den exakten Wert der Brechkraft der Kernlinse
und die Lage der Hauptpunkte derselben ergibt sich
D. = 0,005985 H = 0,22921 H = 0,257152,
wo die Abstände vom Linsenzentrum gerechnet sind. Der
Totalindex erhält den mit Hinsicht auf die bisherigen Vor-
Fig. 181. stellungen auffallend geringen Wert 1,4085. So lange als
die exakten Abbildungsgleichungen in heterogenen Medien
unbekannt blieben, konnte man dieselben nicht besser als mit dem fiktiven
Totalindex illustrieren. Seitdem aber die Kernlinse in dioptrischer Hinsicht
bekannt ist, dürfte es am geeignetsten sein, den Effekt derselben durch die
äquivalente Kernlinse verständlich zu machen. Ich verstehe hierunter eine
Linse mit dem Brechungsindex des Linsenzentrums in einem Medium mit dem
Brechungsindex der Linsenpole suspendiert, welche dieselbe Brechkraft und
dieselben Hauptpunkte hat wie die reelle Kernlinse und deren Brechkraft auf
die beiden Flächen in demselben Verhältnisse verteilt ist, wie in der reellen
G.] Das brechende System des Auges. 299
auf die beiden vor und hinter dem Linsenzentrum belegenen Teile der Linsen-
substanz. Der Vorzug der Anwendung der äquivalenten Kernlinse liegt darin,
daß die Linse als Ganzes in bezug auf die Abbildungsgesetze erster Ordnung
genau die optischen Eigenschaften der Wirklichkeit hat, während mit dem
Totalindex die Hauptpunkte der Linse eine falsche Lage bekommen. Für
Radien und Dicke der äquivalenten Kernlinse ergibt sich in Millimetern
r, = 7,9108 r, = — 5,7605 d = 2,4187
und ihre Hauptpunkte fallen mit den Hauptpunkten der reellen Kernlinse
zusammen, wenn der Abstand ihrer vorderen Fläche vom vorderen Linsenpol
0,5460 mm ist,
Die Zusammensetzung der drei Einzelsysteme unter Anwendung der Formeln
S. 245 ergibt für das Linsensystem in toto
D, = 19,1107 1000n, H, = 2,07792 mm 1000n, H = — 1,39317 mm,
wo HH', wie allgemein, die reduzierten Abstände der beiden Hauptpunkte von
den betreffenden Linsenflächen darstellen.
Im schematischen Auge empfiehlt es sich, das Linsensystem als ein Um-
drehungssystem zu behandeln, wie auch die Hornhautflächen als Umdrehungs-
flächen dargestellt werden, obwohl die physiologische Form eine astigmatische
ist. Letzteres ist mit größter Wahrscheinlichkeit auch bei der Linse der Fall.
Denn der Astigmatismus des Vollsystems — der Totalastigmatismus des nor-
malen Auges — erreicht unter physiologischen Verhältnissen nicht den Grad
des Hornhautastigmatismus, wonach ein inverser Linsenastigmatismus vorhanden
sein muß. Wie oben dargelegt worden ist, haben die ophthalmometrischen
Untersuchungen der Hornhaut ergeben, daß ein in der Nähe der Hornhautbasis
senkrecht zur ophthalmometrischen Achse gelegter Schnitt eine oblonge Form
mit größerem vertikalem Durchmesser hat. Ein solches Verhalten ist aber
kaum denkbar, ohne daß die ganze vordere Bulbuspartie eine ähnliche Form
hat, und es sind hierdurch statische Verhältnisse gegeben, welche einen inversen
Linsenastigmatismus zu verursachen geeignet sind, indem sowohl eine ent-
sprechend oblonge Form der Linse wie eine durch entsprechend stärkere
Zonularspannung bedingte geringere Krümmung des Vertikalschnittes diese
Folge haben muß. Wegen der den Methoden anhaftenden Fehlerquellen dürften
aber die bisherigen Versuche, den Astigmatismus der Linse am lebenden Auge
zu messen, nicht auf die erforderliche Zuverlässigkeit Anspruch machen können.
Dieselben ergaben im allgemeinen einen direkten Astigmatismus der Vorder-
fläche, einen inversen der hinteren, ein Resultat, welches an und für sich mit
hinreichender Deutlichkeit seine Abstammung aus den durch die verschiedene
Abflachung der Hornhaut in verschiedenen Richtungen und durch die Dezen-
tration der brechenden Flächen bedingten Fehlerquellen wahrscheinlich macht.
Hinzuzufügen ist hier nur noch, daß eine astigmatische Brechung in der Kern-
linse durch die Form der Isoindizialflächen bedingt sein kann, ohne daß dabei
eine astigmatische Form der Linsenflächen vorhanden zu sein braucht.
3. Das brechende System des Auges.
Bei der Zusammensetzung des Hornhaut- und Linsensystems hat man in
die allgemeinen Formeln den Ausdruck
1000 n, Ò = 0,0506 + 3,6 + 1000 n, H,
300 Die Dioptrik des Auges. Io,
einzusetzen, wonach dieselben für das Vollsystem
D, = 58,636 1000 H, = 1,3975 1000 n, H = — 4,2061
ergeben, wodurch die Daten des schematischen Auges bekannt sind. Ich stelle
sie hier zusammen, indem ich der Berechnung die äquivalente Kernlinse zugrunde
lege. Da in den Daten derselben nur drei Dezimalen mitgenommen werden,
so ergibt sich ein Unterschied gegenüber obenstehenden Zahlenwerten, welcher
bis zu einer Einheit der letzten Dezimale steigen kann.
Schematisches Auge in Akkommodationsruhe,
Brechungsindex der Hornhaut . . . . A 1,876
" des Kammerwassers und Glaskörpers . A 1,336
d der: Lansaltn. "= Kb Ai NE 1,386
der äquivalenten Keralinse TEE: 1,406
Ort der vorderen Hornhautfläiche . a . 2. 2.2.0. 0.
» » hinteren A re 0,5 mm
o » vorderen Linsenfläche eh Pe 3,6 S
ER 5 Fläche der &quivalenten ans EA SE IMC
» »„ hinteren » D D SC 6,565 ,„
5 a Linsenfläche nein Le 7,2 2
Krümmungsradius der vorderen Hornhantfläche ER 7,7 A
P „ hinteren Hornhautfläche . . . . 6,8 e
a „ vorderen Linsenfläche . . . 10,0 5
d = £ Fläche der äquiv. Keio GOLL 2,
Si „ hinteren r A a — 5,76 S
A Linsenfläche . . . . , —6,0 d
Brechkraft der vorderen Homhautläcke . . . ... 48,83 D.
>“ „ hinteren EE WE NIR REE
5 „ vorderen Linsenfläche to re 5,0 7
HA „ äquivalenten Kernlinse . . . . ... 5,985 „
„ hinteren Linsenfläche. . . . 2... 888. Ty
Hornhautsy stem.
Brechkraft. . . . EE e E 43805 D.
Ort des ersten Hauptpunktes ek N een
» » zweiten S du te Ae 75 — 0,0506 „
ere reet EN
Hintere 2 ER O aa S 31,031 „
Linsensystem.
Brechkraft . . . ut d MN er En kei);
Ort des ersten Hauptpunktes A Mé E be 5,678 mm
„ »„ Zweiten - EE DE 5,808 „
tee ana EEE KEE, Ap 69,908 „
Vollsystem des Auges.
Brechkraft. . . BG na: Dës 5864 D.
Ort des ersten Hanptpunktes E Ae 1,348 mm
a » Zweiten S Ce a e aa 9 < 1,602 „
we wsten Brennpunkte .". . . 2.2, ` wel ,„
» »„ Zweiten > RR RR TEE 24,387
G] Schematisches Auge. 801
Vordera Brennweite E ee a TOGE
Hintere a lf, GE Ee, ee 22,785;
Ort den Netzliautfoven tin re NET 24,0 be
Hypermetropie auf der Achse . . . 22... 1,0 D.
Der bei der Untersuchung eines solchen Auges sich ergebende Refraktions-
zustand würde Emmetropie sein, wie unten bei der Darstellung der Aberration
bewiesen werden soll. Fig. 132 stellt einen Durchschnitt desselben dar, wo die
Flächen als kugelföürmig behandelt worden sind.
Wie aus dem Obenstehenden hervorgeht, wird die Achsenlänge des schema-
tischen Auges durch die Hornhautrefraktion und durch die mittlere Refraktion
des aphakischen Auges bestimmt, wobei die Achsenlänge um so kleiner wird,
je größer die Brechkraft der Hornhaut und die mittlere Hypermetropie des
aphakischen Auges ist. Da ich nun durch Berücksichtigung des Unterschiedes
der Krümmungsradien der Hornhaut im Scheitelpunkte der optischen Zone von
den mittleren Krüm-
mungsradien dieser Zone
wohl den größten Wert
der Brechkraft der Horn-
haut angewendet habe,
der mit den vorliegen-
den Messungsergebnissen
in Übereinstimmung ge-
bracht werden kann, und
da dasselbe von dem der
Berechnung zugrunde ge- Fig. 182
legten Werte der Hyper-
metropie des aphakischen Auges gilt, so ist es einleuchtend, daß die Achse des
schematischen Auges nicht, ohne den Tatsachen Gewalt anzutun, kürzer gemacht
werden kann. Wird die Linse aus dem schematischen Auge entfernt, so ist es
sogar um 0,1 D. hypermetropischer als den Anforderungen von TREUTLER ent-
sprechen würde. Die Achsenlänge von 24 mm liegt auch eben innerhalb der Grenzen,
welche er als durch die Messungen am Leichenauge gezogen ansieht. Ohne diesen
Messungen einen allzu großen Wert beizulegen, glaube ich mich aber doch der
Auffassung anschließen zu müssen, daß dieselben eine größere schematische
Achsenlänge als 24mm unwahrscheinlich machen. Nach der Angabe von
Mauvraner! ergeben die Messungen an Leichenaugen am häufigsten Werte,
welche um 25 mm herum liegen, was, wenn 1 mm für die Dicke der Sehnenhaut
und Gefüßhaut gerechnet wird, gut stimmen würde. Aber andererseits gibt es
auch eine große Zahl von Messungen, welche niedrigere Werte ergeben haben.
Bei der Verwertung solcher Messungen ist aber zu beachten, daß durch post-
mortale Veränderungen die Achsenlänge des Auges vermindert wird, und daß
es sogar nicht wahrscheinlich ist, daß man die ursprüngliche Länge durch künst-
liche Wiederherstellung des in vivo vorhandenen intraokularen Druckes erreichen
könnte, da eine postmortale Verdickung der Kornea und Sklera wegen des
anatomischen Baues derselben von einer Verkleinerung des Bulbusraumes be-
gleitet sein kann.
1 L, Mauruxer, Vorlesungen über die optischen Fehler des Auges. Wien 1876. S 422.
302 Die Dioptrik des Auges. IG.
Die auffallend niedrige Brechkraft der Linse des schematischen Auges
folgt mit mathematischer Notwendigkeit aus der Refraktionsänderung bei der
Entfernung der Linse. Dieselbe kann, wenn auf den Einfluß der Aberration
Rücksicht genommen wird, im akkommodationslosen Auge nicht größer sein,
als aus dem ÖObenstehenden hervorgeht. Die mathematisch bewiesene Ab-
hängigkeit des Totalindex der Linse von der Form derselben ermöglicht erst,
ein schematisches Auge zu berechnen, welches mit den Tatsachen in keinen
Widerspruch gerät, indem eine so geringe Brechkraft der Linse unter der An-
nahme der Gültigkeit des Gesetzes von Marruıessen in unlösbarem Wider-
spruche mit den Ergebnissen der refraktometrischen Messungen stehen mußte
und außerdem der niedrige Totalindex im akkommodierenden Auge nicht aus-
reichen würde. Erteilt man dem schematischen Auge durch Verlängerung der
Achse bis zum Werte 30,98 mm eine Myopie von solchem Grade, daß es nach
Entfernung der Linse emmetropisch wird, so beträgt diese Myopie längs der
Achse im vorderen Hauptpunkte 13,16 D., und der Fernpunkt liegt 74,58 mm
vor dem Hornhautscheitel. Diese Myopie würde von einem Glase 16,7 D.
korrigiert werden, dessen hinterer Hauptpunkt nach TrrurLer 14,5 mm vor
dem Hornhautscheitel liegt, wenn nämlich nicht auf den Effekt der Aberration
Rücksicht genommen werden müßte. Wird aber der Einfluß der Aberration in
Rechnung gezogen, so ergibt sich eine Gläserkorrektion von rund 18 Dioptrien,
welche sich vollkommen mit den Ergebnissen der klinischen Untersuchung deckt.
Wenn es aber somit unumgänglich ist, im exakten schematischen Auge die
Aberration zu berücksichtigen, so empfiehlt es sich auf der anderen Seite, ein
vereinfachtes schematisches Auge zu berechnen, in welchem von der zerstreuenden
Wirkung der hinteren Hornhautfläche abgesehen, die Linse homogen und das
ganze System als aberrationslos angenommen wird. Da aber die Fiktion einer
homogenen Linse schon an und für sich eine solche Abweichung vom tatsüch-
lichen Verhalten enthält, daß die Lage der Hauptpunkte der Linse nicht exakt
wird, so empfiehlt es sich wenigstens, die Vorteile der Fiktion auszunützen,
indem ein optisches Zentrum der Linse angenommen wird. Wo man mit
falscher Lage der Hauptpunkte rechnet, hat es keinen Sinn, den Abstand
derselben voneinander zu berücksichtigen. Die in einem solchen vereinfachten
schematischen Auge anzuwendende äquivalente Hornhautfläche bekommt einen
Krümmungsradius, der annähernd mit dem ophthalmometrisch gefundenen
schematischen Radius der optischen Zone übereinstimmt, weshalb! ich diesen
angenommen habe. Unter Mitnahme von nur drei Dezimalen im Werte für
den Totalindex der Linse ergeben sich folgende Werte eines vereinfachten
schematischen Auges, in welchem die angenommenen Werte, vom Totalindex
der Linse abgesehen, dieselben sind wie im letzten schematischen Auge von
Hrtanotaz), wenn die beiden letzten Dezimalen im Werte des Krümmungs-
radius der Hornhaut und die letzte im Werte des Brechungsindex von Kammer-
wasser und Glaskörper weggelassen werden. (Die von HELMHOLTZ angewendeten
Zahlen sind bzw. 1,4871, 7,829, 1,3865.) Bei der Berechnung ist das optische
Zentrum der Linse als Ort der Linsenflächen anzuwenden.
! Dieses Handbuch. 2. Aufl. S. 140.
G] Dezentration der brechenden Flächen. 330
Vereinfachtes schematisches Auge.
Angenommen.
Brechungsindex des Kammerwassers und Glaskörpers 1,336
j der» Anden. ante 1,413
Krümmungsradius der äquivalenten Hornhautfläche 7,8 mm
e „ vorderen Linsenfläche . . 10,0 e
5 „ hinteren Ge eg — 6,0 S
Ort des optischen Zentrums der Linse . . .. 5,85 ,„
Berechnet.
Breöhkraft dar Hornhaut! e T 01, 43,08 D.
5 GR AT TEEN 20,58,
S des brechenden Systems des Auges . . BOT,
Vordere Brennweite der Hornhaut . . . . . . —23,214 mm
Hintere 5 e s d "Sri ee 31,014 „
Brennweite der Linse. . . . . al = 65,065 „
Vordere Brennweite des Auges . . . . . . . —16,740 „
Hintere S 5 S Ea EE (sl E 22,865 ,„
Ort des vorderen Hauptpunktes . . . 2 2... 1,505 ,,
s » hinteren 5 EN 28. ehe, 1,681 „
vw wu vorderen Brennpunktes . `... —1523 „
» » hinteren d PS al tegt 272 23,996 „
Ein dem exakten schematischen Auge entsprechendes reduziertes Auge
würde mit dem Brechungsindex */, den Krümmungsradius 5,7 mm haben.
Je nach der bei einem vorliegenden Zwecke erforderlichen Genauigkeit
wird das eine oder andere dieser Modelle zur Anwendung kommen können.
Von dem vereinfachten schematischen Auge soll nur ausdrücklich hervorgehoben
werden, daß der Totalindex der Linse wegen der Nichtberücksichtigung der
Aberration größer ist, als dem tatsächlichen Verhalten entspricht, indem derselbe
im exakten schematischen Auge nur 1,4085 beträgt, daß somit nur dieses Auge
zu einer exakten Untersuchung des Strahlenganges in der Linse dienen kann.
Überhaupt darf im vereinfachten schematischen Auge nie mit der Brechung in
den einzelnen Linsenflächen gerechnet, sondern muß immer die Linse als ein
unzerlegbares optisches System behandelt werden.
Im schematischen Auge kann auf die Dezentration der brechenden Flächen
sowie auf den schiefen Durchgang der Visierlinie keine Rücksicht genommen
werden, weil die Dezentrationen zu wenig bekannt und auch dem Grade nach
zu variierend erscheinen. Da schon die vordere Hornhautfläche einer exakten
vertikalen Symmetrieebene entbehrt, so ist es einleuchtend, daß die Spiegel-
bilder von endlich großen Objekten keine exakte Zentrierung des optischen
Systems angeben können. Bei dem von Hermmowrz S. 95 dargestellten Versuch
ist aber der Einfluß der Asymmetrie der Hornhaut durch Zugrundelegung der
Schmiegungsellipse möglichst eliminiert, und es dürfte keinem Zweifel unter-
liegen, daß dieser Versuch eine Dezentration der Linse in bezug auf die Achse
dieser Ellipse beweist. Da aber wegen des asymmetrischen Baues der Hornhaut
das Zusammenfallen der berechneten Ellipsenachse mit einer Hornhautnormale
nicht sichergestellt ist, so ist eine allgemeine Dezentration der Achse der Linse
in bezug auf die durch das Pupillenzentrum gehende Hornhautnormale hierdurch
804 Die Dioptrik des Auges. [6.
nicht bewiesen. Ebensowenig wird dies durch die nach Tscuernings! Methode
ausgeführten Untersuchungen bewiesen. Bringt man bei der Beobachtung der
Spiegelbilder in den Linsenflächen Fernrohrachse und zwei Lichter, am besten
die ophthalmometrischen Nernstlampen in eine und dieselbe vertikale Ebene, so
müßte, falls eine vertikale Symmetrieebene vorhanden wäre, eine Stellung des
Auges gefunden werden können, bei welcher sämtliche sechs Spiegelbilder in
einer geraden Linie liegend gesehen würden. Dies ist aber im allgemeinen
nicht der Fall. Beim Blick geradeaus ins Fernrohr sieht man die in der
vorderen bzw. hinteren Linsenfläche entstehenden Spiegelbilder nasal- bzw.
temporalwärts von den Hornhautspiegelbildern liegen. Wird dann die Blicklinie
nasalwärts bewegt, so kommen in den meisten Fällen zunächst die Spiegelbilder
der hinteren Linsenfläche in dieselbe Linie wie die Hornhautbilder, dann in
dieselbe Linie wie die Spiegelbilder in der vorderen Linsenfläche, und schließlich
kommen diese in dieselbe Linie wie die Hornhautspiegelbilder. Dieser Versuch
beweist, daß tatsächlich keine vertikale Symmetrieebene des ganzen optischen
Apparates vorhanden ist — was übrigens schon die ophthalmometrischen Unter-
suchungen der Hornhaut gelehrt haben — und würde, wenn die Flächen genau
sphärisch wären, oder die Untersuchung bei sehr kleinen Einfallswinkeln aus-
geführt werden könnte, beweisen, daß die Achse der Linse nicht mit einer
Hornhautnormale zusammenfiele, sondern nasalwärts vom Krümmungszentrum
der Hornhaut verliefe. Nun kann aber die Untersuchung nur bei sehr großen
Einfallswinkeln mit hinreichender Schärfe ausgeführt werden, indem sogar ge-
wöhnlich eine künstliche Erweiterung der Pupille vonnöten ist, und hierbei ist
es nicht mehr erlaubt, an Stelle der Hornhaut die optische Zone derselben zu
setzen, sondern es macht sich die in verschiedenen Richtungen ungleiche peri-
phere Abflachung geltend, weshalb auch die Versuche nicht beweiskräftig sind.
Dasselbe gilt von der Untersuchung der vertikalen Dezentration, wobei die
Lichter in der durch die Fernrohrachse gelegten Horizontalebene stehen und
in den typisch normalen Augen eine gewisse Erhebung des Blickes über diese
Ebene nötig ist, um die verschiedenen Spiegelbilder in eine Linie zu bringen.
Betrefis der Dezentration der brechenden Flächen ist also vorläufig nur be-
kannt, daß eine Symmetrieachse des optischen Systems nicht vorhanden ist, und
daß die optische Achse der Linse, wenn unter diesem Begriffe eine den beiden
Linsenflächen gemeinsame Normale verstanden wird, die Hornhaut in einem
nach außen und gewöhnlich etwas nach unten vom ophthalmometrischen Achsen-
punkte belegenen Punkte schneidet, wie es auch mit der durch den Mittelpunkt
der mittelgroßen Pupille gehenden Hornhautnormale der Fall ist. Daß aber
diese oben als optische Achse des Auges bezeichnete Normale nicht mit
der optischen Achse der Linse zusammenfalle, bleibt vorläufig unbewiesen. Ob-
wohl ersichtlicherweise kleine Abweichungen höchst wahrscheinlich sind, so
können sie doch, um so weniger da sie noch nicht einwandfrei konstatiert
worden sind, nicht in Rechnung gezogen werden. Daß sie, wenn vorhanden,
ohne Einfluß auf die Abbildung im Auge sind, beweisen die Untersuchungen
des Auges mit einem leuchtenden Punkt (s. unten).
Praktisch hat man also nur mit der Dezentration zu rechnen, welche durch
die Neigung der Visierlinie gegen die optische Achse des Auges definiert ist,
1 Beiträge zur Dioptrik des Auges. Zeitschr. f. Psychol. u. Physiol. d. Sinnesorgane.
III. 1892. 8.429 und an anderen Stellen.
G] Die Abbildung beim indirekten Sehen. 805
und welche auch durch die Dezentration der Pupille in bezug auf die ophthal-
mometrische Hornhautachse bestimmt werden kann. Daß bei der praktischen
Ermittelung der Lage dieser Achse immer bei einer bestimmten, durch die Be-
leuchtung zu erzielenden, mittleren Pupillengröße — am besten 4 mm — unter-
sucht werden muß, wurde oben hervorgehoben. Denn obwohl der scheinbare
Mittelpunkt der Pupille bei geringen Variationen der Größe unverändert zu
sein scheint, so können bei größeren Variationen sehr beträchtliche Unterschiede
vorkommen. So habe ich in einem Falle bei der Untersuchung nach der oben
S. 271 beschriebenen Methode unter Anwendung des ÖOphthalmometers von
Heımnuouız für den Neigungswinkel der Visierlinie zur optischen Achse bei
maximaler Pupille 6,5°, bei minimaler 2,7° erhalten, woraus, wenn die Horn-
haut sphärisch wäre, eine bei der Verengerung eintretende Verschiebung des
Zentrums der Pupille nasalwärts im Betrage von 0,28 mm hervorgehen würde.
Nun kann aber erstens ein Teil dieser Verschiebung durch die asymmetrische
Abflachung der Hornhaut im horizontalen Meridiane vorgetäuscht werden, und
zweitens dürfte ein so großer Unterschied zu den Ausnahmen gehören. Mit
einer anderen, obwohl weniger empfindlichen Methode ist HummErLsuem! zu
dem Resultate gekommen, daß sich die Pupille konzentrisch verengert.
Da allgemein eine durch punktweise Korrespondenz gekennzeichnete optische
Abbildung nur in einem sehr kleinen Bezirke in der Umgebung der Achse eines
optischen Systems vorkommt, so wird dieser Tatsache in vollkommenster Weise
von der anatomischen Beschaffenheit der Netzhaut entsprochen, indem dieselbe
nur in einer sehr kleinen Ausdehnung geeignet ist, eine scharfe Abbildung zu
verwerten. Die Güte der peripherischen Abbildung im Auge ist deshalb
von untergeordneter Bedeutung. Wenn das optische System in erster An-
näherung als ein zentriertes Umdrehungssystem behandelt wird, so stellen die
beiden Bildflächen nach vorn konkave Umdrehungsflächen dar, von welchen
die erste, auf welcher die Bildlinien von Parallelkreisen belegen sind, dem
optischen Apparate näher liegt als die zweite, auf welcher Meridianlinien ab-
gebildet werden. Seit Young? haben sich mehrere Forscher damit bemüht, diese
Bildflächen auf rechnerischem Wege zu konstruieren bzw. den Astigmatismus
bei der peripheren Abbildung zu berechnen, wobei die Resultate im allgemeinen
eine Lage der Netzhaut in der Nähe der Bildflächen oder zwischen denselben
angeben. Solchen Berechnungen kann aber, so lange die exakte Form der
hinteren Linsenfläche unbekannt bleibt, kein Wert beigemessen werden. Den
Einfluß der Schichtung der Linse auf diesen Astigmatismus hatte seinerzeit
Hermann® berechnet. Sein Resultat, daß eine Verringerung des Astigmatismus
durch die Schichtung bewirkt würde, beruht teils auf seinen Voraussetzungen,
teils darauf, daß die von ihm angewendeten Differentialgleichungen für die erste
Abbildung nicht richtig sind. Die Untersuchung der oben angegebenen schema-
tischen Linse mit kontinuierlich variablem Brechungsindex hat ergeben, daß
für einen Strahl, welcher unter einem Winkel von 25° im Zentrum der vorderen
Linsenfläche einfällt, und wenn die hintere Linsenfläche als parabolisch an-
gesehen wird, der Astigmatismus größer ist als in einer homogenen Linse mit
dem entsprechenden Totalindex. Von den Methoden zur direkten Untersuchung
1 Pupillenstudien, Arch. f. Augenh. LVII. S. 83. 1907.
? Tu. Youxo, On the mechanism of the eye. Philos. Transactions, 1801.
1 a, a. 0.
v. HeLmuoLrz, Physiologische Optik. 8. Aufl. I. 20
306 Die Dioptrik des Auges. _ [G.
der peripheren Abbildung auf der Netzhaut ergibt die Beobachtung des Bildes
einer Lichtquelle durch die Sclera hindurch, wie sie bei seitlichem Lichteinfall
in hervorstehenden Augen möglich ist, die am wenigsten sicheren Resultate.
Die Refraktionsbestimmung im aufrechten ophthalmoskopischen Bilde dürfte
auch nicht mit der skiaskopischen Methode wetteifern können, welche wohl
bisher die sichersten Resultate ergeben hat. Druavur! fand mit dieser Methode,
daß die Netzhaut wahrscheinlich zwischen beiden Bildflächen, der zweiten, hinter
ihr belegenen näher liegt als der ersten.
Da die Visierlinie mit der optischen Achse einen endlichen Winkel bildet,
so gehört schon die Abbildung in der Fovea centralis der Netzhaut streng ge-
nommen in das Gebiet der peripheren. Der resultierende Astigmatismus beträgt
aber bei einem Winkel von 5° nur ungefähr '/,D., wie ich durch Rechnung
am schematischen Auge von HELMHOLTZ bewiesen habe? (Tscuerxıse hat
diesen Astigmatismus bei verschiedenen Winkeln berechnet und gibt viel höhere
Zahlen an, was aber darauf beruht, daß er teils eine falsche Formel angewendet
hat, teils auch diese Winkel mit den Einfallswinkeln verwechselt zu haben
scheint. Wie aus den Formeln S. 239 hervorgeht, verhält sich die Brechkraft
bei der ersten Abbildung zu der Brechkraft bei der zweiten wie 1:cosicos’.
Dieses Verhältnis gibt aber nicht ohne weiteres den Astigmatismus an, weil
bei der ersten Abbildung die Hauptpunkte nicht mit dem Inzidenzpunkt zu-
sammenfallen. Tscuersıns® hat aber nicht nur an der Stelle des richtigen
das Verhältnis 1:cos?, angewendet, sondern auch die Abstände der brechenden
Flächen voneinander und von den bezüglichen Hauptpunkten vernachlässigt,
was zusammen mit der Verwechselung der Winkel die falschen Resultate bedingt.)
III. Die Refraktion.
Unter der Refraktion des Auges wird die optische Einstellung desselben
verstanden, welche sich aus der Achsenlänge und der Brechkraft des optischen
Apparates ergibt. Der fest eingebürgerte Name ist insofern weniger glücklich,
als er den Gedanken nur auf den einen Faktor der optischen Einstellung leitet,
während die verschiedenen Refraktionszustände allgemein durch Verschiedenheit
des anderen Faktors bedingt werden. Da in der Optik immer mehr eingesehen
wird, daß sämtliche Abstände in den Abbildungsformeln in einer und derselben
Richtung positiv gerechnet werden sollen — weil sonst bei dem Vorzeichen-
wechsel sich leichter Fehler einschleichen —, so hat man unter Zugrunde-
legung dieses Prinzips bei der Darstellung der Refraktion des Auges diese Ab-
stünde entweder in der Richtung der Lichtbewegung, wie in sonstigen Dar-
stellungen üblich, positiv zu rechnen oder umgekehrt. Letzteres geschah all-
gemein, bis Hrss* erstere, theoretisch richtigere Darstellungsweise einführte,
! Astigmatisme des rayons pénétrant obliquement dans l'oeil. Application de la skiaskopie.
Arch. d’ophth. XX. 1900. S. 21.
? a.a. O. Skand. Arch. f. Physiol. II.
"an, a. O, Encyclopédie française d’ophthalmologie. III. S. 185.
* C. Hess, Die Refraktion und Akkommodation des menschlichen Auges und ihre
Anomalien. Leipzig 1902. Sonderabdruck aus Graerre-Saenıscn, Handb. d. Augenheilk. 2. Aufl.
IL. T. XIL Kap.
G] Die Refraktion. 307
Nach derselben ist somit der Fernpunkts- bzw. ke negativ, wenn
die bezüglichen Punkte reell sind. Der geringe Nachteil, welcher für den nicht
physikalisch gebildeten Mediziner darin liegt, daß er sich diese Anschauungs-
weise aneignen muß, ist zu unbedeutend, um gegenüber den dadurch gewonnenen
Vereinfachungen in die Wagschale gelegt werden zu können, weshalb ich hier
in der Überzeugung, daß man in der medizinischen Optik diese Vorteile würdigen
wird, den von Hess eingeschlagenen Weg befolge.
Die Einstellung des Auges wird dann durch die Konvergenz des bei der
scharfen Abbildung auf der Netzhaut in dasselbe einfallenden Strahlenbündels
gemessen, und es bleibt zunächst die Wahl übrig, in welchem Punkte diese
Konvergenz gemessen werden soll. Wegen der einfacheren Form der auf die
Hauptpunkte bezogenen Abbildungsgleichungen empfiehlt sich hierzu der vordere
Hauptpunkt des Auges. In der allgemeinen Gleichung
Bes AED
ist dann A die in Dioptrien ausgedrückte Refraktion des Auges, D die Brech-
kraft des optischen Systems und ER b der reduzierte Abstand der Netzhaut
vom hinteren Hauptpunkte, welcher die reduzierte Achsenlänge genannt
werden mag, während a = 7 den Abstand des scharf gesehenen Punktes vom
vorderen Hauptpunkte bedeutet. Aus praktischen Gründen ist es aber wünschens-
wert, die Konvergenz des einfallenden Strahlenbündels auch in dem Punkte
messen zu können, wo die Brille, oder genauer bestimmt der hintere Haupt-
punkt derselben getragen wird. Wenn g der Abstand des ersten Hauptpunkts
des Auges von diesem Punkte ist, nach welcher Definition somit g immer
positiv ist, A, die Konvergenz des einfallenden Strahlenbündels in demselben
darstellt, so A man
1 A Ae
pe i +9 a 7 ESTER
Da in diesen Ausdrücken g den Wert von 15mm, A bzw. A, den Wert
von 20D. selten übersteigen, so erhält man nur einen in praktischer Hinsicht
belanglosen Fehler, wenn das Produkt 9? A2 bzw. oi A3 vernachlässigt wird,
wobei sich die für den praktischen Gebrauch hinreichend genauen Appro-
ximativformeln
4, = 41-94) A= A +94)
ergeben, deren Inhalt, wenn A, nach Hess als der Korrektionswert der
Refraktion bezeichnet wird, damit gleichbedeutend ist, daß, wenn g in Zenti-
metern gemessen wird, der Unterschied zwischen Refraktion und
Korrektionswert numerisch gA"/, bzw. 94,°/, beträgt, der Korrek-
tionswert immer algebraisch kleiner als die Refraktion ist. Korrek-
tionswert und Refraktion werden in der ophthalmologischen Literatur auch als
Gläserrefraktion bzw. Hauptpunktrefraktion bezeichnet. Bei Myopie ist somit
die Gläserrefraktion numerisch größer als die Hauptpunktrefraktion, bei Hyper-
metropie umgekehrt.
Da durch die Akkommodation die optische Einstellung des Auges verändert
wird, so gibt es eine innerhalb der vom Fernpunkt und Nahepunkt gegebenen
20*
308 Die Dioptrik des Auges. [G
Grenzen belegene Unendlichkeit von Refraktionszuständen. Wenn rp den Ab-
stand des Fernpunktes bzw. Nahepunktes vom ersten Hauptpunkt darstellen,
RP die entsprechenden Konvergenzwerte sind, so kann das Auge jede zwischen
diesen Werten belegene Refraktion haben und die Differenz
R— P
ist die Akkommodationsbreite, indem durch die Akkommodation zwar die Brech-
kraft des optischen Systems vermehrt, die Refraktion aber vermindert wird.
Wenn aber schlechthin von der Refraktion eines Auges gesprochen wird, ver-
steht man immer darunter die statische Refraktion, die optische Einstellung
für den Fernpunkt, bei welcher die Akkommodation erschlafft ist. Tritt die-
selbe in Wirksamkeit, so liegt ein dynamischer Refraktionszustand vor, und
der kleinste Grenzwert der dynamischen Refraktion entspricht der Nahepunkt-
einstellung des Auges.
Die Ametropie unterscheidet sich von der Emmetropie dadurch, daß
die Refraktion einen endlichen Wert hat, und zwar ist derselbe bei Hyper-
metropie positiv, bei Myopie negativ. Die Gläserrefraktion stellt den Wert
desjenigen Glases dar, durch welches das ametropische Auge emmetropisch ge-
macht wird, woher auch der Name Korrektionswert.
Zur Bestimmung der Refraktion ist im allgemeinen die Kombination
des Auges mit einem optischen Instrumente nötig. Wird die Brech-
kraft desselben mit D, bezeichnet, während D die Brechkraft des optischen
Systems des Auges, D, "die des kombinierten Systems darstellt, und ð der Ab-
stand, bzw. beim Untertauchen des Auges in einer Flüssigkeit der reduzierte
Abstand des vorderen Hauptpunktes des Auges vom hinteren Hauptpunkte des
mit demselben zu kombinierenden Systems ist, so geben die Formeln
öD òD
= D — òD, D H, = H = — —
Des Dt D, t D, t D,
die Daten des kombinierten Systems. Wird nun allgemein die in den Haupt-
punkten des vorgeschalteten Systems gemessene Konvergenz, bzw. reduzierte
ENAR wenn das System nicht von Luft umgeben ist, durch A, = = - und
VU
B, = éi bezeichnet, während ABab dieselbe Bedeutung für das Auge und
4B, er für das zusammengesetzte System haben, wobei also mit reduzierten
Abständen gerechnet wird, so ist B, die im zweiten Hauptpunkte des vorgeschal-
teten Systems gemessene Refraktion des Auges, und man erhält allgemein die
Hauptpunktrefraktion aus dem Ausdrucke
Ar
Roi
aus welchem hervorgeht, daß bei der gewöhnlichen Untersuchung mit Brillen
bei so großem Abstande des Objektes, daß A, = 0 gesetzt werden kann, D,
den Korrektionswert darstellt. Bei der Kombination mit anderen Systemen er-
geben sich für spezielle Werte von ð gewisse Vereinfachungen. So ist bei der
Realisierung des Falles A = 0 und Einstellen auf großem Abstande die Haupt-
punktrefraktion gleich D, Bei ò= e erhält man für dieselbe die Beziehung
0
A=
G.) Rolle der Hauptpunktwinkel und der Fokalpunktwinkel. 309
a éi Da
= — E Eist E ged
EE | D sl I
welche mit der allgemeinen Brennpunktsgleichung identisch ist, indem Z, die im
vorderen Brenupunkte des vorgeschalteten Systems gemessene reduzierte Kon-
vergenz darstellt. Dieselbe Gleichung gilt somit auch, wenn ô = á +g ist, für
den Korrektionswert der Ametropie. Bei unveränderlichem Werte von D, ist
somit in diesen Fällen der Abstand des ersten Fokalpunktes des vorgeschal-
teten Systems vom Objekte der Refraktion bzw. dem Korrektionswerte der
Ametropie proportional.
Die Bildgröße auf der Netzhaut ergibt sich aus den beiden allgemein-
gültigen Gleichungen
KB=A KD=L,
indem die scharfen Bilder in der Fovea centralis hinreichend klein sind, um
die Vergrößerungskoeffizienten — welche tatsächlich nur Limeswerte angeben —,
durch das Verhältnis der linearen Bild- und Objektgröße zu ersetzen. Stellt
beim unbewafineten Auge «p die lineare Größe von Objekt und Bild dar, und
wird der Winkel e A bzw. el als der reduzierte Hauptpunkt- bzw. Fokal-
punktwinkel definiert und mit œ, bzw. o, bezeichnet, so erhält man die
Ausdrücke
Le CR
©, 0, Di
welche sich bei großem Abstande des Objektes besser eignen, da hierbei der
Vergrößerungskoeffizient einen unendlich kleinen Wert annimmt. (Die redu-
zierten Winkel fallen in Luft mit den Winkeln selbst zusammen, werden aber
hier doch eingeführt, damit die Formeln unmittelbar für das Sehen unter
Wasser anwendbar seien.) Diese Formeln besagen, daß das Verhältnis der
Netzhautbildgröße zum Fokalpunktwinkel nur von der Brechkraft
des optischen Systems, das Verhältnis derselben zum Hauptpunkt-
winkel nur von der reduzierten Achsenlänge des Auges abhängig ist.
Bei der Anwendung derselben hat man zu beachten, daß laut der Definition
der Winkel dieselben bei reellem Objekte negativ sind, und daß das resultie-
rende negative Vorzeichen von 2 eine umgekehrte Abbildung angibt. Der früher
gebrauchte Gesichtswinkel, dessen Spitze im vorderen Knotenpunkt des Auges
liegt, eignet sich weniger gut zu einer exakten Darstellung, wie überhaupt die
Einführung der Knotenpunkte in die physiologische Optik deshalb als weniger
glücklich bezeichnet werden muß, weil durch diesen Begrift nichts Tatsächliches,
wohl aber viel Fiktives gewonnen wird.
Die Netzhautbildgröße in dem mit einem optischen System kombinierten
Auge läßt sich somit durch die Einwirkung dieses Systems auf die Größe des
Hauptpunkt- bzw. Fokalpunktwinkels d. h. durch die Untersuchung der Ver-
größerung eines mit dem Auge kombinierten optischen Systems er-
mitteln. Hierbei hat man aber die Frage der absoluten Vergrößerung des
Instrumentes streng von der der individuellen Vergrößerung zu trennen. Nach
ersterer Vergrößerung wird die Leistungsfähigkeit des Instrumentes beurteilt,
weshalb dieses Maß keinen vom Auge abhängigen Wert enthalten darf, während
letztere Vergrößerung sich von der absoluten eben durch Berücksichtigung der
310 Die Dioptrik des Auges. d ER
individuellen Verhältnisse des Auges unterscheidet. Wenn e, 3, Objekt- und
Bildgröße in bezug auf das vorgeschaltete System darstellen, so hat man
Ga A A
o, = fA b» = Ce? B, = 4 + D, = TLIA
und erhält man durch Elimination von A,B;:
IO `
= =D, A AN,
Da nun optische Instrumente in Verbindung mit dem Auge das beste
leisten, wenn ohne Anspannung der Akkommodation gesehen wird, und nur An-
fünger, besonders jugendliche, bei der Anwendung derselben unnötigerweise
akkommodieren, und da weiter die emmetropische Refraktion als die normale
angesehen werden muß, so hat man zur Beurteilung der absoluten Ver-
größerung eines Instrumentes in obenstehender Formel A = 0 zu setzen.
Die absolute Vergrößerung wird somit durch die Brechkraft gemessen und würde
deshalb am besten durch die Dioptrienzahl angegeben werden. Da aber die
große Menge derjenigen, welche mit optischen Instrumenten arbeiten, den Begriff
der Brechkraft nicht kennen, so wird, um eine dimensionslose Zahl zu erhalten,
der Wert derselben konventionell mit dem „Abstande der deutlichen Sehweite“
0,25 m multipliziert. Die Brechkraft ist somit in Dioptrien viermal so groß als
die konventionelle, die Vergrößerung angebende Zahl. Der Begriff der deutlichen
Sehweite stammt aus der Zeit, wo man nicht daran dachte, daß das Auge auf
unendliche Ferne eingestellt sein könnte, und ist eben deshalb sehr unglücklich,
weil er heute noch den konstruierenden Optiker zu der Anschauung verleiten
kann, daß bei der Anwendung des Instrumentes dieses ein Bild in dem ent-
sprechenden Abstande entwerfen muß, welches dann vom Auge gesehen wird.
Sogar Asse! konnte, als er die Notwendigkeit des Begriffes der absoluten Ver-
größerung eines Linsensystems einsah — er nannte dieselbe die vergrößernde
Kraft — diesen Begriff nur für einen bestimmten Abstand des Instrumentes
vom Auge deduzieren, weil die deutliche Sehweite zu dieser Zeit als etwas
Reelles imponierte. Tatsächlich ist dieselbe nichts anderes als eine konventionelle
Projektionsweite. Wird unter Anwendung dieser konventionellen Bezeichnung
die Vergrößerungszahl eines Instrumentes mit » angegeben, so ist die Brechkraft
desselben 47 Dioptrien, und ein emmetropisches Auge, welches bei erschlaffter
Akkommodation dasselbe benutzt, erhält dabei ein Netzhautbild von einem ge-
gebenen Objekte, welches nmal so groß ist, als es sein würde, wenn es das
Objekt in einem Abstande von 25 cm vom vorderen Hauptpunkte des Auges
betrachtete und die reduzierte Länge des Auges bei der nötigen Akkommodation
unverändert bliebe.
Die absolute Vergrößerung der afokalen Instrumente — der Fernrohre —
kann nicht durch die obenstehende Formel erhalten werden, ergibt sich aber
unmittelbar daraus, daß in afokalen Instrumenten die Vergrößerungskoeffizienten
überall dieselben Werte haben, weshalb auch ein solches Instrument durch zwei
konjugierte Punkte und durch den Vergrößerungskoeffizienten in denselben
definiert wird. Der reziproke Wert dieses Vergrößerungskoeffizienten ist der
reduzierte angulüre Vergrößerungskoeffizient. Wird derselbe durch % repräsentiert,
so gilt allgemein
1 Enger Asse, Gesammelte Abhandlungen. I. Jena 1904. S. 445.
G.] Vergrößerung durch optische Instrumente 811
O,
LU
Ee
wo die reduzierte Konvergenz A, in dem dem vorderen Hauptpunkte des Auges
konjugierten Punkte gemessen wird. Bei emmetropischem Auge ist das Objekt
unendlich entfernt, wenn das System afokal ist. Der Abstand der beiden letzt-
erwähnten Punkte voneinander ist dann im Verhältnis zur Öbjektentfernung
unendlich klein, und es gibt somit die Zahl % die absolute Vergrößerung des
afokalen Systems an.
Die individuelle Vergrößerung ergibt sich für die verschiedenen Fälle
durch Diskussion der allgemeinen Formel. Für eine gewöhnliche Lupe findet
man, indem sowohl ö wie D, positive Werte haben, daß 1 — òD, positiv ist, wenn
der hintere Brennpunkt der Lupe hinter dem vorderen Hauptpunkte des Auges
liegt. Die individuelle Vergrößerung ist dann bei hypermetropischer Refraktion
kleiner als die absolute, bei myopischer Refraktion größer und wächst bei der
Akkommodation, wenn die reduzierte Achsenlänge von derselben unbeeinflußt
bleibt. Genau das umgekehrte Verhalten findet statt, wenn der hintere Brenn-
punkt der Lupe vor dem vorderen Hauptpunkte des Auges belegen ist, während
beim Zusammenfallen der beiden Punkte die individuelle Vergrößerung für jede
Refraktion gleich der absoluten ist. Setzt man
k=
1
d= ò- —,
D,
indem A der reduzierte Abstand des vorderen Hauptpunktes des Auges vom
hinteren Brennpunkte des vorgeschalteten optischen Systems ist, so erhält man
die Gleichung
Din
= 2 = Da UL + 44),
welche der Form nach mit der von ABBE! angegebenen zusammenfällt. Aus
derselben ist ersichtlich, daß das oben von einer Lupe Gesagte auch für beliebige
optische Systeme gültig ist — z. B. auch für zusammengesetzte Mikroskope, bei
welchen D, negativ ist, d bei schwacher Vergrößerung negativ sein kann — indem
die angegebenen Unterschiede der Vergrößerung numerische Unterschiede
darstellen.
Die durch diese Formel angegebene individuelle Vergrößerung ist somit ein
Dioptrienwert, wie überhaupt das wissenschaftliche Maß der Vergrößerung ein
Brechkraftmaß sein muß. Will man eine dimensionslose Zahl haben, so erhält
man dieselbe entweder durch Multiplikation mit der konventionellen Projektions-
weite oder mit dem Abstand, in welchem das unbewafinete Auge den fraglichen
Gegenstand am vorteilhaftesten sehen würde, wobei beide Abstände in Metern
gemessen werden. Ersterer Zahlenwert würde keinen Nutzen bringen können,
da die individuelle Vergrößerung nur diejenigen interessieren kann, denen der
Begriff der Brechkraft bekannt ist; letztere Zahl gibt einen Ausdruck für den
individuellen Nutzeffekt des vergrößernden Instrumentes ab. Da die
akkommodative Verschiebung des hinteren Hauptpunktes zu gering ist, um in
Rechnung gezogen zu werden, so liegt hierin der Grund, warum nur die Haupt-
punktswinkel zur Messung der individuellen Vergrößerung eines Instrumentes
12.2.0.
812 Die Dioptrik des Auges. IG.
dienen können, sofern aus derselben der individuelle Nutzeffekt erhalten werden
soll, weil dieser Wert einen Vergleich zwischen zwei verschiedenen Akkommodations-
zuständen enthält, und die Netzhautbildgröße bei beliebiger Akkommodation dem
Hauptpunktswinkel proportional bleibt.
Das Wesentliche über die Vergrößerung eines dem Auge vor-
geschalteten optischen Instrumentes kann somit dahin zusammengefaßt
werden, daß der Ausdruck
sD,(1 + 44A),
wenn s durch die Zahl 1 ersetzt wird, allgemein die in Dioptrien gemessene
individuelle, und wenn A = 0 gesetzt wird, die absolute Vergrößerung eines
optischen Instrumentes angibt, während, wenn für s die in Meter gemessene
individuelle Sehweite mit positivem Vorzeichen eingeführt wird, die den indivi-
duellen Nutzeffekt angebende Zahl resultiert, und durch Einführung der kon-
ventionellen Projektionsweite auf dieselbe Weise für A= 0 die konventionelle,
die Vergrößerung angebende Zahl erhalten wird. Macht man wiederum s gleich
dem Abstande des ersten Hauptpunktes des Auges vom Objekt, so wird die
Formel mit der von EscurıcHt und Panum? angegebenen, irrtümlicherweise auf
die Knotenpunktswinkel bezogenen, identisch. Positives Vorzeichen gibt hierbei
eine ohne scheinbare Umkehrung erfolgende Vergrößerung an. Zu bemerken
ist ferner, daß, die ganze Herleitung nur für sehr kleine Bilder gültig ist, somit
sich nur auf die Bildgröße in dem ohne Bewegung des Blickes scharf gesehenen
Felde bezieht. Hierbei besteht tatsächlich kein Unterschied gegenüber dem
Ausdrucke von ABBE, in welchen die Tangente anstatt des Winkels eingeführt
ist. Durch eine solche Prozedur wird aber der Gültigkeitsbereich nicht er-
weitert, denn Bild- und Objektgröße können, soweit es sich um die tatsächliche
Abbildung handelt, nur dann an Stelle des Vergrößerungskoeffizienten eingeführt
werden, wenn das Feld so klein ist, daß der Unterschied des Winkels und der
Tangente desselben vernachlässigt werden kann. Die gegenteilige Annahme
beruht auf der Fiktion, daß eine kollineare Abbildung nach der Vorstellung
von ABBE vorhanden wäre,
Die eigentümliche Einrichtung des Sehorgans mit einem sehr kleinen, dafür
aber beweglichen, scharfen Bildfelde bedingt es, daß bei der Abbildung aus-
gedehnter Objekte nicht die Größe des Netzhautbildes, sondern der Betrag der
erforderlichen Winkelbewegung maßgebend ist. Zur Darstellung der Ver-
größerung ausgedehnter Objekte muß deshalb an Stelle des Hauptpunkts-
winkels der Drehpunktswinkel eingeführt werden, der Winkel, unter welchem
das im Instrumente entstandene Bild vom Drehpunkte aus gesehen wird, und
es ist hierbei zu beachten, daß die Abbildungsgesetze erster Ordnung nur An-
nüherungswerte ergeben.
Wiederum ist es offenbar, daß die Hauptpunktswinkel nicht beim Ver-
gleich der Netzhautbildgröße in verschiedenen Augen angewendet
werden können, weil die reduzierte Achsenlänge bei verschiedenen Refraktions-
zuständen verschieden ist. Da aber die ophthalmometrischen Untersuchungen
gelehrt haben, daß die vorkommenden Verschiedenheiten des optischen Systems
des Auges nicht vom Refraktionszustande abhängig sind, so erhält man im
Fokalpunktswinkel ein Maß der Netzhautbildgröße, welches von der Refraktion
1 P, L. Paxum, Die scheinbare Größe der gesehenen Objekte. Arch. f. Ophth. V, 1,
1859, 8. 1.
ER Verschiedene Maße der Sehschärfe. 818
— wenigstens bei der sogenannten Achsenametropie — unabhängig ist und
deshalb diesem Zwecke am besten dient. Da die Brechkraft des optischen
Systems des Auges gleich dem Verhältnis des Fokalpunktswinkels zur Netzhaut-
bildgröße ist, so ist aber der Vergleich der Netzhautbildgröße in verschiedenen
Augen nur dann ausführbar, wenn diese Brechkraft in beiden Augen einen und
denselben Wert hat. Dies scheint für die groBe Mehrzahl der Augen an-
nähernd der Fall zu sein, und die Fälle von Ametropie, welche keine Zeichen
einer Abweichung hiervon aufweisen, werden mit dem Namen Achsenametropie
bezeichnet, während der Begriff Krümmungsametropie die ohne Veränderung
der Achsenlänge bestehenden Ametropieformen umfaßt. Daß aber bei achsen-
ametropischen wie bei emmetropischen Augen abweichende Werte der Brechkraft
vorkommen, geht schon aus den Untersuchungen von v. Reuss? hervor. Die
durch den Fokalpunktswinkel gemessene Netzhautbildgröße ist somit nur ein
wahrscheinlicher Wert, stellt aber vorläufig den besten dar.
Endlich ist, wie Buurg? gefunden hat, beim Vergleich der Sehschärfe
vor und nach der Entfernung der durchsichtigen Kristallinse der
Winkel anzuwenden, dessen Spitze im scheinbaren Ort des optischen
Zentrums der Linse liegt. (Die Anwendung des vereinfachten schematischen
Auges ist bei der bei diesem Vergleich erreichbaren Genauigkeit vollkommen
zulässig.) Stellt œ, diesen Winkel dar, und ist x der Vergrößerungskoeffizient
in diesem optischen Zentrum sowie A D die betreffende reduzierte Konvergenz,
so ergibt sich
oa=ß,A=xßB,
und da xB, bei der Linsenextraktion unverändert bleiben, so ist dasselbe mit
dem Verhältnis & der Fall.
Für die verschiedenen Winkel ist die Deduktion identisch dieselbe wie für
die Hauptpunktswinkel, so daß die drei Ausdrücke
© 4,4,
=D, -4(1-8,D)=D,(1+ 4,4)
H 0
allgemeingültig sind, wenn ©, den Winkel darstellt, unter welchem vom Punkte n
aus das vom vorgeschalteten optischen System entworfene Bild gesehen wird,
4, die in demselben Punkte gemessene Refraktion des Auges und A. 4, den
Abstand desselben Punktes vom zweiten Hauptpunkte bzw. vom zweiten Brenn-
punkte des vorgeschalteten Systems bedeuten.
Hiermit sind die Mittel angegeben worden, welche die Untersuchung der
durch die Ametropie sowie durch die Korrektion derselben bedingten Ver-
änderungen der Sehschärfe ermöglichen. Die Sehschärfe ist teils ein Maß der
Funktionstüchtigkeit der Netzhaut, und muß dann durch eine Methode gemessen
werden, welche den Vergleich der Netzhautbildgröße in verschiedenen Augen
gestattet, mit welcher somit der kleinste Fokalpunktswinkel bei der Fernpunkts-
einstellung ermittelt wird. Teils ist sie aber auch ein Maß der Funktions-
tüchtigkeit des individuellen Auges, welcher vom Akkommodationszustand un-
abhängig sein, mithin durch den kleinsten Hauptpunktswinkel gemessen werden
muß. Ersteres Maß ist die absolute, letzteres die natürliche Sehschärfe,
12.820.
e: E o)
314 Die Dioptrik des Auges. [G.
welche somit direkt durch Bestimmung des kleinsten Hauptpunktswinkels am
unbewafineten Auge ermittelt wird. Da diese beiden Maße in einem und dem-
selben Auge einem und demselben kleinsten Netzhautbilde entsprechen und den
Distinktionswinkeln umgekehrt proportional sind, so erhält man aus der bei
konstantem Werte von 2 gültigen Beziehung
die Formel
` A |
S= S, 1 + Dj D
wo S die absolute, S, die natürliche Sehschärfe darstellt. Führt man an Stelle
der Refraktion des Auges den Korrektionswert im vorderen Brennpunkte des-
selben ein, so ergibt sich, wenn derselbe mit L bezeichnet wird, aus der Be-
ziehung
1 1 1
Kach mn:
die Formel
L
s=s|1-5)
Der Inhalt dieser beiden Formeln kann, wenn f den numerischen Wert
der in Zentimeter gemessenen vorderen Brennweite des Auges darstellt, auf
folgende Weise ausgedrückt werden. Man erhält die absolute Sehschärfe
aus der natürlichen durch Zuzählen von f°/, für jede Dioptrie der
Ametropie, und die natürliche aus der absoluten durch Abziehen
von /°/, für jede Dioptrie des Korrektionswertes im vorderen Brenn-
punkte des Auges. Bei der Anwendung dieser Sätze hat man sich aber zu
erinnern, daß bei Myopie sowohl der Korrektionswert wie die Ametropie negatives
Vorzeichen haben und somit Zuzählen gleichbedeutend mit numerischem Ab-
zählen ist und umgekehrt. Dieselben geben den Einfluß der Achsenametropie
auf die natürliche Sehschärfe an. Bei reiner Krümmungsametropie ohne Ver-
änderung der reduzierten Achsenlänge ist die natürliche Sehschärfe von der
Ametropie unabhängig. Dagegen ist die absolute Sehschärfe wie bei Krümmungs-
anomalien im emmetropischen Auge bei gleicher Funktionstüchtigkeit der Netz-
haut der Brechkraft des optischen Systems des Auges umgekehrt proportional.
Wird bei der Untersuchung der Sehschärfe unter Zuhilfenahme eines mit
dem Auge kombinierten optischen Instrumentes die Spitze des zur Messung
angewendeten Distinktionswinkels in den vorderen Hauptpunkt des vorgeschalteten
Systems verlegt, und der durch diese Untersuchung bestimmte scheinbare
Wert der Sehschärfe als relative Sehschärfe mit S, bezeichnet, so ist das
Verhältnis der relativen Sehschürfe zur absoluten bzw. zur natürlichen gleich
De bzw. — und ergibt sich somit unmittelbar aus den oben deduzierten
00 0 “0
Formeln. Die Ausdrücke
L A
a MECH
ergeben
S, = S (1 +ò, L) = S, (1 +04)
G] Gegenseitige Beziehungen der Sehschärfenmasse. 315
wo ò, den Abstand des vorderen Brennpunktes des Auges vom hinteren Haupt-
punkte des vorgeschalteten Systems bezeichnet. Bei der gewöhnlichen Unter-
suchung mit Brillen ist dieser Abstand so klein, daß er mit Rücksicht auf die
bei der Ermittelung der Sehschärfe erreichbare Genauigkeit vernachlässigt
werden kann, was auch vom Unterschiede des Wertes L von dem bei dieser
Untersuchung erhaltenen Korrektionswerte gilt. Da nun bei ð, = 0 die relative
Sehschärfe im akkommodationslosen Auge gleich der absoluten ist, so gilt mit
einer für die praktischen Verhältnisse hinreichenden Genauigkeit, daß die ab-
solute Sehschärfe unmittelbar erhalten wird, wenn die Untersuchung
unter Anwendung der die Akkommodation aufhebenden Brille statt-
findet, und daß sich die natürliche Sehschärfe zur absoluten wie der Korrek-
tionswert zur Ametropie verhält. In welchem Abstande sich die Sehproben
befinden, ist, wie aus dem Öbenstehenden hervorgeht, vollkommen gleichgültig,
aber je kürzer der Abstand, je stärker das angewendete Instrument ist, um so
genauer muß die Forderung erfüllt werden, daß der Abstand vom vorderen
Hauptpunkte des letzteren der Sehschärfenbestimmung zugrunde gelegt wird,
und daß der hintere Hauptpunkt desselben mit dem vorderen Brennpunkte des
Auges zusammenfällt.
Die Formeln lehren weiter, daß die relative Sehschärfe des akkom-
modationslosen Auges allgemein sich zur natürlichen Sehschärfe
verhält wie die Ametropie zum Korrektionswert im hinteren Haupt-
punkte des angewendeten Systems, welcher Wert somit nur bei großem
Objektabstande mit der Brechkraft des letzteren identisch ist. Bei großem
Objektabstande ist aber
1+5A)(1-6D)=1
und somit
S,=8S,(1—0D,),
woraus folgt, daß, wenn A in Zentimetern gemessen wird, die natürliche Seh-
schärfe allgemein aus der bei großem Objektabstande ermittelten
relativen Sehschärfe durch Abziehen von dä, für jede Dioptrie des
angewendeten Glases erhalten wird, wobei es gleichgültig ist, ob das
Auge akkommodiert oder nicht.
Wird anstatt des im Werte der natürlichen Sehschärfe enthaltenen Winkels
©, der Winkel œ, angewendet, dessen Spitze im scheinbaren Ort des optischen
Zentrums der Kristallinse liegt, so erhält man durch Anwendung dieser Formel
das Verhältnis der relativen Sehschärfe nach der Extraktion der durch-
sichtigen Kristallinse zu der vor der Extraktion gefundenen:
1-8D,
1 — d Di
wo A den Abstand des genannten scheinbaren Ortes vom hinteren Hauptpunkte
des vorgeschalteten Systems, D,D, die Brechkraft der vor bzw. nach der
Extraktion angewendeten Linse darstellt. Zu demselben Resulate gelangt man,
obwohl auf etwas umständlicherem Wege, durch den Vergleich der absoluten
Sehschärfe, welche sich im linsenlosen Auge zu der im linsenhaltigen wie
D:D, verhält.
Die Kombination des Auges mit einem optischen Instrumente, dessen
hinterer Hauptpunkt mit dem vorderen Brennpunkte desselben zusammenfällt,
816 Die Dioptrik des Auges. IG
gibt das Mittel ab zur Berechnung der durch die Achsenametropie be-
dingten Veränderung der Bulbuslänge. Wie die oben S. 308 angegebenen
Formeln lehren, ist dabei die Brechkraft des Totalsystems gleich der Brechkraft
des optischen Systems des Auges, und der vordere Brennpunkt des Totalsystems
liegt im vorderen Hauptpunkte des vorgeschalteten Systems. Da die Brenn-
weiten durch die Kombination unbeeinflußt bleiben, so ist die reduzierte Ver-
schiebung des hinteren Brennpunktes gleich
A D,
a y.
und, wenn D, der Korrektionswert ist, fällt der hintere Brennpunkt auf die
Netzhaut. Unter Zugrundelegung des exakten bzw. vereinfachten schematischen
Auges ergibt sich, daß die Länge des achsenametropischen Auges um 0,889 bzw.
0,374 mm für jede Dioptrie des Korrektionswertes von der Länge des emmetropi-
schen abweicht. Zu demselben Resultate gelangt man durch Anwendung der
allgemeinen Brennpunktsgleichung.
Wird das Auge mit einem Instrumente kombiniert, dessen hinterer Brenn-
punkt mit dem vorderen Haupt- oder Brennpunkte desselben zusammenfällt, so
erhält man durch Messung des Winkels oe, D, im ersteren Falle die natürliche,
im letzteren bei akkommodationslosem Auge die absolute Sehschärfe, wie un-
mittelbar aus der Formel
O, = — Qo Do (1 + 4,4,)
hervorgeht, indem für beide Fälle 4 = 0 ist. Da, wie oben bewiesen wurde, im
ersteren Falle die Refraktion, im letzteren der Korrektionswert dem Abstande des
vorderen Brennpunktes des vorgeschalteten Systems vom Objekte proportional ist,
so wurden diese Kombinationen mehrfach Optometerkonstruktionen zugrunde gelegt.
Zur Untersuchung der Refraktion braucht man außer der Kombination mit
einem optischen Instrumente noch einen Indikator, ein Mittel, welches angibt,
ob die Abbildung im Auge scharf ist oder nicht. Das souveräne Mittel bleibt
immer noch die Bestimmung der Sehschärfe, welche eine objektive Kontrolle
seitens des Untersuchers ermöglicht. Einen anderen Indikator für das Vor-
handensein von Zerstreuungskreisen würde die Zerlegung der Pupille in Teile
abgeben, welche neben oder nacheinander für die optische Projektion gebraucht
werden, wenn nicht die Aberrationsverhältnisse des normalen Auges die Genauig-
keit der Resultate beeinträchtigte. Hierher gehören die auf die Versuche von
SCHEINER und Mur basierten Indikatoren, somit auch die unter dem Namen
Kineskopie von Horra?! neuerdings empfohlene Methode. Wäre das Verhältnis
der Pupillengröße zur Aberration im Auge ein solches, daß die Gesetze erster
Ordnung angewendet werden könnten, so würde die Theorie dieser Untersuchung
in dem Werte des linearen Projektionskoeffizienten (S. 250) enthalten sein,
indem es sich um eine optische Projektion des vor das Auge gehaltenen Loches
auf die Netzhaut handelt. In der Formel
0=-x(1-0%
ist dann x der Vergrößerungskoeffizient in dem dem Loche in bezug auf das
optische System des Auges konjugierten Punkte, A" der reduzierte Abstand
1! S. Horta, Nouveau procédé pour déterminer la réfraction oculaire. Ann. d’Oculistique.
CXXXI. 1904. 8. 1.
G] Größe der Zerstreuungskreise. 317
der Netzhaut von diesem Punkte und ® die in demselben gemessene reduzierte
Konvergenz des Objektstrahlenbündels. Ein positives Vorzeichen von © bedeutet
hier eine gleichsinnige optische Projektion, somit eine gekreuzte monokulare
Diplopie bzw. eine entgegengesetzte Scheinbewegung bei dem Schemerschen
bzw. Mıueschen Versuche. Setzt man
wein,
wobei 4’ den reduzierten Abstand des dem Objektpunkte entsprechenden Bild-
punktes von der Netzhaut darstellt, so kann, wenn K der Vergrößerungs-
koeffizient in diesem Bildpunkte und 9 die im Orte des Loches gemessene
Konvergenz des Öbjektstrahlenbündels ist, die Formel in folgender Form ge-
schrieben werden:
aus welcher hervorgeht, daß dem bei einer Verschiebung des Loches auf der
Achse des Auges im vorderen Brennpunkte desselben stattfindenden Vorzeichen-
wechsel von x kein Vorzeichenwechsel von © entspricht.
Dieselben Formeln ergeben allgemein die Größe der Zerstreuungs-
kreise, soweit sich diese aus den Gesetzen erster Ordnung ermitteln läßt, was
aber nur bei kleiner Pupille und großem Einstellungsfehler dem tatsächlichen
Verhalten annähernd entspricht. Es ist dann AB die reduzierte Konvergenz
des Objektstrahlenbündels, vor der Brechung in der Eintrittspupille bzw.
nach der Brechung in der Austrittspupille gemessen, worunter der schein-
bare Ort der Pupille bzw. der in bezug auf das optische System des Auges
diesem Orte konjugierte Punkt verstanden wird, und es stellt x den diesen
Punkten zugehörigen Vergrößerungskoeffizienten dar. Wenn 28 die in der Ein-
trittspupille gemessene (statische oder dynamische) Refraktion des Auges ist, so
hat man
x xK
y a*D+R "B=xD+U yR KD = L,
folglich auch
WI
H
x D
x?
1
EE E
und somit
oFR-W_L(,_W
D x D R’
wo O das Verhältnis des Durchmessers des Zerstreuungskreises zum Durch-
messer der Eintrittspupille und ö’ den reduzierten Abstand der Netzhaut von
der Austrittspupille darstellt. Wird in dieser Formel der Abstand der Ein-
trittspupille vom vorderen Hauptpunkte des Auges und der Größenunterschied
derselben von der Pupillenöffnung vernachlässigt, so wird <= 1 und stellt Ai
die reduzierte Achsenlänge dar. Die durch diese Approximation resultierende
Formel ist für den allgemeinen Fall von Sarzmann!, für den Fall A = 0 von
1 M. Sarzmann, Das Sehen in Zerstreuungskreisen. Arch. f. Ophth. XXXIX, 2. 1893. S. 88.
818 Die Dioptrik des Auges. IG,
Naceu?! deduziert worden. Daß letztere Formel exakt gültig ist, hat GLEICHEN °
unter Anwendung des Vergrößerungskoeffizienten in der Pupille bewiesen.
Zur Untersuchung des Sehens in Zerstreuungskreisen genügen nicht
die Gesetze erster Ordnung der Abbildung und optischen Projektion. Denn bei
mittlerer Pupillengröße bedingt die Aberration des Auges, daß Einstellungsfehler
von mehreren Dioptrien nicht genügen, um Schnittlinien der kaustischen Fläche
mit der Netzhaut auszuschließen, welche eine ein- oder mehrfache Abbildung
von Linien bedingen, während schon bei der schärfsten Einstellung Zerstreu-
ungskreise von bedeutender Größe vorhanden sind. Und bei kleiner Pupille
spielen wiederum die Erscheinungen der Diffraktion ein. Ersterer Umstand
macht die exakte Untersuchung der Tiefe der Abbildung im Auge, der
Akkommodationslinie ÜZERMAKS, zu einem sehr verwickelten mathematischen
Problem und erklärt den von Sarzmann® betonten Einfluß der Übung, welche
in der Deutung der durch andere Querschnitte der kaustischen Fläche ent-
stehenden Abbildungsfiguren besteht. Diese Übung ist wiederum von besonderer
Bedeutung bei der Erklärung der eigentümlichen Fähigkeit zu lesen bei starker
unkorrigierter Hypermetropie, für welche sonst mit Vorliebe das Verhältnis
der Größe des Zerstreuungskreises zur Größe des unscharfen Bildes hinzu-
gezogen wird.
Der lineare Projektionskoeffizient ©, bei der optischen Projektion un-
scharf gesehener Gegenstände auf die Netzhaut ergibt sich allgemein
daraus, daß in der Pupille der reduzierte anguläre Vergrößerungskoeftizient
gleich dem reziproken Werte des linearen Vergrößerungskoeffizienten ist:
U
O = Ke 6
Wenn das Objekt reell ist und dem Auge zu nahe steht, um scharf ge-
sehen werden zu können, so ist sowohl C, wie A negativ, während CO und R — 2
positive Werte haben. Für diesen Fall gilt somit
O
H
wenn QO die betreffenden numerischen Werte angeben. Die allgemein gültige
Formel
© RR-A
"ger: ei
erhält dann die Gestalt
N
Ist p der Durchmesser der Eintrittspupille, o die lineare Objektgröße, so
ist GC das Verhältnis des Durchmessers der Zerstreungskreise zur linearen
Größe des auf die Netzhaut projizierten Bildes. Da sich nun unmittelbar aus
' A. Nacer, Die Anomalien der Refraktion und Akkommodation des Auges. Handb,
d. ges. Augenheilk. von Grarre und Sarsısou. Bd. VI. Kap. X. 1880. S. 457.
2 A, Greicnen, Einführung in die medizinische Optik. Leipzig 1904. S. 117. Und: Über
die Zerstreuungsfiguren im menschlichen Auge. Arch. f. Optik. I. 1908. S. 211.
3 M. Sarzwann, Das Sehen in Zerstreuungkreisen. Arch. f. Ophth. XL, 5. 1894. S. 102.
G.] Einfluß der Diffraktion. 319
der Formel ergibt, daß bei der Zunahme von O der Wert von Q abnimmt, wenn
N einen positiven Wert hat, im entgegengesetzten Falle aber zunimmt, so ist
dies also damit gleichbedeutend, daß bei Annäherung des Objektes die Bild-
größe bei hypermetropischer Refraktion schneller wächst als die Größe der
Zerstreuungskreise, während bei Myopie das umgekehrte Verhalten stattfindet.
Hierdurch hat man erklären wollen, daß ein Hypermetrop von beispielsweise
8 Dioptrien feinen Druck im Abstande von 5 cm mit unbewaffnetem Auge
lesen kann. Daß aber bei Hypermetropie die Verhältnisse tatsächlich un-
günstiger liegen als bei den anderen Refraktionszuständen, ergibt sich un-
mittelbar daraus, daß der Wert von @ bei positiver Refraktion auch bei größter
Annäherung des Objektes größer als die Einheit ist, während bei Emmetropie
Q stets den Wert 1 hat und bei Myopie dieser Wert nicht erreicht wird, so-
lange das Objekt dem Auge zu nahe steht, um scharf gesehen zu werden.
Der diesbezügliche Effekt des Refraktionszustandes wird am besten dadurch
illustriert, daß man ein Objekt wählt, dessen lineare Größe gleich dem Durch-
messer der Eintrittspupille ist. Es stellt dann Q das Verhältnis des Durch-
messers der Zerstreuungskreise zur Bildgröße dar, und das Vorzeichen des
Wertes Q— 1 gibt an, ob die den Endpunkten des Objektes entsprechenden
Zerstreuungskreise sich überdecken oder nicht. Man ersieht, daß dies bei
Hypermetropie der Fall ist, während bei Emmetropie die Zerstreuungskreise
sich berühren und bei Myopie ein Zwischenraum vorhanden ist. Es ist somit
einleuchtend, daß die emmetropische und in noch höherem Grade die myopische
Refraktion für die beschriebene Art des Lesens günstiger ist als die hyper-
metropische, und daß der Hypermetrop das beste Resultat erhält, wenn er auf
seine Hypermetropie verzichtet und möglichst stark akkommodiert. Das ist
nun eben, was er tut, wohl nicht so sehr um durch Änderung der optischen
Einstellung als durch die begleitende Pupillenverengerung die Größe der Zer-
streuungskreise zu vermindern. Emmetropen und Myopen würden somit auf
diese Weise noch besser als die Hypermetropen lesen können, wenn sie die-
selbe Pupillenverengerung erzielen könnten wie die unkorrigierten Hyper-
metropen und, wie diese, von Kindheit an die Methode geübt hätten.
Bei der betreffenden Pupillengröße darf aber die Güte des durch die
optische Projektion entstandenen Bildes nicht nach der Größe der Zerstreuungs-
kreise beurteilt werden, weil die Diffraktion am Rande der Pupille die Licht-
verteilung innerhalb derselben beeinflußt. Man kann sich unter Anwendung
eines stenopäischen Loches sehr leicht hiervon überzeugen. Macht man sich
durch Vorsetzen von starken Konvex- oder Konkavgläsern ametrop, und sieht
man dabei durch ein zwischen Glas und Auge vor dem Zentrum der Pupille
gehaltenes Loch, so sieht man schon bei 2 mm, noch deutlicher aber bei 1 mm
Durchmesser des Loches eine Lichtkonzentration am Rande des Zerstreuungs-
kreises, den man von einem kleinen leuchtenden Punkt erhält. Daß dies eine
Diffraktionserscheinung ist und nicht etwa von der Aberration der Gläser her-
rührt, folgt teilt daraus, daß das Phänomen bei größerer Blende ausbleibt,
teils daraus, daß die Aberration gerade das entgegengesetzte Verhalten bedingen
müßte. Da es sich um die Diffraktion handelt, kann der Schluß nicht ge-
zogen werden, daß der einem schwarzen Punkte auf weißer Fläche entsprechende
1 Eine Diskussion der in geometrisch optischer Hinsicht interessanten Beziehung
O + O% = K würde deshalb keinen praktischen Nutzen bringen.
320 , Die Dioptrik des Auges. [G.
Schattenkegel sich auf analoge Weise verhalte wie der Lichtkegel beim leuchten-
den Punkte. Die exakte Untersuchung der Einwirkung der Diffraktion in einem
solchen Falle würde eine sehr schwierige mathematische Aufgabe sein. Es ist
aber einleuchtend, daß durch dieselbe Licht im Gebiete des Schattenkegels
hineingeführt, somit auch die Größe der Schattenkreise und die Schatten-
verteilung in denselben beeinflußt wird.
Da die scheinbare Objektgröße bei der optischen Projektion im Auge durch
die Zerstreuungskreise vermehrt wird, so ist es verständlich, daß die Vergrößerung
durch die Konvexglüäser bei der Korrektion der hochgradigen Hypermetropie
weniger auffällig ist als die Verkleinerung durch die Konkavgläser bei der
Korrektion der hochgradigen Myopie und daß in den letzteren Fällen, wenn
bei schlechter Sehschärfe kleine Netzhautbilder überhaupt nicht verwertet
werden können, die Korrektion weniger Nutzen bringt.
Eine Methode zur Untersuchung der Zerstreuungskreise, welche von der
Aberration und der Diffraktion relativ unbeeinflußt bleibt, ist die chromatische
Zerlegung derselben. Da in der Formel S. 317 4 für verschiedene Farben
verschiedene Werte hat, so muß bei der scharfen Einstellung für eine kurz-
wellige Farbe ein Zerstreuungskreis der langwelligen entstehen und umgekehrt,
und diese Zerstreuungskreise müssen um so deutlicher sichtbar sein, je mehr
das Licht einer binären Mischung aus kurzwelligem mit langwelligem Lichte
gleichkommt. Eine in dieser Beziehung praktisch sehr anwendbare Licht-
mischung liefert ein Kobaltglas von hinreichend gesättigter Farbe mit dem
Lichte einer gewöhnlichen Kerzenflamme. Die Beobachtung der farbigen
Säume eines vor der Lichtquelle befestigten Loches repräsentiert auch einen
sehr guten Indikator der Abbildung, wie S. 119 von HELMHOLTZ angegeben
worden ist.
Von den Methoden zur Untersuchung der Refraktion bleibt die
Donpesssche vorläufig allen anderen überlegen. Dieselbe besteht in der Kom-
bination des Auges mit verschiedenen Gläsern unter Anwendung der Sehschärfe-
bestimmung bei großem ÖObjektabstande als Indikator der Einstellung. Die
Untersuchung ergibt somit den Korrektionswert und die absolute Sehschärfe,
indem das stärkste positive bzw. schwächste negative Glas gesucht wird, mit
welchem das Auge seine maximale Sehschärfe erreicht. Die Vorteile dieser
Methode bestehen in der durch die Sehschärfebestimmung ermöglichten objek-
tiven Kontrolle und in der Erschlaffung der Akkommodation, welche erfahrungs-
gemäß mit Brillen und bei großem Öbjektabstande den meisten Menschen
leichter ist als wenn sie in ein Instrument hineinblicken sollen. Auf die
Details dieser Untersuchung oder auf die übrigen optometrischen Methoden
einzugehen, würde hier zu weit führen. Es soll nur daran erinnert werden,
daß, ebenso wie der große ÖObjektabstand die Erschlaffung der Akkommodation
begünstigt, auf dieselbe Weise ein kurzer Objektabstand dieselbe stimuliert.
Wenn deshalb die Doxperssche Methode zur Bestimmung des Fernpunktes
die geeignetste ist, so wird die zur Ermittelung der Akkommodationsbreite
erforderliche Bestimmung des Nahepunktes am besten durch direkte
Messung ausgeführt, nachdem derselbe durch Vorsetzen einer passend gewählten
Brille in einen für die Messung geeigneten Abstand verlegt worden ist.
Die physiologische Refraktion des Auges ist bei der Geburt hyper-
metropisch, wie zahlreiche Untersuchungen bewiesen haben. Die gegenteilige
G.] Physiologische Refraktion des Auges. 321
Angabe von JAEGER! beruht, wie Hess? und ErschxıG® nachgewiesen haben,
darauf, daß er ohne künstliche Pupillenerweiterung untersuchte, und daß die
Neugeborenen durch Akkommodation ihre Refraktion wenigstens zeitweise
wesentlich vermindern. Die angeborene Hypermetropie, welche nach den
Untersuchungen Srrauss* im Mittel 2 Dioptrien beträgt, nimmt schon in der
Kindheit ab, so daß der normale Refraktionszustand vom Schulalter ab emme-
tropisch oder sehr schwach hypermetropisch ist, um sich von der fünften
Lebensdekade ab dem der Neugeborenen wieder zu nähern und denselben im
hohen Greisenalter approximativ zu erreichen. Srraup ist der Meinung, daß
der größte Teil der Hypermetropie während des ganzen Lebens bestehen
bliebe und durch einen Tonus des Ziliarmuskels verdeckt wäre, aber das
Material, auf welches diese Ansicht gestützt wird, dürfte nicht hinreichend
sein, um die Richtigkeit derselben zu beweisen.
Die im ersten Kindesalter erfolgende Veränderung der Refraktion ist die
Resultante der beim Wachstum eintretenden Veränderung der Bulbuslänge und
des optischen Systems. Was letzteres betrifft, so ist der Krümmungsradius der
Hornhaut zwar beim Neugeborenen etwas kleiner als beim Erwachsenen —
die Angaben bewegen sich um 7,0 mm herum — aber den größten Unterschied
zeigt die Linse, deren Form sich der kugeligen nähert, und welche demgemäß
einen sehr hohen Totalindex besitzen muß. Die Erreichung der angenähert
emmetropischen Refraktion in der überwiegenden Mehrzahl der Augen setzt
offenbar einen beim Wachstum wirkenden regulierenden Mechanismus voraus,
welcher wohl nur darin gesucht werden kann, daß bei der Hypermetropie
Akkommodationsspannungen von viel längerer Dauer erforderlich sind als bei
anderen Refraktionszuständen, und daß in der kontinuierlichen Akkommodation
ein Moment vorhanden ist, welches beim Wachstum des Auges refraktions-
vermindernd wirkt. Durch die bei der Kontraktion des Ziliarmuskels erfolgte
Spannung der Chorioidea ist jedenfalls ein statisches Moment gegeben, welches
auf das Wachstum der Bulbusachse einwirken könnte, und durch die bei der
Akkommodation eintretende Formveränderung der Linse kann ohne Zweifel die
Anordnung der Isoindizialflächen und damit auch der Totalindex beim Wachs-
tum beeinflußt werden. Daß auch andere noch unbekannte regulierende Momente
vorhanden sein können, liegt auf der Hand.
Die im Greisenalter wiederauftretende Hypermetropie findet ihre Erklärung
teils in der durch die vermehrte Resistenz der Bulbushüllen und den ver-
minderten Druck der umgebenden Gewebe bedingten Formveränderung, deren
Existenz durch die ophthalmometrische Untersuchung der Hornhaut bewiesen
ist, teils aber auch in den senilen Veränderungen der Linse. Ob ersteres
Moment eine meßbare Vergrößerung des Hornhautradius bewirkt, dürfte wohl,
wie oben betont wurde, noch nicht mit Sicherheit bewiesen sein, daß es aber
eine Verkürzung der Augenachse um einige Zehntel Millimeter zu bewirken
! Ep, v. Jaroer, Über die Einstellungen des dioptrischen Apparates im menschlichen
Auge. Wien 1861.
22.2.0. BR 284.
® Bemerkungen über die Refraktion der Neugeborenen. Zeitschr. f. Augenheilk. XI.
1904. 8.10.
* M. Srraus, Die normale Refraktion des menschlichen Auges. Zeitschr, f. Physiol. d.
Sinnesorg. XXV. 1901. 8.78. — Über die Ätiologie der Brechungsanomalien des Auges
und den Ursprung der Emmetropie. Arch. f. Ophth. LXX. 1. 1909. S. 180,
v. Hrtuanotzz, Physiologische Optik. 8. Aufl. I. 21
322 Die Dioptrik des Auges. IG.
imstande ist, dürfte wohl kaum einem Zweifel unterliegen. Letzteres Moment
kann wiederum nicht nur durch Erhöhung des Kortikalindex, sondern auch
durch veränderte Form der Isoindizialflächen ein Herabdrücken des Totalindex
bewirken. Endlich ist die Einwirkung der senilen Pupillenverengerung ın
Rechnung zu ziehen, welche bei normaler Aberration eine, obwohl geringe
Erhöhung der Refraktion bewirken muß, da ein bei mittlerer Pupillengröße
emmetropisches Auge bei unendlich kleiner Pupille eine Hypermetropie von
1 D. aufweisen müßte.
Die im Endstadium senile Veränderung der Linse beginnt in der frühesten
Kindheit, was damit im Zusammenhang steht, daß die Linse eine geschlossene
Epithelbildung darstellt, wo keine Abfuhr möglich ist, wohl aber, wie aus den
Untersuchungen von PrrestLey Smıra? hervorgeht, während des ganzen Lebens
eine konstante Zufuhr stattfindet. Objektiv zeigt sich diese Veränderung am
lebenden Auge durch eine stetige, bei geeigneter Untersuchung ohne Schwierig-
keit wahrnehmbare Zunahme der Fluoreszenz,? dann durch das Auftreten der
Hessschen Kernbildchen, welche eine Diskontinuitätstläche in der Indexvariation
beweist, die, wenn man so will, die Grenzfläche zwischen einem Kerne und einer
Kortikalschicht ausmacht, und endlich durch eine zunehmende diffuse Reflexion
des Lichtes und eine im höheren Alter immer gelber werdende Farbe des vom
Kern reflektierten Lichtes, sowie manchmal durch eine Verdoppelung des in
der hinteren Linsenfläche entstehenden Purkınseschen Bildes, wenn es in einer
den Kernäquator streifenden Richtung untersucht wird. An der toten Linse
findet man dementsprechend neben der stetigen Größenzunahme eine fort-
schreitende Sklerosierung der zentralen Partien und Differenzierung des Kernes.
Funktionell zeigt sich diese Veränderung in einer fortschreitenden Abnahme
der Akkommodationsbreite, welche von dem Zeitpunkte an konstatiert
werden kann, wo diese anfängt gemessen werden zu können. Die grundlegenden
Untersuchungen von Doxpers® haben hierzu folgende Zahlen ergeben:
Lebensalter Akkommodationsbreite
in Jahren in Dioptrien
10 14
15 12
20 10
25 8,5
30 7
35 5,5
40 4,5
45 8,5
50 2,5
55 1,75
60 1
65 0,5
70 0,25
! The growth of the erystalline lens. Brit. Med. Journ. I. 1888. 8. 112,
7 A. Guszstranp, Die Farbe der Macula centralis retinae. Arch. f. Ophth. LXII, 1. 8.48.
RD,
G.] Physiologische Abnahme der Akkommodationsbreite. IE 323
Bei der Verwertung dieser Zahlen hat man sich aber daran zu erinnern,
daß die Untersuchung die Grenze der Wahrnehmbarkeit kleinster Zerstreuungs-
kreise angibt, das erhaltene Maß somit von der Tiefe der Abbildung abhängig
ist und von der Pupillengröße beeinflußt wird. Es dürfte deshalb die senile
Abnahme der Akkommodationsbreite etwas rascher fortschreiten, als die Tabelle
angibt, und man kann dieselbe für je 5 Jahre nach dem vierzigsten mit hin-
reichender Genauigkeit auf 1 D. schätzen.
Unter Presbyopie wird das Hinausrücken des Nahepunktes jenseits der
konventionellen deutlichen Sehweite verstanden. Hierbei ist das ältere Maß
dieser Sehweite, 22 cm, gemeint, während bei der Berechnung der Vergrößerung
das von der App schen Schule eingeführte neuere Maß, 25 cm, angewendet wird.
Für ein emmetropisches Auge beginnt somit die Presbyopie nach dem vier-
zigsten Jahre. In praktischer Hinsicht spielt aber die habituelle Pupillengröße
hierbei eine wichtige Rolle. Dieselbe wird sehr häufig durch eine Krankheit,
welche den Allgemeinzustand herabgesetzt hat, oder durch neurasthenische
Zustände beeinflußt, und so entsteht durch Vergrößerung der Pupille das jedem
Ophthalmologen bekannte Bild einer plötzlich entstandenen Presbyopie bei
emmetropischen Fünfzigjährigen. Dem Begriffe der Presbyopie entsprechend
wird der korrigierte Ametrop allgemein in demselben Alter presbyopisch wie
der Eımmetrop, während der unkorrigierte Hypermetrop früher, der unkorrigierte
Myop später oder gar nicht presbyopisch wird.
- Auf die Anomalien der Refraktion hier näher einzugehen, würde bei
dem jetzigen Stande der Wissenschaft viel zu weit führen. Die ungeheure
Entwicklung derselben seit dem Erscheinen der ersten Auflage dieses Hand-
buches tritt erst recht klar zutage, wenn man sich erinnert, daß die Trennung
der Hypermetropie von der Presbyopie dort erst in einem Nachtrage erwähnt
wurde. Der grundlegenden Arbeit von Doxpers! schließen sich zusammen-
fassende Darstellungen von Mauruner?, Nager? und LanpoLr* an, während
Hzss® unter Anwendung des exakten Dioptriebegrifies das Gebiet wesentlich
umgestaltet und die Darstellung auf die den Anforderungen der Zeit ent-
sprechende Höhe gebracht hat.
Die Hypermetropie ist in den typischen Fällen angeboren und gehört
in das Gebiet der Achsenametropie. In den höheren Graden ist dieselbe als
eine Hemmungsbildung aufzufassen und öfters von anderen Mißbildungen —
Astigmatismus, Asymmetrie, abnorme Gestalt der Sehnervenpapille u. a. m. —
begleitet, in den niedrigeren dürfte sie als Wachstumsanomalie erklärt werden
müssen. Von den atypischen Hypermetropieformen ist die nach Extraktion der
Linse eintretende — welche das auffallendste Beispiel einer Krümmungsametropie
darstellt — die bei weitem häufigste,
1 a.a, O. Deutsch von O. Becker: Die Anomalien der Refraktion und Akkommodation
des Auges. Wien 1866.
? nn. O. Vorlesungen über die optischen Fehler des Auges. Wien 1876.
"nn, O. Die Anomalien der Refraktion und Akkommodation des Auges. In Handb.
d. ges. Augenheilk. von Grarre und Sarsıscn. Bd. VI. X. Kap. 1880.
t E, Laxporr, La réfraction et laccommodation de l'oeil. In Traité compl. d'ophth. par
Wecoxer et Laxporr. T. III. Paris 1887.
® 4.2.0. Die Refraktion und Akkommodation des menschlichen Auges und ihre
Anomalien. Leipzig 1902, und im Handb. von Grarre und Sarsıscn. 2. Aufl, IL T.
XII. Kap.
21”
324 Die Dioptrik des Auges. Io.
Die typische Myopie ist hingegen eine erworbene Anomalie, gehört aber
wie die typische Hypermetropie zu den Achsenametropien. Die niedrigsten
Grade dürften, wie bei der Hypermetropie, einfach eine Wachstumsanomalie
darstellen, während die höchsten Grade zweifellos eine Krankheit repräsentieren.
Wie es gewissermaßen der Willkür überlassen ist, wo die Grenze zwischen einer
Wachstumsanomalie und einer Krankheit gezogen werden soll, so ist auch die
Auffassung der Ophthalmologen von der Stellung der häufigen mittleren Grade
noch nicht einstimmig geworden. Als ursächliche Momente kennt man eine
angeborene oder durch Schwächezustünde erworbene Disposition und die Ein-
wirkung angestrengter Nahearbeit. Die Disposition wird meistens auf eine zu
große Nachgiebigkeit der Bulbushüllen zurückgeführt, dürfte aber auch in den
statischen Verhältnissen beim Wachstum zum Ausdruck kommen können, wie
aus der Prädisposition der Dolichocephalen hervorgeht. Über die Art und
Weise, in welcher die angestrengte Nahearbeit schädlich wirkt, sind die
Meinungen im Laufe der Zeit weit auseinander gegangen. Die Ansicht, daß
die Akkommodation eine Erhöhung des intraokularen Druckes bewirke, welcher
die Ophthalmologen der Jetztzeit das Vorurteil der Laien und mancher Fach-
leute gegen die volle Korrektion der Myopie verdanken, ist durch exakte Unter-
suchungen widerlegt worden. Auch der Gedanke, daß die bei der Nahearbeit
nötige Konvergenz die Schuld trage, dürfte in den Fällen, wo die Konvergenz
normal ist und ohne abnorme Anspannung sämtlicher äußerer Augenmuskeln
erfolgt, nicht mehr aufrecht erhalten werden können. Dagegen ist es ein-
leuchtend, daß eine angestrengte Fixation unter Anspannung sämtlicher äußerer
Augenmuskeln ebenso wie das habituelle krampfähnliche Zukneifen der Lider
bei offener Augenspalte verlängernd auf die Augenachse wirken kann. Und
wenn in der kontinuierlichen Akkommodation des kindlichen hypermetropischen
Auges der Regulierungsprozeß liegt, welcher die emmetropische Refraktion
hervorbringt, so ist es auch wahrscheinlich, daß eine übermäßig angestrengte
Akkommodation myopiefördernd wirkt. Jedenfalls bezeugt die klinische Er-
fahrung ein relativ häufiges Zusammentreffen von Myopie und solchen, schon
in der Kindheit vorhanden gewesenen Zuständen, welche wegen schlechter Seh-
schärfe eine übermäßige Annäherung an die Arbeit veranlassen, wie Schichtstar,
Hornhautflecke, Astigmatismus, abnorme Dezentration, Fälle, in welchen die
Akkommodation durch die begleitende Pupillenverengerung das Sehen unver-
hältnismäßig verbessert, und deshalb auch leicht übermäßig in Anspruch ge-
nommen wird.
Wenn aber über die Art der Einwirkung der Nahearbeit die Meinungen
noch auseinander gehen, so ist die Notwendigkeit der Vorbeugung gegen unnötig
angestrengte Nahearbeit ein anerkanntes Kampfmittel gegen die Verbreitung
der Myopie, welches u. a. in den Maßregeln der modernen Schulhygiene An-
wendung findet. Den glänzenden Sieg, den Schweden mit diesem Mittel ge-
wonnen hat, bezeugt die Zusammenstellung von Wınmark.! In der Aufgebung
des gotischen Druckes und der sog. deutschen Handschrift steht Deutschland noch
ein Mittel zu Gebote, mit welchem sein Ruf als Myopieland wahrscheinlich
beeinflußt werden könnte.
1 J. Wang, Über die Abnahme der Kurzsichtigkeit in den höheren Knabenschulen
Schwedens. Mitt. a. d. Augenklinik d. Carol. Med.-Chir. Inst. zu Stockholm. X, Heft,
1909. 5. 41.
e
Š
Anomalien der Refraktion. 325
Nach dem Gesagten ist es einleuchtend, daß die besonders unter unkorri-
gierten Myopen verbreitete Ansicht, die Myopie wäre eine Art Anpassung an
die Bedürfnisse der Kultur, vollkommen falsch ist, indem eher, wenn man Kultur
mit Nahearbeit identifizieren will, die Myopen diejenigen darstellen, welche die
Kultur mit einer Invalidität bezahlen müssen.
Fälle von atypischer Myopie, welche in die Kategorie der Krümmungs-
ametropie gehören, kommen bei abnormer Form der Hornhaut und der Linsen-
flächen vor. In dieselbe Kategorie, obwohl eigentlich eine „Indexmyopie“ dar-
stellend, gehört die im Zusammenhang mit den senilen Veränderungen der
Linse im hohen Alter auftretende Myopie, sowie die zuerst von HIRSCHBERG !
bei Diabetes, von MoAauro? bei Ikterus und von ScommoxK? bei einer Darm-
erkrankung gefundene temporäre Myopie, während die bei Iritis vorkommende
temporäre Myopie, welche von SCHAPRINGER* als eine Indexmyopie aufgefaßt
wurde, durch Entspannung der Zonulafasern bei der Schwellung des Ziliarkörpers
erklärt wird. Die senile Myopie ist stets von einer charakteristischen Ver-
änderung der Aberration begleitet und beruht auf einer Erhöhung des Total-
index der Linse. In dieser Richtung kann eine Erhöhung des Kernindex
wirken, die Myopie kann aber auch ohne Veränderung desselben entstehen,
indem bei der fortschreitenden Sklerose die Form der Isoindizialflächen geändert
werden kann. Das Endstadium ist entweder die unter dem Namen des „falschen
Lenticonus“ gehende Lösung des durchsichtigen Kernes von der Kortikalsubstanz
oder eine, gewöhnlich mit überwiegender Kernsklerose einhergehende, Starbildung.
Die bei Diabetes vorhandene Disposition zur Starbildung macht es wahrscheinlich,
daß die Fälle von bleibender Myopie bei älteren Diabetischen ähnlich sind.
Die temporäre Myopie wurde von Moauro und SCHAPRINGER auf eine Index-
erhöhung des Kammerwassers bezogen, was aber, wie Hess’ gezeigt hat, un-
möglich ist. Dieselben dürften um so eher auf eine durch die veränderte Zu-
sammensetzung der die Linse umgebenden Flüssigkeit bedingte Indexveränderung
der Linsensubstanz zurückzuführen sein, als dadurch auch die bei Diabetes
beobachtete temporäre Hypermetropie erklärt wird. Wenn nämlich die der
Indexveränderung entsprechenden Niveauflächen nicht mit den Isoindizialflächen
zusammenfallen, so wird die Anordnung derselben verändert, und kann der
Totalindex bei der individuellen Verschiedenheit im Verlaufe der Isoindizial-
flächen dadurch sowohl erhöht wie herabgesetzt werden.
Zu den Ametropien im beschränkteren Sinne gehört der Astigmatismus
nicht, da derselbe keinen eigentlichen Einstellungsfehler, sondern einen die
exakte Einstellung vereitelnden Bildungsfehler ausmacht. Während bei den
eigentlichen Ametropien von einer einzigen Abbildung in der Fovea centralis
die Rede sein kann, ist dies beim Astigmatismus nicht mehr zulässig, sondern
es müssen beide Abbildungen auseinander gehalten werden. Im ersteren Falle
besteht eine punktförmige Korrespondenz von Objekt und Bild, im letzteren
1 J. Hırscusers, Diabetische Kurzsichtigkeit. Centralblatt f. prakt. Augenh. XIV.
1890. 8.7.
7 G. Moauro, Di alcune alteraxioni oculari in malattie epatiche. Lavori della clin.
oculist. di Napoli. III. 1893. 6S. 100.
3 F, Senger, Über temporäre Myopie. Klin. Monatsbl. f. Augenh. XLV. 1907. S. 40.
* A. SonarrxoeR, The proximate cause of the transient form of myopia associated with
iritis. Amer. Journ. of ophth. X. 1898. 5.899.
52.2.0. 8.841.
326 Die Dioptrik des Auges. [6.
nicht. Abgebildet werden nur Linien, welche zu den Hauptschnitten parallel
sind, wenn diese Symmetrieebenen darstellen, sonst aber einen spitzen Winkel
miteinander bilden können, während die Bildlinien auf der Netzhaut aufeinander
senkrecht stehen. Bei hinreichend hohen Graden kann daher auch in den
regelmäßigsten Füllen das Vorhandensein von Astigmatismus konstatiert und
die Orientierung der Hauptschnitte ermittelt werden, indem der Kranke unter
den auf einer Tafel gedruckten Meridianlinien eines Kreises die beiden bei
verschiedener Einstellung scharf gesehenen Linien angibt, sei es, daß die Änderung
der Einstellung durch die Akkommodation oder durch vorgehaltene Gläser bewirkt
wird. Die Kürze der Brennstrecke in den gewöhnlichen Graden im Verhältnis
zu der Größe der Aberration bewirkt aber, daß bei normaler Pupillengröße die
Verhältnisse viel komplizierter sind, indem verschiedene Schnitte der kaustischen
Fläche eine verschiedene Richtung der abbildbaren Linien bei verschiedener
Einstellung bzw. eine doppelte Abbildung bedingen. Die Richtung der abbild-
baren Linien, welche den Hauptschnitten entsprechen, kann dabei nur derart
gefunden werden, daß die Brennstrecke in ihrer ganzen Ausdehnung vor die
Netzhaut verlegt wird, indem dieselbe mit der Richtung der Kanten der kaustischen
Fläche zusammenfällt, und nur die hintere Kante als alleinige Schnittlinie der-
selben mit der Netzhaut funktionieren kann, wie es aus der Fig. 121 S. 256
hervorgeht. Diese Form der kaustischen Fläche erläutert die Irrigkeit der sehr
verbreiteten Ansicht, daß der Grad des Astigmatismus unter Anwendung der
Meridianlinienfigur bestimmt werden könne. Dies kann nur unter Anwendung
der Sehschärfe als Indikator geschehen, indem die maximale Sehschärfe des
Auges — nicht etwa nur die „normale“ — der richtigen Korrektion des Astig-
matismus entspricht. Die Häufigkeit des Astigmatismus und der Komplikation
desselben mit abnormer Dezentration des Auges bewirkt, daß eine gewissen-
hafte Bestimmung der Refraktion und Sehschärfe größere Ansprüche an den
Untersucher stellen kann als jede andere mir bekannte wissenschaftliche Unter-
suchung.
Die Grenze des normalen Astigmatismus des Auges dürfte bei dem Wert
0,5 D. gesetzt werden müssen, wobei im jugendlichen Alter die direkte, im
höheren die inverse Form überwiegt. Es folgt hieraus, daß im jugendlichen
Alter ein inverser Astigmatismus von 0,5 D. schon als pathologisch an-
zusehen ist. Die klinische Erfahrung lehrt auch, daß derselbe dem Kranken
lästiger sein kann, als ein direkter Astigmatismus von 1 D. und mehr.
In den typischen Fällen von abnormem Astigmatismus ist der Fehler an-
geboren und offenbar durch statische Verhältnisse bei der Entwicklung und dem
Wachstum des Auges bedingt. Erworbener Astigmatismus kommt, von dem
normal im hohen Alter entstehenden und dem beim Glaukom durch die Druck-
erhöhung bedingten, inversen, abgesehen, hauptsächlich nach Erkrankungen und
operativen Eingriffen an der Hornhaut vor.
G.] rbb & 327
IV. Der Mechanismus der Akkommodation.
Für die dioptrische Untersuchung der akkommodierenden Linse braucht
man die Kenntnis der Formveränderung der Flächen und der Dickenzunahme,
während die übrigen bei der Akkommodation wahrgenommenen Veränderungen
weniger Bedeutung für die Dioptrik der akkommodierenden Linse als für den
mechanischen Vorgang bei der Akkommodation haben.
Um nun das Problem des Mechanismus der Akkommodation zunächst vom
optischen Standpunkte aus in Angriff zu nehmen, so ist es, um die Daten des
dem oben angegebenen schematischen Auge entsprechenden schematischen
akkommodierenden Auges ermitteln zu können, hinreichend, wenn die den
genannten Veränderungen entsprechende Änderung der optischen Einstellung
des Auges bekannt ist. Nun bedingen aber die Schwierigkeiten, welche durch
die Dezentrationen der brechenden Flächen verursacht werden, und die unserer
Kenntnisse von der Gestalt der peripheren Teile der Linsenflächen anhaftenden
Mängel, daß die erforderlichen Daten vorläufig nicht hinreichend sicher bekannt
sind. Es fehlt zwar nicht an Untersuchungen, aber die Ergebnisse können nur,
was das Vorrücken des vorderen Linsenpoles und die Krümmungsveränderung
der - vorderen Linsenfläche betrifft, als einigermaßen zuverlässig angesehen
werden. Auf Grund der älteren Beobachtungen! wählte Hermnoutz die
schematischen Werte 0,4 bzw. 6 mm für die Ortsveränderung des vorderen
Linsenpoles und den Krümmungsradius der vorderen Linsenfläche im akkommo-
dierenden Auge, während der Betrag der optischen Einstellungsänderung durch
die Berechnung ermittelt wurde. Die Einstellungsänderuug dürfte aber bei der
Beobachtung größer sein, als es sich bei dieser Berechnung herausstellt, da
bisher von keinem Beobachter eine Verkleinerung des Radius auf die Hälfte
konstatiert worden ist, und das akkommodierende schematische Auge von HELM-
notz nur eine Einstellungsänderung von 6,5 Dioptrien repräsentiert. Auch die
neuen Untersuchungen von Tscuerxıng und Besro? stimmen, wenn man sich
an die relative Veränderung der Krümmung hält und die den Untersuchungs-
methoden anhaftenden Fehlerquellen berücksichtigt, sehr gut zu diesen Werten.
TSCHERNING fand zwar in dem von ihm untersuchten Falle kein Vorrücken
der vorderen Linsenfläche, aber an deren Stelle ein Zurückweichen der hinteren,
so daß eine Linsenverdickung von 0,8 mm resultierte, was er unter Betonung,
daß die Ortsbestimmung der Linsenflächen nicht sehr genaue Werte gibt, auf
individuelle Verschiedenheiten zurückführt. Hierzu ist nur zu bemerken, daß
die Ortsbestimmung wesentlich sicherere Resultate ergibt, wenn die Vorsichts-
maßregel von Hrımmortz beobachtet wird, welche darin liegt, daß die Unter-
suchung nach gegenseitigem Wechsel in der Aufstellung des Fernrohres und der
Lichtquelle erneuert wird, und wenn man die Hornhaut nicht als eine sphärische
Fläche behandelt.
Zu ähnlichen Resultaten bin auch ich selbst gekommen. Ich hatte die
Gelegenheit, während längerer Zeit einen intelligenten 19jährigen jungen Mann
wiederholt zu untersuchen, welcher ein außerordentlich guter Schütze ist und
1 8. die oben zitierten Arbeiten von Kxarr, Apamtx und Woıxow,' Manperstam und
Scuöter, Reich sowie die Zusammenstellung in der 2. Aufl. dieses Handbuchs S. 147.
? a.a. O. Zusammengestellt bei Tsonerxino a. a. O. Encycl. fr. d’ophth. 'T. 111. S. 266.
328 Die Dioptrik des Auges. [6.
auch sehr gut fixiert. Die Ermittelung der Tiefe der vorderen Kammer geschah
nach der Methode von Henmuortz, der Radius der Vorderfläche der Linse
wurde mit seinem Ophthalmometer unter Anwendung der ophthalmometrischen
Nernstlampen direkt gemessen, und die Berechnung wurde mit den exakten für
die Abbildung bei schiefem Durchgang des Lichtes geltenden Formeln ausgeführt.
Für die Verschiebung des Linsenpoles bei der Akkommodation auf eine in
10 cm Abstand von der Hornhaut befestigte Nadel erhielt ich Werte zwischen
0,3 und 0,4 mm. Für den Radius der vorderen Linsenfläche erhielt ich bei
Akkommodationsruhe Werte zwischen 10,34 und 10,42 mm, bei Akkommodation
auf 10 cm Werte zwischen 5,5 und 5,9 mm. "Die bessere Übereinstimmung der
Werte der vorderen Fläche der ruhenden als derjenigen der akkommodierenden
Linse dürfte einesteils die Genauigkeit der Messungen, anderenteils aber auch
die Schwierigkeit der genauen Akkommodation in der Nähe des Nahepunktes
illustrieren, weshalb auch der kleinste Wert der richtige sein dürfte.
Von einer bei der Akkommodation eintretenden Ortsveränderung der
hinteren Linsenfläche ist bisher nichts bekannt. Die Untersuchungen haben
zwar manchmal eine geringe Verschiebung rückwärts oder nach vorn ergeben,
aber die Methoden besitzen keine solche Genauigkeit, daß nicht diese Ver-
schiebung auf die Fehlerquellen auch dann bezogen werden könnte, wenn die
Linse wirklich homogen wäre. Die Eigenschaften des heterogenen Mediums
bedingen aber noch andere Fehlerquellen, indem bei der Formveränderung der
Linse der Verlaufstypus der Isoindizialflächen verändert wird, wie es sich unter
anderem in einer Änderung des Totalindex kundgibt. Dies wäre nun von keiner
so großen Bedeutung, wenn bei der Untersuchung der hinteren Linsenfläche
der axiale Strahlengang benutzt werden könnte, weil dann eine Korrektion
leichter einzuführen wire, Da aber mit Notwendigkeit schief einfallendes Licht
verwendet werden muß, so fehlen die zur Korrektion nötigen Mittel, solange
nicht die genaue Form der vorderen Linsenfläche sowohl im ruhenden wie im
akkommodierenden Auge bekannt ist. Hierzu kommt noch, daß wegen der bei
der Akkommodation eintretenden Pupillenverengerung die in der hinteren
Linsenfläche entstehenden Spiegelbilder oft nicht bei derselben Richtung der
Augenachse untersucht werden können, wie die vorderen, wenn das Resultat
nicht durch eine künstliche Pupillenerweiterung außerhalb der Grenzen des
streng physiologischen Gebietes verlegt wird, und daß die Zentrierung des
Auges durch die Akkommodation beeinflußt wird. Anbetrachts dieser Fehler-
quellen ist es nicht auffallend, daß für die akkommodative Veränderung der
Krümmung der hinteren Linsenfläche ziemlich abweichende Angaben gemacht
werden. So fand unter den älteren Untersuchern Kxarp Unterschiede von
0,5 bis 1,5 mm zwischen dem Radius der ruhenden und der akkommodierenden
Linse, In dem von Tschernıng gemessenen Falle ging der Radius der hinteren
Linsenfläche bei der Akkommodation von 5,7 nur bis auf 5,3 mm herunter,
während der Radius der vorderen Linsenfläche 9,7 bzw. 5,4 mm betrug, aber
auf der anderen Seite bewegen sich die Zahlen von Besıo um einen Unterschied
von 1,0 mm.
Aus diesen Untersuchungen kann, wenn die obengenannten Fehlerquellen
beachtet werden, kein anderer Schluß mit Sicherheit gezogen werden, als daß
eine akkommodative ÖOrtsveränderung der hinteren Linsenfläche
bisher nicht bewiesen ist, und daß die Krümmung der hinteren Linsen-
fläche bei der Akkommodation, obwohl in geringem Grade, zunimmt.
GI Akkommodative Veränderung der Linsenform. 329
Zu demselben Resultate ist neuerdings auch GERTZ? unter Anwendung einer
eigenartigen Methode gekommen. Er untersuchte die Bedingungen, unter welchen
der S. 192 erwähnte Lichtfleck als ein scharfes Bild, das sekundäre katadioptrische
Bild, gesehen wird. Die wegen des unumgänglichen schiefen Lichteinfalls auftreten-
den Erscheinungen astigmatischer Strahlenbrechung deuten zwar Fehlerquellen an,
welche die Methode, die sonst zur Kontrolle schematischer Augen geeignet wäre,
dazu unbrauchbar machen. Gerrz hat auch keine diesbezüglichen Schlüsse ge-
zogen, wohl aber gefunden, daß im untersuchten Falle der hintere Linsenpol
bei der Akkommodation keine merkliche axiale Verschiebung erfuhr, und daß
die Krümmung der hinteren Linsenfläche in dem gemeiniglich angenommenen
Grad akkommodativ zunahm. Da es sich hierbei nur um den Vergleich der
Ergebnisse verschiedener Untersuchungen eines und desselben Auges unter dem
Einflusse ähnlicher Fehlerquellen handelt, so dürften sich die Fehler größten-
teils gegenseitig aufheben und der Schluß berechtigt sein.
Um eine schematische akkommodierende Linse darzustellen, empfiehlt es
sich, die Verhältnisse bei maximaler Akkommodation in jugendlichem Alter vor
dem Auftreten der Diskontinuitätsfläche in der Linse zu repräsentieren. Ich
habe deshalb die Einstellung auf annähernd 10 cm Abstand von der Hornhaut
gewählt und im Anschluß an die oben erwähnten, von mir gefundenen Zahlen
angenommen, daß sich der Krümmungsradius der vorderen Linsenfläche bei der
Akkommodation vom Werte 10 auf den Wert 5,33 mm verkleinere, während
für die akkommodative Verschiebung des vorderen Linsenpoles der von HELM-
HOLTZ angenommene Wert 0,4 mm beibehalten ist. Bei dem geringen Werte,
der den Bestimmungen der akkommodativen Formveränderung der hinteren
Linsentläche beigelegt werden kann, bleibt die Wahl der Krümmung der hinteren
Linsenfläche im akkommodierenden Auge gewissermaßen der Willkür überlassen.
Es scheint deshalb die Wahl der symmetrischen Form berechtigt, weil das
schematische Auge die maximale Akkommodation darstellen soll und, soweit
aus den Messungen geschlossen werden kann, die Linse sich bei der Akkommo-
dation dieser Form möglichst nähert. Die hiermit angenommene akkommodative
Krümmungsveränderung der hinteren Linsenfläche liegt einerseits zwischen dem
von Hrtanotaz und den von seinen Schülern gefundenen Werten, andererseits
aber auch zwischen dem von TscmeRrNING und den von seinem Schüler ge-
fundenen, in beiden Fällen demjenigen des Lehrers näher. Von der Zu-
verlässigkeit dieses Wertes kann aber nur gesagt werden, daß unsere bisherigen
Kenntnisse nicht ausreichen, um einen besseren anzugeben. Die Wahl des be-
stimmten Wertes 5,33 für die Krümmungsradien geschieht deshalb, weil dieser
Wert den mit dem Gesetze von Marruressen übereinstimmenden Wert des
Totalindex ergibt und dadurch die mathematische Prüfung dieses Gesetzes er-
möglicht, ohne dabei von dem meiner Untersuchung entsprechenden Werte mehr
abzuweichen, als durch die Fehlerquellen der Methoden erklärt werden kann.
Da bei der Akkommodation die vordere Linsenfläche einer größeren Ver-
änderung unterworfen ist als die hintere, so ist anzunehmen, daß bei der Ver-
dickung der Linse der vor dem Punkte mit maximalem Index belegene Teil
einer größeren Veränderung unterliegt, als der hintere, weshalb ein symmetrischer
Bau der akkommodierenden Linse auch in dieser Hinsicht wahrscheinlich ist.
1 H. Gerrz, Über das sekundäre katadioptrische Bild des Auges. Skand. Arch. f.
Physiol, XXII. 1909. S. 299,
330 Die Dioptrik des Auges. [6.
Die Brechkraft der Linse läßt sich aus der optischen Einstellung, den Daten
des Hornhautsystems und der Länge des schematischen, nicht akkommodierenden
Auges auf gewöhnliche Weise berechnen. Unter Anwendung eines optischen
Zentrums der zu berechnenden Linse erhält man einen Approximativwert von
rund 33 Dioptrien. Da jede Linsenfläche die Brechkraft von 9,875 D. hat, und
da weiter die in die Rechnung einzuführende Brechkraft der Kernlinse etwas
größer als der exakte Wert sein muß, die Brechkraftsumme der Einzelsysteme
wiederum die Totalbrechkraft übersteigt, so ergibt sich der approximative Wert
von 15D. für die in die Berechnung einzuführende Brechkraft der Kernlinse.
Die außer den so bestimmten Werten zur Ermittelung der Indizialgleichung
der akkommodierenden Linse noch nötigen zwei Gleichungen ergeben sich aus
den beiden Bedingungen, daß bei der Formveränderung keine Kompression im
Linsenzentrum stattfinde, und daß das von der größten geschlossenen Isoindizial-
fläche begrenzte Volumen bei der Formveränderung unverändert bleibe, welche
Bedingungen sich daraus ergeben, daß die bei der Akkommodation wirkenden
Kräfte zu schwach sind um durch Kompression das Volumen und die physi-
kalischen Brechungsindices der einzelnen Teilchen merkbar zu verändern.
Die in die Berechnung der akkommodierenden schematischen Linse ein-
geführten Werte sind somit:
-%4 ==? 0, =— Q, = 5,833... D = 0,015
und ergeben folgende Konstanten der Indizialgleichung
m = 0,0025031, n = 0,0023443,
Pa = 0,0224907, p, = 0,0021085, Pa = 0,0008899 ,
während wegen des symmetrischen Baues M und N gleich Null sind. Ich habe
dieselben zunächst, wie bei der nicht akkommodierenden Linse, zur Berechnung
einer Anzahl Koordinaten der Schnittpunkte der den Brechungsindizes 1,386
und 1,404 entsprechenden Isoindizialflächen mit einer Meridianebene benutzt
und stelle diese Schnittlinien in der Fig. 134 den in der Fig. 138 reproduzierten
der nicht akkommodierenden Linse angehörenden gegenüber. Die in diesen
Figuren sichtbaren schematischen Schnittlinien der Linsenflächen habe ich da-
durch konstruiert, daß dieselben so weit wie möglich gegen den Äquator hin
als parabolisch behandelt wurden, während die Verbindungsstücke willkürlich
gestaltet sind und schätzungsweise der Bedingung genügen, daß das zwischen
den Linsenflächen und der größten geschlossenen Isoindizialtläche enthaltene
Volumen bei der Formveränderung unverändert bleiben soll. Ich betone es
ausdrücklich: diese Figuren sind nur betrefis der Isoindizialflächen und nur
unter der Annahme des symmetrischen Baues der Kernlinse bei maximaler
Akkommodation vollkommen exakt. Ihr Zweck ist, den optischen Mechanismus
der Akkommodation, soweit es sich um die Abbildungsgesetze erster Ordnung
auf der Achse handelt, objektiv darzulegen und den Zusammenhang dieses
optischen Mechanismus mit der Dynamik der akkommodativen Veränderung
der Linse schematisch zu illustrieren. Betrefis ersterer Frage ist zu bemerken,
daß ein geringer Krümmungsunterschied, wie er, wenn man den ophthal-
mometrischen Messungen hinreichende Beweiskraft zuerteilen wollte, wohl in
manchem Auge vorhanden sein. könnte, nur einen sehr kleinen Wert von N be-
wirken würde, dessen Eintluß auf den Verlauf der Isoindizialflächen kaum merkbar
G] Intrakapsulärer Akkommodationsmechanismus. 3831
wäre, wovon man sich übrigens auch ohne Rechnung leicht überzeugen kann,
wenn man bedenkt, daß die relativ starke Durchbiegung der akkommodations-
losen Linse nur den durch die Fig. 133 repräsentierten asymmetrischen Verlauf
der Isoindizialflächen bewirkt. Was wiederum den Zusammenhang des optischen
Mechanismus mit der Dynamik der Akkommodation betrifft, so wird weiter
unten darauf zurückzukommen sein und es soll hier nur gleich darauf aufmerk-
sam gemacht werden, daß, wenn die vordere Linsenfläche in Übereinstimmnng
mit den Untersuchungen von Beso eine stärkere periphere Abflachung hat als
die hintere, dadurch eine Asymmetrie der äußeren Linsenform ohne Asymmetrie
der Kernlinse bedingt werden könnte.
Ein Vergleich des Verlaufs der Isoindizialflächen in der ruhenden und
akkommodierenden Linse lehrt unmittelbar, daß die bei der Dickenzunahme
der Linse stattfindende Verschiebung
einzelner Teilchen in der Richtung
nach der Achse zu den größten Betrag
in der Äquatorealebene erreicht, und
daß hier die der Linsenachse näher
liegenden Teilchen sich mehr ver-
schieben als die näher dem Äquator
belegenen. Wie aus der mathe-
matischen Untersuchung hervorgeht,
ist letzteres Verhalten ein Ausdruck für
die Veränderung des Totalindex bei
der Formveränderung der Linse. Da
dasselbe nun aus dem anatomischen
Baue der Linse a priori hätte postu-
liert werden können, so folgt hieraus,
daß die bei der Akkommodation ein-
tretende Veränderung des Totalindex
mit Notwendigkeit durch die anato- Fig. 133. Fig. 134.
mische Struktur der Linse bedingt wird.
Um diesen Zusammenhang zu verstehen, braucht man sich nur daran zu
erinnern, daß die Linsenfasern vorn und hinten befestigt sind und im Verlaufe
Bögen beschreiben, welche nach dem Äquator zu konvex sind. Wenn sich bei
der Dickenzunahme der Linse die Befestigungspunkte der Fasern voneinander
entfernen, muß der Bogen gestreckt werden, wobei die ausgiebigste Dislokation
der Teilchen in den von den Befestigungsstellen am weitesten entfernten Partien
der Fasern stattfinden muß. Wenn die Linse stets symmetrisch wäre, müßte
somit eine zentripetale Verschiebung am Äquator stattfinden. Bestimmt man
an jeder Linsenfaser den Punkt, wo die zentripetale Verschiebung den Maximal-
wert hat, und legt man durch diese sämtlichen Punkte eine Fläche, die Fläche
maximaler akkommodativer Verschiebung, so würde diese Fläche mit der
Äquatorealebene zusammenfallen. Da nun aber die ruhende Linse asymmetrisch
ist, und die Formveränderung sich wesentlich an der vorderen Fläche abspielt,
so muß die Fläche maximaler akkommodativer Verschiebung nach vorn konkav
sein. Dieser ausschließlich aus dem anatomischen Baue der Linse unter Be-
rücksichtigung der asymmetrischen akkommodativen Formveränderung gezogene
Schluß ergibt sich auch direkt aus den obenstehenden Figuren als Resultat der
mathematischen Analyse. Die geringe Formveränderung der hinteren Linsen-
332 Die Dioptrik des Auges. IG,
fläche beweist, daß die Befestigungspunkte der dieser Fläche anliegenden Linsen-
fasern sich bei der Akkommodation durchschnittlich weniger voneinander ent-
fernen müssen als diejenigen der der vorderen Linsenfläche anliegenden Fasern.
Da nun erstere Fasern durchschnittlich mehr peripheriewärts an der vorderen,
mehr zentralwärts an der hinteren Fläche befestigt sind, während letztere
Fasern sich umgekehrt verhalten, so muß während der Akkommodation der
Abstand des hinteren Linsenpoles von der vorderen Anheftungszone der Zonula
relativ weniger verändert werden als der Abstand des vorderen Linsenpoles
von der hinteren Anheftungszone, und muß die Verschiebung an der vorderen
Anheftungsstelle in einer mit der Tangente der Fläche annähernd zusammen-
fallenden Richtung stattfinden. Es geht somit aus dem anatomischen Baue der
Linse hervor, daß bei der akkommodativen Formveränderung die Krüm-
mungszunahme der vorderen Linsenfläche von einer axipetalen Ver-
schiebung der vorderen Anheftungsstelle der Zonulafasern begleitet
ist. Wie aus den obenstehenden Figuren hervorgeht, beweist die mathema-
tische Untersuchung das Vorhandensein einer entsprechenden Verschiebung an
den dieser Anheftungsstelle am nächsten liegenden Teilen der größten ge-
schlossenen Isoindizialfläche.
Da die Fläche maximaler akkommodativer Verschiebung Querschnitte oder
wenig schräge Schnitte der Linsenfasern enthält, so muß die Geschwindigkeit
der akkommodativen zentripetalen Bewegung dieser Schnitte in einem der Achse
näher liegendem Punkte größer sein als in der Nähe des Äquators Wenn
z. B. in 4 mm Abstand von der Achse eine zentripetale Bewegung von 0,1 mm
stattfindet, so ist der Flächeninhalt der durch den Kreis mit dem Radius 4 mm
hindurchgehenden Fasernquerschnitte gleich 0,8 z qmm, und muß derselbe
Flächeninhalt durch den Kreis mit dem Radius 2 mm hindurchgehen, was hier
einer zentripetalen Bewegung von 0,2 mm entspricht. Dieser Mechanismus
könnte zwar dadurch verhindert werden, daß die näher der Achse belegenen
Fasern bei der Akkommodationsruhe schief, in der akkommodierenden Linse
aber senkrecht von der Fläche maximaler Verschiebung geschnitten würden,
wenn ein solcher Vorgang in dem dazu erforderlichen Grade möglich wäre,
Um den skizzierten Unterschied der zentripetalen Verschiebung auszugleichen,
müßte aber der schiefe Schnitt einen Winkel von 60° mit dem senkrechten
bilden, was offenbar undenkbar ist. Es geht somit aus dem anatomischen Baue
der Linse auch noch hervor, daß die äquatorealen Durchmesser der kleineren
Isoindizialflächen bei der Akkommodation relativ mehr verkürzt werden als die
der größeren. Da die mathematische Untersuchung bewiesen hat, daß dies ein
Ausdruck für die Zunahme des Totalindex ist, so folgt hieraus, daß die durch
die physiologisch-optischen Untersuchungen bewiesene Zunahme des Total-
index der Akkommodation direkt aus dem anatomischen Baue der
Linse deduziert werden kann. Daß bei dieser Verwertung des anatomischen
Baues der Linse von der Möglichkeit einer Veränderung der sogenannten
S-föürmigen Krümmung der Linsenfasern abgesehen worden ist, beruht darauf,
daß diese Krümmung, welche darin ihren Ausdruck findet, daß die Projektion
einer Linsenfaser auf die Äquatorealebene nicht geradlinig ist, nur durch radial
gerichtete Vertiefungen und Erhebungen beeinflußt werden kann, indem dieselbe
durch die reihenförmige Anordnung der Befestigungspunkte der Linsenfasern
bedingt wird, und eine Verschiebung der einzelnen Fasern zueinander an diesen
Punkten ausgeschlossen ist. Dagegen folgt es wiederum aus der anatomischen
G] Schematische akkommodierende Linse. 888
Anordnung der Linsenfasern, daß bei der akkommodativen Formveränderung
solche Vertiefungen und Erhebungen an den Isoindizialflächen entweder ent-
stehen oder, wenn schon vorhanden, verändert werden müssen. Denn sonst
würden dieselben bei der Akkommodation eine Verminderung des Flächen-
inhaltes erleiden, was wohl möglich wäre, wenn die Linse aus frei beweglichen
Teilchen zusammengesetzt wäre, bei der tatsächlich durch die Anordnung der
Fasern beschränkten Verschieblichkeit aber unmöglich ist. Die mathematisch
notwendige Folge dieser akkommodativen Veränderung der Isoindizialflächen
ist aber die Veränderung der um einen leuchtenden Punkt sichtbaren Strahlen.
Durch das Hineindrängen einzelner Fasern zwischen andere kann eine
geringe Indexerhöhung an einem bestimmten Punkte entstehen, obwohl die
physikalischen Indices der einzelnen Fasern nicht verändert werden. Auf diese
Weise wird es erklärlich, daß die in den Figuren repräsentierte kleinere Iso-
indizialfläche bei der Akkommodation scheinbar dem vorderen Linsenpol etwas
näher kommt, indem der beim Vorrücken größer gewordene Flächeninhalt des
der Achse nächstliegenden Teiles derselben ein Hineindringen von Fasern aus
der zentralen Partie bedingen muß.
Es hat somit die dioptrische Untersuchung der akkommodierenden Linse
zur Kenntnis des in der Linsensubstanz vorsichgehenden akkommodativen Ver-
änderungen geführt, und es hat sich dabei herausgestellt, daß diese Verände-
rungen, welche zweckmäßig unter dem Namen des intrakapsulären Akkom-
modationsmechanismus zusammengefaßt werden können, nicht nur im
vollsten Einklange mit dem anatomischen Baue der Linse stehen, sondern auch
den ursächlichen Zusammenhang dieses Baues mit der durch die Refraktions-
änderung bei der Entfernung der Linse und bei der Akkommodation be-
wiesenen akkommodativen Veränderung des Totalindex der Linse beweisen
und erklären.
Die zur Berechnung der schematischen akkommodierenden Linse nötigen
Daten, Brechkraft der Kernlinse und Orter der Hauptpunkte derselben sind
mit dem Millimeter als Einheit
D, = 0,01496, — H = H’ = 0,012566,
wo die Abstände, wie bei der akkommodationslosen Linse, vom Linsenzentrum
gerechnet werden. Bei der Ermittelung der äquivalenten Kernlinse zeigt
es sich, daß eine mathematisch exakte Äquivalenz unmöglich ist, weil die Haupt-
punkte der reellen Kernlinse zu weit auseinander liegen. Die Werte
r =— r, = d = 2,6551,
welche dem bei der äquivalenten Kernlinse erreichbaren maximalen Hauptpunkt-
abstand entsprechen, sind aber für die schematische Linse hinreichend genau,
da der Unterschied des Hauptpunktinterstitiums der reellen und der äquivalenten
Kernlinse nicht den Wert von 0,007 mm erreicht. Die Zusammensetzung der
drei Einzelsysteme der Linse ergibt für das Vollsystem derselben mit dem
Meter als Einheit:
D, = 33,055, 1000 n, H, = — 1000 n, H; = 1,9419,
welche Werte für die reelle Kernlinse gelten. Für die äquivalente ergibt sich
33,056 bzw. 1,9449.
334 Die Dioptrik des Auges. IG
Der Totalindex ist in dem exakten schematischen Auge 1,426 und erhält
im System des vereinfachten schematischen Auges unter Vernachlässigung der
Hauptpunktdistanz den Wert 1,424.
Ich stelle in folgender Tabelle unter Zugrundelegung der äquivalenten
Kernlinsen die Werte des exakten und des vereinfachten schematischen Auges
in Akkommodationsruhe und in maximaler Akkommodation nebeneinander. Die
Brechkräfte sind in Dioptrien, die Längenmaße in Millimetern angegeben.
Während das exakte schematische Auge in Akkommodationsruhe eine
Hypermetropie von 1D. auf der Achse hat, um tatsächlich das emmetropische
Auge zu repräsentieren, kann dieser Einfluß der Aberration nicht betrefis
des akkommodierenden Auges in Rechnung gezogen werden, da der Betrag der
Aberration desselben bisher unbekannt ist. Wegen der bei der Akkommodation
eintretenden Pupillenverengerung wird aber jedenfalls die Einwirkung einer
eventuell vorhandenen Aberration wesentlich vermindert. Dieselbe Pupillen-
verengerung bewirkt aber auf der anderen Seite, daß der praktische Nahepunkt
des schematischen Auges dem Auge etwas näher liegen muß als der exakte
Nahepunkt, indem die Tiefe der Abbildung hinzugezählt werden muß.
Zu dem vereinfachten schematischen Auge ist zu bemerken, daß der Unter-
schied des Totalindex der Linse von den oben angegebenen, der Linse des
exakten schematischen Auges entsprechenden Werten darauf beruht, daß anstatt
der Hauptpunkte der Linse ein optisches Zentrum angenommen ist, und daß
bei Akkommodationsruhe von der Einwirkung der Aberration abgesehen wird.
Auf einen Vergleich mit den bisher vorgeschlagenen schematischen Augen
hier einzugehen, dürfte um so eher überflüssig sein, als dieselben wohl manch-
mal die durch die Refraktionsänderung bei der Linsenextraktion sich ergebende
Brechkraft der Linse berücksichtigen, dabei aber den Zusammenhang der Form-
veränderung der Linse mit dem Betrage der Akkcmmodation in der Regel
vollkommen unberücksichtigt lassen, was seinen Grund offenbar darin hat, daß
ein den Tatsachen entsprechendes schematisches Auge erst durch die Kenntnis
der Dioptrik der heterogenen Medien ermöglicht worden ist. Nur soll betrefis
der Brechkraftwerte darauf aufmerksam gemacht werden, daß dieselben nicht
mit den Angaben von Tscuerning und seinen Schülern direkt vergleichbar
sind, weil bei ihnen der wissenschaftliche Begriff der Brechkraft nicht überall
angewendet wird, und die Dioptrie keine Maßeinheit kommensurabler Größen
darstellt.
Ein Vergleich des Linsensystems des exakten schematischen Auges in
Akkommodationsruhe und in maximaler Akkommodation, wie in der Fig. 135,
deutet, obwohl nur schematisch, den oben bewiesenen intrakapsulären Mechanismus
der Akkommodation an.
Während somit dieser Mechanismus für die ganz jugendliche Linse bekannt
ist, kann man sich betrefis der Linse des mittleren und höheren Lebensalters
nur auf dem Wege der Vorstellung dem Problem nähern, weil die Gestalt der
Diskontinuitätsflächen in der Linse unbekannt ist. Solange die Linse einen
kleinen axialen Spalt aufweist, wie es in Kinderaugen der Fall ist (s. die
schematische Zeichnung von Banten Fig. 186), wird der intrakapsuläre Mecha-
nismus wahrscheinlich unverändert bleiben, indem dieser Spalt bei der Spannung
der Zonula verkürzt werden und der meridionale Durchschnitt desselben ent-
weder die Gestalt eines kleinen Kreuzes oder eines radiären Spaltes aunehmen
muß. Wenn mit zunehmendem Alter die zentralen Partien homogener werden,
G.] he a 335
Schematisches Auge,
| Exakt Vereinfacht
lakkömmoda- Max. Akkom-' Akkommoda-| Max. Akkom-
| tionsruhe modation | tionsruhe modation
Brechungindex. | | |
Hornhaut . . e 1,876 1,876 | |
Kammerwasser und Glaskörper | 1,386 1,886 1,386 1,886
Linse . WA 1,886 | 1,886 1,418 1,424
Äquivalente Kernline >... 1,406 1,406 |
Ort. |
Vordere Hornhautfläche . Gd 0 0 | 0 | 0
Hintere Hornhautfläche . geck 0,5 0,5 |
Vordere Linsenfläche . . . 3,6 8,2 |
Vordere Fläche d. äquiv. Kernlinse 4,146 8,8725
Hintere Fläche d. äquiv. Kernlinse 6,565 6,5275
Hintere Linsenfläche . . . . 7,2 1,2 |
Optisches Zentrum der Linse . . | 5,85 5,2
Krümmungsradius. |
Vordere Hornhautfläche . . . . 1,7 1,7 |
Hintere Hornhautfläcke . . . . 6,8 6,8 | |
Äquivalente Hornhautfläche . . | 7,8 7,8
Vordere Linsenflüche . . . 10 ew: "ERT? WW RR;
Vordere Fläche d. äquiv. Kernlinse | 7,911 2,655
Hintere Fläche d. äquiv. ee» | — 5,76 — 2,655 |
Hintere Linsenflüche ar — 6 | -588..| —6 | -588..
Brechkraft. |
Vordere Hornhautfläche . . . . 48,88 48,88
Hintere Hornhautfläche . . . - -588 | — 5,88 |
Äquivalente Hornhautfläche . . | | | 48,08 43,08
Vordere Linsenfläche . . . . .| 5 | 9,875 | 7,7 | 16,5
Kernlinse . . n dance 5,985 | 14,96
Hintere Linsenfläche . . . . . 8,88.. | 9,875 | 12,888... 16,5
Hornhautsystem. | |
Brechkraft . . e 43,05 i 43,05 43,08 48,08
Ort des ersten Hauptpunktes . +) — 0,0496 | — 0,0496 0 | 0
Ort des zweiten Ae ged . || — 0,0506 | — 0,0506 0 0
Vordere Brennweite . . . || — 28,227 | — 28,227 — 28,214 | — 28,214
Hintere Brennweite . . . .. 31,031 81,081 81,014 | 31,014
Linsensystem.
Brechkraft . . . R 19,11 33,06 20,58 38
Ort des ersten Hauptpunktes d 5,678 5,145 5,85 5,2
Ort des zweiten DEn: ; 5,808 5,255 5,85 5,2
Brennweite . . g 69,908 40,416 65,065 40,485
Vollsystem.
Brechkraft . . . sl 58,64 0,57 59,74 | 70,54
Ort des ersten Hauptpunktes in 1,348 1,772 1,505 1,821
Ort des zweiten Hauptpunktes . 1,602 2,086 | 1,681 2,025
Ort des ersten Brennpunktes . . Er 15,707 — 12,397 — 15,285 — 12,855
Ort des zweiten ata aina F 24,887 21,016 23,996 20,968
Vordere Brennweite . . 1 — 17,055 — 14,169 — 16,740 — 14,176
Hintere Brennweite . . 2...) 22,785 18,980 | 22,865 18,938
Ort der Netzhautfovea . . . . 24 24 24 | 24
Axiale Refraktion sda `, = .1.#+ Lä — 9,6 | 0 | — 917
Ort des Nahepunktes . . .» . . — 102, 3 | | — 100,8
336 Die Dioptrik des Auges. IG,
beginnt die Formveränderlichkeit im Linsenzentrum abzunehmen, wobei die
maximale Krümmungsveränderung der Linsenflächen nicht dieselbe Erhöhung
des Totalindex der Linse bedingen kann. Es folgt hieraus, daß die Akkom-
modationsbreite schon abnimmt, bevor die Veränderungen im Kerne die Krüm-
mungsveränderung der Linsenflächen beeinflußt. Bei der Formveränderung
müssen, sobald die zentralen Teile weniger beweglich werden, Spannungen ent-
stehen, welche zur Bildung der Diskontinuitätsfläche führen. Dies wird durch
die neuerdings von Zeeman? beschriebene Verdoppelung des in der hinteren
Linsenfläche entstehenden Spiegelbildes bewiesen, welche, wie oben bemerkt
wurde, in mancher seniler Linse gesehen werden kann, wenn man in einer den
Kernäquator streifenden Richtung untersucht, welche aber von Zeeman selbst‘
Fig. 186,
Fig. 185.
fülschlicherweise auf einen supponierten hinteren Lenticonus bezogen wurde.
Daß endlich mit zunehmender Kernsklerose die Krümmungsänderung der Linsen-
flächen — wenigstens der vorderen — behindert wird, haben die Untersuchungen
von Apamüx und Womow® bewiesen,
Bei der Untersuchung des extrakapsulären Akkommodationsmecha-
nismus empfiehlt es sich zunächst die am menschlichen Auge beobachteten
Tatsachen zusammenzustellen.
1 W, P. C. Zeus, Über die Form der hinteren Linsenfläche. Klin. Monatsbl. f.
Augenheilk. XLVI. 1908. 8. 88.
? a. a. O.
GI Akkommodative Pupillenverengerung. 387
Außer der schon gewürdigten Krümmungsänderung der Linsenflächen
und der Dickenzunahme der Linse machte Hrtanotaz in erster Linie auf
die die Akkommodation begleitende Pupillenverengerung aufmerksam. Es
ist gestritten worden, ob dieselbe mit der Akkommodation oder mit der Kon-
vergenz der Gesichtslinien assoziiert sei. Hierüber haben klinische Beobach-
tungen gelehrt, daß bei vollständiger diphtherischer Lähmung der Akkommo-
dation die Pupillenverengerung mit der Konvergenz erfolgt, und daß bei
Abwesenheit der Konvergenz die akkommodative Pupillenverengerung unbehindert
sein kann. Das wahrscheinlichste dürfte sein, daß alle drei Innervationen mit-
einander assoziiert sind und durch den Impuls zum scharfen Sehen in der
Nähe ausgelöst werden. (Daraus, daß die Pupille durch mechanische Momente bei
Entleerung der vorderen Kammer verengert wird, kann man nicht, wie TSCHERNING,
den Schluß ziehen, daß die akkommodative Pupillenverengerung durch mecha-
nische Momente bedingt werde.) Die Funktion der akkommodativen Pupillen-
verengerung ist in der Vergrößerung der Tiefe der Abbildung zu erblicken,
indem die nötigen Akkommodationsvariationen beim Betrachten naher Gegen-
stände durch die vergrößerte Tiefe wesentlich vermindert werden. Mit der
Aberration hat sie, wie weiter unten gezeigt werden soll, nichts zu tun. Welche
Vorteile diese Pupillenverengerung bietet, dürfte man in der Zeit vor der Er-
findung der Augengläser leichter verstanden haben als jetzt, weil sie damals
das einzige Mittel gegen die normale Presbyopie darstellte.
Die bei der Akkommodation eintretende Veränderung der gestalt-
lichen Verhältnisse der vorderen Kammer wird seit der Erfindung der
Üzarskıschen binokulären Lupe am besten mit dieser beobachtet, da die von
HermHuoLrz angegebenen Versuche aus sogleich zu erörternden Gründen nicht
immer positive Resultate ergeben. Man kann in dem mit diesem Instrumente
erhaltenen stereoskopischen Bilde ohne Schwierigkeit nicht nur das Hervortreten
der zentralen Partien, sondern auch — wenigstens bei ausgiebiger Akkommo-
dation im jugendlichen Alter — das Zurückweichen in der Peripherie mit
Sicherheit konstatieren. Letzteres Moment ist eine notwendige Folge des
ersteren, da die in der vorderen Kammer enthaltene Flüssigkeitsmenge wegen
der physiologischen Anklebung der Iris an der vorderen Linsenkapsel nicht
durch Zurückströmen in die hintere Kammer verringert werden kann, erreicht
aber nicht denselben Betrag, weil die aus den zentralen Teilen entwichene
Flüssigkeitsmenge in der Peripherie einen Raum mit größerem Durchmesser
und demnach geringerer Dicke einnimmt. Hieraus folgt offenbar nicht, daß der
von Her mnourz angenommene Mechanismus der peripheren Tiefenzunahme der
vorderen Kammer nicht wirksam sei, sondern nur, daß derselbe für diesen
Zweck überflüssig wäre. Daß er jedenfalls nicht ausreichend ist, beweist ein
Fall von Uuerıca!, wo in der Iris eine durch eine dünne Membran ausgeklei-
dete Lücke vorhanden war, dadurch daß sich die Membran bei der Akkommo-
dation einstülpte. Da die beim Vorrücken des zentralen Teiles der hinteren
Wand der vorderen Kammer drohende Raumbeschränkung derselben durch ein
Zurückweichen der peripheren Iristeile kompensiert wird, so müßte bei unver-
ändertem Flächeninhalte der Iris eine Erweiterung der Pupille zustande kommen,
oder, was damit gieichbedeutend ist, die mechanische Einwirkung der
1 H, Ursrion, Zur Lehre von der intraokulären Flüssigkeitsströmung. Ber. über die
84. Vers, d. Ophth. Ges. Heidelberg 1907. S. 105.
v. Heısmorrz, Physiologische Optik. 8. Aufl. I. 22
338 Die Dioptrik des Auges. [G.
akkommodativen Formveränderung der Linse auf die Iris ist pupillen-
erweiternd. In Übereinstimmung hiermit entsteht bei plötzlicher traumatischer
Raumbeschränkung in der vorderen Kammer entweder ein Losreißen der Iris
von ihrer Anheftungsstelle oder, wenn sie genügend Zeit zum Entweichen hat,
eine Umstülpung derselben.
Die akkommodative Verengerung der Eintrittspupille "geschieht
nicht konzentrisch. Dies wurde schon in der ersten Epoche der Ophthal-
mometrie bewiesen, indem sowohl Kxarp! wie Apamük und Woınow®, deren
Untersuchungen unter der Leitung von HELMHOLTZ ausgeführt wurden, konstant
eine akkommodative Verschiebung des Pupillenzentrums in nasaler Richtung
fanden. Da bei diesen Untersuchungen das Ophthalmometer in der Achse der
Schmiegungsellipse aufgestellt war, und der Mittelpunkt der Eintrittspupille
nasalwärts von dieser Achse lag, so dürfte diese exzentrische Verengerung der
Eintrittspupille nicht durch die Asymmetrie der Hornhaut erklärt werden
können, sondern es dürfte mit größter Wahrscheinlichkeit die anatomische
Pupille dasselbe Verhalten zeigen. Daß, wenn dies nicht der Fall wäre, doch
die Eintrittspupille eine Dezentration in bezug auf die Visierlinie zeigen muß,
ist leicht einzusehen. Denn von zwei zur Visierlinie parallelen Strahlen, welche
zum temporalen und nasalen Ende des horizontalen Durchmessers der Eintritts-
pupille gehen, hat ersterer einen größeren Inzidenzwinkel in der Hornhaut als
letzterer. Mit der Größe des Einfallswinkels und mit dem Abstande des Inzidenz-
punktes von der Pupillenebene wächst die Scheinverschiebung bei der Brechung.
Wegen der schiefen Inzidenz der Visierlinie und wegen der Asymmetrie der
Hornhaut variieren sowohl die Einfallswinkel wie die Abstände der Inzidenz-
punkte von der Pupillenebene bei Änderung der Pupillengröße asymmetrisch,
was damit gleichbedeutend ist, daß sich die Eintrittspupille nicht konzentrisch
erweitern und verengern kann, wenn dies mit der anatomischen Pupille der
Fall ist. In Übereinstimmung hiermit variiert auch, wie oben betont wurde,
der Einfallswinkel der Visierlinie mit der Pupillengröße. Dasselbe Verhalten
findet bei der akkommodativen Pupillenverengerung statt, wovon ich mich durch
besondere Untersuchungen überzeugt habe.
Die Akkommodation ist oft bei unveränderter Visierlinie von einer Rich-
tungsänderung der Augenachse begleitet. Wenn man unter Anwendung
der ophthalmometrischen Nernstlampe mit vertikalem Spalte den von HELM-
pototz in der Figur 59 S. 120 beschriebenen Versuch macht, dabei aber die Lampe
so weit zurückschiebt, daß das Licht auf die Innenfläche der Sklera vor dem
Irisansatze fällt, so sieht man bei der Akkommodation den kleinen Lichtfieck
etwas mehr nach hinten liegen als in Akkommodationsruhe, wenn man das
Auge über eine in 10 cm befestigte Nadelspitze gegen einen fernen Punkt
blicken läßt, und der Untersuchte es versteht, einmal unter Fixieren des Punktes,
einmal unter Fixieren der Nadelspitze scharf zu visieren. Die Bewegung zu
verfolgen ist unmöglich, weil das Auge während der Einstellungsünderung
Seitenbewegungen ausführt, aber der Unterschied in der Lage des hellen Fleckes
läßt sich durch den veränderten Abstand desselben vom Hornhautlimbus be-
urteilen. Das Auge bewegt sich somit bei der Akkommodation temporalwärts,
obwohl in geringem Gerade. Diese Bewegung dürfte, nebst der Pupillen-
G] Akkommodative Richtungsänderung der Augenachse. 339
verschiebung in nasaler Richtung, die Komplikation abgeben, durch welche die
Eindeutigkeit der Ergebnisse der beiden Versuche von Hrımnortz über die
akkommodative Gestaltveränderung der vorderen Kammer in vielen Fällen be-
einträchtigt wird.
Die Erklärung derselben kann teilweise mit den Abbildungsgesetzen erster
Ordnung gefunden werden. Wollte man nach der falschen Vorstellung von der
Bedeutung der Knotenpunkte die Erscheinung beurteilen, so müßte eben das
entgegengesetzte Verhalten stattfinden. Denn die Knotenpunkte rücken bei der
Akkommodation nach vorn, die Gesichtslinie bildet deshalb im akkommodierenden
Auge einen kleineren Winkel mit der Augenachse, und es müßte bei unverän-
derter Gesichtslinie das Auge nasalwärts bewegt werden. Die exakte Unter-
suchung des Verlaufs der Visierlinie lehrt aber, wie die Beobachtung, das Gegen-
teilige. Stellt n den Brechungsindex von Kammerwasser und Glaskörper, dl
den Ort der Pupille bzw. der Fovea dar, und sind A, h, A. A die Örter der Haupt-
punkte des Hornhautsystems bzw. des Vollsystems sowie D,D, die Brechkräfte,
so erhält man aus den Formeln
n 1 n 1 P — hi
Bianna 18. POEN RYE TETEE Sn.
d — h, pena N A P — h, P— h i n(p— h)
die Örter pp der Ein- und Austrittspupille und den Vergrößerungskoeffizienten x
in denselben. Den Winkel der Visierlinie mit der Augenachse erhält man
unter Anwendung des reduzierten angulären Projektionskoeffizienten, indem der
Abstand der Fovea von der Achse projiziert wird. Da dieser gleich dem rezi-
proken Werte des Vergrößerungskoeffizienten ist, so ist jener Winkel direkt
proportional zum Werte a welcher im exakten schematischen Auge bei
Akkomodationsruhe bzw. bei maximaler Akkommodation 44,67 bzw. 45,25, im
vereinfachten schematischen Auge 44,7 bzw. 45,1 beträgt. Bei der Akkommo»
dation entsteht somit eine Vergrößerung des zwischen der Visierlinie und der
Augenachse eingeschlossenen Winkels, so daß bei unveränderter Visierlinie eine
Augenbewegung nach außen bei der Akkommodation stattfinden muß. Die
Größe dieser Bewegung dürfte aber nicht hinreichend sein, um auf die genannte
Weise wahrgenommen werden zu können. Dagegen liegt in der akkommodativen
Veränderung der Asymmetrienwerte längs der Visierlinie, worauf im betreffenden
Kapitel zurückzukommen ist, die Ursache zu einer Bewegung des Auges, welche
sich mit der eben untersuchten summieren kann.
Bei kräftiger Akkommodationsinnervation wird die Spannung
der Zonula vermindert und erleidet die Linse eine Dezentration in
der Richtung der Schwerkraft. Coccıus! hatte Schwankungen des hinteren
Linsenbildes und TsouerxınG?® eine Dislokation desselben nach unten beschrieben.
Keiner von beiden hatte aber das Wesen der Erscheinung verstanden, indem
die Schwankungen auf Einwirkung des „M. tensor chorioideae“ bezogen, die Ab-
hängigkeit der Dislokation von der Schwerkraft nicht entdeckt wurde. Erst
1 A. Coccıus, Über die vollständige Wirkung des Tensor chorioidene, Ber. d. VII.
intern. Ophth.-Kongr. Heidelberg 1888. S. 197.
? Théorie des changements optiques de l'oeil pendant Taccommodation. Arch. de physiol.
VII, 1. 1895. S. 181.
22*
340 Die Dioptrik des Auges. IG.
durch die Arbeiten von Hess! hat diese Frage eine streng wissenschaftliche
Beleuchtung und ihre definitive Lösung erhalten. Er konstatierte eine bei
maximaler Akkommodationsanstrengung eintretende entoptische parallaktische
Verschiebung einer kleinen in seiner Linse vorhandenen punktförmigen Trübung
zur Pupille. Als Lichtquelle diente ein sehr kleines Loch, 12 mm vor dem
Auge befestigt. Bei starker Akkommodationsanstrengung fand gegen Ende der
entoptisch beobachteten Pupillenkontraktion eine Dislokation des entoptisch
beobachteten Linsenpunktes nach oben im Zerstreuungskreise statt, und zwar
erfolgte diese Verschiebung bei beliebiger Kopfhaltung und vertikaler Pupillenebene
stets in der der Wirkung der Schwerkraft entgegengesetzten Richtung, während
bei horizontaler Pupillenebene ohne Änderung der Fernpunktlage eine Zunahme
der Akkommodationsbreite bei vornübergeneigtem, eine Abnahme bei hinten-
übergeneigtem Kopfe stattfand. Erstere Versuche beweisen, daß bei starker
Akkommodation die Linsentrübung im Verhältnis zur Pupille eine Dislokation
in der Richtung der Schwerkraft erleidet, letzterer, daß dasselbe mit der
ganzen Linse der Fall ist. Daß im ersten Versuche auch die ganze Linse
herabsinkt, wurde bei vorhandenen Trübungen der Linse objektiv gezeigt.
Ferner konstatierte Hess, daß im Zustande kräftiger Akkommodationsinner-
vation die Linse bei Augenbewegungen schlottert — bei vielen Menschen kann
man sogar die Iris am Schlottern teilnehmen sehen — und daß sowohl das
Herabsinken der Linse in der Frontalebene und in sagittaler Richtung wie das
Schlottern bei Eserinisierung zunimmt. Wird das Eserin erst nach Dilatation
der Pupille durch Homatropin eingeträufelt, so kann der Akkommodationsvor-
gang im ersten Stadium der Eserinwirkung bei großer Pupille beobachtet
werden. An den Spiegelbildern der Linse sieht man die Erscheinung auffallend
verschieden, indem das Spiegelbild der hinteren Fläche allein zu schlottern
scheint und entweder allein oder doch in höherem Grade als das der vorderen
Linsentläche herabsinkt. Wie Hess betont hat, kann ein Herabsinken der Linse
stattfinden, ohne daß eine Dislokation des Spiegelbildes der vorderen Fläche
vorhanden wäre, indem die scheinbare Lage des Krümmungsmittelpunktes durch
die Bewegung relativ unbeeinflußt sein kann. Daß das Heruntersinken der Linse
eben auf diese Weise stattfinden muß, geht, wie weiter unten auseinandergesetzt
werden soll, aus dem anatomischen Baue der Zonula hervor. Hess? hat auch
gezeigt, daß an der im Spiegelbilde der vorderen Linsenfläche mit der Üzarskı-
schen Lupe sichtbaren, von dem Epithel herrührenden Zeichnung das Herab-
sinken der vorderen Linsenfläche beobachtet werden kann, sowie daß die vordere
Linsenfläche in Fällen, wo an derselben isolierte Pünktchen gesehen werden
können, das Schlottern mitmacht.
Die entoptische Messung des Herabsinkens der Linse ergab bei starker
willkürlicher Akkommodation 0,8 bis 0,35 mm. Wurde der Kopf von der
rechten auf die linke Schulter geneigt, so verschob sich die akkommodierende
Linse um den doppelten Betrag, bei starker Eserinisierung aber um annähernd
l mm. Beim Übergang von gehobener zu gesenkter Kopfhaltung verschob sich
1 ©. Hess, Über einige bisher nicht gekannte Ortsveränderungen der menschlichen
Linse während der Akkommodation. Ber. über die XXV. Vers. d. Ophth, Ges. Heidelberg 1896.
S. 41, sowie: Arbeiten aus dem Gebiete der Akkommodationslehre. Arch. f. Ophth. XLII,
1. S. 288 u. 2. 8. 80. XLIII, 8. S. 477.
? Beobachtungen über den Akkommodationsvorgang. Klin. Monatsbl. f. Augenheilk.
XLII. 1904. 8. 1.
G.] Akkommodative Abnahme der Zonularspannung. 841
die Linse um 0,15 mm nach vorn. Erstere Messungen sind von Heme! durch
Messung der bei der Dezentration eintretenden Scheinverschiebung gesehener
Objekte und der Parallaxe der in der hinteren Linsenfläche und in der Hornhaut
entstehenden Spiegelbilder bestätigt worden.
Die Beweglichkeit der Linse im Zustande starker Akkommodations-
anstrengung beweist unwiderlegbar, daß kein Druckunterschied auf beiden
Seiten derselben im akkommodierenden Auge besteht, während bei Akkommo-
dationsruhe ein Druckunterschied in dem geringen, der Zonularspannung ent-
sprechenden Betrage möglich ist. Eine durch die Akkommodation bewirkte
Druckerhöhung im Glaskörper und in der vorderen Kammer ist von vornherein
mit Hinsicht auf die Viskosität der Flüssigkeiten auszuschließen. Denn damit
die Spannung der Chorioidea während des Akkommodationsaktes druckerhöhend
wirken könne, müßte eine unbehinderte Nachfüllung des Suprachorioidealraumes
stattfinden können. Die bezüglichen Untersuchungen von Hess und Hrme?
haben auch gelehrt, daß keine Druckerhöhung beobachtet werden kann.
Letzterer konnte, wie früher BEER, am überlebenden Kinderauge konstatieren,
daß sich der Akkommodationsmechanismus bei fenestrierter Sklera unbehindert
und ohne die geringste Bewegung des in der Skleralöffnung hervorquellenden
Glaskörpertropfens vollzieht.
Direkte Beobachtungen über die Bewegung der Ciliarfortsätze bei
der Akkommodation können ersichtlicherweise nicht am normalen unverletzten
Auge gemacht werden, wohl aber in manchen Fällen nach einer Iridektomie
und bei traumatischer oder kongenitaler Irideremie. An iridektomierten Augen
hat Hess* ein Vorrücken derselben bei Eserinisierung konstatiert, wobei sie sich
vor die Ebene des Linsenäquators schoben, während Grossmanx in einem Falle
kongenitaler Irideremie die früher unsichtbaren Ciliarfortsätze durch Eserin
sichtbar machen konnte, die Verschiebung aber als in der Richtung nach der
Achse des Auges, nicht nach der Hornhaut zu stattfindend auffaßte. Der
Unterschied ist nicht von prinzipieller Bedeutung für den Mechanismus der
Akkommodation und dürfte vielleicht in einer anomalen Topographie des Ciliar-
muskels im Grossmannschen Falle oder auch darin seine Erklärung finden, daß
eine Iridektomie, welche hinreichend peripher ist, um die Ciliarfortsätze sichtbar
zu machen, die Ursprungsstelle der Iris an dem Ciliarkörper interessieren muß, so
daß die Mechanik der Bewegung der Ciliarfortsätze durch die Operation beeinflußt
werden kann. (In Grossmanss Fall trat das Schlottern nach der Eserinein-
träufelung ein, und die akkommodative Formveränderung der Linse konnte kon-
statiert werden. Eine übermäßige Dickenzunahme und ausgiebige Verkleinerung
des äquatorealen Durchmessers der Linse sowie eine Verschiebung derselben
nach oben innen erweckt aber den Verdacht, daß Linse und Zonula nicht normal
waren. Erstere zeigte punktförmige Trübungen im vorderen und hinteren Pol.)
Man hat den Linsenrand im iridektomierten Auge bei der Akkommodation
1 L, Heme, Akkommodative Ortsveränderungen der Linse. Ber. über die XXVI. Vers. d.
Ophth. Ges. Heidelberg 1897. 8. 20.
® CG Hess und L, Hee, Arbeiten aus dem Gebiete der Akkommodationslehre. Arch,
f. Ophth. XLVI, 2. 8.248,
1 Ein Versuch über Akkommodation und intraokularen Druck am überlebenden Kinder-
auge. Arch. f. Ophth. LX, 3. 1905. 8.448,
t aa, O. Die Refraktion und Akkommodation usw. $. 222.
5 Karı Grossmann, The mechanism of accommodation in man, Ophth. Review. XXIII,
1904. S: 1.
342 Die Dioptrik des Auges. IG.
und nach Einträufelung von Eserin breiter werden sehen, woraus aber keine
Schlüsse gezogen werden können. Von einer akkommodativen Abnahme des
äquatorealen Durchmessers der normalen Linse ist bisher nichts sicher bekannt.
Nach Hess stellt sich der Linsenrand im atropinisierten Auge öfter als leicht
wellenförmige, unregelmäßige Linie dar, während nach Eserineinträufelung eine
regelmäßigere, mehr der Kreisform sich nähernde Linie gefunden wird. Seichte
Hügel und zeltähnliche Erhebungen, welche am atropinisierten Auge in der
Gegend der Anheftungsstelle der Zonulafasern an die Kapsel gesehen werden,
können nach Eserineinträufelung verschwinden oder werden dabei flacher.
Vom Akkommodationsphosphen Üzermaks abgesehen, sind hiermit die
am lebenden Auge beobachteten Veränderungen bei der Akkommodation ge-
würdigt. Dasselbe dürfte eine mechanische Reizung der Netzhaut bei der
plötzlichen Verminderung der Spannung der Chorioidea in seltenen, besonders
disponierten Augen darstellen.
Die Dynamik der Ciliarmuskelkontraktion ist zum größten Teile
schon durch die Untersuchungen von Hensen und VÖLcKERS! aufgeklärt worden.
Da die Hauptmasse der Muskelfasern — das meridionale Bündel — angenähert
parallel zur Sclera verlaufen, so ist die wichtigste Frage die, ob bei der Kon-
traktion das hintere Ende nach vorn oder das vordere nach hinten gezogen
wird. Es zeigte sich nun, daß, wenn am Äquator des Bulbus eine Nadel ein-
gestochen wird, bei elektrischer Reizung des Ciliarmuskels an Hunden das
äußere Ende der Nadel sich nach hinten bewegt, und daß kein Einstichpunkt
gefunden werden kann, wo es sich nach vorn bewegt. Es folgt hieraus, daß
die Kontraktion des Ciliarmuskels eine Bewegung der vorderen Teile der
Chorioidea nach vorn verursacht, und daß kein Punkt desselben sich bei der
Zusammenziehung nach hinten bewegt. Die Verschiebung der inneren Augen-
häute nach vorn konnte auch durch ein Fenster der Sclera beobachtet werden,
Wurde dagegen die Hornhaut bis auf einen peripheren 2 mm breiten Saum
abgetragen, so wurde die elektrische Reizung des Ciliarmuskels von einem
Zurückweichen dieses Saumes begleitet, wodurch bewiesen wird, daß die
anatomisch bekannte vordere Ursprungsstelle des Muskels physiologisch als
solche funktioniert. Außerdem wurde die Erschlaffung der Zonula bei der
Ciliarmuskelkontraktion konstatiert. Da gewisse Abweichungen des Akkommo-
dationsmechanismus beim Hunde von dem beim Menschen vorhanden sind,
indem, wie Hess und Hrsg? zeigten, durch die Ciliarmuskelkontraktion nur
eine geringe Änderung der optischen Einstellung des Auges bewirkt wird, so
stellt die mikroskopische Fixierung des Akkommodationsaktes durch Hrsr3
zuerst bei Tauben, dann bei Affen*, eine wertvolle Vermehrung des Beweis-
materiales dar. Letztere Untersuchung illustriert daneben auf evidenteste Weise
die Funktion der sich den streng meridionalen Bündeln anschließenden Bündel,
welche in dem vorderen inneren Teil einen mehr radiären Verlauf haben. Ohne
dieselben würde die bei der Kontraktion eintretende Dickenzunahme des
1 V, Hessen und OC. Vörcxens, Experimentaluntersuchung über den Mechanismus der
Akkommodation. Kiel 1868.
® 2.2.0. Arch. f. Ophth. 1898.
" Mikroskopische Fixierung des Akkommodationsaktes. Ber. über du XXVI. Vers. d.
Ophth. Ges. Heidelberg 1897. — Physiologisch - anatomische Untersuchungen über die
Akkommodation des Vogelauges. Arch. f. Ophth. XLV, 3. 1898. S. 469.
* Die Anatomie des akkommodierten Auges. Ebenda. XLIX, 1. 1899. 8.1.
G.] f Dynamik der Ciliarmuskelkontraktion. ir 343
Muskels eine in der Richtung nach dem Zentrum des Bulbus wirkende Kom-
ponente zur Folge haben, während die Anlagerung derselben an der Innenfläche
der meridionalen Faserbündel bewirkt, daß die durch Verkürzung und Dicken-
zunahme entstehende Resultante an der inneren Oberfläche des Ciliarkörpers
in der Richtung der Tangente derselben wirkt. Im ersteren Falle hätte der
Transversalschnitt des Muskels eine radiäre Richtung, bei der tatsächlichen
anatomischen Anordnung der Muskelbündel stellt aber die Linie, welche die in
einem Meridionalschnitte enthaltenen Fasern senkrecht schneidet, in erster
Annäherung einen Kreis dar, dessen Mittelpunkt in der Nähe des Canalis
Schlemmii liegt. Die der Dickenzunahme entsprechende Komponente fällt überall
mit der Tangente dieses Kreises zusammen, welche wiederum, von den hintersten,
dünnsten Teilen des Muskels abgesehen, überall einen spitzen Winkel mit der
inneren Oberfläche des Ciliarkörpers bildet. Zu bemerken ist hierbei noch, daß
die volle Diekenzunahme sich nach innen geltend macht, weil außen die Sclera
anliegt, und daß ihr Effekt durch die konkave Form vergrößert wird. Stellt
man sich nämlich einen ringförmigen Teil des Ciliarkörpers vor, so muß der
Durchmesser dieses Ringes bei der Verschiebung nach vorn innen abnehmen,
und muß der Ring in entsprechendem Maße dicker werden, auch wenn er keine
sich verdickenden Muskelfasern enthält. Die Gesamtwirkung der meridionalen
und radiären Fasern, welche übrigens zusammen ein einziges System bilden
ist somit eine relativ gleichmäßige Verschiebung der inneren Ober-
fläche des Ciliarkörpers in der Richtung ihrer Tangente, während,
wenn nur meridionale Faserbündel vorhanden wären, eine größere Verschiebung
des hinteren Teiles als des vorderen stattfinden und der Effekt durch die Ver-
dickung beeinträchtigt werden müßte. ‚Bei diesem mit mathematischer Not-
wendigkeit aus dem anatomischen Baue des Ciliarmuskels resultierenden Sach-
verhalte, welcher durch die nach Hrsg reproduzierten Figg. 137 und 188
illustriert wird, ist es nicht befremdend, daß die zirkulären Fasern, wenn
überhaupt vorhanden, übereinstimmend mit den übrigen wirken. Da dieselben
im inneren vorderen Winkel verlaufen, so kann ihre Kontraktion nur eine in
diesem Punkte axialwärts wirkende Komponente bedingen, welche eine Drehung
der Resultante in demselben Sinne bewirkt wie die Tangenten der Meridional-
fasern gedreht werden müßten, um zur Tangente der inneren Oberfläche des
Ziliarkörpers parallel zu werden. Ob dieser Muskel vorhanden ist oder nicht,
ist somit von untergeordneter Bedeutung. Die Bündel des Hauptmuskels liegen
nicht streng in den Meridianebenen, sondern bilden Flechtwerke und biegen
sowohl am hinteren Ende in der Chorioidea wie am vorderen. inneren Winkel
um, wodurch der Eindruck eines zirkulären Muskels um so eher gewonnen
werden kann, je weniger gestreckt die Fasern verlaufen. In Übereinstimmung
hiermit sieht man an dem akkommodierenden Ciliarkörper viel mehr Schräg-
schnitte als an dem atropinisierten. Die Figuren illustrieren auch die Eröffnung
des Canalis Schlemmii und des vorderen Kammerwinkels bei der Akkommodation.
Da die vordersten radiären Fasern sich an der Innenseite des nämlichen
Kanales inserieren, so ist diese Wirkung auf den Scuremmschen Kanal
ebenso leicht verständlich wie das Zusammenarbeiten der zirkulären Fasern mit
den radiären auch in dieser Beziehung. In welchem Grade die Eröffnung des
Kammerwinkels durch die Ciliarmuskelkontraktion bewirkt wird, kann vorläufig
nicht beurteilt werden, da die durch den UtLppcn schen Fall bewiesene Spannung
der Iris während des Akkommodationsaktes in derselben Richtung wirken muß.
344 Die Dioptrik des Auges. IG,
In der letzten Zeit hat Hess! neue Ergebnisse eingehender Untersuchungen
über den Akkommodationsmechanismus publiziert. Diese haben zunächst gelehrt,
daß bei Reptilien und Vögeln
die Akkommodation in
wesentlich verschiedener
Weise vor sich geht, indem
durch Druck der Binnen-
muskulatur auf die vor dem
Äquator gelegenen Teile der
vorderen Linsenfläche die
peripheren Teile derselben
abgeplattet, die um den
vorderen Pol gelegenen
stärker gewölbt werden und
dabei im enukleierten Auge
eine akkommodative Druck-
erhöhung stattfindet. Die
Verlagerung des vorderen
Aderhautabschnittes nach
vorn, welche am äquatoreal
halbierten Bulbus einige Zeit
nach der Enukleation be-
Fig. 187. quem von hinten her beob-
Ciliarmuskel nicht kontrahiert. achtet werden kann, erfolgt
aber dabei inähnlicherWeise
wie bei Säugetieren.
Endlich ist ihm auch
die Fixierung desAkkommo-
dationsaktes im mensch-
lichen Auge gelungen, indem
an zwei Kranken vor dem
Tode das eine Auge stark
eserinisiert, das andere
atropinisiertwurde. Im einen
Falle wurden die Augen
1’/, Stunden nach dem Tode
enukleiert und 18 Stunden
in Formol gehärtet, im
anderen Falle 12 Stunden
nach dem Tode enukleiert
und direkt untersucht. Nach
äquatorealer Halbierung
zeigte sich bei Beobachtung
"Se? und Messung von der Glas-
Fig. 188. körperseite her, daß im
Wen. s
SCENE ee Eserinauge sowohl der
Linsendurchmesser als der Durchmesser des von den Kuppen der Ciliarfortsätze
1 C. Hess, Untersuchungen zur vergleichenden Physiologie und Morphologie des
Akkommodationsvorganges. Arch. f. Augenheilk. LXII. 1909. $. 845. — Vergleichende
G] Topographie der Zonula. 345
gebildeten Ringes kleiner, die Einkerbungen des Linsenrandes weniger aus-
gesprochen waren als im Atropinauge.
Die Linsenform wird vom Ciliarmuskel unter Vermittlung der Zonula
beeinflußt. Die Fasern derselben entspringen an der Innenfläche des Ciliar-
körpers in der ganzen Ausdehnung bis zur Ora serrata, wobei eine scheinbare
Durchkreuzung dadurch entsteht, daß die zur vorderen und hinteren Linsen-
fläche gehenden Bündel alternieren, indem jene in der Regel mehr nach hinten
und in den Tälern zwischen den Processus ciliares, diese und die zum Äquator
gehenden mehr nach vorn und an den Kuppen der Fortsätze entspringen. Es
folgt aus dieser Anordnung, daß die zur vorderen Fläche gehenden Zonulabündel
bei der Kontraktion des Ciliarmuskels durchschnittlich größere Exkursionen in
Fig. 189 nach Rerzıvs.
l, Linse — gl, Glaskörper — gr, vordere Grenzschicht — o, Orbikularraum — i, Iriswurzel —
a, kurze starke Anheftungsfasern der hinteren Zonulabalken — b, hinten aus der Glashaut
entspringende Zonulafasern — c, vorn von dem Ciliarfortsatz entspringende Zonulafaser —
d, von dem Ciliarfortsatz entspringende Zonulafasern, welche die Zonulabalken kreuzen und
teilweise an ihnen haften — e, Räume zwischen der Linsenkapsel und der perikap-
sulären Membran.
ihrer Längsrichtung machen als die übrigen; indem jene in der Bewegungs-
richtung liegen, diese einen Winkel mit derselben bilden. Die nach Rerzıus
reproduzierte Fig. 139 illustriert auffallend deutlich dieses Verhalten. Nach
derselben zu urteilen ist es sogar möglich, daß die am längsten vorn ent-
springenden zur hinteren Ansatzstelle an der Linse gehenden Bündel überhaupt
bei der Kontraktion des Ciliarmuskels nicht merklich erschlaffen, sondern nur
in veränderter Richtung wirken, während die zur vorderen Linsenfläche gehenden
Untersuchungen über den Einfluß der Akkommodation auf den Augendruck in der Wirbel-
tierreihe., Ebenda. LXIII. 1909. S. 88. — Briefliche Mitteilung einer voraussichtlich vor
dem Erscheinen dieses Buches ebenda publizierten Untersuchung,
346 Die Dioptrik des Auges. [6.
Bündel bei der Erschlaffung eine Bewegung der Ansatzstelle an der Linsen-
kapsel in der Richtung ihrer Tangente gestatten, welche angenähert dieselbe
Größe haben muß wie die Bewegung des hinteren Teiles der inneren Oberfläche
des Ciliarkörpers.
Welche Formveränderung die vordere Linsenfläche bei der Erschlaffung
der vorderen Zonulafasern erfahren wird, läßt sich a priori nur insofern be-
urteilen, als mit Bestimmtheit vorausgesagt werden kann, daß die Krümmung
der zentralen Partie zunehmen muß. Ob aber die Totalform sich dabei mehr
einer sphärischen oder einer hyperbolischen nähert, entzieht sich vorläufig jeder
Schätzung. Es ist zwar richtig, daß eine geschlossene elastische Membran,
welche ein so großes Volumen einer inkompressiblen, frei beweglichen Materie
einschließt, daß sie auch noch in der Gestalt des Kugels nicht schlaff wird,
nach jeder Deformation die Kugelform anzustreben sucht. Solche Verhältnisse
liegen aber bei der Linse gar nicht vor, wie die Form der von ihrer Umgebung
losgelösten jugendlichen Linse zeigt. Bei diesem Sachverhalte ist die Form der
vorderen Linsenfläche bei erschlafften vorderen Zonulafasern eine Funktion der
Flächengröße und Elastizität der Linsenkapsel sowie der Verteilung der Spannung
in derselben, welche sich weder berechnen noch abschätzen läßt. Es ist deshalb
sehr wohl möglich, daß die peripheren Teile der vorderen Linsenfläche sich bei
der Akkommodation abflachen, wie Besıo! konstatiert zu haben glaubt, obwohl
meiner Meinung nach dies nicht als bewiesen gelten kann, da die approximativen
Berechnungsmethoden bedeutende Fehlerquellen bedingen können, und die
Messungsmethoden überhaupt nicht sehr exakt sind. Übrigens scheinen seine
Messungen unter Kokaindilatation ausgeführt worden zu sein, welche die Mechanik
der Ciliarmuskelkontraktion auch dann beeinflussen kann, wenn die Akkommo-
dationsbreite nicht abnimmt.
Da bei der Kontraktion des Ciliarmuskels die zur vorderen Kapseltlüche
gehenden Zonulafasern relativ mehr entspannt werden als die übrigen, so
schrumpft die nützliche Anheftungsfläche sowohl an der Linse wie am Ciliar-
körper immer mehr zusammen, indem sie sich an ersterer auf die äquatoreale
und hintere Anheftungsstelle, am letzteren auf die vorderen Teile zusammen-
zieht. Dieser Mechanismus ist es eben, den ich an den Konturen der Linsen-
flächen in den Figg. 183 und 134 S. 331 in absichtlich übertriebener Weise sche-
matisch habe darstellen wollen. Die skizzierte akkommodative Veränderung
würde einer vollständigen Erschlaffung der zur vorderen Linsenfläche gehenden
und einer Vorschiebung der ciliaren Anheftungsstellen der übrigen Zonulafasern
entsprechen. Daß die Linse bei maximaler Akkommodation gerade diese
Gestalt habe, ist gar nicht meine Ansicht, denn wenn die Erschlaffung jener
Fasern nicht vollständig ist, kann der Mechanismus sehr wohl in einer etwas
durchgebogenen Form resultieren, und wenn die zum Linsenäquator gehenden
Fasern schon merkbar erschlafft sind, kann eine Verkleinerung des äquatorealen
Durchmessers stattfinden. Auch dürften die äquatorealen Teile der Linse sowohl
bei erschlaffter als bei gespannter Zonula mehr abgerundet sein als es die
Figuren darstellen, weil die Zonulafasern an der Linse flächenartig inserieren,
Daß aber die vom vorderen Teile des Ciliarkörpers zum Äquator und zur
hinteren Kapselfläche gehenden Bündel am spätesten entspannt werden, geht
aus der Art des Herabsinkens und des Schlotterns der Linse bei maximaler
12,80.
GJ Das Wesen des Akkommodationsmechanismus. 847
Akkommodationsanstrengung hervor. Denn nur so kann es erklärt werden,
daß bei diesen Bewegungen die Linse sich um eine annähernd durch den
Krümmungsmittelpunkt der vorderen Fläche gehende Achse bewegt, so daß
das in dieser Fläche entstehende Spiegelbild annähernd unbeweglich bleibt.
Dies erfordert nämlich, daß derjenige Teil des Linsenrandes, welcher sich bei
der Verschiebung der Linse der Augenachse nähert, durch einen exakt wirken-
den Mechanismus nach vorn geneigt wird, und es gibt keinen anderen Mechanismus,
welcher so wirken könnte als der Zug der genannten Fasern, woraus wiederum
folgt, daß diese Fasern am wenigsten entspannt sind.
Anatomische und physiologische Untersuchungen haben somit unzweideutig
gelehrt, daß bei der Kontraktion des Ciliarmuskels die ciliare Ur-
sprungsstelle der Zonulabündel, vornehmlich der zur vorderen Linsen-
fläche gehenden, in der Verlaufsrichtung der Bündel nach der Linse
zu verschoben wird, bis bei maximaler Kontraktion eine Erschlaffung
derselben eintritt, und daß diese Kontraktion von einer Zunahme der
Dicke der Linse und der Krümmung ihrer Flächen, besonders der
vorderen, begleitet ist. Da die Erschlaffung der Zonula erst bei maximaler
Kontraktion eintritt, so muß dieselbe bei normaler Kontraktion durch eine
axipetale Bewegung der Ansatzstellen an der Linse, vornehmlich der vorderen,
gespannt gehalten werden. Da nur eine Kraft vorhanden ist, welche diese
Spannung unterhalten kann, nämlich die Elastizität der Linsenkapsel, so besteht
der extrakapsuläre Teil des Akkommodationsmechanismus wesent-
lich in einer durch die Elastizität der Linsenkapsel bedingten axi-
petalen Bewegung der Ansatzstellen der Zonula an der Linse, vor-
nehmlich der vorderen.
Die dioptrische Untersuchung des Akkommodationsvorganges hat einen intra-
kapsulären Akkommodationsmechanismus ergeben, welcher mit mathe-
matischer Notwendigkeit aus der Formveränderung und der Brechkraftzunahme
hervorgeht und in Übereinstimmung mit dem histologischen Baue der Linse
eine axipetale Bewegung der den Ansatzstellen der Zonula, vornehm-
lich der vorderen, nächstliegenden, in der größten geschlossenen
Isoindizialfläche enthaltenen Teilen der Linsensubstanz erfordert.
Wenn nun hierzu kommt, daß keine Tatsachen bekannt sind, welche
diesem Mechanismus auf irgendwelche Weise widersprechen könnten — siehe
hierüber unten bei der Besprechung der Hypothesen von TSCHERNING —, so
dürfte es in den medizinischen Wissenschaften keine besser geschlossene Be-
weiskette geben, und haben die neueren Untersuchungen dargetan, daß der
Akkommodationsmechanismus in allen wesentlichen Zügen unverändert dasteht,
wie er nach der mit Rücksicht auf die damaligen Kenntnisse wirklich genialen
Entdeckung von HerLmuortz hervortrat.
In dem Lichte der neueren Lehre von der Antagonistenwirkung ist der
doppelte Antagonismus von besonderem physiologischem Interesse. Die
Gestalt der Linse wird durch zwei antagonistische elastische Kräfte bestimmt,
während auf der anderen Seite die Muskelkraft und die stärkere der beiden
elastischen Kräfte antagonistisch wirken. Es ist leicht einzusehen, daß diese
Anordnung in vorzüglichstem Maße dazu geeignet ist, die Linse vor der Ein-
wirkung zu starker äußerer Kräfte und vor plötzlichen Variationen dieser
348 Die Dioptrik des Auges. [G.
Kräfte zu schützen. Die Kraft, welche die Formveränderung der Linse bei
der Akkommodation bewirkt, ist die schwächste der drei im System vor-
handenen und nimmt dazu noch, wie alle elastischen Kräfte, während der Ent-
faltung ihrer Wirkung konstant ab, so daß der Ruck am Ende der Form-
veränderung der kleinste mögliche wird, und die Energieentfaltung desselben
einen gewissen, von der Elastizität der Zonula bedingten Maximalwert nicht
überschreiten kann. Dieser Effekt wird noch dadurch vermehrt, daß bei zu-
nehmender Kontraktion des Ciliarmuskels der elastische Widerstand der
Chorioidea durch die Dehnung derselben zunimmt. Bei der Erschlaffung der
Akkommodation ist wiederum das Maximum der formverändernden Kraft durch
die Elastizität der Chorioidea bestimmt, und diese Kraft nimmt während der
Bewegung stetig ab, während der Widerstand der Linsenkapsel gleichzeitig
durch die Dehnung stetig zunimmt. Es ist sehr leicht, die Vorteile dieser
Anordnung durch mechanische Modelle anschaulich zu machen. Ein solches
ist in der Fig. 140 dargestellt. Von den beiden durch eine die Zonula vor-
stellende Schnur verbundenen Federn repräsen-
tiert die obere die Linse, indem ihre Verkürzung
der akkommodativen Formveränderung entspricht,
ihre Kraft die Elastizität der Linsenkapsel dar-
stell. Die untere Feder veranschaulicht die
Elastizität der Chorioidea und die Zugkraft der
über die Rolle laufenden Schnur, welche durch
Einlegen von Gewichten in die Schale geschaffen
wird, entspricht der Kraft des sich kontrahieren-
den Ciliarmuskels. Die obere Feder muß
schwächer als die untere sein und darf nicht
stärker gespannt werden, als daß bei Herunter-
sinken der Schale auf die Tischfläche die die
Fig. 140. Federn verbindende Schnur schlaff wird. Es ist
einleuchtend, daß das plötzliche Hineinwerfen
der schwersten Gewichte in die Schale nicht die obere Feder beschädigen
kann, und daß dieselbe ebensowenig durch plötzliche Wegnahme der Gewichte
gefährdet wird, wenn man die Fallhöhe nicht zu groß, die untere Feder nicht
zu stark gemacht hat. Wollte man hingegen einen fiktiven Akkommodations-
mechanismus illustrieren, bei welchem die akkommodative Formveränderung
durch Muskelwirkung, der Rückgang durch die Elastizität der Linsenkapsel
bewirkt würde, so hätte man die Schale direkt am unteren Ende der oberen
Feder aufzuhängen, wobei die Verlängerung der Feder der akkommodativen
Formveränderung der Linse entsprechen würde. Dieselbe würde dann durch
plötzliches Hineinlegen zu schwerer Gewichte beschädigt werden können.
Solchem Übelstande könnte zwar durch passendes Abmessen der Fallhöhe ent-
gangen werden, und auf dieselbe Weise wäre es möglich, daß bei diesem
fiktiven Akkommodationsmechanismus die jugendliche Linse geschützt werden
könnte, Bei der Abnahme der Formveränderlichkeit der Linse, welche Ab-
nahme durch den Austausch der Feder gegen eine sprödere veranschaulicht
werden kann, würde aber diese Schutzvorrichtung versagen: jeder kräftige
Akkommodationsimpuls würde einen Ruck am Gefüge der Linse, eine plötz-
liche schwere Belastung der Schale das Zerspringen der Feder zur Folge haben,
Wenn man weiß, daß Trübungen in vorher vollkommen durchsichtigen Linsen
GI Manifeste und latente Ciliarmuskelkontraktion. 349,
älterer Leute durch die unbedeutende mechanische Gewalt entstehen können,
welche in der schonenden Entleerung der Kammer bei einer Iridektomie liegt,
so ist man geneigt, die Schutzvorrichtung nicht zu unterschätzen, welche
in dem doppelten Antagonismus der bei der Akkommodation wirk-
samen Kräfte enthalten ist.
Da die Ciliarmuskelkontraktion nur so weit von einer Formveränderung
der Linse begleitet wird, bis diese den maximalen, durch die Verschieblichkeit
der Linsenteilchen bestimmten Grad erreicht hat, der Muskel aber, wie Pupillen-
verengerung und das schließlich auftretende Schlottern lehrt, in höherem Grade
kontrahiert werden kann, so ist nur ein Teil der Ciliarmuskelkontraktion
manifest, der übrige ist latent. Die Grenze wird von Hess beim Erreichen
des wirklichen Nahepunktes gesetzt, während bei der latenten Ciliarmuskel-
kontraktion der Nahepunkt nur scheinbar etwas hineinrückt, was durch die
dieselbe begleitende Pupillenverengerung bedingt wird. Es folgt hieraus, daß
die Akkommodation von 2 D. in dem Alter, wo man nicht über größere Akkommo-
dationsbreite verfügt, keine höheren Ansprüche an den Ciliarmuskel stellt, als
dieselbe Akkommodation im jüngeren Alter gemacht hat, eine für die Sympto-
matologie der Presbyopie sehr wichtige Tatsache, bei deren Verwertung man
sich jedoch daran zu erinnern hat, daß die durch die latente Ciliarmuskel-
kontraktion erzielbare Pupillenverengerung, besonders wenn die habituelle
Pupillengröße nicht sehr klein ist, die unkorrigierten Presbyopen oft zu über-
mäßig starken Akkommodationsimpulsen verleitet. Eine andere wichtige Folge
des Akkommodationsmechanismus, auf welche Hess aufmerksam gemacht hat,“
ist die, daß aus einer normalen Akkommodationsbreite nicht der Schluß auf
einen normal funktionierenden Ciliarmuskel gezogen werden kann, indem eine
Ciliarmuskelparese erst dann zutage tritt, wenn die Bewegungsbeschränkung
sich bis ins Gebiet der manifesten Kontraktion erstreckt. Für die Methotik
der physiologischen Optik hat dies insofern eine Bedeutung, als, wie oben
bemerkt wurde, die Ansicht von Tscuerniıng, daß das Kokain die Funk-
tion des Ciliarmuskels nicht beeinträchtige, nicht an der Wirkung desselben
auf die Akkommodationsbreite geprüft werden kann, mithin vorläufig unbe-
‚gründet ist.
In der ophthalmologischen Literatur ist ziemlich viel von einer astig-
matischen Akkommodation die Rede gewesen. Ohne hier näher auf den Gegen-
stand einzugehen, mag es nur erwähnt werden, daß keine bekannten Tatsachen
die Möglichkeit einer willkürlichen Veränderung des Astigmatismus bei der
Akkommodation bzw. der Einübung astigmatischer Akkommodation andeuten.
Wohl aber ist es möglich, daß der normale inverse Linsenastigmatismus bzw.
der Linsenastigmatismus, welcher in höheren Graden von Astigmatismus des Auges
vorhanden ist, bei der akkommodativen Formveränderung der Linse in geringem
Grade geändert werden kann. Daß es sich tatsächlich so verhalte, dafür liegen
aber nicht hinreichende Beweise vor. Wegen des häufigen Vorkommens von
vertikaler Asymmetrie des Auges, bei welcher der scheinbare Grad des Astig-
matismus mit der Pupillengröße wechseln kann, dürfte auch die Beschaffung
eines solchen Beweismaterials auf große Schwierigkeiten stoßen.
Nach dem Obenstehenden dürfte eine eingehende Kritik der Hypothesen,
welche seit dem Entdecken des Mechanismus der Akkommodation durch HELM-
HOLTZ aufgetreten sind, überflüssig sein, da dieselben sämtlich eine akkommo-
dative Anspannung der Zonula annehmen, somit durch die Untersuchungen von
‚350 Die Dioptrik des Auges, IG,
Hess tatsächlich widerlegt sind. Von diesen durch MaAssnanpnr), Seng? und
TsoHERNInG vorgelegten Hypothesen hat aber die letztere so vielen Staub auf-
gewirbelt und in der Literatur so viele Beiträge zur Kenntnis der Psychologie
der Wissenschaft (im weitesten Sinne des Wortes) niedergelegt, daß ein kurzes
Eingehen auf dieselbe angezeigt erscheint. Da sie schon zwei, wesentlich ver-
schiedene, Phasen durchgemacht hat und eben in die dritte einzutreten scheint,
empfiehlt es sich zunächst die erste, wohl mehr bekannte, dieser Phasen zu
erwähnen, wobei ich der Darstellung im oben zitierten Lehrbuch der physio-
logischen Optik folge. Die Hypothese besteht wesentlich aus drei Gliedern,
nämlich der Annahme, daß die Akkommodation in einer vorübergehenden
Bildung eines „Lenticonus anterior“ bestehe, der Annahme, daß die Spannung
der Zonula die Bildung eines solchen zur Folge habe, und der Annahme, daß
eine Spannung der vorderen Zonulafasern durch die Kontraktion des Ciliar-
muskels bewirkt werden könne.
Als Grund für die erste Annahme wird angeführt, daß die Aberration des
Auges während der Akkommodation sich in der Richtung verändere, daß die
Brechkraft in der Mitte der Pupille mehr zunehme als in der Peripherie, und
daß die Distorsion der in der vorderen Linsenfläche entstehenden Spiegelbilder
sich bei der Akkommodation entsprechend ändere. Die Aberration wurde aber
mit unzuverlässigen Methoden untersucht: das Aberroskop ergibt, wie ich be-
wiesen habe, nicht die Aberration, sondern einen Distorsionswert; bei dem Ver-
suche mit dem leuchtenden Punkte ist die beschriebene Lichtverteilung im
Zerstreuungskreise eine solche, daß sie bei der Beschaffenheit der kaustischen
Fläche unmöglich durch .die Aberration, wohl aber durch die oben beschriebene
Interferenzerscheinung bedingt werden kann, und endlich ergeben die Ver-
suche mit Younss Optometer, wie die später hinzugezogenen skiaskopischen
Phänomene, nur die periphere Totalaberration. Da die letzteren Versuche
keine konstanten Resultate ergeben, indem die Änderung der skiaskopischen
Aberrationsphänomene während der Akkommodation in vielen Fällen gar nicht
gesehen werden kann, und die Untersuchung mit dem ÖOptometer von Youxe
z. B. bei Hess negatives Resultat ergeben hat, so kann hieraus nur geschlossen
werden, daß die periphere Totalaberration des Auges in vielen Fällen während
der Akkommodation abnimmt, und daß diese Erscheinung für den Akkommo-
dationsmechanismus unwesentlich ist. (Siehe Näheres hierüber unten im be-
treffenden Kapitel) Die Erscheinung der Distorsion der Spiegelbilder an der
vorderen Linsenfläche kann, soweit meine Erfahrung reicht, nur bei kokaini-
sierter Pupille mit hinreichender Sicherheit beobachtet werden, und ergibt somit
erstens nichts über die normale Akkommodation. Zweitens ändert sich diese
Distorsion ohne Veränderung der Abflachung der spiegelnden Fläche durch
Änderung ihrer Krümmung und ihres Abstandes von der Hornhaut, so daß
auch in dem Falle, daß die Einfallswinkel sehr klein wären, erst durch die
entsprechende Rechnung sich ergeben würde, ob die Änderung der Distorsion
einer Änderung des Abflachungswertes der Fläche entspräche. Drittens sind
1 J. Mansuaror, Bemerkungen über den Akkommodationsmuskel und die Akkommo-
dation. Arch, f. Ophth. IV, 1. 1858. S. 269.
* W., Scuöx, Zur Ätiologie des Glaukoms. Arch. f. Ophth., XXXI, 4. 1885. SI
und andere Schriften.
" Le Mécanisme de l’accommodation. IX. Congr. internat. d'Utrecht. Compte rendu.
Amsterdam 1900. 5. 244,
Gi Tscnerxixes Akkommodationshypothese, 851
aber so große Einfallswinkel zur sicheren Konstatierung des Phänomens nötig,
daß man nicht von der asymmetrischen Abflachung der Hornhaut abstrahieren
darf, wodurch die Rechnung jedenfalls ziemlich kompliziert wird.
Die erste Annahme war somit völlig unbegründet, obwohl, wie hier nochmals
betont werden soll, keine Beweise für die Unmöglichkeit derselben vorliegen.
Sie wurde zu einem Fehlschluß benutzt. Unter der Rubrik „Akkommodations-
theorie des Verfassers“ sagt 'ÜSCHERNING, daß die „Hypothese“ von HELMHOLTZ
nicht mehr aufrecht erhalten werden zu können scheint; wenigstens kann er
selbst nicht verstehen, wie ein solcher Mechanismus eine Abflachung gewisser
Partien der Linse und gleichzeitig eine Krümmungsvermehrung anderer ver-
ursachen könnte. Der einzige Schluß, welcher tatsächlich hieraus gezogen
werden kann, ist, daß die Ursuche dieses mangelnden Verstehens entweder in
der „Hypothese“ von Hrtanotorz oder bei TscuerninG selbst gesucht werden
muß. HermHoutz! sagt wörtlich: „Gespannte elastische Membranen, die ein un-
veränderliches Volumen einer inkompressiblen Flüssigkeit umschließen, und mit
einem kreisförmigen Rande angeheftet sind, wie die Zonula an der Aderhaut,
streben, je mehr ihre Spannung wächst, desto mehr sich der Form eines Kugel-
segmentes zu nähern. Im ungespannten Zustande, beim Nahesehen, wölbt sich
die vordere Linsenfläche vor der flachen Krümmung der vorderen Zonulafirsten
hervor. Im gespannten Zustande, beim Fernsehen, viel weniger. Indessen ist
der Krümmungsradius der vorderen Linsenfläche von etwa 10 mm doch immer
noch kleiner als der der Zonulawölbung, der etwa auf 14 mm zu schätzen ist.“
Er hat hiermit gesagt, daß das gesamte, aus Zonula und vorderer Linsenkapsel
bestehende Gewölbe sich bei der Spannung der Zonula der sphärischen Form
nähern muß. In dem fiktiven Endzustande, wo die sphärische Form erreicht
wäre, würde somit die vordere Linsenfläche ein Kugelsegment mit etwa 14 mm
Radius darstellen. Um hieraus den Schluß zu ziehen, daß die sich unter Ab-
nahme der Spannung bei der Akkommodation hervorwölbende vordere Linsen-
fläche sich der Form einer Sphäre nähern müßte, oder daß die Vermehrung
der Spannung eine Krümmungszunahme bewirken könne, dazu gehören Vor-
stellungen, welche mit den mathematischen Kenntnissen eines HELMHOLTZ un-
vereinbar sind. Überhaupt kann ich bei ihm keine Andeutung über die wahr-
scheinliche Form der Linsenflächen im akkommodierten Zustande finden, was nicht
wunder nehmen darf, da sich diese Form, wie oben betont wurde, weder berechnen
noch schätzen läßt. Das einzige, das sich voraussagen läßt, ist eben die von HELM-
Hortz betonte Zunahme der Flächenkrümmung und Linsendicke. Uber die Ver-
teilung der Krümmungszunahme auf die einzelnen Teile der Fläche oder darüber,
ob bei derselben eine periphere Abflachung eintreten könne, ist nichts ausgesprochen
worden und läßt sich auch nichts aus der Entspannung der Zonula deduzieren.
Die zweite Annahme Tscuernings — daß die Spannung der Zonula die
Bildung eines „Lenticonus anterior“ zur Folge habe — ist wiederum nur ein
Fehlschluß, den er aus Experimenten gezogen hat, welche beweisen, daß an
herausgenommenen Tierlinsen eine Traktion an der Zonula diesen Effekt haben
kann. Experimenta crucis wurden von Eıstuoven®, Hess? und Daukn* aus-
1 Dieses Handbuch, 2. Aufl, 8. 188.
® W.Eıstuoven, Die Akkommodation des menschlichen Auges. Ergebnisse der Physiologie,
I, 2. 1902, S. 680,
* a.a. 0. Klin. Monatsbl. f. Augenheilk. 1904.
2.20.
852 Die Dioptrik des Auges. [G.
geführt. Ersterer konnte nach Freilegung der Linse und Zonula von vorne in
einem Kalbsauge durch den Zug mit zwei Pinzetten an einander diametral
gegenüberliegenden Punkten nach Belieben eine Vermehrung oder eine Ver-
minderung der Krümmung der vorderen Linsenfläche erzielen, je nachdem der
Zug mehr nach hinten oder nach vorn gerichtet wurde. Hess bewies, daß im
frischen Affenauge nach Entfernung eines Teiles der Sclera ohne Verletzung
der Uvea und nach Abtragung von Hornhaut und Iris ein Zug an der Zonula
eine Krümmungsabnahme der vorderen Linsenfläche zur Folge hat, und DALÉN
konstatierte ophthalmometrisch im menschlichen Leichenauge eine Krümmungs-
Ri zunahme der vorderen Linsenfläche nach Durch-
IN schneidung der Zonula, nachdem die Linse unter
Beobachtung besonderer Kautelen durch Abtragen
der Hornhaut und Iris bloßgelegt worden war.
Die dritte Annahme — daß eine Spannung
der vorderen Zonulafasern durch die Kontraktion
des Ciliarmuskels bewirkt werden könne — basiert
auf Vorstellungen über die Anatomie des Ciliar-
körpers, welche nicht hinreichend klar ausgesprochen
sind, aber darin zu gipfeln scheinen, daß es eine
innerste Muskelschicht gäbe, durch deren Kontraktion
das vordere innere Ende des Ciliarkörpers nach
hinten gezogen würde, Vorstellungen, welche in
keinem objektiv nachweisbaren Zusammenhange mit
der bekannten Anatomie des Ciliarkörpers stehen.
Der subjektive Zusammenhang knüpft an die an
der Innenseite des Scuremmschen Kanales sich
inserierenden Fasern an.
In der nach TscnerxinG reproduzierten Fig. 141
hat er die erste Phase seiner Vorstellung über den
Mechanismus der Akkommodation veranschaulicht.
Es ist nicht ohne Interesse, daß, wie ich bewiesen
habe, ein solcher Akkommodationsmechanismus
mathematisch unmöglich ist, wofern nicht der
Š Totalindex bei der Akkommodation abnimmt.
Fig. 141. TsonERNINGS Annahme, daß der Radius der vorderen
Linsenfläche bei einer Akkommodation von 7,5 D.
auf 4,8 mm heruntergehen könnte, welche an und für sich in grellem Kontraste
zu allen bisherigen ophthalmometrischen Untersuchungsergebnissen steht, würde
somit nicht genügen, sondern der Radius müßte noch kleiner werden.
Die zweite Phase der Vorstellungen Tscuernings tritt in der zitierten,
in der Encyclopédie française d’ophthalmologie enthaltenen Arbeit hervor. Der
wesentliche Unterschied liegt darin, daß die früher durch die exakteren Methoden
von HermHortz, MANDELSTAM und ScHöLer, Bus unzweideutig bewiesene
Abnahme der Tiefe der vorderen Kammer bei der Akkommodation, seitdem
dieselbe bei den Untersuchungen Besıos auch mit den weniger exakten Methoden
des Sorbonner Laboratoriums beobachtet wurde, nunmehr anerkannt wird.
Demzufolge stellt er sich jetzt den Akkommodationsvorgang so vor, wie es die
nach ihm reproduzierte Fig. 142 zeigt, wo die ausgezogene Linie die runende,
die gestrichelte die 7 Dioptrien akkommodierende Linse darstellt. Auf die
Gi Die monochromatischen Aberrationen des Auges. 858
neuen anatomischen Vorstellungen einzugehen, welche es ihm ermöglichen, diese
akkommodative Linsenform aus der ruhenden durch Spannung der vörderen
Zonulafasern hervorgehen zu lassen, dürfte überflüssig sein, und soll hier nur
hervorgehoben werden, daß die Untersuchungen von Besıo, wenn die Fehler-
quellen der Methode unbeachtet bleiben, für die Richtigkeit der oben als die
erste bezeichnete Annahme im kokainisierten Auge sprechen.
Die dritte Phase der Vorstellungen TschernisGs ist in der Thomas Young
Oration vor der Optical Society in London 1907! angedeutet. Die bezügliche
Stelle lautet: „v. Pruusk ist es neuerdings gelungen, die tote Linse in ihrer
akkommodativen Form zu fixieren; er hat gefunden, daß die hintere Fläche oft
in den peripheren Teilen ein wenig konkav wird. Diese Konkavität nimmt
während der Akkommodation zu. Einer meiner Schüler,
Dr. Zeeman, hat nachher diese Konkavität im lebenden Auge
beobachtet.“
Von Pruuexs* Versuche bestanden in der Gefrierung mit
flüssiger Kohlensäure. Die Beweiskraft solcher Versuche dürfte
aber nicht sehr hoch geschätzt werden können, da die Einwirkung
der sich beim Gefrieren entwickelnden Kräfte nicht überblickt
werden kann. Fischer® zeigte auch, daß die Gefriermethode zu
zufälligen Formveränderungen der Linse Anlaß geben kann,
und hierzu kommt noch, daß der Akkommodationsmechanismus
des Vogelauges, wie die oben zitierten Untersuchungen von Hess
darlegen, wesentlich verschieden von dem des menschlichen Auges Fig. 142.
ist. ZEEMANSs oben zitierter Befund beweist nur die Gegenwart
der Diskontinuitätsfläche. Erst wenn zwei sich in entgegengesetzter Richtung
bewegende Bilder gesehen werden, wie ich es beim echten Lenticonus posterior
beobachtet habe, ist das Vorhandensein eines nach hinten konkaven Teiles der
hinteren Linsenfläche bewiesen.
V. Die monochromatischen Aberrationen des Auges.
Die Realisierung eines wirklich homozentrischen Strahlenbündels bei der
Brechung in einem optischen System ist nur in ganz singulären Fällen möglich
— dann aber auch nur betreffend des axialen Strahlenbündels in einem Um-
drehungssystem — und hat deshalb gar keine Bedeutung für die tatsächliche
optische Abbildung. Solange man sich dessen nicht völlig bewußt war, und
bevor die Konstitution des allgemeinen Strahlenbündels näher bekannt wurde,
hatte man keinen anderen Ausweg, den Bau eines solchen näher zu beschreiben
als durch die Abweichungen, Aberrationen, welche den Verlauf eines Strahles
von dem idealen, homozentrisch gerichteten, unterscheiden. Je nachdem nun
in der Rechnung Größen von verschiedener Ordnung mitgenommen werden,
1 The development of the science of physiological opties in the nineteenth century. Sonder-
abdruck aus The optician and photographie trade journal, Nov. 1, 8u.15. 1907.
2? Über die Akkommodation des Auges der Taube. Wiesbaden 1906.
3 F, Fischer, Über Fixierung der Linsenform mittels der Gefriermethode. Arch. f.
Augenheilk, LVI. 1907. 8.342.
v. HELMHOLTZ, Physlologische Optik. 8, Aufl. I. 23
354 Die Dioptrik des Auges. [G.
erhält man verschiedene Werte für die Abweichungen eines Strahles, welche
verschiedenen, nunmehr bekannten geometrischen, das Strahlenbündel charak-
terisierenden Größen entsprechen, so daß von monochromatischen Abweichungen
verschiedener Ordnung gesprochen werden kann. Die erste Ordnung wird dabei
vom Astigmatismus, die zweite von den Asymmetrienwerten repräsentiert,
während nunmehr unter monochromatischer Aberration im engeren Sinne
gewöhnlich nur die Abweichungen höherer Ordnung als der ersten — also mit
Ausschluß des Astigmatismus — verstanden werden, und die Bezeichnung
Aberration schlechthin speziell auf die Abweichungen dritter Ordnung an-
gewendet wird, welche durch die eingangs erwähnten Aberrationswerte bestimmt
werden. Die Abweichungen oder Aberrationen höherer Ordnung als der dritten
werden in der physiologischen Optik am besten mit eben dieser Bezeichnung
angegeben. In der technischen Optik führen sie auf der Achse eines Um-
drehungssystems auch den Namen Zonenfehler.
Die schiefe Inzidenz der Visierlinie bedingt im Auge einen geringgradigen
inversen Astigmatismus, welcher, obwohl sehr wenig, zur Kompensation des
normalen direkten Hornhantastigmatismus beiträgt. Zugleich ergeben sich
endliche Asymmetrienwerte längs der Visierlinie, so daß das im Auge gebrochene
Strahlenbündel, wenn es auf dieselbe bezogen wird, einfach asymmetrisch ist.
Wie die Untersuchungen mit einem leuchtenden Punkte gelehrt haben, ist es
aber längs einem anderen Strahle anastigmatisch und ohne Asymmetrte. Es
folgt hieraus, da die Strahlenvereinigung längs diesem Strahle von höherer
Ordnung und somit für die Abbildung ausschlaggebend ist, daß in bezug auf
die Realitäten bei der Abbildung die Asymmetrienwerte des im Auge
gebrochenen Strahlenbündels gleich Null sind. Es gibt aber alle mög-
lichen Übergänge zwischen diesem, die am besten gebauten Augen charak-
terisierenden Zustand und denjenigen Graden der pathologischen Asym-
metrie, welche eine bedeutende Herabsetzung der Sehschärfe oder lästige
asthenopische Beschwerden verursachen können. Untersucht wird die Asym-
metrie teils mit subjektiven, teils auch mit objektiven Methoden. Da erstere
dieselben sind, wie sie zu der Untersuchung der Aberration verwendet werden,
soll erst weiter unten auf dieselben eingegangen werden. Was die objektiven
Methoden betrifft, gilt von den ophthalmoskopischen das nämliche, und es soll
somit hier nur die Untersuchung der Asymmetrie der Hornhaut und der patho-
logischen Dezentration behandelt werden.
Es ist einleuchtend, daß eine vollständige ophthalmometrische Untersuchung
der vorderen Hornhautfläche zusammen mit der Ermittelung der Lage der
optischen Achse des Auges — beides nach oben ausführlich beschriebenen
Methoden — zwar hinreichende Daten ergeben würde, aber auf der anderen
Seite wegen der zeitraubenden Arbeit praktisch unanwendbar ist. Man kann
auch sehr wohl damit auskommen, daß man in vier Richtungen, welche 10°
mit der Visierlinie bilden und auf beiden Seiten derselben in den beiden Haupt-
schnitten orientiert sind, die ophthalmometrische Untersuchung ausführt und
die Lage der optischen Achse bestimmt. Da aber die meisten Fälle von
pathologischer oder ungewöhnlich hochgradiger physiologischer Asymmetrie
zufülligerweise bei der Refraktionsuntersuchung in der praktischen Tätigkeit
des Ophthalmologen entdeckt werden, so braucht man eine einfachere Methode,
um hinreichendes Material zu bekommen. Dies erhält man, indem die kera-
tometrische Methode durch eine keratoskopische ersetzt wird.
G. Untersuchung der Asymmetrie des Auges. 5
5 À g 59
Bei der Keratoskopie wird die Form der Hornhaut nach der Verunstaltung
eines Spiegelbildes geschätzt. Es lehrt nun die Erfahrung, daß diese Schätzung
am sichersten ist, wenn das Spiegelbild bei Abwesenheit jeder Deformation
ein Quadrat darstellt. Ich habe deshalb der Scheibe, deren Spiegelbild in der
Hornhaut beobachtet wird, die in der Fig. 143 reproduzierte Form gegeben.
Wenn dieselbe im richtigen Abstande gehalten wird bzw. am Objektivende
eines passend fokusierten Fornrohres befestigt ist, so zeigt das in einer sphä-
rischen Fläche entstandene Spiegelbild vier Quadraten, deren Seitenabstand
gleich der Seite des kleinsten Quadrates ist. Weicht die Form der Fläche
von der sphärischen ab, so wird das Bild entsprechend deformiert, wobei die
Abstände der Linien proportional zu den Krümmungsradien der entsprechen-
den Flächenelemente sind. Das
Spiegelbild wird zuerst beim
Blick gerade ins Objektiv, dann
bei vier anderen, durch Fixa-
tionsmarken bezeichneten Blick-
richtungen untersucht, nämlich
nach oben und unten sowie
nach den beiden Seiten, wobei
immer in der peripheren Blick-
stellung die beiden Punkte der
Hornhaut, welche die Mittel-
punkte der zwei dem Horn-
hautzentrum am nächsten liegen-
den Konturen spiegeln, genau
dieselben sind, wo beim Blick
ins Objektiv die Mittelpunkte
der bezüglichen zweiperiphersten
Konturen gespiegelt werden.
Für die beiden Ebenen, in
welchen der Blick bewegt wird,
ergibt also diese Untersuchung
keratoskopisch genau dasselbe, was die oben geschilderte photographische Meß-
methode keratometrisch liefert.
Das Aussehen der Spiegelbilder in einer typisch normalen Hornhaut —
Fig. 148.
derselben, deren ophthalmometrische Messung oben angegeben worden ist —
zeigt die Gruppe der Fig. 144. Im zentralen Bilde, welches annähernd die
optische Zone ausfüllt, sieht man die Vierecke vollkommen regelmäßig, obwohl
die oberste Linie von den Zilien beschattet und daher nicht zu sehen ist.
Das Bild ist ebensoweit vom oberen wie vom unteren Hornhautrande entfernt,
dem inneren aber merklich näher als dem äußeren. Mit der Lupe sieht man
auch deutlich, wenigstens an der Platte, daß die Pupille lateralwärts vom
Zentrum des Spiegelbildes steht. Die zwei Bilder der oberen und unteren
Hornhautpartie sind in bezug aufeinander symmetrisch und deuten eine be-
deutende, gegen die Peripherie der Hornhaut zunehmende Abflachung der-
selben an. An beiden, insbesondere am unteren, ist aus den schiefen Winkeln
ersichtlich, daß die betreffende Hornhautpartie nicht um die vertikale Mittel-
linie des Spiegelbildes symmetrisch ist, sondern daß der Scheitel der Horn-
haut — die optische Zone derselben — nach außen vom ophthalmometrischen
23”
356 Die Dioptrik des Auges. [G.
Achsenpunkte belegen ist, und an den beiden horizontalen Bildern tritt in
Übereinstimmung hiermit die normale horizontale Asymmetrie mit der be-
deutend stärkeren Abflachung nach innen zutage. Diese Bilder sind in bezug
auf die horizontale Mittellinie ziemlich symmetrisch, doch scheinen sie, ins-
besondere das äußere, einigermaßen die ophthalmometrisch konstatierte, physio-
logische, geringe vertikale Asymmetrie anzudeuten. Endlich ist die Pupille in
bezug auf ihre horizontale Mittellinie symmetrisch belegen.
Während also in diesem Falle eine deutliche vertikale Asymmetrie nicht
konstatiert wird, gibt es aber andere Augen, welche sich betrefis der Funktion
als vollkommen normal herausstellen, in welchen aber die keratoskopischen
Bilder bedeutende Abweichungen von diesem Typus zeigen. Wenn der Begriff
der Asymmetrie und Dezentration auf den ophthalmometrischen Achsenpunkt
Fig. 144.
bezogen wird, kann man an Augen, welche in klinischer Hinsicht voll-
kommen normal sind, drei Typen durch folgende Merkmale unterscheiden:
l. In den regelmäßigsten Fällen nur die normale horizontale Asymmetrie,
2. In den weniger regelmäßigen Fällen eine solche Kombination von
vertikaler und horizontaler Asymmetrie, daß das Bild einer normalen
Asymmetrie in schiefer Richtung entsteht.
3. In unregelmäßigeren Fällen normale Asymmetrie des horizontalen Horn-
hautschnittes, kombiniert mit ausgeprägter abnormer Asymmetrie des
vertikalen, jedoch mit vertikaler Dezentration der Pupille in der Rich-
tung der geringsten Abflachung.
Wie der Übergang von der zweiten zur dritten Gruppe ein allmählicher
ist, so kann auch diese nicht scharf vom pathologischen Gebiet abgegrenzt
werden, indem Fälle vorkommen, welche mit vertikaler Asymmetrie und kom-
pensierender Pupillendezentration asthenopische Symptome darbieten, welche
nach entsprechender Korrektion des gewöhnlich vorhandenen inversen Total-
astigmatismus verschwinden. Sicher pathologisch ist die vertikale Asymmetrie
der Hornhaut mit entgegengesetzter Pupillendezentration, welche, soweit meine
Erfahrung ausreicht, nie vorkommt, ohne daß Asthenopie oder andere krank-
hafte Symptome oder Myopie vorliegt.
Es empfiehlt sich, die pathologischen Fälle unter dem Namen Asymmetrie
oder Dezentration als eine besondere Refraktionsanomalie hinzustellen
G.] Verschiedene Formen der Asymmetrie des Auges. 857
Diese umfaßt dann erstens die pathologische vertikale Asymmetrie, welche
sich als solche entweder durch die entgegengesetzte Pupillendezentration oder
durch einen inversen Totalastigmatismus oder aber durch einen ungewöhnlich
großen Unterschied zwischen kornealem und totalem Astigmatismus kenntlich
macht. Diese Fälle täuschen sehr oft bei unvollkommener Untersuchung eine
geringgradige Myopie vor, welche erst nach Korrektion des unter Umständen
schwer zu entlarvenden inversen Astigmatismus schwindet, können deshalb auch
als latenter inverser Astigmatismus bezeichnet werden. Nicht ohne Interesse ist,
daß Tsonernings Auge, worauf ich weiter unten zurückkomme, eine ungewöhn-
lich hochgradige vertikale Asymmetrie aufweist, welche jedenfalls auf der
Grenze des Pathologischen — wenn nicht jenseits derselben — liegt und als
abnorm bezeichnet werden muß,
Zweitens findet man auch eine abnorme horizontale Asymmetrie, wobei
in seltenen Fällen eine Steigerung der normalen vorliegt, was aber nur bei
großer Pupille Beschwerden verursacht und Gegenstand der Korrektion wird.
In anderen Fällen, besonders bei Myopie, kann eine stärkere Abflachung der
Hornhaut nach außen als nach innen vorliegen, oder es zeigt die opthalmo-
skopische und skiaskopische Untersuchung der peripheren Refraktion einen
Unterschied von mehreren Dioptrien, je nachdem die Blickrichtung in gleicher
Winkeldistanz nasal oder temporal gewählt wird.
Während in den angedeuteten Fällen das im Auge gebrochene Strahlen-
bündel einfach asymmetrisch sein kann, was auch in der Regel der Fall ist, und
deshalb auch gewöhnlich mit richtiger Korrektion eine gute Sehschärfe erhalten
wird, so ist dies seltener der Fall bei der schiefen Asymmetrie, da das ge-
brochene Strahlenbündel dabei oft doppelt asymmetrisch, die kaustische Fläche
in Übereinstimmung hiermit ungünstiger gestaltet und die Sehschärfe herab-
gesetzt ist. Schon das Vorhandensein eines Astigmatismus, dessen Haupt-
schnitte einen Winkel von 35° bis 55° mit der Horizontalebene bilden, deutet
gewöhnlich eine schiefe Asymmetrie an, ebenso wie ein schiefer Winkel zwischen
den beiden Richtungen, in welchen die Denivellation bei der ophthalmometrischen
Untersuchung der Hornhaut verschwindet oder eine auffällige Inkongruenz
zwischen den Hauptschnitten des kornealen und des totalen Astigmatismus.
Die keratoskopische Untersuchung ergibt zwar nur die Asymmetrie der
Hornhaut und die Dezentration der Pupille, stellt aber doch ein gutes Mittel
dar, um eine Asymmetrie des im Auge gebrochenen Strahlenbündels zu ent-
decken. Daß bei hochgradiger Asymmetrie das ganze Auge an der Deformation
beteiligt ist, zeigt die ophthalmoskopische Untersuchung der Papille des Seh-
nerven, In den typisch normalen Fällen ist diese um die Horizontallinie
symmetrisch, während bei abnormer vertikaler und bei schiefer Asymmetrie
sehr oft eine entsprechende Verunstaltung des Sehnervenkopfes — eventuell
mit Konusbildung nach unten oder in schiefer Richtung — vorhanden ist, und
die perverse Papillenbildung in der Regel eine abnorme horizontale, durch die
oben erwähnte ophthalmoskopische und skiaskopische Untersuchung entdeckbare
Asymmetrie andeutet.
Während somit die Asymmetrie des im Auge gebrochenen Strahlenbündels
praktisch als eine pathologische Erscheinung aufzufassen ist, stellt die Aber-
ration desselben einen physiologischen Zustand dar, wie es auch von vorn-
herein postuliert werden kann, da die Abwesenheit der Aberration einen sin-
gulären Fall darstellt, dessen Realisation im Auge nutzlos wäre, indem die Pupillen-
358 Die Dioptrik des Auges. [G.
größe den Abweichungen höherer Ordnung eine solche Bedeutung zusichert,
daß der Einfluß der Aberration auf der Achse relativ zurücktreten muß. Bei
der Untersuchung der Aberration handelt es sich somit darum, die Konstitution
eines weit geöffneten Strahlenbündels zu erforschen. Die hierzu geeignetste
Methode ist die direkte Untersuchung der Schnitte desselben mit einer Schirm-
ebene, da auf dieser die Schnittlinien der kaustischen Fläche deutlich auftreten,
die Form der letzteren somit ermittelt werden kann. Diese Methode ist um
so geeigneter, da die Netzhaut eine ausgezeichnete Schirmfläche darstellt, leidet
aber nur an dem Mangel, daß sie, als eine subjektive Methode, von der Beob-
achtungsfähigkeit des Untersuchenden abhängig, demnach auch nicht zur An-
wendung auf ein großes Material geeignet ist. Das Strahlenbündel verschafft
man sich durch Hinblicken nach einem kleinen, hell leuchtenden Punkte.
Die verschiedenen Querschnitte desselben werden wiederum durch Veränderung
der optischen Einstellung des Auges unter Vorhalten von Brillengläsern auf
die Netzhaut gebracht. Die Methode der vollständigen Durchmusterung der
kaustischen Fläche auf diese Weise nenne ich zum Unterschiede von den in
der Literatur beschriebenen planlosen Untersuchungen mit einem leuchtenden
Punkte die Methode der subjektiven Stigmatoskopie.
Erst durch diese Methode konnte ich die Konstitution des im Auge ge-
brochenen Strahlenbündels nach Ermittelung der erforderlichen mathematischen
Gesetze erforschen, und zwar gibt es auch, seitdem diese Konstitution bekannt
geworden ist, keine andere Methode, mit welcher sie vollständig dargestellt
werden kann. Ursache hierzu ist die außerordentlich komplizierte Form der
kaustischen Fläche, indem nicht nur in einem Meridianschnitte die drei in der
Fig. 120 S. 254 dargestellten Spitzen an der Schnittlinie derselben vorhanden sind,
sondern die Form dieser Schnittlinie bei der Drehung des Meridianschnittes um
die Achse kontinuierlich wechselt, wobei der Abstand der beiden symmetrischen
Spitzen von der auf der Achse belegenen abwechselnd Maxima und Minima
durchläuft. Entsprechend diesen größten und kleinsten Abständen der Spitzen
sind die Kanten der zweiten kaustischen Fläche angeordnet, so daß, was diesen
Wechsel betrifft, eine Analogie mit dem Diagonalastigmatismus der Aberration
besteht — mit dem Unterschiede jedoch, daß hier nur zwei Maxima und Minima
vorhanden sind, während im Auge die Zahl eine größere ist. Daß die Form
der (uerschnitte der kaustischen Fläche schon beim Diagonalastigmatismus der
Aberration ziemlich kompliziert ist, geht aus dem in der Fig. 145 dargestellten
Querschnitte eines solchen Strahlenbündels hervor, welches durch eine passend
zusammengesetzte bizylindrische Lupe! erhalten worden ist. Den strahlen-
förmigen Ausbuchtungen des Schnittes entsprechen die Meridianschnitte, in
welchen die Aberration ihr Maximum erreicht, während die hellen Linien in
den zwischenliegenden Ecken die Schnitte der in Kanten umgebogenen zweiten
kaustischen Fläche darstellen. Wie durch partielle Zudeckung der erzeugenden
Linse dargelegt werden kann, entstehen erstere durch Lichtstrahlen, welche die
Achse gekreuzt haben, letztere dagegen durch Strahlen, welche die Achse erst
in größerer Entfernung von der Lupe kreuzen.
Die subjektive Stigmatoskopie ergibt nun für das im Auge gebrochene
Strahlenbündel eben dieselbe Eigentümlichkeit, obwohl die strahlenförmigen
1) A. Gurzsrrann, Demonstration eines Instrumentes zur Erzeugung von Strahlengebilden
um leuchtende Punkte. Ber. ü. d. XXX. Vers. d. Ophth. Gesellsch. Heidelberg 1902.
G.] Methode der subjektiven Stigmatoskopie. 359
Ausbuchtungen und die zwischenliegenden hellen Lichtflecke zahlreicher und
nicht immer vollkommen regelmäßig angeordnet sind. Wie schon aus der Be-
schreibung von HELMHOLTZ hervorgeht, verschwinden die um einen hellen Punkt
sichtbaren Strahlen von derselben Seite her, von welcher die Pupille durch
Vorschieben eines Schirmes partiell zugedeckt wird. Da das Bild der Strahlen-
figur umgekehrt im Verhältnis zur Zerstreuungsfigur auf der Netzhaut erscheint,
so sind die Strahlenbildungen durch Lichtstrahlen entstanden, welche sich vor
der Netzhaut gekreuzt haben. Dasselbe wird, wie HeLmuortz anführt, durch
die chromatischen Erscheinungen bewiesen und tritt bei der Anwendung eines
Kobaltglases besonders deutlich hervor, indem der zentrale helle Punkt purpurn,
die Strahlenbildungen blau gesehen werden. Diese Strahlen sieht man, wie
Hermuoutz angibt, bei
hinreichend hellem Licht-
punkte auch bei schärf-
ster Einstellung des
Auges, sobald die Pupille
nicht durch die im
Zimmer herrschende Be-
leuchtung übermäßig ver-
engert ist. Macht man
die vollständige stigmato-
skopische Untersuchung
unter Anwendung eines
leuchtenden Punktes,
dessenDurchmesser2 mm,
dessen Abstand 4 m be-
trägt, indem man mit
einer durch vorgesetzte
Brille erzielten Retrak-
tion von 4 D Myopie
beginnt und die Refrak-
tion des bewaffneten
Auges durch wiederholtes Fig. 145.
Wechseln der Brille von
halber zu halber Dioptrie unter Erschlaffung der Akkommodation successive
vermehrt, so sieht man zunächst einen hellen Zerstreuungskreis, welcher zwar
von helleren Punkten gestichelt erscheinen kann, aber keine deutlich helleren
Teile von dunkleren abgrenzen läßt. Die beim Hinausrücken des Fernpunktes
eintretende Veränderung zeigt sich dann zunächst darin, daß in der Mitte ein
mehr oder weniger regelmäßiger heller Punkt auftritt, um welchen dann die
Strahlenbildungen sichtbar werden. Dieser Querschnitt des Strahlenbündels ist
von HELMHoLTZ in der Fig. 72b S. 161 dargestellt. Die dortselbst bei a reproduzierte
Figur, welche aus seinem rechten Auge stammt, ist für die Demonstration der
einfachsten Fälle weniger geeignet, da aus derselben eine möglicherweise
durch eine punktförmige Linsentrübung bedingte — vertikale Asymmetrie der
optischen Zone hervorgeht, welche die Deutung etwas erschwert. Die dem
linken Auge entsprechenden Zeichnungen b und d deuten zwar nicht eines der
am regelmäßigsten gebauten Augen an, sind aber hinreichend typisch, um zur
Demonstration verwendet werden zu können. In den bestgebauten Augen ist
360 Die Dioptrik des Auges. [G.
die Figur achtstrahlig und hat die Grundform eines vertikal gestellten Kreuzes
mit diagonalen Strahlen, von welchen jedoch der eine oder andere in zwei
gespaltet sein kann. Wie ersichtlich, läßt sich die Figur von HELMHOLTZ als
eine Variante dieser Form bei schief stehendem Kreuze deuten. Wird durch
Vermehrung der Refraktion der Fernpunkt des bewaffneten Auges immer mehr
hinausgerückt und virtuell gemacht, so sieht man ein dunkleres Zentrum, das
von einer helleren zackigen Linie umgeben ist. Die Zacken dieser Linie, welche
bei größerer Pupille in Strahlenform verlängert erscheinen, verschwinden auf
der entgegengesetzten Seite, wenn die Pupille von einer Seite her zugedeckt
wird, und leuchten im Versuche mit dem Kobaltglas rot, werden also von Licht-
strahlen erzeugt, die den zentralen Strahl nicht vor Erreichung der Netzhaut
geschnitten haben. An Zahl überwiegen diese Strahlenbildungen die in der
gewöhnlichen Sternfigur sichtbaren, und was die Orientierung betrifft, kann man
mit Sicherheit konstatieren, daß sie nicht mit derjenigen in der gewöhnlichen
Sternfigur übereinstimmt, sondern daß im Gegenteil in denjenigen Richtungen,
in welchen deutliche Strahlen der gewöhnlichen Sternfigur wahrgenommen
werden, bei der letztgenannten Einstellung keine Strahlen vorkommen. Bei
künstlich dilatierter Pupille kann man bei gewisser Einstellung die beiden Arten
von Strahlenbildungen auf einmal sehen und das Alternieren derselben kon-
statieren. Die zu Strahlen verlängerten Zacken sind von Hrtanourz in der
Fig. 72d wiedergegeben worden, wo man das dunklere Zentrum deutlich sieht
und auch meine Angabe über die Orientierung verifizieren kann. Daß die Zahl
der Zacken bei Heu muoutz in diesem Schnitte des Strahlenbündels geringer
ist als in dem bei 5 dargestellten, beruht darauf, daß er die verschiedenen
Querschnitte des Strahlenbündels nicht durch Vorsetzen von Brillen, sondern
durch Wechseln des Abstandes des leuchtenden Punktes erzielt hat. Bei der
Annäherung desselben an das Auge wird nämlich der Gesichtswinkel, unter
welchem er gesehen wird, zu groß, so daß die einander am nächsten liegenden
Zacken zusammenfließen.
Der in der Fig. 145 dargestellte Querschnitt eines Strahlenbündels mit
diagonalastigmatischer Aberration zeigt sowohl die der gewöhnlichen Sternfigur
im Auge entsprechenden Strahlen, wie die der zackigen Linie entsprechenden
zwischen den Strahlen orientierten Ecken mit helleren radiär gerichteten Licht-
flecken. Ein solcher Querschnitt entsteht, wenn die Wellenfläche eine gewisse
Gleichung vierten Grades und vier Symmetrieebenen hat. Bei veränderter Zu-
sammensetzung der zur Erzeugung angewendeten bizylindrischen Kombination
kann die Symmetrie verloren gehen, wobei sehr komplizierte Erscheinungen
auftreten. Hat aber die Wellenfläche des Strahlenbündels eine Gleichung
achten Grades von entsprechender Form und acht Symmetrieebenen, so ent-
stehen acht Strahlen, und an Stelle der vier in der Figur sichtbaren Ecken
acht Ausbuchtungen mit helleren, radiär gerichteten Mittellinien, wobei, wenn
die Symmetrie um die erwähnten acht Ebenen nicht vollständig ist, schein-
bare Unregelmäßigkeiten in der Anordnung der Strahlen und Ausbuchtungen
auftreten, welche auf der komplizierteren Gestalt der kaustischen Fläche
beruhen. Wenn man nun noch bedenkt, daß im Sehorgan die Kontraste
vermehrt werden, indem das Minimum perceptibile in der Umgebung eines hell
beleuchteten Netzhautpunktes herabgesetzt wird, so daß die Ausbuchtungen
wegen der helleren Mittelpartien als Zacken erscheinen müssen, so wird man
einsehen, daß die Erscheinung der Strahlenfiguren im Auge keineswegs auf
G.] Art der Strahlenvereinigung im Auge. 361
wirkliche Unregelmäßigkeiten hindeuten, wie sie etwa durch Kanten oder Spitzen
an den brechenden Flächen bzw. durch Diskontinuitäten in der Indexvariation
in der Linse bedingt werden könnten, sondern eine ebenso regelmäßige Er-
scheinung darstellen, wie überhaupt eine jede, die durch eine Gleichung achten
oder höheren Grades geregelt wird.
Die Wellenfläche eines solchen Strahlenbündels ist, wie die mathematische
Untersuchung lehrt, dadurch charakterisiert, daß ihre Abflachung nach der
Peripherie hin in verschiedenen Meridianschnitten verschiedene Werte hat und
ebenso viele den Strahlen entsprechende Minima wie den Zacken entsprechende
Maxima aufweist. Schneidet man eine solche Fläche mit einer Zylinderfläche
ab, deren Achse mit dem axialen Strahle zusammenfällt, so zeigt die Schnitt-
linie nach Ausrollen des Zylinders auf einer Ebene einen wellenförmigen Ver-
lauf, welcher um so stärker ausgeprägt ist, je weiter ab vom Zentrum der
Schnitt liegt. Die Fläche ist also mit radiär verlaufenden, nach dem Zentrum
hin immer flacher werdenden Erhebungen und Vertiefungen versehen, welche
als eine Art „Faltenbildungen“ bezeichnet werden können, wenn man sich bloß
stets daran erinnert, daß hiermit nur eine Analogie angedeutet ist. Diese Be-
schaffenheit der Wellenfläche kann nur durch eine ähnliche Beschaffenheit der
Oberflächen oder der Isoindizialflächen der Linse verursacht werden, da die
Sternfigur um einen leuchtenden Punkt nach Entfernung der Linse aus dem
Auge verschwindet. An den Linsenflächen müßte sich diese Form durch ent-
sprechende springende Bewegungen der Spiegelbilder bei Bewegungen des Auges
kenntlich machen. In der Tat können manchmal solche Bewegungen des
Spiegelbildes in der vorderen Linsenfläche gesehen werden. Da dies aber, so-
weit ich ermitteln konnte, nur in der Peripherie der Fall ist, was zur Erklä-
rung nicht ausreichen würde, und da übrigens die .Undeutlichkeit des fraglichen
Spiegelbildes seine Entstehung nicht nur in der vorderen Linsenfläche, sondern
auch in den vordersten Teilen der Linsensubstanz beweist, so müssen mit Not-
wendigkeit die Isoindizialflächen der Linse den entsprechenden Bau haben. Zu
demselben Schluß führen die Gesetze der Dioptrik der Linse unter Berück-
sichtigung des anatomischen Baues derselben. Da nämlich die Isoindizial-
flächen bei der akkommodativen Formveränderung konstante Volumina einschließen
müssen, so würden sie bei den verschiedenen optischen Einstellungen des Auges
einen verschiedenen Flächeninhalt haben, wenn sie Umdrehungsflächen dar-
stellten. Dies würde aber nur möglich sein, wenn entweder die Linsenteilchen
frei verschieblich wären, oder aber die Linsensubstanz eine bedeutende Elastizität
besäße, Da weder das eine noch das andere zutrifft, so ist es unmöglich, daß
die Isoindizialflächen bei verschiedener Form Umdrehungsflüächen seien, sondern
die Formveränderung derselben muß von der Entstehung von „Faltenbildungen“
bzw. von der Veränderung solcher begleitet sein. Wegen der die Akkom-
modation begleitenden Pupillenverengerung ist eine solche Veränderung schwer
in einwandfreier Weise mit der subjektiven Stigmatoskopie zu untersuchen.
Bei der im ersten Stadium der Eserinwirkung auf die mit Homatropin dilatierte
Pupille zustande kommenden Akkommodation ist es aber leicht zu konstatieren,
daß eine Veränderung stattfindet.
Das Entstehen der Sternfigur in den Isoindizialflächen der Linse und ihre
akkommodative Veränderung beweist oflenbar, daß die fragliche Beschaffenheit
dieser Flächen durch die Zonularspannung beeinflußt wird. Daß dieselbe nicht
durch den anatomischen Bau der Linse, wie er durch die embryonale Anlage
862 Die Dioptrik des Auges. [G.
mit drei Strahlen bestimmt wird, bedingt werden kann, geht aus der Zahl und
Anordnung der Strahlen hervor, indem die Sternfigur in den regelmäßigsten
Fällen achtstrahlig ist, und die Grundform derselben ein Kreuz mit diagonalen
Strahlen darstellt. Dagegen gibt es im Aufhängeapparat der Linse eine ana-
tomische Anordnung, welche in den verschiedenen Meridianebenen abwechselnde
Maxima und Minima der Zonularspannung bedingen muß, indem nicht nur
verschiedene mechanische Verhältnisse enstprechend den Ciliarfortsätzen und
deren Interstitien obwalten, sondern auch durch die Kreuzung der zur vorderen
und zur hinteren Linsenkapsel gehenden Zonulafasern bedingt werden müssen.
Die Zahl dieser Maxima und Minima ist zwar bedeutend größer als die Zahl
der Strahlen der Sternfigur, aber da die Spannung nicht in den verschiedenen
Maximis mathematisch genau dieselbe sein kann, so werden die Kraftlinien gegen
das Zentrum hin zusammenfließen müssen, wie sich auch die Strahlen der
Sternfigur oft in einem gewissen Abstande vom hellen Punkte bei größerer
Pupille sichtbar teilen. Da die Linse aus Fasern aufgebaut ist, so wird sich
die eigentümliche Form der Isoindizialflächen in einer entsprechenden Anord-
nung der Fasern kundgeben müssen. Es ist dann auch wahrscheinlich, daß
beim stetigen Wachstum der Linse die anatomische Anordnung der Fasern
von den vorhandenen Spannungsverhältnissen beeinflußt wird, so daß die an
der Vorderfläche der Linse bei schiefer Beleuchtung sichtbare Sternfigur diese
unter dem Einfluß der Zonularspannung erworbene Struktur darstellen mag.
Man sieht diese Sternfigur am besten bei dilatierter Pupille unter Anwendung
derselben Versuchsanordnung wie zur Beobachtung des in der vorderen Linsen-
fläche entstehenden Spiegelbildes, wenn das Licht mit einer Lupe auf die
vordere Linsenfläche konzentriert wird. Ob diese Figur wirkliche Diskonti-
nuitäten der Indexvariation angibt, läßt sich aber wohl kaum ohne eine sehr
komplizierte mathematische Analyse entscheiden, da die „Faltenbildungen“ der
Isoindizialllächen a priori geeignet erscheinen, das fragliche Reflexionsphänomen
hervorzurufen,
Die eben bewiesene Eigenschaft der Wellenfläche des im Auge gebrochenen
Strahlenbündels macht es mathematisch unmöglich, daß eine glatte Schnittlinie
der kaustischen Fläche in der Form eines zur Pupille konzentrischen Kreises
auf irgend einem Querschnitte vorhanden sein könne, sondern diese Schnittlinie
muß überall zackig deformiert sein oder durch einzelne nicht miteinander zu-
sammenhängende Punkte repräsentiert werden. Die oben beschriebene zackige
Linie stellt demnach die Schnittlinie der kaustischen Fläche dar, die im Anfang
der stigmatoskopischen Versuchsanordnung sichtbare Lichtkonzentration im
Zentrum ist wiederum die Spitze derselben Fläche. Es ist hierdurch bewiesen,
daß die Aberration längs der Achse positiv ist, da die Spitze in der Richtung
der Lichtbewegung schaut. Wird die stigmatoskopische Untersuchung bei dila-
tierter Pupille weiter fortgesetzt, indem die Hypermetropie des bewaffneten
Auges immer vermehrt wird, so findet man, daß am letzten Schnitte des
Strahlenbündels, auf welchem die Schnittlinie der kaustischen Fläche noch
sichtbar ist, dieselbe nicht mit der Begrenzungslinie zusammenfällt. Hierdurch
ist der Beweis erbracht worden, daß eine Schnittlinie der kaustischen Fläche
mit einer Meridianebene die in der Fig. 120 S. 254 dargestellte Form mit drei
Spitzen hat, indem die beiden symmetrischen Spitzen die der betreffenden
Meridianebene entsprechenden, bei der stigmatoskopischen Untersuchung zuletzt
sichtbaren Zacken repräsentieren. Durch Messung des Refraktionsunterschiedes
G.] Die Aberration des Auges. 863
zwischen diesem Schnitte des Strahlenbündels und demjenigen, welcher die auf
der Achse belegene Spitze enthält, findet man den Abstand der beiden Schnitte
voneinander. Der Refraktionsunterschied ist bei mir 4 Dioptrien, und scheint
überhaupt nie diesen Wert zu untersteigen. Daß bei der Untersuchung weniger
geübter Personen manchmal ein höherer Wert erhalten wird, kann auf eine
mangelnde Fähigkeit, die Akkommodation vollständig zu entspannen, zurück-
geführt werden. Der Durchmesser der den symmetrischen Spitzen der Fig. 120
entsprechenden Linie 2= 0 wird durch das vor das Auge gehaltene Diaphragma
gemessen, welche die zackige Schnittlinie der kaustischen Fläche in ihrem dem
brechenden Apparate am nächsten liegenden Schnitte mit der Begrenzungslinie
des Strahlenbündelquerschnittes zusammenfallen läßt. Ich habe auf diese Weise
einen Durchmesser von 4 mm gefunden. Wird derselbe mit d, der in Rechnung
zu ziehende Refraktionsunterschied mit D, die hintere Brennweite des Auges
mit f und der Brechungsindex des Glaskörpers mit n bezeichnet, so ergibt sich
der Aberrationswert aus der Formel
END
1000 nd?
in welche der Refraktionsunterschied in Dioptrien einzusetzen ist, sonst aber
der Millimeter die Längeneinheit darstellt. Benutzt man in dieser Formel die
Brennweite und den Brechungsindex des reduzierten Auges von DONDERS —
20 mm bzw. #/, —, so erhält man einen Aberrationswert von 240 mm, während
der für dieses Auge berechnete Aberrationswert, wenn die brechende Fläche
sphärisch ist, 540 mm beträgt. Die Größe des für das lebende Auge gefun-
denen Aberrationswertes ergibt unmittelbar, daß das im Auge gebrochene
Strahlenbündel beim Durchgang durch die Linse eine positive Aberration erwirbt,
was ich am HerLmnoutzschen schematischen Auge dadurch konstatieren konnte,
daß in demselben, wenn den Linsenflächen eine solche Form gegeben wird, daß
ein einfallendes aberrationsfreies Strahlenbündel auch nach der Brechung
aberrationsfrei bleibt, der Wert 162 mm für emmetropische Einstellung und
bei sphärischer Form der Hornhaut erhalten wird. Der Schluß, den ich aus
dieser Tatsache zog, nämlich, „daß der variable Brechungsindex der Linse
wenig für die axiale Strahlenbrechung im Auge bedeutet, wonach diese
Beschaffenheit der Linse wahrscheinlich hauptsächlich für die Formveränderung
bei der Akkommodation, möglicherweise auch für das periphere Sehen, ihre
Bedeutung hat“, wird durch die Dioptrik der Linse vollauf bestätigt und
zugleich dahin erweitert, daß die Schiehtung der Linse nur im Dienste der
Formveränderung bei der Akkommodation besteht, da, wie oben bewiesen wurde,
der Astigmatismus eines schief durchgehenden Strahlenbündels durch dieselbe
erhöht wird.
Setzt man wiederum die hintere Brennweite des exakten schematischen
Auges und den Brechungsindex des Glaskörpers in obenstehende Formel ein,
so ergibt dieselbe einen Aberrationswert von 403,5 mm, und wenn man mit
den von mir angegebenen Formeln den Aberrationswert des exakten schema-
tischen Auges mit der reellen Kernlinse berechnet, so erhält man
A = 691,17 + 75854 p, — 7511,5 ®, + 6113,9 W, — 3264,4 ®,,
wo die Werte ® die Abflachungswerte der vier brechenden Flächen darstellen
und durch die Gleichung
364 Die Dioptrik des Auges. [G.
erhalten werden, in welcher o den Krümmungsradius bezeichnet und & die
Exzentrizität der Fläche zweiten Grades angibt, welche eine Berührung vierter
Ordnung mit der betreffenden brechenden Fläche hat. Beim Vergleiche dieses
für das exakte schematische Auge berechneten Wertes mit dem durch die
Untersuchnng des lebenden Auges unter Anwendung der Brennweite desselben
und des Brechungsindex des Glaskörpers erhaltenen Aberrationswerte 403,5 mm,
hat man zu berücksichtigen, daß die Gleichung, aus welcher letzterer Wert
erhalten wird, nur approximativ ist, indem der Einfluß der Aberrationswerte
höherer Ordnung nicht berücksichtigt werden kann. Da nun aber eine Linie
R = (0 vorhanden ist, so müssen diese Werte negativ sein, und es folgt hieraus,
daß der aus dem Untersuchungsergebnisse für das lebende Auge berechnete
Aberrationswert zu klein ist. Um wieviel er zu klein ist, läßt sich nicht ab-
schätzen noch durch Untersuchungen ermitteln. Nimmt man aber an, daß der
hierdurch entstehende Fehler dadurch kompensiert wird, daß für die Brechung
in der Hornhaut bei der Berechnung im schematischen Auge das HrLmnourzsche
Ellipsoid angewendet wird, wodurch auch im schematischen Auge der be-
rechnete Wert kleiner und dementsprechend der Einfluß negativer Aberrationswerte
höherer Ordnung in Rechnung gezogen wird, so ergibt sich, wenn die Linsen-
flächen als parabolisch angesehen werden, und für die Hornhaut die Exzen-
trizität e = 0,551 eingeführt wird, welche Marruıessen, wie oben angegeben
wurde, für die von mir gemessene Hornhaut berechnet hat, der Aberrationswert
476,16 mm. Wenn man dann noch in Betracht zieht, daß die Linsenflächen
wahrscheinlich eine stärkere periphere Abflachung haben als das Paraboloid,
und daß die periphere Dickenzunahme der Hornhaut einen positiven Wert
von (p für die hintere Hornhautfläche andeuten kann, wodurch der berechnete
Wert noch weiter sinken würde, so findet man, daß die Übereinstimmung des
für das exakte schematische Auge berechneten Wertes mit dem durch die
Untersuchung am lebenden Auge ermittelten nicht besser sein könnte.
Dies ist von um so größerer Bedeutung, als dadurch die Berechtigung
konstatiert wird, das Gesetz von MATTHIESSEN längs der Achse der Linse an-
zuwenden. Der größte Teil der Aberration entsteht nämlich, wie die Rechnung
lehrt, in der Linse und hängt von dem Werte von p, ab. Dieser Wert kann
wiederum nur dadurch kleiner gemacht werden, daß längs der Achse eine hyper-
bolische Indizialkurve angenommen wird, was aber mit den Ergebnissen aller
refraktometrischen Untersuchungen im Widerspruch steht. Eine Erhöhung des
Wertes von p, würde wiederum eine noch größere positive Aberration im
schematischen Auge zur Folge haben, welche nach dem Obenstehenden wohl
sehr unwahrscheinlich erscheinen muß.
Ich habe das von der Linie R= 0 umschlossene Gebiet der Pupille die
optische Zone derselben genannt, welcher Name um so berechtigter erscheinen
dürfte, als diese Zone annähernd mit dem durch die optische Zone der Horn-
haut begrenzten Gebiete zusammenfällt. Innerhalb dieser Zone ist die Aberration
des normalen Auges immer positiv, und dieselbe kann durch die Refraktion
des Auges in den verschiedenen Punkten der Pupille veranschaulicht werden,
indem die Refraktion überall geringer ist als im Zentrum, und der Unterschied
beim Fortschreiten längs einer Meridianlinie vom Zentrum aus anfangs rascher,
G.] Die beim Sehen angewendeten Strahlenbündelquerschnitte. 865
dann etwas langsamer steigt, um an der Grenzlinie 4 Dioptrien zu betragen.
Hierbei hat man sich aber zu erinnern, daß nach der befolgten Nomenklatur
die myopische Refraktion negativ ist, und daß unter der Refraktion in einem
Punkte der Pupille der Refraktionszustand verstanden wird, welchen das Auge
besitzen würde, wenn in diesem Punkte eine unendlich kleine Blende vorhanden
wäre, Diese Refraktion wird somit durch die Schnittweite des betreffenden
Strahles mit nächstliegenden Strahlen, nicht mit der Achse, bestimmt. Inner-
halb der optischen Zone besteht längs jedem Strahle, die Achse ausgenommen,
Astigmatismus, indem die meridionale Schnittweite kürzer ist als die äquatoreale.
Folgt man einer Meridianlinie außerhalb der Grenze der optischen Zone, so
nimmt der Astigmatismus längs den diese Linie schneidenden Strahlen stetig
ab und erreicht den Wert Null in demselben Augenblick, wo man auf den-
jenigen Strahl gekommen ist, welcher die kaustische Fläche im Schnittpunkte
mit der optischen Achse berührt. Zieht man in der dilatierten Pupille sämtliche
solche Strahlen, so bilden dieselben, wenn von den „Faltenbildungen“ der
Wellenfliche abgesehen wird, eine konische Fläche, deren Spitze auf der Achse
liegt. Da nun längs jedem dieser Strahlen eine vollständige Strahlenvereinigung
erster Ordnung stattfindet, so besteht in der auf der Achse belegenen Spitze
der konischen Fläche eine Strahlenvereinigung von außerordentlicher Güte, so
daß sich auf einem Querschnitte des Strahlenbündels dieser Punkt scharf von
der Umgebung abhebt. Dieser Punkt dient deshalb der Abbildung im Auge
beim Sehen mit großer Pupille, indem auf den betreffenden Querschnitt ein-
gestellt wird. Durch die subjektive Stigmatoskopie kann man sich sehr leicht
davon überzeugen, daß die scharfe Einstellung bei dilatierter Pupille auf einem
dem brechenden System näher belegenen Querschnitte des Strahlenbündels zu-
stande kommt als bei mäßiger Pupillengröße. Im ersteren Falle sieht man
nämlich, wenn man möglichst scharf auf den leuchtenden Punkt akkommodiert,
nur solche Strahlen um denselben herum, welche mit dem Kobaltglas rot
leuchten, und welche bei partieller Zudeckung der Pupille von der entgegen-
gesetzten Seite her schwinden, während man, wenn der Fernpunkt durch Konvex-
gläser etwas näher dem Auge verlegt wird, die gewöhnlichen bei scharfer
Akkommodation und mäßiger Pupillengröße sichtbaren Strahlen sieht. Nähert
man bei dilatierter Pupille den Fernpunkt dem Auge, bis man die Spitze der
kaustischen Fläche sieht, so kann man auch die Schnittlinie des umgebogenen
Teiles derselben sehen, indem ein deutlicher, zackiger, heller Ring die Be-
grenzungslinie bildet.
Bei dieser Darstellung der Strahlenvereinigung mußte ich, um dieselbe ver-
ständlicher zu machen, von der durch die „Faltenbildungen der Wellenfläche“
charakterisierten Eigenschaft des Strahlenbündels absehen. Dieselbe bedingt
eine Verschiedenheit des Aberrationswertes in verschiedenen Meridianebenen,
Aus der Untersuchungsmethode geht es aber hervor, daß die gemessene Aberration
den Maximalwert derselben ausmacht. Eine Methode, den Minimalwert zu
messen, habe ich nicht ausfindig machen können, sondern man muß sich bis
auf weiteres mit der Kenntnis begnügen, daß in den entsprechenden Meridian-
ebenen der Aberrationswert geringer und der Punkt vorteilhaftester Strahlen-
vereinigung weiter entfernt vom brechenden System belegen ist. Der Abstand
dieses Punktes von der Spitze der kaustischen Fläche ist dementsprechend
kleiner, und ein durch denselben gehender Strahl schneidet die Pupille in einem
ihrem Zentrum näher belegenen Punkte, so daß dieser Punkt des Strahlen-
366 Die Dioptrik des Auges. [G.
bündels bei einer die optische Zone nicht überschreitenden Pupillengröße zur
scharfen Abbildung verwendet wird, während es nicht ausgeschlossen erscheint,
daß bei minimalster Pupille auf einen der Spitze der kaustischen Fläche noch
näher liegenden Querschnitt des Strahlenbündels eingestellt werden kann.
Bei der stigmatoskopischen Untersuchung kann man den Refraktionsunter-
schied zwischen dem Punkte vorteilhaftester Strahlenvereinigung und der Spitze
der kaustischen Fläche messen. Ich erhalte auf diese Weise einen Unterschied
von 1,5 Dioptrien, welcher somit den Grad der Hypermetropie angibt, welche
längs der Achse eines bei mäßiger Pupillengröße emmetropischen Auges
besteht. Da aber die Messungen nicht allzu genaue Resultate ergeben, habe
ich im schematischen Auge den Wert von 1 D. angewendet, von dem ich mit
Bestimmtheit sagen kann, daß er nicht zu groß ist. Der Unterschied der
optischen Einstellung des Auges bei mäßiger und bei maximaler Pupille kann
auf oben angegebene Weise einwandfrei konstatiert werden, während die
klinische Untersuchung der Refraktion mit der Doxpersschen Methode zwar in
vielen, aber wegen der die Pupillenerweiterung folgenden Herabsetzung der Seh-
schärfe nicht in allen Fällen, eine geringe Myopie des emmetropischen Auges
bei Dilatation der Pupille zutage treten läßt.
Aus dem Gesagten ist es ersichtlich, daß unter Aberration des im Auge
gebrochenen Strahlenbündels nur der in den betreffenden Meridianschnitten
vorhandene Maximalwert derselben verstanden werden kann. Wie die genauere
Untersuchung lehrt, besteht in der Regel ein Astigmatismus dieser Aberration,
welcher sich durch eine querovale Gestalt der Schnittlinie der kaustischen
Fläche mit der Netzhaut kund gibt, wie sie auch in der Fig. 72d S. 161 von
HELMHOLTZ zutage tritt. Der Einfluß desselben auf die Strahlenbrechung be-
dingt es, daß die maximale Sehschärfe nicht bei vollkommenem Anastigmatismus
längs dem zentralen Strahle erhalten wird, ist aber praktisch von ganz unter-
geordneter Bedeutung. Außerdem lassen sich mit der subjektiven Stigmato-
skopie die Asymmetrien und Dezentrationen auch in sehr geringen Graden
untersuchen. In meinem rechten Auge sind an dem auf die Netzhaut fallenden
Strahlenbündel keine Zeichen der durch die schiefe Inzidenz der Visierlinie
entstandenen horizontalen Asymmetrie aufzufinden, wonach die Asymmetrien-
werte zwar nicht längs dem durch das anatomische Zentrum der Pupille, wohl
aber längs dem durch das Zentrum der Austrittspupille gehenden Strahle gleich
Null sind. Wird der die Spitze der kaustischen Fläche berührende Strahl,
welcher für die Abbildung maßgebend ist, nach der oben angegebenen Nomen-
klatur als der zentrale Strahl bezeichnet, und nennt man den Punkt, wo
dieser Strahl die Pupillenebene schneidet, das optische Zentrum derselben,
so liegt somit bei mir dieses optische Zentrum in der vertikalen Mittellinie
der Austrittspupille, und es stellt die vertikale Mittellinie der Pupille mit einer
für praktische Zwecke hinreichenden Genauigkeit eine Symmetrielinie dar. Nicht
so die horizontale. Denn schon in der gewöhnlichen, um einen leuchtenden
Punkt sichtbaren Strahlenfigur ist eine vertikale Asymmetrie erkennbar, indem
die nach oben gehenden Strahlen kürzer erscheinen, als die nach unten sicht-
baren. Wenn betrefis einer vertikalen Asymmetrie die Richtung nach oben
als die positive gewählt wird, so besteht hiernach längs dem durch das Zentrum
der Pupille gehenden Strahl eine direkte negative Asyınmetrie des im Auge
gebrochenen Strahlenbündels, was damit gleichbedeutend ist, daß das optische
Zentrum der Pupille oberhalb des anatomischen liegt, wie es auch bei
G] Dezentration der Pupille und der optischen Zone derselben. 367
Abwesenheit einer vertikalen Dezentration der Pupille in bezug auf den ophthal-
mometrischen Achsenpunkt a priori postuliert werden kann, wenn die asymme-
trische Abflachung des vertikalen Hornhautschnittes nicht durch irgend einen
entgegengesetzt wirkenden Mechanismus kompensiert ist. Ebenso wie bei der
keratoskopischen und ophthalmometrischen Untersuchung der ophthalmometrische
Achsenpenkt als fix bezeichnet wird, empfiehlt es sich bei der stigmatoskopischen
das optische Zentrum der Pupille bei der Bezeichnung „Dezentration“ als Aus-
gangspunkt zu benützen, so daß die konstatierte vertikale Asymmetrie eine
Dezentration der Pupille nach unten darstellt. Diese normale vertikale Dezen-
tration kann alle Grade erreichen, bis das optische Zentrum am Rande der
mittelgroßen Pupille oder gar außerhalb derselben liegt, wobei die Grenze
des physiologischen Gebietes überschritten wird. Die Zeichnungen, welche
TscHERNING? von den Erscheinungen in seinem Auge gegeben hat, zeigen eine
solche, mit Sicherheit in der Nähe dieser Grenze belegene, jedenfalls abnorm
starke, vertikale Dezentration an.
Außer dieser Dezentration der Pupille hat man auch mit einer Dezen-
tration der optischen Zone zu rechnen. ‚Jene wird aus dem Längenverhältnis
der nach oben und nach unten auf dem die Spitze der kaustischen Fläche ent-
haltenden Querschnitte des Strahlenbündels sichtbaren Strahlen berechnet, diese
aus’ dem Unterschied der Refraktion beim Sichtbarmachen der verschiedenen
Teile der der Linie R = 0 entsprechenden Kante der kaustischen Fläche. In
meinem Auge besteht ein Unterschied von 1 D. zwischen dem oberen und dem
unteren Teile dieser Kante. Die daraus berechnete Dezentration der optischen
Zone beträgt in meinem rechten Auge ?}/ mm in der Richtung nach unten und
deckt sich ungefähr mit der Dezentration der Pupille in derselben Richtung,
welche bei einem Durchmesser von 6 mm den Wert von Y/, mm erreicht.
Den Übergang von dieser physiologischen Dezentration der optischen Zone
zu der pathologischen bin ich nicht in der Lage gewesen, durch stigmato-
skopische Untersuchungen zu verfolgen, da diese Untersuchungen eine ziemliche
Übung erfordern und große Zeitverschwendung mit sich führen. In den Fällen
mit vertikaler Asymmetrie der Hornhaut und entgegengesetzter Pupillendezen-
tration dürfte mit größter Wahrscheinlichkeit die Pupille auch in bezug auf
das optische Zentrum derselben die entgegengesetzte Dezentration aufweisen
und bei mittelgroßer Pupille keine geschlossene Linie R= 0, mithin keine
optische Zone in derselben vorhanden sein. Schon im Auge von TSCHERNING
fehlt bei der Pupillengröße, bei welcher er die Zerstreuungsfiguren gezeichnet
hat, eine geschlossene Linie R=0 und es geht aus den Zeichnungen nicht
hervor, daß überhaupt eine optische Zone in der Pupille vorhanden wäre,
Würde in einem solchen Auge die vertikale Asymmetrie der Hornhaut vermehrt
werden, so würde der direkte Asymmetrienwert in vertikaler Richtung wegen
der nach der Peripherie hin zunehmenden Abflachung der Hornhaut in höherem
Grade längs einem durch den oberen Teil als längs einem durch den unteren
Teil der Pupille gehenden, in der vertikalen Symmetrieebene belegenen Strahl
zunehmen. Der Einfluß der Aberration müßte dann gegenüber dem der Asym-
metrie noch mehr zurücktreten, und eine bessere Strahlenvereinigung längs
einem durch den unteren Teil der Pupille gehenden Strahle resultieren. Die
"2.20, Eneyelopedie française d’ophthalmologie. 'T. III. S. 207.
368 Die Dioptrik des Auges. [G.
Dezentration der Pupille nach oben in einem solchen Auge würde dann die
Strahlenvereinigung verschlechtern, da in TscHERNINGs Auge, wie aus seinen
Zeichnungen hervorgeht, die Asymmetrienwerte negativ sind,
Im normalen Auge ist die Aberration innerhalb der positiven Zone auch
bei kräftiger Akkommodation positiv, was dadurch konstatiert wird, daß
man, wenn der leuchtende Punkt bis in die Nähe des Nahepunktes hineingerückt
wird, bei der Fixation desselben immer zuerst die Schnittlinie der Brennfläche
zu sehen bekommt, welche erst nach weiterer Anstrengung der Akkommodation
der gewöhnlichen Sternfigur bzw. bei nicht dilatierter Pupille dem scharfen
Bilde Platz macht. Die mathematische Untersuchung der Dioptrik der Kern-
linse beweist eine akkommodative Abnahme des Wertes von p, in einem
solchen Grade, daß der Aberrationswert, wenn er bei der Akkommodation nur
diesem Einflusse unterworfen wäre, auf ungefähr ?/, des ursprünglichen Wertes
heruntersinken müßte. Durch die subjektive Stigmatoskopie gelingt es mir
aber nicht, diese Veränderung auf einwandfreie Weise zu konstatieren, weil
die begleitende Pupillenverengerung die Untersuchung ohne Mydriaticum ver-
eitelt, und die Erscheinungen bei dilatierter Pupille — sei es durch Kokain,
sei es durch Homatropin mit nachfolgender Eserineinträufelung — nicht ein-
deutig zu sein scheinen.
Die physiologische Bedeutung der auf diese Weise ermittelten Konstitution
des im normalen Auge gebrochenen Strahlenbündels kann erst im Lichte der
allgemeinen Gesetze der optischen Abbildung hinreichend gewürdigt werden,
Die Größe der Zerstreuungskreise, welche durch die um einen leuchtenden
Punkt sichtbaren Strahlen repräsentiert werden, würde nämlich eine optische
Abbildung von der Güte, welche durch die Sehschärfe des normalen Auges
bezeugt wird, vollkommen vereiteln, wenn die Zerstreuungskreise die denselben
zugeschriebene Bedeutung für die Abbildung hätten. Da an Stelle derselben
die Schnittlinien mit der kaustischen Fläche treten, so wird jeder Widerspruch
zwischen dem Grade der Sehschärfe und dem Baue des Strahlenbündels von
selbst gelöst. Es wird auch die klinisch konstatierte Fähigkeit, bei verschie-
dener optischer Einstellung bzw. bei verschiedenen Graden von angeborenem
oder künstlichem Astigmatisinus durch Übung die Sehschärfe beträchtlich zu
heben, auf einwandfreie Weise erklärt. Denn solange noch Schnittlinien der
kaustischen Fläche auf die Netzhaut fallen, handelt es sich stets immer noch
um eine Abbildung, und die Anstrengung, welche das Auge beim Versuche,
mit fehlerhafter Zylinderkorrektion zu lesen, verspürt, ist nur ein Ausdruck
für die größere Schwierigkeit, Schnittlinien der kaustischen Fläche zu deuten,
welche eine ungewöhnliche und für die maximale Schärfe weniger geeignete
Form haben. Dies dürfte deshalb bei der Nahearbeit als um so anstrengender
empfunden werden, als eben die Form der Schnittlinie der kaustischen Fläche
zusammen mit der chromatischen Aberration das bei den stetigen Wechse-
lungen der akkommodativen Einstellung regelnde Moment darstellen dürfte,
Ein solches Moment kann eben nur darin bestehen, daß die Strahlenbündel-
querschnitte auf der Netzhaut ein verschiedenes Aussehen haben, je nachdem
die Akkommodation weiter gespannt oder erschlafft werden soll.
Für die Auffassung der Konstitution des im Auge bei den gewöhnlichen
Fällen von Astigmatismus gebrochenen Strahlenbündels ist auch die Größe der
Aberration von grundlegender Bedeutung, indem ein Astigmatismus von mehr
als 4 Dioptrien dazu nötig ist, um zu bewirken, daß nicht Schnittlinien der
G.] Die Strahlenvereinigung im astigmatischen Auge. 369
beiden kaustischen Flächen auf einmal auf die Netzhaut fallen, so daß in den
praktisch wichtigsten Fällen von Astigmatismus die kaustischen Flächen den
in der Fig. 121 S. 256 dargestellten Typus haben, und zwei Strahlen durch die
mittelgroße Pupille gehen, längs welchen
anastigmatische Brechung vorhanden
ist. Die Querschnitte eines solchen
Strahlenbündels sind in der Fig. 146
wiedergegeben, wobei jedoch die photo-
graphische Aufnahme! unter Anwendung
einer Telekombination erfolgte und
die verschiedenen (Juerschnitte durch
Wechseln des Abstandes der Kompo-
nenten auf die Platte gebracht wurden,
so daß die gegenseitigen Größenverhält-
nisse derselben nicht naturgetreu sind.
Ähnlich sind die Erscheinungen im astig-
matischen Auge, wovon man sich durch
Vorsetzen von Zylindergläsern über-
zeugen kann. Der einzige Unterschied
besteht in einer Zerklüftung der Zer-
streuungsfiguren, welche von den „Falten-
bildungen“ der Wellenfläche herrührt.
Was speziell das pfeilspitzenähnliche
Aussehen betrifft, welches an zwei ein-
ander gegenüber liegenden Punkten in
dem vierten Querschnitte der Fig. 146
sichtbar ist, und die beiden anastig-
matischen Fokalpunkte angibt, so ist
dasselbe bei der stigmatoskopischen
Untersuchung des künstlich astigma-
tischen Auges leicht zu konstatieren.
Bei abnormer vertikaler Asymmetrie und
nicht zu hochgradigem Astigmatismus
ist an der kaustischen Fläche immer
ein solcher Punkt vorhanden, und an
den von TscHuerxing gegebenen Zeich-
nungen der Querschnitte des in seinem
Auge gebrochenen Strahlenbündels ist
derselbe leicht zu erkennen. Der künst-
liche Astigmatismus bietet ein Mittel
dar, um bei der stigmatoskopischen
Messung der Aberration den Einfluß
der Akkommodation zu eliminieren,
worauf jedoch hier nicht näher ein-
gegangen werden soll.
Von den übrigen Methoden, die Aberration des Auges zu untersuchen, steht
diejenige, welche ich die objektive Stigmatoskopie nennen möchte, obenan.
Fig. 146.
! Ich verdanke dieselbe Herrn Cand. Phil. A. Openorants.
Vv. Hxımuortz, Plysiologische Optik. 3. Aufl. I. 24
370 Die Dioptrik des Auges. Io.
Ersetzt man in der ophthalmometrischen Nernstlampe den Spalt durch ein
feines Loch, und befestigt man vor diesem in einer Neigung von 45° ein vertikal
gestelltes Deckgläschen von solcher Größe, daß kein Licht die Kanten desselben
trifft, so bildet das im Deckgläschen entstehende Spiegelbild des im Loche
sichtbaren Teiles des glühenden Stäbchens einen sehr hell leuchtenden Punkt,
mit welchem der Untersucher seine Pupille zusammenfallen lassen kann. Wenn
dann das gespiegelte Licht in die Pupille des in 30 bis 50cm Abstand be-
findlichen, zu untersuchenden Auges geworfen wird, so kann man durch Ver-
schieben seines Kopfes in verschiedenen Richtungen die Strahlenvereinigung
untersuchen. Wenn es sich um ein Auge handelt, welches bei dieser Versuchs-
anordnung das Spiegelbild des leuchtenden Punktes scharf fixieren kann, so
entsteht bei der Fixation ein Bild auf der Netzhaut, welches bei der diffusen
Reflexion wegen der Lichtverteilung in demselben binnen gewisser Grenzen als
ein punktförmiges angesehen werden kann, und welches die Lichtquelle des-
jenigen Strahlenbündels darstellt, in welchem die Strahlenvereinigung untersucht
wird. Besonders im Abstande von 50cm haben die Querschnitte des Strahlen-
bündels eine solche Größe, daß die Pupillengröße des Untersuchers vollkommen
bedeutungslos ist. Bei richtiger Zentrierung seines Auges sieht man im Zentrum
der im verdunkelten Zimmer gewöhnlich mittelgroßen Pupille einen hell leuch-
tenden Punkt, um den herum man sogar in vielen Fällen die Strahlenfigur
wahrnehmen kann. Dieser wegen der Helligkeit mehr gelblich erscheinende
Punkt ist von einer dunkleren und deshalb mehr rötlich aussehenden Zone
umgeben, welche wiederum nach außen von einem helleren gelblicheren Ring
umgeben ist. Je nach der Pupillengröße erstreckt sich diese helle ringförmige
Zone bis zum Rand der Pupille oder wird wiederum von einer dunkleren, röt-
licheren Zone umgeben. Verschiebt man nun sein Auge z. B. in horizontaler
Richtung, so macht der zentrale helle Punkt eine gleichsinnige Bewegung in
der Pupille des untersuchten Auges, während die vertikalen Teile der ring-
förmigen hellen Zone sich in entgegengesetzter Richtung verschieben. Es be-
weist dies, daß längs dem zentralen Strahl die Strahlenvereiniguug hinter der
Pupille des untersuchenden Auges zustande kommt, während die Strahlen, welche
die Pupille des untersuchten Auges dort schneiden, wo der helle Ring sichtbar
ist, vor der Pupille des Untersuchers von nächstliegenden Strahlen geschnitten
werden, oder mit anderen Worten, daß die Aberration positiv ist, und daß
beim scharfen Fixieren eines leuchtenden Punktes ein vor der Spitze der
kaustischen Fläche belegener Strahlenbündelquerschnitt auf der Netzhaut des
untersuchten Auges eingestellt wird. Von diesem Verhalten habe ich unter
physiologischen Verhältnissen bisher keine Ausnahme gefunden. Diese Methode
ist außer der subjektiven Stigmatoskopie die einzige, welche es gestattet, die
Aberration innerhalb der optischen Zone zu untersuchen. Zur Darstellung der
Brennflächenkante kann sie jedoch nicht angewendet werden, weil das auf der
Netzhaut entstandene Bild nicht die hierzu erforderliche Güte der Strahlen-
vereinigung zeigt. Zur objektiven Untersuchung der Refraktion und des Astig-
matismus sowie der pathologischen Formen von Asymmetrie und Aberration
eignet sie sich vor jeder anderen. Auf die Details dieser Untersuchungen hier
einzugehen, würde jedoch zu weit führen. Die Methode kann als eine ver-
feinerte skiaskopische bezeichnet werden, leistet aber viel mehr als diese, da
die Refraktion in der Fovea selbst untersucht wird, und da betreffs der Asym-
metrie und Aberration bei der skiaskopischen Methode die Größe der Licht-
G] Die Methode der objektiven Stigmatoskopie. 871
quelle, der Abstand der Pupille des Untersuchers von dem Ort des Spiegel-
bildes derselben und das Loch des Spiegels ebenso viele Fehlerquellen darstellen,
welche die Erscheinungen undeutlicher machen und die Exaktheit der aus den-
selben gezogenen Schlüsse beeinträchtigen. Was die Untersuchungsergebnisse
betrifft, ist demnach die Methode der objektiven Stigmatoskopie streng von
der der Skiaskopie zu trennen, obwohl mit Hinsicht auf die Technik letżtere
als eine weniger exakte Variation ersterer angesehen werden kann. Diese er-
fordert aber unbedingt einen dünnen, nicht foliierten Spiegel und eine spezi- '
fische Helligkeit, wie sie nur durch die Nernstlampe oder durch die elektrische
Bogenlampe erhalten werden kann.
In Fällen von abnormer Asymmetrie oder negativer peripherer Total-
aberration, welche letztere nicht selten die Starbildung einleitet, kann man
ohne Schwierigkeit die verschiedene Refraktion des Auges längs den ver-
schiedenen, durch die Pupille gehenden Strahlen mittels der Refraktions-
bestimmung im aufrechten ophthalmoskopischen Bilde konstatieren. Hierbei
muß aber immer auf ein kleines Gefäß geachtet werden, welches senkrecht zu
dem Meridianschnitt verläuft, in welchem die Variation der Refraktion unter-
sucht wird, und das Loch des Augenspiegels darf keinen größeren Durchmesser
als 1,5 bis 2 mm haben. Bei der Bestimmung der Refraktion durch ver-
schiedene Teile der Pupille hindurch hat man außerdem darauf acht zu geben,
daß keine Verschiebung des Loches zur eigenen Pupille stattfindet. Auch
kann der entstehende Astigmatismus und die durch denselben verursachte
Formveränderung der Papille demselben Zwecke dienen. Da nämlich immer
bei der Veränderung der Refraktion der radiäre Hauptschnitt einer größeren
Veränderung der Brechkraft unterworfen ist, so gilt die Regel, daß, wenn bei
einer Verschiebung des Spiegels zur Pupille des untersuchten Auges die Papille
in der Richtung der Verschiebung relativ mehr ausgedehnt erscheint, eine
Zunahme der Brechkraft konstatiert worden ist und umgekehrt. Zwar gelingt
es nicht immer, die physiologische Aberration mit diesen Methoden nach-
zuweisen, was sicher darauf beruht, daß die Stelle der größten Brechkraft so
wenig vom Zentrum entfernt ist, und daß die transversale Asymmetrie, welche
an dieser Stelle nicht wie die direkte verschwindet, Unschärfe verursacht. Da-
gegen gelingt es oft zu konstatieren, daß diese Unschärfe bei Dezentration
des Spiegelloches zuerst zunimmt, um dann wieder abzunehmen, wie es die
Konstitution des gebrochenen Strahlenbündels fordert, und kann man bei gut
dilatierter Pupille sehr oft die der positiven Aberration eigentümliche relative
Ausdehnung des zur Verschiebungsrichtung parallelen Papillendurchmessers sehen.
Andere Untersuchungsmethoden basieren auf dem Scueinerschen Ver-
suche, welcher dem Optometer von Youss und dem Aberroskop von TSCHERNING
zugrunde liegt. Wegen der Rolle, welche die mit dem zuletztgenannten In-
strumente erhaltenen Resultate in den Ausführungen TscuErxinGs spielen,
dürfte es angezeigt sein, hier etwas näher auf dasselbe einzugehen. Das In-
strument besteht aus einem quadratischen, auf der ebenen Fläche einer plan-
konvexen Linse eingeritzten, möglichst undurchsichtigen Liniennetze und wird
in einem Abstande von 10 bis 20 cm vor dem Auge in der Richtung nach
einem leuchtenden Punkte gehalten. In dem durch die artefizielle Myopie
bedingten Zerstreuungskreis des leuchtenden Punktes sieht man die Schatten
der undurchsichtigen Linien. Nach der Meinung von Tscuersins sollte eine
nach dem Zentrum zu konkave bzw. konvexe Krümmung eine positive bzw.
CA
372 Die Dioptrik des Auges. [G.
negative Aberration des im Auge gebrochenen Strahlenbündels beweisen. Wie
ersichtlich, handelt es sich aber um ein optisches Projektionsphänomen. Das-
selbe beruht, wie ich bewiesen habe, nur zum Teil auf der Aberration, zum
Teil aber auf einer anderen Größe, welche im lebenden Auge nicht berechnet
werden kann, und die Aberration, auf welcher die Krümmung der sichtbaren
Linien beruht, ist nicht diejenige, welche das zum Sehen angewendete Strahlen-
bündel charakterisiert, sondern die, mit welcher das beim Versuche in das
Auge fallende Strahlenbündel nach der Brechung behaftet ist, was von um
so größerer Bedeutung ist, als die Aberration allgemein mit der Konvergenz
des einfallenden Strahlenbündels wechselt.
Auf folgende Weise habe ich das Verständnis der mathematischen Un-
möglichkeit der Ansicht Tscuerxings über die Bedeutung der mit dem Aberro-
skop beobachteten Erscheinungen allgemein zugänglich gemacht. Wenn man sich
an das reduzierte Auge hält und das durch die Linse des Aberroskopes ge-
brochene Strahlenbündel als aberrationsfrei ansieht, so bilden die Schatten
auf der brechenden Fläche einfachgekrümmte Linien, welche in Ebenen liegen,
die sich in dem durch die Konvexlinse entworfenen Bilde des leuchtenden
Punktes schneiden. Damit aber die Schattenlinien auf der Netzhaut gerade
wären, müßten sich diese Ebenen, sobald keine Aberration vorliegt, in dem
im Auge entworfenen Bilde des leuchtenden Punktes schneiden, was unmöglich
ist, wenn nicht der Bildpunkt nach der Brechung in der Aberroskoplinse mit
dem Krümmungsmittelpunkte der brechenden Fläche des reduzierten Auges
zusammenfällt.
Das exakte Ergebnis der Untersuchung mit dem Aberroskop ist, wenn
das Auge als ein Umdrehungssystem angesehen wird, das Vorzeichen des
Distorsionswertes bei der optischen Projektion. Dieses ist zwar, wenn keine
brechende Fläche zwischen dem zu projizierenden Liniennetze und dem Schirme
— Aberroskoplinien bzw. Netzhaut — liegt, nur vom Vorzeichen der Aberration
im Öbjektstrahlenbündel abhängig, und es würde demnach gegen die aus den
Untersuchungen mit dem Aberroskope gezogenen Schlüsse nichts einzuwenden
sein, wenn das Instrument im Glaskörper läge. Sowie aber eine brechende
Fläche zwischen Liniennetz und Schirm liegt, kommt ein anderer Faktor hinzu,
welcher im optischen System des Auges nicht berechnet werden kann, da die
betreffenden Gesetze in heterogenen Medien unbekannt bleiben, welche aber
von der Entfernung des Liniennetzes und bei größerer Entfernung auch merk-
bar von der Aberration der Aberroskoplinse beeinflußt wird. Von den zwei
Gliedern, welche zusammen den Distorsionswert geben, dessen Vorzeichen durch
die aberroskopische Untersuchung erhalten wird, wechselt das von der Aberration
abhängige sein Vorzeichen, wenn das Bild des leuchtenden Punktes hinter die
Netzhaut verlegt wird, das andere aber nicht, weshalb das Vorzeichen der
Aberration des im Auge gebrochenen Strahlenbündels durch die Untersuchung
mit dem Aberroskop gefunden werden kann, sobald die Krümmung der Schatten-
linien das Vorzeichen wechselt, je nachdem das Bild des leuchtenden Punktes
vor oder hinter die Netzhaut fällt. Dies ist nun in der Tat im normalen
Auge die Regel, so daß man auf diese, nicht aber auf die von TSCHERNING
angegebene Weise die normale positive Aberration des Auges konstatieren
kann. Dagegen ist das Aberroskop in keiner Weise, ebensowenig wie Younes
Optometer, hinreichend empfindlich, um die tatsächliche komplizierte Form
der kaustischen Fläche hervortreten zu lassen, indem überhaupt kein Schluß
G] Kritik der Versuche von Tscnersixo. 373
aus der Krümmung der in den peripheren Teilen des Zerstreuungskreises sicht-
baren Schattenlinien gezogen werden kann. Zur Diagnose der abnormen
Asymmetrie dürfte es überaus geeignet sein, da es das Vorzeichen der trans-
versalen Asymmetrie angibt, sobald das Vorzeichen der Krümmung der zen-
tralen Schattenlinie unverändert dasselbe bleibt, wenn das Bild des leuchten-
den Punktes vor oder hinter die Netzhaut fällt.
Die von TscnerxınG behauptete Änderung des Vorzeichens der Aberration
während der Akkommodation ist durch Untersuchungen mit dem Aberroskop
bisher nicht bewiesen worden. Zwar kann man, wie ich selbst konstatiert
habe, beobachten, daß die Krümmung der Schattenlinien während der Akkommo-
dation abnimmt. Eine solche Veränderung muß aber teils durch die Ver-
schiebung des vor der Netzhaut liegenden Bildes des leuchtenden Punktes ein-
treten, und kann teils auch durch die Veränderung der nicht von dem
Aberrationswerte abhängigen Komponente des Distorsionswertes zustande kommen.
Dazu, daß eine Veränderung der Aberration während der Akkommodation
konstatiert werde, ist es unumgänglich nötig, daß man zuerst bei emmetropischer
Refraktion, die nötigenfalls durch Korrektion zu erzielen ist, auf oben an-
gegebene Weise die positive Aberration konstatiere, dann bei Vorsetzen von
immer stärkeren Konkavgläsern, bzw. bei entsprechender Änderung der früheren
Korrektion akkommodieren lasse, wobei das Aberroskop unmittelbar vor das
Korrektionsglas gehalten wird. Erst wenn bei der Akkommodation mit dieser
Versuchsanordnung successive zuerst nach dem Zentrum zu konvexe Schatten-
linien, dann der Lichtpunkt und schließlich entgegengesetzt gekrümmte Schatten-
linien sichtbar würden — alles mit einer und derselben Korrektion und ohne
Änderung des Abstandes des Aberroskopes vom Auge —, erst dann wäre durch
die Untersuchung mit dem Aberroskop bewiesen, daß die normale positive
Aberration während der Akkommodation negativ wird. Ein solcher Beweis ist
aber trotz der Publikation der nötigen Versuchsanordnung! nicht erbracht worden.
Auch durch einen Versuch mit dem leuchtenden Punkte glaubt TSCHERNING
eine Änderung des Vorzeichens der Aberration während der Akkommodation
bewiesen zu haben, indem er das Aussehen des Zerstreuungskreises vergleicht,
je nachdem das Auge durch Akkommodation bzw. durch eine entsprechende
Konvexbrille myopisch gemacht wird, und im ersteren Falle eine zur Be-
grenzungslinie parallele, periphere, helle Linie findet. Zufolge der durch die
„Faltenbildungen“ bedingten Beschaffenheit der kaustischen Fläche ist es aber
mathematisch unmöglich, daß eine negative Aberration einen Zerstreuungskreis
von dem von ÜsScHerninG gezeichneten Aussehen verursachen könnte, sondern
es müßte eine zackige Schnittlinie der kaustischen Fläche auf dieselbe Weise
hinter dem axialen Fokalpunkte gefunden werden, wie sie im nicht akkommo-
dierenden Auge vor diesem Punkte vorhanden ist, was unter anderem schon
aus dem Aussehen des bei dilatierter Pupille sichtbaren umgebogenen Teiles
der kaustischen Fläche hervorgeht. Dagegen kann man, wie oben erwähnt
wurde, durch Nachahmen nicht nur der akkommodativen Refraktionsänderung,
sondern auch der begleitenden Pupillenkontraktion, indem die Konvexlinse mit
einem entsprechend kleinen Loche kombiniert wird, dasselbe Aussehen der Zer-
streuungskreise erhalten wie bei der Akkommodation. Dem mit den Er-
scheinungen der Diffraktion Vertrauten ist es sofort durch die zwischen der
1 aa. 0. Arch. f. Ophth. LII, 2. 1901. 8 239.
374 Die Dioptrik des Auges. [6.
Begrenzungslinie und der hellen Zone sichtbare, dunklere Linie klar, daß es
sich eben um eine Diffraktionserscheinung handelt. Dieser Versuch dürfte
dasselbe in allgemein verständlicher Weise illustrieren. Wie oben dargelegt
wurde, ergibt die subjektive Stigmatoskopie, als wissenschaftliche Methode an-
gewendet, eine positive Aberration innerhalb der optischen Zone auch bei
kräftigster Akkommodation. Es folgt hieraus, daß die akkommodative Pupillen-
verengerung nicht den Zweck haben kann, die Wirkung der Aberration zu
verringern, da diese schon bei Akkommodationsruhe unschädlich ist, bei der
Akkommodation aber ohnehin abnimmt. U
Die skiaskopische Untersuchung lehrt, daß in manchen Fällen eine Änderung
des Vorzeichens der peripheren Totalaberration bei der Akkommodation eintritt.
Obwohl dieses Ergebnis wegen der der skiaskopischen Untersuchung anhaftenden
Fehlerquellen nicht als einwandfrei bezeichnet werden darf, so scheint es doch,
wenn es bestätigt wird, ein Ausdruck für die durch die akkommodative Form-
veränderung der Kernlinse resultierende Änderung der Aberration zu sein, indem
dieselbe wahrscheinlich von entsprechenden Änderungen der Differentialquotienten
höherer Ordnung der Indizialgleichung begleitet sein muß, welche die periphere
Totalaberration beeintlussen,
Da bei der Akkommodation die Asymmetrienwerte längs der Visierlinie
und somit auch die Neigung des zentralen Strahles zur Visierlinie geändert
werden können, obwohl sich diese Änderung nicht berechnen läßt, und da der
zentrale Strahl allein für die Richtung der Augenachse maßgebend ist, indem
derselbe bei Berücksichtigung der monochromatischen Aberrationen die Rolle
spielt, welche, wenn dieselben außer acht gelassen werden, der Visierlinie
zukommt, so ist es einleuchtend, daß hierdurch eine akkommodative
Richtungsänderung der Augenachse — wie sie tatsächlich beobachtet
wird — verursacht werden kann.
Die Worte Hermnorzz', daß die im Auge vorkommenden monochromatischen
Aberrationen von einer Art sind, wie sie bei gut gearbeiteten optischen Instru-
menten nicht vorkommen darf, verleiten einerseits zu der Annahme, das Auge
sei ein schlecht gebautes optisches Instrument — was HeLmHOLTZ nicht gesagt
und ganz sicher auch nicht gemeint hat —, fordern aber anderseits zu der
Untersuchung auf, ob diese Aberrationen zweckdienlich seien, und welchem
Zwecke dieselben wohl dienen mögen. Zunächst ist dabei zu berücksichtigen,
daß, wie Hermuourz hervorgehoben hat, der physikalischen Bildschärfe durch
die Diffraktion eine Grenze gesetzt ist.
Die Beugungserscheinungen des Lichtes bieten äußerst komplizierte mathe-
matische Probleme dar, welche nur in speziellen Fällen mit hinreichender
Exaktheit gelöst worden sind. Hierher gehören die sogenannten FRAUNHOFER-
schen Beugungserscheinungen beim Durchgange des Lichtes durch eine runde
Öffnung, bei welchen vorausgesetzt wird, daß sowohl Lichtquelle wie Schirm-
ebene unendlich weit von der Öffnung entfernt sind. Letztere Bedingung wird
dadurch erfüllt, daß hinter derselben ein optisches System aufgestellt wird,
dessen Brennebene als Schirmebene dient. Ein leuchtender Punkt wird unter
‚diesen Bedingungen als eine helle von abwechselnd hellen und dunklen Ringen
umgebene Scheibe abgebildet. Die Grenze der zentralen hellen Scheibe, in
welcher die Helligkeit nach dem Rande zu abnimmt, liegt am ersten, durch den
kleinsten dunklen Ring repräsentierten Lichtminimum. Wird der Winkelabstand
dieses Minimums von der Achse mit p bezeichnet, so ist
GJ i Die Diffraktion am Rande der Pupille. 875
A
IR’
wo A die Wellenlänge, R den Radius der Öffnung darstellt. Bei der Kleinheit
des Winkels ist derselbe mit hinreichender Genauigkeit dem Sinus proportional,
und hat man somit, wenn in Minuten gerechnet wird,
ew E EE
r= -R ` 0,00058’
welcher Ausdruck für Licht von der Wellenlänge 0,00058 mm die Form
1,22’
R
annimmt, wo R in Millimetern zu rechnen ist. Die Winkelausdehnung der in
die unendlich ferne Objektebene projizierten zentralen hellen Scheibe ist nach
dem oben Gesagten gleich 24. Wegen der nach dem Rande zu abnehmenden
Helligkeit derselben ist es aber, damit zwei Punkte getrennt sichtbar seien,
nicht nötig, daß dieselben um diese Winkeldistanz voneinander abstehen,
sondern man sieht schätzungsweise die Hälfte für genügend an und läßt
konventionell den Winkel p das Auflösungsvermögen des Instrumentes be-
zeichnen. Die Strahlenbrechung in dem hinter der ÖOflnung befindlichen
optischen Instrumente mag beliebig verbessert, das in der Brennebene ent-
worfene Bild beliebig vergrößert werden, die Grenze der Leistung wird doch
von dem davon unabhängigen Auflösungsvermögen bestimmt,
Diese Berechnung ist ohne weiteres auf alle für unendliche Ferne ein-
gestellten optischen Systeme anwendbar, wenn die Blende vor der vordersten
brechenden Fläche liegt oder mit der Fassung derselben zusammenfällt, gilt
somit auch für das reduzierte Auge, wo die Pupille mit der brechenden Fläche
zusammenfällt. Im menschlichen Auge, wo die Pupille hinter der Hornhaut
liegt, kann man nur dadurch einen approximativen Wert des Auflösungs-
vermögens erhalten, daß in die Formel der Radius der vor dem Auge liegenden
Eintrittspupille eingesetzt wird, wobei ohne weiteres verständlich ist, daß 2 die
Wellenlänge in Luft angibt, und daß der Brechungsindex von Kammerwasser
und Glaskörper ohne Einfluß ist, da ja eine objektseitige Projektion dem Werte
von e zugrunde liegt: Dies wird auch richtig von Scuuster! und GLEICHEN ®
angegeben, während sowohl Drupe® wie Pockers* der Berechnung die Wellen-
länge in Kammerwasser und Glaskörper zugrunde legen. Letzterer rechnet mit
Licht von der Wellenlänge 0,00057 mm, wobei 2y = e . 144” wird. Die $. 168
von Hermuorrz angegebene Formel ist für das reduzierte Auge gültig, und man
hat nur in derselben
sing = 1,22
p =
2p à 2R für bzw. = nl d
einzusetzen, um die oben angegebene zu erhalten. Da die Formel nicht die
objektseitige Winkelgröße der scheinbaren hellen Fläche, sondern die Größe
derselben auf der Netzhaut angibt, muß dieselbe den Brechungsindex enthalten,
! Auruun Schuster, An introduction to the theory of opties. London 1904.
® A. Gueicnen, Einführung in die medizinische Optik. Leipzig 1904.
3 Paur Drupe, Lehrbuch der Optik. Leipzig 1906,
* A. Wınkersans, Handbuch der Physik. 2. Aufl. 6. Bd. Leipzig 1906. S. 1075,
876 Die Dioptrik des Auges. IG.
was durch Anwendung der Wellenlänge im brechenden Medium stattfindet.
Heanotorz hat zwar nun die Scheibengröße auf der Netzhaut unter Anwendung
von 4 =} statt A ss nl berechnet, dafür hat er aber bei der Berechnung der
objektseitigen Winkelgröße, wie aus den Zahlen hervorgeht, 24 = ZS statt
nö
r
nur ein Versehen beim Niederschreiben der Rechnung vorgelegen hat. Zu dem
Resultate von Drupe und Pockers gelangt man, wenn man in der Formel
von HerLmnoutz die Wellenlänge des Lichtes im brechenden Medium einführt,
ohne zu berücksichtigen, daß bei der objektseitigen Projektion des Netzhaut-
bildes der hellen Scheibe der Brechungsindex wieder angewendet werden muß.
Für das Auflösungsvermögen des Auges ist somit die allgemeine
Formel anzuwenden. Dieselbe ergibt bei einer Eintrittspupille von 2 mm
Durchmesser für gelbes Licht von der Wellenlänge 0,00058 mm einen Winkel
von 1,22 Minuten, für blaugrünes Licht von der Wellenlänge 0,0005 mm
1,05 Minuten, während ein ferner leuchtender Punkt die doppelte scheinbare
Winkelgröße hat. Der das Auflösungsvermögen angebende Winkel ist der
Wellenlänge direkt, dem Durchmesser der Eintrittspupille umgekehrt proportional.
Bei einer Eintrittspupille von 3 mm Durchmesser ist derselbe somit 0,82 bzw.
0,7 Minuten. Wegen der Lichtverteilung im Sonnenspektrum und noch mehr
in den Spektren der künstlichen Lichtquellen ist erstere Zahl die für einen
Vergleich mit der Sehschärfe des Auges anwendbarere. Zieht man bei diesem
Vergleich in Betracht, daß wegen der konventionellen Definition des Auflösungs-
vermögens dieses eher durch ein zu kleines als durch ein zu großes Winkelmaß
angegeben wird, so gelangt man zu dem Resultat, daß die durch die
Diffraktion gesetzte Grenze der Leistungsfüähigkeit des Auges,
soweit dieselbe berechnet werden kann, bei der einer guten Be-
leuchtung entsprechenden Pupillengröße von der Sehschärfe des
normalen Auges erreicht wird.
Hieraus folgt wiederum, daß die vorhandenen komplizierten Aberrationen
höherer Ordnung sowie die erstaunlich große positive Aberration innerhalb der
optischen Zone die Schärfe des Sehens bei der betreffenden Pupillengröße nicht
beeinträchtigen. Die Dioptrik der Kristallinse hat aber gelehrt, daß erstere
Aberration ausschließlich, letztere zum großen Teil davon herrühren, daß die
Linse aus einem heterogenen Medium besteht. Der große Vorteil eines solchen
Mediums ist die bei der Akkommodation eintretende Erhöhung des Totalindex,
welche eine im Verhältnis zur Formveränderung disproportionierlich große und
bei homogenen Medien caeteris paribus unerreichbare Änderung der optischen
Einstellung bezeichnet. Da somit die monochromatischen Aberrationen die zum
Erreichen dieses Vorteiles notwendige Verschlechterung der Strahlenvereinigung
darstellen, durch diese Verschlechterung aber die Bildschärfe bei guter Be-
leuchtung nicht unterhalb der durch die Diffraktion gesetzten Grenze der
Leistungsfühigkeit des Auges herabgedrückt worden ist, so sind auch die mono-
chromatischen Aberrationen ein Zeugnis der Vollkommenheit, wenn in einem
optischen Instrumente diese überhaupt darin gesehen wird, daß die Strahlen-
vereinigung eben die Güte hat, welche zur Erreichung der größten ausnutzbaren
Bildschürfe erforderlich ist, eine überschüssige Güte derselben aber zugunsten
eines anderen Zweckes geopfert wird.
2p = gesetzt, so daß das Endresultat der Rechnung richtig ist und offenbar
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